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Full text of "Zeitschrift für französische Sprache und Literatur"

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Zeitschrift 


für 


französiscliß  Spraclie  unl  litteratur 


begründet  von 


Dr.  G.  Koerting         und       Dr.  E.  Koschwitz 

Professor  a.  d.  Universität  z,  Kiel  weil.  Professor  a.  d.  ünivers.  z.  Königsberg  L  Pr. 


herausgegeben 


von 


Dr.  D.  Behrens, 

Professor  an  der  Universität  zu  Giessen. 


Band  XXXIX. 


Chemnitz  und  Leipzig. 

Verlag    von    Wilhelm    Gronau. 
1912. 


Alle    Rechte    vorbehalten. 


-Ta. 


Zeitschrift 


für 


französisctie  Spraclie  ui  Litteratur 


begründet  von 


Dr.  G.  Koerting         und       Dr.  E.  Koschwitz 

Professor  a.  d.  UniTersität  z.  Kiel  weil.  Professor  a.  d.  Unirers.  z.  Königsberg  i,  Pr. 


herausgegeben 
von 

Dr.  D.  Behrens, 

Professor  an  der  Universität  zu  Giessea. 


Band  XXXIX. 

Abhandlungen. 


4/ 


Chemnitz  und  Leipzig. 

Verlag   von    Wilhelm    Gronau. 
1912. 


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INHALT. 


Abhandlungen.  g^.^^ 

Bauer,  C.    Eine  unbekannte  Handschrift  der  „Pucelle  d'Orleans" 

'von  Voltaire •    •    •    • -^* 

Benedetto,  L.  F.     L'architecture  des  „Fleurs  du  Mai is> 

Cohn,  G.    Zur  Vengeance  Raguidel j]^ 

Foerster    W .    Zu  Zeitschrift  XXXVIIP,  S.  259 132 

Glaser    K.     Beiträge   zur    Geschichte   der   politischen    Literatur 
'Frankreichs  in  der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts. 

Dritter  Teil:  Die  politischen  Theorien      183 

Kalepky    Th.     Syntaktisches.     I :  Tous  les  deux  und  tous  deux     111 

Syntaktisches    (Fortsetzung):    IL    Pas    plus    qu'un    und 

Verwandtes      jTr" 

Schneegans,  H.    Gustav  Gröber      •    • ll-; 

Schulze,  A.     Textkritisches  zum  Chevalier  au  banse!   .....      lOU 
Tavernier,    W .     Beiträge    zur    Rolandsforschung    III.    Turoldus 

(2.  Fortsetzung)      •'   ,*    ' 

Vising,    J.     Die    E-Laute    im    Reime    der    anglonorniannisclien 

Dichter  des  XII.  Jahrhunderts 1 


Die  E-Laiite 

im  Reime  der  anglonormannischen  Dichter 

des  XII.  Jahrhunderts. 


Die  Gedichte,  die  ich  untersucht  habe,  sind  die  folgenden. 
Ich  führe  sie,  soweit  möglich,  chronologisch  auf.  Bekanntlich  ist 
aber  die  Datierung  der  anglonormannischen  Texte  in  den  meisten 
Fällen  sehr  schwierig  und  unsicher,  und  die  hier  gegebene  kann 
sehr  leicht  hie  und  da  um  Jahrzehnte  fehlschlagen. 

Brandans  Reise,  ed.  Suchier  in  Rom.  Stud.  I;  um  1122  (zitiert 
nacli  Suchiers  Verszählung); 

PhiUpp  de  Thauns  Computus,  ed.  Mall;  Bestiarius,  ed.  Walberg; 
Lapidarius,  ed.  P.  Meyer,  Rom.  XXXVIII,  496  ff.  (und  teilweise 
Walberg  als  Fortsetzung  des  Bestiarius);   1119 — 35; 

Elie  de  Winchestres  Afaitement  Catun,  ed.  Stengel  (Ausg.  u.  Abh. 
XLVII,   Anh.);    1130—40; 

Lai  du  Cor,  ed.  Dörner;  um  1140; 

Lai  d'Haveloc,  ed.  Trice  Martin  (im  Gaimar);  um  1140; 

Streit  zwischen  Körper  und  Seele,  ed.  Varnhagen  in  Erlanger  Beitr. 
zur  Engl.  Phil.     1.  Heft,  S.  121  ff.  (Hdss.  C,  H);  1140—50; 

Pauli  Vision,  von  Adam  de  Ros,  ed.  Kastner,  ZfrSL.  XXIX; 
1140—50; 

Samson  de  Nantuils  Proverhia  Salomonis,  deren  Lautstand  ich 
nur  durch  eine  Abhandlung  von  Fräulein  Sophie  Hilgers  (Halle  1910) 
kenne;  um   1150; 

Vie  de  Sie  Catherine,  ed.   Jarnik;  um  1150; 

Gaimars  Estorie  des  Engles,  ed.  Trice  Martin  (der  Epilog  von 
283  V.,  S.  278—89,  ist  nicht  mitberücksichtigt,  da  er  wahrscheinlich 
von  anderer  Hand  stammt);  um  1150; 

Das  Adamsspiel,  ed.   Grass;   1150 — 60; 

Vie  de  St.  Edmond,  von  Denis  Piramus,  ed.  Ravenel  1906  und 
I-ord  Hervey  1907;   1150—60; 

Lai  du  desirc,  ed.  Fr.  Michel  [Lais  inedits,  1836);  um   1160; 

Adgars  Marienlegenden,  ed.  Neuhaus  (1886)  und  Ilorbort  in  Rom. 
XXXII;  um   1160; 

Sardenaiwunder,  ed.  Ravnaud,  Rom.  XI  (vgl.  Rom.  XI\',  82: 
XV,  354);  um   1160; 

Der  Schweifreimpsalter  der  Hds.  Ilarley  4070,  dessen  Lautstanil 
ich  hauptsächlich  durch  eine  Dissertation  von  Goedicke  (Halle  1910) 
kenne,  da  die  spärlichen  bis  jetzt  veröffentlichten  Auszüge  zu  kurz 
sind;  um  1160; 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX'/".  1 


4  ./oh  an    Vising. 

seiet  :  bei,  Milun  115,  :  damiael,  Diics  de  Norm.  14652,  14694; 
—  :bel,  Adgar,  Nouh.  17,  895,  :  novel,  ibid.  18,  81; 

Chastele  :  sele,  Thdbes  4559,  Ille  et  Gal.  2203,  :  enchantele, 
Saisnes  2280  [:  buele,  Hörn  3316]; 

recel  sowohl  mit  e  als  mit  '<;  mit  e  :  mel,  Fergus  3156;  — 
:  met,  Samson  (Ililgors,  S.  10),  :  net,  Adgar,  Nouh.  32,  227; 

mit  ^:  forez,  Duos  de  Norm.  12855,  :  fet,  Mcraugis  3439, 
Veng.  Rag.  3349; 

prest;  melircrc  Reime  sowohl  mit  e  als  mit  ?  bei  Stock, 
Rom.  Stud.  III,  451;  —  mit  e,  z.  B.  nete,  Samson  (Hilgers,  S.  10) 
[vgl.  Sl.  Edmond29il,  Ipom.  7231];  —  mit  ?,  z.  B.  est,  Ehe  77, 
Haveloc  529; 

Zu  dieser  Liste  Suchicrs,  wovon  ich  nur  cercle  ausgeschlossen 
liabe,  weil  ich  keine  anglonormannischen  Reime  daran  finde, 
füge  ich  noch 

arbaleste,  mit  e  und  ^:  mit  e,  z.  B.  :  saiete,  Troie  28889,  :  cesle 
(<  eccista),  IlleetGal.  5617  [: galeste,  Brand.  1115  unsicher];  mit  ^: 
teste,  Guerre  s.  6475; 

clerc  finde  ich  nur  mit  <<  reimend:  clers  :  iiairs,  Elie,  Ars 
Amat.  V.  191;  —  :  fers,  St.  Gilles  2241,  :  i>ers,  Rom.  de  phil.  1657. 

Es  ergibt  sich  also,  daß  ursprüngliches  -et,  -ele  dem  gewöhn- 
licheren -^l,  -Üe  gewichen  ist.  Auch  z.  B.  chaeles  (<  cavillas) 
reimt  nur  mit  §,  z.  B.:  novieles,  Fergus  2609,  ebenso  Tadele. 
z,  B.:  Äc/e,  t6t(/.  6855.  Ausnahmen  machen  nur  die  Prononima 
el,  cel  und  chevel,  dessen  gewöhnlichere  Pluralform  cheveus  vor 
Übergang  in  -?/,  -eaiis  geschützt  hat.  Es  ergibt  sich  auch,  daß 
eine  Verschiebung  c  >  ?  unter  Einfluß  von  Konsonantgruppen 
früh  stattfindet;  vgl.  c^rne  (circle),  arbaleste,  cl<irc  oder  clOs. 

Unter  den  anglonormannischen  Dichtern  gibt  es  wie  unter 
den  kontinentalfranzösischen  einige,  die  e  und  ?  gesondert  halten 
(a),  andere,  die  diese  Laute  im  Reime  binden  (b.).  In  mehreren 
Gedichten  sind  die  Reimwörter  mit  e  so  gering  an  Zahl,  daß 
sie  kein  sicheres  Resultat  für  die  Behandlung  dieses  Vokales 
gestatten.     Diese  werden  daher  hier  nicht  aufgeführt. 

a.    Die  Laute  e  und  ^im  Reime  getrennt. 

Philipp  de  Thaun  hat  27  Reime  ?  :  c  und  etwa  140 
g  :  ^;  unter  diesen  alectores  :  Crotoniates,  Rom.  XXXVIII,  S.  499, 
V.  107,  und  einige  e  :  ai,  wie  Silvestre  :  maistre.  Comp.  485,  beste 
:  paistre,  Best.  583.  Er  hat  aber  keinen  sicheren  Reim  f  :  ?. 
Der  Reim  est  :  met,  Best.  881,  in  2  Hdss.,  ist  kaum  annehmbar 
(s.  Walberg),  und  die  Assonanz  met  :  bec,  ibid.  1791,  ist,  wie  ich 
anderswo  [Romania,  Oct.  1911)  gezeigt  habe,  sicher  gegen  met 
:  bechet  zu  vertauschen. 

Samson  reimt,  soweit  ich  aus  Fräulein  Hilgers'  Abhand- 
lung, S.  10,  ersehe,  nur  e  :  e,  ^  :  ^.    Zu  jenen  Reimen  gehört  auch 


Die  E-Laute  im  Reime  der  anglonormannischen  Dichter.      5 

ganz  regelmäßig  get  :  met  (vgl,   Suchier,    Voy.  ton.,   S.   37)   und 
recet  :  met  . 

G  a  i  m  a  r  hat  über  40  Reime  bezw.  Assonanzen  e  :  e  und 
ungefähr  150  ?  :  ?,  darunter  einige  mit  urspr.  ai,  z.  B.  Roucestre 
:  mestre  1067.  Bemerkenswert  unter  seinen  Reimen  e  :  ?  sind 
mehrere  Namen  auf  -et,  -ete,  z.  B.  Edelret  :  Chenret  1565,  Cudret 
:  lasset  2223,  Somersete  :  Dorsete  3875,  usw.,  die  auf  me.  Wörter 
mit  e  zurückgehen;  vgl.  auch  Tanez  :  vallez  2561,  Edelret  :  varlet 
4077,  4517,  :  petitet  4201,  mette  :  Somersete  4005  usw.  Weiter 
eus  :  cheveus  (geschr.  eis,  chevols)  6354,  :  mes  ("Gerichte")  5991; 
flete  (me.  ilUe)  :  ceste  (eccista)  2569;  das  gelehrte  regne  (lat. 
regnii):  baptesme  957  (sonst  reimt  regne  nur  auf  nasaliertes  e, 
z.  B.  Mercenne  1211,  femme  3601,  ensemble  1971);  Belesme  :  e,swe 
•5877;  Pohl  führt  diesen  Reim  aus  Wace  unter  (■  :§  auf  {Rom. 
Forsch.  II,  549)  und  Suchier  hat  ad^sme,  Voy.  ton.  34,  jedoch  ohne 
Beleg.  Ich  finde  aber  nur  esme  :  e,  z.  B.:  acesme,  meesme  Troie 
29431,  :  Thdhes  5713,  Ducs  de  Norm.  29101,  :  giiaresme,  Guerre  s. 
1111,  4401,  8267,  usw.;  Meyer-Lübke  setzt  esme  an,  ebenfalls  ohne 
Beleg  {Rom.  Gr.  I,  §  291).    In  V.  4421  f.  lese  ich  Vasiette  :  saiette. 

Bemerkenswerte  Reime  <?  :  <,'  bei  Gaimar  sind  comete  :  pro- 
phete  1433,  5145,  esneches  (geschr.  esnerhes)  :  hreches  5459,  ob- 
wohl breches,  das  auch  in  Philipps  Best.  115  vorkommt,  dunkel 
ist  ("Flußmündungen"  ?),  und  pres  :  portices  1757,  wo  portices 
ein  eigentümhcher  Latinismus  ist.  Bei  Gaimars  freier  Behandlung 
von  Eigennamen  ist  es  nicht  befremdend,  daß  er  Argentele  :  bele 
531,   :  riiele  541  reimt  gegenüber  Argentille  :  jille  65,  83. 

A  d  g  a  r  hat  10  Reime  ?  :  e  und  etwa  100  c^  :  ^  [arfe^  :  jides, 
Rom.  XXXII,  S.  419,  V.  69,  ist  vermutlich  nicht  von  Adgar; 
vgl.  unten  S.  16].  Zu  bemerken  peche  :  aseche,  Neuh.  32,  5,  und 
recet  :  net,  ibid.  32,  227;  beide  e  :  c;  wegen  peche,  s.  Fo?/.  ton.  43. 

A  m  a  d.  et  Yd.  hat  5  Reime  c'.c,  8  ?  :  <2,  darunter  3  e  :  rti, 
wie  apres  :  e^/es  (eslais)  I,  45. 

D  o  n  n  e  i  hat  4  Reime  e  :  c,  21  ?  :  €,  darunter  mestre  :  e^/rr 
1027.  Als  einen  fünften  Reim  c  :  c  darf  man  den  Reim  905, 
den  G.  Paris  nicht  versteht,  ansehen;  ich  vermute  nämlich, 
daß  zu  lesen  ist: 

A  wandle  fall  guandichet; 
Ou  la  trova  illiiec  la  mcl, 
wo  dem  wandie  guandichet   gegenübergestellt   wird,  als  rin  zu- 
fälliges Deminutiv  davon;  vgl.  das  zufällige  Deminutiv  eschaudet 
V.  800. 

St.  Gilles  hat  6  c  :  e,  92  ?  :  ?,  darunter  Israel  :  batel  3597, 
Daniel  :  apel  3601  und  eimes  :  pesmes  959,  da  eimes  =  esmes 
{<  esumus).  Bemerkenswert  sind  foreste  :  geneste  1251,  wie  bei 
Wace,  s.  Pohl,  Rom.  Forsch.  II,  547;  ferner  clers  (clericos)  :  fers 
iferos)  2241,  wo  wenigstens  nicht,  wit>  G.  Paris.  Introd.  XXN'IIl, 
will,  e  :  c  vorliegt. 


6  Johan   Vising. 

In  S  i  111  u  n  (1  s  Gedichten  gibt  es  21  sichere  Reime  auf  e 
und  78  auf  f ;  unter  jenen  lecke  :  teche,  Rom.  de  phil.  109,  und 
creche  :  teche,  St.  G.  295,  397;  vgl.  teche  :  seche,  Guerre  s.  lOGll; 
weiter  der  Reim  St.  G. 

\.  1324  "Sachez^"  fait,  "quc  Den  meesme 

Pur  mei  vus  cnveie  haptesme," 

den  Matzke,  weil  die  Hds.  me  eime  liat,  mißverstand,  su  daß  er 
in  eime  eine  Verbform  sah;  wenigstens  gibt  die  Interpunktion 
dies  an. 

Zweifelhaft  sind  folgende  Reime:  perche  (Bartsch)  :  cerche, 
Rom.  de  phil.  1131,  weil  ich  die  Quahtät  des  e  von  perche  nicht 
kenne  (das  griechische  e  wird  oft  zu  «,  nach  Glaussen,  Rom.  F. 
XV,  853);  chevesU'e  :  destre,  St.G.  1615,  wo  cheveslre  infolge  der 
schweren  Konsonanz  früh  ?  angenommen  haben  kann;  vgl.  it. 
capestro  neben  capestro. 

Der  von  Matzke  eingeführte  Reim:  peonef  :  ireit,  St.  G.  1104, 
ist  völlig  unannehmbar. 

Die  R  e  i  m  p  r  e  d  i  g  t  hat  3  Reime  ß  :  «,  10  f  :  ?,  unter 
diesen  ^  '.  ai  28  d. 

Unter  den  Fabliaux  hat  L  e  Chevalier  q  u  i  f  i  s  t 
3  Reime  «  :  e,  5  g  :  €;  die  übrigen  nichts  von  Belang. 

E  V  r  a  r  t:  4  Reime  «  :  «,  23  ?  :  §,  darunter  11  ?  :  cd. 

b.    B  i  n  d  u  n  g  e  n  ?  :  <?. 

ß  r  a  n  d  a  n  hat  zwar  3  reine  Reime  f  :  ?,  41  ?  :  ?,  aber 
auch  einige  Bindungen  ß  :  f,  nämlich  eis,  eals  (<  illos)  :  oisals 
577,  '.heals  1627,  :  iuuencecds  1729;  dann  auch  mes  {<  missii) 
:  les  (<  illos)  405,  701,  da  man  in  les  ?  ansetzen  dürfte,  wie  schon 
ten  Brink,  Dauer  und  Klang,  S.  28,  vermutete;  vgl.  auch  apres 
:  les,  St.  Laurent  201  {jes  (<  jasce):  les  Rev.  d.  1.  r.  LIII,  S.  341). 

Über  arbaleste  :  galeste  1151,  s.  oben  S.  4;  galeste  ist  offen- 
bar nach  den  Hdss.  die  richtige  Lesart,  sie  dürfte  eine  Neben- 
form zu  galete,  galet  sein. 

Den  Reim  der  V.  801  f.  will  Galmund  als  pluniel  :  betumet 
lesen,  also  e  :  c;  es  ist  vielmehr  als  l'umeit  (<  humectu)  :  betumeil 
aufzufassen. 

Ste.  Gatherine  hat  neben  7  Reimen  e  :  e  und  34  ?  : 
(darunter  e  :  ai  937)   nur  ceste   (<  eccista)  :  requeste   1603.     Die 
Tendenz  ?  und  e  zu  scheiden  ist  also  sichtbar. 

St.  E  d  m  0  n  d  hat  10  Reime  e  :  e  und  etwa  10  e  :  ^,  dar- 
unter prophete  :  discrete  2735  (s.  Suchier,  Voy.  ton.  34),  matere 
:  artere  2709  (s.  ibid.  44),  und  vermutlich  esneke  :  desharneske  1375. 
Daneben  folgende  Ausnahmen  conqueste  :  ceste  (<  eccista)  1987, 
iet  (<  iactu)  :  net  661. 


Die  E-Laute  im   Reime  der  anglonormannischen   Dichter.      7 

Im  S  c  h  w  e  i  f  r  e  i  m  p  s  a  1 1  e  r  kommt,  nach  Goedicke 
S.  15,  eis  zweimal  im  Reime  mit  <ils  vor  (:  avels,  :  ignels);  sonst 
nichts  zu  bemerken. 

Im  Ipomedon  zähle  ich  45  Reime  e  :  e,  286  ^  :  ?,  dar- 
unter 26  §  :  ai  {mestre  :  estre  705  usw.).  Daneben  cest  :  est  5407, 
9215.  Im  Protheselaüs  ist,  nach  Kluckow,  das  Verhält- 
nis ebendasselbe:  neben  einer  Menge  reiner  Reime  auf  e  oder 
auf  ^  wenigstens  einmal  cest  -.forest  (S.  16  ff.). 

Fantosme  hat  keine  laisse  auf  e,  wohl  aber  zwölf  auf  ? 
(mit  ai  untermischt).  In  einer  dieser  laisses,  CXCIII,  findet 
sich  eis  (in  einer  Hds.  aus)  mit  (e)aus  gebunden  (V.  1836). 

Ebenso  wird  in  der  Bibl.  Gesch.  nach  Baker,  S.  42,  46, 
eis  mit  criminals,  chevals  gebunden;  chevaus  :  aus,  Rom.  X\\, 
S.  192,  V.  337;  cels  :  beals,  Baker  S.  46. 

S  t  e.  0  s  i  t  h  hat  einen  Reim  e  :  e  (V.  15)  und  20  f  :  ?; 
daneben  est  :  icest  543,  729. 

Anonymus:  6  e  :  e,  7  ?  :  ?,  wovon  6  e  :  ai.  Er  bindet 
doch  auch  iceus  :  iueus  (joyaux)  41. 

G  h  a  r  d  r  y  hat  8  Reime  e  :  e,  123  ?  :  ?;  aber  daneben  vaslet 
:  ret  (von  reter),  Plet  107,  :  plest,  ibid.  287;  ele  :  gravele.  ibid.  1191. 
Es  ist  bemerkenswert,  daß  diese  sämtlichen  Ausnahmen  im  Petit 
Plet  vorkommen.     Über  tolet  :  deget,  Jos.  285,  s.  unten  S.   16. 

Die  Bindung  ß  :  ß  trifft  also  vornehmUch  die  Endung  -e^,  -ele 
und  Wörter  mit  schwerer  Konsonanz,  wie  chevestre,  ceste.  Es  ist 
doch  wahrscheinlich,  daß  allmählich  alle  e  vor  Konsonant  zu  K 
übergegangen  sind,  so  daß  man  schließlich  auch  vaslet  in  Bindung 
mit  €  bei  Chardry  antrifft;  vgl.  Schwan-Behrens  §  211. 

Wir  werden  bald  sehen,  daß  auch  el  <  al  früh  mit  ?/  ge- 
bunden wurde ;  es  gibt  alsdann  im  Angionorm,  nur  ein  einziges 
el,  nämlicli  ?/.  Vor  Kons,  war  dies  ej  zuerst  ?/,  so  die  Reime  eis: 
oisals  usw.  im  Rrandan  ;  später  edl  und  eäu,  da  im  Streit 
(Hds.  G)  403  und  Pauli  Vision  269  veautre  (Vai-.  peautre)  mit 
autre  reimt  und  da  bei  Fantosme  und  in  der  Bibl.  Gesch.  eis 
mit  als,  aus  gebunden  wird.  Im  XIV.  Jli.  wird  ein  eus  ge- 
wöhnlich {chasteus  usw.),  das  vermutlicli  südwestfranzösischer 
Herkunft  ist  (Goerhch   S.  53). 

2.    e  <  a  :  ?,  <f,  ue  (und  lat.  e). 

Im  B  r  a  n  d  a  n  keine  Vermengung;  pel  (:  sei)  1404  enthält, 
wie  Galmund  richtig  nachweist,  S.  99,  das  lal.  palu.  7.\\  W- 
nierken  im  übrigen  miserere  :  frere  707. 

Philipp  hat  einige  lateinische  Wörter  und  Wuilftinneii: 
im  Comp,  truve  :  tempore  751,  tempore  :  verti'  2379;  im  Rest, 
numi  :  erechine  779,  furme  :  mle  2295;  ferner  im  Comp.  Cesar: 
guardar  IIb,  vertat  :  suslrairat  3483;  vgl.   Voy.  ton.  41. 

E  1  i  e  hat  die  gelehrte  Form  segrel  im  Reim  mit  ditet 
(<  dictutn)   468;   vgl.  decred,  secred,    Voy.  ton.   40;   ditet  hat   so- 


8  Jo/iiin    Vising. 

wohl  c  als  ie  wie  endiler  iVaij.  ton.  8G)  und    llcirnc  in  Godcfruy 
beweisen. 

Im   Streit  einmal  cl  {<  aliud)  :bel,   \.  297. 

Samson  bindet  catel  :  avel  (Hilgers,  S.  11,  30). 

Gaimar  hat  i-ailels  :  cheveh  2285,  wo  das  aus  den  IV 
Büchern  der  Könige  bekannte  chevel  vorkommt,  das  capu  -\-  ale 
sein  dürfte;  ferner  peitrels  :  maineis  6386  {mainel  :  fussel  6380). 
Im  Reim  pels  (<  palos)  :  toneis  777  sollte  das  letzte  Wort  mit 
Hds.  D  durch  tinels  ersetzt  werden. 

St.  E  d  m  o  n  d  bindet  penser  :  quer  V.  53. 

Tristan:  leele  :  d amisei e  1375,  2393,  nuel  {<  niicale) 
:  ila{>el  1787. 

H  u  e  hat  in  seinen  langen  Gedichten  keine  einzige  Bindung 
e<  a  :c  oder  <<;  vgl.  Mussafia,  Sulla  crilica,  S.  21;  aber  quer 
:  faucer,  Ipom.  821. 

D  0  n  n  e  i  bindet  chanter  :  euer  943. 

St.  Gilles  hat  troi^e  :  Benedicite  2429. 

Bei  G  u  i  s  c  li  a  r  t  kommen  Wörter  wde  pater,  maier.  peccator 
usw.  in  der  Form  paire,  maire,  pechaire  mit  ai  gebunden  vor, 
laisse  XV.  Es  beruht  dies  vermutlich  auf  Einfluß  der  süd- 
westlichen oder  südlichen  Provinzen  Frankreichs,  die  der  eng- 
lischen Krone  eine  Zeitlang  gehörten  und  die  auch  in  anderen 
Fällen  das  Anglonormannische  beeinflußten. 

Hörn  setzt  zweimal  leel  in  laisses  auf  ('/,  V.   1815,  2077. 

Fantosme  zeigt  dieselbe  südfranzösische  Eigentümlich- 
keit wie  Guischart,  nämlich  fraire,  depugnaire,  furmeire  mit  -aire 
gebunden,  V.  28,  29,  1268. 

Simund  sondert  e<a  von  den  zwei  übrigen  e,  auch 
vor  Z;  es  ist  nur  der  Name  Joel,  der  als  Ausnahme  gelten  könnte, 
indem  er  mit  noel  reimt,  St.  G.  1465,  während  solche  Namen 
gewöhnlich  mit  -?Z  reimen;  so  auch  Abel.  Daniel  im  Rom.  de 
phil.  529  und  St.  G.  1413. 

R  e  i  m  p  r  e  d  i  g  t  bindet  quer  :  afubler  62  {quers  :  purvers 
89). 

Die  B  i  b  1.  G  e  s  c  li.,  die  eis  :  criminals  bindet  (s.  oben),  hat 
auch  leaus  :  beals,  :  mals,  Baker  S.  46,  wo  also  nicht  etwa  leels 
:  bels  vorhegt,  sondern  leals  oder  leaus  mit  beals,  mals  oder  beaus, 
maus  reimend;  —  ferner  demander  :  quoer,  Rom.  X\'I,  S.  197, 
V.  509,  lapider  :  quoer,  ibid.  S.  206,  V.  809. 

Ste.   Osith   V.  1109  vesper  :  oster;  vgl.  Voy.  ton.,   S.  49. 

Am.  et  Am.:  bordel  :  ostel  837,  1213;  frere  :  afaire  759; 
demorer  :  quer  S.  168,  V.  134. 

E  V  r  a  r  t  bindet  quer  mit  loer  44.  parier  56,  dmier  145, 
duter  148. 


Die  E-Laute  im  Reime  der  anglonormannisclien    Dichter.      9 

Anonymus  ('e/:  leal  1007,  vermutlich  =  veal  :  leal\  ferner 
amonester  :  quer  51,  quer  :  oster  651. 

Es  ergibt  sich  also,  daß  ziemlich  früh  el  <  al  mit  ?/  zu- 
sammenfällt, wie  dies  noch  früher  cl  tut,  und  daß  etwas  später 
e  <  a  vor  r  zu  ?  wird,  wie  der  Reim  frere  :  afaire  {Am.,  et  Am.) 
und  vermutlich  auch  penser  :  quer  {St.  Edm.  u.  ö.)  angeben; 
vgl.  Voy.  ton.  80.  Dieser  Übergang  wird  auch  durch  die  zahl- 
reichen Reime  iel  :  ?/,  ier  :  ?/-,  die  wir  unten,  4,  finden 
werden,  bestätigt.  Wie  verhält  sich  e  <  a  vor  andern  Konso- 
nanten ?  Vermutlich  ist  es  auch  in  dieser  Stellung  ?  geworden, 
wenn  auch  beweisende  Reime  sowohl  im  XII.  Jahrh.  me  später 
selten  sind.  Bei  unsern  Dichtern  finde  ich  nur  decres  :  res 
bei  E  V  r  a  r  t  103  d ;  worüber  weiter  unten,  5.  Vor  flexivi- 
schem  s  oder  z  scheint  der  Übergang  zu  ?,  nach  späteren  Zeug- 
nissen zu  urteilen,  fakultativ  gewesen  zu  sein.  Ich  finde  einer- 
seits im  anglon.  Nikodemus  Evangelium  z.  B.  pes  (<  pace)  :  co- 
mandes  151,  :  issis  1283,  fez  (<  vice)  :  apellez  656,  :  mostrez  677, 
:  verrez  742,  apres  :  remembrez  817  usw.,  aber  dieses  Gedicht  ist 
so  äußerst  nachlässig  gereimt,  daß  diese  Bindungen  für  die  Laut- 
lehre wenig  Wert  haben;  mehr  bedeutet  vielleicht  sachez  :  iames, 
Wadington  5241  (was  jedoch  in  einer  Hds.  geändert  wird).  Auf 
der  andern  Seite  aber  finden  sich  so  viele  reine  Reime  paarweise 
oder  in  laisses  auf  -ez  <  atu  -\-  s,  daß  dies  auf  einen  besonderen 
Lautwert  für  e  in  dieser  Verbindung  deutet,  also  wohl  c.  Den- 
selben Lautwert  mag  auslautendes  e  <  a  haben,  da  es  immer 
mit  sich  selbst  reimt  und  nicht  z.  B.  mit  -ai  gebunden  wird. 
Eine  isolierte  Ausnahme  feray  :  done,  Nikodemus  Ev.  460,  bedeutet 
gegen  die  allgemeine  Regel  nichts;  man  kann  übrigens  feray  je 
vermuten.  Assonanzen  wie  aportes  :  destrer,  crie  :  tenez,  die  im 
anglon.  Bueve  häufig  sind,  z.  B.  V.  98,  179,  bedeuten  auch  nichts, 
da  sie  gewiß  Reste  einer  alten  ^^ersion  sind. 


3.    e  <  a  :  ie. 

Es  gibt  bekannthch  mehrere  Wörter,  die  im  Kontinental- 
französischen sowohl  auf  e  als  auf  ie  reimen.  Suchier  zählt  sif 
auf  Voy.  ton.,  S.  86  f.,  und  gibt  Belege  genug;  vgl.  auch  ibid. 
S.  85.  In  Suchiers  Liste  befinden  sich  auch  aviser  und  deviser. 
Obwohl  sie  in  späteren  Schreibungen  mit  -ier  vorkommen,  finde 
ich  sie  indessen  im  Kontinentalfranzösischen  nur  auf  e  reimend ; 
z.  B.  Aliscans  (Ed.  Guessard  et  Montaiglon)  S.  37,  43,  47,  51, 
73,  77,  78,  128,  147,  149,  154,  166,  175,  189,  209,  211;  aber  ni." 
in  laisses  auf  ie.  Dem  widerspricht  nicht  der  Reim  conreier 
:  deviser,  Ducs  de  Norm.  2219,  der  von  Stock  und  Godefroy 
angeführt  wird,  da  die  ursprüngliche  Form  des  ersten  \'erbs 
bekanntlicli  conreer  ist. 


JO  Johan   Visin<^. 

;i.     Di  (•    L  a  II  t  o  e   ii  n  d   ie  i  in    Heim  o  g  c  t  i-  c  n  n  t. 

B  I'  a  n  (i  a  n  hat  etwas  mehr  als  100  Reim(;  auf  e  <  a  und 
27  ie  :  ie;  nirgends  Vermiscliung.  Es  ist  wahr,  daß  die  Hds.  L 
die  V.  275  f.  so  gibt: 

Genies  od  Vor  fiint  grant  clarte, 
Dun  li  pareit  sunt  enlailel\ 
aber  AO,  deren  übereinstimmende  Lesart  narh  dorn  Handschrifton- 
verhältnis  vorzuziehen  ist,  liaben 

Gemnies  od  Vor  jiinl  grant  clarle, 
Dnn  entaillet  sunt  li  paret  (A:  pareid). 
Dies  ist  auch  den  abweichenden  Lesarten  der  Hdss.  Ars.  und   ^ 
vorzuzielien.     Das  Reimwort  paret  betrachte  ich  als  einen  Lati- 
nismus, wie  segret,  s.  zu  Elie  S.  7.    Man  bemerke,  daß  es  wie  im 
Lat.  mask.  ist,  was  auch  durch  das  metrisch  festgestellte  entaillet 
bekräftigt  wird.     Das   volkstümliche   pareit  ist  wohl   kaum   je 
mask.,   es  sei    denn   in  den  IV  Livres  des  rois,  z.  B.  les  pareiz 
furent  cuverz  (S.  123  Ed.  Curtius),  was  doch  nur  ein  Gegenstück 
zu  plates  d'or  furent  cloufichied,  ibid.  S.  124,  u.  ä.  ist;  auch  luz 
les  poreiz  S.   124,   aber  cele  parei,    ibid.  ii.  ö. 

Bei  Philipp  zähle  ich  800  Reime  auf  e  <  «,  346  ie  :  ie. 
Demgegenüber  bedeuten  ein  paar  Bindungen  e  :  ie  nicht  mehr 
als  solche  zufällige  Reime  bei  Kontinentalnormannen.  Philipp 
muß  zu  denen  gerechnet  werden,  die  e  und  ie  getrennt  halten. 
Seine  Reime  e  :  ie  hat  Suchier,  Voy.  ton.,  S.  88,  verzeichnet: 
notuner  -.mer,  Comp.  303,  Best.  1371,  :  guarder,  ibid.  1933;  mere 
:  merchere,  Comp.  731,  acez  :  i>engez,  Comp.  3409.  Für  notuner 
dürfte  man  doch,  wie  Walberg  vorschlägt,  eine  lat.  Nebenform 
-are  ansetzen;  vgl.  unten  zu  Folie  Tristan.  Es  bleiben  also 
2  Ausnahmen.  Der  Reim  cunfer  :  esclarger,  Comp.  3123,  wird 
durch  CLA  beseitigt,  lies  traitiet  :  esclariet. 

Im  Lapidarius  gibt  es  keinen  einzigen  Reim  e  :  ie; 
denn  in  rejovener  :  eslecer  627  ist  rejovegnier  herzustellen  (vgl. 
Best.  2060,  2120);  und  in  mestier  :  refreider  689  dürfte  refreidier 
gemeint  sein  (vgl.  Guerre  s.,  Glossaire). 

Elie  hat  51  Reime  auf  e  <  a,  24  auf  ie.  Zu  den  ersteren 
ist  deliter  im  Reime  mit  hlasmer  und  estriver.,  V.  399,  704,  zu 
rechnen;  denn  deliter.,  Denominativ  von  delit.,  ist  wie  respiter 
u.  ä.  behandelt  worden,  also  mit  e  und  ie  gebunden;  vgl.  Voy, 
ton.  86;  daher  deliter  :  esgarder,  Aiol  2509  und  ein  ähnliches 
Beispiel  aus  Phil,  de  Mousket  bei  Godefroy. 

Im  C  o  r  36  Reime  auf  e  <  a,  16  auf  ie. 

Im  H  a  V  e  1  0  c  gibt  es  nach  beiden  Hdss.  100  Reime  auf 
c  <  a,  30  auf  ie.     Daneben  bietet  die  Arundelhds.  8  Reime  e  :  ie 
(V.  45,  235,  311,  677,  721,  741,  829,  1059),  die  sämtlich  in  der. 
Cheltenhamer  Hds.  beseitigt  sind.  Es  bleibt  nur  der  Reim  895  f. 


Die  E-Laute  itn  Reime  der  anglonormannischen   Dichter.     11 

Amis,  fet  il,  car  essaiez 

Si  le  com  soner  porrez  (Chelt.:  poez). 

Wenn  man  porriez  liest  und  also  zugleich  einen  vollen  Achtsilber 
herstellt,  ist  auch  dieser  Reim  ie  :  ie. 

In  der  Vision:  30  Reime  auf  e  <  0,  9  auf  ie.  Daneben 
in  Kastners  Text  3  Fälle  e  :  ie,  nämhch  V.  186,  314,  316,  die  aber 
alle  mit  Hilfe  der  Varianten  zu  verbessern  sind. 

Ste.  Catherine  hat  266  Reime  auf  e  <  a,  54  auf  i>; 
unter  ersteren  amer  :  quider  2181,  unter  letzteren  Her  :  geter, 
vgl,  Voy.  ton.  86. 

G  a  i  m  a  r  hat  ungefähr  3-50  Reime  auf  e  <  a,  230  auf  ie. 
Trice  Martins  Text  gibt  einige  Bindungen  e  :  ie,  aber  sie  sind 
mit  Hilfe  der  Varianten  oder  anders  zu  ändern.  Die  Stellen 
sind  muller  :  resuner  361,  lies  araisnier;  damager  :  iiafrer  693, 
lies  nach  L  dutnpner,  das  die  Silbenzahl  des  ersten  Verses  her- 
stellt, und  vgl.  Godefroy;  ferner  aler  :  desrainer  4837,  wo  das 
letzte  Verb  =  desraciner  ist;  aler  :  Chevalier  5651,  wo  die  Hdss. 
DLH  im  zweiten  V,  voler  geben;  mer  :  emper  3255,  wo  ein  Latinis- 
mus emper  vorzuliegen  scheint;  vgl.  die  Schreibung  enper  der 
Hdss.  DL  und  emper  des  Oxf.  Hol.  3994,  Der  einzige  Reim 
dosnaier  :  gaber  6512  sieht  wie  eine  Ausnahme  aus;  die  Hdss, 
scheinen  da  einig  zu  sein;  dennoch  ließe  sich  durcli  eine  leichte 
Umstellung  der  zweite  Vers  so  lesen:  De  gaber  e  del  boscheier. 
Jedenfalls  kann  diese  Ausnahme  nicht  das  allgemeine  Resultat 
in  Frage  stellen,  daß  Gaimar  e  und  ie  gesondert  hält. 

Im  Adam  begegnen  nur  reine  Reime,  nämlicli  40  e,  19  ie, 
zu  denen  nach  Verbesserung  der  überlieferten  Lesart  (s.  die  Aus- 
gabe) noch  die  Reime  396  f.  und  659  f.  hinzukommen. 

Thomas  de  Kent  vermischt,  nach  Schneegans,  nicht 
e  und  ie;  s.  ZFSL.  XXXI,  3. 

Im  Donnei  67  Reime  auf  e  <  a,  36  auf  ie;  keine  Ver- 
mischung. 

Dies  ist  das  letzte  anglon.  Gedicht,  das  e  und  ie  getn-nnt  liält. 

b)  V  e  r  m  i  s  c  li  n  n  g  v  o  n  e  und   /  c. 

Der  Streit  dürfte  als  das  erste  Gedicht  bezeiclincl  werden, 
worin  eine  bestimmte  T(>ndenz  e  und  ie  zu  vermengen  herv»ii'- 
tritt.  Es  gibt  da  zwar  48  reine  Reime  auf  e  <  a,  28  auf  ie;  unter 
jenen  parier  :  presmer  467,  unter  diesen  nez  und  plaet  :  piclcl 
559,  593  (vgl.  Voy.  ton  86  f.);  aber  es  gibt  da  auch  folgende  Bin- 
dungen: baner  :  soner  C  429,  desconseillee  :  nee  C  619,  blasmcr: 
guerreer  C  705,  demiistrel  :  pechet  G  823,  presenter  :  mester  H  205; 
unsicher  ist  gaienez  :  nez  C  95  wegen  <ler  Variante  auned  :  ned. 

Samson  hat,  nach  Frl.  Hilgers,  gegenüber  1350  und  450 
reinen  Reimen  auf  e  <  a  und  ie,  8  Reime  e  :  ie. 


12  Johan    Vising. 

Im  S  l.  E  d  m  0  n  (I  ungefähr  320  Fioimc  auf  e  <  «,  130 
auf  ie;  unlor  jenen  her  (engl,  here):  crier  2719,  conqueste  :  mercie 
2973  (Voy.  ton.  43,  85).  Daneben  jedoch  conseilier  :  waimenter 
869,  jnstiser  :  mer  1653,  espourez  :  /f/tV/ez  2835,  enfiindrer  :  drescier 
3133,  cessez  :  jugez  3189;  unsicher  ist  creez  :  reneiez  2273,  da 
67^62  Konj.  ist  und  auch  crei'ez  lauten  kann.  (Über  t'eir  :  cercliir 
2673  und  andere  Reime  mit  anglonorm.  Infinitiv  er  für  etr: 
ür  s.  4) 

Im  L)  e  s  i  r  e  gibt  es  von  i'einen  Reimen  85  auf  e  <  a,  41 
auf  ie^  nur  einen  siclieren  e  :  t'e,  nämlich  chevaucherent  :  porterent, 
S.  34,  V.  1.  In  coche  :  asprwee,  S.  11,  \'.  13,  kann  man,  wegen  s, 
aspreiee  vermuten,  in  avancez  :  honitez,  S.  11,  V.  17,  honeiez  ein- 
setzen, und  in  arere  :  heuere,  S.  28,  V.  3,  soll  man  unzweifelhaft 
briiere,  d.  h.  hriiiere  lesen. 

A  d  g  a  r  hat  545  Reime  auf  e  <  o,  390  auf  ie.  Nur  folgende 
Bindungen  c  :  ie  sind  zu  verzeichnen:  comencier  :  chajiter,  Neuh. 
10,  31,  :  demander,  ibid.  19,  111,  damnez  :  reneez,  ibid.  17,  323, 
cumforter  :  /?/-eer,  i6i(/.  17,  651,  preiere  :  mere,  i6id.  17,  791  (wo 
indes  eine  leichte  Umstellung  im  zweiten  V.  mere  chiere  einen 
reinen  Reim  auf  ie  gibt);  und  nicht  weniger  als  6  Reime  in  der 
Legende  No.  40,  nämlich  V.  67,  97,  122,  164,  298,  428.  Dies  ist 
auffallend  und  scheint  darauf  liinzudeuten,  daß  Adgar  diese 
Legende  relativ  spät  verfaßt  hat.  In  den  von  Herbert  in  der 
Rom.  XXXII.  veröffentlichten  Legenden  gibt  es  keinen  einzigen 
Reim  e  :  ie  gegenüber  100  reinen  Reimen  auf  e  <  a,  und  54 
auf  ie. 

Im  S  a  r  d  e  n  a  i  w  u  n  d  e  r  gibt  es  gegenüber  33  (e)  und 
14  (ie)  reinen  Reimen  die  Bindung  sesser  (=  cesser)  :  leisser  25. 

Im  S  c  h  w  e  i  f  r  e  i  m  p  s  a  1 1  e  r  begegnen,  nach  Goedicke, 
mehr  als  200  reine  Reime  ie  :  te,  und  kaum  20  ie  :  e;  vgl.  S.  19  f. 

Am  a  das  et  Yd.:  15  (e)  und  6  (ie)  reine  Reime;  da- 
neben cite  :  deshaite  II,  1,  sevent  :  levent  (=  lievent)  II,  122. 

Dem  Verfasser  von  Tristan  kann  man  nicht  eine  deut- 
liche Neigung  absprechen,  e  und  ie  gesondert  zu  halten;  ich 
zähle  190  reine  Reime  auf  e  <  a,  144  auf  ie.  Es  kommen  indes 
auch  Bindungen  ie  :  e  vor,  von  denen  doch  nur  zwei  unzweifel- 
haft sind,  nämlich  desleer  :  ovrer  511,  :  asembler  484.  Unsicher 
sind  dagegen  die  folgenden:  Castel  Fer  :  mener  2216,  wo  ein 
Eigenname  vorliegt,  und  congeiez  :  essilliez  2503,  wo  es  schwer 
zu  entscheiden  ist,  ob  der  Verfasser  die  alte  Form  congeer  meint, 
oder  eine  spätere  im  Anglon.  gewöhnliche  mit  interkaliertem  i, 
in  Analogie  mit  den  Formen,  die  Stimming  in  Boeve,  S.  238, 
anführt,  und  die  sich  schon  im  Cambr.  Psalter  {haiez-haez)  und 
in  der  Hds.  L.  von  Brandan  ichaiez)  wie  bei  Anger  iempereiour, 
Leion  usw.)  finden;  vgl.  unten  veie:alee  in  Sie.  Osith.  Der 
Reim  venez  :  purchacez  2239  dürfte  als  ie  :  ie  aufzufassen  sein,  da 
i^enez  ohne  Zweifel  Konj.  ist. 


Die  E- Laute  im  Reime  der  anglonormannischen   Dichter.     13 

Folie  Tristan  hat  47  (e)  und  31  (ie)  reine  Reime; 
daneben  jrere  :  rivere  501,  und  als  unsicher  cunjeiez  :  chascer  859, 
notiner  :  aler  79;  wegen  des  letzten  Reimes  vgl.   Philipp.,  S.  10. 

Im  I  p  0  m  c  d  0  n  zähle  ich  641  (e)  und  417  (ie)  reine  Reime. 
Nach  Mussafia,  Sulla  critica,  S.  22,  gäbe  es  dort  keine  Bindungen 
e  :  ie,  da  die  so  gestalteten  Reime  des  Textes  323,  1657,  7099  zu 
ändern  seien.  Die  von  Mussafia  vorgeschlagenen  Änderungen 
dürften  richtig  sein;  aber  außer  den  genannten  drei  Reimen  sind 
zu  bemerken  efforcee  :  avisee  2451,  desturber  (Subst.)  :  vuer  4981. 
Über  ai'iser  s.  oben  S.  9;  desturber  kann  möglicherweise  der 
substantivierte  Infin.  statt  des  Subst.  desturbier  sein  (so  Hahn). 

Im  Protheselaüs  verzeichnet  Kluckovv  unter  einer 
Menge  reiner  Reime  6  Bindungen  e  :  ie;  vgl.  seine  Abschnitte 
192,  202,  204,  208.  Wenn  es  feststeht,  dalJ  solche  Bindungen 
im  Proth.  vorkommen,  dürfte  man  auch  einzelne  Bindungen 
derselben  Art  für  I  p  o  m .  annehmen  können ;  aber  im  ganzen 
neigt  Hue  zur  Scheidung  von  e  und  ie. 

Im  R  e  n  a  u  t  gibt  es  einige  laisses  auf  e,  wo  Assonanz- 
v*^örter  auf  ie  verhältnismäßig  selten  sind,  z.  B.  S.  10 — 11,  12 — 14, 
27 — 31;  aber  S.  18  finden  sich  in  einer  solchen  laisse  targier, 
guerrier,  demorer  (Subst.),  tnester,  otrier;  und  weiter  unten  auf 
derselben  Seite  kommen  e  und  ie  in  steter  Umwechselung  als 
Assonanz  vor.  Dies  bedeutet  ohne  Zweifel,  daß  gewisse  laisses 
ein  stärkeres  remaniement  erfahren  liaben  als  andere,  die  mehr 
von  dem  ursprünglichen  bewahren. 

St.  Gilles  hat  317  (e)  und  186  (ie)  reine  Reime;  da- 
neben 20  Bindungen  e  :  ie,  7.  B.  aler  :  dener  733,  ahurtez  :  eniaillez 
1281,  usw. 

Im  H  e  r  o  n  ,  wie  in  den  übrigen  anglon.  Fabliaux,  sind  e 
und  ie  nicht  gesondert.  Die  Zahlen  sind  nicht  hoch  genug,  um 
Interesse  zu  haben. 

Ste.  Marguerite  hat  25  laisses  mit  reinen  Reimen 
e,  er,  ez,  ee,  5  auf  e  mit  je  einem  i'e-Reim,  1  (No.  53)  auf  ie  mit 
einem  e-Reim. 

Guischart  hat  beinahe  700  (e)  und  114  (ie)  reine 
Reime;  daneben  4  Wörter  auf  ie  in  e-laisses  (V.  393,  867,  968, 
1724)  und  2  auf  e  in  der  einzigen  i'e-laisse  (\'.  651,  698);  vgl. 
Gabrielson,  S.  XXX. 

St.  Laurent:  67  Reime  auf  e  <  n,  16  auf  ic\  daneben 
mester  :  esprover  7,  aorer  :  delaisser  548. 

Hörn  vermischt  überall  e  und  ie\  so  z.  B.  gibt  es  in  den 
husses  VI  und  IX  etwa  ebensoviel  Wörter  auf  e  als  auf  ie. 

Bei  Fantosme  dasselbe  Verhältnis.  In  laisse  XIII  z.  B. 
gibt  es  etwa  23  Assonanzwörter  auf  e,  5  auf  ie;  in  XXI  18  auf 
ie,  10  auf  e;  in  LVII  7  ie,  8  e,  usw. 


]  4  Johdn,   Vising. 

Im  lolgondcn  gobc  ich  nur  Zahlen  an,  dif  naclioinandcr  dio 
ifincn  Jieimo  e  <  o,  die  reinen  Reime  ie  :  ie  und  die  Reime 
c  :  ie  bezeichnen: 

S  i  rn  u  n  (1  :   109—48—47. 

R  e  i  m  p  r  e  d  i  g  t  :  53 — 7 — 17. 

B  i  b  1.  Geschichte:  53—16—30. 

S  t  e.  O  s  i  t  h  :  184—56—10. 

Am.  et  Am.  :  36—33—30. 

E  V  r  a  r  t  :  49—18—26. 

Anonymus:  70 — 20 — 50. 

Rösurrection  :  9 — 2 — 7. 

C  h  a  r  d  r  y  :  360—100—140. 


4.    l  e  :  ('.  ?,  a  /,  e  i,  u  e. 

Im  Comp,  schon  marchels  (<  mercalis)  :  icels  551; 

Die  Vision  bindet  Michiel  :  ciel  9,  240,  336; 

S  a  m  s  0  n  veer  :  preisier  (Hilgers,  S.  19) ; 

das  Adamsspiel  hei  :  ciel  940  (verdächtig) ; 

St.  E  d  m  0  n  d  Michiel  :  ciel  1315,  veir  (<  videre)  :  cercher 
(geschr.  cerchir)  2673; 

Ipomedon  fere  (=  jiere)  :  lerre  7091 ; 

D  o  n  n  e  i  contrefere  :  nianere  941 ; 

St.   Gilles   Michael  :  cel  {=  ciel)   3717. 

S  i  m  u  n  d  bindet  gramer  (=  gnn>ier)  :  cLver  (=  aveir),  Rom. 
de  phil.  431,  i>eer  :  jorveer  1571,  seer  :  reneer^  St.  G.  435,  674, 
preer  :  veer  811,  neer  :  veer  1246,  1644,  (inert  :  pert  (<  perdit), 
Rom.  de  phil.  1243,  1419;  Michel  :  cel  (=  de/),  6"^  G.  536,  1660. 

Reimpredigt  reimt  saver  :  averser  50a ; 

G  a  g  e  u  r  e  sai^er  :  entier  S.  194,  V.  27,  ai^er  (=  aveir)  :  beyser, 
ibid.  V.  43. 

S  t  e.  0  s  i  t  h  hat  V.  601  chiiei  :  met,  wo  chiiet  nicht  anders 
sein  kann  als  ehielt  oder  c/iieui  (<  calet)\  ferner  targer  :  söpe/*  303. 

Am.  et  Am.  hat  a faire  :  manere  305,  jere  (=  faire)  :  czVere 
917,  manere  :  ierre  939,  örrfe/-  :  chivaler  539,  o(^er  (=  aveir) 
:  chevacher  897,  :  mulier  1235;  dazu  noch  Hds.  L. :  meruiller  :  quer 
89  (S.  118). 

E  V  r  a  r  t  bindet  guer  :  cnueiter  28,  :  esparnier  67,  rfener 
:  f/uer  (=  aveir)  141,  ^awer  :  multiplier  160,  :  anguiser  164,  auer 
:  riguer  190; 

Anonymus  c/^p/'  :  poer  35; 

C  h  a  r  d  r  y  /)oe/-  :  cunsiller,  Jos.  2307,  :  hier  (Subst.)  2913, 
preere  :  afere,  ibid.  2831,  leger  :  aver^  P.  PI.  1735. 

Die  Bindungen  vom  Typus  graver  :  aver  sind  eigentlich 
Bindungen  ier  :  er,  seitdem  die  Infinitivformen  -er  diejenigen  auf 
-eir  zu  verdrängen  anfingen,  d.  h.  seit  der  Mitte  des  XII.  Jahr- 
hunderts. 


Die  E-Laute  im  Reime  der  fuiglonormamn sehen   Dichter.     15 

In  den  übrigen  Fällen  handelt  es  sich  zuerst  um  Bindung  von 
iel  mit  ?/,  dann  um  Reime  wie  faire  :  tnanere  :  terre,  also  um 
eine  Gleichsetzung  von  urspr.  ie  mit  e  vor  /  und  r,  die  ein  Analogon 
teils  zur  Entwicklung  el  >  gZ,  teils  zum  allmähUchen  Übergang 
von  e  <  a  vor  /  und  r  zu  ^  bietet;  vgl.  oben  S.  9. 

Nun  sagt  später,  etwa  im  ersten  Drittel  des  XIV.  Jahr- 
liunderts,  die  Orthographia  gallica,  daß  Wörter  wie  bien,  rien, 
chien,  trechier  mier  (=  tres  chere  mere) ,  piere,  miere  (=  pere,  mere), 
die  ein  i  vor  e  haben,  "stricto  ore",  d.  h.  mit  geschlossenem 
Vokal,  ausgesprochen  werden.  Wir  sehen  hier  von  dem  nasalen 
ie  in  bien  usw.  ab,  da  dieser  Laut  hier  nicht  behandelt  wird. 
Was  die  Regel  im  übrigen  sagt,  muß  von  einem  sekundären  ie 
gelten.  Das  ursprüngliche  ie  war  nämlich  um  1200  untergegangen 
oder  verwischt,  aber  in  den  Hdss.  des  XIII.  und  XIV.  Jahrhun- 
derts tritt  wieder  ein  ie  <  a  auf,  das,  unabhängig  von  dem 
Bartschen  Gesetz,  besonders  vor  l  und  /',  doch  auch  anders 
(piere^  nief  usw.,  s.  Stürzinger,  in  Orth.  gall.  S.  39)  vorkommt. 
Es  ist  wahrscheinUch,  daß  dies  ie  aus  Westfrankreich  stammt. 
Da  kommt  es  zu  jener  Zeit  vor  (s.  Goerlich,  Die  nordi\'est.  Diai. 
S.  12,  14),  und  von  da  kamen  im  XIII.  und  XIV.  Jalirhundert 
Tausende  von  Mönchen  nach  England,  wo  sie  sich  gerade  mit 
Handschriftenverfertigung  beschäftigten.  Diese  Annahme  findet 
eine  Stütze  darin,  daß  zu  derselben  Zeit  in  den  anglonormanni- 
schen  Hdss.  die  Schreibung  ee  für  ?  <  ai  auftritt,  z.  B.  pees, 
feere,  feet^  s.  Stürzinger  1.  c.  41,  das  denselben  Ursprung  zu  haben 
scheint,  da  es  ebenfalls  in  der  Bretagne  und  südlich  davon  heimisch 
ist  (Goerhch,  /.  c.  S.  21). 

Dies  sekundäre  ie,  bezw.  e,  muß  es  sein,  das  die  Ortho- 
graphia meint.  Es  konkurrierte  vermutlich  im  anglonormanni- 
schen  Sprachgebrauch  mit  dem  früheren  offenen  e  derselben 
W'örter;  und  es  mag  vielleicht  dazu  beigetragen  haben,  das 
französische  ie  und  e  im  Mittelenglischen  zum  geschlossenen  r 
zu  machen;  vgl.  Kaluza,  Hist.  Gramm,  der  engl.  Sprache  II, 
S.  60—66. 

5.    Bindungen  (l  :  ai  und  e  :  ei. 

Bekanntlich  hat  sich  früh  ai  zu  ?  im  Französischen  verein- 
facht, besonders  vor  r  und  schwerer  Konsonanz;  s.  Voy.  ton. 
S.  72,  Schwan-Behrens  §  223.  Daher  kommen  schon  in  der 
Changun  de  GuiUelme  maistre,  guaires,  faire,  rcpairet  in  weiblichen 
laisses  auf  ?  \oi\  \.  161,  456,  477,  944;  aber  aui-h  mais,  ait  in 
einer  männlichen  laisse  auf  e,  V.  884  f.  (sofern  sie  nicht  eint^ 
eigene  laisse  bilden).  Beispiele  von  Reimen  C  :  (//  finden  sich 
natürlich  auch  im  Anglonormannischen  seit  ältester  Zeit,  z.  B. 
SiU'estre  :  maistre,  Comp.  485,  beste  :  paistre,  ibid.  1427,  un<l  es 
sind  deren  mehrere  im  obiaen  ant'efülirl. 


IC)  Jojian    Vising. 

Dagogen  sind  die  Bindungen  ?  :  ei  verhältnismäßig  spät. 

Die  Oindungon  der  Infinitive,  die  im  Kontinontalfranzösisclien 
als  er,  eir  (oir)  getrennt  waren,  beruhen  ja  auf  flexivischcr 
Umbildung,  wodurch  -eir  mit  -er  ersetzt  wird.  Die  in  unseren 
Texten  vorkommenden  Beispiele  von  Reimen  mit  urspr.  -ier  und 
urspr.  -eir  wurden  schon  oben  unter  4  angeführt.  Sie  fangen 
an  mit  Samson  de  Nantuil,  also  um  1150,  und  sind,  wie  schon 
gesagt,  nur  eine  Abart  der  Bindung  er  :  eir,  seitdem  ier  mit  er 
gleich  war. 

Die  Bindung  urspr.  -er  :  -eir  kommt  zuerst  vor  in  der  Vie 
Ste.  Catherine,  die  etwa  gleichzeitig  mit  Samson  ist.  In  diesem 
Text  findet  sich  das  einzige  Beispiel  saveir  :  parier  1-321.  Dann 
folgen  bedeutend  später: 

D  0  n  n  e  i  mit  aler  :  aver  979,  aver  :  doliiser  1143; 

St.  Gilles  mit  aler  :  veir  2495 ; 

Ste.  M  a  r  g  u  e  r  i  t  e  mit  aver  :  diirer  144; 

S  i  m  u  n  d  mit  tiier  :  mover  427; 

Reimpredigt  mit  penser  :  aver  15,  recorder  :  aver  117. 
poer  :  regner  121; 

G  h  e  V.,  s  a  d  a  m  e  etc.  mit  poer  :  juer  [Reo.  gen.  II,  227) ; 

Ghev.  qui  fist  mit  poer  :  parier,  :  celer;  aler  :  aver  (Reo. 
gen.  VI,  S.  200,  202,  204); 

Ste.  0  s  i  t  li  mit  aler  :  veer  1451,  poseer  :  apruer  1453; 

A  m.  e  t  Am.  mit  amer  :  poer  81,  :  voler  129  u.  ä.  \'.  901. 
1059,  1127; 

Resurrection  mit  aver  :  empr isoner,  S.  11,  :  embler, 
S.  19;  schließUch  Evrart,  Anonymus  und  Chardry 
mit  -er  :  -eir  überall,  z.  B.  bei  dem  letzten  Jos.  87,  245,  249, 
1821  usw.  —  Der  Reim  haster  :  aver  (=  aveir),  Romania  XXXII, 
419,  V.  109,  ist  vermuthch  nicht  von  Adgar,  da  er  bei  ihm  völlig 
isoliert  wäre  und  seine  Autorschaft  zu  der  hier  in  Frage  stehenden 
Legende  sehr  zweifelhaft  ist;  vgl.  1.  c.  S.  416. 

Also  ist  gegen  Ende  des  XII.  Jahrhunderts  die  Infinitiv- 
endung er  für  eir  ganz  gewöhnUch. 

Reime  e  :  ei,  die  eine  phonetische  Entwicklung  be- 
zeichnen, kommen  zuerst  im  letzten  Drittel  des  XII.  Jahr- 
hunderts vor,  und  auch  da  spärlich. 

S  i  m  u  n  d  hat  estre  :  crestre,  Rom.  de  phil.  517,  St.  G.  583; 

Am.  et  Am.  terre  :  creire  105; 

Evrart  crest  :  est  93,  celestre  :  crestre  176,  decres  :  res 
{<  rasu)   103,  wo  decres  wahrscheinlich  decreis  ist; 

Anonymus  est  :  acrest  822 ; 

Chardry  tolet  :  deget,   Jos.   285,   crere  :  terre,   P.   PI.   843. 

In  diesen  Fällen  dürfte  also  ei  zu  ?  reduziert  worden  sein. 
Vor  r  und  st  gibt  die  Orthographia,  die  zwar  später  ist,  eine  gute 
Stütze  für  diese  Annahme,  denn  Schreibungen  wie  crere,  crestre, 


Die  E-Laute  im  Reime  der  anglonormannischen  Dichter.    17 

crest  sind  sehr  gewöhnlich  neben  creire  usw.  Vor  s  besonders 
zeigt  das  Mittelenglische  in  den  betreffenden  Wörtern  e  (neben 
ei),  z.  B.  pese  (peisej,  encrese,  dees  usw.,  s.  Kaluza  II,  S.  63 
und  Behrens  in  Pauls  Grundriß^,  S.  976. 

Hat  sich  ei  immer  in  diesen  Stellungen  und  auch  in  anderen 
Stellungen  zu  €  entwickelt  ?  Diese  Frage  läßt  sich  nicht  auf 
Grund  der  Reime  des  XII.  Jahrhunderts  beantworten.  Be- 
trachtet man  spätere  Reime  und  Orthographie,  so  scheint  e?, 
als  hätte  ei  eine  Doppeltentwicklung  gehabt,  so  daß  es  neben  s 
auch  ai  gegeben  hat.  Darauf  dürften  auch  die  zahlreichen  Reime 
Adgars,  die  ai  mit  ei  binden  {faire  :  eire,  richeises  :  malaises  usw., 
s.  Rolfs,  Rom.  Forsch.  I,  209)  hindeuten.  Dies  gehört  aber 
in  ein  spezielles  Kapitel  über  die  Reime  ei  :  ai. 

Die  Reime  auf  i>eie  in  Ste.  Osith,  alee  811,  entree  1173, 
asenseie  1185,  portee  1207,  entree  1333  betrachte  ich  als  eie: 
eie,  worüber  Stimming,  Boeve,   S.   175. 

JoHAN  Visin  G. 


Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX'/*- 


L'architecture  des  5jFleurs  du  Mal". 


Baudelaire  se  proposait  d'ecrire  la  biographie  des  Fleurs 
du  Mal})  II  y  cüt,  sans  doute,  raconte  avec  force  details,  la 
premiere  avcnture  du  livre,  son  proces  et  sa  condamnation;  il 
y  eüt  rassemble,  aussi  copieusement  que  possible,  des  lettres  et 
des  articles  eclairant  ses  rapports  avec  ses  editeurs  et  ses  critiques. 
Mais  cette  histoire  tout  exterieure  ne  l'eüt  pas  satisfait  com- 
pletement,  lui,  le  poete  meditatif,  que  l'analyse  de  sa  propre 
äme  passionnait;  il  est  probable  qu'il  aurait  suivi  son  oeuvre 
dans  son  developpement  intime,  et  marque  les  phases  differentes 
par  oü  sa  pensee  avait  passe  avant  que  l'oeuvre  ne  regüt  sa  forme 
definitive.  Aussi  connaitrions-nous,  pour  beaucoup  de  ses  pieces 
l'evenement  special,  le  special  etat  d'äme  auquel  elles  doivent 
leur  naissance;  dans  son  histoire  des  Fleurs  du  Mal  il  se  serait 
abandonne  ä  la  douceur  des  Souvenirs  sur  les  mille  choses 
que  des  vers  de  jeunesse  redisent  au  poete.  II  nous 
est  impossible  maintenant  d'ecrire  tout  entiere  cette  biographie 
que  Baudelaire  n'a  pas  ecrite.  Nous  allons  par  cette  etude  en 
donner  un  fragment.  Nous  tächons  ici  d'etudier  un  moment 
special,  ou  pour  mieux  dire,  une  serie  speciale  de  moments  dans 
l'activite  creatrice  du  poete,  lorsqu'il  fondit  ses  vers,  debris 
epars  de  son  travail  Interieur,  dans  une  compacte  unite.  Nous 
allons  examiner,  plus  completement  et  plus  profondement  qu'on 
ne  l'a  fait  jusqu'ici,  les  correspondances  secretes,  l'organisation 
intime  du  chef-d'oeuvre  baudelairien  et  illustrer  par  lä  ce  que 
le  poete  avait  surtout  ä  coeur:  «le  seul  eloge  que  je  sollicite  pour 
ce  livre  est  qu'on  reconnaisse  qu'il  n'est  pas  un  pur  album  et 
qu'il  a  un  commencement  et  une  fin — tous  les  poemes  nouveaux 


' )  Mon  coeur  mis  ä  nu,  pag.  100,  dans  Charles  Baudelaire, 
CEuvres  posthumes  et  correspondance  inedite  precedees  d'une  etude 
biographique  par  Eng.  Cr^pet,  Paris  1887.  Quoique  Mon  coeur  mis 
ä  nu  et  Fusees,  les  deux  journaux  intimes  de  Baudelaire,  aient  reapparu 
en  1908,  dans  une  nouvelle  edition  des  CEuvres  posthumes,  et  en  1909, 
s6parement,  dans  une  Elegante  edition  tiree  ä  cinquante  seuls  exemplaires, 
je  renverrai   loujours  nos  lecteurs  au  vieux   volume  d'Eug.  Crepet. 


L'architedure  des  ,,Fleurs  du  Mat\  19 

ont  ete  faits  pour  etre  adaptes  ä  un  cadre  singulier  que  j'avais 
choisi».") 

Nous  ne  pouvons  pas  dater,  malheureusement,  Torigine  de 
cette  conception.  Le  cadre  singulier  existait-il  dejä  en  1843 
quand  Prarond  et  Le  Vavasseur  voulaient  que  leur  ami  se 
joignit  ä  eux  pour  publier  un  recueil  de  vers  ?  ou  en  1846,  lors- 
quo  Baudelaire  annongait  son  oeuvre  au  public  sous  le  titre  Les 
Lesbiennes,  ou  en  1850  lorsqu'il  la  faisait  admirer  aux  amis  magni- 
fiquement  copiee  en  deux  volumes  ä  la  süperbe  reliure,  portant 
le  titre  Les  Limbes?  ou  en  1852  lorsqu'il  ecrivait  ä  Watripon 
qu'elle  allait  paraitre  chez  Levy  tout  prochainement  ?^)  Au 
mois  de  decembre  de  1856  Poulet-Malassis  s'offrait  ä  lui  comme 
editeur  et  Baudelaire  lui  ecrivait:  «nous  pouvons  disposer  en- 
semble  l'ordre  des  matieres  des  Fleiirs  du  Mal  —  ensemble, 
entendez-vous,  car  la  question  est  importante.  II  nous  faut 
faire  un  volume  compose  seulement  de  bonnes  choses:  peu  de 
matiere  qui  paraisse  beaucoup  et  qui  soit  tres  voyante».     Mais 


2)  II  s'exprimait  de  la  sorte,  au  mois  de  Dec.  de  1861,  en  envoyant 
ä  Vigny  un  exemplaire  de  son  oeuvre,  dont  une  nouveile  edition  fort 
augmentöe  venait  de  paraitre  {C  h.  Baudelaire,  Lettres,  Paris 
1906,  pag.  323  et  C  h  a  r  a  v  a  y,  Charles  Baudelaire  et  Alfred  de  Vigny 
candidats  ä  VAcademie,  Paris  1879,  pag.  77).  Un  ami  de  Baudelaire, 
Barbey  d'Aurevilly,  fit  remarquer  lui  aussi,  de  la  maniere  la  plus  ex- 
plicite,  cette  valeur  architecturale  de  l'ouvrage:  «.  .  . .  chaque  po6sie 
a,  de  plus  que  la  reussite  des  details  ou  la  fortune  de  la  pensee,  une 
valeur  tres  importante  d'ensemble  et  de  Situation  qu'il  ne  faut  pas  lui 
faire  perdre  en  la  dötachant.  Les  artistes  qui  voient  les  lignes  sous 
le  luxe  et  l'efflorescence  de  la  couleur  percevront  tres  bien  qu'il  y  a 
ici  une  architecture  secrete,  un  plan  calculö  par  le  poete  m^ditatif  et 
volontaire.  Les  Fleurs  du  Mal  ne  sont  pas  ä  la  suite  les  unes  des  autres 
comme  tant  de  morceaux  lyriques,  disperses  par  l'inspiration  et  ramass^s 
dans  un  recueil  sans  d'autre  raison  que  de  les  reunir.  Elles  sont  moins 
des  poesies  qu'une  oeuvre  po^tique  de  la  plus  forte  uniteo  (Appendice 
des  Fleurs  du  Mal,  ed.  defin.,  pag.  375).  Ce  sont  los  paroles  que  nous 
venonsdeciter  qui  ont  suggerö  äM.  O  uro  «so/ son  etudeconsciencieuse, 
riebe  en  precieux  details,  sur  les  textes  des  Fleurs  du  Mal,  parue  dans 
Le  tombeau  de  Charles  Baudelaire,  Paris  1896;  le  chapitre  consacr6 
ä  l'architecture  secrete  dos  Fleurs  du  Mal,  malgr6  ses  faules  et  ses 
lacunes,  ne  nous  a  pas  öle  inulile.  A.  Ourousof,  du  reste,  n'a  pas 
pretendu   etre   complet,   content,    dit-il,    d'avoir   signalö   un   nouveau 

Iravail  ä  quelque  curieux  plus  favorise par  la  Fortune  et  le 

Hasard.  Quelques  donnt^es  aidant  ä  la  Solution  du  problömc  se  trou- 
vent  dans  Tarticle,  souvent  confus,  de  F  e  l  i  G  a  u  t  i  e  r,  La  (•/<?  amou- 
reuse  de  Baudelaire,  dans  le  Mercure  de  France,  Janv.  1903  (reapparu 
dans  la  plus  grande  6tude  Charles  Baudelaire,  Paris  1903).  Je  n'ai 
rien  Irouve  dans  les  etudes  insignifiantes  que  fit  paraitre  dans  le  Mercure 
de  France  Gilbert  M  a  i  r  e;  Un  essai  de  Classification  des  «Fleurs 
du  Mal»  et  son  utilite  pour  la  critique.  Iß  Janv.  1907,  pag.  200 — 80; 
La  personnalite  de  Baudelaire  et  la  critique  biologique  des  «Fleurs  du 
Mab,  1  F6vr.  1910,  pag.  400 — 17;  La  psychologie  aiiioureuse  des  «Fleurs 
du  Mal»,  10  Juil.  1910,  pag.  233—42. 

^)  Watripon  lui  avait  demande  une  courlo  noiice  aulobiographiqu(> 
pour  un  dictionnaire  de  contomporains. 

2* 


20  /-   ^-   lienedeilo. 

il  ne  faut  pas  croire,  ä  mon  avis,  quo  Poulet-Malassis  a  collabore 
ä  la  creation  du  cadre  singulicr;  les  deux  amis  ont  pu  se  borner 
ä  considerer  onscmblc  co  qui  pouvait  nuire  ä  rövidence  du  plan 
et  k  l'unile  de  I'impression. 

Pour  etudier  Tarcliitecture  des  Fleurs  du  Mal  il  nous  faudra 
d'abord  demeler  le  criterium  logique,  ou  esthetique,  qui  a  de- 
termine  ragenccment  actuel  de  l'ouvrage;  montrer  les  diverses 
poesies  comme  les  seenes  d'un  seul  drame,  comme  les  atrophes 
d'un  seul  poeme.  On  indiquera  ensuite  dans  ce  drame,  dans 
ce  poeme,  les  rcflets  de  la  vie  reelle  de  Tauteur.  Gar  on  sait  que 
dans  la  poesie  de  Baudelaire,  oü  l'art  domine,  oü  l'em.preinte 
d'une  meditation  longue,  volontaire  et  profonde  est  si  visible, 
l'art  neanmoins  n'cst  pas  tout.  Cela  est  vrai  de  l'architecture 
totale  aussi  bicn  que  de  chaque  poesie  prise  ä  part. 

Or  c'est  surtout  gräce  ä  cette  structure  generale  que  Baudelaire 
se  fit  Tillusion  d'avoir  ete  dans  son  oeuvre  objectif  et  impassible, 
Lorsqu'il  preparait  son  livre  pour  le  public,  il  n'y  voyait  que  ce 
que  pouvaient  ou  devaient  y  voir  les  lecteurs;  il  s'interessait 
particulierement  ä  la  disposition,  ä  l'ensemble.  II  suffit,  pour 
s'en  rendre  compte,  de  comparer  la  premiere  edition  ä  la 
deuxieme.  Si  celle-ci  a  une  superiorite  sur  la  premiere  c'est 
precisement  parce  que  les  lignes  generales  y  ressortent  davantage. 
Les  poesies  etaient  devant  lui,  muettes,  sans  force  d'evocation; 
il  s'en  servait,  comme  de  couleurs,  pour  remplir  un  dessin 
capricieux.  Heureux  de  la  plasticite  de  ses  symboles  et  de 
Tenchainement  logique  par  lequel  les  echos  spontanes  et  sans 
Suite  de  son  äme  se  transformaient  en  des  seenes  impersonnelles 
et  reflechies  constituant  tout  un  drame,  l'auteur  crut  un 
moment  avoir  ete  ou  pouvoir  sembler  un  pur  artiste;  il  se 
vanta  aupres  des  lecteurs  et  des  amis  d'avoir  joue  un  röle,  en 
parfait  comedien,  et  compose  ses  poesies  avec  la  logique  et  la 
precision  d'un  mathematicien  deduisant  ses  theoremes.  Que 
si,  pour  remplir  son  douloureux  programme,  il  avait  avec  soin 
etudie  son  cceur,  c'est  qu'il  sentait  en  lui,  comme  Socrate,  les 
germes  de  toutes  les  vertus  et  de  tous  les  vices.  «Le  sieur 
Baudelaire  a  assez  de  genie  pour  etudier  le  crime  dans  son  propre 
coeur»,  ecrivait-il  lui  meme  ä  un  ami."*) 

Nous  allons  prouver  par  de  nouveaux  temoignages  qu'il 
etait  bien  plus  sincere  dans  le  cri  qu'il  laissa  echapper  plus  tard, 
quand  la  violence  irremediable  du  mal  rendait  ses  remords  plus 
vifs,  sa  peur  plus  grande,  et  plus  necessaire  le  libre  epanchement 
dans  une  äme  amie.  Je  fais  allusion  ä  ce  qu'il  ecrivait  ä  M.Ancelle : 
«Faut-il  vous  dire  ä  vous  qui  ne  l'avez  pas  plus  devine  que  les 
autres  que  dans  ce  livre  atroce  j'ai  mis  toute  ma  pensee,  tout 
mon  coeur,   toute   ma  religion  (travestie),  toute  ma  haine  ?     II 


*)  Lettres,  pag.  463,   1  Oct.   1865. 


L'architecture  des  ,,Fleiirs  du  Mat\  21 

est  vrai  que  j'öcrirai  le  contraire,  que  je  jurerai  mes  grands  dieux 
que  c'est  un  livre  d'art  pur,  de  singerie,  de  jonglerie  et  je  mentirai 
comme  un  arracheur  de  dents.»^)  Tragiques  paroles,  qui  ne 
marquent  pas  seulement  le  decouragement  momentan^  de 
Tartiste  oblige  de  reconnaitre  que  dans  l'art  la  pleine  objectivite 
n'est  pas  possible:^)  elles  sont  vraiment  les  aveux  d^chirants 
d'un  homme. 

Le  poete  nous  introduit  dans  l'enfer  du  mal  oü  s'entremelent 
confusement  les  hurlements  furieux  et  les  soupirs  etouffes,  les 
extases  et  les  revoltes,  les  pleurs  läches  et  le  rire  desesperö;  Täme, 
dont  il  chante  l'histoire,  descend  graduellement  cet  abime.  Le 
livre  dans  la  premiere  edition  est  divise,  ainsi  qu'une  tragedie, 
en  cinq  parties:  Spleen  et  Ideal,  les  Fleiirs  du  Mal,  Rivolte,  le 
Vin,  la  Mort?)  Elles  embrassent  toute  une  vie,  le  volume 
8'ou^Tant  par  l'image  du  berceau,  so  terminant  par  l'image  de 
la  tombe.  Leur  diverse  longueur  convient  bien  ä  la  vie  de  Täme, 
dont,  bien  plus  que  le  temps,  l'intensite  de  la  douleur 
mesure  les  phases.  Ici  Baudelaire  a  pour  criterium  le  progres  du 
mal.  De  ce  mot,  il  confond  volontiers  et  utilement  les  deux  diverses 
significations :  le  contraire  de  la  vertu  et  celui  de  la  sante.  Dans 
la  dedicace  de  ses  vers  ä  Th.  Gautier  il  ne  parle  pas  de  Fleurs 
du  mal,  mais  de  Fleurs  maladives.  Le  sujet  des  Fleurs  du  mal 
est  Sans  nul  doute  le  vice;  c'est  meme,  comme  il  s'exprime  ä  la 
fin  de  sa  preface,  le  plus  laid,  le  plus  pervers,  le  plus  degoütant 
des  vices:  l'Ennui;  mais  il  l'etudie  comme  une  maladie  de  Täme. 

Dans  Spleen  et  Ideal  il  en  cherche  les  origines,  les  symptömes 
lointains,  les  premieres  manifestations,  pour  representer  ensuite 
la  maladie  tout  entiere  dans  sa  complexite  myst^rieuse.  Dans 
son  protagoniste  l'ennui  de  la  vie  est,  peut-on  dire,  inne.  Meme 
dans  le  passe  fantastique,  que  lui  cree  son  Imagination  debord^e, 
dans  une  vie  anterioure  qu'il  imagine  calme  et  voluptueuse, 
parmi  la  splendeur  des  eaux,  des  parfums  et  de  l'azur,  meme  dans 
la  demeure  du  reve,  sous  les  vastes  portiques  teints  par  les 
mille  feux  des  soleils  marins,  dans  Taccord  puissant  des  bruits 

5)  Lettres,  28  Fevr.    18GG. 

**)  Flaubert,  Correspondance,  II.  81:  «Je  nio  suis  toujours 
Ulis  dans  tout  ce  que  j'ai  fait». 

')  Je  renverrai  conslamment  ä  VM.  Calinan-Lövy,  non  qu'elle 
Boit  r^ellement,  ainsi  qu'on  Tappelle,  definitive,  mais  parce  qu'elh- 
est  possedöe  par  tout  lo  n\onde.  Les  deux  premieres  Mitions  ont  paru 
en  1857  et  en  1861,  chez  Poulet-Malassis  et  De  Broise.  La  belle  6d. 
Lemerre  reproduit  l'ordre  de  la  2c  M.,  et  groupe  les  nouvelles  Fleurs 
au  l'ond  du  volume.  On  a  suivi  la  disposition  de  Ted.  d^fin.  dans  la 
riebe  6d.  donn6e  par  la  Librairie  des  Amateurs,  Paris  1910.  Trds 
utile  r^dilion  que  vient  de  nous  donner  la  librairie  Georges  Cres  et 
Cie,  Charles  Baudelaire,  Los  Fleurs  du  Mnl,  Texte  integral  sui^i 
de  varinvtes  .  .  .   Paris,   1911. 


22  J'-    /' ■    fientdello. 

de,   la   mor   avcc   les   coulcurs    du    couchant,   il   no  peut  se  voir 
libro  de  sa  secrete  langueur: 

C'est  lä  que  j'ai  vecu  dans  los  voluptes  calmes, 
Au  milicu  de  l'azur,  des  vagucs,  des  splendeurs 
Et  des  esclaves  nus  tout  impregnes  d'odeurs 

Qui  me  rafraichissaient  le  front  avec  des  palmes 

Et  dont  l'uniquc  soin  etait  d'approfondir 

Le  secret  douloureux  qui  me  faisait  languir.*) 

C'est  en  vain  qu'il  demande  aux  deux  seuls  moyens  que 
'homme  ait  de  se  rcndre  digne  du  ciel,  ä  l'Art  et  ä  l'Amour,^) 
un  remede  ä  sa  tristesse  croissante;  il  porte  en  lui,  des  sa 
naissance,  un  amour  fatal  du  reve,  une  soif  inassouvie  du 
divin;  aussi  les  regrets,  los  desillusions  l'attendent-ils  et  avec 
eux  un  ennui  plus  grand.  On  trouve  par  consequent  dans  Spleen 
et  Ideal,  avant  que  le  cycle  du  vrai  Spleen  commence,  deux  cycles 
distincts,  organismes  vastes  et  complets  qui  pourraient  aussi 
exister  separement:  le  cycle  de  l'Art  et  le  cycle  de  l'Amour. 
Dans  chaque  cycle  le  reve  et,  opposee  au  reve,  l'action.  Une 
courte  partie  introductive,  oü  le  but  ideal  est  indique,  puis  le 
recit  des  efforts  inutilement  tentes  pour  y  atteindre. 

L'organiquo  unite  du  cycle  de  Tart  est  demeuree  jusqu'ici 
inapergue.  Ge  cycle  est  constitue  par  les  16  preraieres  poesies  dans 
la  premiere  et  deuxieme  ed.,  par  les  17  premieres  dans  la  troi- 
sieme.  Le  poete,  apres  avoir  celebre  la  divine  origine  de  la 
poesie  (I — II)  et  de  fini  sa  täche  ideale  (III — VI),  passe  en  revue 
les  causes  qui  ont  entrave  sa  noble  activite  (VII — XVII).  La 
subtile  preciosite  de  quelques  symboles  cache  un  peu,  dans 
cette  derniere  partie,  l'enchainement  des  idees  et  lä  oü  il  parle 
des  vaines  lüttes  du  poete  contre  l'implacable  destin,  on  a 
cru  saisir  le  souvenir  nostalgique  d'un  joyeux  sejour  ä  Honfleur.^^) 
Mais  depouillees  du  symbole,  les  differentes  idees  se  groupent  pres- 
que  spontanement  pour  nous  repeter,  d'une  maniere  plus  concise, 
plus  personnelle,  plus  impressionante,  le  vieux  theme  si  eher  aux 
ämes  romantiques  de  Thomme  superieur,  de  l'elu  sur  qui  pese  la 
malediction  du  ciel.  Premieres  entraves  au  poete:  la  maladie 
et  la  misere.  II  est  malade  et  pauvre  au  physique;  infirme  et 
appauvri  au  moral.  C'est  du  fond  du  cceur  qu'on  tire  les  ma- 
teriaux  pour  les  edifices  poetiques;  il  faut  descendre  au  fond 
du  coeur  pour  y  puiser  le  vrai;  or  son  coeur  est  une  tombe,  un 
cloitre  odieux,  que  rien  n'embellit;  il  faudrait  pouvoir  ressembler 
aux  anciens  moines  qui  se  rendaient  dans  les  cimetieres  pour 


^)  XII,  La  vie  anterieure. 

^)  C'est  lä  une  opinion  de  Baudelaire.    Voyez  XCVIII,  La  Ranfon. 

^°)  Ourousof,  ouvr.  cit.,  pag.   14. 


L'archiiecture  des  ,,Fleurs  du  MaV\  23 

glorifier  la  mort.  De  plus  la  jeunesse  a  disparu.  Les  tempetes 
ont  detruit  le  jardin  de  son  genie  et  il  ne  sait  si  le 
terrain  desormais  aride  pourra  donner  aux  fleurs  qu'il  reve 
leur  aliment  mystique.  La  mort  approche,  une  mort  obscure; 
il  sent  que  tout  un  tresor  de  chants  restera  enfoui  au 
dedans  de  lui;  il  repete  avec  une  tristesse  infinie  Tancien  ars 
longa  vita  hrevis  et  il  reconnait  la  realite  d'un  destin  ineluctable, 
empoisonnant  nos  joies  les  plus  pures,  arretant  nos  plus  nobles  elans, 
comme  s'il  jalousait  notre  bonheur  et  craignait  notre  hardiesse. 
Infini  et  mystere,  contre  lesquels  Tenergie  qui  vit  en  nous,  infini 
et  mystere  eile  aussi,  nous  pousse  ä  une  lutte  eternelle.  Bohe- 
miens  en  voyage,  l'Homme  et  la  Mer,  Don  Juan  aux  Enfers, 
voilä  les  trois  tableaux  symboliques  representant  le  grandiose 
conflit.  Mais  plus  que  dans  l'homme  en  lutte  contre  la  mer,  plus 
que  dans  Theroique  indifference  de  Don  Juan,  nous  voyons  le 
mystere  de  Thomme  fatal  et  incompris,  revant  d'insaisissables 
choses,  dans  les  bohemiens  vagabonds 

Promenant  sur  le  ciel  des  yeux  appesantis 
Par  Ig  mornc  regret  des  chimeres  absentes.^^) 

Le  cycle  se  termine  par  un  ricanement.  Le  poete  qui  a 
senti  la  grandeur  et  la  dignite  de  l'eternelle  lutte  et  qui  a  donne 
a  son  Don  Juan  le  calme  dedaigneux  d'un  heros  enchaine  devant 
un  tyran,  sent  ä  la  fin  le  ridicule  de  Teternelle  defaite  et  donne 
au  pauvre  athlete  la  figure  du  vieux  docteur  dont  la  theologie 
a  trouble  la  cervelle.^^) 

Voilä  donc,  en  onze  poesies,  toute  la  douloureuso  tragedie 
du  rate.  Elle  semble  parfois  se  soulever  ä  une  signification 
plus  universelle  et  plus  iiaute  et  nous  croyons  entrevoir  ä  travers 
la  splendeur  des  symboles  philosophiques  toute  la  sanglante 
Opposition  de  la  realite  brutale  et  du  reve;  mais  c'est,  au  fond, 
Loujours  la  douleur  particuliere  de  Tartiste,  du  poete  surtout, 
tirant  de  sa  gangue  avec  peine  l'or  pur  de  la  parole  rythmee. 
Baudelaire  ecrit /a  il/u^ema/flrfe,  la  Musevenale\  il  clot  la  prcmiere 
ed.  de  son  ouvrago  par  la  Mort  des  artistes.  Jamais  l'essor  des 
jeuncs  ämes  vers  la  poesie  n'avait  ete  plus  general  ni  plus  ardent 
et  il  fallait  bien,  pour  peindre  au  vrai  les  agitations  et  les  melan- 
colies  de  la  jeunesse  du  tomps,  ne  pas  oublier  cette  fievre  d'art 
qui  etait  alors  et  sera  toujours  une  des  premieres  formes  oü 
se  realise  la  vague  aspiration  vers  l'ideal.  Mais  l'auleur  n'out 
pas  tant  insiste  et  avec  tant  d'amertume  s'il  se  fül  simplement 

")  Dans  Mon  coeur  mis  ä  nu,  pag.  114,  il  se  propose  de  cel^brer 
le  vagabondage.  C'est  ce  qu'il  fait  dans  ses  Petits  poemes  en  prose 
(XXXI,  Les  vocations). 

'■-)  Le  sonnet  Ä  Theod.  de  BanK'iUe,  ajoulö  dans  T^d.  posthuine, 
pr^cede  opportunt^ment  Chätiment  de  rorgueil.  La  sujct  est  le  mßme: 
on  porte  toujours  la  peine  de  loute  audace  horoique. 


24  L.  F.   Benedetto. 

ugi  d'une  etude  objective.  Rapproches  de  cette  partie  des  Fleurs 
du  Mal,  nombre  de  passages,  dans  sa  correspondance  et  ses 
ceuvres,  prouvcnt.  ä  n'en  pas  douter,  la  sincerite  de  sa  plainte. 
Un  cöte  tres  interessant  de  sa  vie  Interieure,  de  son  pessimisme, 
nous  apparalt.  On  constate  combien  il  a  souffert,  et  combien 
souvent,  du  doute  affreux  qui  a  ronge  tant  d'artistes.  II  n'a 
pas  la  foi  dans  son  genie.  II  a  peur  que  la  source  des  vers 
ne  soit  tarie  en  lui;  que  les  beaux  moments  qu'il  appelle  de 
sant^  poitique  n'aient  plus  ä  revenir.  Remarquez  cette  ex- 
prssion,  et  songez  que  Baudelaire  soutenait  la  souverainetö  de 
Timagination  dans  l'art,  et  la  possibilitö,  pour  une  volonte 
energique,  de  reveiller  et  regier  cette  faculte  presque  divine; 
songez  que,  par  principe,  il  ecartait  les  trouvailles  de  l'inspiration 
spontanee,  les  cadeaux  du  hasard.  La  sante  poitique  ne  signifiait- 
elle  pas  precisement,  pour  lui,  l'ivresse  creatrice  ä  laquelle 
allaient  ses  desirs  et  ses  regrets  d'artiste  ?  Baudelaire  n'a  pas 
dedaigne  la  gloire.  C'est  avec  tristesse  qu'il  congoit  Tidee 
d'une  destinee  obscure: 

Loin  des  sepultures  cüebres, 

Vers  un  cimetiere  isole, 

Mon  coeur  comme  un  tambour  volle 

Va  battant  des  marches  funebres.^^) 

et  une  perspective  d'annees  glorieuses  le  console,  lorsqu'il  fait 
ä  ses  journaux  intimes  ses  dernieres  confidences.  Mais  toujours 
il  aima  l'art  plus  que  l'applaudissement,  par  dessus  tout.  II 
souffrit  d'etre  ignore;  il  souffrit  plus  encore,  plus  tard,  de  ne 
pas  etre  compris;^^)  mais  sa  douleur  la  plus  grande  fut  de  ne 
pouvoir  arracher  ä  la  poesie  toutes  les  joies  reservees  aux  61us, 
de  sentir  mourir  peu  k  peu  en  lui  le  poete.  N'oublions  pas  que, 
alors,  l'art  representait  ou  rempla^ait,  pour  les  artistes,  la  famille, 
les  amis,  la  patrie,  la  beaute,  tout  en  somme;  et  nous 
comprendrons  entierement  cette  douleur. 

II  peut  paraitre  etonnant  que  Baudelaire  se  soit  lamente 
de  son  impuissance  d'artiste  dans  une  oeuvre  si  singuliere  de 
beaute  et  d'envergure.  Mais  les  Fleurs  du  Mal  n'etaient  ä  ses 
yeux,    lors   meme    de    leur   premiere    apparition,    qu'une    partie 


^^)  XI  Le  Guignon.  On  peut  voir  sur  les  sources  de  ce  sonnet 
J.  M.  B  e  r  n  a  r  d  ,  A  propos  d'un  sonnet  de  Baudelaire,  dans  la  Revue 
d'histoire   liüeraire  de  la  France,   1909,   XVI,  pag.   792/3. 

1*)  Dans  une  lettre  ä  Nadar  de  1859  (N  adar  ,  Charles  Baude- 
laire intime,  Paris  1911,  pag.  92  3):  «  .  .  .  il  t'a  pris  fantaisie,  ä  propos 
d'un  poete  beige  ou  polonais,  de  me  jeter  un  mot  desagröable  ä  la 
figure.  II  m'est  p6nible  de  passer  pour  le  Prince  des  Charognes.  Tu 
n'as  sans  doute  pas  lu  une  foule  de  choses  de  moi  qui  ne  sont  que  musc 
et  que  roses».  Et  en  1866  ä  M.  Ancelle,  touchant  les  Fleurs  du  Mal: 
«On  commencera  peut-etre  ä  les  comprendre  dans  quelques  ann6es». 


L'architecture  des  .,Fleurs  du  Mal''''.  25 

bien  petite  de  ce  qu'il  avait  projete.  Dejä  en  1853  il  exprimait 
ä  Poulet-Malassis  ses  regrets  d'avoir  ete  detourne  par  les 
malheurs  et  les  outrages  subis  dans  le  courant  de  l'annee, 
d'öcrire  trois  comedies  et  quatre  volumes  dejä  congus.^^)  II 
savait  d'ailleurs  que  son  livrc,  qu'il  publiait  ä  trente-six  ans, 
n'etait  pas  le  resultat  total  de  toute  une  jeunesse  laborieuse, 
mais  bien  plutöt  un  recueil  assez  banal  des  vers  germes  au  hasard 
dans  une  vie  mecontente  et  sterile,  recueil  qu'il  tächait  de  relever 
par  Toriginalite  piquante  et  vigoureuse  du  cadre.  II  a  eu  assez 
tot  la  conscience  de  son  impuissance,  si  le  portrait  de  Samuel 
dans  son  conte  juvenile  la  Fanfarlo,  est,  comme  on  le  croit, 
traee  d'apres  lui-meme.^^)  «Le  soleil  de  la  paresse  qui 
resplendit  sans  cesse  au  dedans  de  lui,  lui  vaporise  et  lui 
mange  cette  moitie  de  genie,  dont  le  ciel  l'a  doue.  Parmi  tous 
ces  demi-grands  hommes  que  j'ai  connus  dans  cette  terrible  vie 
parisienne,  Samuel  fut,  plus  que  tout  autre,  Thomme  des  belles 
Oeuvres  ratöes,  creature  maladive  et  fantastique,  dont  la  poesie 
brille  bien  plus  dans  sa  personne,  que  dans  ses  oeuvres  et  qui 
vers  une  heure  du  matin,  entre  Teblouissement  d'un  feu  de  charbon 
de  terre  et  le  tic-tac  d'une  horloge  m'est  toujours  apparu  comme 
le  Dieu  de  Timpulssance  —  dieu  moderne  et  hermaphrodite  — 
impuissance  si  colossale  et  si  enorme  qu'elle  en  est  epique.»  Les 
plaintes  se  fönt  de  plus  en  plus  frequentes  ä  mesure  que  les  annees 
s"en  vont.  Et  Ton  arrive  ä  la  lettre  qu'il  ecrit  ä  sa  mere  le  3  janvier 
1865,  quand  dejä  son  esprit  est  tout  rempli  de  pensees  funebres, 
lettre  qu'on  ne  peut  lire  sans  un  attendrissement  profond :  «Comme 
il  est  difficile,  non  pas  de  penser  un  livre,  mais  de  l'ecrire  sans 

lassitude ! G'est   lä   pour  moi,   maintenant,    une   idee   fixe, 

l'idee  de  la  mort,  non  pas  accompagnee  de  terreurs  niaises  —  j'ai 
tant  souffert  dejä  et  j'ai  ete  si  puni  que  je  crois  que  beaucoup 
de  choses  peuvent  m'etrc  pardonnees  —  mais  cependant  liaissable, 
parce  qu'elle  mettrait  tous  mes  projets  ä  neant,  et  parce  que 
je  n'ai  exöcute  encore  que  le  tiers  de  ce  que  j'ai  ä  faire  en  ce 
monde». 

II  s'est  souvent  cfforce  de  s'expliquer  ä  lui-meme  Thistoire 
de  son  talent,  de  justifier  ses  deconvenues  dans  le  domaine  de 
l'art.  Dans  les  Fleurs  du  Mal  il  envisage  le  probleme  sous  ses 
aspects  principaux;  d'abord  le  facteur  physiquo  et  le  facteur 
economique,  la  maladie  et  la  pauvrete;  apres,  les  facteurs  d'ordre 
moral,  le  contenu  restreint  de  son  äme,  sa  conception  trop  haute 
de  la  poesie.  Ailleurs  il  croit  avoir  trove  la  vraie  cause  de  sa 
8t6rilit6  littöraire  dans  sa  methode  de  travail,  dans  sa  haine  pour 
toute  Improvisation,  dans  le  soin  trop  minutieux  donn6  aux  d^tails, 
qui  le  faisait  rester  des  heures  sur    uno  page,    sur  uno  phrase, 

i'^)  Lettres,   IC  D6c.   1853. 
'«)  (Euvres,  IV,  pag.  388. 


2V)  L.   F.  ßenedetto. 

ä  Ja  rechorcho  (l'une  forme  plus  parfaite;  ai  les  Fleurs  du  Mol 
avaiont  puru  si  tard  co  n'etait  pas  uniquoment  par  la  pusillanimite 
dos  ödit(.'urs  quo  la  rarete  du  sujot  effrayait,  inais  aussi  panx' 
qu'il  vüulait  sc  presonter  ä  son  public  aussi  parfait  que  possiblc. 
De  lä  la  regle  qu'il  se  donno  dans  Fusees}'')  «Debüt  d'un 
roman,  commencer  un  sujet  n'importe  oü  et,  pour  avoir  envie 
de  le  finir,  debuter  par  de  Ires  belles  phrases»;  et  dans  Mon  ccpiir 
mis  ä  nu}^) :  «Se  mettre  tout  de  suite  ä  ecrire.  Je  raisonno 
trop».^^)  Peut-etre  n'a-t-il  pas  cu  Ic  courage  de  s'avouer  de 
plus  dures  verites,  d'admettre  la  naturelle  pauvrete  de  son  imagi- 
nation  verbale,  la  tenuite  de  son  souffle  createur.  On  a  pu  dire, 
et  non  sans  raison,  que  son  vrai  chef-d'ocuvre  ctait  une  traduction, 
la  traduction  d'E.  Poe.  II  lui  fallut  tomber  irremediablement 
de  la  poesie  ä  la  prose:  quclques-uns  des  Petits  pocmes  en  prose 
sont  des  fleurs  du  mal  qu'il  n'a  su  appeler  ä  la  vie  superieure 
de  la  poesie.  Meme  dans  Les  Fleurs  du  Mal,  on  apergoit  la 
tenuite  du  souffle.  II  est  naturel  que  certaines  idees  et  certaines 
images  y  maintiennent  par  leur  retour  l'unite  de  la  couleur;  il  en 
est  ainsi  de  la  mystique  metamorphose  de  tous  les  sens  en  un  seul,^*^) 
du  lent  corbillard  des  reves,^^)  du  debauche  qui  semble,  em- 
brassant  sa  belle,  embrasser  son  tombeau.^^)  Mais  plusieurs 
repetitions  semblent  plutöt  temoigner  d'une  imagination  peu  vivo: 

XXXI,    14  Et  le  ver  rongera  ta  peau  comme  un  remords, 

et  LV,  1 — 3  le   vieux,   le   long    Remords. 

Qui  vit,  s'agite  et  se  tortille 

Et  se  nourrit  de  nous  comme  le  ver  des  morts. 

XLI,  1 — 2   cette   tristesse   etrange 

Montant  comme  la  mer  sur  le  roc  noir  et  nu. 
et  LVI,  3  La  tristesse  en  moi  monte  comme  la  mer, 

XLIII,  3—4  ä  la  tres-belle 

Dont  le  regard  divin  t'a  soudain  refleuri. 

et  GXVII,  9—4  Fugitive  beaute 

Dont  le  regard  m'a  fait  soudainement  renaitre. 

LXVI,  3  Sois  charmante  et  tais-toi. 
et  XC,  2  Sois  belle  et  sois  triste. 


")  pag.  86. 

^8)  pag.  122. 

^^)  Ces  mots  ne  l'ont-ils  pas  penser  ä  Fr.  A  m  iel ,  Journal 
mime,  I,  90|1,  expliquant  sa  timidite  d'action  par  le  «developpement 
excessif  de  la  röflexion,  qui  a  reduit  presque  ä  rien  la  spontaneite, 
l'dan,   i'instinct,  et  par  lä  meme  l'audace  et  la  confiance»? 

20)  IV,  5/8;  XII,  lOjll;    XXIV,  17;    XLII,  21,24;    XLVIII,  3/4. 

21)  LXXX,  17;  LXXXIV,  11,12. 

22)  XXII,  19120;  XXV,  7/8;  XXXIII,  2. 


L'architecture  des  ,,Fleurs  du  Maf".  27 

XXVII,   8  Ces  yeux  sont  la  citerne  oü  boivent  mes  ennuis 
et  L,  14 — 11  Mes  songes  viennent  en  foule 

Pour  se  desalterer  ä  ces  gouffres  amers.^^) 
Ce  que  nous  venons  de  constater  n'a  pu  echapper  ä  l'oeil 
si  attentif  de  Baudelaire.  Mais,  lä  oü  nous  voyons  l'essence  d'un 
temperament,  il  ne  voyait,  lui,  que  des  accidents  fortuits.  Et 
il  demandait  ä  sa  volonte,  ou  parfois  ä  ropium,  de  corriger 
sa  lenteur  au  travail  en  reveillant  en  lui  sa  vraie  nature,  et 
excitant  sa  verve  assoupie.  Et  il  se  plaisait  ä  l'etude  des  forces 
ennemies  qui  lui  faisaient  echec. 

[J'abord  la  Muse  malade.  Ce  n'est  pas  une  nouvelle  edition 
d'une  poesie  de  Sainte-Beuve.^*)  Baudelaire  eut  bientöt  ä 
regretter  reellement  sa  sante  disparue.  II  portait  en  lui  d^  la 
naissance  un  germe  fatal,  puisqu'il  a  pu  s'expliquer  la  maladie 
dont  il  devait  mourir,  en  se  rememorant  la  trop  grande 
difference  d'äge  entre  ses  parents  et  la  demence  de  ses  ancetres, 
«Mes  ancetres,  idiots  ou  maniaques,  dans  des  appartements 
solenneis,  tous  victimes  de  terribles  passions»-^)  ecrit-il,  malade, 
sur  son  Journal.  La  faiblesse  organique  innee  ne  fit  que  s'accroitre 
dans  les  folles  annees  de  sa  vie  juvenile,  quand  il  predisait  en 
riant  sa  mort  prematuree."^)  Voulant  l'entrainer  ä  un  travail 
serieux,  ä  un  tour  de  force,  Mme  Sabatier  lui  disait:  «II  faudrait 
pour  cela,  renonceräTopium,  ä  toutes  les  fantaisies  qui  vous  passent 
par  la  tete  et  vous  accrochent  ä  chaque  pas.  Je  perds  mon  temps 
et  ma  peine  ä  vous  precher.»  II  faut  pourtant  se  souvenir  qu'il 
ne  recourait  pas  toujours  ä  l'opium  pour  rendre  plus  intense  la 
vie  du  reve  ni  pour  jouir  d'une  ivresse  delicieuse  des  sens,  mais 
quelquefois  aussi  pour  apaiser  la  douleur  physique.  La  faiblesse 
de  la  sante  fut  vraiment  un  serieux  obstacle  ä  son  activite  litte- 
raire;  eile  explique  aussi,  en  partie,  son  indecision,  sa  paresse, 
son  penchant  au  reve. 

Vient  ensuite  la  Muse  venale.  Baudelaire  se  peint  en  Chat- 
terton. Ici  il  nous  dit  sa  crainte  de  n'avoir  pas  un  tison  pour  chauf  fer 
sa  muse,  les  soirs  d'hiver^^),  lä  sa  honte  de  ne  pouvoirdonner  ä  la 
jolie  chanteuse  des  rues  le  bijou  de  vingt-neuf  sous  qu'elle  lorgne 
dans  une  vitrinc;^^)  nous  le  voyons,  le  menton  dans  les  mains, 
contempler  du  haut  de  sa  mansarde  les  ciieminees,  les  clochers 
et  les  cieux^^)  et  rouvrir  sur  l'horreur  de  son  taudis  les  yeux  encore 


^^)  Nous  allons  bientöt  parier  d'autres  repetitions  qui  sont  pro- 
bablement  des  correspondances  voulues. 

'^*)  Cela  a  et6  affirmö  par  M.  C  a  n  a  t ,  Du  sentiment  de  la  solitude 
morale  chez  les  romantiques  et  les  parnassiens,  Paris  1904,  p.  163. 

'^^)  Fusees,  pag.  84. 

-®)  (Euvr.  posth.,  pag.  54. 

2')  VIII,  La  Muse  venale. 

'^^)  CXII,  A   une  mendiante  rousse. 

29)  CVIII,   Paysage. 


28  L-  ^.   ßenedetto. 

öblouis  des  richesscs  prodigieuses  vues  en  songe.^^)  La  tradition 
romantiquc  a  ici  exerc^  son  influencc  et,  cvidemment,  inspirö 
I'üutrancfi  de  certains  traits;  mais  rinflucnce  do  la  r^alite  n'on 
est  pas  moins  certaine.  Apres  quelques  annees  d'unc  discrete 
aisance,  Baudelaire  se  trouva  engouffrö  irremediablement  dans 
un  tas  de  petites  dettes,  formant  un  total  d'un  peu  plus  de  vingt 
et  un  mille  francs.  II  ne  fit  pas  de  veritables  folies;  il  eut  toujours 
la  sörieuse  intention  de  payer  entierement  tous  ses  creanciers  et 
on  le  voit,  non  sans  admiration,  ä  la  veille  de  partir  ä  la  mer, 
fixer  dans  son  programme  deux  jours  entiers  au  calcul  complet  de 
se  dettes.  II  lui  arrivait  parfois  d'en  rire,  mais  sa  gaitö  cachait  des 
larmes.  Lisez,  par  ex.,  dans  ses  Conseils  aiix  jeunes  litUrateursJ^^) 
«N'ayez  jamais  des  cröanciers;  faitcs,  si  vous  voulez,  semblant 
d'en  avoir;  c'est  tout  ce  que  je  puis  vous  passer.»  Dans  lo  fait, 
la  lente  tragedie  des  continuels  denüments,  ne  laissa  pas  de 
contribuer,  plus  que  toute  autre  chose,  ä  sa  perte.  Une  grande 
partie  de  sa  correspondence  renferme  des  demandes  d'argent;  ä 
Ancelle,  ä  Poulet- Malassis,  ä  la  Societe  des  gens  de  lettres. 
Nous  avons  le  droit  de  soup§onner  des  crises  tres  serieuses,^^) 
et  meme  avant  l'apparition  des  Fleiirs  du  mal.  Nous  ne  parlons  pas 
de  ses  dernieres  annees,  quand  il  declarait  dans  son  Journal 
ne  pas  avoir  encore  connu  le  plaisir  d'un  plan  realise  et  retragait, 
par  des  notes  courtes,  coupees,  tragiques  le  vieux  reve  renaissant 
plus  fort  dans  Tavilissement  de  Tindigence:  «Gloire.  Payement 
de  mes  dettes.     Richesse  de  Jeanne  et  de  ma  mere.» 

On  comprend  aisement  que  tout  cela  ait  influe  sur  sa 
carriere  poötique,  soit  en  empirant  sa  sante,  soit  en  le  detournant 
vers  de  plus  humbles  travaux.  II  appelle  toutes  les  annees 
de  sa  jeunesse  «seize  ans  de  faineantise»  (1842 — 1858)  quoiqu'il 
ait  eu  alors  des  periodes  d'activite  indubitable.  Mais  c'etait 
pour  le  gain,  plus  que  pour  l'art.  L'art  ne  peut  pas,  croyait- 
il,  se  separer  de  la  richesse.  Le  luxe,  l'elegance  ont  ete  toujours 
pour  lui  l'ideal  de  beaute  traduit  dans  la  vie;  il  ne  cacha  jamais 
son  mepris  pour  les  poetes  qui  ne  se  souciaient  guere  de  se  faire 
un  milieu  poetique  et  il  alla  jusqu'ä  douter,  pour  cela  seul,  de 
la  räalite  de  leur  talent.  II  aima  morbidement  les  parfums, 
l'or,  les  gravures,  les  etoffes  de  soie,  les  dentelles,  les  vins 
capiteux.  Sa  muse  est  amante  des  palais^^)  et  le  transporte 
volontiers,  avec  sa  bien-aimee,  au  pays  de  Cocagne:^*) 
La  tout  n'est  qu'ordre  et  beaute; 

Luxe,  calme  et  volupte. 

Des  meubles  luisants 

Polis  par  les  ans, 

30)  CXXVI,  Reve  parisien. 
3')  CEuvres,  III,  pag.  287. 

32)  Voyez  la  lettre  ä  M.  Ancelle  du  24  D6c.  1855. 

33)  VIII,  cit. 

3*)  LIV,  L'Incitation  au  voyage. 


L'architecture  des  .,Fleurs  du  Mat\  29 

Decoreraient  notre  chambre; 
Les  plus  rares  fleurs 
Melant  leurs  odeurs 

Aux  vagues  senteurs  de  Tambre, 
Les  riches  plafonds, 
Les  miroirs  profonds, 

La  splendeur  Orientale, 
Tout  y  parlerait 
A  l'äme  en  secret 
Sa  douce  langue  natale. 

La  derniere  partie  du  livre,  la  Mort,  se  compose  dans  la 
premiere  edition  de  trois  seuls  sonnets:  la  Mort  des  Amants, 
la  Mort  des  Pauvres,  la  Mort  des  Artistes,  qui  ne  sont  pas  des 
visions  isolees,  des  confuses  Images  de  la  Mort,  mais  une  synthese 
finale  de  ce  que  le  mourant  a  desire  et  vainement  cherche  dans 
la  vie  et  qu'il  espere  maintenant  trouver  au-delä  de  la  tombe: 
avec  des  reves  d'amour  et  d'art  des  reves  de  richesse.^^) 

L'etrange  sonnet  Le  mauvais  Moine  apporte  une  nouvelle 
donnee  fundamentale  au  probleme  qui  nous  occupe,  et  nous 
ßuggere  une  Solution  plus  profonde,  fondee  sur  la  connaissance 
intime  de  l'äme  du  poete.  L'idee  principale  du  sonnet  ne  doit 
pas  nous  tromper.  Je  ne  crois  pas  que  le  poete  ait  fui  la  poesie 
pour  se  derober  ä  l'etude  douloureuse  de  lui-meme.  Certes,  la  longue 
analyse  de  ses  miseres  interieures  n'a  pas  ete  faite  sans  tristesse; 
Täme  qu'il  sondait  etait  trop  encombree  de  choses  mortes.  Mais 
Baudelaire  n'a  pas  ete  le  mauvais  moinc  evitant  peureusemcnt 


^*)  Baudelaire  voulant  attirer  particulierement  rattention  sur 
ces  trois  qualitös  de  son  personnage,  amant,  pauvre  et  artiste,  avait 
congu  une  nouvelle  po6sie  qui,  le  13  Mars  1860,  ötait  presque  termin^e: 
Plutufs,  U Amour  et  la  Gloire.  Peu  content  de  l'^laboration  poätique 
il  en  fit  un  de  ses  Petits  poemes  en  prose,  XXI,  Les  Tentation,  ou  Eros, 
Plutus  et  la  Gloire. 

II  ne  faut  pas  prendre  trop  au  serieux  la  petite  composition  cit«^e 
plus  haut,  Conseils  aux  jeunes  litterateurs,  ni  en  dMuire  que  Baudelaire 
n'a  pas  6t6,  vis-ä-vis  de  l'argent  un  idöaliste  raffinö,  mais  plutöt  un 
pur  philistin.  Maurice  S  p  r  o  n  c  k  ,  Les  artisles  litieraires,  Paris 
1889,  p.  97/8,  d6plore  qu'un  poete  d'une  si  ardente  spiritualit^  s'arrete 
ä  prouver  les  avantages  matöriels  de  la  poösie.  II  est  ais6  de  s'aper- 
cevoir,  d'abord,  que  le  poete,  jeune  homme  de  vingt-cinq  ans  posant 
en  conseiller  devant  ses  compagnons  de  mutier,  ne  voulait  ici  qu'elre 
piquant  et  spirituel ;  ensuite,  qu'il  ^tait  sous  l'influence  d'Eug.  Delacroix, 

ftour  qui  il  avait  alors  les  plus  vifs  enthousiasmes  et  dont  il  6crivait 
(Euvres,\ll,  p.  267):  «Delacroix  aimait  ä  fa^onner  de  ces  petits  catt^- 
chismes  de  morale  pratique  que  les  etourdis  et  les  faini^anls  qui  ne 
pratiquent  rien  altribueraient  d^daigneusement  c\  M.  de  la  Palisse, 
mais  que  le  g^nie  ne  m^prise  pas  parce  qu'il  est  apparentö  avec  la 
simplicitö;  maximes  saines,  fortes,  simples  et  dures,  qui  servent  de 
cuirasse  et  de  bouclier  k  celui  que  la  fatalit»^  de  son  g6nie  jette  dans 
une  bataille  perp^tuelle». 


;^0  /-   /''.   Benedetlo. 

le  cimetiöre,  oü  se  glorifie  la  mort.  Au  contraire:  il  s'y  est 
Hindu,  irresistiblomont  poussö  par  dos  bosoins  de  raison,  d'imagi- 
nation,  do  sontimont,  surtout.  Sa  raison  est  assez  forte  et 
pen<''lrante  pour  saisir  les  verites  les  plus  profondos,  mais  los 
problemos  qu'olle  prefero  sont  les  plus  compliques,  les  plus 
tourmontants,  les  plus  etranges,  les  mieux  aptes  ä  saisir 
l'imagination  et  troublor  Täme  entiere.  Car  il  ignore  ou  meprise 
los  sentiments  les  plus  simples  et  generaloment  les  plus  vifs, 
Pas  de  veritable  amour  pour  sa  mere  en  lui.  Sa  tendrosse  pour 
eile  deviont  dans  ses  dernieres  ann6es  intense  et  delicate;  il  fait 
des  programmes  de  vie  serieuse  et  active  dans  l'espoir  qu'elle 
puisse  jouir  de  son  changement;  il  recommande  ä  M.  Ancelle 
de  ne  pas  lui  laisser  deviner  rempirement  continuel  de  son  mal; 
il  prie  Dieu  le  soir  et  lo  matin  d'en  prolonger  rexistence.  Mais 
il  faut  tout  de  memo  remarquer  qu'il  a  vecu  toute  sa  vie  loin 
d'elle,  en  ennemi  et  qu'il  lui  revient  bien  tard  quand  tout 
s'äcroule  autour  de  lui  et  qu'elle  seule  lui  reste.  Ses 
amours,  ses  amities,  ses  enthousiasmes  sont  nes  en  majeure 
partie  de  son  imagination  et  de  sa  raison.  Les  sentiments  qu'il 
aime,  qu'il excite,  sontceuxquis'emparent  de  nous  completement 
et  ont  en  eux  quelque  chose  d'infini.  G'est,  par  exemple,  ce 
qu'il  appelle  «l'extase  de  la  vie».  II  ne  s'interesse  que  tres  peu 
ä  l'aeuite  de  la  Sensation  isolee,  bicn  qu'il  soit  merveilleusement 
doue  pour  le  plaisir  et  que  tous  ses  sens  soient  sains,  attentifs, 
vibrants;^^)  quoiqu'il  possede  des  l'enfance  le  goüt  des  images, 
des  couleurs,  des  lignes  et  que  les  sons  et  les  parfums  le  ravissent. 
II  raff  ine  sur  ses  sensations,  il  en  cree,  en  les  melant,  de  nouvelles, 
surtout  il  les  encadre  dans  des  idees  aussi  vastes  et  profondes 
que  possible;  il  augmente  par  le  haschisch  la  capacite  de  son 
ärae;  il  veut  en  somme  par  l'affinement  de  la  sensibilite,  l'abon- 
dance  et  l'harmonie  des  sensations  et  des  idees,  sentir  plus 
puissamment,  non  une  forme  particuliere  de  la  vie,  mais  la  vie. 
II  ecrit  dans  Fiisees'?'^)  «II  y  a  des  moments  de  l'existence  oü 
le  temps  et  i'etendue  sont  plus  profonds  et  le  sentiment  de 
l'existence  immensement  augmente.»  Et  ailleurs^^):  «Qui  n'a 
connu  ces  admirables  heures,  veritables  fetes  du  cerveau,  oü 
les  sens  plus  attentifs  per^oivent  des  sensations  plus  retentissantes, 
oü  le  ciel  d'un  azur  plus  transparent  s'enfonce  comme  un  abime 
plus  infini,  oü  les  sons  tintent  nusicalement,  oü  les  couleurs 
parlent,  oü  les  parfums  racontent  des  mondes  d'idees  ?» 


^®)  Les  Fleurs  du  Mal  ne  nous  temoignent  pas  seules  de  la  sen- 
sibilite du  poete;  on  peut  constater  d'apres  ses  travaux  critiques  qu'il  n'y 
a  pas  chez  lui  d'excitable  que  l'odorat,  mais  sa  vue  aussi  et  son  ouie 
n'avaient  pas  une  mediocre  puissance. 

3')  pag.  81. 

38)  (Euvres,  II,  pag.  243. 


L'archüecture  des  ..Fleurs  du  Mat\  31 

C'est  surtout  le  sentiment  du  mystere,  et  du  plus  grand 
de  tous,  la  mort.  II  en  aime  toutes  les  formes,  qua  ce  soit 
horreur  et  degoüt  devant  les  corps  en  pourriture,  ou  douceur 
de  regrets,  ou  dechirement  de  Tarne  lorsque  les  reves  s'effacent 
ou  tristesse  infinie  apres  les  vains  efforts  pour  renouveler  le 
passe.  II  cherche  volontiers,  seduit  par  le  parfum  que  les  vieilles 
amours  evaporees  ont  laisse  au  fond  des  ämes,  les  replis  les  plus 
Caches  et  les  plus  obscurs  de  la  conscience;  il  cherche  la  douceur 
des  couchants,  les  silences  des  nuits  de  lune,  la  lumiere  brumeuse 
et  melancolique  des  jours  d'automne.  Si,  comme  Obermann, 
il  adore  les  parfums,  c'est  sans  doute  pour  la  meme  raison  que 
lui,  ä  cause  des  sensations  plus  vagues  et  plus  mysterieuses 
qu'ils  evoquent.  Le  spectacle  de  la  destruction  physique 
ne  peut  ne  pas  l'attirer.  C'est  lä  surtout  que  l'eternel  ecou- 
lement  des  formes  apparait,  Les  autres  aspects  de  la  mort 
ne  secouent  pas  d'un  frisson  aussi  violent  tout  notre  etre,  ni  ne 
produisent,  comme  reaction,  un  plus  grand  elan  vers  l'absolu. 
L'idee  de  la  mort,  ainsi  entendue,  domine  dans  tout  le  volume. 
Qu'on  voie  surtout  le  groupe  central  de  poesies  qui  a  pour  titre  Les 
Fleurs  du  Mal.  L'appareil  de  la  destruction  s'agite  devant  le  poete 
arrive,  loin  du  regard  de  Dieu,  dans  les  plaines  desertes  de  l'ennui; 
il  lui  semble  parfois  qu'il  perd  son  sang  ä  flots  sans  reussir  ä  trouver 
oü  est  la  blessure;  il  voit  dans  l'ile  de  Venus  son  image  pendue 
ä  un  gibet  symbolique;  il  voit  l'Amour,  assis  sur  son  cräne, 
faisant  des  bulles  avec  son  sang,  avec  sa  chair,  avec  son  cerveau. 

Maint  ecoHer  hysterique  et  maint  grave  erudit  a  pourtant 
cru  que  tout  Baudelaire  etait  dans  la  Charogne  et  dans  les  Meta- 
morphoses  du  vampire.^^)  Et  un  des  plus  fins  critiques  trouva 
etonnant  le  desir  de  la  mort,  chez  Baudelaire,  c'est-ä-dire  chez 
un  homme  pour  qui  la  mort  n'etait  que  la  mort  visible  dans 
la  pourriture  des  corps,  la  mort  pergue  sur  le  cadavre  par  le  toucher 
et  Todorat.^*^)  Mais  il  suffit  de  lire  les  trois  dernieres  poesies 
du  livre,  la  Mort.  II  y  a  dans  les  deux  premieres  presque  une 
serenite  tombale  et  comme  un  calme  religieux  et  il  y  a  dans  le 
poeme  final,  le  Voyage,  le  desir  de  ce  qu'on  n'a  pas  connu,  de 


^^)  Parmi  ses  confreres  meme,  beaucoup  n'ont  pas  ete  ni  ne  sont 
pas  moins  myopes.  Rien  de  plus  savoureux,  par  ex.,  que  l'^clat  d'anti- 
baudelairisme  par  lequel  Joseph  Autran  clot  ses  courtes  notes  sur 
la  litt^'ature  frangaise:  «Ne  nie  parlez  pas  de  ce  poetöda.  Je  n'ai  jamais 
compris  la  faveur  dont  il  a  joui  aupres  de  certains  esprits:  je  ne  Tai 
comprise  du  moins  que  par  ce  d^plorable  attrait  de  la  corruption  souvent 
plus  fort  que  l'attrait  du  talent.  Pourquoi  n'en  pas  parier,  me  dit-on, 
il  a  fait  son  bruit.  J'en  conviens:  il  a  fait  son  bruit  comme  le  fou 
qui  ouvre  sa  fencli'c  et  adresse  aux  passanIs  de  bizarres  apostrophes, 
comme  le  d6bauche  qui  sort  la  nuit  d'un  nuuivais  licu  et  offense  par 
ses  Chansons  avinees  la  majestö  des  etoiles.» 

^^)  G.  Lanson.  Hist.  de  la  liii.  fnui^.     Paris  1906,  pag.  1043. 


:\2  /v.   I'\  Benedetto. 

ce  qui  n'est  plus  notre  vie  bornee  et  banale;  Ic  dösir  de  Tinfini 
et  de  I'öternel.  G'est  sous  une  forme  nouvelle,  le  reve  essentiel 
du  poßte: 

Au  dessus  des  etangs,  au  dessus  des  vallöes, 
Des  montagnes,  des  bois,  des  nuages,  des  mcrs, 
Par  dclä  le  solcil,  par  delä  les  ethers 
Par  delä  les  confins  des  spheres  etoilees, 

Mon  esprit,  tu  te  meus  avec  agilite 
Et  comme  un  bon  nageur  qui  se  päme  dans  l'onde 
Tu  sillonnes  gaiment  rimmensite  profonde 
Avec  une  indicible  et  male  volupte. 

Baudelaire  a  senti  et  affronte  le  mystere  qui  nous  entoure 
G'est  une  superiorite  qu'il  a  sur  des  genies  meme  tres  grands 
et  il  le  savait  quand  il  accusait  de  paresse  Voltaire  parce  qu'il 
haissait  le  mystere.  Mais  cette  supriorite  lui  a  ete  funeste. 
Une  fois  le  grand  probleme  apparu  ä  son  esprit,  son  äme  en  fut 
toute  absorbee  et  pour  toute  l'existence. 

On  voit  tout  de  suite  les  consequences  litteraires  de  ce 
romantique  temperament  si  Ton  ajoute  qu'il  n'  a  pas  ete,  comme 
poete,  profondement  et  moins  sincerement  romantique;  c'est  ä 
dire  que  son  art,  en  plus  de  la  spiritualite,  de  la  couleur,  de 
l'aspiration  vers  l'infini,  de  la  richesse  des  moyens  d'expression 
devait  avoir  comme  caractere  essentiel  l'intimite.^^)  II  ecrit 
ä  Mme  Sabatier:  «je  pense  ä  vous  en  vers.»^^)  L'intimite  de  sa 
poesie  la  porte  eile  aussi  ä  l'epuisement.  Nous  venons  de  voir 
que  son  experience  etait  d'autant  plus  etroite  que  sa  vie  interieure 
etait  plus  profonde  et  plus  intense. 

II  n'eut  qu'un  sujet.  II  dit  lui-meme  de  ses  Petits  poemes 
en  prose:  «En  somme  c'est  encore  les  Fleurs  du  Mal.»*^)  Et  en 
effet  tout  en  faisant  abstraction  de  l'intonation  commune,  ils 
peuvent  etre  consideres  comme  une  appendice  ou  une  suite  de  la 
partie  des  Fleurs  du  Mal  ayant  pour  titre  Tableaux  parisiens 
et  le  lien  etait  aussi  indique  par  le  nom  meme  que  leur  donna 
d'abord  le  poete:  Le  spieen  de  Paris.  Mais  il  y  a  un  lien  encore 
plus  fort:  quelques-uns  de  ces  petits  poemes  sont  de  simples 
variations  en  prose;*'*)  d'autres  etaient  destines  ä  faire  partie 
des  Fleurs  du  Mal  et  l'auteur  n'a  su  achever  leur  Elaboration 
poetique,*^)    h'Ivrogne,  drame  qui  obseda  longtemps  son  imagi- 

4^)  (Euvres,  II,  pag.  86. 

'»2)  Lettres,  9  Mai  1853. 

*^)  A  Jules  Troubat,  le  19  Fevr.  1866. 

**)  XIII,  Les  Veuves;  XVII,  Un  hemisphere  dans  une  chevelure; 
XVIII,  Uinvitation  au  voyage;  XXIII,  Le  crepuscule  du  soir. 

^^)  Nous  avons  dejä  vu  qu'on  peut  l'affirmer  de  Flatus,  VAmour 
et  la  Gloire;  qu'on  ajoute  Dorothee.  L'epilogue  en  ternaires  a  6U  conQu 
comme  devant  servir  de  conge  aux  Fleurs;  mais  apres,  heureusement, 
l'auteur  a  condamnö  la  bizarre  poesie  ä  clore  un  livre  de  proses. 


L'architecture  des  ..Fleiirs  du  Mal".  33 

nation  et  sur  lequel  il  bätit  tant  d'esperances,  a  comme  germe 
le  Vin  de  l'assassin  et  son  protagoniste  est,  de  meme  que  le  prota- 
goniste  des  Fleurs  du  Mal,  un  reveur  oisif.  II  medita  une  Fin  de 
Don  Juan,  mais  c'est  un  Don  Juan  parvenu  ä  la  melancolie  et  au 
spieen.  II  ebaucha  un  autre  drame,  Le  marquis  du  1^  Houzards, 
et  il  vit  specialement  dans  son  sujet,  comme,  au  fond,  dans  les 
Fleurs  du  Mal,  le  contraste  entre  les  deux  grands  principes,  entre 
Tange  hon  et  le  mauvais.  Incapable  de  depouiller  sa  propre 
personnalite,  dans  le  domaine  meme  de  Thistoire,  il  ne  s'interesse 
qu'aux  figures  oü  il  se  retrouve  tout  ou  en  partie  lui-meme.  II 
ecrit,  en  ecrivant  la  vie  d'E.  Poe,  une  grande  partie  de  sa  vie;*®) 
il  emploie  pour  Delacroix,  Manet,  Gautier,  Guys,  Wagner,  des 
expressions  que  le  critique  actuel  doit  repeter  pour  lui.  Tout, 
sous  sa  plume,  devient  autobiographique.  II  aspire  ä  une 
activite  originale  et  glorieuse;  il  tente  de  se  renouveler  et  il  ecrit 
dans  Fusees:  «Creer  un  poncif  c'est  le  genie.  Je  dois  creer  un 
poncif.»'*'')  Le  seul  poncif  qu'il  put  creer,  il  Tavait  dejä  cree 
depuis  longtemps:  Les  Fleurs  du  Mal.  Mon  cceur  mis  ä  nu, 
son  dernier  ecrit,  etait  destine  lui  aussi,  parait-il,  ä  une  elaboration 
artistique;  mais  comment  ne  pas  voir  que  ces  pauvrcs  notes, 
touchants  reflets  de  sa  bourrasquc  Interieure,  sont,  et  seraient 
mieux  encore  une  fois  elaborees  poetiquement,  des  Fleurs  du 
Mal  elles  aussi  ?  Un  exemple  suffit.  Dans  Mon  cceur  mis  ä  nu 
nous  lisons  cette  confession  saisissante  :'*^)  «Au  moral,  comme  au 
physique,  j'ai  toujours  eu  la  Sensation  du  gouffre,  non  seulement 
du  gouffre  du  sommeil,  mais  du  gouffre  de  Taction,  du  reve, 
du  Souvenir,  du  desir,  du  regret,  du  remords,  du  beau,  du 
nombre  etc.  J'ai  cultive  mon  hysterie  avec  jouissance  et  terreur. 
Maintenant,  j'ai  toujours  le  vertige  et  aujourd'hui  23  janvicr  1862 
j'ai  subi  un  singulier  avertissement:  j'ai  senti  passer  sur  moi  le 
vent   de    l'ailc    de    Timbecillite.»      Rhytmiquement   cadence,    ce 


*^)  Les  rapports  entre  E.  Poe  et  Ch.  Baudelaire  ont  ete  etudiös, 
Sans  la  profondeur  et  la  precision  que  m^ritait  le  beau  sujet,  par  Arthur-S. 
Patterson,  U  injluence  d' Edgar  Poe  sur  Ch.  Baudelaire,  Grenoble  1903. 
II  est  vrai  que  l'influence  du  conteur  americain  a  6t6  tres  grande  sui- 
le  poete  fran^ais  —  Baudelaire  meme  affirme  dans  un  passage  de  Mon 
cceur  que  Poe  et  De  Maistre  lui  ont  appris  k  raisonner  —  mais  il  n'est 
pas  moins  vrai  qu'une  ressemblance  extraordinaire  entre  leurs  tenipe- 
raments  naturels,  et  comme  une  harmonie  pr66tablie  entre  eux,  tout 
en  nous  expliquant  cette  influence,  en  diminue  ä  nos  yeux  la  valeur. 
Baudelaire  ecrit  k  Th.  Thorö  ces  paroles  qui  n'ont  pas  Vair  d'etre  une 
plaisanterie:  «Savez-vous  pourquoi  j'ai  si  patiemmont  traduit  Poe? 
Parce  qu'il  me  ressemblait.  La  premiere  fois  que  j'ai  ouvert  un  livre 
de  lui,  j'ai  vu  avec  ^pouvante  et  ravissement,  non  seulement  les  sujets 
reves  par  moi,  mais  des  P  hr  a  s  e  s  pens6es  par  moi  et  <?crites  par 
lui  vingt  ans  auparavanl». 

*')  pag.  85. 
*^)  pag.   119. 
Ztscbr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX'/'.  3 


'M  />.   ^.  Benedelto. 

passagc   devient  l'impressionnant  sonnet  de   Fleurs  du    Mal:    Le 
Goujfre : 

Pascal  avait  son  gouffre,  avec  lui  se  mouvant. 

—  Helas!  tout  est  abime  —  action,  desir,  reve, 
Parole!  et  sur  mon  poil  qui  tout  droit  se  relevo 
Mainte  fois  de  la  Peur  je  sens  passer  le  vent. 

En  haut,  en  bas,  partout,  la  profondeur,  la  greve, 
Le  silence,  l'espace  affreux  et  captivant. . . . 
Sur  le  fond  de  mes  nuits  Dieu  de  son  doigt  savant 
Dessine  un  cauchemar  multiforme  et  sans  treve. 

J'ai  peur  du  sommeil  comme  on  a  peur  d'un  grand  trou, 
Tout  plein  de  vague  horreur,  menant  on  ne  sait  oü; 
Je  ne  vois  qu'infini  par  toutes  les  fenetres; 

Et  mon  esprit,  toujours  du  vertige  hante, 
Jalouse  du  neant  Tinsensibilite. 

—  Ah  ne  jamais  sortir  des  Nombres  et  des  ßtresL... 


Nous  avons  dejä  vu  que  les  dernieres  poesies  du  cycle  de 
J'art  representent  Tinsucces  du  mystique  s'efforgant  d'echapper 
ä  l'etreinte  de  la  realite  et  de  se  soulever  dans  une  atmosphere 
ideale.  Pour  se  convaincre  qu'il  s'agit  toujours  du  poete,  il 
suffit  de  se  rappeler  les  pieces  par  lesquelles  s'ouvre  le  cycle, 
pieces  ou  l'auteur  exalte  l'origine  du  poete  et  sa  täche.  Nous 
y  trouvons  ceci,  que  le  moyen  pour  se  soustraire  au  poids  ecra- 
sant  du  reel  c'est  precisement  la  poesie.  Baudelaire  y  expose 
d'une  fagon  assez  claire  et  assez  complete  sa  conception  de  la 
poesie  et  du  beau.  Arretons-nous  un  instant.  II  faut  que  nous 
connaissions  au  juste  le  but  qu'il  se  proposait,  si  nous  voulons 
bien  comprendre  sa  plainte  de  ne  l'avoir  pas  atteint.     «C'est  ä 

la  fois  par  la  poesie  et  ä  travers  la  poesie que  l'äme  en- 

trevoit  les  splendeurs  situees  derriere  le  tombeau.  Et  quand 
un  poeme  exquis  amene  les  larmes  au  bord  des  yeux,  ces  larmes 
ne  sont  pas  la  preuve  d'un  exces  de  jouissance,  elles  sont  bien 
plutöt  le  temoignage  d'une  melancolie  irritee,  d'une  postulation 
de  nerfs,  d'une  nature  exilee  dans  l'imparfait  et  qui  voudrait 
s'emparer  immediatement,  sur  cette  terre  meme,  d'un  paradis 
revele.»  Ge  sont  des  paroles  d'E.  Poe  que  Baudelaire  a  fait 
siennes.  Habitue  par  son  education  romantique  ä  voir  dans 
les  poetes  des  etres  de  race  divine,  il  est  bien  naturel  que  la  poesie 
soit,  pour  lui  aussi,  un  ravissement  enthousiaste  de  l'äme  ä  des 
hauteurs  d'oü  l'on  jouit  dejä  des  splendeurs  non  terrestres.  II 
consacre  ä  cette  idee  les  premieres  images  de  son  li-sTe.  Le  poete, 
creature  du  ciel  exilee  sur  la  terre,  passe  au  milieu  des  derisions 
et  des  haines,  portant  au  front  la  serenite  de  sa  patrie  di\äne; 
meprise,  insulte,  albatros  tombe  de  l'azur  au  milieu  des  huees 


L'architeciure  des  ..Fleiirs  du  Mat\  35 

d'un  equipage,^^)  il  ne  voit  autre  chose  que  le  ciel  et  benit  Dieu.^) 
L'existence  de  la  terre  est  plus  lourde  pour  lui  que  pour  tout 
autre;  mais  lui  seul  peut  vivre  la  seconde  vie,  la  vie  heureuse 
de  Tesprit  aux  regions  de  la  splendeur  eternelle: 

Derriere  les  ennuis  et  les  vastes  chagrins 
Qui  chargent  de  leur  poids  l'existence  brumeuse, 
Heureux  celui  qui  peut  d'une  aile  vigoureuse 
S'elancer  vers  les  champs  lumineux  et  sereins! 

Cette  elevation  de  l'esprit,  cet  effacement  complet  de  tout 
souci  materiel,  ne  sont  que  l'accord  preparatoire  des  puissances 
de  l'äme  pretes  ä  rendre  les  voix  mysterieuses  des  choses  et  ä 
oelebrer  la  beaute. 

Dans  l'extase  mystique  l'esprit  devient  voyant.  Les  infinies 
oorrespondances  de  la  nature  se  revelent;  tout  acquiert  ä  ses 
yeux,  comme  autrefois  aux  yeux  du  croyant,  la  valeur  d'un 
Symbole ;  les  associations  se  fönt  plus  frequentes,  plus  inattendues, 
plus  rapides. 

Comme  de  longs  echos  qui  de  loin  se  confondent 

Dans  une  tenebreuse  et  profonde  unite, 

Vaste  comme  la  nuit  et  comme  la  clarte, 

Les  parfums,  les  couleurs  et  les  sons  se  repondent. 

Ce  n'est  pas  que  la  nature  devienne  pour  le  poete,  comme  un 
grammairien  pourrait  dire,  un  grand  magasin  de  metaphores.  II 
faut  saisir  sous  le  jeu  du  style  une  interpretation  plus  harmo- 
nieuse,  plus  profonde,  insolite  du  moins,  de  la  nature,  une 
faculte  exceptionelle  d'associer  entre  elles  les  sensations  les  plus 
eloignees,  de  fondr(>  ensemble,  a  un  feu  mystique,  le  sensible  et 
l'ideal.ö^) 


■*^)  Cette  Image,  que  Baudelaire  a  tres  originalement  renouvelee, 
est  familiere  aux  poetes  romantiques.  On  la  retrouve  encore,  assez 
peu  modifiee,  cliez  le  grand  champiun  du  naturalisme,  chez  E.  Zola, 
Docunients  lilleraires,  Paris  1881,  ]).  216,  ä  propos  de  G.  Sand:  «Elle 
ressemblait  ä  ces  oiseaux  de  mer  qui  marchent  si  difficilement  sur 
le  sable,  quand  ils  ahordent,  et  qui  retrouvcnt  leur  allure  ))uissante 
^'t  rapide,  des  qifils  hattent  les  eaux  immenses  de  leurs  pattes  et  de 
leurs  ailes». 

5")  Je  crois  que  cest  bien  cela  qui  a  donne  le  lilre  ä  la  piece  (Soye/. 
beni,  nion  Dieu,  qui  donnez  la  souffrance  ....)•  Suivant  M.  C  a  n  a  t , 
ouvr.  eil.,  p.  154,  et,  j)arait-il,  suivant  Theo.  Gautier,  les  Pleura 
(hl  Mal,  p.  30,  le  lilre  Benediction  vient  de  ce  que  le  poete  voit  sa  soul- 
l'rance  comme  une  bencdiclion  du  ciel. 

^')  Ce  qui  est  sur  tout  lrai>panl  et  caracteristique  en  Baudelaire 
est  Tassociation  des  sensations  ol facti ves  avec  les  autres  sensations. 
.Suivant  cerlains  critiques,  Baudelaire  n'a  pas  de  titre  plus  s^rieux 
devanl   la   posk^rit6! 

3* 


36  L.  F.  lienedetto. 

Quant  ä  la  bcautö,  on  ne  pcut  bien  saisir  la  conception 
quc  s'en  fit  Je  poete,  si  Ton  ne  fait  pas  auparavant  une  remarque 
ossentielle.  Pour  Baudelaire  le  poete  est  aussi  un  penseur,  ou, 
comrae  il  s'exprime,  un  alchimiste  de  la  pensee:  dans  quelques 
notes  autobiographiques,  qui  se  lisent  parmi  ses  ceuvres  pos- 
thumes,  il  observe  lui-memo  en  lui  cette  preoccupation  simultanee 
de  la  poesie  et  de  la  philosophie.  II  y  a  plus:  outre  que  pen- 
seur le  poete  pour  lui  est  un  homme  aussi;  dans  les  memes  notes 
il  parle  de  ses  efforts  pour  mettre  d'accord  son  ideal  avec  la  vie. 
Or  il  nepeut  ne  pas  aimer  la  beaute  physique  classique:  ce  serait 
ne  pas  rendre  liommago  ä  la  jeunesse,  ä  la  simplicite,  ä  la  poesie. 
ä  la  sante;  il  ne  peut  ne  pas  eprouver  un  frisson  d'epouvante 
lorsqu'il  compare  la  force  et  la  beaute  disparues  aux  ridicules 
monstruosites  de  son  temps.  Mais  si  la  beaute  classique  contente 
son  goüt  esthetiquc,  eile  ne  satisfait  pas  son  besoin  ardent,  assidu 
d'investigation,  de  penetration,  de  construetion  imaginaire: 
eile  ne  satisfait  pas  son  sentiment  d'homme  moderne.  II  aime 
lire  dans  les  traits  du  visage  la  vie  secrete,  l'histoire  compliquee 
de  Täme,  decouvrir  un  frere  de  douleur,  de  meme  qu'il  n'admire 
pas  dans  la  nature  le  grandiose  ou  le  suave  des  spectacles,  mais 
il  y  cherche  le  sens  cache  et  voit  dans  la  terre  une  continuelle 
all6gorie  de  ses  maux  ou  une  correspondance  du  ciel.  II  est 
partant  seduit  par  la  beaute  des  races  malades: 

Nous  avons  .  .  .  nations  corrompues, 
Aux  peuples  anciens  des  beautes  inconnues, 
Des  visages  ronges  par  les  chancres  du  coeur, 
Et  comme  qui  dirait  des  beautes  de  langueur. 

Mais  pourquoi  chanter  la  beaute  moderne,  ou  ce  qui  est  la 
meme  chose  pour  Baudelaire,  pourquoi  etre  poetes  romantiques. 
le  sujet  etant  plein  d'une  si  profonde  tristesse  ?  Le  poete  a  repondu 
dans  la  poesie  qui  suit:  Les  Phares.  Quel  que  soit  le  sujet,  l'art 
conserve  sa  prodigieuse  vertu  de  consolation  sur  les  coeurs  humains : 
il  change  l'horrible  en  beau;  il  excite  la  joie  par  la  representation 
de  la  souffrance ;  que  ce  soit  une  plainte  ou  un  hymne,  Tart  temoigne 
de  la  vie  superieure  de  l'esprit,  de  l'aspiration  eternelle  de  l'huma- 
nite  vers  une  beaute  ideale,  vers  Dieu: 

Ces  maledictions,  ces  blasphemes,  ces  plaintes, 
Ges  extases,  ces  cris,  ces  pleurs,  ces  Te  Deum, 
Sont  un  echo  redit  par  mille  labyrinthes: 
G'est  pour  les  coeurs  mortels  un  divin  opium! 

C'est  un  cri  repete  par  mille  sentinelles, 
Un  ordre  renvoye  par  mille  porte-voix: 
C'est  un  phare  allume  sur  mille  citadelles, 
Un  appel  de  chasseurs  perdus  dans  les  grands  bois! 


L'architecture  des  ,,Fleurs  du   MaV".  37 

Gar  c'est  vraiment,  Seigneur,  le  meilleur  temoignage 
Que  nous  puissions  donner  de  notre  dignite 
Que  cet  ardent  sanglot  qui  roule  d'äge  en  äge 
Et  vient  mourir  au  bord  de  votre  eternite! 

Les  six  premieres  Fleurs  du  Mal  contiennent  donc,  dans 
ses  grandes  lignes,  sa  conception  de  Tart.  Son  Beau  y  est  natu- 
rellement  defini.  Mais  une  nouvelle  exposition  de  sa  conception 
du  beau  phvsique  se  trouve  au  commencement  du  cycle  de  Tamour 
(XVII— Xfx  dans  la  F«  ed.;  XVII— XXI  dans  la  2"»«;  XVIII 
—  XXII  dans  la  3™®).  Ce  que  nous  venons  de  dire  rend  assez 
logiques  et  assez  claires  dans  leur  enchainement  les  pieces  intro- 
ductives  du  nouveau  cycle,  que  d'autres  ont  citees  pour  prouver 
que  Testhetique  baudelairienne  est  pleine  de  contradictions  et 
d'incertitudes.^2)  La  aussi  on  oppose  ä  l'ideal  classique  qui 
reraplit  d'admiration  le  poite,  l'ideal  romantique  qui  satisfait 
le  cceur  de  Vhomme,  «ce  cceur  profond  comme  un  abime«.  La 
seule  et  veritable  beaute  est  celle  qui  est  devant  l'imagination 
de  l'artiste,  pure,  majestueuse,  impassible,  semblable  ä  un  reve 
de  pierre :  Baudelaire  se  sert  pour  la  decrire  des  memes  expressions 
dont  se  sert  Lecomte  de  Lisle  pour  la  Venus  de  Milo: 

Je  hais  le  mouvement  qui  deplace  les  lignes; 
Et  Jamals  je  ne  pleure  et  jamais  je  ne  ris. 

C'est  lä  aussi  la  seule  beaute  qui  peut  s'appeler  eternelle, 
tout  homme  en  tout  temps  pouvant  la  comprendre:  ce  sont  les 
sentiments  surtout  qui  changent  et  en  eile  il  n'y  a  pas  de  sen- 
timent.  Mais  ä  cöte  de  cette  forme  universelle  et  imperissable,  vous 
voyez  mille  formes  particulieres  et  caduques,  durant  ce  que  dure 
une  flottante  attitude  du  sentiment  dans  un  court  moment  de 
l'histoire.  C'est  pourquoi  La  Beaute  est  suivie  de  l'ideal  et  de 
la  G^ante  et,  dans  la  troisieme  edition,  du  Masque,  accuse  ä  tort 
par  M.  Ourousof,  qui  n'a  pas  compris  ici  le  vrai  criterium  de  la 
distribution,  d'affaiblir  un  peu  l'unite  du  cycle  en  y  melant 
dejä  l'ennui  de  la  vie.  La  beaute  qui  peut  satisfaire  un  cceur 
moderne  tel  quo  celui  du  poete,  ne  garde  du  type  classique  que 
la  majeste  des  formes.  La  Giante,  une  des  plus  ancienncs  poesies 
de  Baudelaire  qu'attira  ici  le  dernier  vers  de  la  poesie  pr^cedente, 
n'est  qu'un  magnifique  enfantillage,  et  ne  dit  rien  que  ne  dise 
dejä  VIdeal  par  les  deux  majestueux  sj-mboles  de  Macbeth  et 
de  la  Nuit: 

Ce  qu'il  faut  ä  ce  cceur  profond  comme  un  abime, 
C'est  vous,  Lady  Macbeth,  äme  puissante  au  crime, 
Reve  d'Escliyle  eclos  au  climat  des  autans; 


*)  Spronck,  ouvr.  cit.,  pag.  92  et  suiv. 


38  /-    /'.    /Irnedetlo. 

Ou  bien  toi,  grande  Nuit,  fille  de  Michel-angc, 
Qui  tors  paisiblement  dans  une  pose  etrange 
Tes  appas  fa^onnes  aux  bouches  des  Titans. 

En  conclusion,  un  etre  ayant  Ic  corps  ot  l'ämc  vaillants. 
alliant  le  mystere  ä  l'etrangete.  Le  Masque  ajouto  im  elemont 
nouveau:  la  douleur. 

Le  Beau  dont  on  parle  ici,  dans  un  chapitre  qui  precede  des 
poemes  d'amour  est  evidemment  le  ßeau  physique,  mais  les 
memes  choses  peuvent  s'entendre  du  Beau  en  general,  le  beau 
de  Baudelaire  etant  exclusivemcnt  le  beau  liumain,  le  beau 
psychologique  surtout.  Et  en  eifet  il  ne  parle  pas  autrement 
quand  il  ecrit  plus  tard  dans  Fusees:  ^^'^}  «J'ai  trouve  la  definition 
du  Beau,  de  mon  Beau.  G'est  quelque  chose  d'ardcnt  et  de 
triste,  quelque  chose  d'un  peu  vague  laissant  carriere  ä  la  con- 
jecturc  ....  Le  mystere,  le  regret  sont  aussi  des  caracteres 
du  beau  ....  Je  ne  pretends  pas  que  la  Joio  ne  puisse  pas 
s'associer  avec  la  Beaute;  mais  je  dis  que  la  Joie  est  un  des  orne- 
ments  les  plus  vulgaires,  tandis  que  la  Melancolie  en  est  pour 
ainsi  dire  Tillustre  compagne,  ä  ce  point  que  je  ne  concois  guere 
(mon  cerveau  serait-il  un  miroir  ensorcele  ?)  un  type  de  Beaute 
oü  il  n'y  ait  du  malheur».  Et  un  peu  auparavant^*) :  «Ce  qui  n'est 
pas  legerement  difforme  a  l'air  insensible,  d'oü  il  suit  que  l'irre- 
gularite,  c'est-ä-dire  l'inattendu,  la  surprise,  l'etonnement  sont 
une  partie  essentielle  et  la  caracteristique  de  la  beaute.» 

G'est  donc  dans  Tintuition  surnaturelle  de  la  realite  inanimee, 
dans  Texpression  de  la  beaute  humaine,  dans  l'action  consolatrice 
que  consiste,  suivant  Baudelaire,  la  triple  fonction  de  Tart.  G'est 
surtout  ä  l'expression  de  la  beaute  humaine  qu'il  aima  consacrer 
ses  forces  d'artiste.  Porte  par  les  quahtes  de  son  esprit  ä  une 
continuelle  introspection,  sincerement  epris,  malgre  ses  frequentes 
execrations,  de  sa  ville  et  de  son  temps,  il  prit  pour  sujet  d'etude 
l'homme  moderne.  II  vit.  pour  me  servir  d'une  de  ses  phrases. 
que  celui-lä  surtout  serait  un  grand  peintre  qui  reussirait  ä  rendre 
le  cöte  heroique  de  nos  cravates  et  de  nos  chaussures  de  vernis. 
«Le  choix  des  sujets  c'est  l'homme  »dit-il,^°)  et  la  chose  est  speciale- 
ment  vraie  de  lui.  Etudier  l'homme  moderne  c'etait  s'etudier 
soi-meme.  Dans  l'analyse  continue  de  son  cceur,  il  eut  des  mo- 
ments  d'un  goüt  artistique  plus  pur,  d'une  sensibiUte  fantastique 
plus  aigue,  des  moments  d'inspiration,  de  sante  poetique,  oü  sa 
Vision  a  ete  plus  süre  et  plus  pleine;  les  Fleurs  du  Mal  sont  la 
cristallisation  de  ces  intuitions. 

Le  beau  qu'il  decou\Tit  en  contemplant  les  aspects  de  l'äme. 
que  jusque  lä,  par  un  facile  hommage  ä  la  tradition  classique, 


53)  pag.  79/80. 

5*)  pag.  78. 

^^)  CEiivres,  III.  430. 


L'architecture  des  ..Fleurs  du  Mat'.  39 

on  avait  laisses  inexplores,  avait  toutes  les  principales  qualites 
de  son  beau:  Tetrangete,  le  mystere,  la  passion  ardente,  la  douleur. 
II  n'idealisa  pas  les  choses  laides.  II  dit  sans  hypocrisie  les  as- 
pirations  steriles  d'une  race  epuisee  et  malade,  les  lächetes,  les 
chutes,  l'angoisse  des  lentes  agonies;  mais  il  dit  aussi  les  haines 
puissantes,  les  abimes  insondables,  le  grandiose  du  martyre; 
et  en  figurant  riiomme  moderne  il  figura  quelquefois  Hamlet  ou 
Satan.  Si,  par  une  metaphore  dans  le  goüt  de  son  temps,  il  eüt 
voulu  exprimer  l'essence  de  son  volume,  il  eüt  peut-etre  parle 
d'un  coucher  de  soleil  languissant,  orageux,  avec  de  grands  nuages 
que  sillonnent  des  eclairs. 

Maintenant  en  quelle  mesure  la  beaute  qu'il  realisa  dans 
ses  vers  approche-t-elle  de  l'ideal  theoriquement  congu  ? 

Baudelaire  a  su  respecter  assez  le  caractere  harmonique  de 
la  beaute.  Le  principal  but  de  notre  etude  est  de  relever  ce 
caractere  special  de  son  oeuvre,  montrant  combien  de  soins 
il  a  apportes  ä  la  structure  generale.^^)  Mais  son  instinct  de 
l'ordre,  de  Tharmonie  ne  se  revele  pas  uniquement  dans  le  plan, 
surplus  ajoute  apres  coup.  La  meme  arcbitecture  que  nous 
revele  l'ensemble,  parait  aussi  bien  dans  la  composition  de  chaque 
poesie,  et  c'est  lä  la  vraie  creation  de  Baudelaire,  dans  le  petit 
poeme  court,  acheve,  profond  et  suggestif;  plus  suggestif  dans 
ses  etroites  limites  que  ne  le  sont  les  grands  poemes,  de  meme 
qu'un  morceau  de  ciel  vu  entre  deux  cheminees,  deux  rochers 
ou  ä  travers  une  arcade,  donne  une  idee  plus  profonde  de  l'infini 
que  le  grand  panorama  vu  du  haut  d'une  montagne.^^)  Tous 
les  poemes  sont,  comme  l'oeuvre  entiere,  dramatises,  c'est-ä-dire 
que  Tidee  principale  en  eonstitue  toujours  le  denouement  et  vient 
ä  la  fin,  dans  le  dcrnier  ou  dans  les  derniers  vers,  expliquer  le 
sonnet  en  le  tcrminant.  Tout  en  preparant  peu  ä  peu  le  lecteur 
ä  la  Vision  finale,  il  fait  en  sorte  que  la  derniere  idee  produise 
toujours  en  arrivant  une  agreablc  surprise  et  laisse  derrierc  eile 
par  Tintensite  de  l'impression  un  long  echo. 

Etonner  et  suggerer,  voilä,  en  effet,  les  deux  regles  fun- 
damentales de  la  poetique  baudelairienne.  II  est  naturol  qu'il 
cherche  i'etonnement:  nous  avons  dejä  vu  que  l'etrange  est  p(uu- 


^^)  D'autres  poetes  se  sont  evorlues,  avant  lui.  trinliiKluiro  dans 
un  recueil  de  poesies  lyriques  l'unite  d'un  poömo;  leui's  pauvres  tenta- 
tives  fönt  appr^cicr  l'habiletö  de  notre  ^orivain.  Qu'on  voit,  par 
ex.,  le  Marcel  de  Le  Flaguais,  traitant  lo  niöino  sujot.  lo  mal  du 
siecle. 

^'^)  C'est Baudelaire  mt'me  qui  s'est  seivi  de  cetto  innige,  Leiires, 
p.  238-9,  19  F^vr.  1800,  en  la  tournant  contre  les  longs  poemes, 
«ressource  de  coux  qui  sont  incapables  d'en  faire  de  courlS'^.  Dans 
l'emploi  du  petit  poeme  symbolique  et  pliilosophique  il  est  le  disciple 
de  Vigny,  duquel  le  rapproche  aussi  parl'ois  la  rüde  energie  et  le 
pessimisme  d(^sol^. 


40  L.   f.   ßenedellu. 

lui  uno  des  partics  integrantcs  du  beau.^^)  Et  il  n'est  pas  moins 
naturel  qu'il  tächc,  lui,  lo  poete  de  TElevation  et  des  Phares,  de 
tenir  longtemps  le  lecteur  par  le  prestige  du  vers  dans  les  regions 
de  la  fantaisie  et  de  la  pensöe,  meme  quand  la  courte  joie  de  l'etonne- 
ment  est  finie. 

Tout  le  monde  connait  scs  plus  admirables  poemes  oü  les 
deux  fins  d'etonner  et  de  suggerer  ä  la  fois  sont  atteintes.  II 
adopta  avec  enthousiasme  la  tournure  satanique,  parce  qu'il 
croyait,  assaisonnant  de  burlesque  l'idee  tragique,  faire  rire  et 
mediter  en  memo  temps.     II  y  reussit  quelquefois. 

II  decrit  dans  un  de  ses  meilleurs  sonnets,  la  terreur  du 
mystere,  la  peur  dont  est  saisi  en  tout  lieu,  en  tout  temps  Thorame 
qui  leve  ses  yeux  au  ciel,  et  termine  ainsi  (LXXXVII): 
Le  ciel  couvercle  noir  de  la  grande  marmite 
Oü  bout  rimperceptible  et  vaste  humanite. 

Et  dans  le  Goüt  du  niant,  avec  un  satanisme  froid,  amer, 
d'effet  profond,  vraie  ironie  vengeresse  du  Vaincu: 

Je  contemple  d'en  haut  le  globe  en  sa  rondeur 
Et  je  n'y  cherche  plus  l'abri  d'une  cahute! 
Avalanche,  veux-tu  m'emporter  dans  ta  chute  ? 

Mais  trop  souvent  la  recherche  de  l'effet  est  excessive;  cer- 
tains  rapprochements  d'idees  tout-ä-fait  disparates  se  reduisent 
ä  un  jeu;  la  pensee  reste  inerte.  ^ 

Pour  etonner,  Baudelaire  n'a  pas  que  la  disposition  drama- 
tique  de  ces  pieces,  la  nouveaute  et  la  bizarrerie  des  Images.  Ge 
qu'il  y  a  surtout  de  stupefiant  chez  lui  c'est  la  justesse,  la  propriete, 
la  force  evocatrice  du  mot:  aucune  minutie  n'est  negligee,  ou 
pour  mieux  dirc,  il  n'y  a  pas  de  minuties  pour  lui;  la  pensee  est 
dense  dans  les  phrases  nettes,  concises,  nerveuses,  intenses,  ine- 
xorables,  oü  le  rhytme  doux  corrige  la  forme  crue.  Cela  devait 
etre,  par  sa  conception  de  l'art,  pai'  le  choix  du  sujet,  surtout  par 
sa  haine  du  superficiel  et  du  commun.  Continuant,  avec  quelques 
convaincus,  les  meilleures  traditions  romantiques,  retablissant 
le  culte  de  la  forme  belle,  forte,  sincere,  il  prevoyait  tout  l'effet 
que  feraient  ses  vers  sur  la  plus  grande  partie  du  public  accou- 
tume  au  style  simple,  courant,  flasque,  monotone  et  pödestre. 
II  en  voulut  ä  mort,  toute  sa  vie,  au  «style  coulant».  II  s'en  souvenait, 
quand  il  rassemblait  dans  une  seule  phrase,  bien  connue,  toutes 
ses  antipathies  los  plus  fortes:  «Excepte  Chateaubriand,  Balzac, 

58)  Voyez  aussi  (Euvres,  II,  258,  Salon  de  1859:  «Le  desir  d'etonner 
et  d'etre  ötonne  est  tres  legitime —  It  is  a  happiness  to  wonder  —  c'est 
un  bonheur  d'etre  etonne  — ;  mais  aussi  —  it  is  a  happiness  to  dreani 
—  c'est  un  bonheur  de  rever  .  .  .  Par  ce  que  le  beau  est  toujours  eton- 
nant,  il  serait  absurde  de  supposer  que  ce  qui  est  etonnant  est  toujours 
beau»  Et  dans  les  Petits  poemes  en  prose,  p.  79:  «L'etonnement,  l'une 
des  formes  les  plus  d^lirates  du  plaisir». 


L' architedure  des  .,Fleurs  du  Mal''.  41 

Stendhal,  Merimee,  de  Vigny,  Flaubert,  Banville,  Gautier,  Le- 
<3onte  de  Lisle,  toute  la  racaille  moderne  me  fait  horreur,  vos 
academiciens  horreur,  le  style  coulant  horreur,  le  progres  horreur. 
Ne  me  parlez  jamais  des  diseurs  de  riens.» 

La  seconde  täche,  celle  de  faire  mediter  et  rever,  etait  plus 
delicate  et  plus  difficile  ä  remplir.  Baudelaire  resout  le  problöme 
par  le  lyrisme  et  la  spirituahte  du  sujet,  surtout  par  la  musique 
particuliere  du  vers.^^)  On  ne  peut  definir  cette  musique  etrange, 
caressante;  eile  penetre  en  nous  et  reveille  des  echos  longs  et 
profonds.  Nee  d'un  travail  patient  et  reflechi  d'aUiterations  et 
d'assonances ,  ou  sortie  spontanement  de  l'äme  avec  la 
parole,  eile  est  vraiment  le  fluide  vital  des  Fleurs  du  Mal  et  de 
beaucoup  d'entre  les  Petits  poemes  en  prose.  Elle  integre  rou\Tage, 
oertains  etats  d'äme  ne  pouvant  se  percevoir  que  par  une  intuition 
musicale;  et  en  prolonge  le  retentissement  dans  nos  ämes  et  la 
vie  dans  le  temps. 

La  beaute  reaUsee  par  Baudelaire  est  donc  majestueuse, 
etrange,  tronant  dans  l'azur.  Cela  eüt  du  suffire  si  Baudelaire, 
tout  en  se  declarant  pour  la  beaute  romantique,  n'eüt  pas  cesse 
de  regretter  ce  qui  lui  semblait  le  supreme  caractere  du  grand 
art:  la  serenite,  Timpassibilite  inalterable.  Le  grand  poete 
lyrique  craignait  que  des  eris  trop  personnels  ne  rompissent  la 
superficie  calme  de  roeu\'Te.  Doute  etrange,  qui,  pour  decou- 
rager  l'ecrivain,  s'ajoutait  ä  la  conscience  de  n'avoir  pas  toujours 
realise  au  degre  souhaitable  les  autres  caracteres  de  la  beaute. 

On  vient  de  voir  pourquoi  le  poete  n'a  pu  trouver  dans 
Tart  un  remede  ä  Tennui.  Nous  comprenons  maintenant  son 
invocation  touchante  :*'^)  «Arnes  de  ceux  que  j'ai  aimes,  ämes 
de  ceux  que  j'ai  chantes,  fortifiez-moi,  soutenez-moi,  eloignez  de 
moi  le  mensonge  et  les  vapeurs  corruptrices  du  monde,  et  vous 
Seigneur  mon  Dieu,  accordez-moi  la  gräce  de  produire  quelques 
beaux  vers  qui  me  prouvent  ä  moi-meme  que  je  ne  suis  pas  le 
dernier  des  hommes,  que  je  ne  suis  pas  inferieur  ä  ceux  que  je 
meprise.o  Ces  mots  nous  resumcnt  tout  un  drame,  le  drame  de 
la  premiere  et  de  la  plus  grave  döception. 

Ij'Amoiir. 

L'amour  aussi,  tout  en  lui  procurant  quelques  instants 
d'oubli,  est  une  nouvelle  deception.  Le  sujet  du  nouveau  cycle 
ne  consiste  pourtant  pas  tout  entier  dans  les  tourments  d'un 
amour  inassouvi.  Une  idee  nouvelle  domino,  collo  qu'enformait 
dejä  le  cycle  de  l'art  et  que  le  sonnet  A  Tii.  de  Bamnlle  expri- 
mait  si  nettement,  l'id^e  de  la  destruction: 


^^)  A,  Cassagne,    Metrique  et  versification  de  C/i.   Baudelaire, 
Paris  1904,  a  6te  beaucoup  trop  severe  envers  notre  poete. 
^^)  Petits  poimes  en  prose,  pag.  2G. 


42  f-    /•'.   /ienedello. 

I'oetc,  notre  nnng  nous  fiiil   p.'if  cluiqui'   [)ori'. 

Co  n'cst  pas  seulemont  la  doulcur  do  cliorclicr  fn  vair: 
dans  la  realite  cctte  beaute  et  cet  amour  que  son  imagination 
caressc  —  et  dont  il  ne  nous  sera  pas  difficilo  do  retrouvcf 
les  caraclercs  cssontiols  dans  Ics  femmos  qii'il  a  aimees  —  r'cst 
surtout  le  regret  do  la  dostruction  l'aLalo  apres  la  floraison  du 
reve.  ßaudolaire,  en  terminant,  dans  la  deuxiemo  ödition.  U- 
chapilre  introductif  du  cyclo  i\e  Tamour  par  VHymne  a  lo 
beaute,  y  annon^ait  lo  sujet  complexc  du  cyclo.  L'Hymne  d  la 
heautS  n'est  pas  rapothooso  d'uno  femme  particuiiero;''^)  c'est 
riiymne  ä  la  i'ommo,  ä  la  boautö  cn  göneral,  qui  est  ciel  et  abimt'. 
couchant  ot  aurore  ä  la  fois. 

Que  tu  vionnes  du  ciol  ou  do  Tonior,  qu'importe, 
0  Boautö!  monstro  enorme,  effrayant,  ingenu! 
Si  ton  ocil,  ton  souris,  ton  pied,  m'ouvrent  la  porto 
D'un  infini  quo  j'aime  ot  n'ai  jamais  connu  ? 

Do  Satan  ou  do  Dieu,  qu'importe!    Ange  ou  Sirene, 
Qu'importe,  si  tu  rends  —  fee  aux  youx  de  velours, 
Rhytme,  parfum,  lueur,  6  mon  unique  reine!  — 
L'univers  moins  liideux  ot  los  instants  moins  lourds  ? 

Dans  l'edition  posthume,  le  cyclo  de  l'Amour  est  nottement 
söpare  de  celui  du  Spleen.  Le  poeme  LXI,  Vers  pour  le  portrait 
d'Honore  Daiimier,  sert  evidemmont  ä  prefacer  une  nouvelle 
partie  de  l'oeuvro.  L'autour  avertit  que  la  peinture  energique 
du  mal  prouve  la  bonte  du  peintre,  lä  oü  commence  la  vraio 
doscription  du  mal.*^^)  D'apres  l'ordro  suivi  dans  la  redaction 
definitive,  on  peut  croiro  quo  lo  douxieme  cyclo  so  torminait, 
dans  la  premiero  edition,  par  la  poesie  LI,  Causerie:  les  poesies 
qui  vonaient  apres  Causerie  appartionnont  toutes,  dans  la 
troisieme  edition,  au  cyclo  du  Sploon.  L'ancienno  distribution 
est  importanto.  II  suffit  d'un  regard,  si  Ton  fait  abstraction 
des  poesios  ajouteos  plus  tard  (LVI — LIX  dans  la  2^  ed.; 
LVII — LX  dans  la  3^),  pour  s'assurer  que  les  trois  sections, 
qu'a  confusemont  entrevues  M.  Ourousof,  existent  reoilement. 
L'imagination  du  poete  est  successivement  dominee  par  trois 
l'ommos  dont  chacune  inspire  un  groupe  particulier  do  poesies 
et  presente  uno  physionomio  assez  nottement  caracterisee. 
Dans  les  editions  plus  recontes  d'autros  figuros  de  femme  passent 
devant  les  youx  du  locteur;  on  domoure  incertain,  ä  la  premiere 

'■'*)  Ainsi  croit  M.  Ourousof,    ouvr.  cit.,  pag.  32. 

^^)  Qu'on  remarque  combien  cette  petite  poesie  approche  par 
le  sens  de  V Epigraphe  pour  un  livre  condamne,  placke  eile  aussi  comme 
une  pr6face  au  seuil  de  la  section  centrale,  Les  Fleurs  du  Mal. 


L'architecture  des  ,,Fleurs  du   .Mat\  43 

lecture,  si  elles  sont  ou  ne  sont  pas  les  anciennes;  et  cette  in- 
certitude  rend  moins  nette  la  vision  du  cycle  entier.  Nous 
donnerons  un  nom,  pour  etre  plus  clairs,  aux  differentes  sections 
et  nous  les  appellerons  respectivement,  dans  notre  etude,  de  la 
Venus  noire  (XX— XXXV  dans  la  F«  ed.;  XXII— XXXIX 
dans  la  2®;  XXIII — XL  dans  la  3^),  de  la  femme  consolatrice 
(XXXVI— XLIV  dans  la  l""^  ed.;  XL— XL  VI  II  dans  la  2^ 
XLI — XLIX  dans  la  3^),  de  la  femme  aux  yeux  verts  (XLV — LI 
dans  la  F^  ed.;  XLIX— LVI  dans  la  2^  L— LVII  dans  la  3^). 
La  premiere  des  ensorceleuses  est  la  fee  noire.  Nous  allons 
voir  combien  l'histoire  de  cet  amour  est  continuc  et  com- 
plete.  II  nait  de  la  majeste  naive  de  son  corps,  de  sa  splendeur 
d'ebene,  du  scintillement  froid  de  ses  yeux;  de  l'impalpable 
mystere  qui  l'enveloppe;  tout  en  eile  est  enigme  bizarre,  tout, 
de  la  peau  brune  et  de  Täcre  parfum  des  cheveux  a  l'indolence 
des  mouvements,  ä  la  tristesse  taciturne. 

Et  t'aime  d'autant  plus,  belle,  quo  tu  mo  fuis.^^) 

Ce  vers,  qu'un  certain  critique  a  qualit'ie  d'incomprehen- 
sible,^^)  fait  allusion  evidemment  ä  cette  mysterieuse  etrangete 
dont  nous  venons  de  parier.  Fuir  n'y  peut  avoir  sa  signification 
naturelle,  la  meme  femme  etant  saluee  dans  le  vers  suivant 
comme  Fornement  des  nuits  du  poete. 

Car  eile  a  la  mecanique  animalite  de  l'instinct  et  l'instinct 
est  en  eile  cruel  et  insatiablc.  Elle  boit  avec  ferocite  le  sang 
du  mondc;  ses  deux  grands  yeux  noirs  flamboient  comme  des 
boutiques  illuminees  dans  un  jour  de  feto;  il  faudrait  etre  le 
Stix  pour  l'assouvir.  Le  poete  ne  lui  epargne  pas  les 
imprecations  ni  les  injures. 

Pourtant  il  Taime.  11  a  dans  son  amour  la  tenacite  d'un 
vicieux  et  l'adoration  d'un  mystique.  Comme  il  trouve  sur  sa 
bouclie  l'opium  consolatour,  et  quo  son  etrange  parfum  reveiile 
en  lui  le  souvenir  des  annees  heureuses  et  le  reve  de  terres  loin- 
taines,  ensoleillees,  eile  devient  ä  ses  yeux  un  Symbole, 
m^lange  de  Sphynx  et  d'ange  inviole;  buvant  l'eau  de  ses  levres, 
il  croit  boire  un  ciel  liquide  qui  parseme  d'etoiles  son  ca^ur,  et, 
quand  Taspect  de  la  mort  et  de  la  decomposition  lui  apparait, 
quand  il  pense  qu'il  en  sera  de  meme  de  sa  femme,  il  l'invoque 
avec  les  paroles  du  spiritualisme  le  plus  pur. 

Etoile  de  mes  yeux,  soleil  de  ma  nature, 
Vous,  mon  ange  et  ma  passion! 


Alors,  o  ma  beaute!  dites  a  la  vermine 


03)  XXV. 

^*)  E.    S  c  h  e  r  e  r  ,    l^tudes   sur    la    litteralurc    contemporainc,    \\, 
Paris  1873,  pag.  287. 


44  /-   f^-   HenedeUo. 

Qui  vous  mangcra  do  baisers, 
Que  j'ai  garde  la  forme  et  l'essence  divine 
De  mos  amours  döcomposes! 
Une   illusion   devient   donc   possible.      Puisque,    malgre   les 
ivresses  momentanees,  son  ennui  s'est  accru  et  une  nuit  immense 
desormais  l'environne,  oü  rien  ne  console  plus  son  regard, 

Ni  betes,  ni  ruisseaux,  ni  verdure,  ni  bois, 
il  croit  pouvoir  jeter  de  l'abime,  oü  il  est  tombe,  un  cri  de  suppli- 
cation  ä  la  seule  qu'il  aime  (XXXI).  Mais  olle  demeure  im- 
passible:  eile  sait  uniquement  boirc  son  sang.  Alors  la  haine 
et  le  desespoir  s'emparent  de  lui;  il  maudit  cette  femme  qui  ne 
sait  pas  le  comprendre,  ni  pleurer  avec  lui,  et  ä  qui  rien  ne  le 
lie  que  le  vice.  II  voudrait  la  tuer,  mais  il  sait  qu'il  en  ressusciterait, 
de  ses  baisers,  le  cadavrc.  Elle  lui  est  necessaire,  puisqu'elle  est 
son  Letbe;  eile  ne  peut  etre  remplacee  par  personne. 

La  poesie  XXXIV,  Une  nuit  que  j'etait  pres  d'une  affreuse 
Juive,  qu'on  n'a  pas  bien  comprise  jusqu'ici,  devient  par  con- 
sequent  toute  naturelle.  II  ne  s'agit  pas,  ainsi  qu'on  le  croit 
ordinairement,  d'un  calcul  savant  de  la  Venus  noire,  tächant 
par  un  adroit  refus  de  s'attacher  davantage  le  jeune  homme 
encore  inexpert.^^)  Celui-ci  n'a  pas  ete  contraint,  dans  Tattente 
de  ses  faveurs,  de  se  contenter  de  celles  d'une  autre.  II  a  voulu, 
lui,  oublier,  aupres  d'une  autre,  celle  qui  lui  etait  desormais  un 
tourment.  La  forme  grammaticale  meme  prouve  que  ce  fut 
lui  qui  chercha  de  s'en  separer: 

Une  nuit  que  j'etais  pres  d'une  affreuse  Juive 
Gomme  au  long  d'un  cadavre  un  cadavre  etendu, 
Je  me  pris  ä  songer  pres  de  ce  corps  vendu 
A  la  triste  beaute  dont  mon  desir  se  prive. 

Et  il  confie  aux  vers  suivants  la  plainte  sortie  de  tant  de  cceurs 
romantiques  sur  la  solitude,  l'isolement  de  Täme  dans  l'amour: 
Gar  j'eusse  avec  ferveur  baise  ton  noble  corps 
Et  depuis  tes  pieds  frais  jusqu'ä  tes  noires  tresses 
Deroule  le  tresor  des  prüfendes  caresses 
Si  quelque  soir,  d'un  pleur  obtenu  sans  effort, 
Tu  pouvais  seulement,  6  reine  des  cruelles! 
Obscurcir  la  splendeur  de  tes  froides  prunelles  .  . 

G'est  lä  le  reve  infini  dont  il  fait  part  au  tombeau  oü  sa  belle 
tenöbreuse  devra  dormir  afin  que  ses  nuits  soient  rongees  par 
le  remords. 

Gar  le  tombeau  toujours  comprendra  le  poete. 

^^)  On  lit  encore  cette  Interpretation  dans  l'oeuvre  bäclee  d'A  l  p  h. 
Seche  et  J  u  l.  B  er  taut,  Ch.  Baudelaire,  Paris  1910,  p.  122: 
«Tout  d'abord  —  et  par  un  calcul  savant  de  femme  experte  au  commerce 
de  l'amour  —  la  noire  Venus  se  refusa  au  poete,  sachant  bien  qu'elle 
serait  desiree  davantage». 


U archiiecture  des  ..Fleiirs  du   MaV".  45 

Vers  parfaitement  insipide,  s'il  ne  nous  disait  pas,  lui  aussi, 
que  le  poete  a  ete  malheureux  parce  qu'il  n'a  pas  ete  compris, 
parce  qu'il  a  reve  d'un  amour  vrai,  ä  cöte  d'une  femme  froide 
et  vulgaire. 

Malgre  cela,  il  ne  peut  vivre  loin  d'elle.  II  se  laisse  reprendre 
ä  nouveau  par  la  bizarre  beaute  qui  Ta  seduit  autrefois  et  nous 
Tentendons  se  rememorer  ses  seductions:  splendeur  metallique 
des  yeux,  regard  profond  et  froid,  souple  personne,  dangereux 
parfum.  Nous  le  voyons  evoquer  son  bonheur  d'autrefois  sur 
le  sein  de  l'amante  (XXXVII)  Avant  de  clore  le  recit  de  son 
premier  amour  et  de  se  separer  de  Tetre  maudit  qu'il  a  seul 
aime  sur  la  terre,  le  poete  developpe,  dans  la  deuxieme  edition, 
le  theme  plein  de  douceur  lamartinienne  par  lequel  se  terminait 
le  Balcon: 

Ces  serments,  ces  parfums,  ces  baisers  infinis, 
Renaitront-ils  d'un  gouffre  interdit  ä  nos  sondes, 
Comme  montent  au  ciel  les  soleils  rajeunis 
Apres  s'etre  laves  au  fond  des  mers  profondes  ? 
—  0  serments!  6  parfums!  6  baisers  infinis! 

II  ajoute  aussi,  il  est  vrai,  Duelluni  et  le  Possede;  avec  le 
Souvenir  de  ces  troublantes  beautes  le  regret  de  la  jeuncsse  brisee 
pour  toujours;  avec  le  Souvenir  des  anciennes  ivrosses  un  deses- 
poir  furieux.  Mais  l'addition  la  plus  caracteristique  est  lo 
Fantome.  II  ne  reste  plus  qu'un  fantöme  de  la  femme  tant  aimee ; 
le  temps  a  presque  totalement  detruit  l'ancienne  beaute  et  il 
n'a  laisse  qu'un  dessin  efface  ä  la  place  du  süperbe  tableau.  Mais 
le  temps  ne  l'a  pas  detruite  et  ne  pourra  jamais  la  detruirc  dans 
sa  memoire;  eile  y  conservera  toujours  son  charme  d'autrefois. 
G'est  avec  une  tristesse  inconsolablo,  avec  une  pitie  tendre  et 
calme  qu'il  contemple  le  fantome  apparu  dans  ses  tenebres. 

Par  instants  brille,  et  s'allonge,  et  s'ötale 
Un  spectro  fait  de  gräce  et  de  splendeur. 
A  sa  reveuse  allure  Orientale, 

Quand  il  atteint  sa  totale  grandeur, 

Je  reconnais  ma  belle  visiteuse: 

G'est  eile!  sombre  et  pourtant  lumineuse. 

Je  ne  puis  croire  qu'il  y  ait  dans  le  meme  livre,  en  dehors 
de  ce  cyclo,  des  poesies  consacrees  ä  la  meme  femme:  la 
structure  en  est  trop  organique,  le  recit  y  est  trop  achev6,  la  fin 
trop  definitive  (Je  te  donne  ces  vers  afin  que  si  mon  nom  . . .).  Nous 
pouvons  donc  oxcluro,  des  maintenant,  du  cyclo  de  la  Venus 
noire  Le  beau  navire  (LI II),  L'invitation  au  i'oi/oge  (LI\'),  Chan- 
son d'aprds  midi,  L' amour  du  mcnsonge  (CXXII),  c'est  j\  diro 


46  /-    I'  ■    Itcnedeltd. 

los  no(''.si(!S  qu'on  melc  lo  plus  frequemment  a  celles  quo  nous 
vonons  d'etudicr.  L'etude  des  autros  cyclos  no  fora  quo  inioux 
«onfirmor  ccttc  cxclusion.*^) 

Memo  confirmation  pout  se  tirer  du  rapport  de  ce  cycle 
poetiquo  ä  la  realite  vecue.  II  est  tout-ä-fait  cortain  quo  la  Venus 
noire  celöbrec  dans  les  Fleurs  du  Mal  s'appolail  de  son  vrai 
nom  Jeanne  Duval,  et  que,  bien  que  ramassee  sur  le  trottoir, 
olle  a  pose  pour  ce  que  la  Vönus  noire  a  de  paradoxal, 
d'heterodoxe,  d'hysterique.  Ce  qui  est  moins  connu  et  qui  ne 
nous  parait  pas,  a  nous,  moins  certain,  c'cst  que  la  splendeur 
ideale  dont  lo  poete  Tenvcloppe  souvent  lui  convient  aussi;  ou, 
pour  mieux  dire,  que  Baudelaire,  dans  ses  rapports  avec  Jeanne, 
a  vraiment  traverse  les  crises  sentimentales  parfois  tres  nobles 
qu'il  a  döcrites  dans  son  livre. 

Feli  Gautier  a  ecrit:  «Jeanne  Duval  .  . .  ne  fut  point,  ex- 
clusivement,  ainsi  qu'on  affirme  trop  gratuitement,  la  maitresse 
de  Baudelaire;  ....  memo  jamais  il  ne  se  donna  ä  eile,  s'il  est 
vrai  qu'en  amour  la  communion  des  chairs,  sans  l'intime  com- 
munion  des  ämes,  ne  soit  qu'un  mensonge  pour  endormir  la 
douleur  humaine.  Jeanne  Duval  ne  regna  sur  les  sens  et  sur 
l'imagination  de  Baudelaire  que  par  l'incantation  de  sa  volupte 
penetrante  et  le  charme  magique  de  son  etrangete.  Par  la  force 
de  riiabitude  eile  fut  la  maitresse  de  sa  vie,  pas  un  seul  instant, 
en  depit  quo  lui  memo  l'ait  cru,  eile  n'occupa  la  moindre  place 
dans  son  cceur.  Elle  est  la  Fleur  du  Mal,  oui;  l'amour  de  Bau- 
delaire, assurement,  non.»®')  Les  choses  se  sont  passees,  parait-il, 
bien  autrement.  Baudelaire  a  aime  Jeanne  par  les  sens;  il 
n'importe  de  savoir  si  eile  a  ete  vraiment  süperbe  ou  si,  comme 
quelques  -  uns  de  ses  amis  Tont  affirme,  eile  a  ete  un  peu  moins 
que  mediocre;  Tessentiel  pour  nous  est  qu'elle  ait  paru  belle 
au  poete  et  un  passage  de  Mon  cceur  mis  d  nu  ne  laisse  pas  de 
doute  ä  cet  egard:  «De  la  haine  du  peuple  contre  la  beaute.  Des 
exemples:  Jeanne  et  Mme  Muller.»^^)  Mais  Baudelaire  Ta  aimee 
aussi  par  le  coeur.  Les  quelques  passages  de  ses  lettres  et  de 
ses  journaux  intimes  qui  se  rapportent  ä  Jeanne  sont  tres 
signifiants.  Dans  une  lettre  ä  M.  Ancelle  du  10  Janvier  1850: 
«la  sombre  solitude  que  j'ai  faite  autour  de  moi  et  qui  ne  m'a 
lie  ä  Jeanne  que  plus  etroitement  ....>> ;  dans  une  lettre  au 
meme  du  24  decembre  1855:  «Je  vous  supplie  de  ne  pas  faire 


"*')  A.  Rasse  nfossea  donc  eu  tort,  au  point  de  vue  stricte- 
ment  historique,  de  rompre  l'unite  du  cycle  que  nous  venons  d'etudier, 
en  illustrant  par  des  figures  de  femme  differentes  les  poesies  qui  ap- 
partiennent  toutes  au  cycle  de  Jeanne  Duval.  Je  fais  allusion  ä  l'edition 
süperbe,  tir^e  ä  115  seuls  exemplaires,  Charles  Baudelaire, 
Les  Fleurs  du  Mal,  Paris,  Pour  les  cent  Bibliophiles,  1899. 

"'')  Ouvr.  cit.,  pag.  50. 

«»)  pag.   105. 


L'archüeclwe  des  ^  Fleiirs  du    Mal'.  47 

a  Jeanne  la  moindro  plaisanterie  ou  la  moindre  allusion  sur  des 
miseres  antecedentes.  Ce  serait  vraiment  brutal»  et  dans  Mon 
eoeur  mis  d  nu  les  paroles  deja  citees:  «Gloire.  Payement  de  mes 
dettes.  Richesse  de  Jeanne  et  de  ma  mere.»  II  ne  lui  reservait 
pos  seulement  une  place  dans  ses  projets  d'une  nouvelle  vie; 
il  rentoiira  de  soins  dans  les  infirmites  de  sa  vieillesse  prema- 
1  uree.  Rappclons  ses  continuels  secours  d'argent,  le  ton  d'intimite 
protectrice  avec  lequel  il  lui  recommandait  le  17  Decembre  1859 
de  ne  pas  sortir  seulc;  nous  avons  tout  le  droit  de  croire  qu'il 
a  reellement  cai^esse  dans  ses  rapports  avec  Jeanne,  le  reve  infini 
dont  nous  parlent  ses  vers.®^)  II  y  eut,  il  est  vrai,  les  annees 
de  libertinage,  de  passion  exclusivement  sensuelle,  et  Th.  de 
Banville,  non  sans  raison,  en  1845  avertissait  l'ami  par  ces  vers: 

0  poete,  il  le  faut,  honorons  la  matiere, 
Mais  ne  Thonorons  point  d'une  amitie  grossiere, 
Et  gardons  d'offenser,  pour  des  plaisirs  trop  courts, 
L'Amour  qui  se  souvient  et  se  venge  toujours.'^) 

De  Banville  fut  prophete.  Dans  la  lassitude  et  le  decourage- 
ment  qui  succedent  aux  desordres,  Baudelaire  congut  et  desira 
une  affection  plus  intime,  et  s'effor^a  vainement  de  changer 
)a  maitresse  en  amie.  Nous  ne  dirons  rien  de  Tinconduite  de 
Jeanne,  de  ses  trahisons,  de  ses  vices,  de  sa  convoitisc  effrontee; 
nous  ne  noterons  que  ceci,  qui  nous  parait  resulter  des  lignes 
qu'il  envoya  ä  un  ami  avant  la  funeste  tentative,  et  c'est  que 
si  Baudelaire,  un  soir,  dans  un  cabaret  de  la  rue  de  Richelieu, 
se  frappait  d'un  coup  de  couteau  pour  se  tuer,  il  faisait  proba- 
blement  cela  pour  la  punir,  pour  lui  montrer  par  un  exemple 
tragique  l'abjection  oü  il  la  laissait*^^) :  «Je  me  tue  parce  que  je 
suis  inutile  aux  autres  et  dangereux  ä  moi  meme.  Je  me  tue 
parce  que  je  me  crois  immortel  et  que  j'espere.  Montrez-lui'^^) 
mon  epouvantable  exemple  et  comment  le  desordre  d'esprit  et 
de  vie  mene  ä  un  desespoir  sombre  et  ä  un  aneantissement  complet. 
Raison  et  utilite  —  je  vous  en  supplie.»  Si  le  suicidc  le  tenta, 
il  n'est  pas  impossible  que  des  pensees  atroces  de  poison  et  de 
sang  n'aient  quelquefois  traverse  son  cerveau  et  qu'il  n'ait  dit 
vraiment  en  lui-memc  les  vers  puissants  du   Vampire: 

Toi  qui  comme  un  coup  de  couteau, 
Dans  mon  coeur  plaintif  es  entree; 
Toi  qui,  forte  comme  un  troupeau 
De  demons,  vins,  l'ollc  et  pareo 

^^)  Maxime  Du  Camp,  Souvenirs  litteraires,  Paris  1883, 
p.  82:  «Une  ou  deux  fois  il  me  parla  de  cette  föc  noire  avec  un  atten- 
<!rissement  qui  prouvuit  iin  allachement  sincere>>. 

^0)   Th.    de    Bativille,    Les  slalacütes,    Paris    1879,    pag.  232. 

■^M  Letttes,  pag.   12. 

'2)  A  Jeanne. 


48  /-   f'-   licnedeAto. 

De  mon  esprit  humilie 
Fair(3  ton  lit  ot  ton  rlomaine 
—  Infame  ä  qui  je  suis  lie 
Comme  le  for^at  ä  la  chaine, 

Comme  au  jeu  le  joueur  tetu, 
Comme  ä  la  bouteille  Tivrogne, 
Comme  aux  vermines  la  charogne  — 
Maudite,  maudite  sois-tu. 

La  violence  des  deux  nouvelles  poesies,  Duellum  et  Le 
PossHi^  se  comprend.  Mais  l'ardeur  de  la  haine,  chez  Baudelaire, 
s'eteint  vite.  II  faut  meme  reconnaitre  qu'il  n'a  jamais  reussi 
ä  la  hair  vraiment.  Je  ne  repeteiai  pas  avec  Feli  Gautier: 
«comme  il  souhaite  donc  que  les  vers  rongent  sa  peau  comme 
des  remords  et  que  la  vermine  bourdonnante  la  mange  de  baisers 
empuantis»''^)  Remords  posthume  n'a  rien  de  satanique  ni  de 
macabre;  j'y  sens  la  froideur  monotone  d'un  pretre  administrant 
TExtreme-Onction.  Quant  ä  la  Charogne,  c'est  Thymne  le  plus 
splendide  qu'il  ait  fait  en  l'honneur  de  sa  maitresse.  Non  seule- 
ment  l'idee  de  la  pourriture  y  est  attenuee  par  Tidee  de  la  saintete 
que  les  derniers  sacrements  auront  confere  ä  l'äme;  mais  toute 
la  poesie,  par  un  contraste  voulu  et  puissant,  tend  ä  montrer 
que,  si  les  corps  meurent,  l'amour  est  eternel. 

Comment  expliquer  d'une  fagon  precise  la  vitalite  etrange 
de  cet  amour  ?  II  nous  faut  croire  avant  tout  que  l'imagination  de 
Baudelaire  trouvait  dans  Jeanne  une  quantite  de  motifs  pour 
ses  bizarres  variations,  Ce  furent  d'abord,  quand  il  l'a  connue, 
au  retour  de  son  voyage  en  orient,  des  visions  de  terres  orientales, 
de  paradis  lointains,  theatres  d'amours  primitifs;  ce  furent 
ensuite,    ä  la  fin  de  sa  jeunesse,  des  images  des  ans  disparus. 

Une  deuxieme  raison  n'est  pas  ä  negliger:  le  raysticisme 
du  poete.  II  trouvait  dans  sa  conception  mystique  du  mal  un 
fondement  pour  sa  faiblesse  —  nos  philosophies  sont  toujours 
une  emanation  et  une  justification  de  nos  instincts  — .  Baudelaire 
croit  ä  Dieu  et,  chose  moins  banale  mais  non  moins  legitime, 
au  diable.  Comment  Dieu  et  le  diable  se  sont  accordes 
entre  eux,  ou  seulement  s'il  sont  d'accord  entre  eux,  il  n'en  sait 
pas  plus  que  les  autres,  mais  il  incline  ä  croire  que  Satan  travaille 
pour  le  compte  de  Dieu.  Satan  a  le  monopole  du  mal,  et  par 
suite,  de  la  souffrance.  Mais  la  souffrance  est  ce  qui  nous  debarrasse 
des  impuretes  terrestres;  eile  est  l'essence  qui  prepare  les  forts 
aux  saintes  voluptes  ;'^*)  c'est  en  somme  le  moyen  pour  conquerir 
le  ciel.    La  conclusion  se  prevoit:  qui  veut  aller  au  paradis  doit 


'3)  Feli   Gautier,  ouvr.  cit.,  pag.  60. 
'*)  Benediction. 


L'archüedure  des  ..Fleiirs  du  Mat''.  49 

se  mettre  entre  les  mains  du  diable.  Si  Satan  nous  poursuit 
et  met  notre  esprit  en  proie  aux  mauvais  instincts  —  il  y  a 
parmi  les  mauvais  instincts  l'eternelle  Venus,  caprice,  hysterisme, 
fantaisie^^)  —  c'est  parce  que  Dieu  le  veut.  L'homme  peut 
rendre  plus  digne,  plus  splendide  son  martyre  en  sachant  le 
supporter  d'un  visage  serein,  en  le  rendant  volontairement  plus 
grand.     De  lä  les  vers  de  Lethe: 

A  mon  destin,  desormais  mon  delice, 
J'obeirai,  comme  un  predestine: 
Martyr  docile,  innocent  condamne 
Dont  sa  ferveur  attise  le  supplice.'^) 

Les  ascetes  du  moyen  äge  etaient  reconnaissants  ä  Dieu  de 
leurs  infirmites  physiques;  il  lui  est  reconnaissant  de  ses  infir- 
mites  morales,  de  ses  vices:  il  aime,  comme  eux,  faire  saigner 
ses  plaies. 

II  est  trop  facile  de  se  moquer  de  ce  nouveau  genre  d'a- 
scetisme.  A.  France  n'a  pas  manque  de  le  faire  et  il  a  raille  le 
poete  du  peche,  pris  du  vertige  de  la  damnation,  ayant  un  plaisir 
fou  ä  se  faire  damner'^'^):  «La  plus  miserable  creaturc  rencontree 
la  nuit  dans  l'ombre  d'une  ruelle  suspecte  revet  dans  son  esprit 
une  grandeur  tragique:  sept  demons  sont  en  eile  et  tout  le  ciel 
mystique  regarde  cette  pecheresse  dont  l'äme  est  en  peril.  II 
se  dit  que  les  plus  vils  baisers  retentiront  dans  toute  Teternite, 
et  il  mele  aux  rencontres  d'une  heure  dix-huit  siecles  de 
diableries.>> 

Le  critique  fait  ainsi  disparaitre  sous  son  ingenieux  sourire 
la  tragique  realite  d'oü  les  poesies  sont  nees,  Baudelaire  etait 
probablement,  de  bonne  foi  dans  la  conception  que  nous 
venons  d'exposer.  Tres  peu  gaulois,  au  fond.  il  a  serieusemont 
pense  de  sa  maitresse  ce  que  tant  de  gens  onl  dit,  en  plaisan- 
tant,  de  la  leur,  qu'elle  etait  une  expiation.^^) 

M.  Ourousof,'^^)  arrive  kSemper  eadem  (XLI)  s'arrete  incertain, 
ne  sachant  s'il  s'agit  d'un  amour  nouveau  ni  comment  oxpliquer, 
en  ce  cas,  le  titre  obscur.     A  l'aide  de  quelques  analogies  avec 

'^)  Mon  coeur  mis  ä  nu,  pag.  107. 

^")  (Eui>r.  posth.,  Paris  1908,  pag.  22/3. 

"')  La  vie  litteraire,  III,  Paris  1891,  pag.  22. 

'^)  Les  choses  que  nous  venons  d'exposer  ä  propos  de  Jeanne 
Duval  ne  sont  pas  du  tout  infirnu^es  par  la  d^monstration  qu'a  tenteo 
Nadar  dans  son  volunie  cite  plus  haut,  portant  le  sous-titre  liardi: 
Le  poete  vierge.  II  ne  r^sulte  qu'une  chose  des  Souvenirs  de  Nadar 
et  c'est  que  le  poete  a  eu  aussi  dans  ses  rapports  avec  Jeanne,  ainsi 
qu'avec  Mnie  Sabatier  plus  tard,  une  premiere  p^riode  de  timidite 
respectueuse;  mais  il  ne  s'agit  que  d'une  phase  et,  cette  fois,  pas  tres 
longue,  de  ses  amours. 

"'■')  Loc.  cit. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX'/'.  4 


50  L'  l'-   Jicnedcüo. 

Ic  Sonnet  d'aiitomne  (f.XVI)  il  so  decidc  a  le  rangor  dans  lo  cyolo 
qu'il  appollo  de  la  blanche  Margueräe.  Semper  eadem,  ä  notn- 
avis,  marque  le  commencemenl  du  nouvcau  cyclo  de  la  femmo 
consolatricc ;  et  la  poesie  ayant  ete  ajoutee  dans  la  douxiemo 
Edition,  eile  nous  parait  une  des  additions  les  plus  heurouses. 
Certes  la  fin  nette,  evidente  du  groupo  anterieur  permoltait  au 
poete  de  passer  immediatement  ä  un  groupo  nouvoau  d'ideos; 
mais  le  Hon  logique,  intime  dos  doux  groupos  ne  s'apercevail 
guere.  Gomment  donc  un  douxiemo  amour  dans  Thomme  qui 
vit  avec  la  Nuit  et  avec  les  fantömos  du  passe  ?  Le  sonnet  repond 
ä  cette  question.  Le  poete  y  est  en  teto-ä-tete  avec  une  femmo 
belle,  pleine  de  gaite  et  d'entliousiasmo,  ä  la  voix  doucc  et  au 
rire  enfantin.  Uno  tristosse  etrango  l'envaliit  pcu  ä  peu;  il  sent  do 
plus  en  plus,  en  face  de  la  vie,  so  presser  dans  sa  pensee  los  fan- 
tömes  funebres,  les  Souvenirs  de  la  beaute  aimee  quo  le  temps 
a  detruite.  La  femme  lui  demande,  peut  etre  en  riant,  pourquoi 
il  est  si  morose;  et  il  la  prio,  il  lui  ordonnc  presque,  d'arreter 
la  joie  de  son  rire  et  de  sa  parole;  il  veut,  ses  yeux  dans  sos  beaux 
yeux,  s'enivrer  d'une  douce  Illusion:  quo  la  «grande  taciturne», 
l'ancienne  maitresse  est  encore  pres  do  lui: 

Laissez,  laissoz  mon  cceur  s'enivrer  d'un  mensonge, 
Plonger  dans  vos  beaux  yeux  comme  dans  un  beau  songe 
Et  sommeiller  longtemps  ä  l'ombre  de  vos  cils^^!) 

Les  regards  oü  il  cherche  la  ferveur  et  la  tendresse  de  ceux 
qui  ont  brille  autrefois  pour  lui,  operent  lo  miracle;  son  cceur 
refleurit,  une  vie  nouvelle  commence.  II  avait  aime  jusque  lä 
une  fausse  beaute,  adore  le  monstrueux;  guide  pai*  la  lumiere  de 
ces  yeux  il  rentre  dans  la  voie  du  beau.  A  la  tristesse  de  la  nuit 
succede  la  joie  du  matin;  aux  landes  torrides,  monotones,  des 
paysages  de  clarte  et  de  fraicheur: 

Ta  tote,  ton  geste,  ton  air 

Sont  beaux  comme  un  beau  paysage; 

Le  rire  joue  en  ton  visago 

Comme  un  vent  frais  dans  un  ciel  clair. 

Lo  passant  chagrin  que  tu  fröles 
Est  ebloui  par  la  sante 
Qui  jaillit  comme  une  clarte 
De  tes  bras  et  de  tes  epaules.^^) 


^")  Daruty  de  Grandpre  s'est  mepris  en  attribuant  cette  poesie 
ä  Jeanne  Duval  (La  plume,  ler  Aoüt  1893). 

^*)  A  Celle  qui  est  trop  gaie,  XXXIX  de  la  Ire  ed.  et  dans  les  CEuvr. 
postk.,  p.  23/4.  C'est  une  des  poesies  qui  donnent  le  plus  d'embarras 
ä  M.  Ourousof,  oucr.  cit.,  p.  25.  II  ne  sait  se  decider  ä  Toter  du  cyclo 
de  Jeanne.  Incapable  de  resoudre  le  probleme,  il  avance  l'hypothese 
que  le  poete  n'aurait  exprime  qu'un  seul  amour  dilferencie  par  des 
emotions  diverses». 


L'architecture  des  „Fleiirs  da  Mal".  51 

La  difference  entre  la  Venus  noire  et  la  nouvelle  femme  est 
meme  plus  profonde.  Celle-lä  etait  la  bete  implacable  et  cruelle,®^) 
l'amazone  inhumaine,^^)  ä  Täme  triste  d'ennui;  celle-ci  est  bonne 
ot  heureuse.  Le  contraste  entre  eile  et  le  poete  n'en  est  que 
plus  douloureux.  Tout  en  subissant  son  charme,  tout  en  admirant 
l'harmonie  parfaite  de  sa  personne  oü  il  n'y  a  rien  qui  ne  ravisse 
ni  ne  console  (XLII),  il  sent  contre  eile  des  mouvements  de  haine 
non  inferieurs  ä  Tamour;  eile  est  la  nature  en  fete  aux  yeux  d'un 
inourant;  sa  joie,  sa  sante  sont  pour  lui  une  derision  atroce,  et 
il  savoure  en  lui-meme  la  volupte  de  les  detruire.  Nous  savons 
du  reste,  abstraction  faite  des  conditions  speciales  de  son  esprit, 
qu'il  ne  juge  point  parfaite  une  beaute  exempte  de  douleui\ 
Cet  obstacle  ä  sa  pleine  admiration  ne  dure  pas  longtemps. 
Reversihilite  (XLV)  et  Confession  (XLVI)^^)  marquent  la 
naissance  de  l'intimite,  du  devoüment  absolu.  Appuyee  sur 
son  bras,  dans  la  solennite  d'une  nuit  de  lune  eile  lui  revele,  eile, 
toujours  claire  et  radieuse  comme  une  fanfare  dans  le  matin, 
la  solitude,  le  vide  triste  de  Tarne.  C'etait  au  fond  son  propre 
Portrait  que  le  poete  avait  fait  lorsqu'il  avait  decrit  les  angoisses, 
les  haines,  les  fievres  qu'elle  devait,  eile,  ignorer.  Mais  la  femme 
gaie,  saine,  belle,  heureuse,  laisse  echapper  la  plainte  elegiaque: 
tout  est  mensonge,  Tamour  et  la  beaute  passent,  l'oubli  engloutit 
toute  chose.  Voilä  la  sceur,  l'amie,  celle  que  l'autre  n'avait  su 
etre.    Aux  stupides  orgies  succede  l'amour  pur. 

Harmonie  du  soir  (XLVIII)  correspond  ä  le  Balcon;  le  Flacon 
(XLIX)  correspond  ä  Je  ie  donne  ces  vers  afin  que  si  mon  nom. 

On  pourrait  croire,  ä  la  violence  energique  du  contraste, 
que  ce  cycle  est  sorti  tout  entier  de  Timagination  de  Baudelaire. 
S'il  en  etait  ainsi,  ce  serait  lä  une  de  ses  inventions  les  plus  dignes. 
Mais  l'amour  a  ete  reel  et  Mme  Sabatier  a  eu  reellcment  dans  la 
vie  du  poete  la  place  qu'a  la  consolatrice  dans  les  Fleurs  du  Mal. 
L'idealisation  n'etait  pas  difficile,  cette  fois.  Bien  des  oeuvres, 
dont  eile  a  ete  le  modele,  temoigncnt  encore,  outre  les  Fleurs 
du  Mal,  de  son  admirable  beaute.  Son  talent,  sa  culture  artistique 
sont  connus.®^)  Elle  a  ete  l'äme  d'une  de  Celles  que  Baudelaiiv 
appelait  republiques  de  l'esprit  presidees  par  la  beaute;  c'cst 
pour  cela  quo,  sur  l'exemple  de  Flaubert,  on  l'appelait  la  Prisi- 
dente.  Notre  poete  etait  du  nombre  de  ses  sujets;  il  etait  de  ses 
r«3unions  du  dimanche  avec  les  artistes  du  jour:   Flaubcrt,  les 


«2)  XXV. 

«=^)  XXXVI. 

^"*)  Je  vois  eulre  ces  deux  poesies  le  rapporl  qui  existe  entre  la 
demande  et  la  reponsc. 

^'•)  Sa  belle  voix  surtout  ötait  fameuso.  Quolques-unes  des  ro- 
mances  de  Clapisson  ont  {)aru  telles  quo  les  chantait  Mme  Sabotier. 
li'ariette  Äujourd'hui,  paroles  d'E.  Deschainps,  musiipie  de  L.  Cla- 
pisson, lui  est  d<§di6e. 


52  /-  i"  •  Benedelto. 

fr^res  Goncourt,  Tli.  Gautier,  Feydeau,  Maxime  du  Camp, 
Meissonnier  et  d'autres.  Rien  d'6tonnant  ä  ce  qu'il  s'en  soil 
^pris.  Lorsqu'il  lui  etait  pcrmis  de  l'admirer,  florissante  de 
santö  et  de  gräce,  r^glant  et  animant  la  conversation  par  son 
regard  et  par  son  sourire,  il  ne  pouvait  pas  ne  pas  se  rappeler  la 
maudite  creature  ä  qui  il  etait  lie  pour  toujours,  ne  pas  la  voir 
par  l'imagination,  blottie  aupres  dujeu,  plongee  dans  un  silence 
stupide.  II  revait  alors  a  ce  qu'eüt  pu  etre  sa  vie,  s'il  eüt 
connu  plus  tot  cette  autre  femme.  On  sent  ce  regret  dans  le 
vers  qui  termine  le  cycle  de  la  consolatrice 

liqueur 
Qui  me  ronges,  6  la  vie  et  la  mort  de  mon  coeur. . 
Lorsqu'il  s'eprit  de  Mme  Sabatier,  Baudelaire  n'etait  plus 
un  collögien;  Mme  Sabatier  n'etait  pas,  eile,  une  collegienne  non 
plus;  il  s'en  faut!^^)  L'amour  de  Baudelaire  eut  pourtant  dans 
la  realite  toute  la  purete  ideale  qu'il  a  exprimee  dans  ses  vers. 
Ceux-ci  ne  disent  jamais  que  Tintimite  des  deux  amants  est  sortie 
de  sa  phase  platonique: 

Une  fois,  une  seule,  aimable  et  douce  l'emme 

A  mon  bras  votre  bras  poli 
S'appuya  (sur  le  fond  tenebreux  de  mon  äme 
Ce  Souvenir  n'a  point  päli). 
C'est  la  douce  fraternite  de  deux  etres  sachant  qu'ils  ont  ä 
se  plaindre  en  6gale  mesure  du  sort,  sentant  qu'ils  sont  lances 
hors  de  leur  voie,  sans  remede.  Et  en  effet,  en  1857,  lors  de 
l'apparition  des  Fleiirs  du  Mal  l'amour  du  poete  etait  encore 
officiellement  ignore.  II  lui  ecrivait,  depuis  1852,  avec  calli- 
graphie  simulee,  sans  les  signer,  des  lettres  pleines  de  respect  et 
de  tendresse;  il  joignait  aux  lettres  les  poesies  dont  eile  etait 
l'inspiratrice.  Ainsi  le  9  Mai  1853:  «Qu'y  faire,  je  suis  egoiste 
comme  les  enfants  et  les  malades.  Je  pense  aux  personnes  aimees 
quand  je  souffre.  Generalement  je  pense  ä  vous  en  vers,  et 
quand  les  vers  sont  faits  je  ne  sais  pas  resister  ä  l'envie  de  les 
faire  voir  ä  la  personne  qui  en  est  l'objet.  Mais  je  vous  jure 
que  c'est  bien  la  derniere  fois  que  je  m'expose,  et  si  mon  ardente 
amitie  pour  vous  dure  aussi  longtemps  encore  qu'elle  a  dejä 
dure,  avant  que  je  vous  aie  dit  un  mot,  nous  serons  bien  vieux 

tous   les   deux Quelque    absurde    que   cela   vous   paraisse, 

figurez-vous  qu'il  y  a  un  cceur  dont  vous  ne  pourriez  vous  moquer 

8^)  II  faut  lire  les  details  tres  interessants  qu'assembla  sur  les 
reunions  de  l'avenue  Frochot  l'infatigable  Leon  Seche,  La  jeunesse 
doree  sous  Louis  Philippe,  Paris  1910,  pag.  277  294.  Ils  prouvent 
que  Mme  Sabatier  meritait  röellement,  comme  caractere  moral,  le 
jugement  que  donnaient  d'elle,  au  point  de  vue  physique,  les  freres 
Goncourt  dans  leur  Jowrna/:  «une  grosse  nature,  avec  un  entrain  trivial, 
bas,  populacier».  L'imagination  mystique,  la  naive  bonte  de  Baudelaire 
ressortent  davantage.  II  nous  semble  vraiment  que  nous  avons  devant 
nous  un  couple  plus  ancien  mais  identique:  Vigny  et  Mme  Dorval. 


L' architeclure  des  ,.Fleurs  du  Mal''.  53 

Sans  cruaute  et  oü  votre  image  vit  toujours.»  II  avait  continue 
de  lui  ecrire,  malgre  son  serment,  devenant  de  plus  en  plus 
enthousiaste,  en  la  remerciant  du  bien  qu'elle  lui  faisait,  merae 
involontairement,  par  cela  seul  qu'elle  vivait,  et  dans  une  lettre 
du  16  Fevrier  1854,  il  lui  declarait,  de  la  maniere  la  plus  lyrique, 
l'intensite  de  son  adoration:  »Je  ne  sais  si  jamais  cette  douceur 
supreme  me  sera  accordee  de  vous  entretenir  moi-meme  de  la 
puissance  que  vous  avez  acquise  sur  moi  et  de  l'irradiation  per- 
petuelle  que  votre  image  cree  dans  mon  cerveau.  Je  suis  sim- 
plement  heureux,  pour  le  moment  present,  de  vous  jurer  de 
nouveau  que  jamais  amour  ne  fut  plus  desinteresse,  plus  ideal, 
plus  penetre  de  respect  que  celui  que  je  nourris  secretement 
pour  vous.»  En  1859,  son  secret  ayant  ete  decouvert,  il  laisse 
l'anonymat  qui  peut  le  rendre  ridicule  et  ecrit,  de  sa  calligraphie 
ordinaire,  en  la  signant,  une  longue  lettre  destinee  ä  accompagner 
un  exemplaire  des  Fleurs  du  Mal  qui  venaient  de  paraitre. 
Mme  Sabatier  ne  pouvait  demeurer  insensible  ä  ce  prodige  de 
constance :  eile  fut  ä  lui,  d'esprit  et  de  corps.  Mais  Baudelaire 
n'etait  pas  descendu  des  hauteurs  vaporeuses  du  reve  qu'il  s'arre- 
tait  repentant:  le  31  Aoüt  1857  il  ecrivait  ä  Mme  Sabatier  que 
tout  etait  fini,  que  la  foi  lui  manquait:  «....il  y  a  quelques 
jours,  tu  etais  une  Divinite,  ce  qui  est  si  commode,  ce  qui  est  si 
beau,  si  inviolable.  Te  voilä  femme  maintenant.»  Mme  Sabatier 
vit  la  cause  de  cet  abandon  dans  le  prestige  funeste  de  la  Venus 
noire.  Peut-etre  se  meprenait-elle.  Baudelaire  etait  poete:  il 
avait  vraiment  adore  en  eile  la  divinite,  non  la  femme.^^) 

Le  Poison  et  Charit  d'aulomne  (L  et  LVII  dans  la  3^  ed.) 
parlent,  il  n'y  a  pas  de  doute,  de  la  meme  femme,  de  celle  quo 
nous  avons  appelee  la  femme  aux  yeux  verts. 

Ce  n'est  pas  un  detail  oisif  que  cette  couleur  verte  des  yeux; 
le  poete  y  ajoute  visiblement  une  importance  particuliere ;  on 
comprend  que  c'est  lä  pour  lui  le  charme  principal  de  cette  femme. 

Tout  cela  ne  vaut  pas  le  poison  qui  d^coule 
De  tes  yeux,  de  tes  yeux  verts. 

Ainsi  dit-il  dans  la  premiere  poesie,  apres  avoir  celebre 
les  prodigieux  effets  du  vin  et  de  l'opium.     Dans  la  deuxieme: 

J'aime  de  vos  longs  yeux  la  lumiere  vordätro, 
Douce  beaute,  mais  tout  aujourd'liui  m'ost  amer. 


8')  Joseph  Delorme,  dont  Baudelaire  est  le  fils  spirituel,  ne  con^oit 
pas  autrement  le  lendemain  d'un  rendez-vous  (S  a  i  nte  •  B  e  u  v  e, 
Poesies  compl.  Paris  1863,  I,  p.  92):  «Demain,  le  chceur  saignant 
d'une  plaie  6ternelle,  '  Malgr6  les  doux  serments  relus  dans  sa  prunelle, 
!  Les  baisers,  les  grands  bras  prets  k  me  reteair,  |  Demain,  je  sortirai 
pour  ne  plus  revenir;  Car  je  foule  la  fleur  sitöt  qu'elle  est  ravie,  El 
mon  bonheur,  ä  moi,  n'est  pas  de  cette  vie>. 


54  /-   /•'•   Ihnedelto. 

Les  (Jeux  poesics  citecs  ayant  meme  sujot,  il  ost  probable 
que  memo  sujot  sc  retrouvc  dans  les  poesies  placees  entre  elles. 
Mais  il  y  a  mifuix  que  cela. 

CielbrouilU  (LI) et  la  poösie pröcedentc,  le Poison,  s'associent: 

On  dirait  ton  regard  d'une  vapeur  couvert 
Ton  oeil  mysterieux  (est-il  bleu,  gris  ou  vert!) 
Alternativement  tendre,  reveur,  cruel, 
Reflechit  rindolence  et  la  päleur  du  ciel. 

U Invitation  au  voyage  (LIV)  se  rattache  ä  son  tuur,  ä  Ciel 
hrouille 

Les  soleils  mouilles 
De  ces  ciels  brouilles 
Pour  mon  esprit  ont  les  charmes 
Si  mysterieux 
De  tes  traitres  yeux 
Brillant  ä  travers  leurs  larmes. 

Nous  avons  note  plus  haut  que  Baudelaire  termine  ordinaire- 
ment  ses  poesies  par  l'idee  la  plus  importante.  Si  cela  est  vrai, 
la  poesie  Le  Chat  (LH)  doit  son  existence  dans  cette  partie  de 
Touvrage  ä  l'etrange  nature  des  yeux  du  chat,  auxquels  on  peut 
bien  appliquer  les  derniers  vers  que  nous  venons  de  citer.  Restent 
le  Beau  navire  (LIII),  V Irreparable  (LV),  Causerie  (LVI);  mai-'i 
ce  sont  lä  des  elements  que  Baudelaire  considere  comme  in- 
dispensables ä  la  plenitude  du  cycle:  le  cycle  de  la  Venus  noire 
et  le  cycle  de  la  consolatrice  ont  des  pieces  analogues:  les  Bijoux 
dans  le  premier  cycle,  Toute  entiere  dans  le  second,  correspon- 
dant  ä  le  Beau  navire;  De  profundis  clamavi  dans  le  premier 
cycle,  Reversibilite  dans  le  second  correspondant  ä  V Irreparable. 
Quant  ä  Causerie,  eile  depend  de  V Irreparable. 

Une  derniere  remarque  avant  de  considerer  comme  un  fait 
constate  l'existence  du  nouveau  cycle. ^®)  Plusieurs  motifs  deve- 
loppes  dans  le  premier  cycle  reapparaissent.  Qu'on  rapproche  le 
Poison  de  Sed  non  saiiata  (XXX) : 

Tout  cela  ne  vaut  pas  le  poison  qui  decoule 
De  tes  yeux,  de  tes  yeux  verts, 

Lac  oü  mon  äme  tremble  et  se  voit  ä  Ten  vers .... 
Mes  songes  viennent  en  foule 

Pour  se  desalterer  ä  ces  gouffres  amers. 


*^)  F^li  Gautier,  dans  son  etude  que  nous  avons  dejä  citee  plusieurs 
tois,  p.  56,  parle  de  VInvitation  au  voyage  comme  se  rapportant  ä  Jeanne ; 
il  parle  aussi,  p.  61,  de  la  poesie  le  beau  Navire,  comme  ressortissant 
au  meme  cycle.  Nous  trouvons  la  meme  confusion,  ä  l'egard  de  ces 
deux  po6sies,  dans  la  nouvelle  edition,  due  aux  soins  de  Jacques  Crepet 
de  V Etude  biographique  d'Eug.  Crepet,  Paris  1907,  p.  62. 


L'architecture  des  „Fleiirs  du  Mat\  55 

Tout  cela  ne  vaut  pas  le  terrible  prodige 

De  ta  salive  qui  mord, 
Qui  plonge  dans  Toubli  mon  äme  sans  remords 

Et  charriant  le  vertige 
La  roule  defaillante  aux  rives  de  la  mort! 
Mais  ii  avait  dejä  dit  auparavant: 

Je  prefere  au  constance,  ä  Topium,  aux  nuits 
L'elixir  de  ta  bouche,  oü  Tamour  se  pavane; 
Quand  vers  toi  mes  desirs  partent  en  caravane, 
Tes  yeux  sont  la  citerne  oü  boivent  nos  ennuis. 
II  dit  dans  la  poesie  XXVI: 

»Tes  yeux  illumines  ainsi  que  des  boutiques 
Ou  des  ifs  flamboyant  dans  les  fetes  publiques.» 
Ce  qui  est  repete  en  Causerie: 

»Avec  tes  yeux  brillants  comme  des  fetes. >> 

Nous  trouvons  dans  le  premier  cycle,  le  Chat  (XXXV); 
la  poesie  LII  du  nouveau  cycle  a  pour  titre  le  Chat.  Ces  quelques 
reprises  d'anciens  motifs  ne  prouvent  pas,  ainsi  qu'on  pourrait 
le  soupgonner,  que  Jeanne  Duval  est  ressuscitee.  II  en  est  ainsi, 
si  on  le  dit  metaphoriquement.  Le  second  amour  du  poete, 
sans  supprimer  les  desordres  de  sa  vie,  amene  un  reveil 
momentane  de  sa  conscience,  l'arrache  ä  l'obsession  du  bizarre, 
du  dif forme,  et  ranime  en  lui  l'instinct  presque  eteint  de  la  beaute 
saine  et  joyeuse.  Mais  ce  n'est  lä  qu'un  court  arret  sur  une  pente 
fatale.  Bientöt  l'ideal  etrange,  qu'avait  autrefois  realise  Jeanne 
Duval,  l'attirc  ä  lui  de  nouveau;  il  cherche  de  nouveau  l'ivresse 
et  le  vertige  des  sens.  La  decheance  devient  de  plus  en  plus 
rapide.  Le  cycle  de  la  femmc  aux  yeux  verts  ne  marque  pas 
seulement  un  retour  aux  plaisirs  sensuels,  mais  aussi  un  art  plus 
savant  dans  la  sensualite.  II  n'y  a  plus  dans  le  Beaii  navire 
l'ardcur  dionysiaque  des  Bijoux,  ni  Tenthousiasme  respectueux 
de  Tout-entiere:  plus  rien  que  le  sourire  du  connaisseur.  Qu'on 
rapproche  V Invitution  au  voijage  de  Parfüm  exotique;  combien  la 
volupte  est  devenue  plus  compliquee,  et  plus  froide,  plus  calme 
ä  la  fois! 

On  ne  pcut  expliquer  que  par  cette  interpretation  generale 
l'addition  dans  la  deuxieme  edition,  des  trois  nouvelles  poesies 
A  une  Madone  (LVIII),  Chanson  d'apres  midi  (LIX),  Sisina  (LX). 
Elles  marquent  probablement,  dans  l'evolution,  la  decadence 
totale.  On  mele  ä  l'amour  un  element  nouveau,  le  sadisme, 
remede  desormais  necessaire  aux  sens  extenues  etcreation  supreme 
du  libertinage  raffine. 

II  est  probable  que  ce  troisieme  cyclo  n'a  pas  vis-a-vis  de 
la  realite  la  mcme  depcndance  que  les  deux  premiers;  il  a  vrai- 
semblablement,  en  tanL  que  cycle,  une  origine  purement  artistique: 
en    1857,   quand  le   volume  parut,   l'amour  pour  Mme   Sabatier 


56  /..   /'.    lienedetlo. 

durait  cncore.  Dans  la  vie,  dans  Ic  livro  surtout,  oü  les  limites 
du  temps  et  les  caracteres  essentiels  ressortent  davantage,  l'amour 
pour  Jeanne  Duval  et  Tamour  pour  Mme  Sabatier  se  suivaiont 
röellement  comme  k  un  6t6  torride  suivrait  un  printomps  tardif.^^) 
Le  protagoniste  des  Fleurs  du  Mal  no  pouvait  s'arreter  lä,  c'est 
toute  une  vie  que  l'auteur  nous  raconte.  Cos  femmcs  qui  lui 
semblaient  le  vivant  symbole  de  Töte  et  du  printomps  il  les  avait 
aimöos  dans  l'etö  et  dans  le  printomps  tardif  de  sa  vie.  Arrive 
ä  Tautomne,  il  s'eprend  d'une  femme  automnale,  semblable 
aux  jours  blancs  voiles,  qui  fönt  plourer  les  coeurs  agites  d'un 
mal  inconnu.  La  caracteristique  du  nouveau  cyclo  est  precisement 
dans  CO  je  no  sais  quoi  d'automnal  dont  il  a  rovetu  la  nouvelle 
femme. 

II  semble  bien  que  c'est  d'apres  ce  criterium  aussi  que  se 
distribuent  les  differentes  sections  du  cyclo  de  l'amour.     II  l'in- 
diquait  du  roste  lui-meme  clairement  lorsqu'il  s'ecriait  etonne  (LI) 
0  femme  dangereuse,  6  seduisants  climats! 
Adorerai-je  aussi  ta  neige  et  vos  frimas, 
Et  saurai-je  tirer  de  l'implacable  hivor 
Dos  plaisirs  plus  aigus  que  la  glace  et  le  fer? 

Theophile  Gautier  a  dit  dans  sa  notice  fameuse^) :  «Diverses 
figures  de  femmes  paraissent  au  fond  des  poesies  de  Baudelaire, 
les  unes  voilees,  les  autres  demi-nues,  mais  sans  qu'on  puisse 
leur  attribuer  un  nom.  Ce  sont  plutöt  des  types  quo  dos  per- 
sonnes.  Ellos  represontent  Yeternel  feminin  et  l'amour  que  le 
poete  exprime  pour  olles  est  Vamour  et  non  pas  un  amour.» 

Ce  que  nous  venons  d'exposor  amene  dos  conclusions  toutes 
differentes.  Certes,  on  ne  peut  pas  affirmer  que  l'amour  du 
poete  vario  aussi  souvent  quo  lo  type  de  ses  femmes;  il  y  a  memo 
dans  tous  ses  attachements  un  caractere  permanent,  un  fond 
naturel  d'^goismo,  son  amour  n'etant  jamais  un  devoüment, 
la  femme  etant  toujours  pour  lui  un  delassement,  un  remede 
contre  l'isolement,  un  point  de  depart  ä  ses  divagations 
fantastiques.  II  est  tout  naturel  qu'il  ait  aime  une  Jeanne  Duval 
et  qu'il  ne  l'ait  pas  aimee  seule.  Mais  nous  avons  vu  quo  son 
amour,  tout  on  rostant  toujours  une  forme  de  son  egoisme, 
se  hausse  souvent,  par  de  differentes  voies,  ä  la  grandeur 
de   la  passion. 

Dans  les  instants  oü  la  tyrannie  du  moi  est  le  plus  lourde, 
oü  la  solitudo  de  l'äme  se  fait  sentir  le  plus,  il  täche  de  trouver 
l'oubli  dans  l'ivresse.     II  pourrait  s'enivrer  de  vin,   de   vertu, 

^*)  Moi,  si  tardil'  qu'il  füt,  je  nai  jamais  vu  un  printemps  suivre 
un  öte;  mais  Ton  sait  que  Baudelaire  s'amusait  souvent,  en  passant, 
ä  corriger  la  nature. 

»")  pag.  35. 


L'archüecture  des  „Fleurs  du  Mal".  57 

d'autres  choses;  il  s'enivre  d'abord  de  volupte  parce  qu'il  est 
artiste  et  aime  la  beaute:  l'ivresse  des  sens  reste  dans  une  certaine 
mesure  une  ivresse  d'art.  Mais  c'est  alors  que  la  realit^  ne 
repond  plus  ä  son  desir;  au  Heu  des  joies  ineffables,  compl^tes, 
il  rencontre,  sous  un  aspeet  nouveau,  le  probleme  tant  redoute; 
l'amour  vient  ä  s'identifier  pour  lui  avec  la  destruction.  Un 
tour  assez  frequent  que  son  imagination  lui  joue  c'est  de  lui 
changer  ses  maitresses  en  cada\Tes  et  en  vampires.  La  vo- 
lupte du  reste,  au  vrai  sens  du  mot,  ne  peut  guere  s'accorder, 
quoi  qu'il  ait  dit  lui-meme,  avec  son  temperament,  oü  l'instinct 
est  si  peu  de  chose,  oü  la  volonte  et  la  conscience  ont  une  si 
grande  place.  Trop  de  choses  dans  la  realite  troublent  et  entravent 
l'ivresse.  C'est  par  l'imagination  qu'il  goüto  reellement  et  com- 
pletement  le  plaisir.  De  lä  sa  vraie  volupte:  celle  des  tableaux 
lascifs  et  des  rhytraes  caressants.  «La  mignardise  tres  travaillee 
me  gäte  son  sensualisme»  a  dit  M.  Ganat,^^)  qui  peut-etre  se 
souvenait  de  Sainte-Beuve.^^)  II  eüt  plutot  fallu  diro:  c'est 
dans  la  mignardise  travaillee  que  son  sensualisme  consiste. 

II  est  aussi  des  instants  oü,  pour  briser  les  barrieres  qui 
le  separent  des  autres  hommes,  il  entrevoit  et  il  cherche  les 
formes  les  plus  saines  et  les  plus  hautes  de  l'amour.  Nous  l'avons 
vu  poindre,  cet  amoiir,  invocation  sans  echo,  dans  le  cycle  de 
la  Venus  noire;  nous  l'avons  vu  remplir  de  mystique  tendresse 
le  cycle  de  la  consolatrice.  Dans  les  dernieres  poesies  du  demier 
cycle  nous  le  voyons  naitre  ä  nouveau,  de  la  lassitude  infinie, 
de  l'epuisement  physique  et  moral: 

Et  pourtant,  aimez-moi,  tendre  ccBur!    Soyez  mere 
Meme  pour  un  ingrat,  meme  pour  un  mechant. 
Amante  ou  soeur,  soyez  la  douceur  ephemere 
D'un  glorieux  automne  ou  d'un  soleil  couchant. 

La  vie  de  Baudelaire  eüt  ete,  peut-etre,  tout  autre,  s'il  eüt 
eu  une  autre  mere.  Les  attachements  les  plus  tendres  et  les 
plus  salutaires  lui  ont  manquö;  et  non  pas  uniquement  par  sa  faute. 
Les  noms  de  mere  et  de  soeur  resonnent  ä  la  fin  de  ses  chants 
d'amour  non  comme  une  profanation,  mais  comme  un  soupir 
nostalgique.     On  ne  peut  lire  sans  de  poignantes  r^flexions   cc 

^')  Ouvrag.  CiL,  pag.  162,3. 

^2)  Les  Fleurs  du  Mal,  6d.  döl'.,  p.  396:  «Vous  avez  voulu  arracher 
leurs  secrets  aux  d6mons  de  la  nuit.  En  faisant  cela  avec  subtilit^, 
avec  raffinement,  avec  un  talent  curieux  et  un  abandon  quasi  precieux 
d'expression,  en  perlant  le  detail,  en  petrarquisant  .sur  l'liorrible,  vous 
avez  I'air  de  vous  etre  jou6;  vous  avez  pourtant  souffert,  vous  vous 
etes  rongö  ä  promener  vos  ennuis,  vos  caucheniars,  vos  tortures  morales ; 
vous  avez  du  beaucoup  souffrir,  mon  eher  enfant.  Cette  tristesso 
particuliere  qui  ressort  de  vos  pages  et  oü  je  reconnais  le  dernier  Symp- 
tome d'une  g6n6ration  malade,  dont  les  ain^s  nous  sont  trös  connus, 
est  aussi  ce  qui  vous  sera  compt6.» 


58  /-    /''•    lienedeUo. 

qu'il  ecrivait  sur  le  bord  du  portrait  do  Berthe,  dans  ses  deniior* 
ans:  «A  une  horrible  petitc  fille,  souvenir  d'un  grand  fou  qni 
ckerchait  nne  fille  d  adopter.» 

lie  Spleen. 

«II  y  a  dans  tout  homme,  ä  toute  heure  —  dit  Baudelaire 
dans  Mon  cceur  mis  ä  nu  —  deux  postulations  simultanees, 
l'une  vors  Dieu,  Tautre  vers  Satan:  l'invocation  ä  Dieu,  oii 
spiritualite,  est  un  desir  de  monter  en  grade;  eelle  de  Satan, 
ou  animaliU,  est  une  joie  de  descendre^^).»  Jusqu'ici  Tange  du 
mal  n'a  pas  encore  remporte  son  plein  triomphe.  On  assist^ 
dans  Spleen  et  Ideal  au  contraste  des  deux  impulsions  eontra- 
dictoires,  ä  la  douloureusc  conscience  de  ce  contraste;  dans  la 
derniere  partie,  quand  la  foi  dans  l'art  et  dans  Tamour  est  eteinte, 

10  heros  du  dramc  nous  apparait  dejä  agite  par  des  mouvementa 
plus  brusques,  plus  passionnes;  dejä  l'idee  du  crime  traverse  son 
eerveau  et  les  blasphemes  s'echappent  de  ses  levres;  il  sent  dejä 
Tattrait  de  l'oubli:  du  vin  et  de  la  tombe.  Mais  ce  ne  sont  que 
des  sursauts  d'un  instant.  Baudelaire  decrit  ailleurs  le  vrai 
Spleen,  non  disposition  momentanee  mais  etat  habituel  de  Tarne. 

11  a  distingue,  dans  son  analyse,  plusieurs  moments  differents. 
Gar  le  Spleen  n'a  qu'une  seule  forme;  quelquefois  Tabandon 
las,  indifferent,  le  degoüt  de  soi-meme  et  des  choses,  la  nostalgie 
du  passe,  se  changent  en  haine,  en  desespoir,  en  amour  furieux 
du  neant.  Les  Fleurs  du  Mal,  Revolte,  le  Vin,  la  Mort,  qui  suivent, 
dans  la  premiere  edition,  Spleen  et  Ideal,  representent  une  plus 
lente  succession  dans  son  äme  des  passions  qui  n'avaient  fait 
que  Toccuper  un  instant.  Des  tableaux  symboliques  defilent 
devant  nous,  oü  s'etale  la  poignante  tragedie.  D'abord,  dans 
les  Fleurs  du  Mal,  le  spectacle  du  vaincu  contomplant  ses 
propres  plaies  et  jetant  de  Tabime,  oü  il  est  tombe  irremediable- 
ment,  le  salut  consolateur  ä  tous  les  freres  de  martyre,  ä  tous 
ceux  qui  ont  cherche  comme  lui  de  realiser  Tinfinite  de  leur 
ideal.  Puis  vient  la  revolte,  la  dedition  complete  ä  Satan. 
Se  livrer  ä  Satan  qu'est-cc  que  c'est  ?  demande-t-il  dans  Fusees.^*) 
Nous  avons  cite  la  reponse  au  commencement  de  ce  chapitre. 
Ce  n'est  pas  seulement,  ä  mon  sens,  le  martyre  mystique,  Tamour 
du  mal  pour  le  mal;  mais,  dans  Tagitation  violente  qui  s'empare 
de  Täme  devant  1  irreparable,  le  ricanement  railleur  contre  Dieu 
comme  paroxysme,  les  litanies  de  Satan  comme  prostration 
finale.  La  priere  ä  Satan  comme  au  seul  genie  tutelaire  qui  lui 
est  reste  dans  sa  nuit,  montre  chez  lui  le  vide  devenu  plus  horrible, 
la  necessite  d'un  soutien  devenue  plus  grande.  Le  neant  est 
desormais    son   seul  refuge.     Le  vin    precede    la    mort,    l'oubli 

^3)  pag.  98. 
^'•)  pag.  86. 


L'archüecture  des  „Fleurs  du  Mal"'.  39 

momentane  l'oubli  eternel.  «Rancunes  litteraires,  vertiges  de 
l'infini,  douleurs  de  menage,  insultes  de  la  misere,  Poe  fuyait 
tout  dans  le  noir  de  l'ivresse,  comme  dans  une  tombe  preparatoire.^ 
Ainsi  ecrit-il  d'E.  Poe^^)  D'apres  M.  Ourousof,  le  poete  aurait 
accouple  le  vin  et  la  mort,  parce  que  celle-ci  est  aussi  un  resultat 
de  celui-lä;  mais  Baudelaire,  dans  le  Vin  des  Chiffonniers  (CXXIX) 
a  indique  le  vrai  licn: 

Pour  noyer  la  rancceur  et  bercer  l'indolence 
De  tous  ces  vieux  maudits  qui  meurent  en  silence 
Dieu,  touche  de  remords,  avait  fait  le  sommeil, 
L'hommc  ajouta  le  Vin,  fils  sacre  du  Soleil. 

Baudelaire  disposa,  dans  la  deuxieme  edition,  les  sections 
de  son  livre  d'une  facon  toute  nouvelle,  et  il  eut  pour  but  en 
cela  d'augmenter  le  tragique  de  Tensemble.  Le  Vin  ne  precede 
plus  la  Mort.  Aussi  les  Fleurs  du  Mal,  Revolte  et  la  Mort  restent- 
elles  plus  etroitement  unies  de  maniere  ä  constituer,  par 
l'egale  intensite  de  l'accent  et  la  puissante  rapidite  des  visions, 
comme  l'acte  final  du  drame,  la  catastrophe.  Le  Vin,  au  lieu 
de  representer  un  momentde  la  catastrophe,  passe  parmi  les  causes 
qui  Tont  produite.  Baudelaire  revit  aussi  minutieusement  la 
derniere  partie  de  Spleen  et  Ideal  et  s'apergut  qu'il  pourrait  par 
la  suppression  de  quelques  poesies,  rendre  plus  naturel  et  plus 
puissant  le  crescendo  du  sentiment.  C'est  lä  la  genese  des 
Tableaux  parisiens.  Spleen  et  Ideal,  Tahleaux  parisiens  et  le 
Vin,  se  suivent  donc  dans  la  premiere  edition  et  nous  disent 
comment  on  parvient  au  desespoir  inguerissable.  Ce  ne  sont  pas 
seulement  les  soifs  inassouvies  de  l'äme,  mais  le  spectacle  aussi  de 
la  civilisation  ambiante,  corrompue  et  corruptricc  et  surtout  mal- 
heureuse;  et  apres  l'analyse  impitoyable  du  moi,  apres  les  distrac- 
lions  tristes,  le  secours  misericordieux  du  vin,  assuupissant  la 
conscience  par  des  chimeres  de  bonheur.  Le  vin  a  eneore  une 
autre  valeur  dans  le  progres  desidees:  apres  l'excitation  de  l'instant, 
Taneantissement  est  plus  grave.  Aussi  le  plan  general  de  rou\Tago 
devenait-il  ä  la  fois  plus  suggestif  et  plus  vrai. 

On  retrouve,  dans  la  revision  des  details,  la  meme  intention 
d'augmenter  le  naturel  du  developpement  et  de  micux  faire 
ressortir  la  dramatiquo  poesie  du  sujet.  Le  leeteur  peut  s'en 
convaincre  comme  nous  en  r^flechissant  un  instant  aux 
changements  apportes  par  l'auteur  ä  l'ordre  des  poesies  dans  la 
derniere  partie  de  Spleen  et  Ideal.  Voici  comment  elles  etaient 
disposees,  dans  la  premiere  edition. 


'•'•')  (Eueres,   IV,  pag.  2Ü. 


60 

A.    h\ 

lienedello. 

LH 

lleautontimorounienos 

LXVII 

Le  Crt^puscule  du  soir 

LI  II 

Franciscue  nieae  laudes 

LXVIII 

Le  (;r«^puscule  du  matin 

LIV 

A  uiie  dame  erhole 

LXIX 

«La  servante  au  grand 

LV 

Moesta  et  errabunda 

cceur    dont    vous    6tiez 

LVl 

Les  cliats 

jalouse» 

LVII 

Les  hiboux 

LXX 

«Je   n'ai   pas   oubliö 

LVIII 

La  cloche  f616e 

voisine  de  la  ville» 

LIX 

Spleen 

LXXI 

Le  tonneau  de  la  Haine 

LX 

Spleen 

LXXII 

Le  Revenant 

LXI 

Spleen 

LXXIII 

Le  Mort  joyeux 

LXll 

Spleen 

LXXIV 

S^pulture 

LXIIl 

Brumes  et  pluies 

LXXV 

Tristesse  de  la  lune 

LXIV 

l/iiTÖmediable 

LXXVI 

La  musique 

LXV 

A  une  mendiante  rousse 

LXXVII 

La  pipe 

LXVI 

IjG  Jeu 

Un  ordre  existait  donc  sans  doute  dans  la  premiere  edition;  y 
mais  ce  n'etait  pas,  ä  vrai  dire,  le  mcilleur  qu'on  put  concevoir,  v 
dans  la  seconde  moitiö  surtout.  La  perception  nette,  l'aecablante 
conscience  de  son  propre  etat  (LH),  le  retour  de  la  pensee  aux 
douces  impressions  du  jeune  äge,  aux  amours  naives,  aux  figures 
nobles  et  bonnes  rcncontrees  autrefois  (LIII — LV)  ne  constituent 
pas  encore  le  spieen  vrai  et  absolu.  Les  neuf  poesies  suivantes 
le  representent  dans  sa  forme  la  plus  generale.  Avant  tout 
l'aspiration  au  silence,  aux  tenebres,  au  songe  sans  fin  (LVI), 
l'amour  de  la  meditation  melancolique,  loin  du  tumulte  et  du 
mouvement  (LVII).  Le  silence  est  desormais  necessaire  au  poete. 
Si  des  voix  sortent  encore  de  son  coeur,  elles  ressemblent  au 
räle  d'un  bless6  qu'on  oublie  dans  le  sang,  au  bruit  d'une  cloche 
felee  (LVIII).  II  voudrait  avoir  la  vigueur  de  la  cloche  qui 
Jette,  malgre  les  ans,  son  cri  religieux,  mais  sa  vie  est  froide, 
faible,  monotone  (LIX — LXII).  Brumes  et  pluies  (LXIII)  con- 
tinuent  le  sujet  de  Spleen  (LXII),  dont  le  fond  est  precisement 
un  ciel  brumeux  et  pluvieux;  vient  ensuite  V Irremediable  (LXIV), 
Synthese  exquise  du  cauchemar  multiforme  dont  le  poete  est 
opprime.  L'effet  profond  de  cette  derniere  poesie  est  imme- 
diatement  arrete:  les  six  poesies  suivantes  detournent  l'attention 
sur  des  scenes  exterieures  d'un  dramatique  moindre.  Elles  ont, 
elles  aussi,  leur  signification ;  ce  sont  des  scenes  tristes  preparant 
r^clat  final  de  la  haine  (LXXI)  et  le  voeu  macabre  du  Revenant^ 
son  expression  la  plus  forte.  Encore  un  eclat  de  rire  vulgaire 
(LXXIII— LXXIV),  un  sourire  triste  (LXXV— LXXVI),  une 
grimace  goliardique  (LXXVII),  et  Spleen  et  Idial  est  fini. 

La  manie  des  fins  sataniques,  que  nous  avons  dejä  constatee 
chez  Baudelaire,  se  revele  dans  la  structure  des  cycles  aussi 
bien  que  dans  Celles  des  poesies  particulieres.  Le  dernier  tableau 
de  Spleen  ei  Idial^  celui,  bien  entendu,  de  la  premiere  edition, 
nous  presente  le  poete  qui  a  tant  lutte  et  tant  souffert,  tout  attentif 
ä  la  fumee  de  sa  pipe ;  on  nous  fait  contempler,  ä  la  fin  des  Fleurs 
du  Mal.   la  partie  la  plus   poignante  du   Myto,   un  Amour  assis 


L'archiiectiire  des  ,^Fleurs  du  yfat\  61 

sur  le  cräne  du  poete,  faisant  des  bulles  avec  son  cerveau;  quant 
ä   Revolte,   il  suffit  de   dire   que   le  poeme  se   termine   par  les 
Litanies    de    Satan;    et    la    Mort,    c'est-ä-dire    Tentier    volume, 
aboutit  ä  la  raillerie  amere  de  la  Mort  des  Artistes: 
II  en  est  qui  Jamals  n'ont  connue  leur  Idole, 
Et  ces  sculpteurs  damnes  et  marques  d'un  affront 
Qui  te  vont  martelant  la  poitrine  et  le  front, 
N'ont  qu'un  espoir,  etrange  et  sombre  Capitole! 
C'est  que  la  Mort,  planant  comme  un  soleil  nouveau. 
Fera  s'epanouir  les  fleurs  de  leur  cerveau! 
Mais  le  poete  s'apergut,  en  revoyant  son  ouvrage,  que  ses 
vers  les  plus  sataniques  n'etaient  pas  toujours  les  plus  profonds. 
II  ajouta  ä  son  livre  de  nouvelles  poesies  constituant  une  fin 
plus  serieuse;  il  termina  Spleen  et  Ideal  par  les  poesies  les  plus 
denses  et  les  plus  vibrantes.    HeaiUontimoroumenos,  que  la  robuste 
vigueur  de  l'accent  et  de  la  pensee  avaient  fait  choisir  auparavant 
comme  Ouvertüre  du  cycle,  et  Vlrr^mediahle,  oü  le  meme  sujet 
n'est  pas  traite  avec  moins  d'energie,  ont  ete  reunis  et  places 
au  bout  du  cycle;  on  leur  ajouta  VHorloge  qui  les  integre,  en 
associant  ä  la  pensee   que  tout  salut  est  desormais  impossible 
le  regret  du  temps  perdu  et  la  peur  du  reproche  et  du  jugement 
imminents.    Ces  trois  poesies  ne  fönt  qu'un  seul  tout.    Les  \dngt 
nouveaux  poemes  ajoutes  dans  l'edition  posthume  (LXXXV-CIV) 
ont  ete  inseres  de  fagon  ä  en  respecter  l'unite  et  ä  respecter  en 
meme  temps  l'unite  indissoluble  du  groupe  precedent.     Les  six 
poesies    qui    interrompaient,    comme    nous    l'avons    remarque, 
l'organique  structure  de  l'ensemble,  ont  ete  mises  hors  de  Spleen 
et  Ideal,  premier  noyau  de  la  nouvelle  section  Tableaux  parisiens. 
Comme  le  protagoniste  devait  etre  amene  peu  ä  peu  ä  l'indifferenee, 
au  goüt  du  neant,  ä  tel  point  que  le  poete  put  lui  dire: 

Pour  toi,  vieux  maraudeur, 

L'amour  n'a  plus  de  goüt 

toutes  les  poesies  relatives  ä  l'amour  sont  concentrees  au  debut 
du  cycle.  Aussi  le  Revenant  a-t-il  ete  deplace  et  le  Tonneau 
de  la  Haine,  qui  pouvait  se  comprendro  assez  bien  dans  la  premiero 
edition  et  qui  empruntait  de  la  poesie  suivante,  le  Rcvenant, 
un  caractere  special  de  haine  contre  les  femmos,  rcQoit  de  sa 
nouvelle  place  une  valeur  plus  generale  de  haine  contre  tous 
les  hommes,  et  nous  parait  comme  egarö,  sans  attache  avec 
ce  qui  pröcede,  ni  avec  ce  qui  suit.  Sonnet  d'automne  (LXVl) 
a  ete  ajoute  pour  clore  le  petit  groupe  du  spieen  amoureux; 
pour  s'en  persuader  il  suffit  d'y  souligner  les  paroles:  «Je  hais 
la  passion».  II  est  aise,  en  continuant  l'examen,  de  se  rendre 
compte  du  degre  d'intensite  tragique  des  diff(^rentes  poesies, 
suivant  leur  auteur;  car,  r6petous-le  encore,  tout  est  disposö 
en  vue  de  l'unite  totale,  et  Tristesse  de  la  liine  plein  de  douceur 


62  />•   f-   /Jenedello. 

rornantique,  pr6c6de  los  poesics  plus  douloureuscs  d(;  risoloment 
vi  du  rt'vo,  la  Pipe  precedc  la  Miisiqae,  lo  tabac  elant  un  conso- 
latour  moins  fort  quo  la  musiquc,  ot  ainsi  de  suite. 

La  dcuxieme  edition  est,  au  point  de  vue  de  la  disposition 
des  pieces,  la  plus  parfaite.  Sa  compacte  structure  a  ete  gäte, 
ä  mon  avis,  par  Ics  poemes  que  Baudelaire  a  intercales  par  la 
suite  et  dont  quclques-uns  sont  pourtant  des  chefs-d'oouvre, 
Comment  expliquor,  par  exemple,  la  presonce  de  ce  cantique, 
Le  Calumel  de  Paix,  fragment  imite  de  Longfellow,  dans  un 
livre  consacre  aux  tempetes  de  Fäme  ?  Faut-il  y  voir  la  recherche 
d'un  violent  effet  de  contraste  ?  Le  besoin  de  mieux  affirmer 
combien  multiforme  est  le  cauchemar  du  malade  ?  Do  memo  pour  les 
Tableaiix  parisiens:  l'ordre  de  la  douxicmo  edition  est  le  meilleur. 
Apres  deux  compositions  de  caractere  introductif  Paysage  ot  le 
Soleil^  se  deroulent  deux  distinctes  s^ries  de  tableaux:  les  tableaux 
diurnes  (LXXXVIII— XCIV  dans  la  2  ed.;  CXII— CXVIII  dans 
la  3^)  et  les  tableaux  nocturnes  (XCV — CHI  dans  la  2®ed.-, 
CXIX — CXXVIII  dans  la  3^).  Des  deux  poesies  ajoutees  dans 
l'edition  posthume  et  placees  de  maniere  ä  ne  pas  troubler  l'ordre 
indique,  la  premiere,  Lola  de  Valence,  n'a  rien  qui  en  explique 
l'existence  dans  ce  volume,  la  deuxieme,  Lune  offensee,  pouvait 
ais6ment  entrer  dans  la  seconde  serie  de  tableaux.  C'est  lä, 
du  roste,  il  faut  le  dire,  la  partie  des  Fleurs  du  Mal  la  plus 
critiquable.  On  peut  appliquer  aux  Tableaux  parisiens  ce  que 
le  poete  disait  de  ses  Petits  poemes  en  prose.  Ce  sont  les 
vertebres  de  la  colonne  vertebrale  d'un  serpent:  si  Ton  ote 
quelques-uns  des  anneaux,  les  autres  se  rejoignent  ä  l'ins- 
tant.  Aucun  lien  necessaire  entre  eux  et,  qui  pis  est,  tres 
faible  parfois  le  lien  entre  chaque  poesie  et  le  concept  general 
sur  lequel  le  cycle  est  fonde.  Le  sujet  etait  splendide.  Les 
creatures  d'exception,  telles  que  celle  dont  il  conte  l'histoire, 
sont  possibles,  plus  que  partout  ailleurs,  dans  la  cite  gigantesque 
et  il  etait  bon,  comme  il  se  piquait  de  scrupuleuse  exactitude, 
de  ne  pas  negliger  la  formidable  vertu  du  milieu.  La  partie 
relative  au  Paris  nocturne  est  assez  reussie,  dans  l'ensemble; 
s'il  ne  nous  en  donne  pas  une  description,  il  nous  en  donne,  pour 
ainsi  dire,  le  sentiment.  Mais  Baudelaire  a  voulu  aussi  developper, 
parallelement,  un  second  motif:  nous  montrer  que  tout,  aux 
yeux  du  protagoniste,  devenait  un  symbole  des  verites  doulou- 
reuses  qui  obsedaient  son  cerveau.  II  a  fait  plus:  il  a  fourre 
dans  ce  cycle  tout  ce  qui  n'etait  pas  exclusivement  vie  de  l'esprit 
QU  qui  ne  trouvait  pas  ä  se  placer  opportunement  ailleurs.  De 
lä  les  visibles  defaillances  de  cette  section  et  les  demandes  etranges 
que  le  locteur  est  parfois  oblige  de  se  faire,  teile  que  celle-ci  par 
exemple,  si  ce  n'est  qu'ä  Paris  qu'on  rencontre,  en  flänant,  des 
vieilles,  des  mendiants,  des  aveugles,  des  passantes  jolies.  On 
est  de  memo  etonne  de  revoir  dans  ce  groupe  les  deux  anciennes 


I 


L' architeciure  des  ..Fleurs  du  MaV\  63 

poesies  de  Baudelaire,  Je  n'ai  pas  oublie  voisine  de  la  ville  (GXXIII) 
et  La  servante  au  grand  coeur  dont  vous  etiez  jaloiise  (CXXIV) 
et  avec  elles  Brumes  et  pluies.  Gomment  donc  les  deux  premieres 
se  tiennent-elles  —  nous  les  voyons  dejä  accouplees  dans  la  pre- 
miere  edition  —  et  quel  est  le  rapport  de  toutes  trois  au  cycle 
des  Tableaux  parisiens?  La  seule  reponse  possible  est  qu'elles 
nous  enseignent  deux  diverses  methodes  de  passer  la  nuit  ä 
Paris.    L'une  serait  (GXXV) : 

par  un  soir  sans  lune,  deux  ä  deux, 

D'endormir  la  douleur  sur  un  lit  hasardeux, 
l'autro  au  contraire  de  se  trouver  avec  une  ancienne  maitresse. 
Cette  derniere  methode  est  moins  recommandable;  eile  excite  de 
tristes  Souvenirs.  La  presence  de  l'ancienne  maitresse,  rappeile 
sans  donte  les  goüters  delicieux  d'autrefois,  dans  la  blanche 
maisonnette  pres  de  la  ville,  mais  on  revoit  aussi  l'image  de 
la  vieille  bonne,  morte  maintenant  et  qu'il  faut  oublier  dans 
sa  tombe! 

Des  manquements  et  des  naive tes  de  ce  genre  se  retrouvent 
de  meme  ailleurs,  dans  la  section  le  Fm,  par  exemple,  oü  le  Vin 
de  VAssassin  sort  entierement  du  plan  general.  Qu'on  remarque 
que  ce  petit  groupe  a  lui  aussi  sa  courte  preface:  l'Ame  du  Vin 
(GXXVIII).  Pour  les  autres  poesies,  elles  s'expliquent  aisement 
et  elles  s'expliquaient  mieux  encore  quand  le  Vin  et  la  Mort 
se  suivaient.  Le  Vin  des  Chiffonniers  correspond  ä  la  Mort  des 
pauvres\  le  Vin  du  Solitaire  ä  la  Mort  de  Varliste\  le  Vin  des  amants 
s  la  Mort  des  amants.  Nous  avons  dejä  dit  que  le  poete  faisait 
allusion  par  lä  aux  trois  caractercs  essentiels,  suivant  lui,  de  son 
protagoniste. 

L'histoire  d'un  etat  aussi  complique  que  le  spieen  est  sans 
<loute  moins  facile  ä  rappeler  et  ä  decrire  qu'une  histoire  d'amour, 
pour  celui-lä  meme  qui  en  a  ete  le  heros.  Rien  d'etonnant  donc 
ä  ce  qu'on  ne  puisse  pas  dcterminer  aussi  nettemcnt  combien 
le  cycle  du  Spleen  renferme,  dans  sa  structure,  de  Souvenirs  per- 
sonnels.  II  me  semble  pourtant  pouvoir  affirmer  que  la  derniere 
partie  de  Spleen  et  Ideal,  teile  qu'elle  etait  dans  la  premiere  edition, 
rendait  assez  bien,  par  son  desordre  meme,  ce  qu'on  pourrait  appoler 
le  pessimisme  normal  de  son  auteur.  Et  les  principales  pliases 
de  la  pensee  baudelairienne  reconstruite  par  ses  biographes, 
me  semblent  correspondre  assez  bien  aux  grandcs  divisions  du 
livre,  dans  la  premiere  Edition:  les  Fleurs  du  Mal,  la  Rh'olte, 
le   Vin. 

D'abord,  comme  dans  les  Fleurs  du  Mal  centrales,  la  periode 
des  dostructions  audacieuses,  inoxorables.  11  se  consacre  des  ses 
Premiers  ans  ä  la  vie  de  la  pensee,  affrontant  les  obstaclcs  avec 
Tenthousiasmc  qui  faisait  autrefois  quitter  la  maison  paternelle 
pour  chercher  d'iieroiques  aventures,  ou  delivrer  quelquo 
beaute     prisonniere.       G'esl     lui-meme     qui     a    trouve     cette 


64  /-.  l'-   Benedello. 

comparaison,  si  c'est  ä  lui  memo  qu'il  fait  allusion  la  oü 
s'abandonnant  au  pessimismc  le  plus  sombre,  il  prrklit  la 
prochainc  disparition  de  tout  ideal,  la  vonue  d'une  epoque 
d'avide  malerialite,  oü  les  cnfants  fuiront  leur  famillo,  non  k 
dix-liuit  ans  pour  immortaliser  un  taudis  par  de  sublimes  pensees, 
mais  ä  douze,  pour  fonder  un  commerce,  s'enrichir,  et  faire  con- 
currence  k  leur  infame  papa.^^)  Dans  le  bouge  qui  l'accueille 
presque  enfant,  seul,  inexperimente,  plein  de  vagues  esperances, 
il  fait  obscurcir  toutes  los  vitros,  sauf  une  petite  partic  en  haut, 
pour  ne  voir  autre  chose  quo  le  ciel.  La  melancolie  est  dejä 
sa  compagne.  II  ecrit  dans  Mon  cceur  mis  ä  nu:  «Sentiment 
de  solitude  des  mon  onfance.  Malgre  la  famille  et  au  milieu 
des  camarades  siirtout.  Sentiment  de  destinee  eternellement 
solitairo.»^^)  II  a  connu  au  College  «la  premiero  solitude»  et  le 
second  mariage  de  sa  mere  l'a  blosse  et  abattu  commo  uno  trahison 
et  un  malheur.  L'oisivete  acheve  de  le  rendre  malhcureux.  II 
reconnaissaitluimeme,  plus  tard,  quo  c'etait  en  partie  par  l'oisivete 
qu'il  avait  grandi;  qu'il  lui  devait,  il  est  vrai,  bien  des  chagrins 
materiels,  mais  aussi  sa  largour  d'idees  et  son  originalite  litteraire. 
II  est  naturel  quo  l'amour  du  reve  et  la  curiosite  de  l'esprit  se 
soient  alors  eveilles  on  lui  et  que  les  problemes  les  plus  generaux 
et  les  plus  torribles,  coux  auxquols  le  travail  quotidien  pour 
l'existenco  et  les  petits  triomphes  de  la  pensee  dans  des  domaines 
plus  modostes  auraient  pu  seuls  le  soutraire,  l'aiont  ravi,  inquiete, 
obsede.  L'inconnu  l'attiro  et  lui  donne  le  vertigo,  commo  l'abime. 
Mais  il  trouvo  une  volupte  etrange  dans  cos  vertiges  de  Tosprit; 
il  les  provoque,  les  prolonge,  los  repete;  il  cultive,  commo  il  dit, 
son  hysterisme.  Le  travail  intollectuel  du  roste  lui  doviont  non 
soulemont  agreablo,  mais  necessairo.  Sa  raison,  souple  et  forte, 
ne  se  laissc  pas  intimidor  par  la  gravite  ni  la  tristesse  des  con- 
clusions;  il  a  vite  fait  de  reconnaitre  los  monsonges,  los  prejuges, 
les  sottisos  dont  se  compose  la  vie.  II  n'a  oncore  que  vingt  an& 
et  sa  mere  ecrit  de  lui  ä  M.  Ancolle  :^^)  «Co  mepris  souverain  pour 
rhumanite,  ne  pas  croiro  a  la  vertu,  ne  croire  ä  rion,  tout  cela 
est  effrayant».  Le  jeune  hommo,  qui  so  vantera  un  jour  d'avoir 
un  esprit  philosophique  clair  et  sür^^),  ne  veut  pas  qu'on  donne 
le  change  ä  sa  raison;  il  ne  veut  pas  se  cacher  touto  la  ridicule 
insignifiance  de  la  mesquino  humanite;  coUe-ci  lui  apparait 
dejä  comme  uno  grando  masse  d'osclavos  que  los  Dostinees  con- 
damnent  dopuis  des  siecles  ä  la  repetition  monotone  des  memos 
vices  et  dos  memos  folios. 

3^)  Fusees,  pag.  89, 

9')  pag.  96. 

^^)  J^tude  biographiqiie  iV Eug.  Crepet  mise  ä  jour  par  J.  Crepet, 
cit.  pag.  26. 

^^)  Dans  une  lettre  ä  M.  Toussenel  du  21  Janv.  1856:  «Ce  qu'il 
y  a  de  bien  certain  cependant  c'est  que  j'ai  un  esprit  philosophique 
qui  me  fait  voir  clairement  ce  qui  est  vrai,  meme  en  Zoologie». 


L'architecture  des  ..Fleurs  du  MaV\  fi5 

Sa  terreur  et  son  humiliation  ont  du  alors  etre  bien  grandes, 
si  Ton  reflechit  ä  la  grandeur  de  la  reaction.  II  se  revolta  contre 
cette  idee  d'une  puissance  mysterieuse  se  servant  de  nous  commo 
de  machines  pour  des  fins  qui  nous  sont  inconnues,  et  embrassa 
avec  enthousiasme  le  Systeme  qui  fait  la  plus  grande  part  ä  la 
volonte,  ä  l'activite  reflechie  et  personnelle:  le  dandysme.  Car 
le  dandysme  n'est  pas  pour  Baudelaire  la  doctrine  de  la  fade 
elegance,  risible  heritage  de  Brummel;  c'est  une  haute  coneeption 
morale.  L'humanite  se  partage  pour  lui  en  deux  groupes  distincts : 
d'un  cöte  le  plus  grand  groupe,  le  peuple  cree  pour  le  fouet  que 
le  courant  entraine  et  l'instinct  aveugle  pousse  sans  qu'il  sache 
qu'il  est  entraine  et  pousse;  de  l'autre  cöte  une  elite  restreinte 
d'aristocrates  sachant  l'inutilite  de  la  vie  et  Timplacable  toute- 
puissance  du  destin,  mais  pleins  de  Torgueil  des  vaincus  et  fiers 
de  leur  conscience.  Le  dandy  doit  dormir  devant  un  miroir, 
dit  Baudelaire;  ce  qui  constitue  le  dandysme  est  precisement  la 
presence  continue  de  soi  ä  soi-meme;  c'est  l'effort  assidu  de 
remplacer  l'instinct  mecanique  par  le  travail  de  la  volonte.  La 
theorie  ne  saurait  etre  plus  noble  et  plus  haute:  c'est  ainsi  quo 
se  forment  et  le  saint  et  le  heros.  Mais  le  heros  et  le  saint  different 
en  ceci  du  dandy  qu'en  eux  l'heroismo  et  la  saintete  s'allient 
toujours  au  desinteressement,  ä  l'amour  des  hommes,  tandis 
que  le  dandy  est  egoiste  et  il  ne  joue  que  pour  s'amuser  sa  sainte 
ou  heroique  comedie.  De  la  le  precepte  baudelairien :  «Etre  un 
heros  ou  un  saint  pour  soi-meme. »^^)  De  lä  aussi  sa  definition 
historique  du  dandysme^^^) :  «Le  dandysme  apparait  surtout  aux 
epoques  transitoires  oü  la  democratie  n'est  pas  encorc  toute 
puissante,  oü  l'aristocratie  n'est  que  partielloment  chancelante  et 
avilie.  Dans  les  troubles  de  ces  epoques  quelques  hommes  declasses, 
degoütes,  desoeuvres,  mais  tous  riches  de  force  native,  pcuvent 
concevoir  le  projot  de  former  une  espeee  nouvelle  d'aristocratie, 
d'autant  plus  difficile  ä  rompre  qu'clle  sera  basce  sur  les  facultes 
les  plus  precieuses,  les  plus  indcstructibles,  et  sur  les  dons  Celestes 
que  le  travail  et  l'argent  ne  peuvent  conferer.  Mais  le  flot  montant 
de  la  democratie  noie  jour  ä  jour  les  derniers  representants  de 
l'orgucil  humain.»^^^) 

Cependant  son  rcve  du  parfait  dandy,  de  l'homme  supericur 
(lui  affine  toute  son  cducation,  developpe  toutes  ses  enorgies,  mais 
qui  peut  au  besoin  ne  vouloir  rien  de  tout  cela,  toutes  fonctions, 
tous  liens  lui  etant  odieux,  se  dissipa  au  contact  du  reel,  ou, 

^^)  M.  CassagnCy  La  theorie  de  Vart  pour  Carl,  Paris  1904, 
pag.  173,  iiote  ä  ce  propos:  «Un  saint!  Eiilendez  une  conscience  artis- 
tique  irröprochable».     Je  ne  crois  pas  cette  interprt^tation  acceptablc. 

'"*)  Dans  son  article  sur  C.  Guy,  (Euvres,  II. 

'**-)  Gustav  Koehler.  Der  Dandysnms  im  französischen  Roniatt 
des  XIX.  Jahrhunderts,  Halle  a.  S.,  1911  (33.  Beiheft  zur  Zeitschrift 
für  romanische  Philologie)  fait  une  place  aussi  ä  Baudelaire  dans 
son  etude,   pag.  52|57. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.   u.  Litt.  XXXI X'/'.  5 


66  L.  F.  Benedetlo. 

du  moins,  ne  put  etre  realis6  qu'en  partie.  Rappeions  nous 
l'ardente  priöre  de  l'artiste  implorant  de  Dieu  la  po6sie  pour 
se  soulcver  commo  cr6aleur  au  dessus  du  iroupeau.  Sa  haine 
du  troupeau  finit  par  avoir  eile  aussi  des  effots  tres  fäclieux. 
Tout  Ic  mondc  sait  ce  que  le  dandysme  devint  dans  sa  vie 
pratique  et  ä  quels  exces  le  conduisit  la  pcur  d'ctre  confondu  avec 
le  vulgaire.  Le  Baudelaire  excentrique  et  bizarre  ne  nous  in- 
teresse  que  par  l'augmentation  de  souffrance  que  ses  excentricites 
lui  ont  value.  Apres  avoir  cherchö  l'aristocratique  plaisir  de 
döplaire,  apres  avoir  ahuri,  lieurte,  fäclio  la  foule^^^)  et  s'etro  fait 
passer  pour  le  plus  abominablo  des  vicieux,  il  souffrit  cruellement 
d'avoir  ete  cru.  Sa  solitude  an  devint  plus  effrayante.  Qu'on 
ajoute  tout  ce  que  nous  avons  dit  plus  haut,  toutes  los  causes 
d'isolement  moral  que  nous  venons  d'etudier:  on  comprendra 
son  desespoir^^^);  sa  tentative  d'y  echappcr  par  l'action  momen- 
tanöment  bienfaisanto  des  excitants  nous  paraitra  presque 
excusable.^^^)  «De  quelques  rares  esprits  qui  marchent  par  ces 
temps  dans  la  solitude  du  moi,  il  est,  je  pense,  le  meilleur  et  le 
plus  sür  de  sa  route>>  ecrivait  de  lui,  en  1852,  le  Journal  pour  rire. 
Mais  combien  de  tristesses  cachees  derriere  cette  assurance  de 
surface!  En  cette  annee-lä  meme,  il  secouait  le  joug  de  ses 
dösolantes  doctrines  et  celebrait  l'action^^^): 

«Disparaissez  donc,  ombres  fallacieuses  de  Rene,  d'Obermann 
et  de  Werther;  fuyez  dans  les  brouillards  du  vide,  monstrueuses 
creations  de  la  paresse  et  de  la  solitude;  comme  les  pourceaux 
dans  le  lac  de  Genezareth  allez  vous  replonger  dans  les  forets 
enchantees  d'oü  vous  tirerent  les  fees  ennemies,  moutons  attaques 
du  vertigo  romantique.  Le  genie  de  l'action  ne  vous  laisse  plus 
de  place  parmi  nous.» 

Le  dandysme  de  Baudelaire  n'exclut  pas  l'action;  il  contient 
meme  dans  ces  principes  comme  une  force  heroique;  mais  ce 
n'est  point  l'action  dont  il  s'agit  ici,  activite  pour  le  bien  des 

^<'^)  Sa  liaine  du  bourgeois  regoit  un  dementi  momentane  du  com- 
inencement  de  son  premier  Salon.  On  y  caresse  la  bourgeoisie  et 
on  remarque  qu'en  fin  de  compte  c'est  eile  qui  paie  les  artistes.  Sou- 
venons-nous  de  la  Muse  Venale.  II  ne  s'agit  pas  d'une  vöritable  orien- 
tation  de  son  esprit  vers  la  litterature  utile;  Baudelaire,  distrait,  se 
contredit  aussitot  et  ses  invectives  ne  laissent  aucun  doute  sur  son 
vrai  sentiment.  Quant  au  röle  qu'il  joua  dans  la  revolution  de  1848, 
il  se  justifia  lui-meme  par  la  mauvaise  influenae  des  lectures  scolaires. 

^"■*)  Son  Imagination  se  peuplait  de  visions  macabres.  Quelques- 
uns  de  ses  dessins  aussi,  il  faut  le  noter,  reprösentent  des  scenes  effra- 
yantes.  Si  l'on  veut  trouver  quelque  chose  approchant  des  cauchemars 
d6crits  dans  les  Fleurs  du  Mal,  il  suffit  de  lire  la  narration  qu'il 
fait  d'un    songe  horrible   ä   son    ami    Asselineau   le    13   Mars    1856. 

^^^)  11  ne  faut  pas  exagörer,  comme  on  l'a  fait,  l'influence  de  Thaschisch 
et  de  l'opium  sur  la  pensöe  et  sur  l'art  de  notre  auteur.  A.  Pizzini, 
//  cuore  di  Baudelaire,  dans  la  Rivista  d'Italia,  an  XI,  1908,  II, 
835/855,  a  trop  insiste  sur  ce  point. 

^^^)  An  romantique,  dans  (Euvres,   III,  p.  20/34. 


L'architectnre  des  ..Fleiirs  du  Mat".  67 

hommes.  Le  resultat  du  dandysme  est  ordinairement  Tiin- 
passibilite  et  l'indolence  ,parce  qu'il  ne  donne  ä  raction  aucun 
but  extrahumain  ni  altruiste,  mais  il  la  considere  plutöt  comme 
le  jeu  savant  d'un  esprit  qui  ne  veut  pas  s'ennuyer.  Aussi 
trouve-t-on,  au  bout  de  Fusees,  le  vrai  portrait  de  Baudelaire, 
du  Baudelaire  de  tous  les  instants,  non  d'un  moment  tout 
special  :^^^) 

«Perdu  dans  ce  vilain  monde,  coudoye  par  les  foules,  je 
suis  comme  un  homme  lasse  dont  l'oeil  ne  voit  en  arriere  dans 
les  annees  profondes  que  desabusement  et  amertume,  et,  devant 
lui,  qu'un  orage  oü  rien  de  neuf  n'est  contenu,  ni  enseignement 
ni  douleur.  Le  soir  oü  cet  homme  a  vole  ä  la  destinee  quelques 
heures  de  plaisir,  berce  dans  sa  digestion,  oublieux  autant  que 
possible  du  passe,  content  du  present  et  resigne  ä  l'avenir,  enivre 
de  son  sang-froid  et  de  son  dandysme,  fier  de  n'etre  pas  aussi 
bas  que  ceux  qui  passent,  il  se  dit,  en  contemplant  la  fumee  de 
son  cigare :   Que  m'importe  oü  vont  ces  consciences  ?^^^) 

Barbey  d'Aurevilly  terminait  en  1857  son  article  sur  les 
Fleiirs  du  Mal  par  ces  mots:  «Apres  les  Fleurs  du  Mal  il  n'y  a 
plus  que  deux  partis  ä  prendre  pour  le  poete  qui  les  fit  eclore : 
DU  se  brüler  la  cervelle  . . .  ou  se  faire  chretien.»^^^)  L'äme  et 
les  malheurs  du  poete  lui  etaient  connus;  peut-etre  ajoutait-il 
ces  dernieres  paroles  comme  un  souhait  bienfaisant.  Et  en 
effet  nous  eprouvons  une  sorte  de  soulagement  ä  voir  le  poete 
s'acheminer  sur  la  nouvelle  voie  qu'on  lui  a  prophetiquement 
indiquee  et  y  trouver  la  paix  dans  une  derniere  illusion. 
Baudelaire  reprend  dans  ses  dernieres  annees  ses  entrotiens 
avec  le  Dieu,  qui  l'avait  dejä  tant  de  fois  ecoute  dans  son  enfance. 

'0')  pag.  90. 

^"^)  Ceux  qui  connaissent  la  correspondance  de  Leopardi  doivent 
se  rappeler,  ä  la  lecture  de  ce  passage,  un  etat  d'Ame  identique  que  le 
poete  italien  a  döcritdans  une  lettre  ä  son  amie  Targioni-Tozzetti  [Epis- 
tolario  di  Giacomo  Leopardi,  ed.  P.  Viani,  Firenze  1802,  II,  424/43): 
*I  mieiamici  si  scandalizzano;  ed  essi  hanno  ragione  di  cercare  gloria 
e  di  beneficare  gli  uomini;  ma  io  che  non  presumo  di  beneficare  e  che 
non  aspiro  alla  gloria,  non  lio  torto  di  passare  le  mie  giornate,  disteso 
SU  un  sofä,  senza  battere  una  palpebra.  E  trovo  molto  ragionevole 
l'usanza  dei  turclii  e  degli  altri  orientali,  che  si  contentano  di  sedere 
sulle  loro  gambe  tutto  il  giorno  e  guardare  slupidamente  in  viso  questa 
ridicola  esistenza\  Deux  autres  analogies  enlre  les  deux  poetes  sont 
signalees  par  V.  A.  Ä  r  u  1 1  a  n  i  ,  Leggendo  il  Leopardi  e  il  Baudelaire, 
dans  le  Fanjulia  della  Domenica,  an   XXIII,  N.  32. 

'"9)  Les  Fleurs  du  Mal,  ed.  d^fin.,  pag.  376.  Ce  n'etait  pas  la 
premiere  fois  qu'il  döplorait  Timpi^te  de  Baudelaire.  Dans  une  lettre 
ä  Trebutien,  de  1855,  il  dit  en  presentant  le  poete;  «II  est  un  ^crivain 
de  foroe  acquise  et  un  penseur  qui  ne  nianque  pas  de  profondeur  .  .  . 
quoique  ...  oh!  il  est  dans  le  faux.  II  est  impic  ....  l.es  niaiseries 
philosophiques  lui  repugnent»  Je  ne  trouve  pas  nioins  caracteristique 
re  qu'il  lui  mande  d'terire  sur  un  exemplaire  des  Reliquiae  do  Melle 
de  Gu^rin  destin^  ä  Baudelaire:  «Une  belle  fleur  blanche  ä  une  belle 
fleur  noire». 

ö* 


68  /-   F.  lienedetto. 

On  (lirait  quolqiiofois  qu'il  on  est  honteux  et  qu'il  sont  la  necossit«? 
d(!  so  justifior:  «On  pout  no  pas  manquer  d'esprit  ot  oherchor 
dans  Dicu  lo  complicc  et  l'ami  qui  manquent  toujours,  Dieu  est 
reternel  confident  dans  cetto  tragödie  dont  chacun  est  lo  lieros».*^*^) 
Mais  lo  mal  cnntinue  ä  empirer;  la  mort  parait  desormais 
imminente.  La  pcur  le  saisit.  II  pense  aux  ans  gaspiiles,  aux 
vieux  reves  qu'il  n'a  point  encore  realises.  ««Tout  est  reparable: 
II  est  encore  temps.  Qui  sait  memo  si  des  plaisirs  nouvcaux. .  .»^^*) 
Mais  la  volonte  et  la  sanle  lui  manquent.  Pour  remplir  ses 
nouveaux  devoirs,  pour  tirer  tout  le  profit  possible  des  jours 
qui  lui  restent,  il  lui  faut  un  secours;  il  est  necessaire  de  redonner 
les  forces  ä  l'äme  au  moyen  d'une  Hygiene  speciale  et  il  espere 
pouvoir  operer  une  espece  de  thaumaturgie  interieure  par  la 
valeur  suggestive  de  la  priere  et  des  sacrements.  Aussi  ne  re- 
vient-il  pas  seulement  au  Dieu,  mais  ä  la  roligion  de  son  cnfance. 
Mais  il  y  avait,  ä  mon  avis,  dans  ce  retour,  avec  l'elan  mystique 
instinctif,  la  conscience  d'essayer  encore  un  remede,  une  derniere 
espece  d'excitant.  II  n'y  pas  eu  de  vraie  conversion.  A  ses 
derniers  moments,  il  renonca  ä  la  priere  et  ä  la  foi,  et  retrouva 
en  face  de  la  mort  la  stoique  fierte  de  son  pessimisme  lucido.^*^) 


^1°)  Mon  cceur  mis  ä  nu,  pag.   11 6' 7. 

11')  Ibid.,  pag.   122. 

11-)  II  nous  parait  maintenant  impossible  qu'on  alt  mis  en  doute 
la  sinc6rite  du  poete.  Tout  le  monde  connait  le  verdict  ecrasant  d'f. 
Scherer,  ouvr.  eil.,  1869,  pag.  289  et  de  Brünettere,  Questions 
de  critique,  Paris  1889,  pag.  273  et  suivv.  et  Revue  des  deiix  mondes, 
ler  Sept.  1892.  Souverains  contempteurs  de  Baudelaire,  convaincus 
qu'il  ne  valait  pas  la  peine  d'en  causer,  ils  daignerent  neanmoins,  par 
amour  de  Thumanite,  eclairer  lä-dessus  le  public  et  demasquer  «l'illustre 
mystificateur  dont  l'unique  excuse  6tait  d'etre  lui-meme  devenu  la 
dupe  de  ses  propres  mystifications'>.  Brunetiere  est  le  moins  excusable. 
car  il  ecrivat  apres  l'apparition  de  la  biographie,  des  oeuvres  et  de  la 
correspondance  inedite  et,  qui  pis  est,  ä  propos  de  tout  cela.  Ses  deux 
articles,  inexacts  et  naifs  en  plus  d'un  endroit,  sortent  de  la  critique 
et  entrent  dans  la  vulgaire  categorie  des  Insultes.  Maurice  Spronck, 
ouvr.  cit.,  pag.  133,  tout  en  croyant  ä  la  sincerite  du  poete,  s'oppose 
ä  P.  Bourget  qui  voit  dans  les  Fleurs  du  Mal  le  vrai  pessimisme  et 
soutient  que  ce  pessimisme  n'est  qu'apparent.  Baudelaire  ne  cherche 
pas  dans  la  mort  le  neant,  mais  le  nouveau;  il  aspire  ä  des  formes  plus 
nobles  d'activite,  non  au  nirvana  absolu.  Mais  l'on  peut  ais6ment 
opposer  aux  dernieres  paroles  du  livre  dont  M.  Spronck  se  fait  fort, 
d'autres  döclarations  aussi  importantes.  Dans  une  preface.  par  ex., 
projet^e  pour  son  livre  (E  u  g.  C  r  e  p  e  t ,  ouvr.  cit.,  pag.  6):  «J'aspire 
ä  un  repos  absolu  et  ä  une  nuit  continue.  Chantre  des  voluptes  foUes 
du  vin  et  de  l'opium,  je  n'ai  soif  que  d'une  liqueur  inconnue  sur  la  terre 
et  que  la  pharmaceutique  Celeste  elle-meme  ne  pourrait  pas  m'  offrir, 
d'une  liqueur  qui  ne  contiendrait  ni  la  vitalit6,  ni  la  mort,  ni  Texcitation, 
ni  le  n6ant.  Ne  rien  savoir,  ne  rien  vouloir,  ne  rien  sentir,  dormir  et 
encore  dormir,  tel  est  aujourd'hui  mon  unique  voeu.  Voeu  infame 
et  degoütant,  mais  sincere  ».  De  meme  il  ne  faut  pas  oublier  le  sonnet 
qui  pröcede  le  Voyage,  le  Reve  d'un  curieux  (GL),  oü  l'auteur  s'imagine 
sur  le  seuil  de  l'inconnu,  dans  l'instant  meme  de  la  mort: 


L'architecture  des  ,,Fleurs  du  Mal'\  69 

Une  conclusion  tres  importante  se  degage  de  ce  morne  recit. 
Cette  marche  continue  de  la  raison  et  du  coeur  vers  un  pessimisme 
toujours  plus  desole  —  marche  que  nous  venons  d'etudier 
dans  la  vie  —  n'est  pas  sans  avoir  des  rapports  avee 
Tevolution,  etudiee  plus  haut  dans  le  livre,  vers  une  forme  plus 
serieuse  et  plus  triste.  Les  Fleurs  du  Mal  de  1857  n'ont  jamais 
€te  pour  le  poete  les  reliques  d'une  jeunesse  malade  et 
reveuse,  semblables  aux  vers  juveniles  que  Dominique  relisait, 
<lans  son  äge  mür,  d'un  oeil  emu,  mais  l'äme  forte  et  guerie. 
Elles  resterent  tout  le  temps,  ä  tres  peu  pres,  son  portrait 
tidele.  Tout  changeait  chez  les  autres;  on  desavouait,  on  raillait 
meme  parfois,  les  anciennes  fievres  romantiques.  Sainte-Beuve, 
dans  les  Consolations,  tout  en  peignant  encore  la  melancolie  des 
Amaury,  des  Joseph  Delorme,  l'enveloppait  d'une  douceur  calme; 
l'auteur  de  Lelia  renouvelait  ses  romans  par  la  genereuse  allegresse 
de  son  optimisme;  Vigny  se  relevait  de  ses  decouragements  infinis 
pour  chanter  de  nouveau,  dans  la  Maison  du  Berger  et  dans  la 
Bouteüle  ä  la  mer  sa  foi  ä  la  poesie  et  ä  la  valeur  sociale  de  l'Idee. 
On  pourrait  citer  bien  des  exemples.  Baudelaire  demeure,  lui, 
toujours  le  meme.  Et  la  cause  en  est  que,  pour  les  autres  hommes 
de  lettres,  le  pessimisme  avait  ete  une  mode  ou  le  melange  confus 
des  mille  chimeres  du  coeur;  pour  lui  c'est  surtout  un  resultat 
de  la  meditation,  une  deduction  de  la  raison.  II  a  souveraine- 
ment  hai  le  niais  et  banal  romantisme  des  barques  sur  les  lacs, 
des  pleurnicheries  betes,  des  confidences  ehontees;  il  y  a  un 
niot  celebrc  de  lui:  «Tous  les  elegiaques  sont  des  canailles.»  Son 
mal  n'est  pas  le  mal  de  Rene,  quoiqu'il  ait  adore  Chateaubriand 
et  qu'il  ait  en  commun  avec  le  grand  dandy  l'ennui  melancolique 
et  incurable;  l'amour  de  l'infini,  de  l'ocean  et  du  desert.  C'est 
plutöt  le  mal  d'Obermann  et  de  Joseph  Delorme,  c'est  surtout 
le  mal  multiforme  et  complique  de  Byron. 

II  ne  s'agit  pas  de  modeles  litteraires.  II  a  ete  reellement 
dans  la  vie  ce  qu'il  avait  ete  par  l'imagination  au  temps  de  ses 
premieres  lectures,  c'est-ä-dirc,  tour  ä  tour,  un  Don  Juan  vo- 
luptueux  et  sensuel,  un  Manfred  ronge  par  los  remords  et  avide 
de  connaitre,  un  Cain,  que  le  spectacle  du  mal  et  de  la  mort 
exaspöre.  II  a,  suivant  son  liabitude,  concentre  dans  les  derniers 
vers  l'essence  du  livre: 


J'6tais  comme  Tenlant  avide  du  spectacle, 
Haissant  le  rideau  comme  on  hait  un  obstacle  .  .  . 
Enfin  la  v6rit6  froide  se  r6v61a 

J'etais  mort  sans  surprise  et  la  terrible  aurore 
M'enveloppait.  —  Et  quoi!  n'est-ce  donc  que  cela! 
La  tolle  6tait  lev6e  et  j'attendais  encore. 
El  le  vers  celöbre,  qui  r6sume  une  si  grande  partie  de    Baudelaire 
Ei  je  cherche  le  vide  et  le  noir  et  lo  nu? 


70  /-   /'•   Benedello. 

.1 

Nous  voulons,  tant  cc  Icu  nous  brüle  le  cerveau 
Plongor  au  fond  du  gouffre,  Enfor  ou  Cid,  qu'importo  ? 
Au  fond  d(!  l'inconnu  pour  trouvor  du  nouveaa! 
N'est  ce  pas  lä  la  pensec  du  Childo-Harold  voulant  descendre, 
pour  changcr  de  spectacle,  dans  le  royaume  meme  des  ombres, 
ou  le  cri  du  Giaour  qu'il  faut  eehapper  ä  l'onnui  de  la  vie,  düt-on 
y  perir  ? 

Tout  le  romautismc  passa  ä  travers  son  äme,  en  s'y  filtrant. 
Place  aux  confins  extremes  de  l'epoque  romantique,  Baudelaire 
la  resuma  en  lui  et  ce  fut  lui,  plus  que  tout  autre,  qui  transmit 
aux  äges  nouveaux  ce  que  le  romantisme  contenait  d'experience 
douloureuse  et  de  pessimisme  metaphysique,  c'est  ä  dire  ce  qui 
devait  constituer  pendant  quelque  temps  le  fond  meme  de  la 
poesie  fran^aiso. 

C'est  lä  surtout  son  originalite.  Les  sources  litteraires 
n'expliquent  pas  directement  son  oeuvrc.  11  a  admis  lui-meme, 
par  exemple,  que  les  Poesies  de  Joseph  Delorme  avaient  ete  les 
Fleiirs  du  Mal  de  la  veille.  Et  en  effet,  quoique  le  petit  recueil 
de  vers  soit  au  fond  plus  galant  que  tragique,  l'admirable  preface 
et  ga  et  lä  quelques  courts  passages^^^)  annoncent  dejä  Baude- 
laire"*) ; 

«La  Raison  morte  rödait  autour  de  lui  comme  un  fantome 
et  l'accompagnait  ä  l'abime,  qu'elle  eclairait  d'une  lueur  sombre. 
C'est  ce  qu'il  appelait  avec  une  effrayante  energie  se  noyer  la 
lanterne  au  cou.  En  un  mot  l'äme  de  Joseph  ne  nous  offre  plus 
desormais  qu'un  inconcevable  chaos  oü  de  monstrueuses  imagi- 
nations,  de  fraiches  reminiscences,  des  fantaisies  criminelles,  de 
grandes  pensees  avortees,  de  sages  prevoyances  suivies  d'actions 
folles,  des  elans  pieux  apres  des  blasphemes  jouent  et  s'agitent 
confusement  sur  un  fond  de  desespoir.» 

Pourtant  Baudelaire  ne  s'est  pas  inspire  de  Sainte-Beuve. 
II  a  extrait  la  beaute  de  son  mal,  non  de  celui  de  Delorme ;  Joseph 
Delorme  il  l'a  copie  en  vivant.  Son  oeuvre  est  donc  le  produit 
d'un  double  romantisme:  celui  lointain  des  livres,  et  celui,  plus 
proche,  de  sa  vie,  qui  en  etait  le  reflet. 

Nos  lecteurs  viennent  de  voir  comment  ce  deuxieme  roman- 
tisme s'est  reflete  ä  son  tour  dans  les  Fleurs  du  Mal,  dans  son 
architecture  surtout.  Le  capacite  du  livre  en  reste  comme 
agrandie;  les  vers  oü  se  sont  deposees  les  plaintes  isolees  de 
l'instant,  deviennent,  ainsi  consideres,  le  Journal  intime  de 
toute  une  vie,  le  testament  de  toute  une  epoque  litteraire. 

T  0  r  i  n  o.  L.  F.  Benedetto. 


^^^)  Poes,  compl.,  I,  106,  «Je  songe  ä  mes  longs  jours  passes  avec 
vitesse,  |  Turbulents,  sansbonheur,  perdus  pour  le  devoir,  !  Et  je  pense, 
6  mon  Dieu,  qu'il  sera  bientot  soir!»  et  I,  13/45  «Sais-tu  ce  que  tu 
vaux     Belle  Ignorante  .  .  .  .». 

"*)  I,  17. 


1 


Zur  ,Vengeance  RaguideP. 


Da  Friedwagner  nach  eingehender  Vergleichung  der  Ven- 
geance  Raguidel  mit  dem  Meraugis  zu  der  Überzeugung  gelangte, 
daß  jener  Raoul,  welcher  sich  in  den  Versen  3356  und  6178  der 
Vengeance  Raguidel  als  Dichter  dieses  Romans  bezeichnet, 
mit  dem  Verfasser  des  Meraugis  zusammenfalle,  so  reihte  er 
die  Ausgabe  der  Vengeance  Raguidel  in  diejenige  der  Gesamt- 
werke Raouls  von  Houdenc,  und  zwar  als  zweiten  Band,  ein.^) 
Doch  nahm  er  hierbei  auf  abweichende  Meinungen  in  der  Ver- 
fasserfrage insofern  Rücksicht,  als  er  zu  der  Kennzeichnung 
, Altfranzösischer  Abenteuerroman'  auf  dem  Titelblatte  des 
Buches  nicht  wie  auf  demjenigen  des  Meraugis-Bandes  die  An- 
gabe ,von  Raoul  von  Houdenc'  hinzufügte.  Wenn  auch  in  der 
Ordnung  dieser  von  Friedwagner  begonnenen  Ausgaben  eine 
Ausgabe  der  freilich  kürzeren  und  dem  Wesen  nach  verschie- 
denen Dichtungen,  die  neben  dem  Meraugis  unzweifelhaftes 
Eigentum  des  R.  von  Houdenc  sind,  vor  derjenigen  der  Vengeance 
Raguidel  vielleicht  den  Vorrang  verdient  hätte,  so  ist  es  doch 
erfreuhch  dieses  kulturgeschichtlich  selir  wertvolle  Denkmal, 
welches  Gel.  Hippeau  unter  dem  Haupt-Titel  , Messire  Gauvain' 
im  Jahre  1862  unbefriedigend  veröffentlicht  hatte,  in  einer 
von  vielen  textliclien  Schäden  befreiten  und  mit  trefflichen 
sprachlichen  und  sachUchen  Erläuterungen  begleiteten  Ausgabe 
schon  jetzt  zu  besitzen. 

Eine  außerordentlich  eingehende  Untersuchung  wird  in  (h>r 
Einleitung  des  Werkes  der  äußeren  Beschaffenheit  der  Dichtung 
zuteil.  Die  Beweggründe,  welciie  einige  Gelehrte  zum  Zweifel 
an  dem  einheitlichen  Charakter  der  Vengeance  Raguidel  und  zur 
Unterscheidung  zweier  Teile»  für  diese,  eines  bis  zum  \'erse  3356. 
nach  Kaluza  nur  bis  etwa  zum  Verse  2700,  reichenden  älteren, 
dessen  Verfasser  sei  es  überhaupt  sei  es  ursprünglich  von  Raoul 
verschieden  wäre,  und  eines  durch  und  durch  von   Raoul  lier- 


')  La  Vengeance  Raguidel,  Altfranzösischer  Abenteuerroman. 
Herausgegeben  von  Mathias  Friedwagner.  Mit  Unterstüt/.\uig  der 
Kaiserl.  Akademie  der  Wissenschaften  in  Wien.  Halle  a.  8..  Max 
Niemeyer,  1909.     CCVII  u.  368  SS. 


72  ('•  Colin. 

i-ührciidi!ii    jüngeren,    geführt    liatlcn,    prüft    Friedwagnor   sorg- 
fältig nach.     Dem  zur  Annahme  zweier  verschiedener  Scfiichtcn 
in  der  ersten  Hälfte  des  Romans  benutzten  Umstände,  nämlidi 
der  ungleichmäßigen  Verteilung  des  reich(;n   Reimes  dortsolfjst, 
muü  er  die  Beweiskraft  absprechen,   da  eine  solclie   und  niclit, 
wie  man  erwarten  sollte,  gleichmäßige  Anwendung  dieser  Reimart 
»luch  in  der  zweiten  anerkannt  echten  Romanhälfte  nachweisbar 
sei;    auch  sprächen  Laute,    Formen    und    Stil   nicht    zugunsten 
einer  Zweiheit  von  Verfassern.     Selbst  die  plötzliche  Bemerkung 
Ci  comenche  Raols  son  conte  im  Verse  3356,  nach  welcher  es  zwar 
scheinen  könne,  als  liege  bis  zu  derselben  das  Werk  eines  andern 
Dichters    vor,    beweißt    für    Friedwagner    nicht,    daß    nunmehr 
ein  zweiter  Dichter,  Raoul,  im  Erzählen  fortfahre.     Sie  erinnere 
hinsichtlicli  der  Wendung  ci  comenche  an  ähnliche   Übergangs- 
formeln in  andren  Dichtungen;  ihr  Wert  aber  bestehe  nur  darin, 
daß  der  Verfasser  sich   hier  zum  ersten  Male  nenne.     Sie  unter- 
breche   in    ihrer    überlieforten    Fassung    allerdings,    gibt    Fried- 
wagner zu,  die  Darstellung  eines  bestimmten  Abenteuers  recht 
auffällig,  und  so  sei  sie  vielleicht  in  Si  romanche  Raols  son  conte 
zu  bessern:  der  Sinn  des  nunmehrigen  Wortlautes  Mais  longue 
devise  n'est  preus  A  dire  a  cort  n'a  roi  n'a  conte,  Si  romanche  Raols 
son  conte  Qui  ne  fait  pas  a  mesconter  sei  ,aber  eine  lange  Beschrei- 
bung ist  nicht  vorteilhaft,  nicht  geeignet  am  Hofe,  vor  König 
oder  Grafen,  mit  Beifall  vorgetragen  zu  werden  {preu  ist  aber 
hier  Sbst.,  , Vorteil',  das  Gegenteil  von  domage,  vgl.  z.  B.  Mer.  2351), 
so  dichtet  denn  Raoul  seinen  Roman  in  einer  Art,  daß  er  sich 
sehr  gut  zum  Erzählen  eignet'.    Aber  die  handschriftliche  Lesart 
Ci  comenche  findet,  darf  man  gegen  jenen  Änderungsvorschlag 
einwenden,  in  dem  wenige  Zeilen  später  gebrauchten  Ausdruck 
traire  en  vient  (La  matiere  gu'il  en  vient  traire  Est  veritäls),  V.  3360, 
eine  Stütze.    Sie  gehört  also  wohl  in  den  kritischen  Text.    Gleich- 
wohl zwingt  sie  nicht  zu  der  Annahme,  daß  hier  ein  neuer  Dichter, 
Namens   Raoul,   einsetze.     Denn  aus  dem   Inhalt  des   zu  conte 
hinzugefügten   Relativsatzes  Qui  ne  fait  pas  a  mesconter  ergibt 
sich,  daß  conte,  eine  Meinung,  die  auch   Jordan,  Lit.-Bl.   1911, 
Sp.  57  vertritt,  nicht  auf  die  ganze  folgende  Romanhälfte,  son- 
dern nur  auf  die  nächste  Episode,  die  Liebesgeschichte  zwischen 
Gavain  und  Ide,  hinweise.     Qui  ne  fait  pas  a  mesconter  besagt 
nämlich  nicht  ,(die   Geschichte)  welche  sehr  gut  zum  Erzählen 
geeignet    ist',    sondern    ,welche    nicht    ausgelassen,    übergangen 
zu  werden  verdient'   (vgl.  zum  trans.  mesconter,  wörtlich   ,nicht 
mitzählen',  ,nicht  einrechnen'  auch  Par  eaus  l'eskiele  ensi  montai, 
Qu'ainc  escaillon  n'i  mescontai,  Tr.  B.  II,  230,  872;  -XIII-  C.  mille 
sont  par  conte  Sans  les  menus,  c'om  i  mesconte,  Bari.  6146;  Son 
mesage  li  a  conte,  Ne  l'en  a.  i.  mot  mesconte,  Claris  19530;  23156; 
des  untres,  sc.  femmes,  .  .   Doit  on  tout  le  mal  mesconter,  J.  Cond. 
Tl.  203,  12;  Watr.  220,  691).    Mit  derartigen  zur  Aufmerksamkeit 


Zur  ,  Vengeance  RagaideV.  73 

anregenden  Wendungen  eröffneten  die  altfranzösischen  Dichter 
nicht  ungern  Teilerzählungen  des  ganzen  Werkes,  s.  die  beiden 
von  Friedwagner  S.  CXIV  angezogenen  Stellen  Parise  S.  48 
und  Aiol  8559  oder  ferner  Or  m'entendez,  seignurs  krestuit,  E 
si  vus  pri,  ne  vus  ennuit,  Kar  une  fable  orriez  vus,  E  cest  est  tut 
<>eir  a  estrus^  Ipom.  5551;  Seignor,  or  escoutez,  pour  Dieu,  ne 
vous  aiiuit,  Si  orrez  vraie  estoire,  dont  li  vers  sont  bien  duit,  Berte 
898;  Or  escoutes,  franc  chevalier  baron,  Si  vos  dirai  d'une  bone 
chanQon,  Cum  Auberis  fu  menes  au  bricon  Par.  i.  uasltt,  .  .  Mitth. 
255,5.  Befremdlich  ist  in  dem  Verse  der  Veng.  Rag.  nur  das 
Dasein  des  Possessivpronomens  vor  conte^  dessen  Platz  der  unbe- 
stimmte Artikel  einnehmen  sollte;  vielleicht  ist  son  daher  ein 
jüngeres  Versehen  für  un,  wie  die  Handschrift  der  Dichtung 
ja  viele  Verderbnisse  aufweist.  Auch  die  übrigen  Gründe  für 
das  Vorhandensein  eines  vorraoulschen  Teils  der  Vengeance 
widerlegt  Friedwagner.  Gewisse  mundartliche  Besonderheiten 
seien  auch  der  zweiten  Hälfte  des  Romans  eigentümlich;  die 
Vengeance  Raguidel  sei  offenbar  ein  Jugendwerk  ihres  Dichters, 
daher  vermische  sich  in  ihr  die  Sprache  seiner  Heimat,  des  Süd- 
westens zur  ile-de-France,  mit  derjenigen  der  lle-de-France, 
deren  tadellose  Reinheit  Raoul  nicht  sofort  gefunden  habe.  Auch 
der  Stil  beider  Hälften  sei  nicht  so  unähnlich;  einige  in  der  zweiten 
allerdings  wiederholt  gebrauchte  Redeweisen  besonderer  Art 
fänden  sich  in  der  ersten  zum  wenigsten  angebahnt.  Nebenher 
läßt  Friedwagner  aber  auch  die  Möglichkeit  offen,  daß  jene 
dialektischen  Abweichungen  und  auch  sonstige  über  das  ganze 
Gedicht  verstreute  auffällige  Formen  und  Reime^)  nicht  ursprüng- 
lich seien,  und  er  trifft  hiermit  vielleicht  das  Richtige,  weil  es 
wahrscheinlich  ist  (vgl.  später),  daß  die  Handschrift,  welche  den 
Roman  überliefert,  noch  nicht  das  Original  desselben,  sondern 

-)  S.  P'riedwagiier  S.  CXXVI,  auch  S.  LXIII.  Der  Renn  dit 
(sagt):  entendit  (statt  entendi;  , hörte')  V.  6075  könnte  daher  rühren, 
daß  Que  pas  ne  remanra,  ce  dit  aus  ,Ne  remanra  (genauer  remanraiY , 
ce  (respon)di  entstellt  worden  wäre.  Der  Reim  Vempainst:  as  malus, 
V.  5083  in  den  Worten  Mais  au  joster  en  son  venir  Le  feri  et  apres  Ven- 
painsl  De  la  lance  que  dusqu'as  malus  Le  ferl  parml  la  inamlele  liesse 
sich  durch  die  Änderung  et  apres  Venpalnst  De  la  lance  sl  qu^ll  rataiust 
Dusqu'as  malus  parml  la  mamlele  leicht  beseitigen;  dusqu^as  malus 
an  sich  ist  unanstößig  und  besagt,  daß  er  dem  Gegner  die  Lanze  bis 
zu  der  Stelle,  wo  er  sie  hielt,  in  die  Brust  stieß,  vgl.  Et  flert  le  cheval 
es  costes  De  Vespee  jusqu^eus  el  heut,  V.  Rag.  5511;  Et  II  II  enpalut  en 
la  guele  JJespee  et  le  hroQ  jusqu'al  coute,  ib.  5619,  oder  anderwärts  z.  B. 
Ch.  Ly.  2253.  Und  der  Reim  desconfortet  (Part.  Perl'.!):  het  \.  1622 
würde  verschwinden,  wenn  man  Par  lui  estiens  desconfortet,  übrigens 
Für  den  Urlext  auch  um  eine  Silbe  zu  lang,  in  Par  lul  esllon  confus  fet 
verwandelte  (vgl.  jaire  confus  auc.  Münch.  Brut.  588,  rendre  confus  auc. 
Clig.  3874  A,  imd  zu  estiou  Friedwagner  S.  LXXIV;  wäre  statt  des 
Indikativs  der  Konjunktiv  Plusquamperf.  oder  der  Konditionalis 
überliefert,  so  hätte  sich  auch  die  bekannte  Wendung  faire  conclus  auc. 
vorschlagen  lassen). 


74  ('•  Colin. 

erst  eine  ungenaue  Abschrift  dieses  wiedergibt  (welcher  jene 
auch  ihrerseits  nicht  immer  treu  folgt);  auf  dieser  Zwischenstufe 
mag  auch  die  echte  Mundart  des  Gedichtes  hie  und  da  gelitten 
haben. 

Auls  gründlichste  erörtert  Friedwagner  ferner  die  von  den 
Gelehrten  teils  bejahte  teils  verneinte  Frage,  ob  der  Dichter  der 
Vengeance  Raguidel  mit  Raoul  von  Houdenc,  dem  Dichter  de» 
Meraugis,  des  Songe  d'Enfer  und  des  Roman  des  Eies,  verschmolzen 
werden  dürfe.  Er  gibt  zu,  daß  Vengeance  Raguidel  und  Meraugis 
sich  im  Tone,  im  Geiste  und  daher  auch  in  der  Sprache  vonein- 
ander unterscheiden,  aber  er  findet  diese  Unähnlichkeit  in  dem  ver- 
schiedenen Wesen  der  beiden  Dichtungen,  sei  doch  der  Meraugis 
ein  höfischeres,  die  Vengeance  Raguidel  ein  natürlicheres,  jugend- 
frischeres Gedicht  (aber  als  ein  Jugendwerk  wird  die  letztere 
nur  vermutungsweise  angesprochen!),  begründet.  Auch  die  un- 
gleiche Bewertung  des  weiblichen  Geschlechts  in  beiden  Werken, 
im  letzteren  im  allgemeinen  eine  ungünstige,  zeuge  deshalb  nicht 
gegen  die  Annahme  eines  und  desselben  Dichters  für  diese;  in 
der  Tochter  des  Guengasouain  schildere  Raoul  sogar  auch  in  der 
Vengeance  R.  einen  vortrefflichen  Frauencharakter.  Für  die 
Einheit  beider  Dichter  spreche  auch  das  beiden  Dichtungen  ge- 
meinsame Streben  nach  hochspannenden  Vorgängen.  Für  be- 
sonders triftig  hält  Friedwagner  die  von  ihm,  teilweise  an  der 
Hand  bereits  vorliegender  Arbeiten,  sorgfältig  verfolgte  Über- 
einstimmung der  Vengeance  R.  und  des  Meraugis  nach  Lauten 
und  Sprachformen,  nach  Stil  und  nach  \"ersbau.  Mit  außer- 
ordentlich reichem  Beweisstoffe  tritt  er  in  diesen  Abschnitten 
an  die  Lösung  der  Frage  heran.  Seiner  vorsichtigen  Entscheidung 
,man  werde,  solange  nicht  eine  unmittelbare,  jeden  Zweifel 
ausschließende  Nachricht  einen  andren  Verfasser  sichere,  Raoul 
von  Houdenc  ruhig  als  Dichter  der  Veng.  Rag.  nennen  dürfen", 
wird  man  beipflichten  dürfen.  Denn  nicht  auszuschließen  ist 
die  Möglichkeit,  daß  die  Namengleichheit  beider  Dichter  ganz 
zufällig  sei  und  der  Dichter  des  Meraugis  die  Vengeance  R,  nur 
gekannt  und  benutzt  liabe.  Auch  die  Gegner  der  Personen- 
einheit beider  Raoul  würden  gewiß  kein  sicheres  Beweismittel 
gebrauchen,  wenn  sie  auch  d  a  rauf  hinwiesen,  daß  ein  jedes 
der  beiden  Werke  gewisse  Redewendungen  abweichend  vom 
andren  bevorzuge,  so  die  Veng.  Rag.  verites  est  oder  fu  (s.  die 
Verse  1512,  2258,  2495,  4454,  4618)  und  der  Mer.  n'i  a  plus  (s. 
die  Verse  1058,  1986,  2015,  2283,  2629,  2809,  3403,  3529,  4212,  4475, 
4927,  vgl.  in  der  Veng.  Rag.  nur  6119  und  vielleicht  noch  2534) 
oder  cui  chaut?  (s.  die  Verse  2632,  3554,  3582,  5796).  Denn  eine 
derartige  Vorliebe  ist  wandelbar. 

Die  Arbeit  eines  allen  denkbaren  Aufgaben  nachgehenden, 
in  seinen  Betrachtungen  gedankenvollen  und  in  seinen  Schlüssen 
umsichtigen  Forschers,  der  auch  allen  beziehentlichen  Vorunter- 


Zur  ,  Vengeance  Raguidet.  75 

suchungen  seitens  andrer  Gelehrter  gerecht  \vird,  ist  auch  derjenige 
Abschnitt  der  Einleitung,  welcher  sich  mit  dem  Inhalte  der 
Dichtung,  ihrem  Wesen,  ihren  Quellen,  den  in  die  Haupthandlung 
eingeflochtenen  Stoffen,  dem  Schauplatze  der  Erzählung,  den 
Namen  der  in  dieser  auftretenden  Personen  und  schließUch  den 
weiteren  Schicksalen  der  Vengeance  Raguidel  innerhalb  und 
außerhalb  Frankreichs  beschäftigt.  Daß  dieses  Dichtwerk  nur 
eine  Art  Auszug  aus  einer  umfangreicheren,  und  zwar  sei  es 
reichhaltigeren,  sei  es  nicht  so  früh  endigenden,  Vorlage  sei,  wie 
Friedwagner  S.  GLX  und  Anm.  zu  V.  6182,  meint,  braucht 
aus  den  Versen  Nan  iioir  car  de  liii  est  estraite  Et  por  ce  doit  estre 
auant  traite,  mit  denen  der  Roman  in  der  Handschrift  schließt, 
nicht  hervorzugehen.  Als  Zweck  dieser  dem  Schreiber  beigelegten 
und  dem  kritischen  Texte  daher  nicht  angeschlossenen  Worte 
vermutet  Friedwagner,  indem  er  traire  avant  als  , fortsetzen' 
und  estraire  um  des  folgenden  por  ce  willen  als  ,gekürzt  wieder- 
geben, kürzen'  deutet,  eine  Kritik,  eine  Berichtigung  des  Inhalts 
der  letzten  Zeilen  oder,  falls  Nul  nel  porroit  trover  plus  bei  V.  6182, 
nicht  , finden'  (d.  h.  wohl  , befinden  für'),  sondern,  wie  wohl  in 
Wahrheit,  ,dichten,  erfinden'  enthalte  (besteht  aber  zwischen 
, kürzen'  und  , dichten'  ein  unmittelbarer  Gegensatz  ?),  eine  solche 
nur  des  letzten  Verses,  des  V.  6182,  der  Dichtung.  Der  Schreiber, 
der  vielleicht  eine  umfassende  Gavain- Kompilation  gekannt 
habe,  finde  es  unbegreiflich,  daß  Raoul  mit  der  Entschuldigung 
schließe  (s.  S.  GLXI),  er  wisse  nicht,  was  er  noch  weiter  erzählen 
solle,  (oder  daß  er  sich  rühme,  die  Erzählung  selbständig  erfunden 
zu  haben,  vgl.  die  Anm.  zu  V.  6182).  In  den  Versen  6176  bis 
6181,  Ici  faut  et  remaint  Li  contes  qui  ne  dure  mes.  Raols  quil 
jist  ne  vit  apres  Dont  ü  fesist  grinnors  acontes.  Coment  soit  non- 
mSs?  C'est  li  contes  De  la  Vengeance  Raguidel^  sage  der  Dichter 
nämlich  wohl  ,die  Erzählung  dauere  nicht  weiter,  sie  sei  zu  Ende, 
und  er  sähe  nicht,  weshalb  er  größere,  weitere  Aufzählungen 
machen,  weshalb  er  sie  also  durch  Aufputz  oder  Zusätze  künstlich 
verlängern  sollte.'  Aber  die  handschriftliche  Überlieferung 
des  Verses  6180  legt  für  diesen  einen  andren  Wortlaut,  zugleich 
eine  anderartige  Verbindung  desselben  mit  seiner  Umgebung, 
und  für  den  ganzen  Abschnitt  daher  eine  andre  Auffassung 
meines  Erachtens  näher.  Sie  bietet  für  coment^  welches  eine 
Vermutung  Friedwagners  ist  q^  m.,  woraus  Hippeau  qui  n'i 
machte,  welclies  dann  A.  Tobler  in  acontes  Q  u  e  n  e  soit  nomes 
verbesserte  (,R.  fand  liinterher  nichts,  um  dessen  willen  er 
längere  Aufschübe  hätte  können  eintreten  lassen,  daß  die  Er- 
zählung (nicht)  ihren  Namen  erhielte').  Sie  erlaubt  deswegen 
folgende  Lesung  und  Deutung:  Raols  quil  jist  ne  vit  apres  Dont 
il  fesist  grinnors  acontes  Qu' i[l]  ne  soit  nomes,  c'est  li  contes,  ,De 
la  Vengeance  Raguidel'.  Mes..  , Raoul  sah  hernach  nicht  ein, 
begriff  nicht  {t^eoir  wie  V.  3056),  wieso  er  noch  größere  Rechnungen 


76  O.  Cohn. 

darüber  anstellen  sollte,  daß  er  nicht  j^enannt  werden  möge, 
nämlich  der  Roman,  ,Von  der  V.  R.",  mit  anderen  Worten 
,R.  begriff  nach  Abschluß  des  Romans  niclit,  aus  \v(;lcliom  Grunde 
er  nunmehr  noch  größere,  schärfere  Rechcnscliaft  (als  er  durch 
die  Erzählung  selbst  tat)  darüber  ablegen  sollte  (vgl.  zu  dieser 
Bedeutung  von  aconte  Bes.  Dieu  187,  Eust.  372),  es  noch  triftiger 
begründen  sollte,  daß  der  Roman  durchaus  ,Von  der  Vengeance  Ra- 
guidel'genannt  wcjden  darf.'  In  Verbindung  mit  dieser  Einrichtung 
nebst  Auslegung  der  Stelle  ändern  sich  auch  Sinn  und  Zweck 
der  beiden  Scldußversc  der  Handschrift,  Nan  voir^  car  de  lui 
est  estraite  Et  por  ce  doit  estre  avant  traue.  Diese  beziehen  sich 
allein  auf  die  Aussage  des  letzton  vorhergehenden  Verses  Nus 
fiel  porroü  irover  plus  bei,  6182.  Aber  sie  berichtigen  dieselbe 
nicht.  Denn  rion  voir  bestreitet  hier  nicht,  sondern  bekräftigt; 
, Niemand  könnte  den  Roman  schöner  dichten.  Wahrlich  niclit; 
denn  (und  dies  dient  zur  erneuten  Versicherung  der  Verfasser- 
schaft Raouls)  von  ihm  ist  sie,  la  Vengeance  Raguidel  (besser 
wären  die  männlichen  Formen  estraiz  und  avant  traiz,  bezüglich 
auf  conte),  erzeugt,  geschaffen,  von  ihm  rührt  sie  her,  und  des- 
wegen darf  sie  von  ihm  auch  (nicht  weitergeführt,  fortgesetzt, 
sondern)  vorgeführt,  dargeboten  werden'  (vgl.  zu  traire  avant 
Veng.  Rag.  5721  oder  Fals  testimoinea  avant  traient,  MFce  Fab. 
4,  35).  Dies  sind  nunmehr  ganz  natürliche  Worte  des  Dichters 
selbst,  nicht  erst  solche  eines  Schreibers,  und  so  halte  ich  eine 
Vereinigung  derselben  mit  dem  Texte  für  gestattet,  dessen  Schluß 
demnach  lautet:  Nus  nel  porroü  trover  plus  bei,  Non  voir.  Car 
de  lui  est  estraiz,  Et  por  ce  doit  estre  avant  traiz.  Der  Schreiber 
schrieb  sodann  Explicit  li  uengance  de  raguidel  und  dem  hierin 
aufgenommenen  Titel  des  Romans  hatte  er  vorher  wohl  die 
Partizipia  estraiz  und  traiz  bereits  angeglichen. 

Noch  ein  zweiter  in  diesem  Kapitel  der  Einleitung  erwähnter 
Umstand  regt  zu  einer  Bemerkung  an.  Den  Namen  der  Jungfrau 
vom  Gaut  Destroit,  einer  der  Hauptpersonen  der  Erzählung, 
nicht  zu  erfahren  (vgl.  Friedwagner  S.  CLXXVI)  darf  man  sich 
um  so  mehr  wundern,  als  die  Namen  von  nur  vorübergehend 
auftretenden,  ja  nicht  einmal  handelnden  Personen  nicht 
verschwiegen  bleiben.  Teilt  der  Dichter  uns  jenen  daher  doch 
vielleicht  mit  ?  Wir  lesen  V.  3306 :  Uns  Chevaliers  del  Gaut  Destroit 
Que  la  pucele  avoit  molt  chier,  —  Et  si  n'ot  miliar  Chevalier  En 
lote  lacort  lameschine,  II  avoit  non  Chalehordine  —  Cilvint  tos  caus 
a  esperon, .  .  Der  hier  geschilderte  Ritter  trüge  des  weiblichen 
Ausgangs  von  Chalehordine  wiegen  einen  für  einen  Mann  recht 
auffälligen  Namen;  auf  dem  Festlande  pflegen  die  auf  -ine  aus- 
gehenden Namen  Frauen  zu  benennen,  vgl.  Laudine,  Clarmondine, 
Rairnondine,  Ivorine,  Flandrine.  Überdies  ist  II  vor  avoit  non 
3310,  erst  eine  Besserung  von  Friedwagners  Hand  aus  hand- 
schriftlichem eil,  welches  der  häufig  in  solcher  Weise  nachlässige 


Zur  ,  Vengeance  RaguideÜ.  77 

Schreiber  in  der  Tat  aus  der  folgenden  Zeile  vorweggenommen 
haben  mag.  An  sich  das  gleiche  Recht,  aus  jenem  inneren  Grunde 
aber  ein  noch  größeres  besteht  ge%\iI3  zur  Einführung  von  Ele  an  der 
Spitze  des  Verses  3310.  Es  macht  nichts  aus,  daß  die  Dame  schon 
2000  Verse  früher  auf  dem  Schauplatz  der  Handlung  erschien; 
späte,    beiläufige   Namennennung    begegnet  auch   bei   Chretien. 

Endlich  noch  diese  Kleinigkeit.  Die  Landschaft  Ermie, 
die  Friedwagner  im  Verse  4484  (er  schreibt  diesen  Parmi  une 
lande  en  Ermie  Chevauchierent  la  matinee)  wahrnimmt,  aber 
nicht  zu  bestimmen  vermag,  s.  S.  CXCII  und  die  Anm.  zum 
Verse,  hat  es  wohl  nie  gegeben.  Durch  die  erlaubte  Vereinigung 
des  scheinbaren  Vorwortes  en  mit  dem  vermeintlichen  Eigen- 
namen entsteht  vielmehr  das  hier  durchaus  brauchbare  Adjek- 
tivum  enermi  ,öde,   verlassen'. 

Eine  feste  Grundlage  zur  Beantwortung  der  Fragen,  ob 
die  Vengeance  Raguidel  das  Werk  eines  einzigen  Dichters  sei 
und  ob  dieser  sich  mit  dem  gleichnamigen  Dichter  des  Meraugis 
decke,  schuf  Friedwagner  sich  in  einer  sorgfältigen,  immer  nach 
Erklärung  strebenden  und  eine  weitreichende  Kenntnis  der 
einschlägigen  Literatur  bezeugenden  Untersuchung  der  Sprache 
des  Denkmals,  zuvor  noch  der  Sprache  der  Hs.  A,  und  des  Vers- 
baus desselben.  An  einige  Einzelheiten  in  den  so  entstandenen 
drei  Abschnitten,  Sprache  der  Überlieferung,  Sprache  der  Urgestalt 
und  Versbau,  sei  es  gestattet  eine  Bemerkung  zu  knüpfen.  Zu 
den  S.  XXXVIII  f.  erwähnten  lautlichen  Veränderungen,  die 
sich  an  capentier,  an  pertruis,  an  freme  offenbaren,  vgl.  auch  die 
Ausführungen  von  A.  Risop,  Arch.  f.  n.  Sprn.  105,  447;  ib.  109, 
203  ff.  und  Begriffsverwandtschaft  und  Sprachentwicklung 
S.  5  f.  Die  S.  XXXIX,  §  23  berührte  Darstellung  von  palatalem 
n  durch  einfaches  n  in  der  Schrift,  wie  in  grinor^  liegt  auch  in 
dem  Worte  pine  1844  vor,  welches  dem  Herausgeber,  s.  die  Anm., 
unklar  erscheint,  jedoch  so  viel  wie  pigne,  nfr.  peigne  {:  pigne 
d'ivoire  wie  aucli  Ch.  Charr.  1363)  ist.  Selbst  die  Gleichstellung 
des  s-  von  savoiL  3838  mit  demjenigen  von  siel,  d.  i.  ciel,  2504, 
zu  welcher  Fried wagner  S.  XLIII,  §  31  geneigt  ist,  also  die  Ver- 
wandlung von  savoit  in  ga  voit  (Gavain,  Ide  und  Gaheriet  sind 
an  einen  quarejor  gekommen  und  dort  abgestiegen,  Car  pluissors 
voies  i  avoit.  Mesire  Gavains  qiii  qa  voit  Ne  set  la  qiiel  i  doit  torner) 
führt  nicht  zu  einer  völhg  befriedigenden  Lesart  (in  V.  2182 
steht  fa  voit  wenigstens  in  direkter  Rede);  Friedwagner  selbst 
schlägt  in  der  Anm.  zu  dem  Verse  weitere  vor.  Das  s-  von  savoil 
halte  ich  für  ursprüngHch,  für  irrig  aber  das  folgende  a,  das  der 
Schreiber  der  Handschrift  aus  or  verlesen  iiaben  dürfte,  kurz 
savoit  für  eine  ungenaue  Wiedergabe  von  sorvoit  ,übersciiaut, 
prüft',  dessen  Einführung  noch  die  kleine  Besserung  von  qiii 
in  quis  {qais  sorvoit  ,welcher  sie,  die  voies,  überschaut')  erforderlich 
macht  (vgl.  zu  quis  2110,  5129). 


78  G.  Cohn. 

Dor  S.  LI,  §  2  angofülirto  Reim  josle  :  äire  4734  (gegen 
corccUs  :  äirUs  4310)  mag  an  sich  zwar  dem  Dichter  zuweisbar 
sein,  wird  aber  durch  den  Mangel  des  flexivischen  -s  an  äi're, 
welches  den  Nominativ  darstellt,  als  uneclit  verdächtig  (:  Et 
eil  brisse  come  .i.  escorce  Sa  lance  dont  il  ot  joste.  Mesire  Gavains 
äiH  Le  fiert  el  pis  sous  la  mamiele).  Denn  es  ergibt  sich  aus  dem 
Verse  3317  und  den  übrigen  in  dor  Anmerkung  zu  diesem  be- 
zeichneten nicht  mit  Siclierhoit,  daß  Raoul  den  Obliquus  an 
Stelle  des  Nominativs  verwendet  habe.  In  Gahefies  se  senl  fern, 
V.  3317,  ist  jeru  aucli  sachlich  Accusativ,  indem  es  prädikative 
Bestimmung  zum  Objekt  ist  (vgl.  auch  Tant  ai  cntor  vos  sejorni 
Que  je  ine  sent  foH  et  delivre  (Worte  des  Erec)  Erec  5273;  Amors 
celi  li  represenle  Por  ciii  si  fori  se  sent  greve  Que. .,  (Clig.  619).  An 
Stelle  von  el  Josse  :  hon.  si  ose  2986  schlägt  Friedwagner  S.  364 
nachträglicli  selbst  es  fosses  :  hon  si  oses,  und  gewiß  mit  Recht, 
vor.  Der  Vers  4404  Et  il  dist  voir  que  puis  l'oi  il,  Druidain  die 
Ide,  Le  plus  des  j'ors  de  son  ei.Sortili  f  u  des  qu'il  f  u 
n  e  ist  Glied  eines  schwerlich  ursprünglichen  Verspaares,  da  die 
Worte  Le  plus  des  iors  de  son  ee  sich  zu  dem  Vb.  ot,  welchem  der 
Dichter  zweifelsohne  den  Sinn  , bekam,  gewann'  zugedacht  hat 
(vgl.  yorhev  Li  Lyons . .  Me  dist  que  je  l'acrai,  4401),  nicht  schicken. 
Zu  andren  hier  erwähnbaren  Stellen  sieh  später  .äire  4734,  viel- 
leicht sogar  gemeinsam  mit  joste,  stammt  daher  wohl  nicht  von 
Raouls  Hand.  Mit  einem  unzulässigen  Worte  endigen  öfter 
Verse  des  Gedichts,  vgl.  das  bereits  berührte  desconfortet  oder 
die  Verse  1460,  1859,  3508;  der  Vers  2741  ermangelt  sogar  des 
Reimwortes;  von  der  Fülle  der  sonstigen  Textverderbnisse  ganz 
zu  schweigen.  Ich  wage  somit  zu  vermuten,  im  ersten  Verse 
des  Reimpaares,  Sa  lance  dont  il  ot  joste,  4733,  sei  ot  eine  jüngere 
Zutat,  habe  joste  ursprünglich  das  Präsens  dargestellt  und  sei 
auf  joste  einst  die  zu  brise,  4732,  gehörige  Bestimmung  en  deus 
,in  zwei  Teile'  gefolgt,  die  Schöpfung  von  ot  joste  aber  habe  im 
zweiten  Verse  den  Ersatz  von  ursprünglichem  äireus,  welches 
reich  belegbar  ist,  durch  äire  nach  sich  gezogen,  kurzum  es  liege 
Entstellung  aus  Et  eil  brise  . .  Sa  lance  dont  il  joste  en  deus.  Mesire 
Gavains  äireus  Le  fiert  . .  vor. 

Im  Verse  5539  (Gavain  geht  dem  siegreich  gebliebenen 
Guengasouain  nach)  Cil  l'a  v'eu  et  tint  son  frain  Vers  lui  et  il 
la  contredie  (so  die  Hs.,  im  Texte  zu  et  il  la  atendie  gebessert) 
Et  dist  si  que  il  Ventendie  . . .,  hält  Friedwagner  S.  LI,  §  2,  s.  auch 
die  Anm.  zu  diesem  Verse,  Verbesserung  der  unannehmbaren 
Lesart  il  la  contredie  in  il  l'a  contraliie  für  erlaubt.  Der  Begriff 
von  atendre  fügt  sich  jedoch  besser  als  derjenige  von  contraliier 
in  den  Zusammenhang,  und  wirklich  ist  contredie  wohl  eine  Ver- 
derbnis aus  contr(at)e(n)die  (wiederholt  von  Godefroy  belegt). 
Als  ursprünglicher  Wortlaut  des  Verses  wird  also  . .  Vers  lui 
et  le  contratendiS  oder  vielleicht,  wenn  la  ererbter  Befund  ist. 


Znr  ,Vengeance  Raguidet.  79 

et  l'a  contratendu  (demgemäß  dann  im  folgenden  Verse  si  qu'il 
l'a  entendii)  denkbar.  Das  ebendort  berührte  Verspaar  887  f. 
mit  dem  bedenklichen  Reim  petite  :  mainnie  (für  maisniee) 
scheint  mir  unecht  zu  sein;  inhaltlich  ist  ein  jeder  der  beiden 
Verse  überflüssig:  der  erste  will  die  vorangehende  starke  Ver- 
neinung ne-mie,  886,  nochmals  verstärken,  der  letzte  die  Angabe 
der  Verse  884  f.  noch  überbieten. 

In  dem  Reimpaar  vaillani -.  har dement  1151  f.  befremdet, 
wie  Friedwagner  S.  LII,  §  4  hervorhebt,  die  Bindung  von  -anl 
mit  -ent.  Auch  begrifflich,  darf  man  hinzufügen,  stört  vaillani 
(Ja  mais  haiaille  ne  venrois,  ,werdet  sehen',  Dont  Li  doi  soieni 
si  vaillani).  Denn  dont^  das  auf  bataille  , Kampf'  bezüglich  ist, 
,welehem  zufolge,  durch  welchen'  erfordert  die  Angabe  eines 
Zustandes,  in  den  der  grimmige  Kampf  die  beiden  Gegner 
versetzt  hat.  Daher  hat  vaillant  wahrscheinlich  sanglent  (621, 
oder  vgl.  Qiie  mort  qiie  pris  qiie  navre  qiie  sanglent^  Enf .  Og.  6333, 
u.  B.  Gomm.  1336)  verdrängt. 

Unter  den  Belegen  für  die  Bindung  von  ai  in  geschlossener 
Silbe  mit  ?,  S.  LIV,  §  5,  befindet  sich  auch  de  pres  :  mes  2354 
(die  von  Gavain  verschmähte  Dame  sagt  Tantost  li  mals  me 
reprendroit  Qiii  or  me  tient  trestos  de  pres.  Ja  de  cest  mal  n'arei 
je  mes  Se  Dius  donne  que  je  le  tiengnef).  Jedoch  ist  de  pres  erst 
eine  Besserung  seitens  Friedwagners  für  überliefertes  d'ues^ 
welches,  wenn  es  deriies  derves  darstellen  sollte  (s.  Friedwagners 
Anm.),  auch  hinsichtlich  des  Sinnes  nicht  ansprechen  könnte, 
und  zwar  keine  unanfechtbare  Besserung;  denn  tenir  aiic.  pres, 
nicht  de  pres,  wäre  zu  erwarten  (vgl.  außer  den  von  Fr.  selbst 
angezogenen  Stellen  Julian  341,  995,  J.  Gond.  I,  198,  974).  In 
d'iies  verbirgt  sich  daher  wohl  etwas  anderes.  Der  Schreiber 
der  Handschrift  hätte,  wie  ich  meine,  du'e,  d.  i.  diire  , dauert', 
und  vor  trestos  das  Bindewort  et,  kurzum  Qiii  or  me  tient  et  trestos 
dure  ,und  ganz,  in  seinem  vollen  Umfange  fortdauert'  (falls  er 
trestos  nicht  etwa  für  tosiors  eingesetzt  hat)  niederschreiben 
sollen.  Statt  des  unklaren  mes  der  nächsten  Zeile,  2354,  bietet 
sich  dann  als  ursprüngliches  Reimwort  eure  , Heilung'  dar:  Ja 
de  cest  mal  n'arai  je  eure  (vgl.  Si  lor  sambla  bieti  par  droiture 
C'avoir  ne  puist  de  son  mal  eure,  Ke  ne  l'en  coviengne  morir,  Trouv. 
ßelg.  I,  216,  58).  Zugleich  kommt  dem  Verse  2355  die  Lautung 
Se  Dius  ne  donne  que  jel  tiengne  zu. 

Der  laut  S.  LVII  §  7  einem  Schreiber  zuweisbaro  Reim  plee 
(für  ploie):  arivee,  V.  11  {-.Et  li  vens  le  fiert,  se.  la  nef,  a  tel  hruie 
En  la  voile  que  li  mas  plee.  Par  tel  äir  est  arivee. .)  könnte  daher 
rühren,  daß  En  la  voile  für  ursprüngliches  El  voile  eintrat,  vgl. 
zum  männlichen  voile  die  Stellen  voille  tendu,  im  Reim,  4893 
(s.  auch  die  Anm.)  und  //  voiles  5154;  auch  in  V.  4924  könnte 
la  voile  unecht  sein  (zum  doppelten  Geschlechtc  von  voile  s.  auch 
H.    Sachs,    Geschlechtsweehsel   in    Französischen    1886.    S.    18), 


80  ('.  Colin. 

plee  ist  dann  etwa  für  plea  und  est  arivee  für  ele  arivu  eingeführt 
worden.     Der   Heim  se  miiet  :  recel,  V.   4883,  ist  zwar  zulässig, 
s.  Friedwagner  S.  LIX,  §  11,  docli  offenbart  sich  in  se  muct  (Tot 
maintenant  ist  de  laiens   Messire  Gavains,   qui  se  muet,  Onques 
ne  torna  a  recet)  möglicherweise  auch  Verkennung  von  s'en  uet, 
in  der  betreffenden  Vorlage  vielleicht  zu  einem  Worte  verschliffen, 
durch  einen  Schreiber  (qui  s'en  i>et,  ,wel(^hor  darauf  fortgeht',  vgl. 
qui  s'en  vait,  V.  1655  und  zur  Ausdrucksfolge  eissir  s'en  —  aler  s'en: 
Fors  de  la  sale  sont  issu  Parmi  la  porte,  si  s'en  i'ont,  V.  1538).^) 
Gegen  die  Echtheit  des  Reimes  dols  (zwei):  cols  (Schläge) 
3004  äußert  Friedwagner   S.  LXI    §  14  begründeten  Verdacht 
(die  Belagerer  haben  eine  Bresciie  in  die  Mauer  der  Burg  ge- 
schlagen; hierüber  scherzt  Gavain  zum   Schwarzen   Ritter,  dem 
Herrn  der  Burg:  Mais  je  sai  bien  que  il  me  haite  Ases  plus  quc 
il  ne  soloit,  Sire^  de  ce  qu'il  n'i  avoit  C'une  porte,  or  en  i  a  dols. 
Ains  avront  eil  de  l'ost  .c.  cols  Que  i  soions  par  force  pris).     Das 
Sbst.  cols  erklärt  sich  vielleicht  aus  Verkennung  oder  absicht- 
licher Veränderung  von  teus,  ,solche'  (sc.  portes)  durch  den  Schrei- 
ber;  mit   teus    verträgt  sich   auch   der   vorangehende   innerhalb 
der  Zeile  überlieferte  Ausdruck  eil  dedens,  welchen  der  Schreiber 
am  Rande,  also  nachträglich  und  offenbar  der  Lesung  cols  zuliebe, 
durch  eil  de  l'ost  ersetzt  hat.    Vgl.  zu  tel  in  Verbindung  mit  einem 
Kardinalzahlwort,   gewöhnlich   vor  diesem,   hier  aber,   wohl  um 
den  Reim  zu  gewinnen,  umgekehrt,  Se  vos  estiiez  or  tel  qualre, 
N'avriiez  vos  force  vers  Jios,  Erec  4430;  Jeo  quid  qu'il  en  i  ot  tels 
Cent  Ki  feissent  tut  lur  poeir  pur  .  .,  M  Fee  Lanv.  422;  et  fussions 
tels  troys  cens  d'ommes,  Si  irons  nous,  Mir.  ND.  31,  2743;  s'il 
estoient  tel  mil,  Dit  Rob  Di.  98d;  itels  dous  milliers,  M  Fee  Chait. 
136,  s.  auch  Gessner,  Pronom.  II,  S.  33,  15  5.     AuffäUig  bleibt 
in  Ains  avront  eil  dedens  .c.  teus  die  Wahl  des  Subjektes.    Auch 
Gavain  und  der  Schwarze  Ritter,  die  hier  miteinander  sprechen, 
verteidigen  ja  die  Burg,  wie  denn  auch  der  angeschlossene  Ver- 
gleichssatz Que  (als  daß)  i  soions  par  force  pris  (1.  viell.  Que  nous 
soions)  das  Verbum  in  der  1.  Pers.  des  Plurals  zeigt.     Daher  ist 
avront  eil  dedens  wohl  ein  Fehler  für  avrons  ci  dedens  (zu  eil  für 
ci  vgl.  V.  5200  und  Friedwagner  S.  XXXVIII  und  zum  Ausdruck 
ci  dedens  V.  2211).     Die  vier  vorangehenden  Verse,  Mais  je  sai 
bien  bis  or  en  i  a  dols,  3000  bis  3003,  hält  Friedwagner  für  ein 
grammatisches  Ganze,  s.  S.  LXI,  Anm.  3;  den  Satz  de  ce  que 
bis  porte  macht  er  von  il  ne  soloit,  sc.  haitier,  abhängig  und  den 
Satz  or  en  ia  dous,  welcher  die  Stelle  eines  Nebensatzes  einnehme, 
knüpft  er  als  Angabe  des  Gegenstandes,  welcher  Gavain  erfreue, 

^)  Anläßlich  des  Ausdrucks  movoir  se  sei  des  Verses  5299:  Se  eil 
puet  son  signor  abatre  Par  lui  (wenn  der  Ritter  den  Herrn  des  Bären 
allein,  ohne  Hilfe  bezwingen  kann),  ja  lors  ne  [se]  mouvra  gedacht. 
Das  überlieferte  intransitive  movoir  ,sich  regen'  wird  in  diesem  zu 
belassen,  lors  aber  in  li  ors  ,der  Bär'  zu  verbessern  sein. 


Zur  .  Vengeance  RaguideV.  81 

an  il  me  hatte.  Einfacher  erscheint  es  mir  den  überlieferten  Be- 
fund so  einzurichten:  Mais  je  sai  bien  que  il  (die  Burg,  castiaus) 
me  haite  Ases  plus  que  il  ne  soloit.  Sire,  de  ce  qu'il  n'i  avoit  C'une 
porte  or  en  i  a  deus  (,daraus  daß',  was  hier  soviel  ist  wie  , dafür 
daß,  statt  dessen  daß',  ,es  nur  e  i  n  Tor  hier  gab,  gibt  es  jetzt 
deren  zwei  hier';  vgl.  zu  solchem  de  ce  que:  De  ce  qu'il  cuident 
joie  avoir,  Dont  ne  prandroient  nul  avoir^  Lor  est  la  mort  ases 
prochaine,  S.  Jul.  2949). 

Ganz  fest  darf  man  dem  Dichter  viersilbige  Messung  von 
marceandise,  s.  Friedwagner  S.  LXII,  §  17:  7«  ne  venissies  en  ostel 
U  neirovissies  marceandisse,  1833,  wohl  nicht  zuweisen;  denn  es 
wäre  möglich,  daß  u  ne  den  Platz  von  älterem  N'i  einnimmt 
(vgl.  z.  B.  Nul  leu  n' avoit  tornoiement,  Nes  i  envoiast  richement 
Apareilliez,  Erec  2454).  Die  V.  566  und  V.  5000  überlieferte 
Form  poitrail,  s.  S.  LXII  §  18,  ist  gewiß  erst  aus  poitral  (:  cheval 
Erec  460,  :  igal  Clig.  4939)  durch  Suffixvertauschung  hervor- 
gegangen; sie  kam  im  Laufe  des  13.  Jahrhdts.  auf  {poitrails  -auch. 
Mol  6806  hs.  überliefert,  neben  poitral  3280,  8498;  poitrail 
:  cheval^  Ghev.  II  Esp.  6330;  poitrailim  Versinnern,  G.  Pal.  5515). 

Gegen  die  Echtheit  des  Reimes  sist  :  <^it  4497,  s.  S.  LXIV, 
§  21,  kann  der  Umstand  sprechen,  daß  s'ele  le  vit  eine  den  vor- 
angehenden Worten  nach  völlig  überflüssige  Bedingung  aussagt 
('.Je  ne  sai  s'  Ydain  vit  ses  braies  Ne  cosse  qui  au  euer  li  sist  Ne 
go  qu'il  titi[t],  s'ele  le  vit).  Die  Angabe  ne  go  qu'il  fist  wäre  zu 
erwarten  gewesen.  Verdächtig  erscheint  mir  auch  der  dort 
erwähnte  gleichartige  Reim  vit- fist  3329. 

Weniger  bedenklich  als  dem  Ohliquus  chevalier  in  La  jis 
si  bien  que  chevalier  Ainc  ne  fist  mius  en  nule  place  V.  1286,  die 
Geltung  des  Nominativs  im  Urtext  zu  verleihen,  s.  S.  LXV, 
§  22,  ist  es  del  destrier  im  vorhergehenden  Verse,  La  ot  maint 
prodonme  abatu  Jus  a  la  terre  del  destrier,  in  des  destriers  zu  ändern, 
da  für  mehr  als  einen  prodonme  auch  eine  Mehrlieit  von  destriers 
in  Betraclit  kommt  (vgl.  Einz  fiert  chascuns  si  bien  le  suen,  Qn'il 
n'ia  chevalier  si  buen,  N'estuisse  vuidier  les  argons,  Clig.  1325), 
und  dann  chevalier  in  Chevaliers  zu  verwandeln. 

Das  S.  LXV,  §  22  als  flexionsloser  Nominativ  bezeichneti^ 
jor,  :  Puis  qu'il  i  vint,  n'escapa  jor,  Un  seul  jor  qu'il  ne  fast  bulus, 
V.  2362,  ist  ein  Akkusativ  der  Zeit;  das  Subjekt  von  escapa 
ist  ,er',  Gahcrict,  und  so  liegt  hier  die  gleiche  Redeweise  vor  wie 
an  der  schon  von  Ebeling  zu  Schultz-Gora,  Zwei  altfr.  Dichtgn. 
S.  14  angezogenen  Stelle  Clig.  2016  oder  wie  in  Suivre  le  pense 
(ich  den  weißen  Hirsch)  tellement  Qu'il  n'eschappera  nullemenl 
Qu'il  ne  soit  pris,  Mir.  ND.  37,  2860  (vgl.  auch  Dicux,  c'est  droiz 
que  graces  vous  rende  De  ce  qu'ennuit  eschaperay  Qn'avec  le  roi/ 
pas  ne  gerray,  ib.  31,  265,  wo  eschaper  unverneint  auftritt).  Übri- 
gens ist  das  auf  n'escapa  folgende  jor  wahrscheinlich  unecht. 
Der  Ausdruck  por  soie  amor,  mit  welciiem  der  vorhergehende 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  ii.  Litt.  XXXIX'/'.  6 


82  ('.  Cohn. 

Vers  win  Satz  Je  faiQ  Chaher'iet  garder  En  ma  prisson  por  soie 
amor,  2361,  sclilioßt,  befremdet  nämlicli,  selbst  wenn  man  in  ifim 
die  Abwesenheit  des  bestimmten  Artikels  vor  der  betonten 
Possessivform  entschuldbar  findet  (s.  Friedwagner,  Anm.  zu 
V.  1375),  um  seines  Inhaltes  willen.  Wohl  nicht  ,aus  Liebe  zu 
Gavain'  (s.  d.  Anm.  zum  Verse)  hält  die  von  G.  verschmähte 
Dame  seinen  Bruder  Gaheriet  gefangen  und  läßt  sie  ihn  qual- 
voll martern.  Sie  hofft  vielmehr  Gavain  hierdurch  auf  ihre 
Burg  zu  locken,  um  diesen  dann  in  der  geschilderten  Fenster- 
öffnung köpfen  zu  können.  Sie  will  also  Gavains  , habhaft  werden'. 
So  ist  amor  denn  wohl  ein  Fehler  für  avoir  und  soie  ein  solcher 
für  lui,  die  ursprüngliche  Lesart  also  wohl  genau  wie  im  Verse 
2369  por  liii  avoir.  Das  Reimwort  jor  aber  ist  vermutlicli  an  die 
Stelle  des  Adverbiums  voir  (vgl.  Stellen  wie  2394,  4122,  4672) 
getreten,  nach  welchem  das  Komma  fallen  müßte.  Auch  in  den 
Worten  Piiis  rejostai  tels  qiiatre  fois  Por  soie  amor  sos  l'eschafaut, 
V.  1333,  ist  por  soie  amor  wahrscheinlich  eine  Entstellung  aus 
por  li  avoir  ,um  sie,  die  Dame,  zu  erringen',  welches  der  vorauf- 
gehenden Verheißung  Se  venquh  le  tornoiement,  M'amor  vos 
otroi  entspräche.  Anstelle  der  schwer  zulässigen  Ausdrucks- 
weise soie  guimple,  1375  {A  ses  .ii.  mains  Tenoit  la  Dame  soie 
guimple)  ist  entweder  une  soie  guimple,  und  dann  ele  oder  cele 
für  la  dame,  oder,  wie  in  Verites  est  que  je  tenoie  Une  guimple, 
V.  2259,  die  Lesart  une  guimple,  und  dann  pucele  für  dame, 
denkbar. 

Raison  V.  5016,  s.  S.  LXV  §  22b:  Et  se  ce  vos  sanhle  raisson 
(:  a  maison)  ist  vermutlich  nicht  Nominativ  sondern  Akkusativ; 
gleichartig  ist  die  Konstruktion  von  sembler  an  der  Stelle  Car 
folie  sanhle  et  anui  (:  hui)  (daher  würde  auch  outrages  in  Certes, 
folie  me  resanble  Et  outrages,  V.  2821,  sein  -s  verlieren  dürfen). 

Eine  notwendige,  nur  unbedeutende  Änderung  gibt  der 
Nominativform  suer,  welche  Friedwagner  S.  LXV  unten  für 
Vers  5259  als  syntaktischen  Obliquus,  was  suer  in  Wirklichkeit 
zuweilen  ist  (s.  die  Anm.  Friedwagners,),  anspricht  und  scheinbar 
ansprechen  muß,  ihren  Wert  als  Nominativ  im  Satze  zurück. 
Denn  der  Zusammenhang,  in  dem  sie  steht,  bleibt  nach  meinem 
Gefühl  unverständlich,  wenn  man  getreu  nach  der  Handschrift 
Tote  la  terre  que  il  tient  En  cest  päis,  vint  de  la  mere,  Et  la  pucele 
si  n'a  jrere  Ne  suer  qui  part  i  puist  avoir  liest.  Er  gewinnt  erst 
Sinn,  wenn  man  das  et  vor  la  pucele  mit  a  und  das  a  vor  frere 
mit  est  vertauscht  und  somit  schreibt  Tote  la  terre  que  il  tient 
En  cest  päis  vient  de  la  mere  A  la  pucele,  si  nest  frere  Ne  suer  qui 
part  i  puist  avoir  ,der  ganze  Grund  und  Boden,  den  er  in  diesem 
Lande  besitzt,  fiel  dem  Mädchen  von  der  Mutter  als  Erbe  zu 
(eine  Bedeutung,  die  venir  noch  heute  hat),  und  so  ist  weder 
ein  Bruder  noch  eine  Schwester  da,  die  daran,  an  der  terre,  teil 
haben  dürfen  (dürfen  Geschwister  von  ihr  nicht  daran  teil  haben)'. 


Zur  ,Vengeance  Raguidet.  83 

Nur  n'est  frere,  nicht  n'a  frere,  ist  brauchbar,  weil  a  das  Orts- 
adverbium i  bei  sich  haben  müßte. 

Die  Schuld  an  s'est  bien  Joint  in  V.  3319,  s.  Friedwagner 
S.  LXVI,  trägt  wohl  nicht  der  Dichter,  sondern  ein  Abschreiber. 
Die  vermutliche  Urform  der  Stelle  ist  bien  se  Joint.  In  der  schein- 
baren Femininform  grande,  V.  5466,  s.  Friedw.  ib.,  die  an  sich 
zwar  schon  aus  früher  Zeit  belegbar  ist  (s.  Schwan-Behrens, 
Altfrz.  Gramm.  §  306,  3a),  gestattet  das  Dasein  des  bestimmten 
Artikels,  :  Si  trencans  ert  L'espee  que  l'escu  depiece^  A  terre  ciet 
la  grande  piece  De  grant  vertu  (indem  ich  abweichend  von  Fr. 
de  grant  vertu  in  diesen  Satz,  nicht  in  den  folgenden  hineinbe- 
ziehe), ein  Versehen  für  graindre  zu  erblicken.  Erwähnt  seien 
im  Anschluß  an  die  im  §  23  behandelten  Stellen  auch  einerseits 
Si  n'ot  pas  le  cors  a  nul  fuer  Plus  lonc  d'une  espane  H  demi  (:  je 
vos  di)  4227,  wo  d'une  espane  jüngere  Lesart  für  d'un  espan 
zu  sein  scheint  (vgl.  zum  männl.  Wort  Erec  944,  ChLy.  298), 
andrerseits  N'aies  mie  fei  mautalent  Vers  moi  2726  mit  fei  (vgl. 
zu  diesem  Obliquus  Meyer-Lübke,  Gramm.  II,  §  2.3,)  anstelle  von 
felon  (708,  903,  4160),  so  daß  ein  Schreibfehler  für  fol  i.icht  aus- 
geschlossen erscheint. 

Für  viengne  und  für  retiegne,  V.  4987  f.,  s.  Friedwagner 
S.  LXIX,  Anm.  1,  werden  wohl  viengnent  und  retiegnent,  letzteres 
mit  dem  verallgemeinernden  ,sie'  (,man')  als  Subjekt,  einzu- 
setzen sein. 

Nicht  ouvrent,  V.  1859,  allein,  mit  seinem  in  der  Sprache 
der  Veng.  Rag.  beispiellosen  Ton  auf  der  Endung,  s.  Friedw. 
S.  LXX,  befremdet  in  den  Worten  Or  dirai  de  cels  qui  ouvr^nt 
Copes  d'or  et  hanas  d'argent  As  provoires,  V.  1895,  sondern  auch 
das  Relativpronomen  qui,  anders  ausgedrückt  :  das  Dasein 
eines  Relativsatzes  an  sich.  Dalier  kann  die  von  G.  Paris  vor- 
geschlagene und  von  Friedwagner  in  der  Anm.  zum  Verse  (jedoch 
nicht  mehr  S.  LXX  Anm.  1,  wo  er  die  Überlieferung  zu  vertei- 
digen sucht,)  gebilligte  Besserung  Or  vos  dirai  (dies  der  Hs.  ge- 
mäß) de  cel  qui  vent  nicht  befriedigen.  Der  Dichter  ist  im  Be- 
griffe die  verschiedenen  Arten  von  Handwerkorn  und  Händlern, 
die  es  in  d(>r  Stadt  gibt,  aufzuzählen.  An  die  Erwälmung  des 
Salbenverkäufers  (eil  vent  boites  a  ongement)  im  V.  1849  knüpft 
er  einen  Ausfall  gegen  die  Ärzte.  Die  Fortsetzung  jener  durch 
letzteren  unterbrochenen  Aufzählung  leitet  or  dann  mit  der 
Wondung  Or  vos  dirai  de  cels,  1859  ein.  Diese  muß  daher  einen 
Satz  für  sicli  bihkm  {de  cels  ,von  jenen  Leuten,  Kaufleuten'). 
Es  folgten  im  Urtexte  notwendigerweise  die  Worte  Cil  vent.., 
das  erste  GHed  der  nun  vorgeführten  weiteren  Reihe  von  Berufs- 
arten und  die  Entsprechung  zu  Cil  cange,  eil  est  monniers,  Cil 
fait  borses,  . .  in  V.  1862  ff.  Kurz,  dem  Verse  1859  kommt  meines 
Erachtens  die  Fassung  Or  vos  dirai  de  cels.  Cil  vent  Copes  d'or.  . 
zu.    Daß  es  eines  redirai  (, wieder. .')  nicht  bedarf,  leliren  Stellen 

6* 


84  G.  Colin. 

wie  Am  Am.  855,  Jourd  Bl.  2380,  Julian  478,  Borte  1455,  2525 
u.  a.  m. 

Endlich    mögen    noch    einige    Einzelheiten    des    Abschnittes 
über  Raouls  Versbau  berührt  werden,  in  welchem  Friedwagner 
ebenso  gründlich,  belehrend  und  klar  wie  in  den  übrigen  Kapittdn 
der  Einleitung,  gehörigenfalls  an  d(!r  Hand  der  bekannten  Unter- 
suchungen A.  Toblers  über  den  französischen  Versbau  und  Frey- 
monds über  den  reichen  Heim,  auch  weiterer  einsclilägiger  Arbeiten, 
zunäciist  über  die  Silbenzählung,  dann  über  den  Reim,  hier  auch 
über  Wortspiele  und  Alliteration  bei  Raoul,  und  schließhch  über 
das    Enjambement   und   die    Reimbrecliung   in   der   Veng.    Rag. 
handelt.    Dem  Dichter  wird  man  die  S.  LXXIII,  §  1  angezogenen 
gekürzten  Lautungen  guerdons  (Sos  ciel  n'a  terre..  u  je  ja  mais 
vous  truisse..,  Que  li  guerdons  ne  soil  rendus),  V.  2499,  neben 
gueredon,   5890,   5942,  gueredoner  2018  und  corcies  (Gavain  Ne 
sei  u  vait,  ne  set  iivienl,   Tant  est  corcies  de  maulalent\  Or  vait 
ariere^  or  vait  avant),  V.  4659,  neben  ständigem  corecie  im  Denkmal 
schwerlich  zumuten  dürfen.     Für  gueredons  wäre  durch  die  er- 
laubte Streichung  von  que  (vgl.  oben  S.  81  und  s.  Meyer-Lübke, 
Gramm.  III,   §  540)  leicht  Platz  gewonnen;  vor  ne  soit  rendus 
verdient  übrigens  n'en  soit  rendus  den  Vorzug  (vgl.  Le  guerredon 
vos  an  vuel  randre,  Clig.  1454;  Mais  ancor  vos  vuel  querre  un  don, 
Don  je  randrai  le  guerredon,  Erec  632;  As  pruzdumes  avient  suvent 
damage . .  De  la  cumpaignie  as  feluns,  Malvais  en  est  lur  guereduns, 
MFce  Fab.  78,  42).     Und  corcies  wird,  um  so  eher  als  ,erzürnt' 
neben  de  mautalent  keinen  rechten  Sinn  gibt,  für  cacies  , gejagt' 
verschrieben  worden  sein.     Die  dreisilbige  Messung  des  Namens 
Gaheriet  in  den  Versen  3302  und  3312,  s.  Friedwagner  S.  LXXIV 
läßt  auf  ungetreue  Überlieferung  dieser  schließen.     Im  zweiten 
derselben,  3312,  handschriftlich  Fiert  Chaheri  tot  a  bandon,  kann 
die  Üblichkeit  des  um  tot  verstärkten  a  bandon  Einschub  von 
tot   und   daher  Opferung    des    -et    von  Gaheriet  bewirkt   haben 
(1.  wohl  Gaheriet  fiert  a  bandon).     Im  ersten,  3302,  Car  mesire 
Gavains  i  ja  Et  Kaheries  a  esperon,  könnte  Et  jüngerer  Zusatz 
sein,  als  Folge  davon,  daß  Car  m.  G.  i  fu  etwa  an  die  Stelle  von 
Car  ot  monseignor  Gavain  fu  oder  Ot  monseignor  G.  i  fu  (zu  ot 
s.  V.  8,85)  getreten  wäre;  vor  a  esperon  ist,  nebenbei  bemerkt, 
ein   Komma  am  Platze   (und   hinter  der  gleichen  Wendung  in 
Quatre  furent,  a  esperon  Ne  finent  le  for  de  cacier  Le  blanc  cerf, 
V.  1562,  ein  Punkt). 

Die  Belege  für  quis  iqui  les).,  s.  Friedwagner  S.  LXXV, 
sind  noch  vermehrbar.  Der  Relativsatz  in  Et  la  grans  gens 
defors  asanble  Qui  s'avironne  tot  entor,  V.  2787,  wird  erst  ver- 
ständlich, wenn  man  das  scheinbare  Reflexivpron.  s'  mit  qui 
zu  quis  (sie,  die  Belagerten,  von  denen  bisher  die  Rede  war) 
vereinigt.  Vgl.  ferner  die  obige  Bemerkung  zu  V.  3838.  An 
einigen  Orten  im  Denkmal  nahm  Friedwagner  auch  Inklination 


Zur  ,  Vengeance  Raguidel.  85 

des  weiblichen  Pron.  le  wahr,  s.  ib.  Doch  dürfen  sei  und  jel 
in  Sei  truis,  par  mon  cors  et  par  m'ame,  Jel  ferai  ä  honte  morir 
Ains  que  d'iluec  se  puist  partir,  V.  3888  f.  mit  ses  und  jes  ,wenn 
ich  sie'  bez.  ,ich  sie'  (,sie'  nämhch  eil  qui  illuc  seront  A  tot  meisme- 
ment  la  dame  3885  f.)  tauschen;  in  dem  mit  ains  que  eingeleiteten 
Satze  wird  wieder  der  Feldherr  allein,  der  hierorts  ein  Fräulein 
ist,  Subjekt,  wie  er  dies  vorher  in  S'ele  reuient,  V.  3882,  war.  In 
dem  /  von  jel  an  der  Stelle  Tenez  ma  foi/  jel  plevirai,  S'il  vos 
plest  ensi  a  tenir  vermutet  Friedwagner  nebenher  mit  Recht 
das  Neutr.  le.  Dieses  faßt  den  Inhalt  der  Verse  1461  bis  1465 
zusammen  und  hängt  von  plevirai  selbst  ab,  nicht  wie  die  Anm. 
sagt,  von  tenir^  dessen  Objekt  vielmehr  ein  neben  dem  Dativ  vos 
nicht  ausgesprochenes  la,  bezüglich  auf  ma  foi,  ist.  Auch  die 
Stelle  5066  darf,  da  das  Beziehungswort  glaive  im  Texte  als 
Masc.  erscheint,  dort  ausscheiden.  Nicht  für  nel  (aus  ne  le  statt 
ne  la)  wird  das  in  vos  ne  menres  pas,  V.  3455,  überlieferte  ne  ein 
Versehen  sein,  sondern  für  n'en,  en  in  dem  von  Tobler,  V.  B.  I^,  55 
gelehrten  Sinne  zu  verstehen.  Die  Abänderung  von  enmi  le 
pis  in  en  le  pis,  V.  5449  {[Mesire  Gavains  durement]  Guengasouin 
fiert  en(mi)  le  pis)  schafft  eine  vom  grammatischen  Standpunkte 
aus  unannehmbare  Lesart.  Fest  steht  l'arierebans,  V.  2864, 
s.  Friedwagner  S.  LXXVI,  für  den  Urtext  wohl  nicht,  da  es  in 
alter  Zeit  auch  rerehan  gab. 

Ein  geeigneteres  Mittel  zur  Kürzung  des  zu  lang  überlieferten 
Verses  Contre  Drüidain  qui  en  l'argu  Croit  (Hs.  Drudain)  4430 
als  die  Verschleif ung  von  qui  mit  en,  welches  ja  hier  nicht  das 
Adverbium  ist,  s.  Friedwagner  S.  LXXVI  I  oben,  scheint  mir 
Vertauschung  von  Drudain  mit  celui  , jenen'  zu  sein;  auch  unter 
V  in  je  Vi  menrai  4431,  das  auf  kein  vorher  ausgesprochenes 
Subst.  beziehbar  ist,  muß  der  Hörer  sich  ja  von  selbst  die  richtige 
Person  vorstellen,  vgl.  so  aucli  das  le  in  V.  470.  Aucii  der  Wortlaut 
<ier  Umgebung  des  Verses  4430  {:  Je  l'en  menrai  par  moi  esbatre 
Devant  le  roi  Baudemagu  Contre  celui,  qui  en  l'argu  Croit  certes, 
et  je  Vi  menrai)  befriedigt  nicht  durchaus.  Einmal  ist  contre 
auc.  bei  esbatre  se  ,sich  belustigen'  unverständlich  und  wohl 
eine  Folge  von  Vertauschung  der  Reimwörter  von  4427  und  4428. 
Die  auf  Keu's  höhnische  Reden  über  Gavain  Bezug  nehmenden 
Verse  4426  und  4427  werden  also  or  dou  tencier,  Or  dcl  parier, 
er  del  esbatre!  und  der  Sciduß  dos  Verses  4428  por  moi  combatre. . 
Contre  celui  (vgl.  V.  4371  zur  ViM'oinbarung  und  V.  4813  ff.  zur 
Verwirklichung  des  Kampfes)  lauten  müssen,  conbatrc  se  contre 
auc.  begegnet  auch  3192,  4442  (ein  etwaiges  a  Drüidain,  vgl. 
797,  4371,  oder  vers  Drüidain,  vgl.  4367,  hätte  der  Schreiber 
wohl  unangetastet  gelassen).  Sodann  fügt  je  Ven  menrai,  V.  4428, 
sich  schlecht  in  den  Zusammonliang,  verträgt  sich  auch  mit 
et  je  Vi  menrai  ,und  ich  werde  sie  dorthin  inilnehmen',  \.  4431, 
nicht.     Daher  vermute  ich  in  menrai  4428  einen  Fehler  für  m'en 


86  G.  Colin. 

irai,  welches  bei  Verschiffung  dieses  zu  einem  Worte,  menirai, 
in  der  Vorlage  von  A  und  bei  Forllassung  des  Striches  über  dem 
i  vor  r  leicht  für  menrai  hat  gelten  können,  und  in  l'en  vor  mcnrai 
ein  durch  diese  Verkennung  veranlaßtes  jüngeres  Einschiebsel. 
Kurz,  als  echte  Fassung  der  Verse  4427  und  4428  denke  ich 
mir. . .,  or  del  esbatre!    Je  m'en  irai  por  moi  conbatre. . . . 

Unter  den  S.  LXXXa  aufgeführten  identischen  Reimen 
hat  gewiß  nicht  wenige  der  Schreiber  der  Handschrift  selbst, 
manche  vielleicht  auch  schon  derjenige  seiner  Quelle,  welche 
nocli  nicht  der  Urtext  gebildet  zu  haben  scheint  (vgl.  später), 
verschuldet.  Auf  V.  509  f.,  wo  aresta  mit  sich  selbst  gebunden 
ist,  gehe  ich  nachher  etwas  nälier  ein.  In  atendre  V.  1057  vermutet 
Friedwagner  sicher  mit  Recht  ein  Verschen  für  defendre;  es 
begegnet  mehrfach,  daß  ein  Wort,  welches  dem  Schreiber  aus 
dem  Vorhergehenden  im  Gedächtnis  haften  geblieben  oder  aus 
dem  folgenden  sich  in  den  Vordergrund  des  Bewußtseins  drängte, 
am  Platze  des  rechtmäßigen  steht,  welches  nunmehr  natürlich 
nur  vermutungsweise  bestimmbar  ist,  vgl.  so  die  Verse  1261, 
1832,  2062,  2755,  die  Friedwagner  offenbar  zutreffend  beurteilt 
und  gebessert  hat,  u.  a.  Auch  joster  hat  sich  in  den  Vers  Lors 
vinrent  lor  joste  joster  Li  hiraut  del  tornoiement,  1302,  wohl  un- 
berechtigterweise aus  dem  vorangehenden,  (ein  Ritter)  S'en 
issi  des  rens  por  joster,  geschlichen,  und  zwar  an  die  Stelle  von 
cr'ier  ,ausrufen,  durch  Ausrufen  bekanntgeben',  vgl.  Veng.  Rag. 
2865, . . .  devant  Nantes  la  cite  Ot  iin  tiirnoiement  cfie,  MFceChait.  74 
oder  Stellen  wie  CHg.  1552,  MFceFab.  25,  9;  lor  joste,  dessen 
lor  ein  durch  Nachklingen  des  die  Zeile  eröffnenden  lors  bewirktes 
Versehen,  aber  auch  an  sich  aus  la  vom  Schreiber  verlesen  (vgl. 
oben  zu  corcies,  und  lor  maison,  1784)  sein  kann,  wird  in  la  joste 
,das  von  dem  Ritter  gesuchte  Lanzenstechen'  zu  verwandeln 
sein.  Aus  dem  nachfolgenden  Verse  hingegen  mag  der  Versschluß 
vorgewirkt  haben,  wenn  wir  Por  aventure  qui  nos  viegne  Ne  voi 
je  dont  secors  nos  viegne,  V.  3055  f.,  überliefert  finden;  qui  aviegne 
könnte  im  Verse  3055  die  alte  Lesart  sein,  vgl.  3052.  Entsprechend 
mag  es  um  das  erste  der  beiden  requier,  3075  f.,  stehen,  welches 
den  Platz  von  ehemaligem  je  quier  einnehmen  könnte.  Verdächtig 
ist  auch  das  zweite  der  beiden  tenroit  (Si  n'est  elmes  qui  ja  tenroit 
Contrc  s'espee),  V.  5068,  so  lange  als  intr.  tenir  contre  auc.  fr.) 
unbelegt  ist;  denkbar  wäre  Verdrängung  von  durroit  (zu  durer 
contre..  s.  2248,  5305).  Nur  zögernd  wird  man  auch  das  zweite 
irai  in  Dius,  u  irai?  Que  ferai  je?  —  Par  foi,  j'irai  Tote  la  trace! 
V.  5373  f.  hinnehmen ;  vielleicht  hat  der  Vers  einstmals  Que  ferai  ?  — 
Par  foi,  jel  sivrai..,  vgl.  zur  Ausdrucksweise  suivre  tote  la  trace 
Gh.  Ly.  754,  gelautet.  Zweifelhaft  erscheint  mir  auch  die  Echtheit 
des  ersten  der  beiden  abatus,  5565.  mal  faire,  V.  975,  in  ein  Wort 
zusammenzuziehen,  mal  somit  als  Adverbium  aufzufassen  darf 
der  Umstand  hindern,  daß  zu  mal,  wenn  eine  Verschärfung  oder 


Zur  ,  Vengeance  Raguidet.  87 

eine  Verneinung  Ausdruck  finden  soll,  ein  Adjektivura 
hinzutritt:  faire  grant  mal  Erec  2763,  Clig.  1622,  MFceBiscl.  11, 
Fab.  43,  7,  PoMor.  XI,  S.  156,  Roi  de  Cambr.  93,  jaire  greignor 
mal  Fab.  80,  43,  faire  nul  mal  Fab.  91,  19;  Dav.  Proph.  1013, 
und  vgl.  Arch.  f.  N.  Spr.  103,  212  f. 

Auch  einige  der  unter  ß  zusammengestellten  Reime  machen 
nicht  den  Eindruck  der  Echtheit.  So  mie  :  mie  (je  n'irai  mie. 
Alez  i,  n'en  revenrez  mie),  V.  647,  wofür  man  sich,  im  Hinblick 
auf  V.  639,  lä  :  ja  wünschen  würde.  Ferner  il  :  il  3657  f.  und 
3863  f.  (1.  für  das  zweite  il  beider  Stellen  wohl  eil  und  vgl.  für 
diesen  Vorschlag  zur  zweiten  Stelle  im  besonderen  V.  .3861). 
Sodann  mais  :  mais,  V.  4121  f.  (das  zweite  mais  in  einem  offenbar 
auch  im  übrigen  verderbten  Verse).  Und  endhch  contre  lui  :  contre 
lui  4531  (das  erste,  gewiß  den  nächsten  Versschluß  irrtümlich 
vorwegnehmende  contre  celui  ,  Lors  s'eslonga  Mesire  Gavains 
contre  lui,  wohl  statt  de  celui  ,er  entfernt  sich  von  ihm,  um  zum 
Sturmangriff  auf  ihn  ausholen  zu  können',  vgl.  Stellen  wie  466. 
861,  3498,  4729,  4817,  mit  einem  ebenfalls  nur  von  einem  ein- 
zigen ausgesagten  esloignier  se). 

Nach  einem  dankenswerten  Rückblick  auf  die  Entwicke- 
lungsgeschichte  der  textkritischen  Behandlung  von  französischen 
Denkmälern,  die  nur  in  einer  Handschrift  erhalten  sind,  durch 
ihre  Herausgeber  kennzeichnet  Friedwagner  S.  XXIII  der  Ein- 
leitung seinen  Standpunkt  als  Herausgeber  der  Vengeance 
Raguidel  dahin,  er  füge  sich  der  augenscheinlichen  Forderung 
der  Gegenwart  und  gebe  die  Handschrift,  schon  w'egen  ihrer  stark 
mundartlichen  Färbung,  so  treu  wie  möglich  wieder:  er  bewahre 
also,  selbst  gegen  die  Ergebnisse  der  Reimuntersuchung,  die 
handschriftliche  Mundart  nebst  Schreibung,  aber  er  gehe  nicht 
soweit,  sichtliche  Verderbnisse  und  Entstellungen  des  Wort- 
lauts durch  Schreiberhand  ohne  Besserung  oder  in  schwierigen 
Fällen  ohne  einen  Vorschlag  zur  Besserung  in  einer  Anmerkung 
oder  auch  in  der  Einleitung  zur  Ausgabe  aus  der  Handschrift 
nachzudrucken;  er  wünsche  die  Dichtung  nahezu  in  derjenigen 
Gestaltung  darzubieten,  die  sie  in  der  Handschrift  zeigen  müßte, 
wenn  sie  ihren  ursprünglichen  Wortlaut  durchweg  bewahrt  und 
keine  andere  Veränderung  als  gelegentliciie  Umkleidung  in  eine 
andre  Mundart  erfahren  haben  würde.  Indem  Friedwagner 
so  an  den  charakteristischen  EigentümUclikeiten  der  unechten 
Mundart  festhielt,  ward  er  im  Verse  1152  ein  Wort  zu  belassen  ge- 
zwungen, das  der  Zusammenhang  dortselbst  verwirft.  Daher  ist  sein 
vermittelnder  Standpunkt  nicht  ganz  einwandfrei.  Der  wünschens- 
werteste Weg  wäre  gewesen  von  derHandscln-ift  zunächst  einen  diplo- 
matischen Abdruck  und  diesem  zur  Seite,  unter  Durchführung  (h'r 
ursprüngliclien  Mundart,  die  kritische  Ausgabe  zu  liefern;  allerdings 
mag  derselbe  aus  äußerem  Grunde,  wegen  des  Anwachsens  dei- 
Herstellungskosten   für  die   Angabe,   unbetretbar  gewesen  sein. 


8«  (^.   Colin. 

Nur  (.'ine  Ilandsclnil'l,  A  gunannl,  überlieft'rt  die  Vfngcanct! 
liaguidol  vollständig.  Eine  zweite,  B,  deren  mun(Jartlichon 
Cliaraktor  Fricdwagner,  Einltg.  S.  L  behandelt,  enthält  nur 
150  Verse  derselben,  V.  3522  bis  V.  3672.  Trotzdem  ist  das 
Vorhandensein  dieses  Bruchstückes  wertvoll.  Es  berechtigt 
dazu,  die  Zuverlässigkeit  des  Schreibers  von  A,  wenigstens 
an  bedenklichen  Stellen,  auch  außerhalb  dieser  150  Verse 
in  Zweifel  zu  ziehen,  da  die  Lesarten  von  A  innerhalb 
derselben  denjenigen  von  B,  das  anderwärts  freilich  selbst 
fehlerhaft  ist,  bisweilen  an  Güte  nachstehen.  Es  verheißt 
aber  vielleicht  auch  eine  Antwort  auf  die  Frage,  ob  die 
Vorlage  der  Handschrift  A  wohl  die  Niederschrift  des  Urtextes 
gebildet  habe.  Tatsäcldich  ist  ein  beiden  Handschriften  gemein- 
samer Fehler  in  dem  Verse  Lors  li  escrie  ,Esta,  eslat  3534  offenbar 
der  Singular  esta,  estal,  statt  dessen  man  den  Plural  estez,  estez! 
erwarten  würde,  da  es  Brauch  in  der  Dichtung  ist,  daß  ein  Be- 
siegter seinen  Überwinder  mit  f06r  anredet  (vgl.  auch  V.  839) ;  nur  vos 
hatte  der  dort  Redende  obendrein  vor  dem  Kampfe  angewandt*.) 
Die  gleiche  Form  der  Anrede  wird  dann  in  die  beiden  folgenden 
Verse,  3535  f.,  die  nur  von  B  überliefert  werden,  hineingetragen 
w^orden  sein.  Auch  einige  andre  auffällige  Lesarten,  so  der  oben 
erwähnte  Reim  il  :  il  3657  f.,  oder  der  Ausdruck  D'iins  et  d'autres 
et  d'un  et  cl'el  (statt  D'iines  et  d'autres.,  d'un  et  d'el)  3661  u.  a., 
scheinen  beiden  Handschriften  gemeinsam  zu  sein.  Demnach 
braucht  die  Quelle  von  A,  falls  dieses  zu  B,  welches  etwas  älter 
als  A  sein  soll,  nebenher  nicht  eine  unmittelbare  Beziehung  ge- 
habt hat,  noch  nicht  der  Urtext  selbst  gewesen  zu  sein;  schon 
nach  dieser  Zwischenstufe  mögen  dann  manche  der  der  Hand- 
schrift   A    anhaftenden    Textverderbnisse  zurückreichen. 

Diese  sind  zahlreich  und  oft  schwerer  Natur,  Viele  von 
ihnen  hat  Friedwagner  geheilt.    An  der  Heilung  so  mancher  muß 

*)  Zur  Rückerschließung  der  Grundform  dieses  Verses  fehlt 
jeglicher  Anhalt.  Man  könnte  sich  die  Einführung  von  esta,  estaf 
etwa  aus  der  Absicht  erklären,  reichen  Reim  zu  hasta  3533  zu  gewinnen, 
aber  es  bleibt  ganz  ungewiß,  ob  man  mit  dann  vielleicht  denkbarem 
Lors  .Estez,  estez!'  U  cria  die  ursprüngliche  Fassung  träfe. 

,MeiveiMes  dites\  fait  Gavains,  ,Mal  resanhles  de  tel  afaire  .  .\  V. 
676,  kann  ein  durch  die  Anwendung  der  2.  Pers.  Plur.  in  den  vor- 
hergehenden Versen  hervorgerufener  Irrtum  für  ,Meri>eilles  dis\  ce 
jaitG.  sein.  Verdächtig  ist  auch  der  Singular  in  Frans  Chevaliers,  lai  la! 
lai  la!  Mar  le  tues!  laissiez  le  ester,  V.  3398,  der  auch  mit  dem  höflichen 
Epitheton  franc  im  Widerspruch  steht  (vgl.  z.  B.  auch  3408,  3430). 
Man  würde  hier  eher  einen  Wortlaut  wie  Vassaus!  laissiez  la,  laissiez 
la!  erwarten.  Auch  fragt  sich,  ob  man  vos  in  ,Bien  as  denonchie  ta 
feste',  Fait  Gavains,  ,et  bien  i>os  jugies\  V.  1210,  ruhig  hinnehmen  solle 
und  nicht  für  einen  Fehler,  vielleicht  für  t'es,  halten  dürfe.  Der  Anrede 
mit  vos  mag  Gavain  den  besiegten  Ritter  aus  Wohlgefallen  an  seinem 
Bekenntnis,  1212  bis  1215,  daß  er  die  Lüge  hasse,  von  V.  1216  ab 
wieder  gewürdigt  haben. 


Zur  ,  Vengeance  HaguicIeV.  89 

er  jedoch  den  Leser  zur  Mitarbeit  einladen.  Einige  von  diesen 
haben  in  den  vorhergehenden  Ausführungen  schon  beschäftigt, 
einer  Reihe  andrer,  den  ersten  dreitausend  Versen  angehöriger, 
wende  ich  mich  nun  noch  zu^). 

186.  Mais  ja  ne  serres  avoies  (,hingemesen,  belehrt',  durch 
den  bei  dem  Toten  gefundenen  Brief)  Dont  ü  est  et  qui  l'a  ocis, 
Ne  honme  soi  ne  son  päis.  Der  von  Friedwagner  dem  letzten 
dieser  Verse  beigelegten  Sinn  ,weder  den  Mörder  (oder  den  er- 
mordeten Ritter)  ,honme,  brachte  ich  in  Erfahrung  noch  des 
Ermordeten  Heimat'  würde  das  Dasein  des  bestimmten  Artikels 
vor  honme  voraussetzen.  Wäre  ferner  soi  das  Perfektum  von 
savoir,  so  würde,  da  savoir  auc.  nicht  ,jemandes  Namen',  worauf 
es  hier  ankäme,  sondern  ,jemandes  Person  kennen'  besagt  (vgl. 
Stellen  wie  Erec  2550,  JuUan  2734),  son  non  hier  das  natürliche 
Objekt  zu  savoir  sein  (vgl.  auch  V.  2697).  Daher  ist  honme 
wohl  ein  Versehen  oder  nur  eine  undeutliche  Schreibung  für 
nonme,  ,er,  d.  i.  der  Brief,  (das  aus  dem  Zusammenhange  von 
selbst  hervorgehende  Subjekt)  nennt  nicht  ihn,  d.  i.  seinen  Namen, 
noch  sein  Heimatland'  (beides  des  Toten);  nomer  wie  in  V.  5150 
und  soi  im  Sinne  von  liii,  s.  Friedwagner  zu  V.  838. 

365.  Quant  il  ot  le  hiaume  lade  ist  wohl  den  Worten  prent 
l'escu  unterzuordnen;  das  hinter  l'escu  gesetzte  Semikolon  rücke 
also  hinter  lacie.  386.  A  mains  de  lui  c'uns  ars  ne  tue.  Statt 
des  wenig  sinnreichen  tue  darf  rue  ,schleudert,  schießt',  hier 
objektslos,  Gaufr.  83  ruer  une  piere  (bei  Tobler,  ^',  B.  P,  44)  in 
Frage  treten. 

467.  S'i  ont  les  chevals  eslaissies^  Les  fers  des  claves  abaissies, 
Si  qu'il  en  fönt  les  fers  croissir.  In  dem  zweiten  les  fers  vermutet 
Friedwagner  gewiß  mit  Recht  eine  irrtümhciie  Wiederholung  des 
ersten;  auch  von  fers  im  Sinne  von  , Hufeisen'  (vgl.  zu  solchem 
ChLy.  753,  Eust.  1505.  6)  wäre  ja  croissir  keine  glaubwürdige 
Aussage,  estriers,  das  nach  Friedwagner  hier  eher  zu  erwarten 
stände,  würde  nur  ohne  den  bestimmten  Artikel  vor  sich  in  den 
Vers  hineinpassen  und  nur  als  Glied  des  Ausdrucks  les  fers 
des  estriers  hier  ansprechen  (an  der  diesen  aufweisenden  Stelle: 
der  eine  Kämpfer  gibt  seinem  Pferde  die  Sporen  Et  s'estent  si 
qu'il  fait  estendre  D'angoisse  les  fers  des  estriers,  Veng.  Rag.  5579 
dürfte  das  zweite  estendre,  da  es  keinen  Sinn  gibt,  ein  durch  das 
vorangehende  estent  hervorgerufenes  Versehen  für  destendrc 
, losschnellen'  sein).  Den  Platz  des  zweiten  fers  nahm  ursprüng- 
lich vielleicht  ners,  die  ,Fleciiscn,  Muskeln'  (der  Pf(>rdo),  ein.  Zu 
fers  des  claves  oder  glaives  vgl.,  nebenbei  bemerkt,  fers  des  lances, 
Erec  3774,  Clig.  1748  und  die  erläuternde  Stelle  Erec  4048. 


^)  Diejenigen    Stellen,    an    denen    die    überliet'orto    Wortstellung 
«ach  der  Conjunktion  que  der  Regelung  bedarf,  übergehe  ich  jedoch. 


90  G.  (John. 

474.  Et  li  Chevaliers  l'a  jerii  Si  qu'il  li  a  perchU  l'escii  Et 
percU  le  hauberc  safrL  An  Stelle  des  zweiten /?6TCi^,  das  wiederum 
eine  Wiederholung  aus  Unachtsamkeit  scheint,  wünschte  man 
sich  fauss6  wie  438  (oder  auch  rompu  wie  Meraug.  4481)  anzutreffen. 

509.  Ein  vaslet  erzählt  dem  König  Artus  von  der  Niederlage 
und  der  Verwundung  Keus.  Der  Gegner  dieses,  sagt  er.  Tot 
maintenant  si  s'en  ala  Qu'il  ot  son  anemi  ocis  Et  Ke  le  senescal 
maiimis.  Illuques  plus  n'i  aresla  De  celui  que  Kex  aresta,  Qu'il 
avoit  en  son  conduit  pris.  Friedwagner  schwankt,  ob  er  die  Worte 
von  Illuques  bis  pm,  509  bis  511,  in  die  Rede  des  Burschen  mit- 
einbeziehen oder  als  Bemerkung  des  Dichters  fassen  solle.  Man 
wird  das  erstere  tun  müssen,  weil  man  erwarten  darf,  der  Bursche 
habe  dem  Könige  auch  den  Anlaß  zu  Keus  Mißgeschick,  und 
diesen  geben  die  Verse  510  f.  an,  kurz  gemeldet.  Im  Texte  tut 
es  Friedwagner  selbst;  in  der  Abtrennung  der  letzten  drei  Zeilen 
von  den  vorhergehenden  und  ihrer  Zusammenfassung  zu  einem 
selbständigen  Satzgefüge  irrt  er  aber  wohl,  da  de  celui  sich  mit 
n'i  aresta  nicht  zu  einem  annehmbaren  Gedanken  verbindet. 
Der  sprachliche  Zusammenhang  der  Verse  506  bis  511  ist  viel- 
mehr der  folgende:  Tot  maintenant  si  s'en  ala  Qu'il  ot  son  anemi 
ocis  Et  Ke  le  senescal  maumis  —  Illuques  plus  n'i  aresta  —  De 
celui,  que  Kex  aresta,  Qu'il  avoit  en  son  conduit  pris  ,er  ging  fort, 
sobald  er  seinen  Feind  getötet  und  Keu  den  Seneschall  anläßlich 
jenes,  welchen  Keu  (d.  h.  anläßlich  des  Umstandes,  daß  Keu 
jenen  .  .,  vgl.  Behrens'  Zeitschr.  24^,  60)  festhielt  (Perf.  im  Sinne 
des  Plusquamperf.  wie  oft),  .  .  übel  zugerichtet  hatte.'  Zwischen 
maumis  und  De  celui  schieben  sich  als  Zwischenbemerkung  die 
Worte  Illuques  plus  n'i  aresta  ein.  Diese  sind  nicht  eben  sinn- 
reich, da  sie  die  Angabe  von  506  nur  wiederholen;  statt  ihrer 
würde  man  den  Ausdruck  des  Gedankens  erwarten,  daß  der 
Ritter  sich  bei  Keu  mit  einem  malmetre  begnügt  hate  (vgl.  s'i  a 
laissies  Ke  et  le  mort  .  .,  Ne  lor  quiert  faire  plus  d'anui,  V.  486). 
aresta  wird  daher  unecht  sein  und  auf  irrtümlicher  Vorwegnähme 
des  aresta  der  folgenden  Zeile  seitens  des  oder  eines  Schreibers 
beruhen.  Die  Stelle  desselben  könnte  demanda  , verlangte,  be- 
gehrte' einst  eingenommen  haben:  Illuques  plus  n'i  demanda 
(oder  ne  demanda,  da  i  vielleicht  erst  durch  das  den  Zusatz  einer 
Silbe  erfordernden  aresta  hervorgerufen  wurde) ;  vgl.  zu  plus  ne 
demande:  et  dist  que  plus  ne  demande,  V.  5719,  auch  V.  2404. 
Statt  Qu'il  avoit  en  son  conduit  pris,  V.  511,  wäre  übrigens  auf 
grund  von  409,  453  und  auch  459  {Qui  en  conduit  le  pren'ies, 
wie  Friedw.  S.  LXVII  .\nm.  3  u.  S.  LXXV  mit  Recht  vor- 
schlägt) Que  il  avoit  en  conduit  pris  denkbar. 

537.  Jssi  est  Gavains  esgares,  K'il  ne  set  u  garder  celui,  Ki 
vengier  le  doit  aveuc  lui.  Bedeutungen  wie  ,jmdn.  treffen,  mit 
jmdm.  zusammentreffen',  s.  die  Anm.,  kommen  garder  schwerlich 
zu.     garder  gelangte  wohl  irrtümlich,   durch  Nachwirkung  des 


Zur  ,  Vengeance  HaguideV.  91 

Klanges  von  esgarh  hervorgerufen,  in  die  Handschrift,  welche 
etwa  trover  hätte  darbieten  sollen. 

573.  A  tant  a  trove  i.  pastor  [ En  un  essart  de  la  forest].  Als 
Ergänzung  ist  auch  Qiii  bues  gardoit  en  la  forest,  vgl.  V.  612  f., 
denkbar.  607.  N'onques  niil  jor  n['en]  hui  fors  la,  Si  en  ai  puis 
eu  maint  fain.  Der  Begriff  maint  befriedigt  hier  wenig;  es  fragt 
sich  daher,  ob  nicht  der  Klang  von  fain  beim  Abschreiben  der 
Stelle  vorgewirkt  und  dem  schlecht  nachprüfenden  Schreiber 
maint  an  Stelle  von  mout  ,sehr'  (möghche,  jedoch  nicht  erweis- 
bare Gestaltungen  wären  auch  grant  fain  oder  S'en  ai  puis  eu 
sovent  fain)  eingegeben  habe;  vgl.  auch  zu  V.  2134.  Zu  dem 
männlichen  Geschlecht,  das  fain  hier  trüge,  wenn  maint  richtig 
wäre,  vgl.  für  die  Anm.  zu  V.  757  auch  K.  Armbruster,  Ge- 
schlechtswandel im  Französ.  S.  62  und  D.  Behrens,  Beiträge  z. 
franz.  Wortgeschichte  S.  399  (ein  ferneres  Beispiel  Julian  3630) 
und  zu  , Hunger  (Verlangen)  nach  einem  Getränk'  für  die  Anm. 
zum  vorliegenden  Verse  Car  j'ay  de  hoire  moult  grant  fain,  Je 
ne  hu  huy.  Mir.  ND.  3,  410  und  ferner  ib.  28,  333. 

700.  Ell  cest  päis  .  .  ne  mourai  je  ja  .  .,  Aingois  irai  prendre 
l'ostel  Por  atendre  anemi  mortel  Qui  l'ostel  me  contredira.  Vor 
anemi  mortel  vermißt  Friedwagner  den  bestimmten  Artikel,  da 
es  sich  um  einen  schon  bekannten  Todfeind,  den  Schwarzen 
Ritter,  handle;  er  möchte  anemi  deshalb  einem  Eigennamen 
gleichstellen.  Aber  Gavain  hat  noch  keine  Ursache,  den  Schwarzen 
Ritter  als  seinen  Todfeind  oder  als  einen  Todfeind  von  sich  zu 
bezeichnen.  Seinen  natürhchen  Sinn  ,einen  Tod-,  Erzfeind" 
bewahrt  anemi  mortel,  wofern  man  nur  pour  atendre  nicht  als 
,um  zu  erwarten',  sondern  als  ,selbst  um  den  Preis,  um  die  Strafe 
zu  erwarten',  ,und  müßte  ich  erwarten'  deutet;  konzessiven 
Zweck  hat  por  mit  dem  Infinitiv  häufig:  Mes  ne  fet  pas  a  tres- 
passer  Por  langue  debatre  et  lasser  Que  del  vergier  ne  vos  retraic  .  . 
chose  veraie,  Erec  5736;  Clig.  6600;  M.  Fee.  Fab.  33,  14;  Münch. 
Brut  2360;  Fl.  Bl.  3169;  Mont.  Rayn.  I,  42,  549;  (mit  dem 
Acc.  c.  Enf.  nach  por)  Cliast.  S.  Gille  168;  {Pour  a  niourir,  ce 
dist,  n'en  f ausser a)  Enf.  Og.  2285. 

757.  //  (Gavain,  der  an  jenem  Tage  noch  nichts  genossen 
hatte)  manga  d'un  paon  pevre  Tant  qu'il  l'ot  auques  alasqnie. 
alasquie  ,gelockert,  erleichtert',  das  Friedwagner  mit  gutem 
Grunde  hier  absonderlicii  findet,  ist  wahrscheinlich  ein  FeliltM- 
für  asassid  ,gesättigt'  {il  der  Pfau,  le  den  Gavain),  dessen  Um- 
wandlung sich  aus  Verlesung  von  as-  in  al-  und  zugleich  aus  der 
Nachwirkung  des  Klanges  von  alques  (oder  auch  dem  ohne  Rück- 
sicht auf  den  Sinn  durchgeführten  Wunsche  ein  Wortspiel  zu 
schaffen)  erklären  und  zwar,  wenn  alques  von  Einfluß  auf  die- 
selbe war,  schon  in  die  Vorlage  von  A,  das  ja  auques  zeigt,  zu 
verlegen  sein  mag. 


92  ^-   Colin. 

880.  Au  Chevalier  äisL,  qiie  il  l'ot  Mangie:  ,Vostre  triue  est 
jaillic!  .  .'     que  ist  vermutlich  oin  Irrtum  für  quant. 

885.  Se  vos  av'ies  ßmene  Deals  conpaignons  de  conpaignie, 
Certes,  ne  vos  redou  je  mie.  In  conpaignons  darf  man  einen  Irrtum 
für  Chevaliers,  welches  wohl  unter  dem  vorgreifenden  Einfluß  von 
conpaignie  jenem  gewichen  ist,  vermuten,  vgl.  auch  V.  2108  f. 
Das  Verspaar  887  und  888  ist,  wie  bereits  erwähnt  wurde,  mut- 
maßlich jüngerer  Herkunft;  nach  mie  886  ist  nach  Ausscheidung 
desselben  ein  Doppelpunkt  am  Platze.  Unwahrscheinlich  klingt 
ferner  im  Verse  892,  Or  vos  vuel  faire  A.  ja  parti,  Prendes  le  quel 
que  vos  vaures;  Li  jus  est  que  vos  descendes  Jus  a  la  terre  del  cheval,  .  . 
der  Ausdruck  li  jus,  dessen  Stelle  li  uns  einnehmen  sollte.  Zwischen 
V.  893,  Jus  a  la  terre  del  cheval,  und  V.  896,  Esse  raisson?  que 
vos  en  sanble  Que  vos  nel  vuellies  faire  issi?  (oder  vielmehr  Esse 
raisson  —  qae  vos  en  sanble  ?  —  Que  vos  nel  vaellies  faire  issi  ?) 
vermutet  Friedwagner  in  der  Handschrift  eine  Lücke,  die  er  mit 
den  Versen  [Et  quant  andui  serons  el  val,  Lors  si  nos  conbatrons 
ensanblej,  in  der  Anmerkung  auch  noch  auf  andre  Weise,  aus- 
füllt. Indessen  erübrigt  sich  die  Annahme  einer  Lücke,  wenn 
man  die  überflüssige  Bemerkung  que  vos  en  sanble  ?  V.  896  einem 
Schreiber,  nicht  dem  Dichter  selbst,  zuspricht,  dessen  Worte 
vielmehr  quant  sui  el  val  (vgl.  Je  sui  el  mont  et  vos  el  val,  V.  906), 
im  Ganzen  also  Est  ce  raisons,  cjuant  sui  el  val,  Que  vos  nel  vueilliez 
faire  issi?  gewesen  sein  könnten.  In  Ja  ne  vos  parg  je  mie  issi, 
V.  908,  verträgt  mie  sich  nicht  sonderlich  mit  ja;  der  Vers  trägt 
daher  in  je  mie  wohl  eine  Verderbnis  aus  le  iu,  vgl.  auch  .i.  giu 
vos  part,  V.  951  und  Qa'il  li  parti  le  ja  issi,  V.  963. 

972.  Or  ne  sa  je  le  quel  coissir,  Car  nus  nel  porroit  pas  ferir 
Taut  com  'il  fu  desus  montes.  Da  tius  ne  pas  eine  ungewöhnliche 
Häufung  ist  und  der  Gedanke,  den  die  beiden  Verse,  Car  bis 
montes,  entwickeln,  in  dem  sich  anschließenden  Verspaar  Sous 
ciel  n'est  hon  de  mere  nes  Qui  sor  lui  (auf  dem  Pferde)  li  peast 
mal  faire  nochmals  Ausdruck  findet,  ist  porroit  wohl  Fehler  für 
porroie  und  nas  jüngeres  Einschiebsel.  Die  Stelle  von  fu  sähe 
Friedwagner  lieber  durch  est  oder  iert  eingenommen;  auch  soit 
würde  angängig  sein  (vgl.  ,Sire',  fet  il,  ,jo  ne  purreie,  sc.  chanter, 
Tant  cum  si  pres  de  mei  vus  veie',  M.  Fee.  Fab.  66,  8;  auch  Erec 
3751,  Fab.  21,  10  u.  a.  m.).  In  Vers  978  würde  statt  sevrer  etwa 
trover  und  in  Vers  979  statt  jeter  ent  etwa  dessevrer  der  Erwartung 
entsprechen. 

1002.  4.  Mais  se  j'oi  coze  qui  me  griet,  Por  ce  ne  le  feroie 
mie.  Se  j'oi,  por  coi  je  ne  l'ochie,  Qae  raisson  me  sacies  mostrer, 
Maintenant  .  .  Me  verres  a  terre  descendre.  Neben  se  j'oi,  worin 
Friedwagner  das  handschriftliche  se  ie  beider  Verse  vielleicht  in 
Anlehnung  an  j'orai,  V.  1000,  und  an  or  oi  je,  V.  1039,  wo  jedoch 
or  voi  wie  in  V.  1042  mehr  ansprechen  würde,  gebessert  hat, 
darf  auch  se  c'est  als  ursprüngliche  Lesart  in  Frage  treten.     Der 


Zur  .  Vengeance  RaguideV.  93 

Conditionalis  feroie,  V.  1003  sticht  auffällig  gegen  das  Futurum 
verres  1007  ab;  1.  also  vielleicht  ferai  ie. 

1030.  Se  a  cheval  me  conqueres,  Ja  point  de  los  n'i  averes. 
In  averes  liegt  offenbar  Verderbnis  aus  aqueres,  genauer  aquerres, 
vor  {aquerre  los  CHg.  167,  1109,  3664,  4161,  4628,  Meraug.  1344 
V.  etc.)-  1058.  Et  eil  ne  s'i  veut  plus  atendre.  Zvsischen  plus 
und  atendre  vermißt  man  faire,  für  das  nach  Streichung  des 
überflüssigen  Et  Raum  entstände. 

1091.  Gavain  führt  mit  dem  Schwerte  einen  kräftigen  Hieb 
gegen  den  Schwarzen  Ritter.  Ja  just  la  hataille  finee,  S'il  l'eust 
a  fer  conseu;  Maib  go  qu'il  consivi  Vescu  A  molt  son  cop  afebloie 
(er  zerschneidet  ihm  nur  die  Halsberge,  berührt  ihn  selbst  aber 
nicht).  Der  Ausdruck  a  fer  entbehrt  des  rechten  Sinnes  und 
behagt  auch  Friedwagner  augenscheinlich  nicht,  welcher  anmerkt, 
,doch  wohl  nur  ,,mit  dem  Schwerte",  ein  adv.  Ausdruck  ad  firmum 
ist  schwerlich  anzunehmen.'  Auch  das  buchstäblich  naheliegende 
a  fet,  a  fait,  vgl.  nfr.  tout  ä  fait,  würde  nicht  sehr  zusagen  {'.A  vos 
trestos  le  di  a  fait  Que  se  je  vos  ai  rien  mesfait,  Por  Deu,  si  le  me 
pardones,  Julian  3937;  2100;  3577;  En  tant  que  eis  preudons  lä 
m'ot  Confesse,  ki  empris  l'avoit,  Mes  pechies  ä  fait  me  lavoit  Uns 
clers  fluns,  B.  Cond.  226,  634;  338,  2047;  Des  espinoches  tout  a 
fet  A  semees  aval  la  cort,  Mont.  Rayn.  I,  99,  75).  Sollte  fer  un- 
vollendet gelassenes  ferir  (,beim  Schlagen')  sein  ?  Dann  würde 
das  ganze  Wort  eine,  in  diesem  Zusammenhange  (vgl.  im  be- 
sonderen auch  V.  1089)  entschuldbare  Verirrung  sein,  und  zwar 
mögUchenfalls  für  (a)  cop;  vgl.  zu  a  cop  ,auf  den  Schlag',  ,so- 
gleich',  das  gerade  bei  consivre  und  begriffs verwandten  Verben 
aufzutreten  pflegt,  Chax  que  li  dus  a  a  cop  conseu,  Ont  malement 
lor  louier  receu,  Mitth.  221,  25;  Cui  il  consiut  a  coup,  merveille 
est  s'il  nel  tue,  B.  Comm.  1574;  Ne  V atainst  pas  a  coup,  car  l'espee 
est  tornee,  ib.  1728;  ein  Beispiel  aus  der  Chans,  des  Sax.  aucii  bei 
Godefr.     1164.  qui  ist  vielleicht  ein  Versehen  für  li. 

1207.  ,Sire,  voles  que  je  vos  die?'  ,Por  cel  demanQ  que  vul 
savoir  ?'  Der  Sinn  des  zweiten  Verses  ist  nicht  klar,  por  cel 
verführte  den  Schreiber  von  A  oder  der  Quelle  von  A  woiil  zur 
Einschaltung  eines  que  (, deswegen,  weil'),  welcher  dann  ein  jel 
vor  vul  zum  Opfer  fiel:  Por  cel  demang;  jel  vul  savoir.  Zu  der 
Neutralfrom  cel,  wenn  diese  hier  nicht  ein  durch  [jelj  vul  ver- 
ursachter Lapsus  für  ce  ist,  vgl.  außer  der  von  Friedwagner 
verzeichneten  Literatur  auch  K.  Warnke,  MFce.  Fab.  Einltg. 
S.  XCIX,  auch  die  Bmkg.  zum  Purg.  176  im  Lit.-Bl.  1905,  Sp.  284f. 

1287.  La  fis  si  bien  que  ...  La  kann  aus  V.  1284,  Lä  ot  .  ., 
irrtümlich  für  Jel  hierher  übertragen  worden  sein,  vgl.  zu  faire 
le  (es)  bien  1257,  3353  und  öfter,  s.  auch  d.  Anm.  zu  1272;  im 
abhängigen  Satze  entspräche  dann  neflj  fist  mius. 

1291.  Que  eil  qui  orent  fait  la  cace  Et  orent  fait  nos  gens  füir 
Et  par  force  fait  departir,  Del  gue  vont  desconfit  ariere.    Der  hantl- 


94  ^-  Cohn. 

schriftlichen  Lautung  der  letzten  Zeile  nach,  Del  gui  tot  desconfit 
ariere,  würde  zu  eil  allerdings  das  Prädikat  fohlen.  Aber  das 
Präsens,  welches  durch  die  Besserung  vont  geschaffen  wurde, 
hebt  sich  von  den  Zeiten  der  Vergangenheit,  die  die  Umgebung 
dieses  Verses  zeigt,  auffälüg  ab.  Sitz  einer  Verderbnis  ist  daher 
vielleicht  der  vorhergehende  Vers,  Et  par  force  fait  departir,  in 
dem  auch  die  erneute  Wiederholung  von  fait  unschön  ist.  Ein 
Schreiber  zog  diesen  Vers  vielleicht  widerrechtlich  in  den  Relativ- 
satz hinein,  während  er  ursprünglich  die  Fortsetzung  zu  eil 
bildete  und  das  Prädikat  dieses  übergeordneten  Satzes  enthielt, 
demnach  von  Rechts  w-egen  zusammen  mit  dem  folgenden  Verse 
etwa  Par  force  durent  departir  Del  gue  tot  deseonfit  ariere  hätte 
lauten  sollen. 

1331.  Die  Dame  ruft  dem  Ritter  zu:  Se  venques  le  tornoiement, 
M'amor  vos  otroi  et  present,  Mon  eors  et  quanques  vos  vaudrois. 
Der  leibUche  Umgang  mit  der  Dame  ist  zweifelsohne  das,  was 
der  Ritter  begehren  wird.  Mon  eors  nimmt  also  die  gleiche 
Vorstellung,  die  quanques  vos  vaudrois  zum  Ausdruck  bringt,  in 
derberer  Form  vorweg.  Hierdurch  verrät  mon  eors  sich  offenbar 
als  Versehen  für  M'amor:  M'amor  i>os  otroi  et  present^  M'amor 
et  quanques  vos  vaudrois.  Über  die  Wiederholung  eines  Begriffes 
zwecks  seiner  Zusammenstellung  mit  einem  zweiten,  ihn  ergän- 
zenden s.  die  Bemerkung  zu  CUg.  97  in  Behrens'  Zeitschr.  25,  158 
(vgl.  auch  Stellen  wie  Dex  .  .  Dit  qu'il  n'est  ehose  si  obscure,  Si 
ohscure  ne  si  eelee,  Qui  ne  soit  puis  manifestee,  Ly.  Ys.  3327; 
Vos  ne  deves  estre  escondis,  Dist  Jul'iens,  jel  vos  pardoins  Et  tote 
m'amistie  vos  doins,  Jel  vos  pardoing  et  dex  si  face,  Julian  1913). 

1339.  Lors  comenchierent  a  cfier:  ,Qui  veut  j oster  .i.  leceor?' 
Die  Frage  ist  unverständUch.  Vermuthch  schloß  sie  für  den 
Dichter  mit  j oster  und  nahm  die  Stelle  von  .i.  leceor  ursprünglich 
li  leceor  ein,  welches  dann  das  Subjekt  zu  comenchierent  dar- 
stellte: Lors  comenchierent  a cfier:  ,Qui  veut  j oster  ?'  li  leceor.  Unter 
leceor  sind  die  Herolde  zu  verstehen,  vgl.  dazu  Scheler,  Trouv. 
Belg.  II,  S.  379.  1384.  fiardes  fquej  vos  soiis  mes  drus,  Car  je 
vos  doins  tote  m'amor.'  Vgl.  die  Anm.  Friedwagners;  doch  darf 
man  die  fehlende  Silbe  auch  in  dem  Pron.  la  (sc.  la  guimple) 
erbUcken:  Gardez  la!  vos  soies  (besser  wäre  serh  ,sollt  sein') 
mes  drus  ,  .  .' 

1460.  Ja  mais  ne  serrai  si  vilains  Con  soloie  estre,  et  ffust 
Gavains] !  Trestoute  ma  terre  tenrafij  De  vos  tant  que  je  viverai. 
An  Stelle  der  Vermutung  fast  Gavains  überliefert  die  Handschrift 
et  si  tenrais,  eine  undeutbare  Lesart,  da  sich  in  tenrais  das  Reim- 
wort der  nächsten  Zeile  hineingemischt  hat.  Neben  fust  Gavains 
enthält  Friedwagners  Anm.  zur  Stelle  noch  die  Vorschläge  fu 
Gavains,  der  ihm  selbst  ebenso  wie  fust  G.  nicht  sonderlich  gefällt, 
und  si  ferains.  Wer  sich  auch  von  ferains  ,wild'  nicht  befriedigt 
fühlt,  da  es  nur  in  einer  Partonop.- Stelle,  s.  God.  s.  v.  ferain. 


Zur  ^Vengeance  Ra^uidef.  95 

eine  Stütze  finde,  wird  auch  bereits  et  si  für  unecht  halten  müssen; 
denn  ein  geeignetes  Adjektivum  auf  -ain  scheint  es  für  diesen 
Ort  nicht  zu  geben.  Dann  böte  sich  als  denkbare  Lesart  die 
Wendung  c'est  del  mains  ,das  gehört  zum  Geringeren'  (s.  Tobler 
zu  Prov.  Vil.  88,  3  S.  142),  ,das  ist  das  mindere,  dies  zum  wenig- 
sten' dar,  die  häufig  begegnet:  Bari,  7000,  Oleom.  7778,  Rutob. 
(Jub.)  1112,  268,  556,  Tr.  Belg.  II,  219,  56;  M.  Rayn.  I,  38,  44, 
J.  Cond.  I,  50,  29,  Ren.  Nouv.  844  (in  Prov.  Vil.  88,  3 
wird  der  Punkt  nach  mains  mit  einem  Komma  tauschen 
müssen).  Für  tant  gue  je  viverai,  V.  1462,  ist  wohl  tant 
come  je  vivrai  zu  lesen  und  das  den  Vers  1463  eröffnende  Qiie^ 
das  Friedwagner  in  Et  gebessert  hat,  könnte  auch  für  Ne  ver- 
sehen sein. 

1535.  par  l'estricr  J  est  montes  de  maintenant.  Im  Anhang, 
S.  364,  empfiehlt  Friedwagner  des  maintenant  zu  schreiben,  doch 
erweisen  Stellen  \\\e  MFceFab.  80,  14;  Purg.  2273;  Eust.  829,  2216; 
Mir.  ND.  34,  840;  913  de  m.  als  einwandfrei.  1575.  Au  premerain 
eust  trenchie  Le  cief,  se  mesire  Gavains  Li  a  dit:  .  .  .  se  li  a  dit 
auf  eust  trenchie  ist  zu  seltsam,  als  daß  se  nicht  ein  bloßes  Ver- 
sehen von  jüngerer  Hand  für  mais  oder  quant,  das  der  bedingende 
Charakter  dieses  Satzes  verursachte,  scheinen  dürfte.  1601.  Se 
je  seusse  le  raisson  Que  eussiSs  le  cerf  norri,  II  ne  just  hui  .  .  Par 
eis  ocis.  que  begegnet  in  dem  Sinne  von  ,warum',  den  es  nach 
Friedwagner  hier  hat,  in  der  Tat  auch  in  indirekter  Frage,  jedoch 
augenscheinlich  nur  nach  der  Wendung  ne  sai  (so  auch  Veng. 
Rag.  2422  selbst).  Daher  ist  que  eussies  wohl  eine  Verirrung, 
und  zwar  für  por  quoi  avez.  1635.  Ce  dist  Gavains,  si  les  merchie:  .  . 
si  ist  gewiß  mit  qui  zu  vertauschen.  1665.  Et  eil  le  siuent  l'an- 
bleure  Parmi  le  jorest  doucement.  doucement  ist  Friedwagners 
Vermutung.  Die  Handsclirift  hat  durement  und  bietet  in  diesem 
wohl  nur  eine  undeutliche  Schreibung  für  druement  ,diclit  bei- 
sammen' (vgl.  Tant  esploitierent  que  tout  apertement  Virent  venir 
Sarrazins  druement,  Enf.  Og.  5202). 

1719.  Icis  Chevaliers  me  dira  Novelles  .  .  De  Gavain,  mon 
trescier  ami,  Qu'il  ne  me  vuelt  venir  veoir.  E  Dius!  avrai  je  ja 
pooir  Que  ja  de  s'amor  juisse  liee?  Nach  Friedwagner  ist  que, 
in  qu'il  ne  me  vuelt,  entweder  soviel  wie  por  coi  oder  qnil  dialek- 
tische Schreibung  für  qui.  Nur  die  letztere  Auslegung  würde 
angehen  (vgl.  oben  zu  1601).  Außer  dieser  jedoch  auch  die 
Auffassung  von  quil  als  qu'il  ,daß  er',  wofern  man  nur  den  Satz 
Qu'il  ne  me  vuelt  venir  veoir  von  dem  vorlicrgelionden  völlig  trennt 
und  mit  E  Dius!  vereinigt  (das  Komma  nacli  ami  also  mit  einem 
Punkte  und  den  Punkt  nach  veoir  mit  einem  Komma  vertauscht). 
que  ist  in  dem  hier  einmal  nachgeschickten  Ausruf  E  Dius! 
begründet  (wie  in  Deus !  que  ne  sont  li  cors  si  presQue  . . !  Clig.  4514; 
He  Dex,  c'or  ne  le  set  li  dus,  Julian  3370;  vgl.  zu  solchen  Sätzen 
Tobler,  V.  B.  I^,  61,  Ebehng,  Zeitschr.  f.  franz.  Spr.  u.  L.  23,  116). 


96  ^.  Cohn. 

avrai  1720  darf  dann  ein  großes  A  bekommen;  eine  ebenso  wie 
(wrai  je  ja  pooir  .  .  ?  gebaute  Frage  begegnet  V.  2055. 

1783.  .  .  Que  si  tost  con  li  Chevaliers  Venra,  qu'asiecent  au 
mangier  Et  facent  lor  maison  joncier.  qu'asiecent  beruht  wohl 
auf  Mißdeutung  von  s'asiecent  (vgl.  749,  2545)  als  c'asiecent. 
Für  lor  maison  1.  la  maison. 

1799.  Trois  portes  en  la  vile  avoit  A  tourreis  et  as  ars  vaulis. 
tourreis  vermutet  Friedwagner.  Die  Handschrift  bietet  unklares 
touures.  Ein  Wort  für  Turm  ist  hier  sicherlich  am  Platze.  Aber 
näher  als  das  nur  aus  dem  Roman  de  Thebes  bekannte  torel 
liegt  tornele  (:  Meraug.  4273,  Prior.  Veg.  9468  u.  ö.,  Claris  12811 
und  im  besonderen:  der  Ritter  ruft  vor  dem  verschlossenen  Tore 
eines  chastel  ,Ouvrez  la  porte!'  Es  vos  en  la  tornele  forte  .i.  escuier, 
qui  li  escrie:  ,Vassaux^  vos  n'i  enterrez  mie,  Se  vostre  non  ne  me 
nonmez!\  Claris  12670).  Allerdings  würde  sich  nur  der  Singular 
tornele  in  den  Vers  fügen.  Aber  gerade  er  ist  das  Richtige,  und 
seine  Verkümmerung  in  das  pluralisch  aussehende  touures  mag 
ebenso  wie  die  Einführung  des  Plurals  as  ars  (das  s  in  as  vielleicht 
nur  irrige  Schreibung)  daher  rühren,  daß  ein  Schreiber  mit  der 
Mehrzahl  portes  die  Singulare  tornele  und  arc  nicht  für  vereinbar 
hielt.  Als  ursprünglichen  Wortlaut  des  Verses  1798  denke  ich 
mir  also  Trois  portes  en  la  vile  avoit  A  tornele  et  a  arc  voutiz  ,drei 
Tore  mit  Turm  und  mit  Bogenhalle  gab  es  in  der  Stadt'. 

1811.  Die  Straßen  der  Stadt  Sont  atornees  richement;  Mais 
tot  QO  ne  monte  noient  As  autres  riceces  qu'i  sont.  II  n'a  rice  lionme 
en  tot  le  mont  Con  ne  peust  Mens  trover.  rice  honme  ist  kein  passen- 
der Beziehungsbegriff  für  die  Aussage  Con  ne  p.  l.  trover.,  welche 
ricece  oder  auch  rice  ouvre  als  solchen  voraussetzt.  Umgekehrt 
ist  riceces  möglicherweise  in  den  vorhergehenden  Vers  As  autres 
riceces  qu'i  sont  durch  einen  Abschreiber  irrig  hineingeraten, 
oevres  von  dort  verdrängend,  und  nebst  diesem  ein  zwischen 
qui  und  sont  erwünschtes  i. 

1823.  Cil  peletier  batent  lor  pials,  Cil  les  heut  et  eil  les  estent. 
keut  ist  nicht  colligit  ,sammelt',  das  Friedwagner  hier  mit  Recht 
befremdet,  da  ein  Sammeln  der  Häute  (,ihr  Zusammenlegen 
im  Gegensatz  zu  estendre  ?')  keine  berufsmäßige  Beschäftigung 
bilde,  sondern  gewiß  ungenaue  Schreibung  für  pic.  keust,  consuit, 
,näht'  (z.  B.  Tes  keust  par  cointise  ses  brasQui. . .,  Roi  de  Cambr. 
in  Z.  f.  Rom.  Phil.  22,  55,  V.  127). 

1850.  Tels  se  fet  mire  qui  lor  ment,  Et  tels  lor  dist  qu'il  set 
fisique  QuifsJ  tient  a  jaus  plains  de  *tosique,  Mais  il  lor  fait  por 
sa  mers  vendre,  Si  fait  as  fauls  de  langue  entendre  Qu'il  lefsj  garra 
de  Vitropie.  Friedwagner  versteht:  ,mancher  gibt  sich  als  Arzt 
aus,  der  ihnen  (den  Kranken)  lügt  (ihnen  den  Dienst  der  Heilung 
versagt)  und  mancher  sagt  ihnen  (den  eingebildet  Kranken), 
daß  er  etwas  von  Heilkunde  verstehe,  der  ihnen  Krankheiten 
andichtet   (wörtlich:   der  sie   a  faus,  ad  falsum,  fälschlich,  be- 


Zur  ,  Vengeance  RaguideV.  97 

trügerisch  voll  von  giftigen  Säften  hält,  dafür  ausgibt),  oder: 
der  sie  zum  Narren  hält  (indem  er  sie  bezeichnet  als)  voll  von 
giftigen  Säften  (mit  zwei  prädikativen  Akkusativen  ?) ;  aber  er 
tut  [es]  ihnen  an,  um  seine  Ware  anzubringen'.  Der  Wortlaut 
dieser  Verse  scheint  mir  jedoch  teilweise  fragwürdig  überliefert, 
teilweise  anders  auslegbar  zu  sein.  In  den  beiden  ersten  Versen 
befremdet  das  Vorhandensein  von  lor.  Dieses  Pronomen  ist 
weder  auf  vorher  namhaft  gemachte  noch  auch  auf  selbst  ohne- 
dem leicht  vorzustellende  Personen  beziehbar.  Daher  hat  es  dem 
Urtexte  möglicherweise  noch  nicht  angehört,  welcher  eher  [Mes] 
l.els  se  fait  mire  qui  ment  Et  tels  dist  qii'ü  sei  [de]  fisique  geboten 
haben  mag  {mentir  objektlos  wie  in  V.  1881.  zu  savoir  de  wie  z.  B. 
auch  in  Cil  ki  sevent  de  letreure,  MFce  Fab.  Prol.  1  oder  Tu  ses 
de  gile  et  de  berate  Eust  2242  vergleiche  man  Tobler,  Mise.  Gaix- 
Can.  S.  75  Anm.  und  Ebeling  zu  Auberee  105).  Bei  einem  derartigen 
Wortlaut  würde  der  S.Vers,  QuifsJ  tient  a  jaus  plains  de*tosique, 
zu  Beginn  seine  handschriftliche  Fassung  Qui  tient  a  jaus  plains 
de  (rausique)  bewahren  dürfen;  er  enthält  in  plains  de  (rausique) 
das  Objekt  zu  tient  und  soll  wohl  besagen  ,mancher  .  .  .,  welcher 
Leuten,  die  voll  von  (rausique)  sind,  mit  (r.)  behaftet  sind, 
übel  mitspielt,  Schaden  zufügt'  (gewöhnlich  allerdings  tenir 
por  jol).  rausique  hält  Friedwagner  mit  Recht  für  eine  Ent- 
stellung. Aber  tausique,  tosique,  Mussafias  Vorschlag,  empfiehlt 
sich  seiner  Bedeutung  (,Gift')  wegen,  s.  auch  Godefr.  Compl. 
s.  V.  toxique,  schwerlich  als  Besserung.  Auch  caulique,  colique 
(s.  0.  Kühn,  Medizinisches  aus  d.  altfrz.  Dichtung,  S.  15^)  käme 
als  solche  kaum  in  Betracht,  da  es  aus  so  früher  Zeit  nicht  belegt 
ist.  Ich  neige  zu  der  Annahme,  der  Dichter  liabo  hier  die  gleiche 
Krankheit  als  Beispiel  ausgewählt,  bei  welcher  er  im  folgenden 
(V.  1855)  verharrt,  nämlicli  die  itropie  , Wassersucht',  die  auch 
itropique,  idropique  (s.  Chg.  3023  u.  Var.)  heißt.  Statt  lor  in 
V.  1853,  Mais  il  lor  jait  por  sa  mers  vendre,  erwartet  man  ferner 
le  ,es',  auf  den  Inhalt  der  Verse  1850  f.,  Tels  se  jet  bis  jisique, 
bezüglich.  Der  Ausdruck  de  langue  in  Si  jait  as  jauls  de  langue 
entendre,  V.  1854,  ist,  falls  von  as  jauls  ,den  Narren  (d.  ii.  den- 
jenigen, die  sich  an  Ärzte  wenden)'  abhängig  gedacht  (s.  Friedw. 
in  seiner  Anm.  zum  Verse),  wenig  verständlich.  Er  gehört  wohl 
zu  jait  entendre  ,gibt  zu  verstehen,  macht  weis'.  Allerdings  er- 
scheint ein  ,mit  der  Zunge'  neben  diesem  Verbalbegriff  zwecklos, 
aber  de  langue  stellt  vielleicht,  zumal  da  die  Handschrift  de 
lanque  überliefert,  ein  Versehen  für  de  blanque  (vgl.  vaque  V.  613), 
d.  i.  de  blanche  (oder  de  blange)  , durch  Schmeichelei,  Täuschung' 
dar;  s.  zu  blanche,  blange  Godefr.  oder  Scheler,  Jean  de  Conde  T. 
S.  383. 

1871.  Jusles  bariuls  et  escüeles.  justes,  welches  gleichfalls 
Bezeichnung  eines  Gefäßes  ist,  erfordert  ein  Komma  hinter  sich. 
1889.    Por   veoir  monsignor  Gavain   Cei^aucent  borgois  et   vilain. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX','.  7 


98  ('■  Colin- 

Dor  erste  Vors  findet  an  den  vorliergehenden  Satz,  V.  1888, 
passenderen  Anschluß.  Cevauccnt,  den  Satz,  wie  das  Verbum 
auch  1942,  1958  tut,  eröffnend,  erscheint  Friedwagner  begriff- 
lich mit  Reclit  ungeeignet;  vielleicht  hat  der  Schreiber  es  aus 
ceminent  verlesen.  1951.  Mais  gardis  que  nos  respondes.  nos  ist 
vermutlich  Irrtum  für  ne.  1973.  le  cief  lever  Por  mal  vers  le 
Noir  Chevalier.  Die  Handschrift  hat  par  mal  und  diese  Wen- 
dung, ,im  Bösen',  ist  belegbar,  s.  L.  Rois  95,  llorn  3483,  Eust.  392. 

1996.  Die  Herrin  vom  Gautdestroit  glaubt  es  ihrer  Zofe 
nicht,  daß  der  ihr  als  Schwächling  und  Prahlhans  bekannte  Keu 
der  Ritter  sei,  der  ihre  Jäger  vor  dem  gefürchteten  Schwarzen 
Ritter  gerettet  habe  (in  der  Tat  verbirgt  sich  hinter  Keus  Namen 
hier  Gavain).  Li  valUs  (der  die  novele  von  diesem  Ereignis 
überbracht  liatte)  öi  la  tengon  .  .  .  ,Dame',  fait  il  a  la  pucele, 
,Qu'aves  vos  dit  del  Chevalier  ?  11  ne  vient  pas  a  vos  tencier.  Dame, 
ahaissies  vostre  raisson,  .  .'.  ,Es  schickt  sich  für  Euch  nicht, 
steht  Eucii  nicht  gut  an  zu  schelten'  laut  Anmerkung.  Um  un- 
persönlich verstanden  werden  zu  dürfen,  müßte  vient  jedoch  das 
Adv.  mielz  bei  sich  haben,  vgl.  außer  den  von  Friedw'agner  selbst 
angezogenen  Stellen  auch  Glig.  4151,  MFceMil.  141,  Fab.  36,  27, 
PoMor.  277a,  335c,  578a,  Julian  454,  Trouv.  Belg.  II,  16,  46  u.  a.  m. 
Man  erwartet  hier  allerdings  die  Äußerung  des  von  Friedwagner 
in  den  Wortlaut  hineingelegten  Gedankens.  Seine  natürliclie 
Form  wäre  //  ne  vos  covient  pas  tencier.  Es  fehlt  jedoch  an  einem 
Mittel  zur  Entscheidung,  ob  der  überlieferte  W'ortlaut  eine  Ent- 
stellung aus  jener  bilde,  ahaissier  sa  raison  ,die  Rede  im  Tone 
herabstimmen',  wie  das  Wörterbuch  unter  raisson  sagt,  ist  eher 
(wörthch  ,niederschlagen',  daher)  , ablassen  von',  , aufhören  mit', 
vgl.  auch  Clef  d'Am.  1575. 

2021.  Vilaine  ere  (werde  ich  sein),  se  il  s'en  vait  Que  ne  li 
soit  guerredonne,  sc.  li  Services.  Die  Flexionslosigkeit  des  Part. 
guerredonne  darf  befremden.  Schwerlich  ist  sie  ursprünglich. 
Der  Dichter  schrieb  wohl  Que  il  ne  l'ait  gueredone  ,ohne  daß  er 
ihn,  den  Dienst,  belohnt  besitze',  ein  Schreiber  aber  hielt  ait 
gueredon^  irrtümlich  für  die  zusammengesetzte  Zeit  von  guere- 
doner  und  glaubte  jenen  ihm  daher  widersinnig  erscheinenden 
Wortlaut  in  den  nunmehr  überlieferten  verwandeln  zu  sollen. 
Vgl.  zur  Behandlung  des  Partizipiums  in  der  Handschrift  auch 
die  nachherige  Bemerkung  zu  V.  1039.  Trois  toisses  en  ont  abatu 
(sc.  von  der  Mauer),  V.  2941,  zeigt  das  Partizipium  deswegen 
dem  vorangehenden  Akkusativ  nicht  angeglichen,  weil  dieser  ein 
solcher  des  Maßes,  nicht  des  Objektes  ist®). 

")  Das  nicht  in  Übereinstimmung  mit  dem  Akkusativobjekt 
überheferte  Partizipium  öi  in  der  Verbindung  von  öir  mit  einem  In- 
finitiv hat  Friedwagner  an  der  Stelle  de  vos  biaus  cols  Que  fai  tos  jors 
öi  loer,  V.  4751,  unverändert  in  den  kritischen  Text  aufgenommen. 
Warnke  hatte  im  Hinblick  auf  die  von  Tobler,  Verm.  Beitr.  P,  204 
beigebrachten   Belege  für  die  Übereinstimmung  das  handschriftliche 


Zu?-  ,Vengeance  RaguideV.  99 

2124.  Von  der  Beschaffenheit  und  dem  Bau  des  kleinen 
Fensters  in  der  Altarumfriedung,  den  beiden  Vorrichtungen,  um 
es  herab-  und  emporschnellen  zu  lassen  und  der  Art  der  Ver- 
bindung des  Messers  mit  der  ersteren  derselben,  liefert  der  Wort- 
laut der  Beschreibung  (s.  auch  die  eingehende  Anmerkung  Fried- 
wagners) ein  um  so  weniger  klares  Bild,  als  er  hie  und  da  Ver- 
derbnisse zu  enthalten  scheint.  Schwer  deutbare  Einzelheiten 
sind  All  soil^  V.  2127,  [soil  nach  Friedw.  hier  , Rahmen'),  das 
äußerhch  an  Ä  l'uel,  den  nächsten  Zeilenanfang,  erinnert  (auch 
der  Sinn  des  sogleich  folgenden  guani- Satzes  ist  nicht  klar,  die 
Ausdrucksweise  mit  assembler  der  im  Meraugis  3053  vorliegenden 
kaum  vergleichbar),  ferner  die  an  sich  fragwürdigen  Wörter 
haveure  und  rateure,  V.  2133  f.  (das  unverständliche  tient,  schein- 
bar von  tenir,  in  Par  engien  tient  V.  2134,  ist  wohl  ein  in  einem 
Nachklingen  des  Ausgangs  von  engien  begründeter  Schreibfehler 
für  iel^  vgl.  auch  wiederholt  oben,  das  folgende  Semikolon  dann 
zu  streichen,  und  treffender  als  gardoit  in  qui  l'engien  gardoit, 
V.  2135,  welchem  die  Bedeutung  ,berührte',  s.  d.  Anm.,  schwer- 
lich zukommt,  wäre  esgardoit  , ansah*  ,betrachtete',  vgl.  beispiels- 
weise qui  l'esgardoit,  V.  3651,  so  daß  auch  dieser  Vers  unzuver- 
lässig überhefert  scheint) ;  in  d'iin  engien  petitet  Qui  estoit  fais 
come  .i.  loquet,  V.  2138,  fällt  der  Obliquus  loquet  auf,  daher  die 
Handschrift  wohl  auch  diesen  weiteren  Vers  nicht  in  seiner  ur- 
sprünghchen  Fassung  aufbewahrt. 

2164.  et  li  cors  saint  .  .  erent  atainl  Desus  Vautel  en  casses 
d'or.     Der  verlockenden  Änderung  von   atainl  in   a^aint  .einge- 

öi  der  Stelle  Plusurs  (sc.  lais)  en  ai  öi  conter,  MFceLüis,  Prol.  39  in 
öiz  verwandelt  (vgl.  auch  Fraisne  238,  Yon.  59,  444,  Elid.  503).  Die 
Handschrift  der  Vengeance  Raguidel  zeigt  auch  ein  geradezu  un- 
entbehrliches s  zuweilen  unterdrückt,  vgl.  quasse  2949,  eslaissie  abaissie 
3269  f.  u.  s.  auch  Friedwagner,  Einltg.  S.  XLI  (umgekehrt  auch  ein 
unberechtigtes  -s  hinzugefügt:  issus  1538  oder  convoies  1639).  Jedoch 
ist  Friedwagners  Verfahren  an  obigem  Orte  nicht  ohne  Beispiel  in 
andren  kritischen  Ausgaben;  so  liest  man  en  lel  maniere  M'as  tu  la 
precieuse  pire  Mostrce  et  jait  aperchevoir  Que .  . ,  Bari.  Jos.  1695;  Si 
qu' anbedeus  a  un  seul  poindre  Les  a  fet  a  la  ierre  joindre  (trotz  des  Plurals 
in  einigen  Hsn.),  Cllig.  3768;  J .  jour  vint.  .  A.  ii.  molins  defors  Bouloigne, 
Que  li  quens  i  avoit  jait  faire;  Sa  genta  jait  arriere  traire,  Eust.  401  f.; 
Quant  ces  moz  li  a  öi  dire,  De  li  se  part  a  euer  piain  d'ire,  Mir.  ND.  21, 
739.  Auch  könnte  dasselbe  durch  die  Überlieferung  von  unflektiertem 
eui'oie  (c.  Inf.)  im  Reime  (im  Zusammenhange  mit  jaire,  veoir  usw. 
<;.  Inf.  wohl  erwäiinbar)  an  dem  Orte  Car  fo  nos  avoit  em'oie  Madame 
tc  blanc  cerj  cachier,  Veng.  Rag.  1624  gerechtfertigt  werden;  eine 
Änderung  von  envoie  in  em'oiez  würde  jedenfalls  zu  einer  Umdrehung 
der  aklivischcn  Redeweise  in  dem  zugehörigen  Ueimverse,  Si  ( qu' ) 
ai'ions  le  cerj  laissir,  in  die  passivische,  Si  ja  li  rcrs  de  nos  laissiez, 
zwingen.  Übrigens  stellt  Tobler  a.  a.  O.  die  (U)eroinstimmung  von 
jait,  veu  usw.  c.  Inf.  mit  dem  Akkusativobjekt  niciil  ausdriaklich 
als  Gesetz  iiin;  sie  war  zumal  dann  wolil  nicht  erfordoi'Iich,  wenn  das 
Objekt  dem  Prädikate  folgte  [11  a  jet  aparter  ses  dras,  Elid.  931  und 
vgl.  auch  Ses  sire  V  ot  enveie  querreTreis  messages  jors  de  la  terre,  Elid.ööl). 

7* 


100  G.  Colin. 

schlössen',  die  Friedwagnor  vorsclilägt,  wird  <'S  riiclit  bodürfon, 
da  alaindre  in  der  Bedeutung  , hervorholen',  auch  schlechtweg 
, holen',  belegbar  ist:  La  dame  a  alalnl  da  leson  L'un  des  (toten) 
hoQus  a  moull  grant  paine,  Ä  poi  ne  li  faäle  l'alaLne,  Moull  fu 
au  lever  traveillie^  MRayn.  I,  18,  162;  Lora  a  la  male  vielle  un 
pou  avant  passe,  Un  loien  a  ataint,  Tybert  l'a  presente,  Berte  445; 
(Pierre  will  beten)  Pour  ce  ne  me  vueil  plus  complaindre,  Mais 
mon  livre  vueil  ci  ataindre  Et  le  dire,  soit  gaing  ou  perte,  Avant 
que  de  ci  me  departe,  Mir.  ND.  36,  1511;  J'ay  fall  un  peu  trop 
de  demour,  Que  n'ay  pas  mes  matines  dites;  Mais  afin  que  j'en 
soie  quittes,  Pour  les  dire  vueil  ci  mon  livre  Atlaindre,  afin  que 
m'en  delivre,  et  moy  seoir,  Mir.  ND.  40,  1680. 

2234.  Et  fis  cr'ier  et  comandai  Et  envoiai  Chevaliers  quarre. 
Die  Handschrift  überhefert  El  le  fis  crier.  Eher  als  das  will- 
kommene Objekt  le  empfiehlt  es  sich,  die  erste  Silbe  von  co- 
mandai zu  streichen,  also  Et  le  fis  crier  et  mandai  Et  envoiai 
Chevaliers  querre  ,und  entbot  ihn  zu  mir  und  schickte  Ritter  aus. 
ihn  zu  suchen',  zu  lesen. 

2302.  En  cest  sarcu  seriens  mis  [Et]  bouce  a  bouce  et  vis  a  vis. 
Auch  tot  würde  die  fehlende  Silbe  darstellen  können,  vgl.  tot 
bouche  a  bouche  Clig.  6438,  Julian  3327.  2339.  Ceste  ensanple 
ont  öi  pluissor  Que  force  n'est  mie  a  amor.  A  force  ne  puet  niis 
amer.  Der  Gedanke  der  mittleren  Zeile,  des  essemple  (,Lehre'), 
müsse,  merkt  Friedwagner  an,  ,  Gewalt  (Zwang)  taugt  nicht  für 
die  Liebe'  oder  etwas  Ähnliches  sein;  ihre  einstmalige  Lautung 
sei  vielleicht  Qu'a  force  ne  nest  mie  amor  , gewaltsam,  unter  Zwang 
keimt  die  Liebe  nicht'  gewesen.  Wenn  man  aber  force  und  amor 
persönlich  versteht,  so  bleibt  auch  der  überlieferte  Wortlaut 
annehmbar,  welcher  alsdann  besagt:  , Zwang  steht  nicht  in  den 
Diensten  der  Liebe'  [estre  ä  auc.  ,3mdm.  zugehören,  in  jmds. 
Diensten  stehen',  Bien  ai  este  trois  anz  a  lui,  sc.  a  Artu,  Erec  654; 
Car  je  ne  sui  de  rien  a  lui,  sc.  a  Amor,  Clig.  521;  Ja  sui  a  vos, 
si  sui  vo  dame,  Julian  2283;  Je  sui  a  Wistace  le  moigne  (sagt 
der  garchon),  Eust.  670  usw.).  Nicht  fern  läge  allerdings  die 
Änderung  in  Que  force  n'est  amie  amor  ,die  Gewalt  ist  keine 
Freundin  der  Liebe',  ,Liebe  mag  vom  Zwang  nichts  wissen'.  Zu 
dem  in  der  Anm.  behandelten  Gescldeclit  von  essemple  s.  auch 
Sachs,  Geschlechtswechsel  im  Französ.,  Gott.  1886,  S.  24  (ein 
paar  altfranzösische  Belege  für  das  Masc:  MFcePurg.  31,  mehr- 
fach in  den  Fabeln  der  Dichterin,  PoMor.  577a,  Dav.  Proph.  978). 
2348.  Si  troveroit  macht  den  Eindruck  eines  Fehlers  für  Et  s'ifl] 
trovoit,  Vordersatz  zu  larroit  2351. 

2390.  Gavain  spricht:  Dame,  a  tort  sofre  tel  mesaise  (Gavains 
Bruder,  den  die  Dame  täglich  martern  läßt,  um  Gavain,  den  sie 
unglücklich  liebt,  auf  ihre  Burg  zu  locken).  Je  ne  sai  de  voir 
—  qu'il  fust  aisse  Se  amissies  d'amor  loiall  —  Quel  honte,  quel 


Zur  ^Vengeance  RaguideC.  101 

painne,  qiiel  mal  A  deservi  ne  quel  aniii.  Der  handschriftliche 
Wortlaut  dieser  Stelle  scheint  allerdings  die  Annahme  einer 
Zwischenbemerkung  zu  erfordern.  Der  Sinn  der  letzteren,  nach 
Friedwagner,  ,wie  gut  ginge  es  ihm'  oder  ,denn  es  wäre  ihm  gut 
gegangen,  wenn  Ihr  aus  echter  Liebe  (besser  wohl  ,redlich', 
arnor  loial  wie  Elid.  944,  Salu  d'Am.  46  in  Gröbers  Zs.  24,  360, 
wozu  das  Gegenteil  in  MFceFab.  59,  15  iricheor  lautet)  liebtet', 
wäre  jedoch  etwas  unklar.  Ein  ansprechenderer  Zusammenhang 
ergibt  sich,  wenn  man  das  ne  vor  sai  für  unecht  hält,  den  von 
que  bis  loial  reichenden  Satz,  2390  f.,  von  sai  abhängig  macht 
und  den  mit  Quel  honte  beginnenden  als  direkten  Fragesatz  auf- 
faßt, also  schreibt:  Je  sai  dv  voir  qu'il  fust  [a]  aise^  Se  amissies 
d'amor  loial  (mithin  tragt  I  h  r  die  Schuld  an  seinem  Zustande). 
Quel  honte,  quel  painne,  quel  mal  A  deservi  ne  quel  anui?  2415. 
Cose  quiflj  face  apercevoir.  Der  überlieferte  objektlose  Wortlaut 
liat  den  tadelfreien  Sinn  ,etwas,  was  aufmerken  lasse,  stutzig 
mache'  (naturgemäß  die  Dame) ;  vgl.  zum  absoluten  apercevoir 
se  , aufmerken',  das  in  jener  infinitivischen  Verbindung  das 
Reflexivpron.  eingebüßt  hat,  Stellen  wie  Mar.  Fee.  Fraisne  269, 
291,  Fab.  12,  26.  2483.  Mes  itels  est  ore  li  tens  Que  n'os  mostrer 
<;o  que  je  pens.  Da  die  Veng.  Rag.  sonst  nur  das  einsilbige  or 
kennt,  wird  die  Echtheit  von  ore  im  ersten  jener  Verse  zweifel- 
haft, welcher  somit  Entstellung  aus  Mais  tels  est  orendroit  li  tens 
erfahren  haben  mag.  2513.  Jusqu'a  ces  portes  la  avant  Le  men- 
ront  le  matin  batant  Troi  pautonnier  angois  que  prime.  Der  tem- 
porale Akkusativ  prime  ,zur  Zeit  der  prime'  (gegen  a  tierce  Erec 
6698,  a  midi  Clig.  6414,  a  vespre  LyYsop.  3400)  verdient  Be- 
achtung, falls  anQois  que  prime  ursprünglich  ist  und  nicht  der 
Naclilässigkeit  eines  Schreibers,  beispielsweise  für  ains  qu'il  sont 
prime,  entstammt;  ob  man  sich  zur  Stützung  jenes  Akkus,  prime 
auf  Dex,  con  fort  eure  s' acolchierent,  Jul.  3395  (gegen  Con  a  fort 
eure  fui  de  ma  mere  n6s,  .  .!  Venus  56c;  Comme  a  dure  heure  je 
nasqui  Quant  .  ..'  Cleom.  9166)  berufen  darf?  2578.  //  a  l'estrier 
ens  el  pie  mis  ist  offenbar  ein  Fohler  für  //  a  le  pie  en  l'estrier 
mis  (vgl.  C'onques  puis  n'ot  loisir  de  pie  metre  en  l'estrier,  B.  Comm. 
398;  Adonques  met  pie  en  l'estriS,  Fergus  118,  2).  Ein  Schreiber 
hat  pie  und  estrier  irrtümlicherweise  miteinander  ver- 
tauscht. 

2581.  Gavain  verabschiedet  sich  vom  Fräulein  von  Gaut- 
destroit,  bei  welchem  er  unter  der  Maske  des  Keu  geweilt  hat. 
Cele  li  a  molt  encarci6  Paroles,  Salus  qu'ele  munde  A  celui  que 
ele  comande.  Die  Worte  que  ele  comande,  deren  Auslegung 
Friedwagner  sehr  beschäftigt  hat,  sind  unverständlich.  Sie 
umschlossen  ehemals  wohl  die  Bestimmung  ä  Dieu:  .  .  A  celui 
qu'ele  [a  Dieu]  comande  (sie  entbietet  die  Grüße  dem  Gavain, 
der  ja  in  Wahrheit  jener  ist,  welchen  sie  Gott  empfiehlt,  d.  li. 
welchem  sie  Lebewohl  wünscht).     Vorher  1.  vielleicht  Paroles  et 


102  '''•   Colin. 

Salus  (ju'cl  inanäe.  2586.  Gavain  verläßt  das  castel  durch  eine 
poslerne.  11  ne  vaiit  pur  la  ville  issir.  Don  Platz  von  ville  sollte 
porle  einnehmen;  ville  wurde  vielleicht  durch  qaanl  ü  fu  de 
la  vile  issus,  V.  2588,  auf  das  der  Blick  beim  Abschreiben 
bereits  gefallen  war,  hervorgerufen.  2647.  porront,  I.  wohl 
porent. 

2706.  Qu'il  sei  et,  croil,  si  com'il  pensse,  Si  com'il  l'en  disl 
la  novele^  Qu'il  n'aimme  riens  iors  la  pucele  (um  die  überlieferte 
Folge  der  beiden  letzten  Verse  zu  bewahren),  si  com'il  pensse 
gibt  keinen  Sinn;  si  come  hierin  nimmt  daher  wohl  das  nächste 
si  come  irrtümlich  vorweg.  Aber  die  Urfassung  des  Verses  (etwa 
Qu'il  sei  de  fi  et  croit  et  pensse  ?  zu  de  fi  bei  savoir  vgl.  die  Verse 
1317,  4776,  ferner  je  croi  et  sai  de  fi  que  .  .,  Julian  3761)  bleibt 
ungewiß.  Die  Auslegung  der  Worte  Quant  il  refu  en  sa  maisson, 
V.  2709,  in  ,als  er  das  andre  Mal,  jüngst  in  seinem  Hause  war', 
als  ob  das  Präfix  re-  auch  den  erstmaligen  gleichen  Zu- 
stand bezeichnen  könne,  dürfte  nicht  angehen;  vielleicht  gehört 
dieser  Vers  zum  Folgenden. 

2724.  Onques  a  nule  creature  N'avint  niais  si  bele  aventure 
Come  a  moi!  Quant  estes  Gavains,  Je  sui,  de  qo  soies  certains. 
Lies  et  joians,  si  doi  je  estre;  Car  des  Chevaliers  sire  et  mestre  .  .  .  .' 
Puis  dist  Gavains  tot  maintenant:  .N'aies  mie  fol  maulalent  Vers 
moi,  .  .'  Die  Schwierigkeiten,  die  diese  Verse  dem  Verständnis 
bieten,  beleuchtet  Friedwagner  in  einer  Anmerkung.  Der  Ansatz 
einer  Lücke  hinter  sire  et  mestre,  die  etwa  mit  dem  Verspaare 
Est  ore  entre  mes  mains  keus,  Ainc  si  biaus  dons  ne  fu  v'eus  aus- 
zufüllen sei,  erscheint  ihm  unvermeidlich.  Doch  bedarf  es  nach 
meiner  Meinung  desselben  nicht.  Den  Vers  2724,  Car  des  Cheva- 
liers sire  et  mestre,  denke  ich  mir  nicht  mehr  zur  Rede  des  Schwar- 
zen Ritters,  sondern  bereits  zur  Erwiderung  Gavains  gehörig.  Er 
enthält,  mit  car  als  Fehler  für  ha!  (V.  1200  anzutreffen),  die 
Anrede  Gavains  an  jenen;  obwohl  der  Schwarze  Ritter,  bei  dem 
Gavain  mit  seinem  Bruder  Gaheriet  Schutz  sucht,  ihm  vor 
wenigen  Tagen  im  Zweikampf  unterlegen  war  und  für  Zeiten 
der  Not  seine  Dienste  angelobt  hatte  (s.  V.  1458  ff.),  fürchtet 
Gavain  dennoch,  da  jener  sich  soeben,  bevor  Gavain  sich  ihm 
vorgestellt,  als  seinen  Todfeind  bekannt  hat,  Abweisung  oder 
Verrat,  und  so  redet  er  ihn  denn  schmeichlerisch  mit  des  Chevaliers 
sire  et  mestre  an.  Die  Worte  Quant  estes  Gavains,  V.  2711,  emp- 
fiehlt es  sich,  wie  Friedwagner  selbst  in  Erwägung  zieht,  mit 
dem  vorhergehenden  Satze  zu  verknüpfen  und  je  sui,  V.  2722^ 
handschriftlich  ce  sui,  entweder  in  j'en  sui  oder  in  s'en  sui,  vgl. 
V.  139,  abzuändern.  Die  bewußten  Verse  lauteten  einstmals 
also  wohl:  ,.  .  si  bele  aventure  Come  a  moi,  quant  estes  Gavains, 
S'en  sui,  de  qo  soies  certains.  Lies  et  joians,  si  doi  je  estre'  ,Ha, 
des  Chevaliers  sire  et  mestre!'  .Puis  (1.  wohl  Ce)  dist  Gavains  tot 
maintenant,  ,N'aies  .  .  .' 


7.iir  .Vengeance  Ragiiidet.  103 

2735.  Puis  que  je  jui  de  vos  tornes  El  bois  u  je  me  departi, 
Nule  cose  en  terre  ne  vi  Qui  me  peiist  esleecier.  u  je  me  departi 
finde  ich  unverständlich.  Nun  verwendet  der  Dichter  departir 
,scheiden'  sonst  intransitiv,  so  in  den  Versen  1501,  in  welchem 
vos  Subjektspronomen  ist,  und  3049,  denen  sich  daher  auch  4570 
zugesellen  darf,  reflexiv  aber  das  bedeutungsgleiche  partir  (:  partir 
se  oder  s'en),  s.  die  Verse  931,  1386,  2493,  2583,  2841,  3017,  3250, 
6119.  me  departi  hat  demnach  wohl  entweder  departi  oder  me 
parti  in  einer  Abschrift  verdrängt,  nachdem  in  der  ersten  Vers- 
hälfte eine  andre  Silbe  übersehen  worden  war.  Eine  der  hier- 
nach vorstellbaren  Urformen  der  Zeile  wäre  Del  bois  n  [fiii]  je 
me  parti  {del  bois  überliefert  die  Handschrift),  dies  alsdann  Nach- 
satz zu  Puis  que  .  .  tornes. 

2741.  Der  Schwarze  Ritter  fährt  fort:  Jv  cuidai  que  par 
Chevalier  Pior  de  vos  juisse  conquis.  Par  vos  ne  per  je  pas  mon 
pris;  Vos  estes  li  miudres  [qu'on  nomme].  Se  tos  li  mons  ert  [come] 
.i.  honme  Contre  vos  asanbles  la  fors,  N'ares  vos  garde!  Sans 
mon  cors,  Tant  que  je  vos  puisse  sauver,  Vos  poes  cuens  comander  .  ." 
Die  beiden  unvollkommen  überlieferten  Verse  hat  Friedwagner 
nach  Hippeaus  Beispiel  ausgefüllt.  Im  zweiten  derselben  darf 
jedoch  .1.  honme  im  Sinne  des  Nominativs,  also  statt  .i.  hom, 
wie  die  Regel  verlangt  und  auch  die  Veng.  Rag.  durchgängig 
sonst  zeigt  (s.  die  Verse  298,  805,  2078,  2121,  2336,  2695,  2986^, 
3340,  5518),  befremden.  Mit  der  Verwandlung  von  home  in  fiom 
würde  aber  zugleich  die  Ergänzung  qu'on  nomme  fallen;  doch 
fehlt  schon  zu  ersterer,  wie  auch  zur  Einschaltung  von  comc, 
wahrscheinlich  das  Recht,  da  .i.  honme  nur  als,  freilich  unzu- 
reichender, handschriftlicher  Lückenbüßer  zu  betrachten  sein 
wird.  Die  natürUche  Vervollständigung  des  ersten  der  beiden 
Verse,  2741,  ergibt  sich  aus  dem  Inhalte  der  vorhergehenden 
Zeilen,  besonders  des  letzten  derselben  Par  vos  ne  per  je  pas 
mon  pris.  Der  Schwarze  Ritter  vergleicht  Gavain  hier  mit  sich, 
ganz  allein  mit  sich.  Daher  kann  hinter  li  miudres  nur  de  nos 
fehlen:  Vos  estes  li  miudres  de  nos  ,thr  seid  der  tüchtigere  von 
uns  beiden'  (vgl.  Je  vos  defi\  .  .  et  je  vos!  Ja  venrons,  d.  i.  verrons, 
le  plus  fort  de  nos!'  Veng.  Rag.  4728).  .Vuf  Se  toz  li  mons  ist  dann 
einstmals  vielleicht  die  Wendung  a  estros,  die  dieses  Denkmal 
häufig  aufweist,  s.  Friedwagners  Wörterbuch,  gefolgt.  Die 
Worte  Sans  mon  cors,  Tant  que  je  vos  puisse  sauver,  V.  2744  f., 
{tant  que  für  tant  com  und  mit  dem  Konjunktiv  wie  3048  und 
3057,  s.  Fried wagners  Anm.  zur  ersteren  Stelle)  zöge  ich  nach 
Besserung  von  sans  mon  cors  in  sauf  mon  cors  ,bei  Unversehrtheit 
meines  Körpers,  solange  ich  wohlbehalten,  am  Leben  bin',  mit 
N'ares  vos  garde  zu  verbinden  vor. 

2760.  Ainc  ne  veistes  hui  main  cors!  Der  Schwarze  Ritter 
kann  die  Anspielung  auf  die  frülimorgentliche  GtüBelung  Gaheriets, 
die  in  hui  main  läge,   nicht  ohne   w(Mleres   verslanden   haben. 


104  '''•   (^'ohn. 

Daher  ist  hui  main,  wie  auch  Friodwagnor  offenbar  empfindel, 
keine  befriedigende  Lesart.    Etwa  plus  vain  cors  ,einen  scliwäche- 
ren,  siecheren  Leib'  entspräche  der  Erwartung  eher.     2782.  Qiii 
les  i  veisl  atoriier  Les  armes  por  lor  cors  desfendre,  II  dessist  qa'il 
deiissmt  fettdre  Un  ost  ariQois  qa'il  fiiissent  pris.     Man  erwartet 
an  Stelle  von  fendrc,  an  dessen  sei  es  bewußter,  sei  es  unbewulitoi' 
Einführung    das    Reimwort   desfendre   schuld    haben   wird,    das 
Zeitwort   des   Vergleichssatzes,   also   prendre;   un  ost   hat   dann 
wohl  mit  en  l'osi  ,im  Kampfe',  vgl.  V.  3031,  zu  tauschen.    2806. 
//  et  si  honme  plus  de.  XX.     Sont  as  murs  venu  por  savoir  Que 
la  dame  voloit  avoir  Del  suen  et  por  coi  l'a  asis.     Das  Relativ- 
pronomen que  erzeugt  für  die  vorletzte  Zeile  einen  unwalirschein 
liehen  Gedanken;  es  wird  durch  se  ,ob'  zu  ersetzen  sein  {del  suen 
,von  seinem  Besitze',  wie  Friedwagners  Anm.  zu  Beginn  angibt). 
Die  Frage  por  coi  l'a  asis  kam  im  Urtext  zu  der  voranstehenden 
schwerlich  liinzu,  stand  dort  vielmehr  neben  dieser  gewß  zur 
Wahl;  et  vor  por  coi  ist  also  wohl  ein  jüngeres  Versehen  für  o 
(,oder  warum  sonst  sie  ihn  zu  belagern  begonnen  habe').    Aucl» 
si  a  requis  im  nächsten  Verse  spricht  wenig  an;  mehr  täte  dies 
qui  l'a  requis.    2840.  Je  ne  sui  pas  a  iel  meschief  kann  die  Ant- 
wort der  Dame  sein,  die  a  tant  , damit',  ,mit  diesen  Worten'  fort- 
geht.   2846.  Bei  Änderung  von  d'un  contrejort  in  d'uns  contrefors, 
ist  doch  ein   Strebepfeiler  ein   G  c  f  ü  g  e  aus  quarrians,  würde 
man    die    handschriftüche    Überlieferung    des    vorhergehenden 
Verses,  Quel  pari  li  murs  estoit  mains  fors,   die  Friedwagner  in 
Quel  pari  li  mur  erent  mains  fort  gebessert  hat,  nicht  anzutasten 
brauchen.     2849.  Et  li  fasse  erent  si  piain  C'on  p'eust  venir  tot 
de  piain  Lance  levee  jusqu'al  mur.     N'ot  tant  de  foihle  en  tot  le 
mur.    Dem  Wortlaut  der  beiden  letzten  Verse  haften  ohne  Zweifel 
Verderbnisse  an.    Die  von  Friedwagner  vorgeschlagene  Besserung 
von  en  tot  le  mur  in  en  tot  le  mont  ist  sehr  ansprechend;  für  tant 
de  foible  würde  dann  jnur  tant  foihle  einzutreten  haben.     Neben 
jusqu'al  pont,  was  Friedwagner  als  Ersatz  für  jusqu'al   mur  im 
vorhergehenden  Verse   erwägt,   würde   auch   jusqu'a  mont   (vgl. 
V.   2960  und  zum  Gegenteil  V.  2924)  in  Frage  treten  dürfen. 
tot  de  piain,  V.  2848,  nach  Friedwagner  ,ganz  eben',   darf  man 
wie  im  Julian  1730  oder  im  Münch.  Brut.  1476  als  ,vollkommen, 
ganz  und  gar'   verstehen.     2879.   •/•  hordeis  Que  eil  cledens  ont 
contre  fait,  1.  wohl  contr'els  fait. 

2901.  Lors  comence  li  jeteis  de  cels  dedens  et  cels  defors.  Vor 
cels  defors  hätte  sich,  da  die  beiden  Haufen  ja  nicht  nach  einem 
gemeinsamem  Ziele  schleudern,  Wiederholung  von  de  gebührt, 
die  das  Versmaß  jedoch  verbietet.  Daher  ist  et  wohl  ein  Ver- 
sehen für  en  ,nach,  gegen'.  2938.  Qu'il  l'ont  en  pluissors  lius 
hleciS  (die  Mauer)  zeigt  blecie  mit  bemerkenswertem  Objekte; 
vielleicht  handelt  es  sich  daher  um  einen  jüngeren  Fehlgriff  für 
percii,  vgl.  2935.     2944.  Die  Belagerten  haben  wacker  gekämpft, 


Zur  ,  Vengeance  Raguidel''.  105 

mais  ricns  ne  lor  vaut\  Car  desfense  vers  tel  assaut  N'est  preus 
de  traire  ei  de  jeter.  Der  Wortlaut  der  beiden  letzten  Verse  ist 
unverständlich;  die  Annahme  Friedwagners,  daß  er  Verderbnisse 
enthalte,  ist  daher  begründet.  Die  Wurzel  der  letzteren  scheint 
mir  car  zu  sein,  in  welchem  ich  eine  Zutat  von  Schreiberhand 
vermute.  Bevor  car  dem  Verse  2944  angehörte,  lautete  dieser 
in  Verbindung  mit  dem  ihm  folgenden  vielleicht  N'est  defense 
i'ers  tel  asaut  iVe  preus  de  traire  et  de  jeter  {preus  , Vorteil"  wie 
auch  2467,  3354).  Das  de  traire  und  de  jeter  verknüpfende  et, 
statt  dessen  Friedwagner  ne  lieber  sähe,  war  erlaubt,  vgl.  Ne 
tani  sotis  n'estes  et  sages  Que  .  .,  Clig.  5583;  On  ne  defent  milui 
vin  hoivre  et  char  tnangier,  PoMor.  562b;  se  retenus  Ne  sui  par 
toi  et  secourus,  Tr.  Amis  257  u.  a.  m.  2971.  .  .  En  i  avera  de 
<:eus  darf  man  nach  dem  Muster  von  V.  2950  in  Molt  en  i  avra 
de  c'eus  bessern.  2892.  Statt  ne  qiiident  pas  würde  man  ne  qui- 
dast  pas^  Nachsatz  zu  dem  vorhergehenden  ^ui- Satze,  erwarten, 
vgl.  V.  2780;  sollte  nus  lor  ost  nicht  für  nus  hon  äst  versehen  sein  ? 

3008.  ,Vos  ne  diles  pas  mesproisson\  Fei  li  Chevaliers  qui 
respont,  .Mais  je  redouc  et  m'espaont;  Que  la  dame  ne  m'aimrne 
mie  .  .'.  Eine  Billigung  der  zuversichtlichen  Worte  Gavains,  wie 
sie  in  Vos  ne  dites  pas  mesproison  läge,  verträgt  sich  schwerlich 
mit  der  nachfolgenden  Äußerung  von  Furcht  und  späterhin, 
V.  3014  ff.,  derjenigen  der  Gewißheit,  es  werde  der  Belagerin 
gelingen,  durch  die  Bresche  in  die  Burg  einzudringen  und  sie, 
den  Schwarzen  Ritter  und  Gavain,  gefangen  zu  nehmen.  Kein 
Sinn  ruht  ferner  in  den  Worten  qui  respont  und  vom  sprach- 
lichen Standpunkte  ist  der  Mangel  des  Reflexivpronomens  vor 
redouQ  auffällig.  So  kann  man  denn  zu  dem  Verdachte  gelangen, 
Vos  ne  dites  pas  mesproisson  kehre  den  ursprünglichen  Gedanken 
<fieses  Verses  um,  habe  sich  also  in  einer  Abschrift  an  die  Stelle 
von  Sire,  vos  dites  mesproisson  gedrängt,  und  die  Negierung 
dieses  Gedankens  habe  einerseits  zum  Zusatz  des  Bindewortes 
mais  in  Y.  3010  und  infolge  desselben  zur  Tilgung  eines  zwischen 
je  und  redouc-  überlieferten  me,  andrerseits  zur  Einführung  von 
qui  respont  für  quil  reprent  , welcher  ihn  tadelt'  und  dieser  zufolge 
zur  Verwandlung  von  ursprünglichem  m'espoent  in  m'espaont 
veranlaßt,  kurz,  der  handscliriftliche  Wortlaut  besagter  Verse 
stelle  eine  Verderbnis  aus  ,Sire,  vos  dites  mesproisson' ,  Fet  li 
Chevaliers,  quil  reprent;  ,Je  me  redouQ  et  m'espoent,  .  .'  dar.  (Auch 
die  überlieferte  Fassung  der  Verse  3012  f.,  Et  si  n'eust  ouan 
(unsicher,  s.  Fußnote)  envie  Que  nos  eussons  c'une  porte,  gibt 
zum  Bedenken  Ursache;  man  sollte  hier  den  Gedanken  ,und  ich 
wäre  nicht  mißvergnügt,  wenn  wir  nur  e  i  n  Tor  hätten'  aus- 
gedrückt finden.) 

Audi  zu  der  Fülle  der  belehrenden  Anmerkungen,  die  Fried- 
wagner dem  kritisclien  Texte  nachgeschickt  hat,  seien  schließlich 
noch  einige  Ergänzungen  gestattet. 


106  ('•  ^ohn. 

I.  In  au  tens  noviel  d'esU,  nach  Friedwagners  Auffassung 
,/iir  beginnenden  Sommerszeit',  mag  d'este  auch  den  Wert  einer 
iM'Iäulorung  zu  noviel  haben,  grammatisch  diesem  Attribute, 
von  dem  es  dann  durch  ein  Komma  zu  trennen  ist,  also  nel^en- 
geordnet  sein.  Ohne  den  Zusatz  d'este  liest  man  tens  novel  in 
Un  jor  de  Pasque,  au  tens  novel,  Erec  27,  auch  von  Friedwagner 
angezogen,  oder  in  Eti  avril,  al  tens  novel,  Brakelmann,  Chane, 
fr.  S.  82,  111,  1;  doch  folgt  au  tens  novel  an  diesen  Stellen,  zum 
Unterscliicdc  von  der  vorliegenden,  einer  auf  den  Sinn  des  Aus- 
drucks klar  vorbereitenden  Angabe.  30.  Zu  tote  jor  vgl.  auch 
Stengel,  Gal.  li  Rest.  S.  395,  welcher  die  Ilerleitung  aus  totum. 
ad  diurnum  durch  Tobler  der  Stellung  der  Präposition  ad  wegen 
ablehnt  und  Einfluß  von  tote  nuit,  zugleich  vielleicht  Nachwirkung 
des  w^eiblichen  die,  vermutet.  149.  Einige  Belege  für  chamber- 
lent  liefert  Godefroy,  Compl.  s.  v.,  ein  weiterer  ist  cambellenly 
Brun.  Lat.  613  D,  S.  262.  Die  gegen  Schluß  angeführte  Stelle 
Vos  nos  aves  en  joie  mis,  Que  tuit  sonmes  joiant  de  nos  Por  la  con- 
paignie  de  vos,  Veng.  Rag.  6071,  an  welcher  Friedwagner  ,das 
(vor  sonmes)  weggelassene  Reflexivum  nachträglich  in  betonter 
Form  mit  de  des  Bezuges  beigebracht  findet',  scheint  mir  des 
Sinnes  zu  ermangeln  und  daher  eine  Verderbnis  zu  enthalten: 
joiant,  offenbar  durch  joie  eingegeben,  ist  wohl  an  den  Platz  von 
ursprünglichem  saisi  ,ganz  besitzen  wir  nun  einander'  (vgl.  6007, 
6012)  gerückt.  Der  Vers  Por  la  conpaignie  de  vos  wird  inhaltlich 
mit  dem  ihm  folgenden,  6073,  zu  vereinigen  sein.  285.  Die  an 
erster  Stelle  vorgetragene  Auslegung  von  Puis  vont  as  anials 
asüier  ,sie  gehen  an  die  Ringe,  einen  Versuch  zu  machen  (oder 
eher  ,sie  gehen  einen  Versuch  an  den  Ringen  machen,  machen 
an  den  Ringen  einen  Versuch')  ist  die  richtigere ;  asaier  ist  hier, 
wie  auch  in  vienent  asaier  V.  262  der  Fall  war,  neutral  gemeint 
(bei  aler  wäre  sonst  das  Reflexivpron.  zu  erwarten  gewiesen, 
vgl.  Se  tuit  au  roi  ne  se  vont  rendre,  Clig.  2169;  Un  bris  s'alot. . 
esbaneier,  MFceFab.  33,  3;  Or  se  vont  tuit  de  vos  gabant,  Erec 
2553;  . . .  s'alot  deduiant,  Fab.  15,  3;  puis  s'iront  mendiant,  PoMor. 
537b).  326.  Zum  Nebeneinander  sinnverwandter  Ausdrücke 
s.  Tobler,  Verm.Beitr.  II,  149.  338.  merveilles  a  eu  bedarf  sicherUch 
der  von  Friedwagner  vorgeschlagenen  Änderung  in  ai  v'eu.  Un- 
persönliches avoir  würde  hier  von  dem  Ortsadverbium  i  be- 
gleitet sein.  Auch  in  Ceval  a  bien  aparillie,  V.  366,  heißt  a  nicht, 
v/ie  die  Anmerkung  sagt,  ,es  gibt'  (sondern  ,er  hat,  besitzt ) ; 
der  vorhergehende  quant-Suiz  ordnet  sich  dem  Satze  prent  l'escu 
unter.  497.  Zu  Qui  vit  quant  Kex  fu  abatus  vgl.  Que  qui  verroit 
quant  la  bocke  cevre  (sie)  Ne  diroit  mie  que  li  dant  Ne  fussent  d'ivoire 
QU  d'arjant,  Clig.  830.  668.  Zu  a  tot  le  mains,  gewiß  nicht  atot 
le  mains,  vgl.  auch  ChLy.  1844,  JuHan  2467,  3475,  Enf.  Og.  7212. 
710.  A  Diu  soies  vos  comandes!  sind  sicher  noch  Worte  des  Hirten, 
auch  der  Anredeform  wegen.     So  später  Ausspruch  von  fait  i 


Zur  ,Vengeance  Ragiiidet.  107 

tritt  auch  anderwärts  entgegen,  vgl.  MFceYon.  130,  Fab.  50,  13, 
Julian  3535.  Man  nehme  vor  den  Worten  A  Diu  s.  v.  c.  eine 
kurze  Pause  an.  757.  Zum  Geschlecht  von  fain  (männhch  auch 
JuUan  3630)  s.  auch  Armbruster,  Geschlechtswandel  im  Französ. 
S.  62  und  Behrens,  Beiträge  z.  französ.  Wortgesch.  S.  399.  Zu 
demjenigen  von  glave,  Anm.  zu  V.  864,  auch  Armbruster,  ibid. 
S.  16  und  Behrens,  ibid.  S.  389.  988.  le  Gavain  ,das  des  G.', 
vgl.  zum  determinierenden  Gebrauch  des  Artikels  auch  Gessner, 
Pronomen  I,  33,  9ß.  988.  par  lui  morra.  , durch  ihn'  ist  ein- 
wandfrei, vgl.  zu  par  beim  Intransitivum  z.  B.  Deus  saut  celui 
par  cui  ressort  Joie  et  leesce  a  nostre  cort,  Erec  6375;  cele  par  qui 
nus  perissuns,  Elid.  833;  Ne  puis  garir  se  par  vous  non,  Salu  d'Am. 
137  in  Gröbers  Z.  24,  362;  Kar  ja  par  mei  n'esforcera,  MFceFab. 
6,24.  1032.  Ja  ne  venres  en  cele  terre  Que  vos  n'en  aies  grant  honnor. 
Für  cele  stände  nach  Friedwagners  Meinung  /mZe,  noch  eher  aber 
lele^  zu  erwarten,  indessen  vgl.  zu  eil  in  solchem  Falle  Diez, 
Gramm.  III,  78  Anm.  1,  Meyer-Lübke,  Syntax  §  540  oder  Stellen 
wie  Biscl.  40,  Equit.  244,  Lanv.  164.  1039.  Keine  Überein- 
stimmung mit  dem  vorangehenden  Objekte  zeigt  laut  Fried- 
wagners Hinweis  in  dieser  Anmerkung  das  Partizipium  Perfecti 
in  den  Versen  2687  f.  (?),  3305,  3423,  4481  und  4751.  An  dem 
Orte  Kaheries..,  Qui  bieri  a  vengie  sa  prison  Que  la  dame  fait 
li  avoit  V.  3305,  bezieht  que  sich  jedoch  nicht  auf  prison,  sondern 
ist  das  Neutrum  ,was'  (faire  auc.  r.  ä  auc.  , jemandem  etwas  zu- 
fügen', wie  auch  641,  2495,  3350,  in  günstigem  Sinne  ,erwcisen' 
wie  2495);  der  Sixiz  Que ..  avoit  hat  den  Zweck,  das  anfänghcji 
gewählte  Objekt  sa  prison  ,seine  Gefangenschaft'  zu  verbessern, 
zu  ersetzen,  hat  also  gleich  sa  prison  den  Wert  eines  Objektes  zu 
a  vengie  und  erfordert  somit  ein  Komma  vor  sich.  Nur  scheinbar 
liegt  auch  im  Verse  3423,  qui  tel  honte  m'a  fait,  keine  Überein- 
stimmung vor,  da  honte  ja  als  Masculinum  erweisbar  ist,  s.  Fried- 
wagncrs  Anm.  zu  V.  5644  (für  das  männliclie  Geschlecht  ist 
honte  auch  an  den  Stellen  245  und  2771  in  Anspruch  zu  nehmen; 
die  Literaturnachweise  zum  Genus  des  Wortes  sind  noch  ver- 
mehrbar um:  Scheler  in  Trouv.  Belg.  I,  S.  327  und  in  Watr. 
S.  472;  W.  Focrster  zu  Ly.  Ysop.  V.  1711;  Armbrustcr,  Gc- 
schlechtswandel  im  Französ.  S.  119).  In  V.  4481  (Gavain  briciit 
mit  Ide  von  Artus'  Hoflager  auf).  Et  eil  de  la  cort  retornerent^ 
Ains  la  orent  molt  convoic,  wurde  les  gewiß  erst  durch  einen 
Schreiber,  welcher  Beziehung  auf  Gavain  und  Ide  gemeinsam 
für  erforderlich  liiell,  an  den  Platz  von  ursprünglichem  /'  ,ihii', 
gesetzt;  die  Person  Gavains  allein  galt  dem  Dichter  liier  ebenso 
wie  im  V.  4475  [N'i  ot  Un  solqui  a  Diu  nel  coniant),  welcher  seiner- 
seits in  der  Anwendung  von  le,  der  Einzahl,  mit  V.  4472  zusammen- 
stimmt, als  Objekt.  Die  von  jenem  Schreiber  geopferte  Silbe 
dürfte  ein  Mais  zu  Beginn  des  Verses  gewesen  sein,  das  man  nach 
dem  Muster  der  Verse  520,  2887  und  3204  auch  hier  vor  ainz 


108  ^.   Cohn. 

orwartcl.  Zu  V.  4751  s.  die  Anm.  oben  auf  S.  98.  1065.  /u 
eil  voic  , hinweg'  vgl.  aucli  Scheler,  Jean  de  Conde  1,  S.  390  und 
S.  435;  Watr.  de  Couv.  S.  492;  W.  Foer.sler  zu  Ghev.  as  II  Esp. 
3001;  Warnke,  MFccFabeln  S.  364  zu  57,  23.  1094.  parmi 
toi  fo,  , trotz  alledem',  wie  häufig  zu  lesen  ist,  vgl.  z.  IJ.  MFceMil. 
411,  Trouv.  Belg.  II,  9,  29,  Dav.  Proph.  1063,  1117;  zu  parmi  go 
,glcich\vohr  s.  Berger,  Adam  de  la  Halle  S.  129.  1128.  flors 
ne  pieres  ni  remaingnerit  Ne  en  elme  ne  en  escii  Que  ü  n'aient  tot 
abatn  Jus  a  la  ferre  et  detrenchie.  Das  den  Nebensatz  einleitende 
gue  stellt  Friedwagner  frei,  als  Relativpronomen,  bezogen  auf 
flors  ne  pieres,  oder  als  modale  Konjunktion,  que  ne  ,ohne  daß*, 
aufzufassen.  Die  Wahl  des  Neutrums  des  Relativpronomens 
trotz  Bezuges  auf  Substantiva  sähe  man  gern  durch  einen  Beleg 
gestützt;  an  sich  würde  ein  Relativsatz  nicht  ausgeschlossen 
sein  (vgl.  N'i  remaint  Chevaliers  ne  darne  Qui  ne  s'atort  por 
convoiier  La  pucele  et  le  Chevalier,  Erec  1436;  An  tot  le  chdstel 
n'a  remes  Home  ne  fame,  droit  no  tort,  Qui  alcr  puisse,  qui 
n'i  voise  ib.  5701;  jusqu'en  Alemaingne  Chastiaus  ne  vile 
n'i  remaingne.  Ne  citez,  ou  il  ne  soit  quis,  Clig.  6647).  Zu- 
gunsten des  Wertes  von  que  als  Konjunktion  sprechen  Stellen 
wie  die  folgenden:  N'i  a  nul  qui  remenoir  est,  Que  a  la 
cort  ne  vaigne  tost,  Erec  1929;  CHg.  1092;  Bari.  Jos.  784; 
N'i  remest  ne  eil  ne  cele  Ne  Chevaliers  ne  damoisele,  Que  tuit 
n'aillent  monier  as  eslres,  Clig.  2887;  Je  ne  sai  que  terre 
remaingne,  Por  tant  que  Dex  i  soit  nomes,  Que  eis  sains  n'i 
soit  apeles,  Julian  84,  denen  man  auch  Devant  son  cop  riens  ne 
remaint,  Que  tot  ne  porfande  et  deronpe,  Clig.  3801  anfügen 
darf.  1179.  Zu  a  un  fais  s.  auch  A.  Tobler  zum  Julian  2223; 
es  entspricht  hier  unserm  ,mit  einem  Ruck'.  1367.  Vgl.  zur 
Sache  1319;  die  Umstellung  von  M'ahati  jus  zu  Jus  m'abati  ge- 
winnt dann  noch  an  Berechtigung.  1.381.  (La  dame..Li  escria) 
en  audiance  besagt  nicht  ,so  laut,  daß  alle',  sondern  ,daß  e  r 
es  hören  konnte,  für  ihn  vernehmbar'  und  ist  mit  (Cil  li 
crie)  si  qu'il  l'entent,  V.  Rag.  4512,  (Ei  dist)  si  que  il 
Ventendie,  ib.  5540  gleichwertig.  1388.  es  plaissih,  zum 
Plural  vgl.  luin  des  hafnes  MFceElid.  764  (gegen  al  hafne, 
ib.  809);  en  ses  sales,  CHg.  2370;  as  osteus,  Julian  1305;  ses 
niz  MFce  Fab.  73,  70.  1436.  de  fin  voir  braucht  nicht  in 
de  fi,  voir  verbessert  zu  werden ;  vgl.  por  fin  voir  bei  Godefroy 
s.  V.  voir,  auch  Redeweisen  wie  Che  fu  lä  fine  veriUs,  Eust. 
428,  par  fin  estovoir,  BCond.  60,  405,  Cleom.  8024  u.  ä.  1651. 
Li  troi  ont  le  quart  envoie  AI  Gaui  Destroit  a  la  pucele.  Nach 
Friedwagners  Erachten  steht  es  im  Belieben  des  Lesers,  a  la 
pucele  als  possessiven  Dativ  oder  als  Direktivobjekt  zu  deuten. 
Die  zweite  Auslegung  liegt  näher;  a  la  pucele  bezeichnet 
neben  dem  allgemeinen,  weiteren  Ziele  das  besondere,  engere, 
vgl.  hierzu  Stellen   wie   AI   hois  alot   a   la  chapele,   MFceElid. 


Zur  ,Vengeance   RagnideV.  109 

967;  Et  tuit  li  Grejois  venu  furent  El  tref  la  reine  as  puceles^  Clig. 
1373;  tant  .  .  Qu'il  vint  en  la  terre  d'Espaigne  A  un  castel  bei  et 
adroit,  Julian  1398.  1718.  Jl  ert  a  la  dame  loe  En  droit  consel 
que  le  tenist.  Dem  Ausdruck  en  droit  conseil  spricht  Friedwagnor 
mit  Recht  klaren  Sinn  ab.  Die  Möglichkeit  einer  Entstellung 
des  ursprünglichen  Wortlautes,  als  welcher  etwa  .  .  loe^  En  droile 
prison  le  tenist  denkbar  wäre,  liegt  vor.  1761.  Conoistre  aucun 
come  un  denier  begegnet  auch  im  Rosenroman,  s.  Littre  s.  v. 
denier,  auch  an  der  Stelle  Eust.  533.  1820.  painz  solers  steht 
auch  im  Aiol  8275.  1920.  jete  in  La  pucele  fete  les  mains  ist  laut 
Anmerkung  ,ringt',  laut  Wörterbuch  ,die  Hände  (vor  Freude) 
ringen  oder  ausstrecken'.  , Ringen'  ist  tordre,  vgl.  Clig.  5811, 
Erec  4613  usw.  Beim  jeter  berührten  die  Hände  einander  nicht,  so 
wenig  wie  es  von  den  Beinen  gelten  kann,  wenn  es  von  Jongleuren 
Ceaz  qui  sevent  les  jambes  encontremont  j'eter,  PoMor.  517a  heißt. 
Das  Werfen  der  Hände  ist  hier  ferner  nicht  ein  Zeichen  von 
Freude,  sondern  eine  der  Lebhaftigkeit  des  Wunsches  ent- 
sprechende Geberde,  um  Gavain  zum  Halten  zu  veranlassen 
(vgl.  Arestes  vos^  parles  a  moi!  1923).  2265.  venir  per  c.  Inf., 
auch  Veng.  Rag.  4263,  ist  eine  sehr  übliche  Konstruktion  (Clig. 
1765;  6528;  Juhan  936;  1477;  Macc.  28,  26;  80,  24  u.  oft).  2306. 
Zum  Geschlecht  von  afaire  s.  auch  Armbruster  a.  a.  0.  S.  12  und 
Behrens,  a.  a.  0.  S.  387.  2405.  Sollte  haut  in  Si  Dius  me  haut 
nicht  ein  bloßer  Schreibfehler  für  saut  sein?  2467.  Si  ist  ,so  — 
denn',  wie  oft,  z.  B.  2095.  2496.  rk'  a  terre  que  Dius  ait  erinnert 
an  par  totes  les  contrees  Diu,  V.  Rag.  2317  und  an  tote  la  ricece 
Diu,  ib.  2210.  2527.  Faites  ces  pautonniers  voler  Les  testes,  sc 
les  consives,  nach  Friedwagner  Hysteron  Proteron,  kann  die 
Konjunktion  se  darbieten.  2528.  Vostre  frere  est  si  enpenses, 
II  ne  puet  sor  les  pies  ester.  An  dem  Begriffe  enpenses  nimmt 
Friedwagner  berechtigten  Anstoß;  an  Stelle  desselben  würde  man 
sich  ,scliwach',  und  so  etwa  esnerves,  wünschen.  2640.  eil  qui 
furent  plus  signor,  Qui  orent  la  vile  a  garder.  sire  in  adjektivischer 
Verwendung  und  zugleicli  gesteigert  tritt  auch  in  les  plus  signors  et 
les  plus  frans,  BCond.  276,  249;  Aucass.  31,  10  entgegen.  2748. 
Sire,  angois  vuel  que  me  dires  Vostre  non,  car  jel  vuel  savoir.  Das 
Futurum  erscheint  als  Befehlsform  zwar  auch  im  abhängigen 
Satze,  wie  ergänzend  bemerkt  sei,  vgl.  Sachiez  que  a  laut  pais 
en  iert,  Clig.  3302;  Dites  lui  dont,  quant  lui  plaira,  Que  de  lui 
savoir  nos  laira  Qui  il  est  et  quel  part  il  niaint,  Julian  1848;  Voir, 
vostre  penilance  est  ainssi  ordenee  Que  vous  ne  ferez  mal  a  gent 
chrestiennee  Ne  que  ne  parlerez  a  creature  nee,  Dit.  Roh.  Di.  142b; 
Sire,  alez  nous  monstrer  le  Heu  Ou  seront  mis.  Mir.  ND.  34,  2399, 
indessen  vermag  ich  ebensowenig  wie  Friedwagner  nachzuweisen, 
ob  auch  nach  voloir  (denn  in  Mir.  ND.  9,  1400  besteht  wohl  niclit 
mehr  Abhängigkeit  von  je  vueil).  Daher  scheint  die  Güte  des 
überlieferten  Wortlauts  anfechtbar  zu  sein,  welciicr  beispielsweise 


jjO  G.   Cohn. 

aus  Sire,  angois  mon  mel  me  direz  verderbt  sein  könnte.  2783. 
Zum  Geschlecht  von  ost  s.  auch  Armbruster,  a.  a.  0.  S.  88  und 
Behrens,  a.  a.  0.  S.  402. 

Eine  höchst  nützliclie  Beigabe  zu  dem  Werke  ist  ein  Ver- 
zeichnis aller  in  den  Anmerkungen  behandelter,  also  sprachliclier 
und  sachUcher,  Gegenstände.  Das  den  Band  beschließende 
Wörterbuch  hat  offenbar  nicht  erschöpfen  wollen. 

B  e  r  1  i  n.  C'-  Cohn. 


Syntaktisches. 


Bei  der  Besprechung  von  E.  Löseth  Notes  de  syntaxe  fran- 
Qaise  (vgl.  Bd.  XXXVII,  H.  8,  SS.  264—280  dieser  Ztschr.) 
konnte  ich  angesichts  der  Fülle  der  von  dem  Herrn  Verfasser 
auf  so  engem  Räume  zur  Sprache  gebrachten  Erscheinungen 
(40  Punkte  auf  18  Seiten!)  nicht  umhin,  mein  Bedauern  darüber 
auszudrücken,  daß  auch  eine  Anzahl  schwierigerer  Fragen,  die 
entschieden  eindringenderer  Untersuchung  auf  Grund  eines 
umfassenden  Beispielmaterials  bedurft  hätten,  nur  obenhin 
gestreift  und  mit  der  Äußerung  einer  wohl  manchmal, 
aber  keineswegs  i  m  m  e  r^)  zutreffenden  Ansicht  oder  gar  bloßen 
Vermutung  abgetan  worden  waren.  Dabei  stellte  icli  für  mehrere 
Fälle  dieser  Art  eine  eingehendere  Erörterung  an  anderer  Stelle 
und  in  anderer  Weise,  als  es  im  Rahmen  einer  Anzeige  geschehen 
konnte,  in  Aussicht.    Es  sei  mir  nunmehr  gestattet,  das  damals 


^)  So  erwies  sich  die  Behauptung,  daß  ,,//  y  a  longtemps  que  je 
ne  vous  ai  vu  der  feineren,  eleganteren  Sprechweise  angehöre,  während 
in  der  gewöhnhcheren  ein  pas  hinzugefügt  werde"  einer  Ergänzung 
durch  den  Zusatz  bedürftig,  daß  in  vielen  Fällen  der  Sinn  das  pas  ebenso 
dringend  verlange  (z.  B.  //  y  a  longtemps  qü'il  rCa  pas  tenu  sa  parole) 
als  andererseits  jede  Negation,  auch  bloßes  ne,  nnhedingt  ausschließe 
(z.  B.  //  y  a  longtemps  qu'il  nous  a  quittes).  Oder  es  zeigte  sich,  daß 
die  (auf  Sätze  wie:  Vous  Vetes,  mal  elevees,  toutes,  les  deux  gegründete) 
Aufstellung,  in  der  familiären  Sprache  könne  ,,ein  Partizip" 
einem  solchen  le  folgen,  insofern  überflüssig  ist,  als  eine  derartige  Pro- 
lepsis  durch  ein  le  (hczw.  la,  les)  bei  jedem  prädikativen  Wort  (Subst., 
Adj.,  Pron.,  Adv.  usw.)  möglich  ist;  wie  denn  auch  der  als  Besonder- 
heit aufgeführte  vulgäre  Ersatz  c'est-i(l)  que  —  für  est-ce  que  —  sich 
lediglich  als  Spezialfall  der  bekannten  Bildung  von  Fragesätzen  durch 
Anhängnng  von  ti  (=  t-il)  an  die  Verbform  des  Behan{)tungssatzes 
erwies.  Oder  es  konnte  durch  Sätze  wie //  etail  par  lä  justement 
(„er  befand  sich  gerade  i  n  jenem  Stadtteil")  gezeigt  werden,  daü 
die  bekannte  Stelle  der  Mlle  de  la  Seigliöre:  il  est  dcjä  trottant  par  les 
montagnes  noch  nicht  das  Vorhandensein  der  englisrhen  Umschreibung 
(to  be  troiling)  im  Neufrz.  beweist,  sondern  eher  im  Sinne  von  il  est 
dejä,  trottant,  par  les  moniagnes  (d.  h.  ,,er  ist  schon  in  den  Bergen,  wo 
er  umherwande  t)  aufzufassen  ist,  usw.  usw. 


112  Tlicudor   Kaleplii/. 

gegebene    Versprechen   einzulösen.-)      Ich    beginne    mit   der   Er- 
örterung des  Unterschiedes  zwischen: 

I.  Tons  leN  deiix  und  toits  dcnx. 

Es  war  dies  einer  der  wenigen  Fülle,  die  der  Herr  Verf.  ver- 
hältnismäßig gründlich  und  unter  Heranziehung  reichlicherer 
Beispiele  behandelt  hatte.  Was  er  darüber  sagte,  verdiente 
entschieden  Beachtung:  //  semble  que  Vaddilion  de  l'article... 
serve. .,  du  moins  dans  iin  graiid  nombre  de  cas,  d  meltre  en  reite j 
chacun  des  deux  etres  separement,  ä  faire  ressortir  leur  individualile, 
iandis  que  par  <<tous  deux»  ils  sonl  reunis  en  bloc  et  sans  distincUon 
aucune.  Freilich  glaubte  ich  schon  mit  Bezug  auf  die  hier  gegeben^ 
Charakterisierung  einschränkend  bemerken  zu  müssen,  daß  die 
Ausdrücke  separement  und  faire  ressortir  leur  individualite  doch 
wohl  etwas  zu  weit  gingen.  „Ist  es,  wie  ich  mit  Gröber  (Grundriß 
/,  274)  glaube,  die  Funktion  des  bestimmten  Artikels,  Seiende 
als  bekannte  zu  bezeichnen  (d.  h.  auf  sie  als  solche 
hinzuweisen,  von  denen  bereits  ein  Bild  in  der  Vorstellung  des 
Hörers  vorhanden  ist),  dann  kann  er,  in  unserem  Falle,  zwar 
ganz  wohl  die  Wirkung  haben  de  mettre  en  relief  les  deux  etres, 
aber  nicht  auch  chacun  separement,  wozu  andere  Ausdrucks- 
weisen dienen,  wie  z.  B.  l'un  et  Vautre,  chacun  de  son  (oder  leur) 
cot^."  Man  darf  eben  nicht  vergessen,  daß  der  ,, bestimmte" 
Artikel  —  um  diese  wenig  zutreffende  aber  eingebürgerte  Be- 
zeichnung hier  beizubehalten  —  vor  einem  pluralischen  Worte 
auch  nur  die  M  e  h  r  h  e  i  t  der  betr.  Seienden  als  ,, bekannt'"' 
kennzeichnet.  Ob  sich  dabei  auch  die  Einzelseienden  in  der 
Vorstellung  voneinander  abheben,  ist  eine  andere  Frage.  Mag 
sie  auch  unter  Umständen  zu  bejahen  sein,  jedenfalls  ist  diese 
Bejahung  durch  Setzung  eines  les  vor  dem  betr.  pluralischen 
Substantiv  keineswegs  unmittelbar  gegeben.  Man  vergleiche 
z.  B.  ein  Hommes,  femmes,  enfants,  tous  furent  emmenes  mit  Les 
hommes,  les  femmes,  les  enfants  furent  emmenes.  Während  die 
durch  den  ersten  Satz  erweckten  Vorstellungen  lediglich  allge- 
meine, Männer  von  Frauen,  Erwachsene  von  Kindern  unterschei- 
dende Merkmale  —  also  Körpertypus  und  Gewandung  einerseits, 
Gestalt  oder   Größe   andrerseits  —  enthalten,  werden  sich  im 

-)  Zu  „Vous  m'en  direz  tanlV\  das  der  Herr  Verf.  durch  Pas  possible l 
richtig  übersetzt  aber  weiterhin  ni.  E.  unrichtig  erläutert,  möchte  ich, 
da  mir  von  befreundeter  Seite  meine  dortige  sehr  gedrängte  Äußerung 
als  schwer  verständlich  bezeichnet  worden  ist,  hier  wiederholend 
und  etwas  ausführlicher  bemerken,  daß  ich  in  ihr  den  Anfang  eines 
kondizionalen  Satzes  von  dem  Schema  Je  le  pourrais  que  je  ne  le  ferais 
pas  (,,Auch  wenn  ich's  könnte,  würde  ich's  nicht  tun")  zu  sehen  geneigt 
bin,  den  Ausdruck  also  in  dem  Sinne  auffasse:  ,,Sie  mögen  mir  noch 
so  viel  darüber  sagen  (ich  glaub's  Ihnen  doch  nicht)."  Er  hieße  also 
vervollständigt:  Vous  nCen  direz  tant,  (que)  je  ne  vous  croirai  pas  und 
ließe  sich  ersetzen  durch  Quand  meme  vous  ni'en  diriez  ce  que  vous  voudriez 
je  tie  vous  croirais  pas  oder  Quai  que  vous  alliez  me  dire,  je.  .  . 


Syntaktisches.  113 

zweiten  Falle  dazu  noch  gewisse  durch  die  Nationalität,  Lebens- 
art des  betr.  Volksstammes  bedingte  konkrete  Züge  hinzugesellen 
—  man  denke  z.  B.  an  Russen,  Türken,  Neger  usw.  —  aber  damit 
ist  noch  keineswegs  Individualisierung  oder  ein  Sichabheben 
der  Einzelwesen  verbunden.  Nun  wird  ja  allerdings,  wo  es  sich 
nur  um  zwei  vSeiende,  von  denen  schon  vorher  mehr  oder  weniger 
eingehend  gesprochen  worden  ist,  handelt,  eine  solche  indivi- 
duahsierende  Sonderung  durch  die  Setzung  des  Artikels  in  der 
Vorstellung  des  Hörers  wohl  unwillkürlich  immer  hervorgerufen 
werden  —  und  zwar  umsomehr,  je  verschiedener  die  betr.  Seionden 
sind,  z.  B.  Mann  und  Frau,  erhebUch  weniger  hingegen  bei  gleich- 
artigen, wie  z.  B.  bei  ZwiUingen  gleichen  Geschlechts,  Tieren 
derselben  Gattung  usw.  — ,  aber  Verfasser  will  sich  bei  der  Dar- 
legung des  Unterschiedes  doch  wohl  nicht  auf  den  (allerdings 
besonders  schwierigen)  Zwei- Fall  beschränken^)  und  so  wird 
denn  das  von  ihm  behauptete  chaciin  separement  mit  Fug  ab- 
gelehnt werden  dürfen,  mögen  sich  auch  unter  den  von  ihm 
beigebrachten  Beispielen  mit  dem  Artikel  zahbeiche  finden, 
wo  nicht  nur  gesondertes  Tun,  sondern  sogar  tatsächliche  räum- 
liche Getrenntheit  der  betr.  Personen  nachweisbar  ist. 

Was  mir  aber  —  besonders  in  einer  ,,s  y  n  t  a  k  t  i  s  c  h  e  n" 
Publikation  —  noch  befremdender  erscheint,  das  ist  die  gänzliche 
Ignorierung,  Beiseitesetzung  der  Frage  nach  dem  sprachlicli- 
logischen  Verhältnis  der  Ausdrucksbestandteile.  Mir  scheint, 
daß  in  dieser  Hinsicht  ein  greifbarer  Unterschied  zwischen  den 
beiden  Fällen  existiert:  In  tous  deiix  ist  das  Zahlwort  Apposition 
zu  dem  den  Hauptbegriff  bildenden  toiis,  in  tous  les  deux  dagegen 
ist  tous  dieselbe  prädikativische  —  wenigstens  dem  Ursprung 
nach  prädikativische  —  Bestimmung  zu  dem  nachfolgenden 
les  deux  wie  in  tous  les  iiommes  zu  les  hommes  =^  ,,die  Menschen, 
in  ihrer  Gesamtheit  genommen".  Freilich  tritt  gerade  bei  der 
Zweizahl,  als  der  niedrigsten  Stufe  einer  Mehrheit,  diese  Ver- 
schiedenartigkeit am  wenigsten  deutlich  zu  tage;  wie  ich  denn 
zu  der  Meinung  hinneige,  daß  sich  die  in  Rede  stehende  Zwie- 
fachheit des  Verfahrens  zunächst  in  Verbindung  mit  den  nacli- 
folgenden  größeren  Zahlen  entwickelt  und  festgesetzt  habe,  und 
erst  später  auch  auf  den  Zwei-Fall  übertragen  worden  sei.  Wenig- 
stens scheint  mir  der  Sachverhalt  bei  größeren  Mehrheiten  viel 
leichter  erkennbar  zu  sein.  Nehmen  wir  z.  B.  den  Satz  (aus  .1. 
Lichtenberger,  Les  Centaures  315),  wo  von  den  letzten  sieben 
nach  mörderischem  Kampfe  mit  ihren  siegreichen  Gegnern, 
den  Menschen,  noch  am  Leben  befindhchen  Zentauren  gesagt 
wird:  Puis,  ayant  affermi  leurs  massues,  ils  s'avancent  tous 
les  s  e  p  t  ä  pas  lents  s  ur  un  e  s  e  ul  e  l  ig  n  c.    (Dit^  Schluß- 


^)  Untor  seinen  Beispielen   finden  sich  auch   FiUlo  mit   drei   Be- 
teiUgten. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX'/\  8 


1 1 4  Theodor  Kalepky. 

Worte  hebe  ich  im  Druck  hervor,  um   darauf  hinzuweisen,  dali 

—  im  Gegensatz  zu  Löseths  Meinung  —  der  bestimmte  Artikel 
hier  keineswegs  gesondertes  Handeln  (chaciin  separiment ) 
auszudrücken  oder  anzudeuten  bestimmt  ist).  Es  braucht  nicht 
erst  gesagt  zu  werden,  daü  ein  bloßes  tous  sept  an  dieser  Stelle 
genau  ebenso  gut  am  Platze  gewesen  wäre.    Aber  wenn  es  sich 

—  in  wissenschaftlicher  Syntax !  —  nicht  darum 
handeln  kann,  eine  „Regel"  für  den  Nichtfranzosen  aufzustellen, 
sondern  nur  darum,  die  durch  das  angewandte  sprachliche  Ver- 
fahren zum  Ausdrucke  zu  bringenden,  bezw.  gebrachten  Vor- 
stellungen möglichst  genau  festzustellen,  dann  wird  man  sagen 
dürfen:  ious  les  sept  bedeutet  ,,die  sieben  —  und  zwar  in  ihrer 
Gesamtheit",  tous  sept  hingegen  ,,alle  (nämlich:)  sieben  an  Zahl." 
Daß  der  zu  gründe  liegende  Sachverhalt  genau  derselbe  sein 
kann,  ganz  gleich  ob  die  eine  oder  ob  die  andere  Ausdrucksform 
gewählt  ist,  liindert  nicht,  oder  ^^elmehr:  darf  den  Sprach- 
forscher nicht  hindern,  diese  Ausdrucksformen  selbst 
als  innerlich  verschieden  hinzunehmen  und  nach  möglichst  ge- 
nauer Erkenntnis  dieses  Unterschiedes  zu  trachten.  Nicht 
anders  liegt  ja  doch  die  Sache  in  Fällen  wie:  il  y  ent  cent  hommes 
tues  und  cent  hommes  de  tues,  il  ne  faut  pas  qua  tu  meures  und  il 
faut  gue  tu  ne  meures  pas  usw.  usw.,  wo  es  sich  überall  um  zwie- 
fache sprachliche  Wiedergabe  ein  und  desselbenSach- 
bestandes,  darum  aber  doch  nicht  weniger  um  verschieden 
Aufgefaßtes,  verschieden  Gedachtes,  und  deshalb 
in  dieser  Verschiedenheit  genau  Festzustellendes  handelt.*)  Hält 
man  sich  an  den  vorhin  angegebenen  syntaktischen 
Unterschied  der  beiden  Ausdrucksweisen,  dann  wird  man  es  in 
vielen  Fällen  ohne  weiteres  begreiflicli  finden,  daß  der  Sprechende 
die  eine  und  nicht  die  andere  gewählt  hat.  So  z.  B.  wenn  es  bei 
Guillaumin,  {Baptiste  et  sa  femme  174)  heißt:  31ais  le  dimanchc, 


■*)  Auf  die  Gefahr  hin,  eigentlich  Selbstverständliches  allzuoft 
zu  sagen,  benutze  ich  diese  Gelegenheit,  um  von  neuem  gegen 
die  —  soll  ich  sagen  ,, kindliche"  oder  ,, banausische"?  —  jedenfalls 
aber  immer  noch  weit  verbreitete  Vorstellung  zu  Felde  zu  ziehen, 
wonach  es  Aufgabe  der  Grammatik  sei,  Regeln  für  die  eine  Sprache 
„Erlernenden"  aufzustellen.  Es  ist  der  Fluch  der  Sprachlehre,  daß 
bei  der  erdrückenden  Mehrzahl  derer,  die  sich  mit  ihr  beschäftigen, 
„praktische"  Zwecke  im  Vordergrunde  stehen,  sei  es,  daß  sie  gewisse 
Sprachen  sich  selber  möglichst  sicher  zu  eigen  machen  wollen  (d.  h. 
aber  leider  nur:  zum  Gebrauche  zu  eigen)  oder,  was  für  die 
Wissenschaft  noch  verhängnisvoller  geworden  ist,  sie  für  andere  leicht 
erlernbar  zu  machen  trachten.  Man  stelle  sich  einmal  vor,  was  aus 
der  Botanik  geworden  wäre,  wenn  sie  lediglich  von  Blumen-  und  Ge- 
müsehändlern behandelt  worden  wäre.  Leider  weist  infolge  des  Miß- 
brauchs, der  in  den  Schulorganisationen  vieler  Länder  hinsichtlich 
des  Französischen  getrieben  wird,  das  tatsächliche  Schicksal 
der  französischen  Syntax  mit  diesem  imaginären  der  Botanik 
eine  verzweifelte  Ähnlichkeit  auf. 


Si/ntaktisches.  115 

apres  diner,  personne  ne  vieni,  ils  restent  t  o  u  s  les  de  u  x  , 
r  i  en  q  u  e  tous  les  d  e  u  x  ,  Baptiste  et  Geneve.  Mit  dem 
einschränkenden  rien  qiie  verträgt  sich  zwar  wohl:  ,,Die  beiden 
(als  Gesamtheit,  als  Ganzes)"  aber  nicht  „alle  und  zwar  zwei". 
Denn  ich  kann  wohl  sagen:  „nur  die  beiden  waren  da"  aber 
nicht:  „nur  alle  waren  da".  Oder  (A.  Lichtenberger,  Les 
Centanres  312)  Sons  wie  decharge  de  f leckes  et  de  javelines,  tous 
quatr  e  (kämpfende  Faune)  roulent  ä  terre.  Denn  als  die  be- 
sondere Wirkung  des  Pfeil-  und  Speerregens  soll  eben  das  Nieder- 
fallen aller  angegeben  werden:  ,,alle  (vier  an  Zahl)  rollten 
sieh  (sterbend)  am  Boden,  kein  einziger  blieb  am  Leben".^) 
Aber  ebenso  wird  es  ohne  weiteres  einleuchten,  daß  in  einer  großen, 
ja  in  der  überwiegenden  Zahl  von  Fällen  der  beregte  Konstruktions- 
unterschied für  die  Darstellung  des  gegebenen  Sachverhalts 
absolut  irrelevant  ist,  daß  es  demnach  völhg  in  das  Belieben  des 
Sprechenden  oder  Schreibenden  gestellt  ist,  welche  der  beiden 
Ausdrucksweisen  er  wählt.  Wenigstens  habe  ich  bei  sorgfältiger 
J^rüfung  und  Vergleichung  an  Hunderten  von  Beispielen  ein 
allgemein  gültiges  Prinzip,  irgend  welche  äußerlichen  Gesichts- 
punkte, die  etwa  —  neben  jenem  in  ganz  vereinzelten  Fällen 
zu  praktischer  Geltung  kommenden  Konstruktionsunterschied  — 
die  Ausv/ahl  bestimmten,  nicht  entdecken  können,  habe  auch 
Löseths  Vermutungen,  sein  ,,chaciin  des  deux  etres  separement", 
nicht  bestätigt  gefunden.  Ist  er  geneigt,  in  (E.  de  Goncourt's) 
pendant  la  tournee  que  tous  les  deux  faisaient  ä  travers  la  France 
die  Erklärung  des  les  darin  zu  sehen,  daß  es  sich  um  deux  con- 
currents  qui  ne  voyageaient  point  ensemhle  handelt,  so  heißt  es 
anderseits  bei  Farrere  (La  bataille  178)  Vous  ^—  Amhicaines 
et  Japonaises)  portez  toutes  deux  des  robes  qui  se  resseni- 
blent,  wo  das  toutes  deux  sich  also  auf  zwei  räumlich  vollkommen 
gesonderte  Gesamtheiten  bezieht;  und  wer,  im  Banne  eines 
derartigen  Räumlichkoitsprinzips  stellend,  sich  etwa  versucht 
fühlte,  in  dem  (ebda  143)  von  der  Hausherrin  an  ihre  beiden 
Gäste,  einen  Herrn  und  eine  Dame,  gerichteten  Satze:  Vous 
souhaitez  tous  deux  aller  dormir  eine  zum  mindesten  pein- 
liche Anspielung  zu  sehon  —  denn  die  beiden  Angeredeten  sind 


^)  Wenn  Lückmfj;  (§  264  Anm.)  in  der  artikellosen  Vepl)indunj? 
von  tous,  toutes  mit  einem  Zahlwort  lediglich  einen  Arohaismus  und 
<larin  wiederum  den  Grund  für  die  Seltenheit  solcher  Verbindungen 
über  die  Zahl  vier  hinaus  sehen  will,  so  scheint  er  mir  damit  dem  Wesen 
<les  ,, Artikels",  der  doch  etwas  bedeutet,  nicht  ein  bloßes  ,,F(u-m- 
wort"  ist,  ebensowenig  gerecht  zu  werden  wie  A.  Tobler,  wenn  er 
Verm.  Beitr.  IV,  84  Anm.  2  fragt:  „Warum  sollte  man  sagen  il  est 
u.  n  tnedecin,  da  doch  zum  Subjekte  il  das  Prädikat  sicher  nur  Singular 
.sein  kann?  (Anders,  wo  das  Subjekt  ce  ist.)"  Beide  vergessen, 
iiaß  les  dort  und  im  hier  neue  Vorstellungselemente  zur  Rede  hinzu- 
bringen. 

8* 


I  [('}  Tlifotlor   Kolcp/ii/. 

nicht  vorheiratet  —  würde  vollkommen  fehlgehen.    Dieses  Beispit-l 
(wie  übrigens  noch  manches  andere)  spricht  auch  gegen  die  Ver- 
mutung, daß  bei  Äußerungen  in  der  1.  und  2.  Person  Pluralis 
der  Artikel  das  Übliche  sei,  eine  Vermutung,  zu  welcher  —  abge- 
sehen von  dem  Gedanken  an  die  in  solchem  Falle  unleugbare 
größere  Anschaulichkeit  dos  ausgedrückten  Zustands  oder  Wir- 
gangs —  der    Umstand   anregen  könnte,  daß  manche  Schrift- 
steller in  solchem  Falle  den  Artikel  unverkennbar  bevorzugen. 
So  hat  z.  B.  M.  Prevost  in  Pierre  et  ThSrdse  neben  12  artikellosen 
Verbindungen  —  durchweg  in  der  3.  Pers.   (Plur.)!  —  8  Fälle 
mit  dem  Artikel  und,  unter  diesen,  7  in  der  1.  oder  2.  Person, 
und  nur  einen  in  der  3.  Person,  nämlich:  Ils  se  tiirent  quelque 
temps,    to  u  s   les   den  X.     (S.  227),  wo  das  tous  les  deux  ganz 
den    Eindruck    eines    lediglich    veranschaulichenden     Zusatzes 
macht.    Übrigens  zeigt  es,  wie  auch  einige  Beispiele  bei  Löseth, 
daß  es  an  Sätzen  nicht  fehlt,  in  denen  mit  Bezug  auf  zwei  bei 
einander  befindliche,   genau   das    Gleiche   tuende    Personen   tous 
les  deux  gebraucht  ist.     Auch  der  von  Löseth  am  Schlüsse  ge- 
machte Zusatz:  «Tous  deuo»  avec  un  verhe  refUchi  se  dit  quelquefois 
pour  ü'un  rautre>>  bedarf  —  abgesehen  von  der  formellen  Berich- 
tigung, daß  es  sich  dabei  nicht  um  reflexive,  sondern  um  reziproke 
Verba  handelt  —  der  Ergänzung,  daß  ganz  dasselbe  von  tous 
les  deux  gilt,  vergl. :  Vous  passez  votre  temps  ä  cous  taquiner  tous 
les    deux,  mais  vous  vous  aimez  hien,  au  fond.     M.  Prevost, 
Pierre  et  therhe  26  oder  (Henry  Bordeaux,  La  peur  de  vivre) 
Aimez-vous  bien  tous  les  deux  usw.  —  Auch  die  Satzstelle, 
die   der  tous-Ausdruck   einnimmt,   ist   für    Setzung    oder  Weg- 
lassung des  Artikels  belanglos:  tous  deux  und  tous  les  deux  finden 
sich  nicht  nur  in  gleicher  Weise  als  Subjekt,  Objekt  sowie  mit 
Präpositionen  verbunden,  sondern  auch   (im  ersten  dieser  drei 
Fälle)    ebensowohl   als   voranstehendes    (echtes)    Subjekt    (z.   B. 
Tous   les  quatre  s'assirent)    wie   als   appositionelle    Bestimmung 
zu  einem  vorangeschickten  pronominalen  Subjekt  [Ils  s'assi  ent 
tous  (les)  quatre).     So  wird  denn  auch  für  diesen  Fall  gelten, 
was  bei  früherer   Gelegenheit   (vgl.  die  Abhandlung  ,,Vom   In- 
finitiv mit  de  und  ä  nach  commencer  und  in  verwandten  Fällen'", 
Bd.  XXXVII,  H.  5  dieser  Zeitschr.   S.  259  f.)  in  betreff    des 
sprachUchen    Verfahrens    bei    allen    feineren    Ausdrucksdifferen- 
ziierungen  gesagt  wurde.    Einmal,  daß  die  große  Zahl  der  sprach- 
lich  minder    Geschulten   oder   weniger   Feinfühligen   oder   auch 
weniger  Sorgsamen  durch  Vernachlässigung  des  von  Hause  aus 
wohlberechtigten  Unterschiedes,  durch  Verwechselung  und  Ver- 
tauschung der  Ausdrucksweisen  leicht  eine  gewisse  Verdunkelung 
ihrer  ursprünglichen  Sinnesverschiedenheit  herbeiführt;  sodann, 
daß,  da  es  sich  bei  sprachlichen  Differenziierungen  meist  nicht 
um  konträre   Gegensätze   (wde  schwarz  und  weiß),  sondern  um 
kontradiktorische  (schwarz  und  nicht-schwarz)  handelt,  zwischen 


Syntaktisches.  117 

den  beiden  klar  untersclieidbaren  Extremen  immer  eine  Fülle  von 
Zwischenfällen  liegen,  die  zwar  wohl  teilweise,  mehr  oder  weniger 
deutlich,  dem  einen  der  beiden  Enden  zuneigen,  aber  die 
sich  ihm  doch  keineswegs  alle  mit  Sicherheit  zuweisen  lassen,  für 
deren  Behandlung  bei  der  sprachlichen  Wiedergabe  es  daher 
vielfach  an  jedem  sicheren  Anhalt  fehlt.  (Es  wurde  an  der  an- 
gezogenen Stelle  besonders  auf  das  Verfahren  hinsichtlich  der 
Tempora  (namenthch  Imparfait  und  Passe  defini)  der  Modi 
(besonders  Indikativ  und  Konjunktiv)  und  hinsichtlich  der 
Stellung  (vor  oder  hinter  dem  Substantiv)  der  attributiven 
Adjektiva  exemplifiziert).^)  —  Auch  Littres  Angabe:  <<^om5'  les 
deux»  est  plus  emphatique  (der  er  allerdings  die  Einschränkung 
folgen  läßt:  «mais  personne  n'y  fait  attention>>) ,  scheint  mir  für 
das  heutige  Sprachverfahren  nicht  mehr  zuzutreffen.  Immerhin 
wird  man  sagen  können  —  und  das  schwebte  wohl  auch  Löseth 
vor  —  daß  ein  toiis  les  deux  etwas  anschaulicher  ist,  daß  es  (durch 
den  im  Artikel  liegenden  Hinweis  auf  die  Bekanntheit,  auf  das 
Im-Geiste-schon- Vorhandensein,  das  ,, Vorschweben"  der  be- 
treffenden Seienden)  eine  inhaltvollere  Vorstellung  wachruft 
als  das  etwas  flüchtigere  tous  deux  —  man  vergleiche  z.  B. 
de  tous  cötis  mit  de  tous  les  cötes  oder  apres  dtner  mit  apres  le 
dtner  usw.'^) 

Unter  den  modernen  Schriftstellern  herrscht  ^  abgesehen 
von  vereinzelten  eigenartigen  Fällen,  bei  denen  sich  die 
eine  oder  die  andere  Ausdrucksweise  ohne  weiteres  aus 
der  Natur  der  Sache  ergibt,  ziemUche  Willkür  des  Ver- 
fahrens. Wenn  aucli  einzelne  den  Verbindungen  m  i  t  dem 
Artikel  noch  einen  angemessenen  Platz  —  hier  und  da 
bis  zu  annähernder  Gleichheit  mit  den  artikellosen  —  ein- 
räumen, so  geben  doch  zahlreiche  andere  —  und,  wie  mir 
scheint,  die  Mehrzahl  —  den  letzteren  entschieden  den  Vorzug; 
ja,    es    finden    sich    ganze    Schriftwerke,    Romane    besonders, 


'')  Welches  ist  ck-im  übrigens  im  Deulschen  der  Unterschied 
zwischen  ,, beide"  und  ,,dio  beiden"?  Mir  scheint,  die  letztere  (etwas 
seltenere)  Ausdrucksweise  wird  —  konform  der  Bedeutung  des  ,, be- 
stimmten Artikels"  —  einmal  dann  gebraucht,  wenn  von  den  in  Rede 
stehenden  Personen  bereits  eingehender  gesprochen,  worden  ist.  auf 
sie  also  mit  Recht  als  auf  , .bekannte"  hingewiesen  werden  kann,  oder 
wenn  zwei  Personen  zu  einer  größeren  oder  kleineren  Zahl  anderer 
in  Gegensatz  gebracht  werden  und  weitere  unterscheidende  Merkmale 
itls  diese  Zweiheil  sich  nicht  darbieten  wollen.  (In  diesem  Falle  ist 
..beiden"  stärker  betont  als  der  Artikel  ,,die".) 

')  tHjrigens  kennt  das  Deutsche  ja  auch  ..a  1  1  e  beide",  gebraucht 
es  aber  im  Gegensatz  zu  dem  stark  abgeschliffenen  und  verflüchtigten 
tous  (les)  deux  nur  als  Ausdruck  energischer  Zusanunenfassung,  d.  h. 
zur  ausdrücklichen  Markierung  der  absoluten  Gleichzeitigkeit  und 
Oemeinsamkeit  des  betr.   Seins  oder  Tuns. 


1 18  Theodor  KaLepkij. 

in  denen,  neben  zahlreichen  Lous  dcux,  Loua  Irois  usw.  auch 
nicht  ein  einziges  toiis  les  deux,  tous  les  trois^)  usw.  anzu- 
treffen ist.^) 


")  Der  VoUsläiidigkeil  Iialber  sei  noch  eivvähnl,  daU,  was  inaiicli- 
mal  bestritten  wird,  gelegentlich  auch  (substantivisches)  les  dcux 
oder  ces  deux  allein,  d.  h.  ohne  tous,  toutes  anzutreffen  ist.  So  (bei  dpr 
Angabe  der  Ursachen  von  Unglücksfällen:)  Fatigue  ou  boisson,  quelque- 
fois  le  s  deux.  A.  Daudet,  La  Fedor  18.  —  (Mit  Bezug  auf  die  Ab- 
fassung der  beiden  Teile  des  Petit  Chose:)  Entre  les  de  u  x  se  place 
un  evenement  fort  inattendu  pour  moi,  ders.  Trente  ans  de  Paris  73.  — 
II  n'y  a  que  nous  deux  qu'on  n'a  invites  ä  rien  du  laut,  qu^on  a  menie 
expulses,  les  deux  precisement  que  tu  as  eus  le  plus  pres  de  ton  cceur, 
ders.  La  Fedor  57.  (Hier,  wie  in  den  l)eideii  folgenden  Sätzen,  durch 
den  Relativsatz  veranlaßt).  —  Pierre  la  suivait  songeant  ä  ces  de  u  .r. 
qui  restaient  seuls.  Zola,  Rome  745.  —  Et  eux  aussi,  l  e  s  de  u  x  qui 
passent  dans  ces  sentiers  de  digitales  et  de  jougeres,  participent  ä  cette 
printaniere  splendeur.      Loti,    Ramuntcho   151    usw. 

'•')  Ist  es  erlaubt,  scliließlich  noch  auf  die  zwar  äußerlich  ganz 
verschiedene,  aber  dem  innersten  Wesen  nach  docli  auch  wiederum 
verwandte  altfranzösische  Erscheinung  hinzuweisen,  die  A.  Tobler 
in  dem  6.  Artikel  der  leider  allzufrüh  abgebrochenen  5.  Reihe  seiner 
Verm.  Beitr.  (vgl.  Sitzungsberichte  der  Kgl.  preuß.  Akad.  d.  Wiss. 
1909,  S.  1145  ff.)  erörtert?  Verwandt  insofern,  als  es  sich  dabei  gleich- 
falls lediglich  um  eine  gewisse  Veranschaulichung,  um  den  —  allerdings 
kaum  berechtigten  —  Hinweis  auf  Seiende  als  bekannte,  als  in  der 
Vorstellung  schon  vorhandene  handelt.  Für:  ,,Ich  habe  nicht  zehn 
gefunden,  welche..."  sagt  der  Altfranzose  (auch  da,  wo  es  sich  um 
noch  gar  nicht  erwähnte  Personen  handelt)  je  n'ai  pas  trove  i  a  u  .s 
dis  qui. .  .  (also  ,,s  i  e  zehn",  d.  h.  ihrer  zehn).  Tobler  bemerkt  dazu, 
daß  ihm  dieses  Pronomen  (im  appositioneilen  Verhältnis  —  nicht 
partitiv,  wie  unser  ,, ihrer"!)  keine  andere  Bestimmung  zu  haben  scheine, 
„als  die  in  der  Zahl  begriffenen  Seienden  schärfer  zu  sondern,  in  einen 
gewissen  Gegensatz  zu  bringen  zu  denen,  die  nicht  dazu  gehören." 
Es  leistet  also  ähnliches  wie  in  den  Verbindungen  mit  tous  und  einem 
Zahlwort  der  bestimmte  Artikel. 

Schlachtensee  bei  Berlin.  Theodor   Kalkpky. 

(Fortsetzung  folgt.) 


Gustav  Gröber. 


Unerbittlich  räumt  der  Tod  unter  der  älteren  Romanisten- 
generation Deutsehlands  auf.  Kaum  sind  Adolf  Tobler  und 
Hermann  Breymann  heimgegangen,  trifft  die  schmerzliche  Kunde 
ein,  daß  auch  Gustav  Gröber  nicht  mehr  unter  den  Lebenden 
weilt.  Zwar  für  ihn  selbst  ist  der  6.  November  1911  ein  Tag  der 
Erlösung  gewesen,  der  Erlösung  von  lioffnungslosem,  jahre- 
langem Siechtum.  Für  unsere  Wissenschaft  bedeutet  aber  der 
Tod  des  großen  Gelehrten  einen  unersetzlichen  Verlust.  Für 
diejenigen,  die  zu  seinen  Schülern  zählten,  bedeutet  er  noch 
mehr.    Wir  trauern  um  Gröber,  wie  Söhne  um  ihren  Vater  trauern. 

Möge  es  mir,  der  ich  unter  seiner  Leitung  studierte,  promo- 
vierte und  mich  habilitierte,  der  ich  mehrere  Jahre  in  Straßburg 
an  seiner  Seite  dozieren  durfte,  gestattet  sein,  als  bescheidenes 
Zeichen  nie  vergehender  Pietät  ein  Rild  seines  Lebens  und  Wir- 
kens zu  entwerfen. 

Gustav  Gröber  ist  am  4.  Mai  1844  als  Sohn  eines  Budi- 
druckereibesitzers  in  Leipzig  geboren.  Seine  Eltern  bestimmten 
ihn  zum  Buchhändler  und  gaben  ihn  nach  absolvierter  Schule 
zuerst  in  Leipzig  in  die  Lolire;  dann  wurde  er  nach  Frankfurt 
zur  weiteren  Ausbildung  geschickt.  Aber  der  Knabe  hatte  zu 
diesem  Beruf  gar  keine  Neigung;  inständig  bat  er  seine  Eltern 
ihn  doch  studieren  zu  lassen,  aber  umsonst,  seine  Bitten  wurden 
nicht  erhört.  In  seiner  Verzweiflung  wandte  er  sich  nun  um  Hilfe 
an  den  Direktor  der  Fürstenscliule  zu  Meißen.  Zugleich  trat 
ein  Freund  Gröbers,  der  spätere  Romanist  Körting  warm  bei 
seinen  Eltern  für  ihn  ein;  endlich  gaben  sie  denn  auch  nach  und 
gestatteten  ihm  den  Besuch  des  Gynmasiums.  Schon  während 
seiner  Lehrzeit  halte  Gröber  für  sich  emsig  gearbeitet,  so  daß 
er  bereits  nacii  zweijährigem  Schulbesuch  das  Gynmasium  ab- 
solvieren konnte.  Die  Energie,  mit  welciier  er  schon  damals, 
allen  Hindernissen  zum  Trotz,  seinen  Willen  durciisetzte,  ist 
charakteristisch  für  ihn.  Hatte  er  einmal  einen  Plan  gefaßt, 
so  fülirte  er  ihn  auch  durcli,  koste  es  was  es  wolle.  Gröber  stu- 
dierte nun  in  seiner  Vaterstadt  romanische  um!  klassisch»?  Philo- 
logie.    Ebert  war  namentlich  sein  Lehrer.     Bei  ihm  promovierte 


120  Heinrich  Schneegans.  ! 

er   aucli    im    Jaliro    1869   auf    Grund    einer  Arbeit   über    lland- 
schrijlliche   Geslaltungen    der    Chanson    de    geste    von    Ficrnbras. 
Naclidcm  er  ein   Jahr  lang  Hauslelirer  bei  einem  Grafen  Wald- 
stein in   Böhmen  gewesen  war,   kam  an  ihn  eine  Anfrage  von 
Tüblcr,  ob  er  geneigt  wäre,  sich  als  besoldeter  Privatdozent  in 
Zürich    für  das  Fach  der  romanischen  Philologie  zu  habili- 
tieren.    Gröber  nahm  an  und  siedelte  im  Herbste  1870  nach  der 
Schweiz  über.     Schon  ein  Jahi'  später  wurde  er  Extraordinarius. 
In  diese  seine   Scliweizer  Zeit  fällt  seine  Arbeit  über  ..Alljran- 
züsische  Romanzen  und  Pastoarellen,  1872".     Am  15.  November 
1873   schlug  ihn    die   philosophische    Fakultät   der   Universität 
Breslau  einstimmig  an  einziger  Stelle  und  mit  großem  Nach- 
druck zum  Ordinarius  vor.    Er  wurde  im  Gutachten  der  Fakultät 
bezeichnet   als   die   „unter   den   jetzigen   Umständen   tüchtigste 
Lehrkraft  und  geeignet  stcPersönliclikeit  für  die  hiesige  Professur".^) 
Am  13.  Dezember  wurde  er  ernannt  und  trat  seine  Stelle  im  Som- 
mersemester  1874  an.     In  Breslau   hat   Gröber  den   Grund  zu 
seiner    ausgedehnten    Gelehrtentätigkeit    gelegt.      Dort    ist    es 
gewesen,  daß  er  im   Jahre   1877   die  Zeitschrift  für  romanische 
Philologie  gründete,  der  sich  auch  die  wichtigste  bibUographische 
Hilfsquelle  der   Romanistik  angliederte,  die  bekannten   Supple- 
mente, deren  erstes  Heft  mit  der  Bibliographie  von  1875/76,  1878 
erschien.     In  die  Breslauer  Zeit  fällt  auch  Gröbers  Arbeit  über 
die  ,, Liederhandschriften  der  Troubadours  1877".    Auch  als  Lehrer 
entfaltete  Gröber  eine  sehr  rege  Tätigkeit.     Auf  seinen  Antrag 
erfolgte  zwei  Jahre  nach  seiner  Ernennung  die  Begründung  des 
Seminars  für  romanische  und  englische  Philologie.     Aus  diesem 
Seminar    sind    neun    Dissertationen    hervorgegangen,    darunter 
die   des   späteren    Hochschullehrers    Koschwitz     ^,Über   die 
Chanson  du  voyage  de  Charlemagne  ä  Jerusalem  et  ä  Constantinople 
(vom  7.  April  1875).     In  Breslau  begründete  auch  Gröber  seine 
Familie.    Am  29.  März  1875  heiratete  er  Elisabeth  Weitenweber. 
Der  überaus  glückUchen  Ehe  sind  zwei  Kinder  entsprossen,  eine 
Tochter  und  ein  Sohn.     Nach  sechs   Jahren  wurde  Gröber  als 
Böhmers     Nachfolger    nach     Straßburg     berufen.      Trotz 
eines  glänzenden  und  sehr  verlockenden  Rufes  nach  Leipzig, 
seiner   Vaterstadt,   als   Nachfolger  seines  Lehrers   Ebert    (1890) 
blieb  er  bis  an  sein  Lebensende  (also  von  1880 — 1911)  der  Kaiser- 
Wilhelms-Universität  treu.    Er  ist  eine  ihrer  glänzendsten  Zierden 
gewesen.      In    Straßburg    sind    die    hervorragendsten    Arbeiten 
Gröbers  verfaßt  oder  herausgegeben  worden,  die  Vulgärlateinischen 
Substrate  romanischer  Wörter  in  Wölfflin's  Archiv  für  lateinische 
Lexicographie    (1884 — 1892)    und    vor    allem    der   Grundriß    der 
romanischen  Philologie,  dessen  erster  Band  1888  (2.  Auflage  1904 

'~'"     ^)  Cf.  C.  Appel,    Breslau,  K.  Jahresbericht  f.  rom.   Phil.   1905 
IV  p.  26. 


Gusiw  Gröber.  121 

bis  1906)  bei  Trübner  erschien,  während  der  2.  Band  in  den  Jahren 
1897 — 1902  publiziert  wurde.  Welche  gewaltige  Arbeit  im 
Grundriß  verborgen  ist,  ahnt  der  Laie  kaum.  Wir  haben  es  an 
dieser  Stelle  des  Näheren  noch  nicht  zu  beleuchten.  Erwähnen 
wir  nur  einstweilen,  daß  auf  Gröber  allein  im  ersten  Band  die 
..Geschichte  der  romanischen  Philologie"  (1 — 185)^),  die  .^Aufgabe 
und  Gliederung  der  romanischen  Philologie  (186 — 202),  .^.^Die 
mündlichen  Quellen"  (254—266),  die  Methodik  und  Aufgaben  der 
sprachivissenschafllichen  Forschung  (267 — 317),  die  Einteilung 
und  äußere  Geschichte  der  romanischen  Sprachen  (535 — 563),  im 
2.  Band  (1.  Abteilung)  die  Übersicht  über  die  lateinische  Literatur 
(97 — 432)  und  die  altfranzösische  Literatur  (433 — 1247)  entfällt. 
Wie  viele  stattliche  Bände  hätten  andere  nicht  aus  diesen  1729 
enggedruckten  Seiten  in  konzisem,  gedankenschwerem  Stil 
lierausgeschält!  Gröber  verschmähte  aber  jedes  Prunken  mit 
äußerem  Schein.  Ihm  galt  nur  die  Sache.  Mit  eiserner  Konse- 
quenz und  pünktlichster  Regelmäßigkeit  arbeitete  er  an  seinem 
Grundri  B.  Jahre  lang  konnte  man  ihn  Tag  für  Tag  in  den  Morgen- 
stunden in  der  Bibliothek  am  selben  Platze  sitzen  sehen.  Nach- 
mittags und  bis  spät  in  die  Nacht  hinein  arbeitete  er  zu  Hause. 
Und  or  gönnte  sich  keine  Ferien.  Größere  Reisen  hat  er  nur 
selten  unternommen.  Er  ist  nur  einmal  in  Frankreich  und  Italien 
gewesen.  Selbst  in  die  Sommerfrische  begleiteten  ihn  seine 
Bücher  und  Korrekturbogen.  Eine  so  intensive  Arbeit  mußte 
schädliche,  gesundheitUche  Folgen  haben.  So  litt  denn  Gröber 
schon  in  den  90er  Jahren  an  starker  Schlaflosigkeit.  Und  man 
bedenke,  daß  die  Arbeit  im  Grundriß  nicht  die  einzige  war.  Es 
kam  die  fortlaufende  verantwortungsvolle  und  zeitraubende 
Arbeit  der  Redaktion  der  Zeitsclirift,  der  bibliogi^aphischen 
Supplementheftc,  denen  sich  im  Laufe  der  Zeit  auch  die  „Bei- 
hefte" zugesellten.  Von  kleineren  Arbeiten,  die  Gröber  daneben 
veröffentlichte,  wollen  wir  gar  nicht  reden.^)  Dazu  kam  die 
Lehrtätigkeit,  welcher  er  sich  mit  dem  größten  Eifer  hingab. 
Außer  der  vierstündigen  Vorlesung,  die  er  regelmäßig  hielt,  die 
Seminarübungen.  Ferner  die  Leitung  der  Dissertationen.  Er 
regte  deren  nicht  weniger  als  84  in  Straßburg  allein  an.  Wenn 
man  sich  vergegenwärtigt,  welche  Zeit  die  Beteiligung  an  der 
Prüfungskommission  für  das  examen  pro  facultate  docendi  und 
die  zahlreichen  akademischen  Ämter  (Gröber  war  z.   B.  immer 

2)  Ich  zitiere  nach  dei-  2.  Auflage. 

^)  Ich  weise  namentlich  auf  folgende  hin:  Ül)er  das  Haager  Frag 
ment,  Herrigs  Archiv  Bd.  84,  p.  291— .322;  Die  Carmina  clericoriini, 
SludentenlieJer  des  Miltclnllers  ed.  dnrniis  qunedatu  vetus  1890;  Zur 
Volkskunde  aus  Coneilbeschlüssen  und  Capilularien  1894;  der  Inhalt 
des  Faroliedes  im  d'Anconaband  p.  583 — 601,  Firenzo  1901;  das  älteste 
rätorotnanische  Spruchbuch  1907,  Zur  provenzalischen  Versiegende 
der  h.  Fides  von  Agen  1907;  seine  letzte  Arbeit  im  Samnielband  für 
Pio  Rajna:  Die  Entstehung  des  franz.  ieu  und  ceulautes. 


122  Heinrich  Schneegans. 

Vorsitzender  der  Stipendienkommission)  oineni  nocli  kosten, 
wenn  man  bedenkt,  daß  Gröber  auch  stets  das  regste  Interess.- 
an  der  laufenden  Literatur  nahm,  sehr  vieles  las,  was  niciit  in 
sein  Facli  gehörte,  so  macht  man  sich  ungefäiir  ein  Bild  seiner 
ganz  gewaltigen  Leistung.  Kein  Wunder,  daß  er  bei  solchci- 
Arbeitslast  zweimal  die  Ehre  des  Rektorats,  die  ihm  seine  Kollegen 
vertrauensvoll  anboten,  ausschlug.  —  Seiner  Gattin  gegen- 
über äußerte  Gröber,  daß  er  während  der  Herausgabe  des 
Grundrisses  manchmal  gefürchtet  hätte,  unter  der  Arbeit  zu- 
sammenzubrechen. Und  als  endlich  das  große  Werk  vollbracht 
war,  ruhte  Gröber  nicht.  Sofort  machte  er  sich  an  ein  neues 
Unternehmen  und  schuf  die  Bibliotheca  romanica.  in  der  muster- 
gültige Texte  berühmter  romanischer  Autoren  in  biUigen  Aas- 
gaben mit  hterarischen  Einleitungen  herausgegeben  werden 
sollten.  Und  auch  hier  beteiligte  sich  Gröber  persönlich  außer- 
ordentlich aktiv.  Die  Einleitungen  von  nicht  weniger  als  14 
Bändchen  tragen  seine  bescheidene  Unterschrift  G.  G-^*)  Her 
rüstigste  Körper  hätte  eine  solche  Arbeitslast  auf  die  Dauer  nicht 
ertragen.  Von  Haus  aus  hatte  Gröber  eine  eiserne  Gesundheit. 
Bis  in  die  sechziger  Jahre  hatte  er  sich  ein  jugendfrischos  Aus- 
sehen bewahrt,  über  das  manche  staunten.  Man  hätte  ihn  für 
weit  jünger  gehalten.  Hatte  er  doch  kaum  ein  graues  Haar. 
Da  kam  aber  plötzlich  der  Rückschlag.  Der  Leib,  den  er  so  sehr 
mißachtet,  nahm  seine  Revanche.  Zu  einer  sehr  lästigen  Augen- 
krankheit, der  zu  Folge  er  im  Laufe  der  Zeit  das  Augenlicht  fast 
ganz  einbüßte,  traten  Lähmungen  verschiedener  Art  ein,  die  den 
Körper  fast  ganz  gebrauchsunfähig  machten.  \'on  Zeit  zu  Zeit 
besserte  sich  sein  Zustand,  doch  nie  dauernd.  Fünf  Jahre  lang 
hatte  Gröber  schwer  zu  leiden,  —  und  schon  die  vorhergehenden 
sechs  war  er  nicht  mehr  gesund.  So  mußte  er  denn  daran  denken 
seinen  Abschied  zu  nehmen.  Er  tat  es  im  Sommersemester 
1909.  Die  Leitung  der  Zeitschrift  und  der  Bibliotheca  romanica 
behielt  er  aber  bis  zuletzt.  Mit  eiserner  Energie  benutzte  er 
jeden  AugenbUck,  den  ihm  sein  unerbittHches  Leiden  ließ,  um 
zu  arbeiten.  Noch  ein  Jahr  vor  seinem  Tod  gab  er  seine  „Wahr- 
nehmungen und  Gedanken"  heraus  {Aus  der  Zeit,  Für  die  Zeit., 
Zur  Klärung.  1875 — 1910  Straßburg,  Heitz  und  Mündel),  eine 
Sammlung  von  Aphorismen.  Als  ich  ihn  einmal  nach  seiner 
Emeritierung  aufsuchte,  sagte  er  mir,  jetzt  werde  er  sich  mehr 

^)  Gröber  gab  folgende  Texte  heraus:  In  der  französischen  Ab- 
teilung, die  Chanson  de  Roland,  Descartes,  Discours  de  la  Methode, 
Corneille's  Cid,  Moheres  Tartuffe,  Misantitrope,  Femmes  savantes, 
Racine's  Aihalie,  Restif  de  la  Bretonne:  L'an  2000,  Beaumarchais 
Barbier  de  Seville,  Claude  TilUer's  Mon  oncle  Benjamin;  in  der  italie- 
nischen Abteilung,  Dante's  Divina  Commedia,  die  Rime  Petrarca's 
Boccaccio's  Decameron  (die  ersten  Giornate),  und  in  der  spanischen, 
Calderon's  La  vidaes  sueilo,  und  zwar  jedes  mal  mit  einer  Einleitung 
in  der  jeweiligen  Sprache  des  Textes. 


Gustav  Gröber.  123 

mit  Philosophie  beschäftigen;  es  sei  dies  überhaupt  von  jeher 
seine  Lieblingswissenschaft  gewesen.  Doch  die  Krankheit  ließ 
ihm  keine  Muße  mehr  dazu.  Immer  düsterer  zogen  sich  die 
Schatten  des  Todes  um  ihn.  In  diesem  Herbst  sah  ich  ihn  zum 
letzten  Mal.  Kaum  konnte  er  sich  noch  bewegen,  und  nur  stockend 
und  mit  äußerster  Mülie  vermochte  er  einige  Worte  herauszu- 
bringen. „Sie  treffen  mich  in  sehr  reduziertem  Zustande"  sagte 
er  mir.  Aber  er  klagte  nicht.  Als  ich  ihn  fragte,  ob  er  Schmerzen 
hätte,  wich  er  der  Antwort  aus  und  erwiderte:  ,,Ich  freue  mich, 
daß  das  eine  Auge  noch  etwas  sieht".  Das  war  ganz  Gröber. 
Von  seinem  Zustand  schien  er  ein  klares  Bewußtsein  zu  haben. 
Aber  er  war  eine  asketische  Natur.  Zu  Jammern  und  Weh- 
klagen ließ  sich  er  nie  herab.  —  Jeder,  der  ihn  lieb  hatte,  mußte 
aber  wünschen,  daß  dieses  elende  Dasein  bald  ein  Ende  fände. 
Erlöst  wurde  er  am  6.  November  1911. 

Wenn  man  sich  fragt,  worin  Gröbers  Bedeutung  als  Ge- 
lehrter liegt,  wird  man  keinen  Augenblick  zweifeln.  Bei  Andern 
mag  man  sagen,  daß  sie  eher  Sprachforscher  oder  eher  Literar- 
historiker oder  Textkritiker  sind.  Gröber  war  vor  allem  ein 
Enzyklopädiker  und  Organisator  ersten  Ranges. 
Die  Zeitschrift  mit  Supplement-  und  Beiheften,  der  Grundriß, 
die  Bibliotheca  romanica,  diese  drei  Schöpfungen  reden  eine 
deutliche  Sprache.  Nicht  minder  die  Abschnitte,  die  er  sich 
im  ersten  Bande  des  Grundrisses  zur  Ausarbeitung  auswählte, 
die  Geschichte  der  romanischen  Philologie,  ihre  Aufgabe  und 
Gliederung,  die  Einteilung  und  äußere  Geschichte  der  romanischen 
Sprachen.  Nicht  weniger  umfassend  war  er  als  Lehrer.  Er  las 
nicht  bloß  über  Sprachgeschichte,  er  las  auch  über  Literatur 
und  zwar  sow^ohl  des  alten  wie  des  neuen  Frankreichs,  bis  in  die 
Klassikerzeit  hinein.  Die  Dissertationen,  die  er  anregte,  bewegen 
sich  auf  den  verschiedensten  Gebieten,  und  die  zahlreichen 
Schüler,  die  er  heranbildete,  vertreten  auf  den  Lehrkanzeln 
Deutschlands  die  allerverschiedensten  Richtungen.  Man  kann 
es  wohl  sagen.  Einen  so  w'eiten  und  umfassenden  Bhck  wie  er 
hat  kaum  ein  anderer  deutscher  Romanist  gehabt.  Eigentüm- 
lich ist  es  gewiß,  daß  dieser  stille  Gelehrte,  der  kaum  aus  seiner 
Studierstube  herauskam,  soviele  Gelehrte  des  In-  und  Auslandes 
um  sich  zu  gruppieren  wußte,  um  an  seinen  verschiedenen  Unter- 
nehmungen tätig  zusein.^)  Er  reiste  nicht,  er  besuchte  keine  Kon- 
gresse, er  hielt  weder  Reden  noch  Vorträge.  Von  seinem  Schreib- 
tische aus  leitete  er  alles,  beinahe  unsichtbar,  nacli  festem,  über- 
legtem Plan,  einem  modernen  Feldherrn  vergleichbar,  der  nicht 
in  die  Schlacht  hinaussprengt  und  an  der  Spitze  der  Regimenter 

5)  Wie  sehr  er  im  In-  und  Auslände  geschätzt  wurde,  beweist 
der  Umstand,  daß  BerHn,  Wien,  Göttingen,  Bukarest  und  Coimbra 
ihn  zum  korrespondierenden  Mitglied  ihrer  wissenschaftliolien  Ge- 
sellschaften ernannten. 


124  llriiiruh  Schneegans. 

cinliergaloppiert,  sondern  sitzend,  von  seinem  Feldlierrnzelt  aus, 
mit  Telephon  und  Telegraph  bewaffnet,  die  Karte  vor  sicli  aus- 
gebreitet, den  Meisten  verborgen,  seine  Befolile  zum  Angriff  oder 
zur  Verteidigung  erteilt. 

Seiner  umfassenden  Geistesrichtung  enlspiechend  wolltx' 
Gröber  die  Aufgabe  der  Philologie  nicht  etwa  wie  Tobler  auf  eine 
,, wahre  und  getreue  Vergegenwärtigung  des  Inhalts  fremder 
Rede"  beschränken;  er  sah  vielmelir  den  eigentlichen  Gegen- 
stand der  Philologie  in  der  Erforschung  der  ,,Ersc})einung  des 
menschlichen  Geistes  in  der  nur  mittelbar  verständUchen  Sprache 
und  seine  Leistungen  in  der  künstlerisch  behandelten  Rede  der 
Vergangenheit".*^)  Sprach^^•issenschaft,  Textkritik,  Hermeneutik 
und  Literatur,  alle  diese  Disziplinen  gehören  nacli  ihm  mit  dem- 
selben Rechte  zur  Philologie.  Nach  dieser  Definition  könnte 
man  auf  den  ersten  BHck  glauben,  daß  es  nach  Gröbers  Meinung 
nur  für  den  Nicht-romanen  eine  romanische  Philologie  gäbe, 
da  nur  für  ihn  die  Sprache  mittelbar  verständlich  wäre.  Aber 
diesem  Einwand  begegnet  Gröber  selbst,  in  dem  er  ausführt,  daß 
die  Muttersprachen,  wenn  sie  auch  unmittelbar  verstanden 
werden,  ,,auch  als  solche  nicht  ausreichen,  um  sie  selbst  oder 
ein  Erzeugnis  künstlerischer  Rede  in  ihnen  nach  der  geschicht- 
lichen Seite  hin  wahr  aufzufassen  "  (I.e.  p.  197).  Somit  würden 
sie  denn  schon,,  auf  ihrer  gegenwärtigen  Stufe,  bei  den  Romanen 
nicht  anders  als  bei  dem  Ausländer,  Forschungsgegenstand". 
Sie  seien  es  ,,in  allen  ihren  Gestaltungen,  in  ihrer  ganzen  Dauer 
bis  hinab  zu  ihren  Anfängen  als  schlichter  Ausdruck  des  Denkens 
im  Verkehr  der  Sprachgenossen,  \\\q  im  schriftstellerischen 
Werke".  So  wäre  es  denn  falsch  sich  vorzustellen,  daß,  wenn 
im  Grundriß  die  französische  Literatur  von  Gröber  nur  bis  zum 
Ende  des  15.  Jahrliunderts  geführt  wird,  er  der  Ansicht  gewesen 
wäre,  daß  die  moderne  Literatur  kein  Gegenstand  philologischer 
Erforscliung  gewesen  wäre.  Sollte  dies  seine  Meinung  gewesen 
sein,  so  hätte  er  auch  die  Literatur  anderer  romanischer  Völker 
im  Grundriß  auf  das  Mittelalter  beschränkt.  Das  ist  aber  weder 
bei  der  italienischen  noch  portugiesischen,  rätoromanischen 
oder  rumänischen  der  Fall,  da  sie  bis  in  das  19.  Jahrhundert 
geführt  werden.  Nur  äußere  Gründe  werden  es  veranlaßt  haben, 
daß  die  katalanische,  spanische  und  französische  Literatur  nicht 
vollständig  vorgeführt  werden.  Hinsichtlich  der  französischen, 
deren  spätere  Perioden  auch  Anfangs  charakterisiert  werden 
(Grundriß  II,  1,  p.  435/6)  sagt  Gröber  selbst:  „Nur  für  die 
altfranzösische  Zeit  steht  der  Raum  hier  zur  \^erfügung".  Also 
nur  ein  äußerlicher  Grund  hat  die  neufranzösische  Lite- 
ratur ferngehalten.  Für  die  umfassende  Vorstellung,  die  er  sich 
von  unserm  Arbeitsgebiet  machte,  Nvird  es  nicht  unnötig  gewesen 

'■)  Cf.  Grundriß  1,2),  p.  193/194. 


Gustav   Gröber.  125 

sein,  sich  dies  alles  klar  vor  Augen  zu  führen.  Daß  Gröber  auch 
sonst  für  die  moderne  Literatur  Interesse  hatte,  weiß  jeder,  der 
bei  ihm  gehört  hat.  Er  las  in  regelmäßigem  Turnus  Geschichte 
der  französischen  Literatur  seit  Franz  L  und  kam  bis  tief  in  die 
Regierung  Lud^^^gs  XIV.  hinein.  Das  erste  Semester  seiner 
Amtstätigkeit  in  Straßburg  las  er  auch  ein  zweistündiges  Kolleg 
über  das  französische  Lustspiel  des  18.  Jahrhunderts.  Die  neu- 
französischen Texte,  die  er  in  der  Bibliotheca  Romanica  heraus- 
gab, habe  ich  schon  oben  zitiert.  Aus  zahlreichen  Gesprächen 
mit  ihm  weiß  ich,  wie  sehr  er  auch  in  der  modernsten  Literatur 
bewandert  war.  Freihch,  sympathisch  war  ihm  die  Richtung 
der  neueren  Literatur  nicht.  Oft  hat  er  geklagt  über  die  Hervor- 
kehrung der  ,, Elendsgefühle"  durch  den  französischen  Naturalis- 
mus, über  die  Animahsierung  der  Frau  in  dieser  Literatur,  über 
die  Torheit  in  der  Kunst  nur  Selbstzweck  sehen  zu  wollen.  Über 
Frankreich  überhaupt  liat  er  manchmal  liarte  Urteile  gefällt, 
die  nicht  immer  gerechtfertigt  sein  dürften.  So  tadelt  er  in 
seinen  ,, Wahrnehmungen  und  Gedanken,  p.  33  ff."  an  den  Fran- 
zosen, daß  sie  die  Formenkunst  zu  sehr  betonten  und  der  Selbst- 
gefälligkeit zum  Ausdruck  verhülfen,  daß,  was  in  Frankreich 
nicht  eitel  sei,  dem  Eiteln  nachlaufe,  daß  Franzosen  wie  Frauen 
empfänden  und  wie  Juden  rechneten.  In  seinem  Urteil  konnte 
Gröber  überhaupt  hart  sein,  und  hatte  er  einmal  eine  Überzeu- 
gung gewonnen,  so  war  er  kaum  davon  abzubringen.  Alles, 
was  in  den  ,, Wahrnehmungen  und  Gedanken"  steht,  dürfen  wir 
übrigens  nicht  wohl  als  den  Ausdruck  seiner  besseren  Jahre 
ansehen.  Wir  dürfen  nicht  vergessen,  daß  sie  in  der  letzten  Zeit 
seines  Lebens  redigiert  wurden,  und  daß  der  trübe  Schatten  der 
Krankheit,  die  ihn  folterte,  ihm  jede  Lebensfreude  raubte  und 
eine  tiefe  Bitterkeit  in  seiner  Seele  aufkommen  lassen  mußte. 
Von  einer  stillen  Gelehrtennatur  erw-artet  man  im  allge- 
meinen nicht,  daß  sie  besonders  anregend  sei.  Und  doch  ist  das 
bei  Gröber  mehr  der  Fall  gewesen  als  bei  den  meisten.  Wie  viele 
Anregungen  hat  er  nicht  allein  im  Grundriß  gegeben!  Denken 
wir  nur  an  seine  Theorie  der  Ausbreitung  der  romanischen  Sprachen 
von  gewissen  Sprachzentren  aus.  Was  jetzt  die  Schweizersciiulc 
mit  Morf  und  Gauchat  an  der  Spitze  im  einzelnen  ausführen, 
geht  doch  in  letzter  Linie  —  vielleicht  unbewußt  —  auf 
Gröbers  Grundriß  zurück.  Hatte  er  doch  schon  p.  539  ausge- 
sprochen: ,,Die  Frage  nach  der  Gliederung  der  romanischen 
Mundarten  ist  auch  die  Frage  nach  den  Ausbreitungszentren 
romanischer  Sprache  und  nach  den  Verkelirsgrenzen,  die  unttM- 
den  Romanen  ehemals  bestanden"...  und  p.  540:  ,, Geschicht- 
liche Tatsachen  müssen  mit  den  sprachlichen  Erhebungen  sicli 
vereinigen,  wenn  Gebiete,  die  sich  als  Höiien  lautliciier  Ent- 
wickelung  und  als  Entstehungsorte  herrschenden  Sprachge- 
brauchs dargestellt  haben,  als  einstige  Sprachzentren  anerkannt 


I2f;  Heinrich  Schneegans. 

werden  sollen."  Wie  Gröbers  Anregung  hier  die  Sprachgeographie 
im  weitesten  Sinne  befruchtet  hat,  so  hat  er  auch  die  Ortsnamen- 
forschung  namcntlicli  durch  Anregung  von  Schülerarbeiten 
mächtig  gefördert.  Wenn  für  diese  Seiten  der  romanischen  Philo- 
logie die  Geschichte  Hilfswissenschaft  ist,  so  für  manche  andere, 
die  Gröbers  Interesse  waclirief,  die  Psychologie.  Die  in  der  Syntax 
so  wichtige  Unterscheidung  zwischen  subjektiver  und  objektiver 
Gedankendarstellung,  zwischen  affektischer  und  verstandes- 
mäßiger Rede,  die  etwa  auf  die  Stellung  des  Adjektivs  oder  die 
Erklärung  des  Konjunktivs  einen  so  großen  Einfluß  ausübt, 
ist  meines  Erachtens  von  Gröber  zuerst  im  Grundriß  ausgesprochen 
worden.  Wer  je  an  seinen  Seminarübungen  über  französische 
Syntax  teilgenommen  hat,  weiß,  wie  anregend  seine  Kritik  der 
Lücking'schen  und  anderer  Grammatiken  war,  und  wie  vor- 
züghch  er  es  verstand  an  Stelle  der  unnötig  komplizierten  und 
äußerlichen  Regeln,  die  den  Grund  der  Sache  nicht  trafen,  die 
psychologische  Radix  der  Erscheinungen  aufzudecken.  Auch 
in  der  Laut-  und  Formenlehre  wußte  er  stets  auf  die  letzten 
psychischen  Ursachen  aufmerksam  zu  machen.  Man  denke 
nur  an  seine  Auseinandersetzungen  über  die  vis  minima  (Grundriß 
1,2),  p.  298  und  die  Tendenz  der  französischen  Sprache  stets 
offene  Silben'^)  herzustellen.  Aber  nicht  bloß  im  Grundriß,  schon 
in  seiner  ersten  Arbeit  hatte  Gröber  gezeigt,  daß  er  ein  Pfadfinder 
w-ar.  Schon  im  Jahre  1869,  in  seiner  Arbeit  über  die  handschrift- 
lichen Gestaltungen  der  Chanson  de  geste  von  Fierabras,  hatte 
er  die  Hauptgesichtspunkte  der  kritischen  Herstellung  eines 
altfranzösischen  Textes,  also  noch  vor  Gaston  Paris'  Ausgabe 
des  Alexiusgedichtes  ausgesprochen. 

Anregend  hat  Gröber  auch  als  Literarhistoriker 
gewirkt.  Er  ist  der  erste,  der  in  Deutschland  eine  nur  wis- 
senschaftlichen Zwecken  dienende  altfranzösische 
Literaturgeschichte  gegeben  liat,^)  {Französische  Literatur  II,  1 
p.  433 — 1250).  Vor  ihm  gab  es  auch  in  Frankreich  nur  A  u  b  e  r  - 
t  i  n's  veraltete  Histoire  de  la  langue  et  liüeratiire  jrauQaise  au 
moyen  age  1876,  1885,2;  Gaston  Paris'  kurzes  Manuel 
1888,  1890,2  uj^(j  (jig  recht  ungleichen  zwei  ersten  Bände  in  P  e  t  i  t 
de  J  u  1 1  e  V  i  1 1  e's  Histoire  de  la  litterature  franraise  1893.  Was 
w^ar  das  im  Vergleich  zur  gewaltigen  Leistung  Gröbers  mit  ihren 
817  Seiten?    Welche  Gelehrsamkeit  war  da  aufgestapelt!     Eine 


')  Auch  in  einer  besondern  Abhandlung  unter  diesem  Titel  in 
,,Miscellanca  linguisüca  in  onore  di  G.   Ascoli  263 — 273,   1901. 

^)  Suchiers  Literaturgeschichte  erscheint  zwar  1900.  Aber  auf 
wie  gründhcher  Basis  sie  auch  ruht,  sie  verfolgt  doch  nicht  rein  wissen- 
schaftliche Zwecke,  sondern  ist  zugleich  popularisierend.  Sie  ent- 
behrt auch  des  bibliographischen  Materials.  Auch  geht  sie,  wie  es 
selbstverständlich  bei  dem  verfolgten  Zwecke  ist,  nicht  so  sehr  ins 
Einzelne  wie  Gröbers  Literaturgeschichte. 


Gustav  Gröber.  127 

wahre  Benediktinerarbeit.  Jeder  Satz  das  Ergebnis  langer, 
gewissenhafter  j\rbeit.  Man  wird  es  getrost  behaupten  können, 
Gröber  hat  alles  selbst  gelesen,  durchforscht  und  sich  über  alles 
seine  eigene  Meinung  gebildet.  Oft  gibt  er  in  einem  einzigen 
knappen  Satz  den  Inhalt  eines  ganzen  Epos  wieder.  Den  Voyage 
de  Charlemagne  ä  Jerusalem  ei  Consiantinople  analysiert  er  z,  B. 
kurz  folgendermaßen  (p.  465):  ,,Karl  der  Große  zieht,  in  seiner 
Eitelkeit  von  seiner  Gemahlin  aufgestachelt,  aus,  sich  mit  dem 
angeblich  stattlicheren  König  Hugo  von  Konstantinopel  zu 
messen,  gelangt  als  Pilger  nach  dem  heil.  Lande,  wo  Gott  für  ihn 
Wunder  tut  und  die  Reliquien  ihm  übergeben  werden,  überzeugt 
sich  dann  von  der  Überschätzung  Hugos  durch  seine  Gemahlin, 
unterläßt  aber  die  für  diesen  Fall  angedrohte  Strafe  bei  seiner 
Heimkehr  an  ihr  zu  vollziehen."  Der  folgende  Satz  charakteri- 
siert kurz  die  ,,gabs" .  Mit  klarem  Blick  erfaßt  Gröber  das  Wichtige 
und  rückt  es  kräftig  in  den  Vorderginmd.  Über  die  bedeutendsten 
und  schwierigsten  Fragen  der  altfranzösischen  Literatur  hat  er 
auch  seine  selbständige  Meinung,  So  über  die  Entstehung  des 
altfranzösischen  Epos,  schon  im  Anschluß  an  das  Haager  Fragment 
in  Herrigs  Archiv  84  (291 — 322),  dann  bei  Besprechung  des 
Faroliedes  im  d'Anconaband  (p.  583 — 601),  endlich  eingehend 
im  Grundriß,  wo  er  einerseits  die  carmina  regum^  anderseits 
die  Zeitgedichte  als  die  ersten  Epenformen  ansieht  (Litt.  II  1. 
447  ff.).  Nicht  minder  originell  sind  seine  Gedanken  über  die 
altfranzösische  Lyrik,  für  die  er  zwar  als  Ausgangspunkt  eine 
volkstümhche  Gattung  annimmt,  dann  aber  die  Ent\\'ickelung 
den  sozialen  Zuständen  gemäß  im  aristokratisierenden  Sinne 
.sich  weiter  vorstellt  (schon  in  seinen  altfranzösischen  Romanzen 
und  Pastourellen  1872,  auch  Jahrbuch  12,  91  ff.,  dann  in  der 
Abhandlung  ,,Zur  Volkskunde  aus  Concilbeschlüssen  und  Capi- 
{.ularien  1893'-,  in  der  Literatur  p.  444  ff.,  475  ff.,  659  ff.). 
Es  dürfte  wenig  Gelehrte  geben,  die  von  dem  literarischen  Leben 
Frankreichs  im  Mittelalter  eine  so  vollständige  Kenntnis  ge- 
habt haben  wie  Gröber.  Denn  er  begnügt  sich  nicht  mit  der 
Darstellung  der  in  französischer  Sprache  A^erfaßten  literarischen 
Werke;  er  zieht  auch,  wie  bekannt,  die  ganze  lateinische  Literatur 
der  Zeit  in  den  Kreis  seiner  Forschung.  Auch  hier  hat  Gröber 
i)ahnbrechend  gewirkt  (Übersicht  über  die  latei- 
nische Literatur  von  der  Mitte  des  6.  Jahr- 
hunderts bis  1350,  p.  97—432,  Grundriß  IV). 

Es  gibt  wenige  Fragen  der  romanischen  Philologie,  zu  denen 
(iröber  nicht  das  eine  oder  andere  Mal  Stellung  genommen  hätte. 
So  haben  auch  die  ältesten  Denkmäler  seine  Auf- 
merksamkeit gefesselt.  Mit  den  so  viel  und  so  oft  umstrittenen 
Formen  der  Straßburger  Eide  hat  er  sich  schon  früh  befaßt 
(Jahrbuch  für  rom.  und  engl.  Lit.  XV  1876,  86  ff.;  Zs.  für  rom. 
Phil.  II  1878,  184),  ebenso  mit  einigen  die  Passion,  den  Leodegar 


128  Heinrich  Schncegari'--. 

und  die  Stephansepistel  betreffenden  Fragen  (Zs.VI  1872,  p.470  ff.i 
Aber  nicht  bloß  die  französische,  auch  die  andern  romanischen 
Sprachen  haben  ihn  beschäftigt.  Schon  während  seiner  iJreslauer 
Zeit  1877  suchte  er  in  den  „Liedersammlungen  der 
Troubadours"  die  Hss.  der  provenzalischen  Lyriker  in 
ihre  einzelnen  Bestandteile  aufzulösen  und  von  den  Anfängen 
der  schriftlichen  Aufzeichnung  derselben  ein  Bild  zu  entwerfen. 
Einen  provenzalischen  Gegenstand  behandelt  auch  seine  Arbeit 
,,Zur  provenzalischen  Verslegende  der  heil. 
Fides  von  Agen  1907".  Im  selben  Jahr  nahm  er  mit  L.Traubo 
zusammen  die  alträtoromanische  Interlinearversion  s.  t.  ,,d  a  s 
älteste  rätoromanische  Sprachdenkmai 
(Sitzungsberichte  der  Münchener  Akademie  der  Wissenschaften 
1907)  unter  die  Lupe.  Zu  seinen  hervorragendsten  Arbeiten 
gehört  auch,  last  not  least,  die  in  den  ersten  Jahren  seiner  Straß- 
burger Zeit  abgefaßte  grundlegende  lexikographische  Arbeit, 
,,die  vulgärlateinischen  Substrate  roma- 
nischer Worte  r",  die  in  Wölfflins  Archiv  für  lateinische 
Lexikographie  in  den  Jahren  1884 — 1892  erschienen  ist,  und  eines 
der  bedeutendsten  Hülfsmittel  zur  Etymologie  romanischer 
Sprachkunde  bleiben  wird. 

Von  Gröbers  Wirksamkeit  würde  man  sich  aber  nur  ein 
unvollständiges  Bild  machen,  wenn  man  ihn  bloß  als  Gelehrten 
betrachtete.  Gröber  war  zugleich  auch  ein  eminenter  Lehrer. 
Seine  Vorlesungen  waren  von  durchsichtiger  Klarheit,  bis  ins 
einzelne  ausgearbeitet,  dabei  von  einer  solchen  Zuverlässigkeit, 
daß  man  auf  jedes  Wort,  das  er  auf  dem  Katheder  sprach,  hätte 
bauen  können.  Wie  in  seinen  wissenschaftlichen  \\erken  war 
er  auch  hier  jedem  Scheine  abhold.  Der  Wert  seiner  Vorlesungen 
wird  dadurch  noch  erhöht,  daß  gar  manche  von  den  Kollegs, 
die  er  las,  damals  noch  etwas  ganz  neues  boten,  so  seine  historische 
französische  Grammatik,  seine  Enzyklopädie,  seine  altfranzösische 
Literaturgeschichte,  seine  italienische  historische  Grammatik. 
In  den  80er  Jahren  gab  es  darüber  noch  keine  nennenswerten 
Bücher.  Abgesehen  von  diesen  Vorlesungen  las  Gröber  im  regel- 
mäßigen Turnus,  fast  immer  vierstündig,  Geschichte  der  fran- 
zösischen Literatur  seit  dem  16.  Jahrhundert,  und  Erklärung 
des  Bolandsliedes.  Im  Seminar  behandelte  er  die  verschiedensten 
Gegenstände;  er  erklärte  altfranzösische  Texte,  besonders  oft 
die  ältesten  Denkmäler,  dann  aber  auch  Ywein,  CHges,  Marie 
de  France,  Joufrois,  den  Roman  de  la  Poire  oder  veranstaltete 
textkritische  Übungen  auf  Grund  der  verschiedenen  Fassungen 
des  RolandsHedes,  oder  trieb  kursorische  Lektüre  mit  Zugrunde- 
legung von  Bartsch's  Chrestomathie.  Daneben  behandelte  er 
auch  Altprovenzahsch,  Altitalienisch,  auch  Boccaccio  und  Pe- 
trarca, und  Altspanisch.  Besonders  behebt  waren  stets  seine 
Übungen    zur    französischen    Syntax.      Auch    Vulgäi'latein    und 


Gustav  Gröber.  129 

Lautphysiologie  hat  er  das  eine  oder  andere  Mal  getrieben.  Der 
Besuch  des  Seminars  war  nicht  ^^ie  bei  einigen  Dozenten  an  eine 
bestimmte  Zahl  oder  an  die  Ablegung  einer  Aufnahmeprüfung 
oder  an  das  Vorlegen  einer  Bewerbungsarbeit  gebunden.  Wer 
darum  bat,  wurde  eo  ipso  aufgenommen.  Auch  herrschte  be- 
züghch  der  Übernahme  von  Seminararbeiten  vollständige  Freiheit. 
Die  sich  meldeten,  kamen  zu  Wort,  die  anderen  hörten  zu.  So 
beschränkte  sich  die  Diskussion  ge\\öhnhch  auf  die  älteren  Mit- 
glieder. Gröber  selbst  sparte  nicht  mit  seinem  unendlichen 
Wissensschatz;  freigebigst  gab  er  eine  Anregung  nach  der  anderen. 
Noch  mehr  war  das  vielleicht  der  Fall  denen  gegenüber, 
die  unter  seiner  Leitung  eine  Doktorarbeit  schrieben.  Im  Direktor- 
zimmer des  romanischen  Seminars  war  er  morgens  zu  bestimmten 
Stunden  täglich  zu  sprechen  und  er  kargte  nicht  mit  seinem 
Rat.  Seine  Vielseitigkeit  spiegelt  sich  auch  in  der  Mannigfaltig- 
keit der  Themata,  die  er  erteilte,  \^'äh^end  seiner  Breslauer 
und  Straßburger  Wirksamkeit,  36  Jahre  lang,  hat  er  93  Disser- 
tationen angeregt,  darunter  25  die  altfranzösische  Literatur 
und  Tcxtbehandlung  betreffende,  6  über  die  Sprache  eines  alt- 
französischen Textes,  7  über  altfranzösische  Lautlehre,  ebensoviele 
über  Formenlehre,  2  über  Wortbildung,  5  über  Lexikologie  und 
Ortsnamenforschung,  9  über  Syntax,  4  über  neufranzösische 
Dialekte,  2  über  Poetik  und  Stilistik,  8  über  neufranzösische 
Literatur,  7  über  Metrik,  6  über  italienische  Sprache  und  Dialekte, 
1  über  italienische  Literatur,  4  über  Provenzalisch  und  Spanisch. 
Gar  manche  der  späteren  Romanisten  Deutschlands  sind  Gröbers 
Schüler  gewesen,  so  Koschwitz  (Über  die  Chanson  du 
Voyage  de  Charlemagne  ä  Jerusalem  et  Constantinople,  Breslau 
1878),  Schwan  {Philippe  de  Remi,  Sirede  Beaumanoir  und  seine 
Werke  1880),  Behrens  {Unorganische  Lautvertretung  innerhalb 
der  formellen  Entwichelung  des  französischen  Verbcdstammes  1882), 
Freymond  ( Über  den  reichen  Reim  bei  allfranzösischen  Dichtern 
bis  zum  Anfang  des  14.  Jahrhunderts,  1882),  Packscher 
(zeitweise  in  Breslau  liabilitiort)  {Zur  Kritik  und  Geschichte  des 
französischen  Rolandsiiedes  1885/6),  Pli.  Aug.  Becker  {Zur 
Geschichte  der  vers  lihres  in  der  neufranz.  Poesie  1887/88), 
Schreiber  dieser  Zeilen  {iMute  und  Lautentwickelung  des 
sizilianischen  Dialektes  1888),  Fr.  Ed.  Schneegans  {Die 
Quellen  der  sog.  Pseudophilomena  1890/91),  Hoepffner 
{Eustache  Deschamps,  biograph.  Studie  l^Oi).  Audi  Zenker, 
der  freilicli  in  Erlangen  {Die  provcnzalische  Tenzone,  eine  lite- 
rarliislorische  Abhandlung,  1888)  pnniKtvierte,  und  Voss  1er, 
der  in  Germanistik  promovierte,  ebenso  T  h  ura  u,  sind  Gröbers 
Schüler  gewesen.  Nicht  minder  zwei  spätere  Anglisten,  K  a  1  u  z  a 
(Über  das  Verhältnis  des  mittelenglischen  Gedichtes  William  of 
Palcrne  zu  seiner  französischen  Vorlage  /,  1881,  Breslau)  und 
Wetz  {Die  Anfänge  der  ernsten  bürgerlichen  Dichtung  des^ 
Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX'/'.  9 


130  Heinrich  Schneegons. 

LS.  Jahrhunderls,  1885/86)  arbeiteten  unter  Gröbers  I.filung. 
Die  Namen  dieser  zum  größten  Teil  jetzt  noch  in  Deutschland 
und  Österreich  wirkenden  Gelehrten,  die  in  ihrer  wissen- 
schaftlichen Richtung  fast  durchweg  verschiedene  Wege  ein- 
geschlagen haben,  bezeugen  wie  vielseitig  Gröbers  Einfluß 
gewesen  ist,^)  übrigens  kein  Wunder  bei  seiner  enzykln- 
pädisch  gerichteten  Natur,  Die  Anhänglichkeit  von  Gröbers 
Schülern  nahm  eine  greifbare  Form ,  als  sie  ihm  zur  Fei(;r 
seines  25jährigen  Wirkens  als  ordentlicher  Professor,  als  Fest- 
gabe einen  stattlichen  Band  wissenschaftlicher  Abhandlungen 
überreichten.^®)  Weit  über  das  Grab  hinaus  wird  aber  das  An- 
denken Gröbers  in  den  Herzen  seiner  Schüler  weiterleben.  Wir 
wußten,  daß  wir  in  ihm  mehr  als  einen  Lehrer  in  des  Wortes 
gewöhnUcher  Bedeutung  liatten.  Wir  hatten  alle  die  Empfindung, 
daß  er  uns  Hebte  wie  ein  Vater  seine  Söhne  liebt  und  wir  gaben 
ihm  die  gleiche  Liebe  wieder. ^^)  Zwar  hätten  \\ir  es  nicht  gewagt, 
so  lange  er  lebte,  ihm  ein  derartiges  Bekenntnis  abzulegen,  denn 
%\ir  hätten  das  Gefühl  gehabt,  daß  er  es  als  übertriebene,  über- 
schwängliche  Redensart  empfunden,  und  unwilUg  abgewiesen 
liätte.  Alles  Übertriebene  war  ihm  j  a  verhaßt.  Gefühlsäußerungen 
suchte  er  selber  so  viel  als  möglich  zurückzudämmen.  Deshalb 
wird  er  manchem  vielleicht  als  kalter  Verstandesmensch  gegolten 
haben.  Das  war  er  aber  durchaus  nicht.  Im  Grunde  war  er 
eine  sehr  warm  fühlende,  sogar  affektische  Natur.  Aber  er  wollte 
diese  Natur  nicht  zum  Durchbruch  gelangen  lassen.  Er  hielt  sie 
fest  im  Zaum.  Nur  manchmal,  wenn  etwa  die  Nervosität  ihn 
übermannte,   brach    das   Temperament   bei   ihm    durch.     Auch 

^)  Ihnen  möclite  ich  den  Namen  eines  zwar  nicht  an  der  Universität 
als  Dozent  tätigen,  aber  mit  der  Prüfung  der  Studenten  im  Staats- 
examen in  Straliburg  betrauten,  und  wissenschaftUch  überaus  tätigen 
Lothringer  Gelehrten  hinzufügen:  Constant  This,  der  mit  der 
Arbeit  ,,Die  Mundart  der  franz.  Ortschaften  des  Kantons  Falckenberg 
Kreis  Bolchen  in  Lothringen"  1886/7  promovierte,  und  sich  auf  dem 
Gebiete  der  Dialektkunde  und  Syntax  sehr  rege  beteiügte.  This 
ist  Direktor  der  Realschule  in  Straßburg.  —  Auch  Ernst  Robert 
C  u  r  t  i  u  s  ,  dessen  Arbeit  {Einleitung  zu  einer  neuen  Ausgabe  der 
quatre  licre  des  rois  1911)  von  Gröber  angeregt  wurde,  und  vollständig 
in  der  Gesellschaft  für  ronian.  Literatur  erschien  26  Bd.,  auch  Gröber 
gewidmet  ist,  sei  hier  genannt. 

^0)  Beiträge  zur  romanischen  Philologie.  Festgabe  für  G.  Gröber, 
von  Ph.  Aug.  Becker,  Behrens,  Freymond,  Kaluza,  Koschwitz,  H.  R. 
Lang,  F.  E.  Schneegans,  H.  Schneegans,  C.  This,  G.  Thurau,  K.  Vossler, 
W.  Wetz,  L.  Zehqzon,  R.  Zenker,  Halle,  Niemeyer  1899. 

")  Das  Verhältnis  Gröbers  den  eingeborenen  elsässischen  Studenten 
gegenüber  war  stets  überaus  herzlich.  Gröber  imponierte  durch  seine 
ungeheure  Gelehrsamkeit  und  Sachlichkeit.  Er  liat  sich  von  der 
Tendenz  des  sog.  Germanisierens  stets  ferngehalten;  er  hat  weder  zu 
gewinnen  versuclit,  noch  sein  Deutschtum  lärmend  hervorgekehrt. 
Um  so  größer  ist  sein  Einfluß  gewesen.  Durch  sein  objektives  Verhalten 
in  jeder  Richtung  hat  er  den  Elsässern  Achtung  vor  der  deutschen 
Gelehrsamkeit  und  schlichtem  deutschem  Wesen  einzuflößen  gewußt. 


Gustav  Gröber.  131 

dann,  wenn  etwa  seine  Schüler  gewagte  Hypothesen  vorbrachton, 
die  vor  der  Kritik  nicht  stand  hielten.  Dann  konnte  er  scharf 
«ein,  schroff,  unerbitthch  tadeln.  .A±)er  das  war  gut  und  recht. 
Er  zeigte  uns,  daß  in  der  ^Vissenschaft  nur  GründUchkeit  zum 
Ziele  führen  kann,  daß  Aufrichtigkeit  und  Ehrhchkeit  das  erste 
Gebot  ist.  Ihm  selber  galt  die  Wahrheit  stets  als  das  Höchste. 
Er  ging  darin  soweit,  daß  er  sogar  alles,  w^as  durch  schöne  Form 
glänzte,  als  unwahr  brandmarken  konnte.  So  läßt  sich  das  obige 
scharfe  Urteil  über  Frankreich  erklären. 

Ein  anderer  Grundzug  seines  Wesens  war  die  Energie.  Mit 
zäher  Beständigkeit  setzte  er  seine  Pläne  durcli.  Er  hat  keinen 
Torso  hinterlassen.  Seinen  Grundriß  hat  er  allen  Sclu\ierigkeiten 
-Zum  Trotz  zu  Ende  geführt.  Die  Zeitschrift  hat  er  bis  zum  Schluß 
geleitet.  Die  W^affe  in  der  Hand  ist  er  gestorben,  wie  ein  Krieger 
auf  dem  Schlachtfeld. 

Folgende  Worte  aus  seinen  ,,Walirnehmungen  und  Gedanken'"' 
charakterisieren  ihn  vorzüglich.  Er  sagt  z.  B.:  ,,Wer  dem  Besten 
seiner  Zeit  genug  getan,  der  hat  gelebt  für  alle  Zeiten"  will  heißen, 
wer  in  seiner  Zeit  mit  Energie  geschaffen  hat,  lebt  noch  in  der 
Zukunft".  So  der  rastlose,  sich  selber  liarte,  asketische,  energische 
Arbeiter.  —  Aber  daneben  auch  der  gute  Vater,  der  wohlwollende 
Lehrer:  ,, Geben  ist  seliger  als  nehmen",  d.  h.  bejalien  befriedigt 
mehr  als  verneinen.  Das  Maß  des  Glückes  hängt  davon  ab,  ein 
wie  reicher  Geber  jemand  ist"  p.  123.''  So  ist  er  denn  nach  seinem 
eigenen  Ausspruch  glücklich  gewesen.  In  der  Vereinigung  dieser 
beiden  Züge,  Nächstenliebe  und  Energie,  erbUckte  er  das  Höchste: 
,,Unvergessenheit,  d.  i.  Unsterblichkeit  ist  denen  zuteil  geworden", 
sagt  er  p.  88,  ,,die  durch  Leistungen  der  Nächstenliebe  und  der 
Energie  die  Zeitgenossen  überragten".  Mit  stolzem  Selbst- 
bewußtsein darf  er  dieses  Wort  auf  sich  selbst  übertragen.  Seinen 
Schülern  wird  er  unvergeßlich  sein.  Die  Romanistik,  die  er  so 
energisch,  so  freigebig  gefördert  hat,  wird  ihn  stets  als  einen 
ihrer  Größten  verehren. 

Bonn.  Heinrich  Schneegans. 


Zu  Zeitschrift  XXXVIIIS  S.  359: 

Z.  17  Y.  u.  ist  hinle.'  „ins  Leben  ruft"  einzuschieben:  Endlich, 
vielleicht  das  Wichtigste,  fehlt  jede  Spur  des  Rachemotivs, 
das  der  Dümmlingsage  eigentümlich  ist.  Lauter  grundsätzliche 
Verschiedenheiten,  die  einen  Zusammenhang  des  Perronnik  mit  dem 
Gral  ausschließen. 

W.    FOERSTER. 


^ 


"h 


Beiträge  ziir  Rolandsforschimg. 


III 

Tnroldns  (2.  Fortsetzung.) 
Turoldus  ohne  Bistum. 

Am  1.  Oktober  1104  hatte  sich  Turoldus  zum  zweitenmal 
dem  päpstlichen  Gericht  zu  stellen.^)  Aber  er  erscheint  nicht, 
schickt  auch  keinen  Vertreter,  auch  keine  oder  doch  keine  ge- 
nügende Entschuldigung.^)  So  befremdend  das  auf  den  ersten 
Blick  erscheinen  mag,  es  erklärt  sich  doch  aus  den  kirchen- 
politischen Zeitumständen.  Unser  Bischof  sollte  ein  Opfer  des 
Investiturstreits  werden. 

Als  Turoldus  zum  Termin  hätte  aufbrechen  müssen,  Spät- 
sommer 1104,  war  der  KonfUkt  zwischen  König  Heinrich  von 
England  einerseits  und  Anselm  und  der  Kurie  andererseits  noch 
brennend.  Dazu,  im  Herbst  desselben  Jahres,  war  Heinrich 
selbst  in  der  Normandie  und  griff  als  Schiedsrichter  in  die  An- 
gelegenheiten des  Herzogtums  ein.^)  Es  versteht  sich,  daß  sein 
Vorgehen  schon  seit  längerer  Zeit  geplant  und  vorbereitet  war.*) 
Bei  dieser  Lage  der  Dinge  konnte  Heinrich  nicht  zugeben,  daß 
der  Bischof  einer  der  wichtigsten  Städte  der  Normandie  sich 
dem  Schiedsspruch  der  Gegenpartei  unterordnete;  er  wird  ihm 
vielmehr  ausdrücklich  die  Reise  untersagt  haben.  Wie  manch 
anderer  geistlicher  Würdenträger  in  jener  schweren  Konfliktszeit 

1)  Vgl.  diese  Zs.   XXXVIIP,  1911,  S.  135. 

2)  Porro  ille  nee  uenit  in  termino  nee  pro  se  legatum  secundum 
canonica  decreta  mandauit  nee  ahquas  ueras  necessitatis  causas  pro- 
bauit  (G.  Morin,  Lettre  inedite  de  Pascal  II,  in:  Revue  d'hisloire 
ecclösiastique,  5,  1904,  S.  285). 

^)  Curriculo  sequentis  anni  [1104]  rex  et  frater  suus  causis  inter- 
cedentibus  discordati  sunt.  Misit  igitur  rex  mihtes  in  Normanniam, 
qui  a  proditoribus  consuHs  recepti  praedis  et  combustionibus  non 
minimam  cladem  rebus  consularibus  ingesserunt  (H  e  n  r  i  c  u  s  Hunten- 
donensis,  Historia  Anglorum,  Lib.  VII  §  24,  ed.  by  Thomas  Arnold, 
London   1879,  S.  234). 

*)  George  Burton  Adams,  The  history  of  England  from  tlie 
Norman  conquest  to  the  death  of  John  <1066— 1216>,  London  1905, 
S.  140. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Littr.  XXXIXV-  10 


134  Wilhelm  Tavernier. 

hatte  Turoldus  zu  wählen  zwischen  König  und  Kurie. 5)  Per- 
sönliche Beziehungen  w(!r(len  unsern  Dichter  mit  (lern  geist- 
vollen Ilcrrsclier  verknüpft  iiahen,^)  und  jedenfalls  war  Turoldus 
schon  durch  seinen  dem  Beauclerc  geleisteten  Eid  (diese  Zeitschr. 
XXXVII^,  S.  123)  an  dessen  Sache  gebunden.  Heinrichs  Sache 
aber  war  zugleich  die  der  Ordnung,  er  war  die  Hoffnung  aller 
Wohlgesinnten  in  dem  völliger  Anarcliie  preisgegebenen  Herzog- 
tum. Also  ließ  Turoldus  notginirungen  den  Termin  verfallen, 
nur  die  Vertreter  des  Kapitels  von  Bayeux  erschienen  vor  dem 
Papst.  Zu  den  drei  Klagpunkten  von  1103  (diese  Zs.  XXXVIIP, 
S.  133  f.)  fügen  die  Gegner  noch  einen  neuen:  qiiod  uiolenter 
reclamaniibiis  et  contradicenlibus  clericis  aecclesiam  inuasisset 
(Morin  285)."^) 

Durch  sein  unentschuldigtes  Ausbleiben  zum  festgesetzten 
Termin  hatte  sich  Turoldus  dem  geltenden  Recht  nach  selbst 
das  Urteil  gesprochen®) :  er  wurde  also  für  abgesetzt  erklärt®) 
und  ,, Klerus  und  Volk"  von  Bayeux  durch  päpstliches  Schreiben 
vom  8.  Oktober  1104  aufgefordert,  zur  Wahl  eines  Nachfolgers 
zu  schreiten.^®)  Dieses  Breve  scheint  denn  auch  zur  Folge  ge- 
habt zu  haben,  daß  Turoldus  freiwillig  oder  gezwungen  seine 
Residenz  verließ. 

Aber  als  das  päpstliche  Schreiben  in  der  Normandie  ankam, 
war   Heinrich,   des   Turoldus    Gönner,   schon   entschlossen,   sich 


^)  Eine  ähnhche  Zwangslage  wird  in  jener  Zeit  in  einem  Brief  Ivos 
von  Chartres  an  Bischof  Turgis  von  Avranches  geschildert  (Patrologiae 
cursus  completus,  accur.  J.-P.  Migne,  Series  latina,  162,  Parisiis 
1889,  Sp.  273):  Cogit  enim  vos  ex  una  parte  legatio  apostohcae  sedis, 
ut  praeceptis  ejus  obediatis;  urget  vos  ex  altera  regia  potestas,  ut 
rpsistri  tis 

6)  Vgl.  diese  Zs.  XXXVIP,  S.  123.  1096  „Henry  took  service 
under  Rufus"  (The  encyclopaedia  Britannica,  11.  ed.,  XIII,  Cam- 
bridge 1910,  S.  280),  von  dem  ihm  die  Grafschaften  Coutances  und 
Bayeux  (außer  den  beiden  Städten  Caen  und  Bayeux)  verliehen  wurden 
(La  grande  encyclopedie,  XIX,  Paris  o.  J.,  S.  1088).  Schon  von  daher 
ergeben  sich  persönliche  Beziehungen  zwischen  dem  Beauclerc  und 
dem  Bischof  von  Bayeux;  sie  werden  nicht  erst  begonnen  haben,  als 
Heinrich   König  geworden  war  und  Bayeux  besetzt  hielt. 

')  Ob  das  erst  nach  der  Heimkehr  von  Italien  geschehen  ist, 
oder  ob  es  sich  um  ein  weiter  zurückliegendes  Ereignis  handelt,  das 
zu  entscheiden  ist  nicht  für  unsere  Stelle,  vielmehr  mit  Bezug  auf 
eine  vielleicht  weiter  unten  zu  streifende  Hypothese  von  Belang. 

^)  Quibus  ex  causis  ipsum  in  se  dampnationis  dixisse  sententiam 
sinodalia  scripta  confirmant;  Patet  siquidem  eum  omnia  quae  dicta 
sunt  comprobare  cum  ipsa  quoque  iuxta  beati  bonefacii  uocem  pro 
confessione  procurata  totiens  constet  absentia  (Morin  285). 

^)  ...uobis  litteris  praesentibus  intimamus  ut  uidelicet  idem 
Toraldus  ab  omni  deinceps  episcopali  ordine  depositus  habeatur; 
Nee  uUo  modo  baiocensem  perturbet  aecclesiam  (Morin  285). 

^^)  Vobis  igitur  omnibus. . .  praesenti  praeceptione  mandamus. 
ut  ...episcopum  ...sacris  canonibus  congruentem  ...eligere  ...stu- 
deatis  (Morin  285). 


Beiträge  zur  Rolandsforschung.  135 

vollends  zum  Herrn  des  Herzogtums  zu  machen.  Frühjahr  1105 
landete  er  in  Barfleur,  und  bald  wird  Bayeux  im  Sturm  ge- 
nommen und  eingeäschert.^^)  Der  prächtige  Bischofspalast  geht 
in  Flammen  auf^^)  ^^d  auch  die  Kathedrale  wird  zum  größten 
Teil  zerstört.  Die  Seele  der  Verteidigung  war  das  Turoldus  so 
feindlich  gesinnte  Kapitel^^j .  ^j^g  gehen  wir  aus  Serlos  unten 
zitiertem  Gedicht. 

Zweierlei  interessiert  uns  vor  allem  an  diesen  Versen.  Be- 
zeichnender Weise  geschieht  in  der  lebhaften  Schilderung  jener 
Schreckenstage  des  Bischofs  keine  Erwähnung;  er  scheint  sich 
nicht  in  der  Stadt  befunden  zu  haben,  war  vielleicht  im  Gefolge 
des  siegenden  Königs.  In  dessen  Heer  kämpften  entscheidend 
mit  die  Manceaux  (Serlo,  V.  8.  102,  im:  Recueil  XIX,  S.  CXI  ff.) 
unter  ihrem  edlen  Grafen  Hellas,  der  dem  Turoldus  nicht  un- 
bekannt gewesen  sein  dürfte  (diese  Zs.  XXXVII^,  Anm.  19  auf 
S.  110;  XXXVIIP,  S.  117),  der  Landesherr  Hildeberts;  ferner 
die  Angeviner  unter  dem  jungen,  heldenhaften  Herzog  Gottfried^^) 
(über  Gejreid  d'Anjou  le  rei  gunjanunier  0  lOß  unten  mehr). 

Bemerkenswert  ist  ferner,  was  Serlo  über  die  Größe  der 
Stadt  und  die  Pracht  und  Zahl  ihrer  öffentUchen  Gebäude  er- 
kennen läßt;  wenigstens  11  Kirchen  hat  sie  besessen  (V.  161) 
und  nach  den  Zahlenangaben  des  Dichters  muß  auf  eine  Gesamt- 
bevölkerung von  10  000  bis  15  000  Seelen  geschlossen  werden 
(vergl.  Böhmer,   Serlo   732),  deren  vornehmlicher  Erwerbszweig 

^M  Zur  Chronologie  vgl.  H.  Böhmer,  Der  sogenannte  Serlo 
von  Bayeux  und  die  ihm  zugeschriebenen  Gedichte,  in :  Neues  Archiv 
der  Gesellschaft  f.  ältere  deutsche  Geschichtskunde  XXII,  1897, 
S.  719,  Anm.  1.  Danach  ist  Bayeux  1105  eingenommen  worden,  nicht 
1106,  wie  nach  Ordericus  Vitalis,  Lib.  XI  17  (Ordericus  Vitalis,  Historia 
ecclesiastica,  emend.  Augustus  Le  Prevost,  Tom.  IV,  Parisiis  1852, 
S.  219)  Delisle,  Freeman  und  wir  selbst  (Wilhelm  Tavernier,  Zur 
Vorgeschichte  des  alth-anzösischen  Rolandsliedes,  Berlin  1903,  Anm. 
364  auf  S.  194)  wiederholt  haben. 

^2)  Praclucens  grata  specie  perit  aula  cremata, 

Miro  p  i  c  t  a  modo,  quam  praesul  condidit  Odo, 
Tali  digna  viro,  casu  pessundata  diro, 
Tecta  decore  pari  desperant  se  reparari  — 
(Serlo,  Versus  de  capta  Bajocensium  civilate,  1G7  ff.,  in:  The 
Anglo-latin  satirical  poets  and  opigrammatists  of  tlie  twelfth  centurv, 
ed.  by  Thomas  Wriglit,  Vol.  II,  London  1872,  S.  240;  auch  im:  Recueil 
des  hisloriens  des  Gaules,  XIX,  Paris  1833,  S.  XCIV).  —  Voll  schöner 
Malereien  war  also  des  Turoldus  Palast,  so  wie  er  selbst  den  des  Mar- 
silius  beschrieben  hat  [Plusurs  culurs  ad  peintes  et  escrites  2594). 

^^)  Die  Bürgerschaft  war  weniger  auf  Widerstand  versessen  und 
gab  bald  den  Kampf  auf. 

Ne  l'osoent  borgeis  servir 
A  plusors  se  faiseit  hair, 
sagt  Wace  mit  Bezug  auf  Herzog  Robert  (W  a  c  e  ,    Roman  de  Rou, 
hrsg.  von  Hugo  Andresen,  Bd.  II,  Ileilbronn  1879,  V.  10955  f.). 

")  Bei  Henricus  Huntendonensis,  Lib.  VII  §  25  (ed.  Arnold, 
S.  235)  heißt  es  von  König  Heinrich:  Conquisivit  igitur  Cadomum 
pecunia,  Baiocum  armis,  et  auxilio  consulis  Andegavensis. 

10* 


136  Wilhelm  Tavcrnier. 

der  Handel  war.  Bequem  drei  Bischöfen  hätte  die  Stadt  zur 
Residenz  dienen  können,  sagt  ein  andrer  zeitgenössischer  Dichter. ^^) 
Es  ist  nicht  ohne  Belang,  sich  auf  Grund  dieser  Zeugnisse  die 
Umgebung  vorzustellen,  in  welcher  der  Rolanddichter  eine  Reihe 
seiner  besten  Mannesjahre  hindurch  gelebt  iiat,  tutes  les  rües 
u  li  burgeis  eslunt  2691,  das  Gewimmel  einer  volkreichen  Stadt 
voll  prächtiger  Bauten. 

Wie  tief  einen  feinfühlenden  Mann,  als  welchen  wir  Turoldus 
kennen,  das  Schicksal  seiner  Residenz  getroffen  haben  muß,  das 
ist  leicht  auszudenken.  Violleicht  hat  er  sich  selbst  angesichts 
der  rauchenden  Trümmer  Vorwürfe  nicht  erspart.  Denn  die 
Opposition  des  Kapitels  gegen  den  königsfreundlichen  Bischof 
wird  mit  den  Widerstand  gegen  den  Beauclerc  veranlaßt  haben. 
Wir  möchten  die  Spanienreise  unseres  Diciiters  am  ehesten  in  eben 
dieses  Jahr  1105  setzen,  wo  Turoldus  in  aller  Form  abgesetzt  und 
ohne  Residenz  war.  Machen  wir  den  Versuch,  diese  Wallfahrt  ein- 
zufügen in   den  Verlauf  der  geschichtlich  bezeugten  Ereignisse. 

Von  der  persönlichen  Seite  der  Angelegenheit  abgesehen 
war  die  Absetzung  des  Turoldus  ein  Glied  in  der  Kette  der 
drohenden  Maßnahmen,  durch  welche  die  Kurie  den  König  von 
England  zum  Einlenken  im  Investiturstreit  zwingen  wollte. 
März  1105  folgte  die  Exkommunizierung  mehrerer  vertrauter 
Räte  des  Königs.  Und  Anselm  ließ  durchblicken,  daß  Heinrich 
selbst  an  die  Reihe  kommen  werde.  Wie  dieser  aber  mit  der 
Eroberung  der  Normandie  Ernst  machte,  mußte  ihm  an  einer 
Aussöhnung  mit  Anselm  gelegen  sein,  der  sich  im  Herzogtum 
des  höchsten  Ansehens  erfreute,  der  eine  moraHsche  Macht  war. 
Anselms  fromme  Freundin,  die  Gräfin  Adele  (Heinrichs  Schwester) 
und  Ivo  von  Chartres  machten  die  Vermittler,  und  am  21.  Juli 
1105  kamen  der  König  und  der  Primas  in  Aigle  zusammen.^®) 
Ein  vorläufiger  Kompromiß  in  der  Investiturfrage  wurde  ge- 
schlossen^'^) ;  die  endgültige  Entscheidung  w^urde  von  der  Zu- 
stimmung des  Papstes  abhängig  gemacht.  Eine  Gesandtschaft 
sollte  zu  diesem  Zweck  nach  Rom  abgehen. 


^^)  Marbod  von  Hannes  (Carmina  varia,  XXI,  bei  Migne,  Patro- 
logia  latina,  171,  Paris  1893,  Sp.  1658)  schreibt  zwischen  1096  und 
1108  an  den  Bischof  von  Worcester: 

Quo  si  forte  vocas  citus  occurram  Bajocas, 
Sedes  praesulibus  sufficit  illa  tribus. 
Mit  Bezug  auf  die  oben  (diese  Zs.  XXXVIIP,  S.  118)  vorausgesetzten 
Reiserouten   ist   es  von   Interesse,   daß  hier  Bayeux  als  eventueller 
Treffpunkt  zwischen  Rennes  und  Worcester  vorgeschlagen  wird. 

^^)  Eadmerus,  Historia  novorum  in  Anglia,  ed.  by  Martin  Rule, 
London  1884,  S.  166.  183;  Eadmerus,  Vita  sancti  Anselmi,  Lib.  II  cp. 
56,  mit  dess.  Eist.  nov.  von  Rule  hrsg.,  S.  411. 

^'^)  ,,Der  König  erklärte  sich  hier  bereit,  auf  die  Investitur  mit 
Ring  und  Stab  zu  verzichten,  vorausgesetzt,  daß  die  Prälaten  nach 
wie  vor  den  Lehnseid  leisteten  (Heinrich  Böhmer,  Kirche  und 
Staat  in  England  und  in  der  Normandie,  Leipzig  1899,  S.  160). 


Beiträge  zur  Rolandsforschung.  137 

So  die  Fakten  (vgl.  Adams  141  f.);  das  Folgende  ist  unsere 
Vermutung.  Nach  der  Aussöhnung  des  Königs  mit  Anselm 
wird  auch  des  Turoldus  Sache  im  Sinne  der  Verzeihung  weiter 
betrieben  worden  sein.  Vielleicht  ist  Turoldus  dem  Primas 
schon  bis  Chartres,  wo  Anselm  Adeles  Gast  war,  entgegengereist 
und  hat  ihn  um  seine  Fürsprache  ersucht.  Sie  wird  dem  Wohl- 
täter des  Klosters  le  Bec  nicht  gefehlt,  der  Primas  wird  dem 
Papst  Milde  gegenüber  dem  Bischof  empfohlen  haben.  In  der 
Tat  sehen  wir  aus  einem  Brief  des  Paschalis  an  den  Erzbischof 
von  Ronen  vom  3.  April  1106,^^)  daß  der  Papst  des  Turoldus 
Prozeß  wiederaufgenommen  und  die  Sache  zunächst  dem  Erz- 
bischof Hugo  von  Lyon,  dem  Primas  von  Gallien,  Anselms 
intimsten  Freund,  zur  Erledigung  übertragen  hat.  Vor  dem 
1.   Oktober   llOö^^j   noch  sollte  sich  Turoldus  beim  Primas  in 


^^)  Phihppus  J  a  f  f  e  ,  Regesta  pontificum  romanorum  ad  annum 
MCXVIII,  ed.  2,  cur.  Loewenfeld,  Kaltenbrunner,  Ewald,  Tom.  I, 
Lipsiae  1885,  Nr.  6077.  Nach  Stephanus  Baluzius,  Miscellanea, 
LilD.  VII,  Lutetiae  Parisiorum  1715,  S.  134  haben  wir  Vorgeschichte 
Anm.  364  auf  S.  194  den  Text  beinahe  vollständig  abgedruckt;  er- 
gänze nur  zwischen  Bajocensem  Episcopum  und  ante  confratrem  nos- 
trum  die  Worte:  in  proximis  kalendis  Octobribus;  ferner  am  Ende: 
Data  Salerni  III.  kal.  Aprilis.  Der  Brief  ist  also  ohne  Jahreszahl, 
doch  haben  sich  nach  dem  Herausgeber  im  Recueil  XV,  Paris  1808, 
S.  33  sowohl  Jaffe-Loewenfeld  als  neuerdings  Morin  287  für  1106  ent- 
schieden; dann  muß  freilich  für  ,,III.  kal.  Apr."  eingesetzt  werden: 
„III.  non.  Apr."  Überhaupt  bietet  das  Schreiben  noch  ungelöste 
Probleme.  Ist  es  vollständig  erhalten  ?  Pariser  Leser  würden  durch 
einen  Vergleich  mit  der  Handschrift  (s.  Baluzius)  vielleicht  der  Sache 
dienen. 

^^)  So  verstehen  wir  den  ersten  dem  Turoldus  gestellten  Termin, 
und  treffen  darin  mit  Wilhelm  Luhe:  Hugo  von  Die  und  Lyon, 
Legat  von  Gallien,  Straßburger  Diss.,  Breslau  1898,  S.  20  zusammen. 
Nicht  leichten  Herzens  weichen  wir  in  dieser  Frage  von  des  verehrten 
Dom  Morin  Auffassung  ab,  der  sich  für  den  1.  Oktober  1106  entscheidet 
(S.  287).  Es  scheint  uns  schwer  denkbar,  daß  der  Papst  gleichzeitig 
zwei  gleichgeordnete  Instanzen,  den  Primas  von  Gallien  und  den  von 
England,  mit  der  Regelung  der  Angelegenheit  betraut,  und  daß 
er  Turoldus  nach  Lyon  zitiert,  wo  doch  Anselm,  der  letzthin  die  Sache 
zu  entscheiden  hat,  damals  in  der  Normandie,  also  den  streitenden 
Parteien  ganz  nahe  war.  Eher  läßt  sich  der  1.  Oktober  1105  als  erster 
der  gestellten  Termine  erklären.  Erzbischof  Hugo  hat  vielleicht  bei 
dieser  Vernehmung  unscrm  Bischof,  der  sich  durch  sein  Ausbleiben 
vor  dem  päpstlichen  Gericht  1104  mindestens  formal  ins  Unrecht 
gesetzt  hatte,  eine  Wallfahrt  nach  Compostella  (s.  u.)  angeraten  oder 
als  Buße  verordnet.  Das  wird  der  Primas  dem  Papst  mitgeteilt,  viel- 
leicht auch  gebeten  haben,  da  doch  Anselm,  Hugos  vertrauter  Freund, 
inzwischen  in  der  Normandie  Aufenthalt  genommen  hatte,  diesen  mit 
der  endgültigen  Schlichtung  der  unerquii'klichon  Streitsache  zu  be- 
auftragen. Wegen  seiner  persönlichen  Beziehungen  zu  König  Heinrich 
wie  zu  Turoldus  und  der  unbegrenzten  Verehrung,  die  er  im  ganzen 
Herzogtum  genoß,  war  der  Erzbischof  von  Canterbury  die  gegebene 
Persönlichkeit,  um  einen  friedlichen  Ausgleich  herbeizuführen.  Daher 
denn  der  Papst  im  Frühjahr  1106,  ohne  denx  zuständigen  Primas  zu 
nahe  zu  treten,  vielmehr  auf  dessen  eigenen  Wunsch  hin  die  Sache  dem 


138  Wilhelm  Tavernier. 

Lyon  zu  seiner  Vcrnelmiung  einfinden.  Diesen  Termin  wird  er 
nicht  versäumt  haben,  und  vielleicht  hat  damals  Hugo  dem 
Bischof  eine  Wallfahrt  nach  Santiago  zur  Buße  auferlegt  oder 
doch  zum  Heil  seiner  Seele  angeraten.  Der  Primas  hatte  .selbst 
im  Jahre  1095  das  Beispiel  einer  Pilgerfahrt  nach  Compostella 
gegeben  (Luhe  126.  1.35).20)  Turoldus  mochte  die  Wallfahrt 
als  eine  Buße  ansehen  oder  einen  Trost  inmitten  jener  schweren 
Zeit,  da  die  Bischofsstadt  in  Asche  lag. 

Turoldus  in  Spanien. 

So  wäre  die  Spanienreise  des  Rolanddichters  etwa  von 
Herbst  1105  bis  Frühjahr  1106  anzusetzen.  Um  nur  die  wahr- 
scheinlichsten der  mögliclien  Reiserouten  zu  skizzieren,  ist  Turoldus 
von  Lyon  wohl  über  Vienne,  Valence,  Marsanne,  Viviers,^!)  Arles, 

Anselm  als  außerordentUchem  Bevollmächtigten  übertrug.  —  So 
oder  ähnlich  wäre  wenigstens  eine  MögUchkeit  der  Erklärung  für  die 
beiden  in  unserm  Brief  erwähnten  Termine  und  Instanzen  gewonnen. 

"^)  Au  debut  du  XI I^  siecle,  le  pelerinage  (ä  S.  Jacques)  commence 
ä  battre  son  plein.  On  lit  que,  vers  l'an  1108,  des  ambassadeurs  arabes 
. .  .rencontrerent  aux  approches  de  la  Galice  des  pelerins  en  tel  nombre 
que  la  reute  en  etait  encombree:  vix  patebat  Über  callis  (  J.  B  e  d  i  e  r  , 
La  chronique  de  Turpin  et  le  pelerinage  de  Compostelle,  in:  Annales 
du  midi,  XXIII,  1911,  S.  448). 

21)  Vgl.  diese  Zs.  XXXVIIP,  S.  124  f.  wegen  Vienne,  S.  125  f. 
wegen  Valence  und  Marsanne,  S.  126  f.  wegen  Viviers.  Man  wird 
mit  gewissem  Recht  bemerken,  daß  die  Erwähnung  dieser  vier  Orte 
im  Rolandslied  kein  Argument  mehr  für  eine  Italienreise  des  Ver- 
fassers bleibt,  wenn  wir  die  Namen  als  Erinnerungen  an  die  Spanien- 
reise des  Dichters  von  Lyon  aus  deuten.  Doch  ist  zu  erwidern,  daß 
damit  nicht  alle  Spuren  jener  Romfahrt  beseitigt  sind.  Es  bleibt  die 
Mont-Cenis-Straße  wenigstens  angedeutet  durch  Saint-Antoine  und 
die  Maurienne.  Ersteres  liegt  unweit  der  Isere,  und  ist  von  der  Saöne- 
Rhöne-Straße  doch  nur  durch  einen  erheblichen  Abstecher  zu  er- 
reichen. —  Übrigens  haben,  wie  wir  schon  Vorgeschichte  143,  Anm. 
265  erkennen  ließen,  die  Reliquien  des  Basileus  in  Saint-Antoine 
nichts  mit  der  Erwähnung  des  heiligen  Basilius  im  Roland  2346  zu 
tun.  Und  was  zu  diesem  Vers  S.  142  unserer  Vorgeschichte  gesagt  ist, 
ist  dahin  zu  ergänzen,  daß  Basilius  allerdings  auch  vor  dem  Kreuzzug 
zu  den  bekannteren  Heiligen  im  Abendland  gehörte.  Das  könnten 
wir  durch  Zitate  mannigfach  belegen,  doch  wollen  wir  dies  der  schon 
längst  angekündigten  und  nicht  aufgegebenen  Abhandlung  über  das 
Religiöse  und  Kirchliche  im  Rolandslied  vorbehalten,  inzwischen 
auf  den  Artikel  Basilius  in  der  Bibliotheca  hagiographica  latina,  ed. 
socii  Bollandiani,  I,  Bruxellis  1898/99,  S.  153  f.  verweisend.  Daß  der 
Kreuzzug  den  Heiligen  noch  bekannter  gemacht  hat  als  er  schon  vor- 
her war,  bleibt  richtig;  ein  chronologisches  Indizium  ist  die  Erwähnung 
im  Rolandslied  keinesfalls. 

Durch  das  Tal  der  Isere  geht  es  aufwärts  bis  an  das  der  Maurienne, 
durch  welches  die  publica  strata  dann  weiter  ansteigt  zum  Mont  Cenis 
(Adolf  S  c  h  a  u  b  e  ,  Handelsgeschichte  der  romanischen  Völker  des 
Mittelmeergebiets,  München  1906,  S.  335  f.).  —  Die  in  dieser  Zeit- 
schrift XXXVIIP,  S.  122  f.  noch  ausgesetzte  Entscheidung  zwischen 
Morienval  und  der   Maurienne   fällen  wir  mit  aller   Entschiedenheit 


Beiträge  zur  Rolandsforschung.  139 

Saint-Gilles,22)    Beaucaire,  Montpellier,  Beziers,  Narbonne,^^) 
G  e  r  0  n  a  ,  Barcelona,  Tarragona  nach  T  o  r  t  o  s  a  gekommen. 


dahin,  daß  Morienval  nicht  in  Betracht  kommt,  Moriane  2318  die  Mauri- 
enne  bedeutet,  wie  Bedier  richtig  erkannt  hat.  Schon  kurz  vor  Mitte 
des  11.  Jahrhunderts  finden  wir  die  Form  Morianna  bei  Rodulfus 
Glaber,  Historiarum  lib.  IV,  cp.  III  (Raoul  Glaber,  Les  cinq  livres 
de  ses  histoires  <  900 — 1044  >,  publ.  par  Maurice  Prou,  Paris,  1886, 
S.  97) :  Nee  tamen  M  o  r  i  a  n  n  e  ,  vel  Utzetice,  seu  Gratinone  urbium 
presules  ...  diligentiam  hujus  inquirende  rei  adhibuere.  — ^Dieselbe 
Form  Morianna  haben  wir  dann  in  einem  Brief  Anselms  von  1103 
(diese  Zs.  XXXVIIP,  S.  121),  1120  wiederum  Maurienna  in  einem 
Brief  des  Papstes  Calixt  II.  (die  Jahreszahl  1220  in  dieser  Zs.  XXXVIIP, 
Anm.  9  beruht  auf  einem  Druckfehler).  —  Entscheidend  ist,  daß  Karl 
der  Große  sehrwohlmit  Savoyen  zu  tun  gehabt  hat  (diese  Zs.  XXXVIIP 
S.  123  fälschlich  bestritten),  daß  er,  auf  dem  Marsch  von  Genf  nach 
dem  Mont  Cenis,  wirklich  durch  die  Maurienne  gezogen  ist.  Die  Annales 
regni  Francorum  berichten  unter  dem  Jahr  773  (Annales  regni  Fran- 
corum  inde  ab  A.  741  usque  ad  A.  829,  post  edit.  G.  H.  Pertzii  recogn. 
Fridericus  Kurze,  Hannoverae  1895,  S.  34.  36):  tunc  synodum  ... 
gloriosus  rex  tenuit  generaliter  cum  Francis  lenuam  civitatem.  Ibique 
exercitum  dividens  iam  fatus  domnus  rex,  et  perrexit  ipse  per  montem 
Caenisium  et  misit  Bernehardum  avunculum  suum  per  montem 
lovem  cum  aliis  suis  fidelibus.  Damit  ist  die  Maurienne  als  Marsch- 
route gegeben,  aber  doch  nur  für  einen,  der  die  Geographie  jener  Gegend 
genauer  kennt.  Den  Namen  unseres  Tals  bieten  die  Annalen  nicht, 
und  aus  Einhard's  Vita  Karoli  Magni,  vom  Rolanddichter  unzweifel- 
haft benutzt,  konnte  Turoldus  überhaupt  nichts  über  den  von  Karl 
gewählten  Weg  erfahren.  Wenn  man  selbst  Kenntnis  auch  der  Annales 
regni  Francorum  seitens  des  Rolanddichters  voraussetzen  wollte,  es 
bliebe  noch  immer  die  Annahme  nötig,  daß  er  jener  Gegend  nahe- 
gekommen. Faktisch  wird  sich  die  Sache  so  verhalten,  daß  Erinne- 
rungen an  Karls  des  Großen  Heerzug  in  der  Maurienne  noch  nicht 
völlig  ausgestorben  waren,  und  als  unser  Bischof  das  Tal  durchritt, 
werden  ihm  Geistliche  oder  Mönche  im  Quartier  nicht  ohne  Lokalstolz 
davon  erzählt  haben.  Darum  das  Moriane  2318  ein  wohl  beachtens- 
wertes Indizium  für  die  Romreise  des  Rolanddichters  bleibt.  Dazu 
kommt  dann  noch,  was  wir  diese  Zs.  XXXVI IP,  S.  131  ff.  an  ita- 
lienischen Erinnerungen  im  Rolandslied  zusammengestellt  haben. 
Nachträglich  sei  die  dort  erwähnte  Stelle  Suger's  zitiert,  die  den  Mons 
gaudii  bei  Rom  betrifft  (cp.  IX):  in  eo  qui  dicitur  Mons  Gaudii  loco, 
ubi  primum  adventantibus  limina  apostolorum  beatorum  visa  occurrunt 
(Vie  de  Louis  le  Gros  par  Suger,  publ.  par  Auguste  Molinier,  Pai'is  1887, 
S.  29).  —  Eine  Überfülle  von  Ortsnamen,  die  zum  Feldgeschrei  ge- 
worden sind,  hat  neuerdings  aus  den  Chansons  de  geste  Paul  E  r  f  u  r  t  h  , 
Die  Schlachtschilderungen  in  den  älteren  Chansons  de  geste,  Hallenser 
Diss.,  Halle  1911,  S.  26  gesammelt. 

Noch  ist  zu  bedenken,  daß  die  vier  eingangs  dieser  Anmerkung 
aufgezählten  Orte  an  der  Rhone  (Viviers,  Marsanne,  Valence,  Vionne), 
dazu  St.  Gilles  auch  auf  der  Rückreise  von  Italien  gegen  Ende  1103 
berührt  worden  sein  könnten,  wenn  Turoldus  etwa  den  Weg  nahm, 
auf  dem  ungefähr  ein  halbes  Jahrhundert  später  in  umgokoijrter  Rich- 
tung Rabbi  Benjamin  von  Tudela  nach  Rom  kam  (The  ilinerary  of 
Rabbi  Benjamin  of  Tudela.  Translated  and  edited  by  A.  Aslier, 
Vol.  I,  London  and  Berlin  1840,  S.  35  ff.)  Dann  wäre  unser  Bischof 
in  Marseille  gelandet  (,,IIere  people  take  ship  of  Genoa",  Benjamin  I  36; 
und  die  Annales  regni  P^rancorum  zum  Jahie  773  (ed.  Kurze,  S.  34): 
missus  domni  Adriani  aposlolici,  nomine  Petrus,  per  Älare  usque  ad 


140  Wilhelm  Tavernier. 

Dieser  Wegverlauf  von  Sainl-Gillos  hisTortosa  {Turtoluse91ß.  1282) 
mit  den  im  Roland  vorkommenden  Etappen  Narhonne  und 
Gerona  [Gironde  2991)  wird  durch  das  Itinerar  des  Rabbi  Ben- 
jamin I  31  ff.  bestätigt.  Es  ist  kein  Zufall,  daß  unserm  Dieliter 
in  der  einen  Laisse  217  (nach  Stengel'«  Zahlung)  auf  der  Suche 
nach  o-e-Assonanzen  zwei  Orte  einfallen,  die  an  derselben  großen 
Heerstraße  liegen,  Gerona  und  Narbonne  (2995);  selbsterworbene 
Ortskenntnis  hat  unbewußt  die  Brücke  geschlagen. 

Von  Tortosa  geht  es  dann  den  Ebro  aufwärts,  auch  diese 
Strecke  bis  Zaragoza  durch  Rabbi  Benjamin^*;  als  Reiseroute 
bezeugt.  Daß  der  Rolanddichter  denselben  Weg  genommen  hat, 
beweisen  unwiderlegUch  die  durch  sein  Epos  hin  zerstreuten 
Lokalerinnerungen:  vor  allem  das  katalanische  Sebre  ^=  S'Ebru 


Massiha  et  Inda  terreno  ad  domnum  Carolum  regem  (in  Diedenhofen) 
iisque  periungens)  und  dann  die  Rhone  herauf  oder  entlang 
gereist. 

Auch  die  Erwähnung  von  Dijon  und  Beaune  (diese  Zs.  XXXVIII'-, 
S.  123  f.)  kann  sowohl  mit  dem  Hin-  oder  Rückweg  nach  (bezw.  von) 
Italien  1103  als  mit  der  Reise  nach  Lyon  1105  in  Beziehung  gesetzt 
werden.  So  oder  so  betrachtet,  bleibt  das  Vorkommen  so  zahlreicher 
Orte  der  Saöne-Rhöne-Tal-Straße  im  Rolandshed  immer  ein  Argument 
(neben  vielen)  für  unsere  These,  daß  der  Dichter  identisch  mit  Turoldus 
von  Bayeux  ist,  der  sicher  einmal  nach  Italien  und  mit  großer  Wahr- 
scheinlichkeit ein  anderes  Mal  nach  Lyon  reiste. 

22)  Vgl.  diese  Zs.  XXXVIIP,  S.  128;  und  Pio  R  a  j  n  a  (Archivio 
storico  italiano,  Serie  4,  Tom.  19,  1887,  S.  51):  di  coiä  (St.  Gilles) 
parimenti  si  trovava  a  passare,  portata  dalle  strade  prima  ancora 
che  dalla  fama  del  santuario,  una  parte  assai  ragguardevole  di  coloro 
cheeran    direttiaS.  -Jacopoone  facevan  ritorno. 

23)  Roland  2995,  3683.  Also  hat  der  Dichter  doch  sicher  die  Lage 
von  Narbonne  gekannt,  was  uns  Vorgeschichte,  Anm.  354  auf  S.  189 
nur  möglich  schien.  J  u  1 1  i  a  n's  geographische  Bedenken  (Roma- 
nia  XXV,  1896,  S.  169,  n.  2:  II  ne  peut  pas  s'agir  de  Narbonne  (Vers 
3683).  Si  ignorant  qu'on  suppose  l'auteur  de  la  Chanson,  il  n'a  pu 
commettre  une  teile  erreur  sur  une  route  admirablement  connue) 
sind  unberechtigt.  Wir  haben  uns  nach  dem  Rolandslied  vorzustellen, 
daß  Karl  nach  Eroberung  von  Saragossa  den  Rückweg  nicht  wieder 
über  Roncevaux  nimmt.  So  auch  Wilhelm  W  i  1  k  e  ,  Die  französischen 
Verkehrsstraßen  nach  den  Chansons  de  geste,  Halle  1910,  S.  76:  ,,Der 
zweite  Rückzug  Karls  aus  Spanien,  den  das  Rolandslied  erzählt,  scheint 
auf  der  Küstenstraße  der  Ostpyrenäen  vor  sich  gegangen  zu  sein.... 
Die  Reihenfolge  Narbonne — Bordeaux — Blaye^Aachen  hat  nur  Sinn 
bei  Benutzung  der  Ostpyrenäenstraße."  Eine  alte  Römerstraße 
führt  nämlich  nach  Wilke  76  von  Narbonne  über  Carcassonne,  Toulouse, 
Auch,  Agen  bis  Bordeaux. 

Interessant  und  weiter  unten  zu  verwerten  ist  eine  Notiz  in  dem 
Ivo  von  Chartres  zugeschriebenen  Chronicon  de  regibus  Francorum, 
wo  es  von  Karl  dem  Großen  heißt  (Migne,  Patr.  lat.  162,  Sp.  615): 
Hispaniam  ingreditur,  destruit  Pampiloniam,  Saracenos  subjugat. 
PerNarbonam  et  Vasconiam  (vgl.  Roland  819:  VirentGuascuigne. .  .) 
revertitur. 

2^)  I  first  set  out  from  the  city  of  Saragossa  and  proceeded  down 
the  river  Ebro  to  Tortosa  (ed.  Asher,  I  31). 


Beiträge  zur  Rolands forschiing.  141 

aus  SU  Ebru^^^)  und  an  oder  nahe  dem  Strom  so  entlegene  Orte 
wie  Pina  [Pinc  199),  unweit  davon  die  Landschaft  Los  Monegros 


2^)  So  mit  Wendelin  Foerster,  (Sebre  im  Roland,  in:)  Zs.  f.  roman. 
Philologie  XV,  1891,  S.  518.  —  Doch  auch  die  andere  Erklärung  würde 
Anwesenheit  des  Dichters  in  jenen  Gegenden  Spaniens  vermuten 
lassen:  nach  Baist,  Variationen  über  Roland  2074,  2156  (=  S.  213—232 
in:  Beiträge  zur  romanischen  und  englischen  Philologie,  Festgabe  für 
Wendelin  Foerster  zum  26.  Oktober  1901,  Halle  1902),  S.  5  (=  Bei- 
träge 217)  wäre  Sebre  ,,aus  Ebro  und  dem  von  Urgel  und  Lerida  ihm 
zuströmenden  Segre  gekreuzt".  Am  Segre  liegt  allerdings  ein  Balaguer 
(Roland  63,  200,  894)  und  unweit  davon  ein  Tamarite  —  Tamarie 
will  Baist  Vers  956  nach  der  varia  lectio  lesen  (Variationen  6  =  Beiträge 
218),  doch  denkt  er  an  ein  ,,Tamarit  am  Ausfluß  des  Caya,  unterhalb 
des  erst  1128  wieder  bevölkerten  Tarragona".  —  Etwas  nordwestlich 
vom  ersterwähnten  Tamarite  liegt,  bei  Barbastro,  Berbegal,  das  Baist 
mit  Wahrscheinlichkeit  in  Brigal  889,  1261  erkennen  zu  dürfen  glaubt 
(Variationen  5  =  Beiträge  217).  Wenigstens  Erwähnung  scheint 
uns  auch  Felix  Liebrecht's  Hypothese  zu  verdienen,  wonach  Brigal 
Berga  am  Llobregat,  nordöstlich  von  Barcelona  (Zur  Chanson  de 
Roland,  in:  Zs.  f.  roman.  Philol.  IV,  1880,  S.  371). 

Jedenfalls  eine  Fülle  von  Namen  aus  der  Gegend  zwischen  Ebro 
und  Pyrenäen,  wenn  man  die  im  Text  aufgeführten  dazurechnet.  Ab- 
zuziehen ist  allerdings  Tamarite.  Gerade  weil  der  Rolanddichter  mit 
der  Geographie  Spaniens  vertraut  ist,  kann  für  955  f.  Margariz  de 
Sibilie,  Cil  tient  la  tere  entre  quascaz  marine  wohl  nur  Almeria  in  Betracht 
kommen,  wie  V  J  T  mit  Recht  deuten,  vgl.  auch  Pseudoturpin.  Ein 
Reich  von  Sevilla  bis  Tamarite  bei  Balaguer  ließe  keinen  Raum  für 
die  Emirate  von  Zaragoza  und  Los  Monegros,  ein  solches  von  Sevilla 
bis  Tamarit  bei  Tarragona  nicht  für  die  Emirate  von  Burriana  und 
Tortosa.  Ganz  klar  hat  sich  Turoldus  die  politischen  Besitzverhältnisse 
Spaniens  zur  Zeit  Rolands  ausgemalt:  vom  ,, König"  von  Zaragoza 
ressortieren  der  Herr  von  Berbegal  oder  Berga  {Brigal  889),  der  Emir 
von  Balaguer  (894),  ein  ,,Almansor"  von  Burriana  (909),  ein  ,,Graf" 
von  Tortosa  (916  f.),  der  Herr  von  Valtierra  (931),  Margariz  von 
Sevilla,  dessen  Lehn  bis  Almeria  reicht,  endlich  der  Herr  von  Los 
Monegros  (975). 

Eine  geographische  Sachkenntnis  gleichen  Grades  ergibt  sich  in 
bezug  auf  den  Ebro  und  seinen  Verlauf.  Nur  dieser  Fluß,  nicht 
der  Segre,  kann  2465,  2488a,  2642,  2728,  2758,  2798  gemeint  sein; 
und  ein  Durcheinanderwerfen  der  beiden  Flußnamen  verträgt  sich 
kaum  mit  der  sonst  bewiesenen  geographischen  Kenntnis  jener  Gegenden. 
Daher  wir  denn  die  Erklärung  Baist's  zugunsten  der  Foersterschen 
ablehnen.  S'Ebru  ist  wie  n'' Aimes  nicht  erlesen,  sondern  unterwegs 
gehört  worden,  ist  Reiseerinnerung.  —  Daß  ein  Abschreiber  auf  den 
entlegenen  Segre  verfallen  wäre  und  dann  die  beiden  Flußnamen 
kontaminiert  hätte,  das  wäre  ein  seltsamer  Zufall,  eine  unwahrscheinliche 
Möglichkeil,  die  außer  Betracht  bleiben  kann. 

Wenn  also  auch  der  Segre  im  Rolandsepos  nicht  erwähnt  ist, 
selbst  in  Sebre  keine  Spur  zurückgelassen  hat,  so  ist  doch  nicht  ausge- 
schlossen, daß  unser  Dichter  gerade  den  Segre  entlang  ge/.ogen  ist. 
Vielmehr  bietet  sich  mindestens  die  gleiche  Wahrscheinlichkeit  wie 
für  die  Route  Narbonnc — Gerona — Tortosa  für  folgendos  Itinerar: 
Narbonne — Carcassonne  (385)  —  über  den  Pyrenäonkamm  durch  die 
Cerdagna  (Sardanie  2312;  dazu  Stengel's  Glossar)  und  weiter  den 
Segre  hinunter  an  Balaguer  vorbei  bis  zum  Ebrotal.  Nicht  weitab 
von  der  Segre-Straße  liegen  Berga  östlich,  Berbegal  westlich,  und  noch 
näher  dann  Los  Monegros. 


142  Wilhelm.  Tavernier. 

{Muneigre  975),26)  ^j^g  bekanntere  Tudela  (Tiiele  200)2?)  ^j^,i 
wieder  das  unbedeutende  Valtierra  {Valterne  199.  662.  931.  2488a). 
Man  beachte  die  Reiseanekdoten,  die  dem  Dichter  anläßhcli 
dieser  Namen  wieder  einfallen:  die  schwarze  Öde  der  sonnen- 
verbrannten Monegros  (Vers  980  ff.),  nur  gut  als  Pissoir  für 
die  Teufel  (so  hat  man  dem  Turoldus  erzählt,  Dient  alquant  .  .  . 
983);  Valtierra  hat  jahrelang  wüst  gelegen  (664).  —  Schon  Baist 
hat  die  Rast  entre  Sebre  et  Valterne  2488a  in  ihrer  Bedeutsam- 
keit erkannt. 28)  Valtierra  liegt  wenige  Kilomter  vom  Ebro  ab, 
der  Stieler'schen  Karte^^)  nach  am  Rand  des  Flußtals;  also  ein 
allergenauestes  geographisches  Detail.  Die  so  liebevoll  ausge- 
malte Lagerszeno  unter  freiem  Himmel,  in  stiller  Mondnacht 
(L.  184  ff.,  besonders  Vers  2490  ff.,  2521  ff.)  wäre  dann  vom 
Dichter  erlebt,  obschon  er  Anregung  zur  Darstellung  und  einige 
Züge  derselben  seinen  antiken  Mustern  verdanken  wird.  Sich 
selbst,  die  eignen  Reisebeschwerden  mag  Turoldus  im  Sinn  ge- 
habt haben,  wenn  er  2524  nachdenklich  schließt: 
Mult  ad  apris  ki  bien  conuist  ahan.^®) 

Den  Ebro  aufwärts  kam  Turoldus  auf  den  Camino  frances, 
auf  ihm  nach  Santiago.  Zurück  nach  Frankreich  ist  er  dann 
über  Roncevaux  gezogen;  da  lebten  die  Distichen  des  Carmen 


2^)  Mila  y  Fontanals'  zutreffende  Deutung  wird  von  Gautier  in 
seinem  Glossar  ohne  jeden  Grund  zurückgewiesen;  die  oben  Anm.  25 
in  bezug  auf  die  Lehen  der  heidnischen  Pairs  gemachte  Aufsteüung 
erweist  deuthch,  daß  Los  Monegros  in  den  Zusammenhang  gehört. 
Schon  die  Nähe  von  Pina  (Pine  199)  hätte  Gautier  eines  Besseren 
belehren  können.  —  Das  durch  O  V^  gesicherte,  auch  von  C  \'^  n  ge- 
botene g  von  Muneigre  sollte  Stengel  im  Text  belassen  haben. 

2")  . .  .illexerat  sibi  quosdam  affines  Maurorum  reges,  etCaesar- 
augustanum  scilicet,  et  Oscensem,  pariter  et  Regem  de 
Tudela  (Monachus  Silensis,  Chronicon;  in:  Espana  sagrada  XVII, 
Madrid  1763,  S.  313). 

2^)  ,,und  dann  würde  ich  gerne  in  Valterne  einen  Fehler  des  Autors 
[oder  wohl  eines  Kopisten  ?  Tav.]  für  Valtierra  <Valterra>  am  Ebro 
oberhalb  Tudelas  sehen,  wozu  die  Rast  ,,entre  Sebre  e  Valterne"'  in  der 
V^-Gruppe  zu  2488  fast  zu  gut  paßt"  (Variationen  5  =  Bei- 
träge 217). 

29)  Stielers  Hand-Atlas,  9.  Aufl.,  Gotha  1905,  Bl.  33. 

^^)  Baist  (Variationen  5  =  Beiträge  217)  läßt  es  zweifelhaft, 
ob  Balaguer  ,,das  alte  Städtchen  am  Segre  oder  der  gleichnamige 
Paß  und  Seeplatz  <Castillo  de  Balaguer>  zwischen  Tarragona  und 
Ebromündung."  Zu  den  Orten  am  Ebro  würde  noch  Miranda  de 
Ebro  hinzukommen,  wenn  Stengel's  Lesart  von  198  (Noples  et  Morinde) 
nach  V'CndR  akzeptiert  wird;  vgl.  Gustav  Brückner,  Das  Verhältnis 
des  französischen  Rolandsliedes  zur  Turpinschen  Chronik  und  zum 
Carmen  de  prodicione  Guenonis,  Rostock  1905,  S.  42  ff.  Miranda 
würde  in  198  allerdings  gut  zu  den  199  darauf  folgenden  Orten 
Valtierra  und  Pina  passen.  Nur  dünkt  uns  die  Lesart  Stengels 
gegenüber  dem  präzisen  Commibles  von  O  nicht  allzu  gesichert; 
,, zweifelhaft"   auch   Baist    (Variationen   6  =  Beiträge  218,   Anm.   3). 


Beiträge  zur  Rolandsforschung.  143 

im  gottbegnadeten  Dichterherzen  schöner,  farbiger  v^ieder  auf. 
Zwar  G.  Paris  hat  recht,  ,Al  n'y  a  jamais  eu  de  tradition  locale 
ä  Roncevaux  ni  aux  alentours."^^)  Nicht  irgendwelche  Details 
der  Rolandsage  hat  Turoldus  von  Roncevaux  mitgebracht, 
aber  die  tiefere  Ergriffenheit  gegenüber  dem  schon  vor  ihm 
dichterisch  verherrlichten  Geschehnis,  neben  einiger  couleur 
Jocale.^^)     Denn  daß  liier  in  Roncevaux  historischer  Boden,  daß 

^1)  Roncevaux,  in:  Revue  de  Paris.  Annee  8  :  1901,  T.  5,  S.  244.  — 

^-)  Die  Frage,  ob  die  Schilderung  der  PjTenäen  in  unserm  Epos 
auf  eigener  Anschauung  des  Dichters  beruht,  oder  ob  der  Verfasser 
,,a  jait  ses  descriptions  de  chic  et  n'a  ja?nais  i-isite  les  Pyreiiees"  (Gaston 
Deschamps)  ist  viel  erörtert  worden.  Wir  selbst  haben  seinerzeit 
gegenüber  G.  Paris,  der  auf  einer  Reise  nach  Roncevaux  von  der  Treue 
der  Landschaftswiedergabe  im  Epos  betroffen  mit  Lebhaftigkeit  für 
Ortskenntnis  seitens  des  Dichters  eingetreten  war,  zu  bedenken  ge- 
geben, ob  nicht  Turoldus  seine  Schilderungen  auf  Grund  von  Em- 
hards  Vita  Caroli  gedichtet  haben  könnte  (diese  Zs.  XXI V-.  1904. 
S.  151). 

Daß  der  Rolanddichter  Einhards  Leben  genau  gekannt  und  mehr- 
fach benutzt  hat.  kann  nicht  bezweifelt  werden  (Vorgeschichte  32 
zu  Vers  116  ff.:  S.  34.  zu  164:  S.  133.  zu  2031:  S.  15  0:  Anm.  366  auf 
S.  174,  zu  2611;  S.  200  f.;  214;  223).  Ja,  er  scheint  das  betreffende 
Kapitel  in  Einhards  Werk  noch  einmal  überflogen  oder  aufgeschlagen 
vor  sich  gehabt  zu  haben,  als  er  den  Griffel  ansetzte  zur  eigenen  Dich- 
tung. Denn  schon  in  der  ersten  Laisse  findet  sich  der  wörtliche  Anklang 
Xi  ad  c  a  s  t  e  1  ki  deuant  lui  remaigne, 
Mur  ne  c  i  t  e  t  ni  est  remes  a  fraindre  (0  4  f.) 

an  0})}nibus  quae  adierat  o  p  p  i  d  i  s  atque  castellis  in  deditionein 
acceptis  in  der  Vita  9  (Einhardus,  Vita  Karoli  Magni,  post  G.  H.  Pertz 
rec.  G.  Waitz,  4.  ed.,  Hannoverae  1880,  S.  9). 

Aber  für  die  Schilderung  des  PjTenäengebuges  konnte  Turoldus 
bei  Einhard  nur  zwei  bezeichnende  Einzelzüge  finden,  die  angustiae 
und  die  opacitas  siharuiu,  quarwn   ibi  maxima  est  copia  (cp.  9). 

Die  destreiz  ?7}eneillus  finden  wir  denn  auch  in  der  ersten  der 
beiden  ausgeführten  Ortsschilderungen,  L.  67,  wieder,  destreiz  auch 
805.  809;  ebenda  erinnern  die  i-al  tenebrus  814  an  opacitas  bei  Einhard, 
und  so  sind  1830  die  piii:  tenebrus.  Statt  des  allgemeinen  sik-ae  hat 
Turoldus  einmal  (993)  —  und  das  verdient  Beachtung  —  das  genauere 
sapeie.  Daß  Berg  und  Tal,  bei  Einhard  angedeutet  {in  summi  fuontis 
vertice,  subiecta  i-allis),  im  Epos  öfter  vorkommen  (814  Halt 
sunt  li  pui  et  li  i'al  tenebrus;  1830  f.  Halt  sunt  li  pui  e  tenebrus  e  grant, 
Li  val  parfunt.  .  .  ;  1755  Halt  sunt  li  pui.  .  .  ;  2185  Cercet  les  '.•als  et  si 
cercet  les  ?nunz).  will  nicht  viel  besagen. 

Um  festzustellen,  ob  in  der  Pyrenäenschilderung  des  Roland- 
dichters eigene,  von  seinen  literarischen  Vorlagen  unabhängige  Züge 
aufbewahrt  sind,  müssen  wir  auch  einen  Blick  auf  das  Carmen  de  pro- 
dicione  Guenonis,  des  Turoldus  Haupt  quelle,  werfen.  Da  beschränkt 
sich  nun  die  Beschreibung  des  unbenannten  Gebirges  auf  die  wenigen 
Worte  juga  ardua,  i'olles  terribiles  (213  f.);  kurz  vorher  ist  von  scopuli 
die  Rede  (212),  wie  457  von  einem  scopulus,  und  222  begegnet  wieder 
i'allis;  endlich,  doch  nicht  mehr  aufs  Gebirge  allein  bezüglich,  kommen 
371  f.  hinzu  : 

Mirantur  sonitumque  stupent  hunc  omnia:  montes, 
Arva.  nemus,  valles.  equora.  terra,  polus. 

In  der  Darstellung  der  eigentlichen  Schlacht  verliert  der  Verfasser 
des  Carmen  die  Gebirgsszenerie  ganz  aus  den  Augen. 


144  Wilhelm   Tavernier. 

er  auf   Karls    des   Großen  Wegen  wandere,   das  wußte   der  gt- 
schichtskundige^^)    Dichter  gewiß,   und    obendrein   erinnerten  ja 


Wie  anders  im  Rolandsepos.  Immer  schwebt  dem  Dichter  der 
Schauplatz,  grüne  Täler,  dunkle  Felsen,  Berge  ringsum,  lebendig  vor, 
und  ganz  im  Gegensatz  zur  Vorlage,  dem  Carmen,  werden  wir  durch 
beiläufige  Bemerkungen  des  öfteren  daran  erinnert,  daß  die  Schlacht 
sich  im  Gebirge  abspielt  (z.  B.  1449,  2185,  2399,  2434).  Das  ist  aller- 
dings von  Bedeutung. 

Aus  dem  Carmen  konnte  Turoldus  so  gut  wie  nichts  für  die  Schil- 
derung der  Pyrenäen  entnehmen,  aus  Einhard  einiges,  doch  gehen 
auch  über  dessen  knappe  Andeutungen  hinaus:  in  den  beiden  ausge- 
führten Beschreibungen  (L.  67  \md  140)  die  roches  bises  815  und  die 
ewes  curanz,  was  beides  geschaute  Details  sein  könnten.  —  2225  En 
Rencesvals  ad  un'  ewe  curant  entspricht  der  Wirklichkeit  (G.  Paris, 
Roncevaux  248). 

Treten  wir  nun  der  Frage  näher,  ob  aus  diesem  Schimmer  von 
Lokalkolorit    auf    Ortsanwesenheit    des    Rolanddichters    geschlossen 
werden   muß,   so   scheint   uns   Edw.    F  r  y    die   rechte    Entscheidung 
vorweggenommen  zu  haben,  wenn  er  (Roncesvalles;  in:  The  English 
historical  review,  XX,  1905,  S.  30)  urteilt:  The  descriptions  of  scenery 
contained  in  the  Chanson  are  somewhat  vague  and  general,  and  do 
not  impress  one  with  the  notion  that  the  writer  sought  for  topographical 
exactitude,    and   may  leave   it    at    least    doubtful     whether 
the  writer  had  ever  visited  the  scene  he  describes;  but  the  local  colour, 
the  mention  of  the  woods,  the  hüls,  the  defiles  by  the  special  Pyrenean 
name  of  porz  —  as  in  St.  Jean  Pied  de  Port  —  all  these  are,  to  say  the 
least,   consistent  with   Roncesvalles.     Allzukühn   hatte  A.  Pakscher, 
Zur    Kritik   und  Geschichte   des   französischen    Rolandsliedes,    Berlin 
1885,  S._70  gefolgert:     ,,Die  Umstände,  unter  denen,  die  Gegend,  in 
der  der  Überfall  von  Ronceval  stattgefunden  hat,  sind  so  anschaulich 
geschildert,  wie  dies  nur  ein  Bericht  von  Augenzeugen  vermag."     Die 
Ortsschilderungen    allein   würden   nicht   ausreichen,   um   Anwesenheit 
des  Rolanddichters    in    den   Pyrenäen   zu   erweisen,    ob    schon  etwas 
von  Lokalkolorit  von  vornherein  für  solche  Annahme  spricht.     Man 
muß  die  Pyrenäennamen  hinzunehmen,   außer   Rencesvals  noch   die 
porz  de  Cisre  (583,  719,  2939)  und  die    porz    d' A  spre  (870.  1107), 
deren  Lage  durchaus  richtig  vorgestellt  ist.     Das  bezeichnende  porz 
ist  mit  Fry  zu  betonen;  beachtenswert  ist  auch,  wie  das  unbekannte 
Cisre  von  OV  ''  in   Cipre,   von  O  selbst  einmal  in  Sirie  verballhornt 
wird,  und  daß  letzterer  Kopist  Aspre  beidemal  durch  Espaigne  ersetzt. 
—  Weiter  kommt,  und  ausschlaggebend,  die  Fülle  der  Namen  von  den 
PjTenäen  bis  zum  Ebro  hinzu,  über  die  wir  oben  S.  140  ff.  gehandelt 
haben,  noch  in  den  Pyrenäen  die  Cerdagne,  dann  Gerona,  Balaguer, 
Berbegal,  und  am  Sebre  mit  der  verräterischen  Namensform  Tortosa, 
Los  Monegros,  Pina,  und  stromaufwärts  von  Zaragoza:  Tudela,   Val- 
tierra,  wozu  allenfalls  noch    Miranda   kommen    könnte    (s.  Anm.  30). 
Daß  ein  Dichter  von  Rang  und  Bildung  Cördoba  kennt,  ist  nicht 
verwunderlich;    man   vgl.    die    Verse    12  ff.    in    Hrotsvitha's    Pelagius 
(Hrotsvithae  opera,  ed.   Karolus  Strecker,  Lipsiae  1906,  S.  54): 
Partibus  occiduis  fulsit  darum  decus  orbis, 
Urbs  augusta,  nova  Martis  feritate  superba,... 
Corduba  famoso  locuples  de  nomine  dicta, 
Inchta  deliciis,  rebus  quoque  splendida  cunctis, .  . . 
Necnon  perpetuis  semper  praeclara  triumphis. 
Auch  Sevilla  war  durch  den  großen  Isidor  unter  Gebildeten  wohl- 
bekannt, und  so  könnten  Namen  wie  Coimbra,  das  1064  nach  6  monat- 
licher Belagerung  durch  Fernando   L   von  Castilien  genommen  war 


Beiträge  zur  Rolandsforschung.  145 

die  „Kapelle  Karls  des  Großen"  und  die  crux  Caroli  den  Reisenden 
an  den  Rückzug  des  Kaisers  (G.  Paris,  Roncevaux  245  ff.).     So 


(R.  Dozy,  Histoire  des  Musulmans  d'Espagne,  IV,  Leyde  1861,  S.  124); 
Gustav  Diercks,  Geschichte  Spaniens  I,  BerUn  1895,  S.  347;  G.  Baist, 
in:  Romanische  Forschungen  I,  1883,  S.  453.  Bistum;  Conimbria 
illarum  partium  maxima  civitas  heißt  es  beim  Monachus  Silensis  319), 
Toledo  (1568)  und,  vom  Cid  her,  Valencia  und  Burriana  (Rodericus  autem 
permansit  in  Burriana  tamquam  lapis  immobilis,  Historia  Roderici 
Didaci  Campidocti,  in:  Manuel  Risco,  La  Castilla,  Madrid  1792, 
S.  XXXIV;  noch  S.  XLII:  Rodericus  vero  moratus  est  Burriana  in 
partibus  Valentiae)  sich  allenfalls  weitergesprochen  haben.  Aber  das 
ist  doch  ausgeschlossen  für  die  entlegenen  Namen  der  Gegend  zwischen 
Ebro  und  Pyrenäen,  die  wir  oben  zusammenstellten.  Mit  Recht  hat 
Paul  Graevell,  Die  Charakteristik  der  Personen  im  Rolandslied,  Heil- 
bronn 1880,  S.  144  gefragt:  ,,Wie  soll  man  sich  das  denken,  daß  die 
Franzosen  im  11.  Jahrhundert  über  eine  solche  Fülle  nordspanischer, 
zum  Teil  ganz  unbedeutender  Ortschaften  verfügen?  Durch  die  Tradi- 
tion von  der  Zeit  Karls  des  Großen  her  kann  diese  Kenntnis  doch  nicht 
fixiert  worden  sein!"  Graevell  findet  die  Lösung  des  Problems  in  der 
irrigen  Annahme,  daß  das  Rolandslied  in  Südfrankreich  herangebildet 
w^orden  sei.  ,,Bei  den  Provenzalen  erklärt  sich  die  Kenntnis  jener  Ge- 
genden leicht."  Doch  an  provenzalische  Herkunft  des  französischen 
Epos  wird  heute  niemand  mehr  glauben.  Baist,  dem  wir  das  Meiste  zur 
Aufhellung  der  Bezeichnungen  des  Rolandsliedes  zu  Spanien  verdanken, 
hat  nicht  mit  der  gleichen  Schärfe  wie  Graevell  das  Auffallende  der 
Ortskenntnisse  in  Nordspanien  betont,  doch  eine  Lösung  des  Problems 
angedeutet.  Er  weist  (Variationen  5  f.  =  Beiträge  217  f.)  darauf 
hin,  daß  Balaguer,  Berbegal,  Valtierra  usw.  ,,um  1100  äußerste  Vor- 
posten des  Maurentums  waren,  um  welche  zweifellos  gekämpft  worden 
ist,  wenn  uns  auch  die  dürftige  Zeitgeschichte  nur  den  Fall  des  be- 
nachbarten Huesca  1096,  Tudela  1114  berichtet:  so  daß  man 
auf  dem  Pilger  weg  über  Jaca  von  ihnen  hören 
m.  ochte."  Diese  Erklärung  genügt  nur,  wenn  man  den  Rolands- 
dichter selbst  jenen  Weg  gehen  läßt.  Vom  bloßen  Hörensagen,  aus 
mündlichem  Bericht  heimgekehrter  Pilger  oder  Kämpfer  konnte 
nicht  eine  Gruppe  so  ferner,  meist  unbedeutender,  z.  T.  geographisch 
eng  verbundener  Namen  einem  normannischen  Dichter  beim  Kon- 
zipieren in  die  Gedanken  kommen.  Dazu  haften  solche  von  andern 
gehörten  Namen  viel  zu  wenig  tief.  Wir  rechnen  es  zu  unsern  vielen 
Jugendirrtümern,  daß  wir  selbst  einmal  (diese  Zs.  XXVI-,  1904,  S.  152) 
die  Vermutung  geäußert  haben,  Turoldus  m.öge  ,,wohl  einen  ritter- 
lichen Freund  von  Spanien  haben  erzählen  hören,  nicht  einmal  nur, 
sondern  manchen  Winterabend  im  Kloster,  so  daß  sich  die  Namen 
einprägten."  Kein  Heutiger  würde  beim  Dichten  auf  Namen  wie  die 
in  Frage  stehenden  verfallen,  es  sei  denn,  er  hätte  sie  aus  Büchern  oder 
von  eigenen  Reisen  mit  heimgebracht.  Und  das  gilt  noch  viel  mehr 
für  die  Dichter  jener  Zeit,  die  so  viel  abhängiger  beim  Sciiaffen  waren, 
so  durchaus  an  Vorbildern  hingen.  Schriftliche  Quellen,  die  alle 
jene  entlegenen  Namen  böten,  lassen  sich  nicht  nachweisen,  ja  kaum 
denken,  wenn  man  sich  den  Namenbestand  des  Mönchs  von  Silo  oder 
der  Historia  Roderici  Didaci  vergegenwärtigt;  Pseudoturpin  und 
Compostella-Baedcker  sind  lange  nach  dem  Rolandsepos  verfaßt 
(G.  Paris'  bezw.  unsere  eigenen  irrigen  Ansichten  in  dieser  Frage 
sind  von  Baist,  Mitteilungen  zu  Roland-Turpin,  in:  Veriunidlungen 
der  43.  Versammlung  deutscher  Philologen  und  Schulmänner  in  Köln 
1905,  Leipzig  1896,  S.  96  f.;  H.  Friedel,  Etudes  composteilanes,  in: 
Otia  Merseiana,  I,  Liverpool  1899,  S.  86;  Baist,  Variationen  7  =  Bei- 


146  Wilhelm   Tavernier. 

hat  denn  das  dichterische  Phantasiobild  von  Rolands  und  seiner 
Helden  Sterben  damals  erst  die  rechten  Farben  und  den  recliten 


träge  219;  Ph.  Aug.  Becker,  Grundriß  der  altfranzösisclien  Literatur, 
Heidelberg  1907,  S.  45  f.;  zuletzt  von  Bedier,  La  chronique  de  Turpin 
433  korrigiert  worden);  ferner,  mit  Bezug  auf  Baist's  oben  angeführten 
Satz,  Huesca  kommt  im  RolandsUed  nicht  vor,  sein  Fall  hegt  fast 
ein  Jahrzehnt  vor  Abfassung  unseres  Epos,  wie  der  Tudeias  um  fast 
ein  Jahrzehnt  nachher.  —  Nicht  einzugehen  braucht  man  meJir  auf 
die  mystischen  Hintergründe  von  0.  Paris'  Anschauungen,  die  wir, 
diese  Zs.  XXVI^,  1904,  S.  152,  abgelehnt  haben.  —  „On  peut 
meme  croire  que  l'auteur  de  la  premiere  chanson— noyee  dans  les 
accroissements  successifs  qu'elle  a  regus  —  etait  ä  Roncevaux  avec 
l'arm^e  de  Charles"  (Roncevaux  250).  So  wenig  wie  Vergil  im 
Gefolge  des  frommen  Äneas  ist  der  Rolandsdichter  in  Karls  Heer 
zu  suchen.  Der  Rolandsdichter,  denn  auch  über  den  andern  Satz 
kann  man  nach  der  Arbeit  des  letzten  Jahrzehnts  stillschweigend 
hinweggehen:  L'auteur  de  la  Chanson  de  Roland  s'appelle  Legion. 
Nur  die  trotz  allem  noch  vorwiegende  Annahme  einer  selbständigen 
Baligantepisode  erinnert  an  vergangene  Irrwege  der  Forschung.  Aber 
wie  bald  wird  auch  dieser  Zopf  fallen  und  darüber  Einmütigkeit  herr- 
schen, daß  ein  Epos  wie  das  Rolandslied  auch  nur  einen  Dichter 
hat.  —  An  der  eben  zitierten  Stelle  (S.  250)  fährt  Paris  fort:  Parmi 
ceux  qui. . .  auraient  le  droit  de  se  lever  pour  repondre  ä  l'appel  que 
nous  adresserions  ä  cet  auteur,  il  serait  bien  temeraire  d'affirmer  qu'il 
n'y  en  a  pas  un  qui  ait  passe  par  Roncevaux,  ä  une  epoque  oü  tant 
de  gens  y  passaient.  Diese  Worte  führen,  wenn  man  die  mystische 
Hülle  abstreift,  von  selbst  zu  unserer  These  hinüber,  daß  der  Rolands- 
dichter in  Spanien  gewesen  ist.  Das  hatte  als  Möglichkeit  schon  Pio 
Rajna  angedeutet  (A  Roncisvalle;  in:  Homenaje  ä  Menendez  y  Pelayo, 
II,  Madrid  1899,  S.  392):  Bisogna  teuer  conto  della  possibilitä  che 
il  poema  sia  stato  foggiato,  o  rifoggiato,  da  taluno  dei  tanti  guillari 
che  andandosene  a  S.  Jacopo  o  alle  corti  spagnuole,  oppure  tornan- 
done,  ebbero  a  passare  da  Roncisvalle.  Entschiedener  hat  Becker, 
Grundriß  36  geurteilt:  ,, Hätte  aber  ein  günstiges  Geschick  nicht 
den  schaffenslustigen  und  schaffenskundigen  Dichter  nach  Ronce- 
vaux, Blaye  und  Bordeaux  geführt,...  und  hätte  er  beim  Anblick 
der  Bergkuppen  und  Felsenschluchten  und  beim  Erzählen  seiner  Ge- 
währsleute nicht  die  gefallenen  Franken  um  sich  aufstehen  sehen  und 
Rolands  Hornruf  klagend  ersterben  hören,  so  besäßen  wir  kein 
Rolandslied." 

Turoldus  ist  in  Roncevaux  und  in  Spanien  gewesen;  daher  die 
Fülle  der  Namen  zwischen  Ebro  und  Pyrenäen,  daher  das  landschaft- 
liche Sehre,  daher  die  zutreffende  Schilderung  von  Roncevaux  und 
dem  Port  de  Cise.  So  erklärt  sich  auch  erst  recht  die  überraschende 
geographische  Kenntnis  von  Spanien  überhaupt  (vgl.  oben  Anm.  25). 
Niclit  nur  bekanntere,  sondern  auch  weniger  bedeutende  Städte  werden 
erwähnt,  Toledo,  Noblejas  (Noples  198.  1775,  nach  Hugo  An- 
dresen,  Romanische  Forschungen  I,  1883,  S.  452),  Coimbra  (Commibles 
198;  bezeichnend  ist  das  spanische  hl  für  br,  Baist,  Roman.  Forschun- 
gen I  453),  Sevilla,  Cordoba,  A  1  m  e  r  i  a  (vgl.  oben  S.  141),  Valencia, 
Burriana.  ,, Spanisch-französisch  sind...  adouber,  ...almasour" 
(G.  Baist,  Arabische  Beziehungen  vor  den  Kreuzzügen,  in:  Verhand- 
lungen der  49.  Versammlung  deutscher  Philologen  und  Schulmänner 
in  Basel  1907,  Leipzig  1908,  S.  128);  ,, Almagor  und  tabor  im  Roland.  .  . 
stammen,  jenes  sicher,  dieses  wahrscheinlich  aus  Spanien"  (Baist, 
Variationen  8  =  Beiträge  220).  Es  sei  an  den  Algalifes,  mit  arabischem 
Artikel,  erinnert,   und   an  arabisch   anklingende  Namen   wie  Amalris 


Beiträge  zur  Rolandsforschung.  147 

Rahmen  bekommen.    Etwas  von  dem  Duft,  der  über  dem  Rolands- 
epos liegt,  ist  Wandererinnerung. 

Auch  die  Rührung,  welche  im  Lied  Karls  Heer  ergreift, 
als  es  wieder  Frankreichs  heilige  Fluren  von  ferne  sieht/(818  ff.), 
liat  der  Dichter  selbst  erlebt.  Wie  er  hinunterzog  in  die  Gascogne, 
betrat  er  die  Staaten  eines  Dichterfürsten,  der  ihm  kein  Fremder 
gewesen  sein  wird.  Wilhelm  VII.  von  Poitiers  hatte  gegen  Aus- 
gang des  11.  Jahrhunderts  als  Gast  und  Verbündeter  seines 
Namensvetters  in  der  Normandie  geweilt  und  an  König  Wilhelms 
Seite  gekämpft. ^^)  Inzwischen  hatte  der  Troubadour  einen 
Kreuzzug  nach  dem  Orient  absolviert,  war  nun  wieder  daheim 
in  seinem  schönen  Land  und  ließ  vor  Freunden  und  Fremden 


(vgl.  et  interfecto  Duce  Sarracenorum  Amalmater,  Chronicon  des 
Ado  von  Vienne,  in:  Bouquet,  Recueil  des  historiens  des  Gaules  et 
de  la  France,  VII,  Paris  1749,  S.  55);  Amelmasser  eorum  princeps 
cum  multi  Sarracini...  occidit,  Andreae  Bergomatis  historia,  in: 
Monum.  Germ.  Hist.,  Script,  rer.  langobard.,  Hannov.  1878,  S.  227. 
In  Spanien  mag  Turoldus  das  Schachspiel  kennen  gelernt  haben  (vgl. 
Baist,  Beziehungen  128).  Zum  spanischen  Kolorit  gehören  auch  der 
Lorbeer,  und  das  Maultier  in  dem  so  gesehenen  Vers  861  Sur  un 
mulet  od  un  bastun  tuchant.  In  der  Rolle  des  Algalife  und  seiner 
Schwarzen,  die  zuletzt  in  den  Kampf  eingreifen,  verbirgt  sich  ge- 
schichtliche, im  Land  erworbene  Erinnerung.  So  haben  die  Almo- 
raviden  aus  Afrika  den  Sarazenen  Spaniens  Hilfe  gebracht  und  sich 
den  Christen  furchtbar  erwiesen.  Zu  beachten  ist  auch  der  Berber 
Corsabrins  885. 

Daß  der  Rolandsdichter  in  Spanien  gewesen  ist,  ist  nicht  nur  unsere 
Meinung.  Fragt  man  weiter,  welche  Beziehungen  der  Bischof  Turoldus 
von  Bayeux  zu  Spanien  hatte,  so  erfahren  wir  allerdings  nichts  darüber, 
daß  er  etwa  nach  Compostella  gepilgert  sei.  Unwahrsclieinlich  aber 
ist  solche  Fahrt  nicht,  wenn  man  die  Lage  des  Turoldus  nach  der 
Einäscherung  von  Bayeux  bedenkt,  und  den  Umstand,  daß  der  Legat 
von  Gallien,  der  seine  Sache  zu  entscheiden  hatte,  selbst  in  Santiago 
gewesen  war  (vgl.  oben  S.  138). 

Wenn  Turoldus  damals,  1105/06  nach  Spanien  hineingekommen 
ist,  hat  er  vom  Cid  Campeador  erzählen  hören,  und  fand  er  unter  einem 
großen  ,, Kaiser",  Alfonso  VI,  fast  die  ganze  Christenheit  geeint. 
Kreuzzugsslimmung  und  Kreuzzugsbegeisterung  mußten  im  Dichter- 
herzen von  daher  neue  Nahrung  erhalten. 

^^)  Zwar  bei  den  Geschichtsschreibern  fand  er  nirgends  den  Schlacht- 
ort angegeben.  Aber  in  den  Annales  regni  Francorum  wie  in  den  soge- 
nannten Annalen  des  Einhard  stand  zu  lesen,  daß  Karl  von  Pamplona 
aus  den  Rückzug  über  die  PjTenäen  angetreten  habe.  Ora,  chi  dice 
Pamplona  dice  Roncisvalle.  Gli  e  per  Roncisvalle  che  si  scende  per 
solito  a  quella  cittä;  gli  e  a  Roncisvalle  che  si  conduce  di  norma  chi 
di  lä  muove  verso  la  Francia  (Pio  Rajna,  A  Roncisvalle,  in:  Homenaje 
ä  Menendez  y  Pelayo,  II,  Madrid  1899,  S.  388).  Und  sollte  Turoldus 
obige  Stelle  nicht  gekannt  haben,  so  gab  es  ja  Geistliche  und  Mönche 
unterwegs,  die  dem  reisenden  Bischof,  und  wie  gern,  von  den  großen 
Erinnerungen  ihrer  Gegend  erzählt  haben  werden,  wenn  er  bei 
ihnen  einkehrte. 

3-*)  Ordericus  Vitalis,  Lib.  X  5;  ed.  Le  Prevost  IV,  S.  25  f.; 
Achille  L  u  c  h  a  i  r  e  ,  Les  premiers  Capetiens  <987 — 1137>,  =  His- 
toire  de  France,  publ.  par  Ernest  Lavisse,  T.  II,  2,  Paris  1901.  S.  307. 


148  Wilhelm   Tavernier. 

in  Liedern  das  Vergangene  aufleben:  miserias  captivitatis  suac, 
ut  erat  jocundus  et  lepidus,  postmodum,  prosperitate  fultus, 
coram  regibus  et  magnatis  atque  Ghristianis  coetibus,  multotiens 
retulit  rythmicis  versibus,  cum  facetis  modulationibus  (Ordericus 
Vitalis,  Lib.  X  20;  ed.  Le  Prevost  IV,  S.  132).  Es  ist  nicht  zuviel 
Pliantasie,  sich  vorzustellen,  daß  der  normannische  Grandseigneur 
auf  der  Durchreise  durch  Wilhelms  Staaten  dem  Landesherrn, 
dem  berühmten  Dichter,  dem  Freund  seines  verstorbenen  Königs 
seine  Aufwartung  gemacht  hat.  Führte  doch  die  große  Straße 
vom  Süden  her  nach  Bordeaux  (Wilke  73)  und  weiter  über  Blaye 
nach  Poitiers  (Wilke  64)  oder  Limoges  (W'ilke  71),  also  gerade 
durch  die  wichtigeren  Städte  des  fürstlichen  Troubadours.^^) 
Man  beachte  auch,  wie  reichlich  Wilhelms  Länder  im  Rolands- 
epos mit  ehrenvollen  Anspielungen  bedacht  werden:  da  tritt  an 
die  Stelle  des  farbloseren  Gallia  der  Vorlage^^)  die  Guascuigne  819, 
auch,  und  gut,  vertreten  durch  den  Pair  Engelier  de  Guascoigne, 
de  Bürdete  (796b,  1289,  1494,  2407).  Bordeaux  erhält  3684  das 
schmeichelhafte  Prädikat  la  citet  de  renom  (so  Stengel;  Gautier, 
Cledat:  de  valor)^  und  die  kostbare  Rolandreliquie  in  Saint-Seurin 
wird  nicht  vergessen  (3685  ff.).     In  Gedanken  sieht  der  Dichter 


2^)  Luchaire,  Capetiens  308:  Guillaume  IX  ...temoigne  au  pape 
(Urbain  II)  une  amabihte  extraordinaire,  l'engage  ä  traverser  ses 
Etats,  le  reQoit  magnifiquement  ä  Limoges,  ä  Poitiers,  ä 
Saintes,  ä  Bordeaux. 

^^)  Es  sind  die  Verse  195  ff.  des  Carmen  de  prodicione  Guenonis 
(G.  Paris,  Le  Carmen  de  prodicione  Guenonis  et  la  legende  de  Ronce- 
vaux,  in:  Romania  XI,  1882,  S.  471): 

Tot  Gallis  visis  ibi  Galha  visa  videri: 
GaUia?  sed  visis  GaUia  visa  minor. 
Aus  diesen  etwas  dunklen  Versen  hat  der  Rolandsdichter  das  gemacht, 
was  seiner  Art  am  nächsten  lag,  ein  rührendes  Wiedersehen  der  Heimat. 
Was  der  Verfasser  des  Carmen  wirklich  gemeint,  hat  G.  Paris  in  der 
Anmerkung  zu  obiger  Stelle  treffend  gemutmaßt:  A  la  vue  de  tant 
de  Frangais  on  peut  croire  voir  la  France  elle-meme;  la  France?  non: 
eile  semblait  moins  grande  que  ces  Frangais  qu'on  voyait.  So  etwa 
hat  kürzlich  auch  Arthur  Livingston  in  einer  sehr  verdienstlichen 
kommentierten  Übertragung  des  Carmen  (The  Carmen. .  .translated 
into  English,  with  textual  notes,  in:  Romanic  Review  II,  1911,  S.  68) 
den  Sinn  der  beiden  Verse  wiedergegeben:  At  the  sight  of  so  many 
Gauls,  Gaul  seemed  smaller  than  those  there  seen. 

Aus  dem  Vergleich  dieser  Verse  mit  den  entsprechenden  des 
Rolandsepos  erweist  sich  in  voller  Deutlichkeit  die  Abhängigkeit  des 
französischen  Dichters  von  seiner  lateinischen  Vorlage.  Turoldus 
hat  sich  nicht  die  Mühe  gegeben,  in  den  verzwickten  Sinn  der  Stelle 
einzudringen;  die  Worte  Gallia  visa  genügten  ihm,  um  danach  die 
schönen  Verse  819  ff.  zu  dichten.  Statt  einer  Geistreichelei  bietet  er 
Schönheit,  aus  Steinen  weiß  er  Brot  zu  machen. 

Mangel  an  Zeit,  nicht  an  Beweisen,  hat  uns  bislang  an  der  Fort- 
setzung unserer  Arbeit  über  ,, Carmen  de  prodicione  Guenonis  und 
Rolandsepos"  (diese  Zs.  XXXVIP,  1910,  S.  83  ff.)  gehindert,  und  noch 
sehen  wir  keine  Möglichkeit,  so  bald  auf  den  Gegenstand  zurückzu- 
kommen.   Daß  schon  unsere  dam.aligen  Ausführungen  unsern  verehrten 


Beiträge  zur  Bolandsforschung.  149 

auch  die  großen  Schiffe^'^)  wieder  auf  der  Garonne^®)  die  Gironde, 
wo  ,,an  Traubenbergen"  vorbei  ,, meerbreit  ausgehet  der  Strom", 
und  drüben  die  Stadt  Blaye  mit  ihren  weißen  Heldensärgen. 
Denn  daß  in  L.  269  handgreifUche  Reiseerinnerungen  vorUegen, 
das  ist  schon  vor  uns  gesagt  worden  und  bedarf  nicht  mehr  der 
Betonung.  —  Wie  sichs  gebührt,  bilden  in  Karls  Heer  die  Peüevin 
und  die  haron  d'Alverne^^)  ein  statthches  Kontingent  (L.  224). 
Chevals  iint  bons  et  les  armes  miilt  beles  (3064),  und  sie  allein  segnet 
der  große  Karl  mit  seiner  Rechten  (3066).  So  fehlen  Poiteviner 
und  Auvergnaten  auf  des  Kaisers  Hoftag  in  Aachen  nicht  (L.  277. 
291),  und  dabei  werden  letztere  auffallend  ausgezeichnet  durch 
3796:  Icil  d'Alverne  i  sunt  li  plus  curteis.  Das  hat  auch  Baist 
bemerkt  (Variationen  18  =  Beiträge  230):  ,,Ci75  d'Arverne^  in 
beiden  Teilen,  und  nach  der  Lage  in  den  Zusammenhang  passend, 
ist  im  Verhältnis  zu  den  übrigen  großen  politischen  Körpern 
auffallend  unbedeutend,  gehört  zum  Herzogtum  Aquitanien, 
und  ist  wohl  nur  wegen  der  Sippe  Ganelons  aufgenommen." 
Dieser  Erklärungsversuch  ist  zurückzuweisen.  Pur  Pinabel  se 
cuntienent  plus  quei  3797  bezieht  sich  doch  augenscheinhch  auf 
die  Gesamtheit  der  Ratsgenossen,  von  der  3805  f.  Tierri  allein 
ausgenommen  wird.  Mit  der  Sippe  Ganelons  haben  die 
Auvergnaten  nichts  zu  tun,  nur  ihres  Lehnsherren  willen  sind  sie 
von  unserm  Dichter  so  auszeichnend  erwähnt  worden.'*®)  Und 
ihn  selber,  den  fürstlichen  Troubadour,  hat  Turoldus  ehrenvoll 
in  den  Heldensaal  vaterländischer  Geschichte  und  zeitgenössischer 
Größen  aufgenommen,  der  sein  Epos  sein  sollte;  3938  heißt  er 
sub  rosa  Willalmes  de  Blavie,  so  nach  einer  seiner  bedeutenderen 
Städte.^i)       Eine    artige    Aufmerksamkeit    des    Rolanddichters 


Promotor  Suchier  von  der  Richtigkeit  der  These,  daß  das  Carmen  die 
Vorlage  des  Rolanddichters,  überzeugt  haben,  haben  wir  inzwischen  mit 
Freuden  erfahren. 

^^)  Passet  Girunde  a  granz  n^s  qu  i  i  sunt  (3688). 

^°)  Que  le  nom  de  Gironde  se  seit  etendu  ä  cette  epoque  ä  la 
Garonne  devant  Bordeaux,  c'est  ce  qui  resulte  de  textes  nombreux 
(Camille  Juliian,  La  tombe  de  Roland  ä  Blaye,  in:  Romania  XXV, 
1896,  S.  169,  Anm.  6). 

39)  Die  Grafschaft  Auvergne  war  Vasallenstaat  Wilhelms  VII. 
(Luchaire,  Capetiens  307). 

''*')  Bemerkenswert  ist  nicht  die  Erwähnung  der  Auvergnats, 
sondern  das  hohe  ihnen  gespendete  Lob.  Man  vergleiche  die  Zu- 
sammenstellung eines  Zeitgenossen  des  Rolanddichters,  des  Raimund 
von  St.  Gilles  (Recueil  des  historiens  des  croisades,  Historiens  occiden- 
taux,  III,  Paris  1863,  S.  244):  namque  omnes  de  Burgundia  e  t  A  1  - 
v  e  r  n  i  a  ,  et  Gasconia,  et  Gothi,  Provinciales  aiipellantur,  ceteri 
vero  Francigenae. 

*^)  Luchaire,  Capötiens  307.  Daß  gerade  Blaye,  die  Stadt, 
wo  Roland,  Olivier  und  Turpin  ruhen,  den  Beinamen  hergobon  nuiß, 
ist  bedeutungsvoll  und  in  hohem  Grade  ehrenvoll  für  den  fürstliciien 
Troubadour.  Man  muß  wissen,  wie  frei  die  Zeit  des  Holandiiichters 
in  der  Wahl  solcher  geographischen  Beinamen  war,  und  daß  die  aller- 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX»/'.  11 


150  Wilhelm  Tavemier. 

gf!g(!nübor  suinoni  fürsllichen  Kollegen  bedeutet  es  aucli,  daß 
die  Bayern  in  unserm  Epos  so  belobt  werden;  sie  sind  Karl  die 
liebsten  nach  seinen  Franken  (oder  Franzosen),  3031  f.  Das 
macht,   sie   waren   der   Provenzalen    treue    Kampfgenossen    auf 

verschiedensten  Beziehungen  einen  Mann  mit  dem  Ortsnamen  ver- 
knüpfen konnten,  der  ihm  als  Beiname  gegeben  wurde. 

So  heißt  Wilhelm,  des  Eroberers  Kapellan  und  Biograph,  bis  heute 
,,von  Poitiers",  weil  er  da  studiert  hatte  —  geboren  war  er  in  Pr^aux 
(üep.  Eure)  in  der  Normandie.  Noch  bezeichnender  ist  eine  Stelle 
bei  Willelmus  Malmesbiriensis,  De  gestis  regum  Anglorum,  §  396;  ed. 
by  William  Stubbs,  Vol.  II,  London  1889,  S.  473:  Robertus  (de 
Belesmo),  cum  fratribus  Ernullo  ...  et  Rogerio  Pictavensi,  quod 
ex  e  a  regione  uxorem  acceperat  sie  dicto,  Angliam  per- 
petuo  abjuravit.  Bei  Fürsten  war  damals  die  Bezeichnung  nach 
Burgen  und  Lieblingsresidenzen  üblich  (vgl.  Gottfried  von  Bouillon, 
Raimund  von  Saint-Gilles,  u.  s.  f.);  ,,das  beginnende  XII.  Jahrhundert. . 
liebt  auch  bei  Fürsten  die  Bezeichnung  nach  Residenzen  und  Burgen 
anstatt  nach  Ländernamen"  (Eduard  Heyck,  Die  Kreuzzüge  und  das 
heilige  Land,  Bielefeld  und  Leipzig  1900,  S.  25).  Diese  Sitte  erklärt 
schon  einigermaßen  die  Andeutung  Willalmes  de  Blavie.  Faßt  man 
nicht  so  sehr  die  Stadt  als  die  Herrschaft,  die  ,,Viguerie"  Blaye  ins 
Auge,  so  fehlt  es  nicht  an  Belegen  dafür,  daß  Herrscher  von  Schrift- 
stellern nach  einem,  oft  entlegenen,  Teil  ihres  Gebiets  zubenannt 
werden.  Eine  bezeichnende  Parallele  würde  das  Rolandsepos  selbst 
bieten,  wenn  man  mit  Stengel  171  lesen  dürfte:  Richarz  li  t'ielz,  et 
de  G  a  l  n  e  Henris.  Das  sinnlose  Galne  (noch  O  662)  wäre  dann  in 
Gates  zu  bessern,  d.  i.  Wales  (vgl.  Wace,  Rou  11471.  11473).  König 
Heinrich  wird  nach  dieser  Provinz  zubenannt,  weil  sie  ihm  reichen 
Kriegsruhm  eingebracht  hat.  Walenses  rex  Henricus,  semper  in 
rebellionem  surgentes,  crebris  expeditionibus  in  deditionem  premebat 
(Willelmus  Malmesbiriensis,  ed.  Stubbs,  §401,  Vol.  II,  S.  477);  Wallenses 
semper  Anglis  rebelies  ita  subditos  habebat,  ut  per  omnem  terram 
eorum  vel  ipse,  vel  satrapae  sui,  illis  invitis,  munitiones  aedificarent 
(Fortsetzung  der  Gesta  ducum  normannicorum  des  Guillaume  von 
Jumieges,  Lib.  VIII,  cp.  31,  bei  Migne,  Patrologia  lat.  149,  Sp.  899). 

Allerdings  ist  Stengel's  Lesart  et  de  Galne  nichts  weniger  als  ge- 
sichert; das  auffallende  vone  Garmes  in  dR  steht  dem  et  sun  ne[vud] 
von  O  gegenüber,  an  das  sich  Gautier  und  Cledat  gehalten  haben. 
Beiläufig  wäre  auch  mit  letzterer  Lesart  auf  des  Turoldus  Landes- 
herrn und  Gönner  angespielt;  so  wenig  wie  das  lateinische  nepos  (da- 
rüber mit  Bezug  auf  eine  Urkunde  von  1104,  worin  für  nepos  ,,die 
Übersetzung  Neffe  völlig  ausgeschlossen  ist",  Luhe  4:  ,,Der  Begriff 
nepos  ist  viel  zu  schwankend  und  dehnbar,  um  auf  einen  bestimmten 
Grad  schließen  zu  lassen..  .  .  Es  kann  mit  nepos  auch  Verwandtschaft 
bezeichnet  werden,  die  erst  durch  Heirat  zustande  gekommen  ist.") 
ist  das  altfranzösische  nies  auf  die  Bedeutung  ,, Neffe"  beschränkt, 
wie  ein  drastischer  Beleg  bei  Godefroy  lehrt  {eil  qui  nest  de  mon  fil 
et  de  sa  jeme  est  mis  nies  et  ma  niece).  Daß  Roland  für  Turoldus  gar  nicht 
der  N  e  f  f  e  Karls  zu  sein  braucht,  verdient  beachtet  zu  werden. 

Noch  seien  zu  dem  oben  besprochenen  Willalmes  de  Blavie  (und 
gegebenenfalls  Henris  de  Galne)  zwei  Parallelen  aus  einem  zeitgenössi- 
schen lateinischen  Schriftsteller  beigebracht:  Fulcher  von  Chartres 
nennt  in  seiner  Historia  hierosolymitana  (Lib.  I,  cp.  V,  1;  hrsg.  von 
Heinrich  Hagenmeyer,  Heidelberg  1913,  S.  145)  imperator  Baioariorum 
und  sagt  von  ihm  (Lib.  I,  cp.  I,  1 ;  S.  119)  regnante  in  Alemannia  Henrico 
imperatore  sie  dicto.  Auch  hier  also  pars  pro  toto,  ein  Teilgebiet  fürs 
ganze  Reich,  denn  wegen  der  erstgenannten  Stelle  scheint  es  uns  nicht 
ausgemacht,    daß    Alemannia,    wie    der   gelehrte  Herausgeber    meint, 


Beiträge  zur  Rolandsforschung.  151 

dem  Kreuzzug  d.   J.  1101  gewesen  ;^^)  Wilhelm  wird  oft  genug 
ihr  Lob  gesungen  haben. 

So  spricht  auch  im  Rolandslied  manches  dafür,  daß  der 
fürsthche  Troubadour  dem  normannischen  Dichter  nicht  gleich- 
gültig, nicht  unbekannt  gewesen  ist.  Es  entbehrt  nicht  des  Reizes, 
sich  den  Grandseigneur  Turoldus  als  Reisegast,  als  Zuhörer 
Wilhelms  von  Aquitanien  vorzustellen,  die  beiden  Männer  zu- 
sammen zu  denken,  die  ihre  Volkssprache  zuerst  in  die  große 
Literatur  hinaufgeführt  haben.  Daß  unser  Bischof  nachher 
ein  Epos  in  der  Heimat  lieben  Lauten  gedichtet  hat  und  nicht 
lateinisch,  dazu  mag  ihn  des  Troubadours  Beispiel  ermuntert, 
ermutigt  haben. 

Boemimd  in  Frankreich. 

Wenn,  wie  oben  (S.  138)  angenommen,  die  Spanienreise  des 
Turoldus  etwa  Herbst  1105  angetreten,  die  Rückreise  durch 
Wilhelms  von  Poitiers  Staaten  also  Anfang  des  Jahres  1106 
erfolgt  ist,  dann  könnte  unser  Bischof  schon  auf  dem  Wege  zur 
Heimat  dem  Kreuzzugshelden  begegnet  sein,  der  damals  als 
Frankreichs  Gast  von  der  ganzen  Nation  umjubelt  wurde,  Boe- 
mund  von  Antiochien. 

Im  Februar  oder  in  den  ersten  Tagen  des  März  war  er,  von 
dem  päpstlichen  Legaten  Bruno  von  Segni  begleitet,  in  Frank- 
reich angekommen. *3;    ,,Das  erste  Ziel  der  Reise  bildete  die  Grabes- 


(S.  119,  Anm.  4)  hier  schon  Gesamtdeutschland  bezeichnen  sollte- 
Jedenfalls  bleibt  der  Imperator  Baioariorum,  welche  Tendenz  auch 
bei  Fulcher  mit  hereingespielt  haben  mag,  ein  stiHstisches  Seitenstück 
zu  unserm  Willalmes  de  Blavie. 

*-)  Darauf  hatten  wir  schon  in  ,Über  einen  terniinus  ante  quem 
des  altfranzösischen  RoIandsUedes',  S.  16  (in:  Philologische  und  volks- 
kundliche Arbeiten  Karl  Vollmöller  dargeboten  von  G.  Baist, 
K.  Gruber  [u.  a.]  Erlangen  1908),  hingewiesen.  Zwar  Stengel  scheint 
unserer  Deutung  ablehnend  gegenüber  zu  stehen  (diese  Zs.  XXXV-,  S.  3) ; 
aber  nichts  wüns('hten  wir  mehr,  als  daß  ihm  eine  plausiblere  gelänge. 
Denn  daß  der  Rolanddichter  sein  Lob  mit  vielem  Bedacht  verteilt, 
daß  sein  Epos  voll  feiner  Anspielungen  und  allerlei  darin  hineingeheim- 
nißt  ist,  das  wird  sich  in  unserer  weiteren  Darstellung  ergeben.  Darum 
denn  allerdings  die  Frage  zu  beantworten  ist:  was  haben  dem  nor- 
mannischen Dichter  gerade  die  Bayern  angetan,  daß  er  sie  so  auf- 
fallend lobt? 

*^)  Es  ist  sehr  bedauerlich,  daß  wir  über  den  bedeutendsten  der 
Führer  des  ersten  Kreuzzugs  noch  keine  wissenschaftliche  Monographie 
besitzen.  Diese  Lücke  baldmöglichst  auszufüllen,  wäre  wohl  des 
Schweißes  eines  Doktoranden  wert. 

Was  gelegentlich  über  Boemunds  Reise  durch  Frankreich  i.  J.  1106 
zusammengestellt  worden,  ist  unzulänglich  und  widerspruchsvoll. 
Die  meisten  Forscher  haben  sich  durch  einen  Gedächtnisfelder  des 
doch  so  prächtigen  Ordericus  Vitalis  irreführen  lassen,  der  gewisse 
Ereignisse  der  Jahre  1105  und  1106  durcheinanderwirft  (vgl.  oben 
Anm.  11  zu  S.  135).  Auch  die  jüngste  und  beste  Darstellung  bei  Bernhard 

11* 


152  WlUlcUu  Tuvcnücr. 

kirclu!  des  hl.  Loonlianl"  (St.  Leonard-lo-Noblac)  bei  Limogos, 
wo  Hoomund  ein  Gelübde  zu  lösen  hatte  (Gigalski  58).  Daß 
Limoges  eine  der  Hauptstädte  des  fürsthchen  Troubadours 
Wilhelm  und  auf  einer  der  beiden  großen  Straßen  von  Bourdeaux 
nach  Paris  lag,  haben  wir  bereits  oben  bemerkt  (S.  148).  Wenn 
aueli  nicht  ausdrücklich  bezeugt,  so  ist  doch  als  wahrscheinlich 
anzunehmen,  daß  es  sicli  Wilhelm  nicht  nehmen  ließ,  den  ge- 
leierten Helden  persönlich  zu  begrüßen.  Drängte  sieh  doch  alles 
auf  Boemunds  Wegen,  um  den  berühmten  Kreuzfalirer  zu  sehen 
(Gigalski  58  f.).  So  mag  auch  Turoldus,  falls  ihn  in  jenen  Wochen 
gerade  die  Reise  nach  Südfrankreich  führte,  es  nicht  versäumt 
haben,  seinen  großen  Stammesgenossen  aufzusuchen.  Und 
wenn  nicht  schon  im  Limousin,  so  war  in  der  Folgezeit  Gelegenheit 
genug,  Boemund  zu  treffen,  als  dieser  mit  dem  päpstlichen  Legaten 
von  St.  Leonard  weiter  langsam  durch  Mittclfrankreich  zog. 
Quadragesimali  tempore  Galliarum  urbes  et  oppida  peragravit, 
et  ubique  tam  a  clero  quam  a  plebe  venerabiliter  susceptus, 
referebat  varios  eventus  quibus  ipse  interfuit.  Reliquias  vero 
et  pallas  olosericas  et  alia  concupiscibilia  sanctis  altaribus  revc- 
renter  exhibuit,  et  ipse,  in  monasteriis  ac  episcopatibus  favora- 
biliter  exceptus,  tripudiavit,  ac  pro  benignitate  Occidentalium  Deo 

gratias  retulit Multi  nobiles  ad  eum  veniebant,  eique  suos 

infantes  offerebant,  quos  ipse  de  sacro  fönte  libentersuscipiebat, . . 
(Ordericus  Vitalis,  Lib.  XI  12;  ed.  Le  Prevost  IV,  S.  212). 
Auf  dem  weiteren  Triumphzug  kam  der  Kreuzzugsheld 
—  wo,  wissen  wir  nicht  —  mit  dem  König  von  Frankreich  zu- 
sammen, der  ihm  die  Hand  seiner  Tochter  zusagt  (Ordericus 
Vitalis  XI  12;  ed.  Le  Prevost  IV,  S.  213).  Gräfin  Adele  von 
Chartres,  die  hochsinnige  Tochter  des  Eroberers,  die  Schwester 
des  Beauclerc,  rüstet  prächtig  die  Hochzeit  zu.  Der  Bräutigam 
läßt  sein  Gepäck  und  den  größten  Teil  seines  Gefolges  in  Char- 
tres*^)   und    reist   in  die   Normandie,*^)   um   auch   dort  für  den 

Gigalski:  Bruno,  Bischof  von  Segni,  Abt  von  Monte-Cassino 
<^1049— 1123>,  Münster  1898  (=  Kirchengeschichtliche  Studien, 
Bd.  3,  H.  4),  S.  56  ff.  bedarf  der  Nachbesserung.  Wir  werden  gegebenen- 
orts  unsere  Abweichungen  von  Gigalski's  Itinerar  begründen. 

**)  Carnoti,  ubi  famiUa  et  pene  tota  supellex  Boemundi  reditum 
ejus  praestolabatur  (Eadmerus,  Historia  novorum  180). 

45)  Gigalski  60  läßt  die  Reise  in  die  Normandie  nach  der  Hochzeit 
in  Chartres  stattfinden.  Das  führt  zu  ünwahrscheinlichkeiten  in 
seiner  Darstellung  der  Ereignisse:  es  bleibt,  wenn  die  Hochzeit  ,,bald 
nach  dem  Osterfeste  <25.  März>"  gehalten  worden  ist,  kein  ge- 
nügender Zeitraum  für  die  Zurüstungen  zu  dem  doch  prächtig  ge- 
feierten Fest  (convivium  abundans)  übrig.  Schon  eine  bürgerliche 
Hochzeit  pflegt,  außer  in  dringenden  Fällen,  nicht  so  Hals  über  Kopf 
vollzogen  zu  werden,  wie  es  Gigalski's  Itinerar  für  die  Heirat  der 
Königstochter  von  Frankreich  verlangt. 

Daß  die  Hochzeit  „bald"  nach  dem  Osterfest  stattgefunden  hätte, 
geht  aus  den  Quellen  nicht  hervor;  post  Pascha,  sagt  Ordericus  Vitalis 


Beiträge  zur  Rolands forschung.  153 

Kreuzzug  zu  werben,  wohl  ferner  um  —  vergebens  —  auf  den 
König  von  England  zu  warten,  der  Boemund  eine  Zusammen- 
kunft auf  dem  Festland  in  Aussicht  gestellt  hatte.^^j     In  der 

XI  12  (ed.  Le  Prevost  IV  213),  weil  vorher  (S.  212)  von  der  Reise 
quadragesimali  tempore  die  Rede  war. 

Zurückzuweisen  ist  die  Darstellung  bei  Reinhold  Röhricht, 
Geschichte  des  Königreichs  Jerusalem  <1100 — 1291>,  Innsbruck  1898, 
S.  64:  ,, Boemund  hatte  vor  Ostern  <9.  April  1106>  in  der  Normandie 
mit  König  Wilhelm  eine  Zusammenkunft".  König  Wilhelm  war  seit 
1100  tot,  eine  Zusammenkunft  mit  dem  damaligen  König  Heinrich 
hat  nicht  stattgefunden  (s.  darüber  Anm.  46),  Ostern  fiel  jenes  Jahr 
nicht  in  den  April  und  endlich  kann  Boemund  nicht  vor  dem  9.  April 
in  der  Normandie  gewesen  sein,  erst  recht  nicht  vor  Ostern  (s.  Anm. 
47  zu  S.   154). 

^^)  (Buamundus),  antequam  Gallias  attingeret,  legatos  suos  in 
Angliam  direxerat,  et  de  adventus  sui  causa  in  Ausoniam  regi  man- 
daverat,  et  quod  ad  curiam  ejus  transfretare  vellet  insinuaverat. 
At  contra  providus  rex,  metuens  ne  sibi  electos  milites  de  ditione  sua 
subtraheret,  mandavit  ei  ne  discrimen  hibernae  navigationis  subiret; 
praesertim  cum  ipse  rex  in  Neustriam  ante  azymorum  celebria  trans- 
fretaret,  ibique  satis  secum  colloqui  valeret.  Quod  et  ita  factum 
est  (Ordericus  Vitalis,  Lib.  XI  12;  ed.  Le  Prevost  IV  211).  Die  letzten 
Worte  klingen  sehr  unbestimmt;  vielleicht  sind  sie  mit  ,Und  dabei 
blieb  es'  am  richtigsten  zu  übersetzen,  vielleicht  wollte  auch  Ordericus 
den  Ausgang  der  Angelegenheit,  über  den  er  nichts  Genaueres  wußte, 
absichtlich  im  Unklaren  lassen.  Sollten  die  Worte  aber  so  gemeint 
sein,  daß  die  geplante  Zusammenkunft  wirklich  stattgefunden  hat, 
so  läge  schlechterdings  ein  Irrtum  des  Ordericus  vor.  Er  erzählt 
nämlich  weiterhin  (XI  13.  14.  17;  ed.  Le  Prevost  IV  214  f.,  218  ff.) 
unter  demselben  Jahr  1106  Ereignisse  des  Jahres  1105  (vgl.  Anm.  11 
zu  S.  135).  Frühjahr  1105  ist  König  Heinrich  in  der  Tat  nach  der 
Normandie  gekommen  (vgl.  oben  S.  135).  Auch  im  Frühjahr  1106 
hatte  der  Beauclerc  dasselbe  vor;  insoweit  ist  Ordericus  an  der  oben 
zitierten  Stelle  im  Recht,  wie  der  von  Eadmerus,  Historia  novoruin 
177  wiedergegebene  Brief  Heinrichs  an  Anselm  erweist  (Nee  tibi  sit 
incognitum  brevi  intervallo  temporis  me  transfretaturum)  —  vgl. 
Adams  143. 

Boemund  mag  also  vor  allem  deshalb  nach  Ronen  gereist  sein, 
um  dort  den  König  von  England  zu  erwarten,  der  ihm  wie  später  dem 
Anselm  seine  Ankunft  in  Aussicht  gestellt  hatte.  Aber  Heinrich 
kam  zunächst  nicht,  und  Boemund  konnte  der  bevorstehenden  Hoch- 
zeit wegen  nicht  aufs  Ungewisse  hin  lange  bleiben.  So  ist  denn  aus 
der  Zusammenkunft  nichts  geworden,  ein  Ausgang,  den  der  kluge 
Politiker  Heinrich  nicht  bedauert  haben  wird.  Itwas  nearly  August  be- 
fore  Henry's  third  expedition  actually  landed  in  Normantly  (Adams  144). 

Durch  die  unklare  oder  irrtümliche  Bemerkung  des  Ordericus, 
,Quod  et  ita  factum  est'  am  Ende  der  oben  zitierten  Stolle  iiaben  sich  die 
meisten  Forscher  verleiten  lassen,  von  einer  wirklich  orfolglon  Zusam- 
menkunft Boemunds  mit  dem  englischen  König  zu  sprechen;  so  zuletzt 
Röhricht  (s.  vVnm.  45  oben).  Auch  Gigalski  61  erzäiilt  den  Tat- 
sachen zuwider,  König  Heinrich  sei  ,,im  Frühjaiire  IHK)  nach  Frank- 
reich herübergekommen"  und  , .schon  in  der  zweiten  ILUfte  des  Mai" 
sei  der  Krieg  mit  seinem  Bruder  Robei't  ausgebrociien.  Vorsii'htigei" 
fährt  Gigalski  fort:  ,,0b  (Boemund)  mit...  lleini'ich  die  früher  ver- 
sprochene  Zusammenkunft   abhielt,    läßt    sich    niciil    feststellen." 

Wir  hielten  es  der  Mühe  für  wert,  festzustellen,  daß  diese  Zu- 
sammenkunft nicht  stattfand.     Klarheit  auch  in  solchen  Detailfragen 


154  Wilhelm   Tavernier. 

zweiten  Hälfte  des  April^'^)  verhandeln  der  Fürst  von  Antiochien 
und  der  ilin  begleitende  Legat  in  Ronen  persönlich  mit  Anselm 
und  dem  Erzbiscliof  der  Normandie.'*®)     Der  Primas  von  Eng- 
land  liatte  in    Rouen   eine   kirchliche    Synode   besucht,   die   bei 
Boemunds  Ankunft  wohl  noch  zusammen  war  und  dann  natür- 
lich   auch    zusammen    blieb>^)      Die    in    König    Heinrichs    und 
Anselms  Auftrag  nach    Rom   abgegangene    Gesandtschaft,   dar- 
unter  der   uns   schon   bekannte   Wilhelm   von   Veraval,^®)    war 
nämlich  nach  Le  Bec  zurückgekehrt.     In  Rouen  wurden  nun  die 
Briefe  des  Paschalis  verlesen,  die  Wilhelm  für  Anselm  und  den 
Erzbischof  Wilhelm  von  Rouen  mitgebracht  hatte.     Der  erstere 
ist  vom  23.  März,^^)  der  andere  vom  28.  März  datiert. ^^^    Wegen 
des  Turoldus  hat  der  Papst,  wie  wir  oben  (s.  S.  137)  sahen,  am 
30.  März  oder  3.  April  an  Erzbischof  Wilhelm  geschrieben.    Aus 
dieser  Datenfolge  läßt  sich  zweierlei  schließen.     Wie  Pasch alis 
auf  Anselms  gewichtige   Fürsprache  und  die   Bitten  des  könig- 
lichen  Gesandten  hin  die   Sache  des  suspendierten  Erzbischofs 
in   Gnaden  wieder  aufnimmt,^^)  so  wird  auch  sein  milde  dila- 
torisches Verhalten  dem  Turoldus  gegenüber  auf  die  Intervention 
des   Primas  und   des   Königs   zurückzuführen  sein.     Man  sieht, 

scheint  uns  unbedingt  geboten.  Man  kann  nicht  in  das  Verständnis 
des  Rolandsepos  eindringen  wollen,  ohne  die  allergenaueste  Kennt- 
nis der  Zeitgeschichte.     Da  bleibt  noch  viel  zu  tun. 

*')  ,,Die  Anwesenheit  Bohemunds  und  Brunos  zu  Rouen  fällt 
etwa  in  die  Mitte  des  April"  (Gigalski  61).  Sie  ist  vielmehr  ein  wenig 
später  anzusetzen,  wie  die  in  unserem  Text  folgende  Darstellung  er- 
gibt. Die  von  Rom  kommenden  Gesandten  bringen  Papstbriefe  vom 
23.  und  28.,  wahrscheinlich  auch  30.  März  oder  gar  3.  April  mit.  Rund 
3  Wochen  sind  wohl  für  die  Reise  von  Benevent  bezw.  Salerno  bis 
le  Bec  zu  veranschlagen,  und  Boemund  kommt  ja  erst  in  Rouen  an  — 
so  scheint  es  nach  Eadmer's  Darstellung  — ,  als  Anselm  und  die  Ge- 
sandten schon  da  waren  und  schon  ihre  Sache  auf  der  Synode  vorge- 
bracht hatten.  So  werden  wir  bis  gegen  Ende  April  als  Termin  für 
die  Verhandlungen  Boemunds  mit  Anselm  geführt. 

^^)  Anseimus...  actis  cum  pontifice  Rotomagensi  et  Boemundo 
ac  Jerosolimitanis  quae  videbantur  agenda,  Beccum  revertitur  (Ead- 
merus,  Historia  novorum  180). 

^^)  (Anseimus)  ivit  ergo  Rotomagum,  et  in  synodo  clericorum, 
quae  tunc  erat  adunata,  adventus  sui  causam  exposuit  (Eadmerus, 
Hist.  nov.  177).  Eadmer  erzählt  weiter,  daß  die  päpstlichen  Schreiben 
vor  der  Synode  verlesen  werden,  und  fährt  (S.  17  )  fort:  His  diebus 
venit  Rotomagum  Boemundus. . . 

^^)  de  Warelwast  (Eadmerus,  Hist.  nov.  185).  Vgl.  über  ihn 
diese  Zs.  XXXVIIP  [1911],  S.  135;  und  über  sein  Ansehen  beim 
Papst  Anm.  53. 

51)  X.  kal.  Aprilis.  —  Jaffe-Lcewenfeld  I  724;  N*'  6073.  Der 
Brief  bei  Eadmerus,  Hist.  nov.  178. 

52)  Beneventi  V.  kal.  Aprilis.  —  Jaffe-Loewenfeld  I  724;  N*'  6074. 
Der  Brief  bei  Eadmerus,  Hist.  nov.   177  f. 

5^)  Licet  causae  tuae  qualitas  patientiam  nostram  plurimum 
gravet,  pro  reverentia  tarnen  fratris  nostri  Cantuariensis  episcopi 
et  dilectione  latoris  praesentium  filii  nostri  Willelmi  (de  Warelwast), 
qui  pro  te  apud  nos  vehementius  intercesserunt,  paterna  penes  te  benig- 
nitate  movemur  (Eadmerus,  Hist.  nov.   177  f.). 


Beiträge  zur  Rolandsforschung.  155 

wie  die  Kurie  nacheinander  die  durch  die  Gesandten  über- 
mittelten Streitfälle  bearbeitet  und  beantwortet.  Und  zweitens 
dürften  alle  drei  Briefe  der  Gesandtschaft  auf  den  Heimweg 
mitgegeben  worden  sein,  wenn  es  auch  ausdrücklich  nur  für  die 
beiden  Schreiben  vom  23.  und  28.  März  bezeugt  ist. 

Bedenken  wir  die  Lage  des  Turoldus.  Er  wußte,  daß  seine 
Sache  durch  die  Gesandten  des  Königs  und  Anselms  bei  der 
Kurie  vertreten  wurde.  Wie  er,  von  Spanien  zurückkehrend, 
sich  Anfang  1106  seiner  Heimat  näherte,  mußte  er  mit  der  größten 
Spannung  die  Rückkunft  der  Boten  und  den  Bescheid  des  Papstes 
erwarten.  Und  da  die  Gesandtschaft,  aus  geographischen  Grün- 
den, auf  der  Heimreise  zunächst  den  Primas  von  England  auf- 
zusuchen hatte,  so  wird  unser  Bischof  in  der  Nähe  des  heiligen 
Anselm  den  Urteilsspruch  der  Kurie  abgewartet  haben,  d.  h. 
im  Kloster  Le  Bec.  Dort,  an  der  Stätte  seiner  einstigen  Wirk- 
samkeit, hat  der  Primas  fast  ununterbrochen  von  Sommer  1105 
bis  September  1106  geweilt.^'*)  In  dem,  auch  wegen  seiner  Gast- 
freiheit, berühmten  Kloster  war  Turoldus  gewiß  ein  besonders 
lieber  Gast,  nicht  nur  als  ein  geistvoller  und  freundUcher  Herr, 
sondern  schon  um  der  bedeutenden  Schenkung  willen,  die  er  der 
Abtei  zugewandt  hatte  (diese  Zs.  XXXVIP,  S.  108).  Des  Turoldus 
Residenz  Bayeux  konnte  noch  nicht  völUg  wieder  aufgebaut  sein, 
das  Verhältnis  zum  dortigen  Kapitel  war  noch  nicht  geregelt,  die 
Besitzungen  des  Bistums  infolge  der  unter  Herzog  Robert  herr- 
schenden Anarchie  eine  Beute  anderer  geworden,^^)  da  war  ja 
ohnehin  Le  Bec,  der  geistige  Zentralpunkt  der  Normandie,  nahe 
der  Hauptstadt  Ronen,  der  gegebene  Aufenthaltsort  für  einen 
angesehenen  und  geistig  interessierten  Kleriker  außer  Funktion. 
Genug,  und  das  ist  von  Wichtigkeit,  wir  dürfen  uns  das  Kloster 
Le  Bec  als  den  hauptsächlichsten  Aufenthaltsort  unseres  Bischofs 
nach  seiner  Rückkehr  aus  Spanien  vorstellen.  —  Daß  er  im 
April  von  Le  Bec  aus  die  Synode  von  Ronen  1106  besucht  hat, 
an  der  Anselm  und  die  aus  Italien  heimreisenden  Gesandten 
teilnahmen,  kann  nicht  zweifelhaft  sein.  Dort  wurden  ja  die 
mitgebrachten  Bescheide  der  Kurie  in  den  normannisch-eng- 
lischen Streitfragen  öffentlich  verkündet,  und  Turoldus,  der 
noch  im  November  als  Baiocensis  episcopus  zeichnet,  rechnete 
sich  damals  gewiß  erst  recht  als  zum  normannischen  Klerus 
gehörend. 

Wir  sehen,  und  darauf  kommt  es  an:  der  Wog,  den  unser 
Bischof  auf  der  Heimreise  von  Spanien  durch  Wilhelms  von 
Poitiers  Staaten  und  weiter,  vielleicht  über  Chartres,  bis  zu 
Le  Bec  zu  machen  hatte,  deckt  sich  im  wesentliclien  mit  dem 
Triumphzug    Boemunds    vom  Limousin    bis    Ronen.      Da    auch 

5*)  Por^e,  Histoire  de  l'abbaye  du  Bec,  I,  fivreux  1901,  S.  260  ff . 
^^)  Vorgeschichte,  Anm.  364  auf  S.  194.    Wir  werden  weiter  unten 
die  in  Betracht  kommenden  Briefstellen  abdrucken. 


156  Wilhelm    T(wernier. 

zeitlich  die  beiden  Reisen  nahe  aneinander  zu  liegen  kommen, 
so  könnte  Turoldus  schon  unterwegs  den  Kreuzzugsliclden  ge- 
troffen und  vielleicht  ein  Stück  mit  ihm  zusammen  gereist 
sein.  Zog  doch  der  Weltruf  des  riesenhaften  Antiocheners  alles 
auf  seinen  Weg,  und  für  unsern  Bischof  kam  ein  gewichtigerer 
Grund  hinzu,  um  Boemund  aufzusuchen:  in  dessen  Begleitung 
reiste  der  Legat,  der  Generalbevollmächtigte  des  Papstes,  in 
dessen  Hand  letzthin  des  Turoldus  Schicksal  lag.  In  der  Tat 
haben  Bruno  von  Segni  nicht  nur  Kreuzzugsangelegenheiten 
beschäftigt,  sondern  er  hat  damals  als  Schiedsrichter  an  Papstes 
Statt  eine  ganze  Reihe  von  Streitfällen  entschieden,  die  vor 
ihn  gebracht  wurden.^^)  Sollte  aber  Turoldus  die  Staaten  Wil- 
helms von  Poitiers  passiert  haben,  ehe  Boemund  im  Limousin 
eintraf,  so  würden  sich  die  beiden  doch  jedenfalls  in  Rouen 
gesehen  haben,  das  keine  Tagereise  weit  vom  Bec  entfernt  ist. 

Das  also  ist  festzuhalten,  und  von  Belang  auch  für  das 
Verständnis  des  Rolandslieds  und  seines  Stimmungsgehalts: 
Turoldus  hat  den  größten  Kriegshelden  seiner  Zeit,  den  be- 
deutendsten der  Kreuzzugsführer  persönlich  gekannt.  Daß  es 
nicht  bei  flüchtiger  Begegnung  gebheben  ist,  läßt  sich  denken; 
mächtig  muß  des  Bischofs  Dichterherz  ergriffen  worden  sein 
von  der  wuchtenden  Größe  der  Heldengestalt  Boemunds,  und 
andrerseits  war  Turoldus,  von  seinen  persönhchen  Eigenschaften 
abgesehen,  schon  wegen  seines  hohen  Ansehens  und  seiner  vor- 
nehmen Herkunft,  uir  in  terra  sua  potens  et  nohilis  (diese  Zs. 
XXXVIIP  [1911],  S.  134),  nicht  einer,  den  man  mit  einem 
Händedruck  abfertigen  kann,  wenn  man,  wie  Boemund,  als 
Werber  kam  für  eine  Lebenssache. 

Als  nicht  ohne  Interesse  mag  hier  eine  Notiz  Eadmers,  jene 
Tage  in  Rouen  betreffend,  wiedergegeben  werden.  Er  erzählt 
von  Ilgyrus,  dem  magister  militum  Boemunds  (Historia  novorum 
179  f.):  Hie  ab  adolescentia  sua  notus  Anselmo  multa  fuerat 
ejus  beneficia  consecutus.  Familiariter  itaque  cum  eo  agens, 
inter  plurima  quae  ipsi  de  superatis  bellis,  de  urbibus  captis, 
de  situ  locorum,  aliisque  nonnullis,  quae  in  expeditione  lerosoli- 
mitana  acceperat,  delectabili  allocutione  disseruit . . . 
Wenn  schon  ein  Mönch  von  der  Art  Eadmers  diese  Kreuzzugserinne- 
rungen entzückend  fand,  wie  mag  erst  eines  Turoldus  Herz 
höher  geschlagen  haben,  wenn  auch  er  damals  den  tapferen 
Soldaten  von  den  Wundern  und  Wundertaten  des  fernen  Orients 
erzählen  hörte. 

Über  Rouen  kann  Boemund  nicht  wohl  oder  doch  nicht 
weit  nach  Norden  und  Osten  hinausgekommen  sein,^'^}  denn  in 

56)  Vgl.  Gigalski  61  ff.,  65  f.,  67  f. 

^')  ,, Ebenso  fehlen  uns  nähere  Nachrichten  darüber,  wie  weit 
Bruno  und  Bohemund  ihre  Reise  nach  Nordosten,  nach  Flandern  zu, 
ausgedehnt  haben"  (Gigalski  61).  —  Setzt  man  die  Hochzeit  in  Chartres 


Beiträge  zur  Rolands jor schling.  157 

die  erste  Hälfte  des  Mai^^)  fällt  die  denkwürdige  Hochzeitsfeier 
in  Chartres,  die  zu  einem  nationalen  Fest  wurde:  das  französische 
Königstum  vermählte  sich  gleichsam  mit  der  Kreuzzugsidee, 
indem  Boemund  die  Königstochter  Konstanze  zur  Gattin  und 
für  seinen  Neffen  Tankred  die  Hand  einer  andern  Königstochter 
Cäcilie  erhielt. ^^) 


Die  Hochzeit  der  französischen  Königstochter. 

Von  dem  Glanz  und  der  Begeisterung  jener  Maientage  in 
Chartres  mögen  uns  die  zeitgenössischen  Berichte  ein  Bild  geben. 
(Buamundus)  post  Pascha  Carnoti  eam  desponsavit;  quibus 
Adela  comitissa  convivium  abundans  omnibus  praeparavit.  Ibi 
rex  Francorum  cum  magna  multitudine  suo- 
rum  affuit  ...  Tunc  idem  dux  (Buamundus),  inter  illustres 
spectabihs,  ad  ecclesiam  processit,  ibique  ante  aram  Virginis 
et  Matris  in  orcistram  conscendit,  et  ingenti  catervae, 
quae  convenerat,  casus  suos  et  res  gestas  enarravit,  o  m  n  e  s 
armatos  secum  in  Imperatorem  ascendere 
commonuit,  ac  approbatis  optionibus  urbes  et  oppida 
ditissima  promisit.  Unde  multi  vehementer  accensi  sunt,  et 
quasi  ad  epulas  festinantes,  iter  in  Jerusalem  arripuerunt.  — 

So  Ordericus  VitaHs  (Lib.  XI  12;  ed.  Le  Prevost  IV,  S.  213). 
Und  Suger  erzählt  (Vie  de  Louis  le  Gros,  publ.  par  Aug.  Molinier, 
Paris  1887,  S.  23):  Callebat  princeps  Anthiochenus,  et  tam  donis 
quam  promissis  copiosus,  dominam  illam  celeberrime  sibi  copulari 
Carnoti,  presente  rege  et  domino  Ludovico,   multis   astan- 

V  0  r  den  Aufenthalt  in  Rouen,  dann  bleibt  allerdings  Zeit  übrig  für 
die  doch  recht  unsichere  Reise  nach  Bergues  St.  Winnoc. 

^^)  Terminus  post  quem  ist  die  Zusammenkunft  Boemunds  mit 
Anselm  in  Rouen,  gegen  Ende  April  (s.  Anm.  47  zu  S.  154);  terminus 
ante  quem  die  Synode  von  Poitiers  vom  26.  Juni  (über  dies  Datum 
vgl.  Gigalski  64,  Anm.  1;  danach  ist  Luchaire,  Louis  VI,  S.  22,  No.  36 
zu  berichtigen),  an  der  Boemund  teilnahm.  Doch  nötigen  zwei  Gründe, 
möglichst  weit  gegen  den  terminus  post  quem  zurückzugehen :  einmal 
die  Angabe  bei  Ordericus  post  Pascha  eam  desponsavit  (s.  diese  S.  oben), 
was  zwar  nicht  ,, gleich  nach  Ostern"  heißen  muß  (s.  Anm.  45  zu  S.  152), 
aber  doch  die  Zeit  von  Pfingsten  (13.  Mai)  an  auszuscliließen  scheint. 
Es  kommt  hinzu,  daß  wir  den  päpstlichen  Legaten,  der  aucli  die  Hoch- 
zeit mitgemacht  hatte,  am  17.  Mai  in  Le  Mans  finden  (Gigalski  61), 
etwa  zwei  Tagereisen  westlich  von  Chartres.  Wahrscheinlidi  wird 
Boemund  mit  Bruno  ziisammengereist  sein,  Poitiers  als  Ziel,  jedenfalls 
war  da  die  Hochzeit  vorüber. 

Andrerseits  sind  dem  bezeichneten  terminus  post  quem  ein  paar 
Tage  für  die  Rückreise  Boemunds  von  Rouen  nach  Chartres  zuzu- 
rechnen, und  so  kommen  wir  denn  zu  dem  im  Text  gegebenen  Termin. 

^^)  Ita  ducta  uxore  filia  regis  Francorum,  et  altera  Tancredo 
missa,  repetivit  Appuliam  (Willelmus  Malmcsbiriensis,  De  gestis  regum 
Anglorum,  Lib.  IV  §  387;  ed.  by  Slubbs,  II,  S.  454).  —  Vgl. 
Rölu'icht  65  (,,  ...so  daß  die  Interessen  des  Königreichs  Frankreich 
und  Fürstentums  Antiochien  aufs  engste  verbunden  wurden"). 


158  ]]'ilhelm  Taveniicr. 

l  i  b  u  s  archiepiscopis,  c  p  i  s  c  o  p  i  s  et  rcgni  proceribus,  devote 
promoruit.  Astitit  etiam  ibidem  Romane  sodis  apostolice  Ic- 
gatus...,  a  domimj  Pascliali  papa,  ad  invitandam  et  con- 
fortandam  sancti  Sepulchri  viam  dominum  Boamundum 
comitatus. 

Wir  sehen  also,  daß  um  den  König  von  Frankreich  und 
seinen  Sohn  und  Mitregenten,  um  Boemund  und  den  päpst- 
lichen Legaten  in  jenen  Frühlingsfeiertagen  ein  großer  Teil  des 
französischen  Adels  und  zahlreiche  Erzbiscliöfe  und  Bischöfe 
versammelt  waren,  und  daß  unter  den  Anwesenden  die  Kreuz- 
zugsbegeisterung aufs  hellste  aufgelodert  ist.  Wenn  wir  bedenken, 
daß  Chartres  so  nahe  den  Grenzen  der  Normandie  lag,  vom 
Kloster  Le  Bec  im  besonderen  leicht  zu  erreichen,  so  ist  die 
Vermutung  von  vornherein  wahrscheinlich,  daß  auch  Turoldus 
in  jener  Festversammlung  zu  denken  ist.  War  doch  Gastgeberin 
die  hochgebildete  und  Dichtern  holde  Schwester  seines  könig- 
lichen Herrn  und  Gönners  Heinrich;  da  w^erden  auch  norman- 
nische Große  unter  den  Gästen  nicht  gefehlt  haben.  Für  unsern 
Bischof  kam  hinzu,  daß  er  keine  Residenz  mehr,  und,  da  sein 
Prozeß  noch  schwebte,  kaum  die  Möglichkeit  zu  einer  beruflichen 
Betätigung  nach  der  geistlichen  Seite  hin  hatte. 

Wir  dürfen  uns  Turoldus  unter  den  Hochzeitsgästen  der 
Adele  vorstellen.  Nicht  aber  gebunden  an  diese  Wahrschein- 
lichkeit drängt  sich  die  wichtigere  Frage  auf:  ist  das  Rolandslied 
damals  in  Chartres  zuerst  gesagt  und  gesungen  worden  ?  Zur 
Feier  des  Festes  gedichtet,  dem  Heldenbräutigam  zu  Ehren  ? 
Oder  ist  es  doch  unter  den  berauschenden  Eindrücken  jener  Tage 
konzipiert  worden?  Kurz,  besteht  irgend  ein  Zusammenhang 
zwischen  unserm  Epos  und  dem  begeisterten  Nationalfest  1106 
in  Chartres  ? 

Für  die  Möghchkeit  spricht  manches.  Vorweg  bemerkt 
würde  sie  das  erfüllen,  was,  von  ganz  andern  Erwägungen  aus- 
gehend, Baist  in  bezug  auf  Heimat  und  Verfasser  unseres  Rolands- 
liedes postuhert  hat  (Variationen  19=  Beiträge  231):  ,,Wenn 
wir  eine  Bestimmung  versuchen  wollen,  scheinen  mir  die  Land- 
schaften von  Chartres  und  Dunois  den  Vorzug  zu  verdienen, 
ohne  politisches  Eigengewicht,  an  der  Grenze  der  Erhaltung 
von  ew-Kons.  und  €^  und,  was  nicht  gering  anzuschlagen  ist, 
direkt  empfohlen  durch  die  Karlsreise  406  und  654,  als  Haupt- 
stützen königlicher  Tradition."  Und  noch  wichtiger  ist  S.  20 
=  232:  ,, Danach  würde  sich  ergeben,  daß  unser  Roland  von 
einem  Normannen  auf  franzischem  Gebiet 
fürFrancier  nach  franzischer  Vorlage  bearbeitet  worden  ist, 
im  ersten  Viertel  des  12.  Jahrhunderts."  Die  Frage  nach  der 
Vorlage  kommt  hier  nicht  in  Betracht:  wir  halten  daran 
fest,  daß,  wie  die  älteren  Literaturwerke  überhaupt,  so  auch 
das     Rolandslied     nach    dem    Lateinischen     gedichtet    worden 


Beiträge  zur  Rolandsforschiing.  159 

ist.^^)  Wenn  wir  danach  den  letzten  Satz  Baist's  ändern  und 
statt  ,für  Francier'  ein  allgemein  französisches  Publikum,  dar- 
unter vorwiegend  Francier,  einsetzen,  so  sind  alle  Forderungen 
Baist's  durch  die  Sachlage  bei  Boemunds  Hochzeit  erfüllt:  ein 
normannischer  Dichter,  doch  die  Dichtung  in  oder  für  Chartres. 
Ja  selbst  der  entgleiste  Kleriker,  den  Paris  und  Baist  als  Ver- 
fasser angenommen  haben,  käme  gewissermaßen  zu  seinem 
Recht,  insofern  als  des  Turoldus  geistliche  Stellung  damals 
umstritten  und  zweifelhaft  geworden  war.  Allerdings  ist  dies 
Zusammentreffen  ein  mehr  zufälliges;  aus  dem  Lied  selbst  kann 
mitnichten  auf  ein  Aufgeben  der  geistlichen  Laufbahn  geschlossen 
werden,  so  fromm  und  heilig  wie  es  ist.  Bald  sollte  der  Dichter, 
durch  den  Übertritt  zum  Mönchtum,  in  ganz  anderer  Richtung 
umsatteln,  als  im  Sinne  der  Paris-Baist'schen  Annahme  liegt. 
Das  Wahre  daran  beschränkt  sich  auf  den  Umstand,  daß  die 
ungeregelten,  zerrütteten  Verhältnisse  seines  Episkopats  unserm 
Bischof  ganz  besonders  viel  Zeit  Heßen  zu  ausgiebiger  mwidana 
cogitatio.^^) 

Darmstadt.  Wilhelm   Tavernier. 


^^)  Vgl.  oben  Anm.  36  zu  S.  148.  —  Was  dem  Nibelungenlied 
recht  ist,  sollte  dem  Rolandsepos  gegenüber  billig  sein.  Wegen  der 
lateinischen  Nibelungias  vgl.  S.  Singer,  Mittelalter  und  Renaissance. 
Die  Wiedergeburt  des  Epos,  Tübingen  1910,  S.  41. 

^M  Anhangsweise  sei  ein  Versehen  in  dem  ersten  Abschnitt  dieser 
Abhandlung  verbessert,  ehe  es  Schaden  anrichtet.  Diese  Zs.  XXXVIP, 
S.  120  ist  der  Satz:  ,,Die  höchste  Würde  des  Kapitels  ...  hatte  er 
übersprungen"  zu  streichen.  Der  Dekan  folgt  im  Rang  auf  den 
Bischof.  —  Ein  bezeichnendes  Gegenstück  zu  dem  kirchlichen  Avan- 
cement unseres  Turoldus  ist  der  Fall  Gaudri  in  Laon  (1106).  Riche 
en  effet  .  . .,  Gaudri,  chasseur  et  soldat  plus  que  clerc,  n'avait  aucun 
titre  aux  fonctions  ^piscopales.  Aussi,  pour  donner  ä  ce  choix 
l'apparence  de  la  16galit6,  lui  avait-on  conf^rö  ä  la  häte  le  titre  de 
sous-diacre  avec  un  canonicat  dans  l'eglise  de  Ronen  (Bernard 
Monod,  Essai  sur  les  rapports  de  Pascal  II  avec  Philippe  ler 
<1099— 1108>,  Paris  1907,  S.  48). 


Textkritisches  zum  Chevalier  au  barisei. 


Schultz-Gora   hat   der   zweiten   Auflage   seiner    „Zwei    alt- 
französischen   Dichtungen"    (Halle    1911),    deren   zweites    Stück 
die  hübsche  Erzählung  von  dem  Ritter  mit  dem  Fäßchen  bildet, 
die   Varia  lectio   der  drei  außer  der  zugrunde   gelegten   Hand- 
schrift A  bekannten  Handschriften  beigegeben,  allerdings  nicht 
alle,  sondern  nur  die  ,, irgendwie  wichtigen"  Lesarten  aufgeführt. 
Ein   ganz   klares    Bild   der   handschriftlichen    Überlieferung   ist 
damit  freilich  nicht  gewonnen.     Der  von  Barbazan-Meon  kom- 
binierte Text  (Fabliaux  et  contes  des  XI,  XII,  XIII,  XIV  et 
XV^s.    I   208 — 242)  weist  eine   nicht   unbeträchtliche  Zahl   von 
Lesarten   auf,   die   bei   einer  streng  kritischen  Textbearbeitung 
doch    Beachtung   verdienen    dürften.      Sch.-G.    hat   festgestellt, 
daß  B  C  D  eine  Gruppe  gegenüber  A  bilden,  mit  der  Einschrän- 
kung, daß  B  nicht  selten  mit  A  gegen  C  D  zusammengeht.    Nach 
Ansicht  des  Hrsg.  steht  A  im  großen  und  ganzen  dem  Originale 
am  nächsten,  weil  es  einmal  an  vielen  Stellen  die  bessere  Lesart 
aufweise  und  ferner  gegen  Schluß  zahlreiche  Verspaare  erhalten 
habe,   von  denen  man  nicht  annehmen  könne,  daß  sie  von  A 
oder  dessen   Quelle  hinzugedichtet  seien,  sondern  deren  Fehlen 
sich  einfach  als  Kürzung  darstelle.     Demgegenüber  ist  zunächst 
daran  zu  erinnern,  daß  auch  A  eine  Reihe  von  Versen  fehlen, 
die  in  B  C  D  erhalten  sind  (nach  48,  116,  192,  428,  658,  805/6) 
im  ganzen  20  Verse,  denen  rund  90  in  C  D  fehlende,  aber  in  A 
erhaltene   gegenüberstehen.     Nur  einmal  ist  auch   B   an  einer 
in    C  D    vorhandenen    ,, Lücke"    beteiligt:    663/4.      Die    genaue 
Prüfung  dieser  Lücken  scheint  mir  für  die  Beurteilung  des  Hand- 
schriftenverhältnisses von  großer  Wichtigkeit.     A  priori  ist  ge- 
wiß beides  möglich:  die  Kopisten  können  gekürzt  oder  Zusätze 
gemacht   haben.     An    Stelle   absichtlicher   Kürzung  wird   auch 
mit    bourdons,    versehentlichem    Überspringen    von    Versen    bei 
der  Abschrift,  zu  rechnen  sein.     Im  ganzen  ist  aber,  denke  ich, 
bei  einem   offenbar  so  beliebten  und   dem   frommen   Sinn  des 
Mittelalters  so   zusagenden   Gedichte,  wie   der   Ritter  mit  dem 
Fäßchen,    von    vornherein    viel    mehr    Wahrscheinlichkeit    für 
Zusätze  als  für  Kürzungen  vorhanden.    Man  darf  so  weit  gehen 


Textkritisches  zum  Chevalier  au  barisei.  161 

zu  sagen,  daß  es  auffallend  wäre,  wenn  nicht  der  eine  oder  andre 
Abschreiber  in  dem  Bestreben,  die  hübsche  Erzählung  noch 
wirkungsvoller  zu  gestalten,  hier  und  da  Zusätze  gemacht  hätte. 
Wo  also  die  Überheferung  ohne  die  zunächst  fraglichen  Verse 
lesbar  bleibt  und  dem  Inhalt  der  Erzählung  kein  Abbruch  ge- 
schieht, möchte  ich  allein  des  Stoffes  unsres  Gedichtes  wegen 
viel  eher  an  Zusatz  als  an  Kürzung  glauben.  So  z.  B.,  wenn 
937  ff.  geschildert  wird,  wie  dem  reuigen  Ritter,  der,  nachdem 
er  seine  Beichte  abgelegt,  sich  zum  Sterben  anschickt,  von  dem 
Eremiten  das  Abendmahl  gereicht  wird,  eine  offenbar  besonders 
rührende  Stelle,  bei  der  der  fromme  Leser  gern  verweilte:  (Ritter 
zum  Eremiten:)  ,,Hastes  vous  quar  morir  m'estuet."  Et  li  sains 
hom  s'i  abandone,  Le  cors  Dieu  tout  entir  li  done  {Et  eil  le  prent, 
ne  se  degoit,  En  bien  tres  grant  bien  le  reQoit,  En  amor  et  en  verite. 
Et  en  tres  grant  humilite].  Quant  il  fu  acommeniez^  Si  fu  si  purs  etc. 
Die  in  [  ]  stehenden  Verse  sind  nur  in  A  B  überliefert,  in  C  D 
fehlen  sie.  Daß  grade  diese  die  heihgste  Handlung  schildernden 
Verse  von  einem  Abschreiber  gestrichen  worden  seien,  halte 
ich  für  unwahrscheinlich,  für  unwahrscheinhcher  wenigstens, 
als  daß  sie  in  frommem  Eifer  hinzugesetzt  wurden.  Für  den 
Gang  der  Erzählung  sind  sie  vollkommen  entbehrlich.  —  Zu 
ähnlichen  Überlegungen  geben  die  Verse  953/4  Anlaß,  die  gleich- 
falls in  C  D  fehlen.  Der  sterbende  Ritter  sagt  zum  Eremiten: 
Biaus  douz  pere,  je  m'en  irai,  Proiez  por  moi,  ja  jinerai-^  Je  ne 
puis  plus  ci  remanoir,  Querre  m'estuet  autre  manoir;  [Li  cuers 
me  faut,  peres  tres  dous,  Je  ne  puis  plus  parier  a  (^ous.]  Tres 
douz  pere^  a  Dieu  vous  commant,  Mes  en  la  fin  vous  di  itant  Que 
vous  metez  voz  braz  sor  mi.  Man  braucht  kein  Gewicht  auf  den 
Widerspruch  zu  legen,  daß  der  Sterbende  erklärt,  nicht  mehr 
sprechen  zu  können  und  trotzdem  weiter  spricht.  Aber  die 
Stelle  gewinnt  eher,  wenn  die  in  [  ]  stehenden  Verse  wegbleiben, 
als  daß  die  Streichung  ihr  Eintrag  täte.  —  870  ff.  handelt  es 
sich  um  die  Schilderung  des  Wunders,  daß  die  dem  Auge  des 
reuigen  Ritters  entgleitende  Träne  in  das  Fäßchen  fällt  und  es 
bis  zum  Rande  füllt,  so  daß  der  Iniialt  noch  überschäumt:  (870) 
Ce  nous  raconte  l'escripture  (871)  que  li  baris  fu  si  emplis  (872) 
et  de  la  lerme  raemplis  (1.  de  cele  lerme  et  raemplis)  [(873)  Que 
li  combles  de  toutes  pars  (874)  En  est  espanduz  et  espars;  (875) 
Cele  lerme  fu  si  ardanz  (876)  de  repentance  et  si  boillanz]  (877) 
Que  li  boillons  en  vint  deseure.  Die  VWirte  que  li  combles  —  espars 
besagen  inhaltlicli  dasselbe  wie  que  li  boillons  en  v.  d.,  nur  daß 
sie  das  Wunder  unmäßig  übertreiben.  Schon  dieser  Umstand 
macht  sie  verdächtig.  Zudem  schließt  877  que  li  boillons  en 
vint  deseure  sich  zwar  sehr  gut  an  872,  aber  nur  mangelhaft  an 
875/6  an.  Auch  einem  mittelalterlichen  Leser  mutet  doch  der 
Dichter  viel  mit  der  Vorstellung  zu,  daß,  eine  Träne  der  Reue 
so  brennend  und  so  schäumend  (!!)  gewesen  sei,  daß  der  Schaum 


1G2  Alfred  Schulze. 

davon  iihcrquoir'.  Die  Wortf;  c/ue  U  holllons  en  vinl  deseure 
gehören  grammaLisch  sowolil  zu  cele  lerme  fu  si  ardanz  de  repenlance 
wie  zu  (cele  lerme  fu)  si  boillanz.  Zu  ersteren  gonornmon  bleibt 
die  Stelle  sinnlos,  mit  letzteren  ergibt  sich  fast  eine  Tautologie. 
Dagegen  ist  die  Lesart  von  C  D:  ce  nous  raconte  VescrlptureQue 
li  baris  fu  si  emplis  De  cele  lerme  et  raemplis  Que  li  hoillons  en 
i'int  deseure  ganz  einwandfrei.  —  G53 — 56  und  663  f.  Iiandelt  es 
sich  um  die  Beschreibung  des  abschreckenden  Aussehens  des 
gottlosen  Ritters,  der  nach  jahrelangem  Umherirren  zerlumpt 
und  völlig  verkommen  ist,  eine  Situation,  die  zu  Zusätzen  ge- 
radezu herausforderte. 

Aber  ich  gebe  zu,  daß  hier  und  an  anderen  Stellen  Ent- 
scheidendes nicht  zu  sagen  ist:  der  Text  ist  möglich  m  i  t  den 
fraglichen  Versen  und  ohne  sie.  Verdächtiger  sind  Stellen, 
in  denen  die  Lesung  mit  den  nur  in  A  (oder  A  B)  überlieferten 
Versen  Schwierigkeiten  grammatischer,  stylistischer  oder  metri- 
scher Art  bereitet,  während  sie  ohne  diese  glatt  ist. 

855  ff.  (Der  Ritter  hat  aufrichtige  Reue  gezeigt,  das  Fau- 
chen ist  aber  noch  leer.  Gott  kommt  ihm  mit  dem  Tränenwunder 
zu  Hilfe.)  (855)  Et  Diex,  qui  vit  son  desirrier  (856)  qu'il  se  voloit 
a  droit  aidier  [(857)  qu'il  ni  avoit  point  de  faintise,  (858)  lors 
fist  Diex  une  grant  franchise]  (859)  et  une  bele  cortoisie.  So 
A  B.  Die  Anmerkung  des  Hrsg.  macht  schon  darauf  aufmerksam, 
daß  hier  eine  doppelte  styHstische  Schwierigkeit  vorliegt:  ein- 
mal, daß  zu  ci7  2  Objekte  {son  desirrier  und  der  ihm  folgende 
Objektssatz)  vorhanden  sind,  zweitens,  daß  hinter  faintise  der 
Satz  von  neuem  anhebt,  ohne  daß  der  vorhergehende  zu  Ende 
geführt  ist.  Die  Handschrift  C  bietet  Unverständliches:  Et 
Diex  qui  v.  s.  d.  Qu'il  li  u.  a  d.  aidier  Et  une  bele  cortoisie.  Nur 
D  ist  einwandfrei:  Et  Diex,  qui  i'.  s.  d.  Et  li  voloit  a  droit  aidier, 
la  li  fist  une  cortoisie. 

Bemerkenswert  sind  die  Verse  677  ff.  Es  ist  berichtet,  daß 
der  Ritter  in  entsetzlichem  Zustande  ein  Jahr  lang  herum- 
gewandert ist  und  das  Fäßchen  an  jedem  Gewässer  vergeblich 
zu  füllen  versucht  hat.  Er  ist  so  schwach,  daß  er  sich  kaum 
aufrecht  erhalten  kann:  (674)  Li  barisiaus  mout  li  greva  (675) 
q'uil  (1.  qu'il)  ot  parte  sanz  nul  sejor  (676)  un  an  et  par  nuit  et 
par  jor.  [(677)  Que  vous  diroie  ?  En  tel  ahan  (678)  fu  li  siens 
cors  trestout  un  an.  (679)  Merveille  est  qu'il  a  tant  dure.  (680) 
Tant  a  souffert  et  endure  (681)  qu'il  set  mout  bien  que  plus  ne 
puet.  (682)  Grant  chose  a  ou  fere  l'estuet.  ^(683)  Arriere  dist  qu'il 
s'en  rira,  (684)  mes  ja  l'ermite  n'en  rira,  (685)  ainz  plouerra,  mes 
qu'il  le  voie.  (686)  A  tant  se  met  eil  a  la  voie  (687)  tout  apoiant 
de  son  baston,  (688)  sovent  se  plaint  a  mout  haut  ton.  (689)  Toute- 
voies  tant  s'esforga  (690)  qua  l'ermilage  s'adrega.  (691)  Au  chief 
de  Van,  le  jor  m'eisme  (692)  qu'il  departi  del  leu  saintisme  (693) 
le  jor  del  tres  grant  vendredi,  (694)  trestous  si  fez  que  je  vons  di 


Textkritisches  zum  Chevalier  an  barisei.  163 

(695)  a  Vermitage  s'en  revint.  (696)  Huimes  orrez  com  lui  ai'int: 
(697)  Leenz  entra  mout  dolcreus .  .  .  Für  C  gibt  die  Var.  lect.  an, 
daß  677 — 688  fehlen.  D  müßte  eine  ganz  unverständliche  Lesart 
haben,  wenn  ihm  wirkhch,  wie  die  Varianten  angeben,  677 — 683 
fehlten.  Es  ist  wohl  anzunehmen,  daß  es  heißen  muß  ,,677 — 682 
fehlen  G  D"  und  darauf  „683—688  (statt  684—688)  fehlen  C".^) 
So  daß  D  läse  wie  Meon :  Li  barisiaus  mout  li  greva  Qu'il  ot  parte 
s.  n.  s.  Un  an  e.  p.  n.  e.  p.  j.  Arriere  dist  q.  s.  r.  etc.  bis  694 
wie  oben  —  (695  —  696  fehlen  wieder  CD)  —  Leenz  entra  m.  d. 
—  Die  Verse  677 — 682  sind  inhalthch  völhg  entbehrhch.  Teils 
wiederholen  sie  schon  Gesagtes  (678  =  676),  teils  (677,  679—682) 
enthalten  sie  Plattheiten,  die  die  Erzählung  nicht  fördern.  Auch 
683 — 688  sind  verdächtig:  683  ist  auffallend,  weil  niemand  da 
ist,  mit  dem  der  Ritter  sprechen  könnte,  684  und  685  sind  jeden- 
falls ganz  überflüssig,  686  paßt  wenig,  da  der  Ritter  sich  schon 
unterwegs  befindet,  687  ist  Wiederholung  von  672  (A  un 
baston  l'estuet  tenir).  688  lesen  B  D  a  mout  bas  ton.  Und 
das  wird  das  Richtige  sein.  Denn  sieht  man  683 — 688  näher 
an,  so  zeigt  sich,  daß  alle  drei  Verspaare  homonyme  Reim- 
wörter haben  rira  :  rira,  voie  :  voie,  baston  :  bas  ton.^)  Sie 
kennzeichnen  sich  damit  auch  äußerlich  als  eine  zusammen- 
gehörige Reimspielerei.  Endlich  695 — 696  sind  wieder  ganz 
überflüssig.  Dafür  daß  G  mit  seiner  kürzesten  auch  die  beste 
Lesart  hat,  spricht  auch  der  Umstand,  daß  689  sich  besser  an 
676  als  an  688  anschließt.  Auch  inhaltlich  sind  689/90  wenig 
angemessen,  da  wiederholt  gesagt  ist,  daß  der  Ritter  sich  auf 
dem  Wege  zum  Eremiten  befindet.  Man  müßte  den  Kopisten 
von  G  geradezu  bewundern,  wenn  er  so  geschickt  zu  kürzen 
verstanden  hätte.  Wollte  man  andrerseits  annehmen,  daß  er 
die  ihm  fehlenden  Verse  aus  Flüchtigkeit  übersprungen  habe, 
so  müßte  das  sonderbarste  Spiel  des  Zufalls  vorliegen. 

Die  Handschrift  G  steht  aucli  an  einer  zweiten  Stelle  ganz 
allein:  es  feiden  ihr  die  Verse  283 — 295  oder  vielmehr,  nnic  es 
statt  295  in  der  Varia  lectio  wird  heißen  müssen:  294  —  andern- 
falls würde  sich  kein  Zusammenhang  ergeben  und  zu  296  der  Reim 
fehlen  —  und  297 — 300.  Der  Eremit  dringt  in  den  Ritter,  seine 
Sünden  zu  beiciiten  .  .  (281)  que  vous  connoissiez  voz  pechiez; 
(282)  l'escouterai,  or  commenciez!  ADD  bericlilen  nun:  (283) 
Lars  le  regarde  li  tyranz  (284)  qui  fei  estoit  et  mal  qneranz.  (285) 
Li  preudom  ot  paor  mout  fiere,    (286)  ne  garde  l'eure  eil  le  fiere; 

^)  Frl.  Hedwig;  Ilagon,  die  gegenwärtig:  in  Paris  weilt,  hatte  die 
Güte,  an  dieser  Stelle  (und  einigen  weiteren)  die  Handseiiriften  für 
mich  einzusehen  und  bestätigt  mir,  daß  683  in  D  steht. 

2)  Letztei'er  Reim  begegnet  schon  an  einer  früheren  Stelle,  was 
freiüch  aus  der  Var.  lect.  nicht  ersichtlich  wird.  198  ff.  heil3t  es 
Adont  s'en  vait  tout  apoiant  (199)  //"  joibles  hoin  a  un  baston  (200) 
esraunient  a  dil  ou  l>aron.  Für  200  bietet  M^on:  Au  sijinor  dist  a 
mout  bas  ton. 


10}  Alfred  Schulze. 

(287)  mes  il  met  loul  cii  avcnlare,    (288)  sc  li  ranientoil  l'escripture 
(289)  et  li  disl  moiit  tres  doucement:    (290)  Frere,  por  Dieu  om- 
nipotent,   (291)  dites  moi  viaus    un   seul   pechie;    (292)  se  vous 
aviiez  commencie,    (293)   bien  sai  que  Diex  vous  aideroit    (294) 
a  raconler  vo  vie  a  droit.    (295)  Ritler:  ,,Ja  voir,  fei  il,  nul  n'en 
orrez."  —  (296)   Eremit:  „Si  ferai  voir."  —  Rittor:  ,,Voas  non 
ferez."     (297)  Eremit:  „Commenl?   Si  ne  m'en  direz  rien    (298) 
ne  si  ne  vaudrez  fere  bien?"     (299)  Ritter:  „Non  voir;  a  tont  cest 
duel  morrez,    (300)  que  ja  rien  dire  ne  m'orrez."  —  (301)  Eremit: 
„Si  ferai  voir,  cui  qu'il  anuit."    Und  nun  beschwört  er  den  Ritter 
bei  Gott  und  allen  Heiligen,  seine  Sünden  zu  beichten  und  schließt 
energisch  ainz  vous  commant. . .  que  vous  loz  voz  pechiez  me  dites 
et  si  n'alez  plus  atendant.     Die  Verse   297 — 299  fehlen  außer  C 
auch  D.     Mir  ist  nicht  zweifelhaft,  daß  auch  an  dieser  Stelle  C 
(und  für  297 — 300  auch  D)  im  Rechte  ist.     So  eindrucksvoll  es 
zunächst  sein  mag,  zu  hören,  daß  der  Mönch  Gefahr  läuft  von 
dem    Ritter   geschlagen    zu   werden,    tatsächlich   sind   die    Verse 
283 — 294   nicht   nur   überflüssig,   sondern   auch   störend.      Kein 
irgend  sorgfältiger  Dichter  kann  dem  Leser  zumuten  zu  glauben, 
der  Eremit  habe  zunächst  in  ganz  kategorischer  Form  den  Ritter 
zum   Beichten   aufgefordert,   dann   aber  plötzlich  —  ohne   daß 
dazu  irgend  welche  Veranlassung  vorläge  —  aus  Furcht  Schläge 
zu  erhalten,  ihn  in  ganz  sanfter  Weise  gebeten,  wenigstens   eine 
seiner  Sünden  zu  nennen  und,  da  der  Ritter  sich  dessen  standhaft 
weigert,  ihn  nun  wieder  in  schärfster  Weise  bedrängt,  unver- 
züglich   alle  Sünden  zu  beichten.     Das  ist  ein  Hin  und  Her, 
das  man  auch  einem  viel  weniger  gewandten  Dichter,   als  der 
Verfasser   des  Chevalier  au    barisei   ist,   schwer    zutrauen    wird. 
Streicht  man  dagegen  mit  C  (D)  die  Verse  283—294  und  297—299, 
so  ergibt  sich  nicht  nur  eine  ganz  glatte  Lesart,  sondern  auch  eine 
sehr  wirksame  Steigerung  in  dem  Auftreten  des  Eremiten:  (281) 
Eremit:   que   vous  connoissiez  vos  pechiez;   (282)  j'escouterai,   or 
commenciez!  —  (295)  Ritter:  ja  voir,  fet  il,  nul  n'en  orrez.  —  (296) 
Eremit:  Si  ferai  voir.  —  Ritter:  Vous  non  ferez.  —  (301)  Eremit: 
Si  ferai  voir,  cui  qu'il  anuit,  (302)  Ainz  serez  ci  dusqu'a  la  nuit 
que  je  Ji'en  suche  aucune  chose.     Es  kommt  folgendes  hinzu:  295 
schheßt  sich  tadellos  an  281/282  an,  während  nul  und  en  in  diesem 
Verse  (295)  bei  der  jetzt  im  Text  stehenden  Lesart  auf  ein  vier 
Verse  zurückliegendes  W'ort  Bezug  nehmen.     Ferner  ist  301  si 
ferai  in  dem  jetzigen  Texte  unklar.    Einerseits  verlangt  die  Gram- 
matik als  Widerspruch  des  Mönchs  zu  des   Ritters  Worten   (ja 
riens  dire  ne  m'orrez)  ein  si  ferai  (d.  h.  si  vos  orrai  dire  riens), 
andrerseits  ist  doch  der  Sinn  der  Worte  des  Ritters  ja  ne  dirai 
riens,  und  d  a  s  zu  bestreiten  ist  andrerseits  der  Sinn  der  Worte 
des  Eremiten,  so  daß  si  ferez,  wie  A  liest,  aber  vom  Herausgeber 
geändert  ist,   wohl  angemessen  wäre.     Tatsächlich  gibt  weder 
si  ferai  noch  si  ferez  einen  befriedigenden  Anschluß  an  Vers  300, 


Textkritisches  zum  Chevalier  au  bar i sei.  165 

während  si  ferai  sich  ausgezeichnet  an  296  anschließt:  (295) 
Ritter:  Ja  voir.,  nul  n'en  (sc.  de  mes  pechiez)  orrez.  —  (296)  Eremit: 
Si  ferai  voir.  —  Ritter:  Vous  non  ferez.  —  (301)  Eremit:  Si  ferai 
voir,  cui  qu'il  anuit.  Ainz  serez  ci  dusqu'a  la  nuit. . . .  Grade  das 
unmittelbare  Aufeinanderfolgen  des  si  ferai  macht  den  vom 
Dichter  beabsichtigten  und  trefflich  in  den  Zusammenhang 
passenden  Eindruck  der  Hartnäckigkeit  des  Eremiten,  die  ihn 
schließlich  sein  Ziel  erreichen  läßt.  Auch  von  dieser  Stelle  gilt 
das  von  der  vorigen  Gesagte:  Läge  wirklich  eine  Kürzung  vor, 
so  wäre  der  Abschreiber,  der  mit  so  sichrer  Hand  zu  streichen 
wußte,  zu  bewundern.  Und  nicht  nur  eine  ungewöhnliche  Ge- 
schicklichkeit setzt  die  Annahme  der  Kürzung  voraus,  dieser 
Geschicklichkeit  mußte  an  beiden  Stellen  noch  der  Zufall  zu 
Hilfe  kommen,  daß  der  Zusammenhang  der  Erzählung  der 
Kürzung  keinerlei  Hindernis  in  den  Weg  legte. 

Ein  entschiedenes  Zeugnis  für  bessere  Überlieferung  scheint 
mir  auch  das  Fehlen  der  Verse  552  und  554  in  C  D.  Es  wird 
geschildert,  wie  der  Ritter  bei  Wind  und  Wetter  mit  seinem 
Fäßchen  umherirrt.  Und  nun  lesen  die  verschiedenen  Hand- 
schriften folgendermaßen: 

1)  A:  .4   chascune  eue  qu'il  ataint  (550) 

San  barisei  met  et  esprueve  (551) 
Mes  mout  poi  li  profite  s'uevre  (552) 
Quar  neu  puet  goute  recevoir  (553) 
Por  nul  travail  qu'il  puist  avoir  (554) 

2)  B:  .4   chascune  eve  qu'il  ataint  (550) 

Son  barisei  met  et  espaint  (551) 
Et  li  resprueve  et  li  respaint  (552) 
Mais  il  neu  puet  nis  goute  avoir  (553) 
Por  nul  travail  qu'il  puist  avoir  (554) 

3)  C:    A   chascune  eve  qu'il  ataint  (550) 

Son  barisei  met  et  esfroie  (551) 

Mais  il  n'en  puet  goute  rechoivre  (553) 

4)  I):  .4   chascune  eve  qu'il  ataint  (550) 

Son  barisei  boute  et  reboute  (551) 
Mais  il  n'en  puet  rechoivre  goute  (553) 
Die  Gruppierung  der  Handschriften  ist  klar:  A  geht  mit  B, 
C  mit  D  zusammen.  Allen  Hss.  gemeinsam  ist  nur  V.  550,  der 
überall  gleich  lautet,  der  Anfang  des  folgenden  Verses  (551)  und 
V.  553.  Daß  C  und  D  oder  ilire  Vorlagen  zu  ihrer  Lesart  durch 
Kürzung  gekommen  seien,  ist  recht  unwahrscheinlich,  wenigstens 
wenn  A  die  ungekürzte  Lesung  darstellen  soll.  Es  wäre  dann  doch 
anzunehmen,  daß  V.  551,  wie  er  in  A  lautet,  von  G  und  D  über- 
nommen, 552  alsdann  gestrichen  und  gleichzeitig  553  auf  551 
gereimt  worden  wäre,  um  danacii  auch  V.  554  zu  streichen,  der 
durch  die  Paarung  von  551  und  553  reimlos  geblieben  wäre. 
Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX'/'.  12 


166  Alfred  Schulze. 

Aber  (Jas  ist  nicfit  möglicli,  da  V.  551,  wio  A  ilin  überliefert, 
weder  in  C  noch  in  D  stellt.  Und  aueh  B  geht  hier  nieht  mit  A 
zusanim(!n.  Der  Text  von  B  ist  dadurch  besond(!rs  benK-rkenswerl, 
daß  die  vier  Verse  549 — 552  sämtlich  auf  ainl  reimen.  Das  ist 
offenbar  so  zu  erklären,  daß  V.  551  in  seiner  zweiten  Hälfte  in 
der  Vorlage  von  B  verstümmelt  oder  unleserlich  war,  so  daß  der 
Kopist  sich  entschloß  selbst  zu  reimen.  Hierbei  versah  er  sich 
insofern,  als  er  den  zu  flickenden  Vers  551  mit  dem  vorangehenden 
(also  V.  550)  statt  mit  dem  folgenden  reimte,  also  übersah,  daß 
V.  550  schon  mit  V.  549  (ot  bien  changie  et  noir  ett  aint)  reimte. 
Dies  Versehen  zwang  ihn,  nun  nochmals  auf  aint  zu  reimen: 
so  kam  V.  552  in  B  zustande.^)  Daß  dies  der  wirkliche  Sach- 
verhalt ist,  scheint  auch  aus  A  hervorzugehen.  Auch  A  fand  für 
den  zweiten  Teil  von  551  in  seiner  Vorlage  nichts  Braucld^ares. 
Er  half  sich  damit,  daß  er  Vers  530  (son  baril  i  met  et  esprueve) 
wiederholte  und  zu  diesem  nun  aus  Eigenem  V.  552  reimte  bezw. 
assonierte,  da  ihm  das  Reimen  nicht  gelang.  (Daß  der  Dichter 
selbst  sich  nach  20  Versen  wiederholt  habe,  ist  nicht  anzunehmen.) 
Damit  erklärt  sich  sowohl  die  völlige  Verschiedenlieit  von  552 
in  A  und  B  wie  das  Fehlen  dieses  Verses  in  C  und  D.  Auch  G 
bietet  V.  551  Ungenügendes:  esfroie  befriedigt  im  Reim  auf 
rechoivre  formell  nicht  und  bleibt  auch  dem  Sinne  nach  unklar. 
Einwandfrei  ist  nur  D.  Nimmt  man  an,  daß  553  ursprünglich 
wie  in  D  lautete,  so  wird  im  Zusammenhange  mit  dem  eben 
Bemerkten  alles  klar.  Nachdem  A  und  B  jeder  nach  seiner  Weise 
das  Verspaar  551/2  geschaffen,  blieb  553  (Mais  il  n'en  puet 
rechoivre  goute)  reimlos  übrig.  Es  mußte  also  zu  ihm  ebenfalls 
ein  Vers  hinzugedichtet  werden;  aus  diesem  Zwang  ergab  sich 
V.  554,  nachdem  in  V.  553  durch  Änderung  der  Wortfolge  goute 
aus  der  Reimstellung  in  das  Versinnere  gerückt  war.  Bemerkens- 
wert ist  nun  die  Übereinstimmung  von  554  in  A  und  B  (Por 
nul  travail  qu'il  puist  avoir ).  Lag  A  dem  B  vor  oder  umgekehrt  ? 
Mir  scheint  die  letztere  Annahme  mehr  für  sich  zu  haben.  Denn 
B  hätte,  wenn  ihm  A  vorgelegen  hätte,  keinen  Grund  gehabt, 
551/2  von  ihm  abzuweichen,  während  bei  umgekehrtem  Ver- 
hältnis A  allerdings  bei  einiger  Aufmerksamkeit  sofort  den  Fehler 
sehen  mußte,  daß  in  B  vier  Verse  hintereinander  auf  aint  reimten 
und  dadurch  zu  selbständiger  Änderung  gezwungen  wTirde.  553 
ist  unter  dieser  Voraussetzung  auch  A's  Änderung  von  dem  den 

^)  Derselbe  Irrtum  begegnete  B  auch  an  einer  zweiten  Stelle. 
717  ff.  lauten  bei  Sch.-G. :  (717)  quar  onques  puis  ne  revint  ci:  (718) 
mes  or  me  di  par  ia  merci  (719)  quels  hom  tu  es  et  si  te  nomme,  (720) 
ainz  mes  ne  vi  si  tres  povre  komme.  Die  zweite  Hälfte  von  719  stand 
B  nicht  zur  Verfügung;  er  reimt  selbständig  und  zwar  wieder  fälschlich 
mit  dem  vorangehenden  Verse,  der  schon  in  717  seinen  Reim  hat: 
quels  hom  tu  es  et  s  i  me  di ,  muß  infolgedessen  nochmals  auf  -i 
reimen,  was  er  hier  durch  Änderung  der  Wortfolge  erreichte:  ains 
mais  si  povre  komme  ne  vi. 


Textkritisches  zum  Chevalier  au  barisei.  167 

Vers  beginnenden  mais  in  quar  erklärlich,  da  mes  bereits  für 
552  von  A  verbraucht  war.  Wie  aber  ist  G  zu  beurteilen  ?  Auch 
C  hatte  einen  verstümmelten  Vers  551  und  flickte  ihn  so  gut 
als  möglich.  Auch  ihm  war  goute  als  Reimwort  unbequem;  er 
änderte  (wie  A  und  B)  die  Wortfolge,  brachte  aber  trotzdem  nur 
die  Assonanz  esfroie  :  rechoivre  zustande.  Somit  ergäbe  sich 
folgendes  Handschriftenverhältnis:  D stellt  die  beste  Überlieferung 
dar,  A,  B  und  G  gehen  auf  eine  Vorlage  mit  verstümmeltem 
Vers  551  zurück.  B  und  G  stehen  auf  gleicher  Stufe  der  Über- 
lieferung, A  aber  setzt  B  voraus,  würde  also  den  jüngsten  Typus 
der  Überlieferung  darstellen. 

Bei  dieser  Auffassung  bleibt  allerdings  auffällig,  daß  V.  551 
die  beiden  Worte  (son  barisei)  met  et  und  die  erste  Silbe  des 
Reimwortes  es-  in  A  B  G  gleichmäßig  überliefert  sind  und  doch 
von  jedem  der  drei  Schreiber  (nach  unsrer  Annahme)  selbständig 
hinzugefügt  worden  sein  sollen,  nicht  aber  auf  eine  gemeinsame 
Quelle  deuten  sollen.  Aber  so  gut  sich  A  der  erst  zwanzig  Verse 
früher  geschriebenen  Worte  met  et  esprueve  erinnerte,  konnten 
es  auch  B  und  G,  so  daß  denn  schließlich  die  gemeinsame 
Quelle  doch  in  V.  530  vorhanden  wäre.  Bei  B  deutet  ja  auch 
der  Anfang  von  552  (Et  li  resprueve )  darauf  hin,  daß  er  für 
den  vorangehenden  Vers  ein  esprueve  wenigstens  im  Sinne  hatte. 
Ich  möchte  noch  auf  die  in  G  D  fehlenden  Verse  781/4  und 
815/6  hinweisen.  Die  Stellen  sind  so  parallel,  daß  für  beide 
notwendig  die  gleiche  Erklärung  wird  gelten  müssen.  An  der 
ersten  (781 — 784)  ruft  der  Eremit  Gott  um  Gnade  für  den  Ritter 
an  (780)  que  vos  fetes  cestui  merci  (781)  qui  par  moi  est  en  tel 
destrece.  (782)  Diex.,  ne  suejres  que  sa  povrece  (783)  soit  perdue 
par  vo  pitance^  (784)  mes  tornez  li  a  penitance!  An  der 
zweiten  Stelle  (815—816)  bittet  der  Ritter  Gott:  (815)  Diex, 
ne  souffrez  que  ceste  paine  (nämlich  die  Betrübnis  des  Eremiten 
um  ihn,  den  Ritter)  (816)  Soit  a  m'ame  vuide  ne  vaine.  Daß 
G  D  diese  beiden,  ganz  gleichartigen  Stellen  versehentlich  über- 
sprungen haben  könnten,  ist  ausgeschlossen;  daß  sie  sie  ab- 
sichtlich gestrichen  hätten,  wenig  wahrscheinlich.  Nimmt  man 
folgendes  hinzu:  der  Ritter  bittet  Gott  813/4,  er  möge  den  Ere- 
miten trösten,  der  so  trostlos  über  ihn  sei  [er  hält  sich  sogar 
für  schuldig  an  seinem,  des  Ritters,  harten  Geschick!].  Dann 
folgen  die  in  G  D  felilenden  beiden  Verse,  darauf  (817)  toutes 
voies  por  mes  pechiez  (818)  me  fu  li  barisiaus  carcJäez,  (819)  et 
je  por  mes  pechiez  le  pris.  Die  Worte  „Immerhin  wurde  mir  doch 
das  Fäßchen  meiner  Sünden  wegen  aufgeladen"  schließen  sich  m.  E. 
so  eng  an  jene  Bitte  zu  Gott  (813/4)  an,  daß  sie  niclit  (durch 
815 — 816)  davon  getrennt  werden  dürfen:  ,,der  Eremit  ist  zwar 
untröstlich  über  mich,  aber  ich  habe  doch  durch  meine  Sünden  — 
nicht  durch  des  Eremiten  Schuld  —  mein  Unglück  verdient"  ist  eine 
untrennbare  Gedankenfolge,  in  der  815/6  als  Fremdkörper  stecken. 

12* 


1Ü8  Alfred  Schulze. 

So  scIiciiiL  mir  die  nähere  Prüfung  der  Lücken  in  diesen 
—  und  noch  weiteren  Fällen  —  mehr  für  als  gegen  die  Hand- 
schriften G  D  zu  sprechen.  Anders  bei  den  in  A  fehlenden  Versen: 
48  ff.,  116  ff.,  192  ff.,  207/8,  428  ff.,  658  ff.,  805/6,  821  ff.  An 
den  meisten  dieser  Stellen  g  (!  w  i  n  n  t  m.  E.  der  Text  durch 
Aufnahme  der  in  B  C  D  überlieferten  Verse.  805/6  hat  auch 
der  Hrsg,  das  anerkannt  und  die  A  fehlenden  Verse  in  seinen 
Text  aufgenommen.  Ich  möchte  auch  für  die  zwischen  116  und 
117  in  BCD  fehlenden  Verse  ein  empfehlendes  Wort  sagen. 
Die  Begleiter  des  gottlosen  Ritters  wollen  ihn  veranlassen,  mit 
zum  Eremiten  zur  Beichte  zu  kommen:  (111)  ^,Confesser  ?,  fet  il, 
.C.  diable!  (112)  Enterrai  je  de  ce  en  fable?  (113)  Ifoniz  soit 
qui  por  ce  ira  (114)  Ne  qui  les  piez  i  portera.  (115)  Mes  s'il 
avoit  auques  a  prendre  (116)  je  iroie  bien  por  lui  pendre."  Nach 
dieser  schroffen  Ablehnung  scheint  es  mir  unmöglich,  daß  die 
Begleiter  dem  Ritter  erwidern:  (117)  Sire,  fönt  i7,  i  vendrez  vous? 
In  B  G  D  folgen  auf  116  zunächst  noch  des  Ritters  Worte:  car 
aiitrement  n' iroie  mie.  Worauf  man  ihm  erwidert:  Si  feres  viaus 
par  compaignie.  ,,So  kommt  wenigstens  zur  Gesellschaft  mit, 
wollt  Ihr  ?  Tut  uns  das  zur  Liebe."  Das  ist  ohne  Zweifel  die 
glattere  Lesart.  Und  auch  die  motiviertere.  Denn  es  ist  wesent- 
lich, daß  die  Begleiter  den  Ritter  bitten,  zur  Gesellschaft 
mit  ihnen  zu  kommen;  darauf  läßt  er  sich  ein,  während  er 
vorher  sich  weigerte,  weil  nur  davon  die  Rede  war,  er  solle 
beichten.  Nach  der  bei  Sch.-G.  stehenden  Lesart  müßte 
der  Ritter  glauben,  seine  Begleiter  blieben  bei  dieser  Bitte  (zu 
beichten),  nur  daß  er  sie  ihnen  zu  Liebe  erfüllen  solle. 
Es  ist  also  anzunehmen,  daß  A  aus  Flüchtigkeit  das  Reimpaar 
zwischen  116  und   117  übersprang. 

Das  Gleiche  wird  der  Fall  sein  bei  den  in  B  G  D  auf  820 
folgenden  Versen.  Die  Stelle  lautet  (820)  Douz  Diex,  se  je  i 
ai  mespris,  [Vrais  diex^  a  vous  m'en  renc  coupables.  Merchi  vous 
pri,  rois  veritables.]  (821)  Or  en  fetes  vo  volente,  (822)  et  vez  me 
ci  tot  apreste.  Die  in  [  ]  stehenden  in  A  fehlenden  ^Worte  sind 
eigentlich  die  Hauptsache,  denn  mit  ihnen  bekennt 
der  sündige  Ritter  vor  Gott  seine  Schuld 
und  bittet  ihn  um  Gnade.  Mir  scheint,  man  kann 
sie  inhaltlich  gar  nicht  entbehren.  Bei  der  jetzigen  Lesung  ist 
ein  wirkUches  Sündenbekenntnis  des  Ritters  vor  Gott  gar  nicht  vor- 
handen, sondern  nur  zu  erschließen.  Der  Irrtum  in  A  mag 
darauf  zurückzuführen  sein,  daß  zwei  aufeinanderfolgende  Verse  — 
übrigens  sehr  wirksam,  um  die  Zerknirschtheit  des  Ritters  zu 
bezeichnen  —  mit  der  Anrede  an  Gott  dous  (bzw.  vrais)  diex 
beginnen.  Das  Auge  des  Abschreibers  übersprang  infolgedessen 
den  zw^eiten  dieser  beiden  Verse  und  geriet  auf  dessen  Reim- 
vers merchi  vous  pri .  .  .,  der  später,  weil  nun  reimlos,  getilgt 
wurde.  —  Ein  bourdon  kann  auch  vorliegen  zwischen  428  und 


Textkritisches  zum  Chevalier  au  barisei.  169 

429.  Der  Ritter  taucht  das  Fäßchen  nach  allen  Richtungen 
ins  Wasser,  ohne  daß  doch  ein  Tropfen  eindringt:  (428)  a  poi  que  il 
Ti'ist  fors  del  sens.  [D  ont  se  commenche  a  airer  Et  mort  et  plaies 
a  jurer  (429).]  D  ont  cuide  qu'il  l'ait  estoupe.  Das  Auge  des 
Kopisten  geriet,  nachdem  er  das  erste  dont  niedergeschrieben, 
sogleich  in  das  zweite  der  beiden  mit  dont  beginnenden 
Reimpaare.  Jedenfalls  passen  die  in  B  G  D  stehenden  Verse 
vortreffhch  in  den  Zusammenhang  und  machen  die  Schilderung 
viel  wirksamer :  daß  der  Ritter  bei  seinen  erfolglosen  Versuchen", 
das  Fäßchen  zu  füllen,  zornig  wird  und  fürchterlich  flucht,  ist 
doch  gewiß  zu  sagen  nicht  überflüssig. 

Auch  201  ff.  halte  ich  die  von  B  C  D  gebotene  Lesart  für 
besser.  Der  Eremit,  ein  schwacher,  sich  am  Stock  stützender 
Greis,  heißt  den  gottlosen,  vor  seiner  Kapelle  hoch  zu  Pferde 
haltenden  Ritter  willkommen:  (201)  Sire,  bien  soies  vous  venus ! 
(202)  on  doit  bien  (1.  mit  Meon  hui)  metre  toz  maus  jus  (203)  et 
repentir  et  confesser  (204)  et  doucement  a  Dieu  penser.  (205) 
Ritter:  S'i  penssez,  bien!  (so  würde  icli  interpungieren)  Qui 
vous  desfant?  (206)  Que  je  n'i  pensserai  neant.  A  fährt  fort 
(207)  Si  ferez  voir,  biaus  sire  chiers;  (208)  puis  que  vous  estes 
Chevaliers,  (209)  vouz  (1.  vous)  devez  avoir  gentil  euer.  —  B  G  D 
dagegen  haben  hinter  V.  206:  L'ermites  l'ot,  n'en  ot  point  d'ire, 
AI  out  humlement  (B  doucement)  li  prist  a  dire:  Car  descendes, 
biaus  sire  chiers,  (208)  puis  etc.^)  —  Der  Eremit  geht  zunächst 
ganz  zart  mit  dem  Ritter  um,  vor  dem  er  sich  fürchtet  —  V.  200 
heißt  es  bezeichnend  Au  signor  dist  a  ?nout  bas  ton  bei  Meon 
(wofür  freilich  Scli.-G.  ohne  varia  lectio  liest:  esraument  a  dit 
au  baron)  —  und  steigert  erst  seine  Eindringlichkeit,  nachdem 
er  den  Ritter  in  die  Kapelle  geführt  liat.  Es  paßt  somit  viel 
besser  in  den  Zusammenhang,  daß  der  Eremit  an  unsrer  Stelle, 
wo  das  Zwiegespräch  eben  begonnen  hat,  in  aller  Unterwürfig- 
keit und  ohne,  wie  später,  zornig  zu  werden,  den  Rittor  bittot, 
vom  Pferde  zu  steigen,  mit  der  Begründung,  da  er  ein  Rittor  sei, 
müsse  er  ein  gentil  euer  haben.  Wer  das  hat,  d.  h.  über  ein  feines 
Empfinden  verfügt,  wird  niclit  am  Karfreitag  vor  einer  Kapelle 
hoch  zu  Roß  halten  —  das  ist  ein  einwandfreier  Gedanke,  (knw 
B  G  D  Ausdruck  geben.  Aber  kaum  kann  man  es  (mit  A)  als 
Mangel  an  feinem  Emj)findon  bezeichnen,  wenn  man  am  Kar- 
freitag nicht  an  Gott  denkt;  dieser  Ausdruck  ist  schief  und  un- 
genügend. —  Ich  halte  es,  wenn  man  eine  Erklärung  für  das 
Fehlen  der  in  B  G  D  überlieferten  Verse  in  A  verlangt,  für  wohl 

*)  Der  bei  Sch.-O.  stehende  Text  ist  aus  A  uiui  BCI")  kombiniert. 
A  hat  204  statt  a  Dieu  penser,  was  durch  205  absohit  gesichert  ist 
a  Dien  orer,  das  der  Hrsg.  mit  Hecht  abloluit.  Ebenso  sicher  ist  209 
die  gleichfalls  von  Sch.-G.  mit  Recht  al)gelehnte  Lesart  von  A:  Vous 
devez  estre  sanz  orgueil  falsch,  weil  210  statt  des  von  A  gebotenen  je 
vous  recueil  offenbar  wieder  BCD  das  Riihtige  (si  i'ous  requier)  bieten. 


1  70  A  Ifred  Schulze. 

möglich,  daß  sie  absichtlich  von  einem  Kopisten  gestrichen 
wurden,  der,  selbst  geistlichen  Standes,  an  der  Unterwürfigkeit 
des  Eremiten  gegen  den  Ritter  Anstoß  nahm. 

Offenbar  ist  A  im  Unrecht  192  ff.,  wo  das  Auge  des  Kopiston 
von  car  il  ne  veut  por  riens  (Meon  liest  noiis !)  venir,  dem  ersten 
der  von  B  C  D  überlieferten  und  in  A  fehlenden  Verse,  abirrte 
auf  (193)  quar  il  ni  veut  venir  por  nous.  Hier  liegt  ein  ganz  un- 
zweifelhaftes bourdon  vor. 

Die  Verse  305/6  fehlen  allein  B,  und  wenigstens  insofern 
scheint  B  im  Rechte  zu  sein,  als  die  Verse  ursprünglich  a  n 
dieser  Stelle  nicht  gestanden  haben  können.  Der  Text, 
wie  er  jetzt  zu  lesen  ist,  lautet:  (304)  Or  vous  di  tanl  a  la  parclose: 
(305)  Je  vous  conjur  de  Dieu  meisme  (306)  Et  de  la  graut  vertu 
hautisme.  (307)  //  est  hui  jors  que  Dieu  souffri  (308)  la  mort  et 
en  la  croiz  peiidi;  (309)  je  vous  conjur  de  cele  mort  (310)  qui  l'anemi 
destruit  et  mort^  (311)  des  sainz,  des  saintes,  des  martirs,  (312)  que. . . 
Auf  die  Worte  or  vous  di  tant  a  la  parclose  muß  eine  M  i  1 1  e  i  1  u  n  g 
und  kann  nicht  eine  Beschwörung,  d.  h.  die  denkbar  stärkste 
Aufforderung  folgen.  Dem  genügt  B  mit  seinem  Text: 
or  vous  di  tant  a  la  parclose:  il  est  hui  jors  que  Diex  etc.  Nun  ist 
freilich  schwer  anzunehmen,  daß  die  von  A,  C  und  D  überlieferten 
Worte  (305/6),  die  auch  gut  in  den  Zusammenhang  passen,  nicht 
ursprünglich  sein  sollten.  Aber  es  liegt  auf  der  Hand,  daß  sie  i  m 
Zusammenhang  mit  den  übrigen  Beschwörungen 
(309 — 311)  ihre  Stelle  haben,  wo  sie  die  Wirkung  der  Anrede  des 
Eremiten  vermehren,  während  jetzt  durch  das  Dazwischen- 
treten von  305 — 306  diese  Wirkung  abgeschwächt  wird.  Die 
Verse  werden  hinter  308  einzuordnen  sein,  so  daß  zwei  aufeinander- 
folgende Reimpaare  mit  je  vous  conjur  anfingen.  Unter  dieser 
Voraussetzung  konnte  sehr  leicht  von  einem  Kopisten  durch 
bourdon  das  erste  ausgelassen  werden.  Nimmt  man  an,  daß  es 
korrigierend  am  Rande  wieder  hinzugefügt  wurde,  so  konnte 
über  die  Stelle,  wo  das  am  Rande  stehende  Verspaar  einzufügen 
sei,  Unklarheit  und  dadurch  die  jetzt  herrschende  Verwirrung 
entstehen.  Ebenso  leicht  konnten  die  am  Rande  stehenden 
Verse  bei  der  Abschrift  ganz  übersehen  werden. 

Führt  eine  genauere  Prüfung  der  ,, Lücken"  nicht  zu  der 
Meinung  des  Herausgebers,  daß  A  dem  Original  am  nächsten 
stehe,  so  wird  dieses  Resultat  durch  die  —  weiter  unten  zu  be- 
legende —  Tatsache  gestützt,  daß  die  von  B  C  D  gebotenen 
Lesarten  viel  häufiger  dem  bei  A  überlieferten  Text  vorzuziehen 
sind  als  umgekehrt.  Der  Herausgeber  hat  schon  selbst  in  nicht 
wenigen  Fällen  der  Lesart  von  B  C  D  vor  der  von  A  den  Vorzug 
gegeben.  Man  wird  darin  noch  viel  weiter  gehen  müssen.  Auch 
folgendes  spricht  gegen  A  und  für  die  anderen  Hss.:  V.  81/2 
stehen  im  Reim  zweisilbiges  jeuner  und  dreisilbiges  desjeuner, 
V.  85  dagegen  dreisilbiges  jeunes,  während  B  C  D  diesen  Wider- 


Textkritisches  zum  Chevalier  au  barisei.  171 

Spruch  nicht  aufweisen.  Der  Herausgeber  macht  in  der  Anm. 
zu  85  auf  die  Diskrepanz  aufmerksam,  begründet  aber  sein  Ver- 
fahren, V.  85  gleichwohl  bei  A  zu  bleiben,  nicht.  —  Die  Nominal- 
flexion ist  in  dem  Gedichte  grundsätzlich  gewahrt.  Gleichwohl 
heißt  es  666  ff.  von  dem  Ritter  in  dem  jetzigen  Text:  des  les 
orteus  jusques  es  aines  (667)  ne  n'ot  ne  tissu  ne  file;  (668)  mout 
est  noir  et  taint  et  halle.  Diesen  Verstoß  gegen  die  Grammatik 
meiden  B  C  D.  —  698  liest  unser  Text  Vermite  estoit  leenz  toz 
seus.  Daß  der  Dichter  die  regelrechte  Nominativform  anwandte, 
zeigt  der  Reim  313/4:  li  hermites  :  dites.  Nun  gibt  zwar  die  Var, 
lect.  zu  698  keine  Variante,  doch  Meon  liest  Vermites  i  estoit 
ious  seus.  B,  G  oder  D  haben  also  die  korrekte  Lesart.  —  Weitere 
Verstöße  gegen  die  Flexion  in  A  sind  zw-ar  nicht  beweisend, 
seien  aber  hier  angeführt:  709  quel  hesoing  vous  amena  qü?  Meon: 
Ques  hesoins.  —  755:  tu  es  pires  c'uns  sodomites  ne  chien  ne  leu 
ne  autre  beste.  Meon:  chiens  ne  leus.  —  665:  les  ners  li  perent. 
Meon:  li  nerj.  —  843:  Si  grant  dolor  (Meon:  si  grans  douleurs)  au 
euer  li  toche.  —  866  une  grant  (B  C  D  grans)  lerme  si  s'adrece.  — 
Endlich  die  Schlußformel:  Explicit  le  dit  du  barisei.  In  B  fehlt 
ein  Explicit,  C  und  D  lesen  richtig  explicit  du  Chevalier  au  barisei. 
Im  einzelnen  möchte  ich  noch  folgendes  bemerken: 
V.  22.  In  diesem  Vers  und  in  drei  weiteren  (103,  153,  892) 
begegnet  die  Wendung  ce  est  la  somme.  Das  Glossar  übersetzt 
somme  mit ,, Summe,  Schluß".  Vielmehr  ist  die  so  häufige  altfranz. 
Redensart  wiederzugeben  durch  ,,das  ist  ausgemacht".  Aus- 
gehend von  somme  ,, Inbegriff  einer  Saclie":  an  ne  puet  pas  dire 
la  some  De  buene  dame  et  de  prodome  (Yvain  785);  N'en  poroie 
dire  la  somme  De  sa  biaute  (Rieh.  170)  —  bedeutet  somme  das 
was  genau  der  Wahrheit  entspricht  und  hat  in  ce  est  la  somme 
im  wesentlichen  die  Kraft  nachdrücklichen  Hinweises  auf  die 
Tatsächlichkeit  des  Berichteten.  Vgl.  Barisei  1041:  Or  vous 
ai  dit  toute  la  somme  (die  ganze,  genaue  Walirlieit)  que  il  avint 
a  cel  haut  homme.  Vie  des  peres  29:  briernent  vous  en  dire  la  some. 
V.  32.  II  n'espargnoit  ne  clerc  ne  moine  (33)  renclus  n'ermite 
ne  chanoine.  Der  Herausgeber  sieht  renclus  als  zu  moine  gehöriges 
Adjektiv  an,  da  ein  Unterschied  zwischen  subst.  renclus  und  moine 
schwer  zu  erkennen  sei.  Hiergegen  spricht  niciit  nur  das  un- 
gewölmlich  starke  Enjambement  (das  durch  den  Hinweis  auf 
1015/6:  por  ce  qu'il  ne  sorent  comment  /  morut. . . .  m.  E.  niciit 
gerechtfertigt  wird,  da  die  syntaktische  Verbindung  32/3  viel 
enger  ist),  sondern  auch  die  Tatsache,  daß  die  Roklusen  wirklich 
,,eine  besondere  Art  von  Einsiedlern  waren,  welclie  sich  als  , Ge- 
fangene Christi'  in  einei-  Zelle  auf  Lebenszeit  einschlössen" 
(Streber  in  Wetzer  &  Weites  Kirolienlexikon).  Vgl.  auch  van 
Hamel  in  der  Einleitung  zu  seiner  Ausgabe  der  Gedichte  des 
Reclus  de  Moiliens  p.  GLXXXVI.  Dem  einen  von  Ebeling  in 
dieser  Ztschr.  XXV,  2,  S.  23  gegebenen  Belage  füge  ich  hinzu 


172  Alfred  Schulze. 

R  Car  VI  9  ff. :  O  dies  moines,  o  ches  hermites  Culdai  ke  tu  (sc.  Cari- 
tas) fusses  cnlrec,  Ou  o  ches  renclus  encartree  ki  dures  voies  onl  eslites. 

V.  89.  si  fera  il  certes  encore.  Der  Anfänger  müßte  auf  rjfn 
Unterschied  zwischen  si  fera  und  si  fera  il,  si  ferai  und  si  ferai 
je  etc.  aufmerksam  gemacht  werden,  den  ich  in  der  Zeitsclir. 
f.  rom.  Phil.  XX  404  dargelegt  habe.  Si  und  non  bedeuten  in 
Verbindung  mit  dem  verb.  vic.  faire  bei  ausgesetztem  pronf»- 
minalen  Subjekt  Zustimmung,  bei  nicht  ausgesetztem  pronom. 
Subjekt  Widerspruch  zu  einer  vorangehenden  Äußerung:  Si 
faz  je  (,das  tu  ich  auch*),  aber  si  faz  (,ich  tu  es  doch');  non 
faz  je  (,das  t  u  ich  auch  nicht'),  non  faz  (,ich  tu  es  d  o  c  h  nicht'). 
Den  a.  a,  0.  gegebenen  Belogen  füge  ich  hinzu:  Gardez,  ne  l'ohliez 
vos  mie!  —  Non  ferons  nos,  voir,  doiice  amie !  (das  werden  wir 
auch  nicht  tun)  Karre  712.  —  La  dameisele...  li  prie  Que  por 
li  lest  qu'il  ne  l'ocie,  Ei  il  dit,  si  fera  voir  (er  werde  es  wahrlich 
doch  tun)  ib.  903.  —  Qu'ele  cuida  qu'il  fast  pasmez.  Si  iert  il 
(und  er  war  es  auch),  autant  se  valoit  ib.  1445. 

V.  107—110.  Meons  Text  hat  die  Reihenfolge  109.  110. 
107.  108,  die  deshalb  recht  bemerkenswert  scheint,  weil  111  sich 
besser  an  108  als  an  110  anschließt.  Die  Varianten  geben  leider 
nicht  an,  in  welchen  Handschriften  diese  Versfolge  überliefert  ist. 

V.  159 — 160.  ses  piez  regarde  mout  sovent  si  se  rafiche  fiere- 
ment.  Meon  liest  ses  piez  regarde  fierement  si  se  rafiche  si  s'estent 
viel  bezeichnender  für  den  trotzigen  Ritter,  der,  im  Sattel  sitzend, 
wild  zu  Boden  blickt,  sich  dann  wieder  festsetzt  und  ausreckt. 
Eine  vortreffhche  Schilderung,  leider  gibt  die  var.  lect.  auch  hier 
keine  Auskunft,  in  welchen  Hss.  Meons  Text  steht. 

V.  185.  Die  Begleiter  des  Ritters  haben  dem  Eremiten  ihre 
Sünden  gebeichtet:  et  Vermites,  si  come  il  seut,  les  a  rassaus  mout 
doucement.  Für  rassaudre  gibt  das  Glossar  die  Bedeutung: 
,, absolvieren".  Damit  bleibt  das  Präfix  re  aber  unübersetzt, 
das  hier,  wie  so  oft,  (z.  B.  auch  V.  1018  in  reconforte)  ,, andrer- 
seits, hinwieder"  bedeutet.     Vgl.   Suchier  zu  Aue.  Nie.  16,  31. 

V.  202.  Meon  liest  statt  On  doit  bien  metre  toz  maus  jus 
zweifellos  besser  On  doit  hui  m.  t.  m.  /.,  denn  es  kommt  alles 
darauf  an,  daß  die  Worte  am  Karfreitag  gesprochen  werden. 

V.  252.  Der  Eremit  will  den  Ritter  ohne  Beichte  nicht 
ziehen  lassen:  (246)  „Por  tant  me  porriez  decoler  (247)  que  vous 
ja  mes  m'eschapissiez  (248)  por  rien  que  fere  peussiez,  (249)  si 
m'avrez  dite  vostre  i>ie."  (250)  Cil  qui  fei  ert  et  plains  d'envie  (251) 
li  respont:  ,,Certes,  non  ferai,  (252)  et  por  tant,  voir,  vous  tuerai, 
(253)  quar  ja  de  moi  n'orrez  neent.  Die  Anm.  zu  252  erklärt: 
por  tant  ,um  so  viel',  nämlich,  daß  Ihr  mir  derartig  zusetzet, 
so  dreist  in  mich  dringt.  Ich  kann  mich  dieser  Auffassung  nicht 
anschließen.  Wenn  der  Dichter  das  wirklich  hätte  sagen  wollen, 
so  hätte  er  sich  mit  einem  so  inhaltlosen  Hinweis  wie  por  tant 
kaum  begnügen  dürfen.     Mir  scheint  auf  der  Hand  zu  liegen, 


Textkritisches  zum  Chevalier  au  barisei.]  173 

daß  por  tant  in  den  Worten  des  Ritters  ganz  parallel  dem  por 
tant  ist  in  den  Worten  des  Eremiten  (V.  246),  also  wie  dieses 
aufzufassen  ist  und  durch  dieses  seinen  Inhalt  erhält.  V.  246 
sagt  der  Eremit:  „Für  soviel,  daß  Ihr  mir  je  entwischtet,  könntet 
Ihr  mich  köpfen."  Das  Bild  ist  dem  Kauf  entnommen:  dem 
Ritter  wird  vorgeschlagen,  zu  zahlen  für  {por)  eine  Leistung  des 
Eremiten.  Letztere  besteht  darin,  daß  er  den  Ritter  entwischen 
ließe  und  für  diese  —  angenommene  —  Leistung  schlägt  der 
Eremit  dem  Ritter  als  —  angenommenen  —  Preis  vor,  ihn  (den 
Eremiten)  zu  köpfen:  ,,ich  würde  Euch  freigeben,  wenn  Ihr  micli 
köpftet,"  d.  h.,  nur  um  den  Preis  meines  Lebens  —  also  unter 
keiner  Bedingung  —  lasse  ich  Euch  frei.  Und  auf  diesen  Vor- 
schlag geht  der  Ritter  mit  por  tant  voir  vous  tuerai  ein:  ,,für 
soviel  (daß  Ihr  mich  freigebt)  w^erde  ich  Euch  wirklich 
töten,"  denn  die  andere  Möglichkeit  (zu  beichten)  lehne  ich  ab.  — 
Mit  V.  248  fällt  der  Eremit  gewissermaßen  aus  dem  Bilde  und 
fährt  fort,  als  hätte  er  in  ganz  schlichten  Worten  gesagt  —  was  er 
dem  Sinne  nach  ja  tatsächlich  gesagt  hat:  Vos  ne  m'eschaperez. 

V.  266.  Ja  certes  ne  rnentremetrai.  Meon  liest  7a,  fait  il, 
ne  m'en  meslerai.  Ebeling  hatte  mit  Recht  bemerkt,  daß  soi 
entremetre  d'a.  r.  eines  en  nicht  wohl  entbehren  könne  und  deshalb  die 
erste  Silbe  von  entremetrai  als  aTiö  v.o'.vo\^  gebraucht  angesehen.  Die 
Anm.  weist  darauf  hin,  daß  auch  bei  soi  aperqoivre  nicht  selten  ein 
für  unser  Gefühl  unentbehrliches  en  fehle.  Von  diesem  Gebrauch  hat 
G.  Cohn in  dieser  Zeitschrift  Bd.  27, 1,  S.  13 7 zu  Cliges  4882  gehandelt. 

V.  286.  Li  preudoni  ot  paor  mout  fiere,  (287)  ne  garde  l'eure 
eil  le  fiere.  Das  so  oft  begegnende  seltsame  ne  garder  l'eure  wird 
in  der  Anmerkung  so  erklärt,  daß  ,, nicht  auf  die  Stunde  (d.  h. 
einen  bestimmten  Zeitraum)  achten"  gleichbedeutend  sei  mit 
,,wfarten,  daß  etwas  geschehe",  also  „jeden  Augenblick  darauf 
gefaßt  sein  müssen".  Ich  gestehe,  daß  mir  die  sonderbare  Wen- 
dung durch  diese  Erklärung  nicht  durchsiclitig  wird.  Wer  wartet, 
daß  etwas  geschehe,  achtet  doch  in  der  Regel  gespannt  auf  den 
Moment  des  Eintreffens  des  Ereignisses,  so  auch  speziell  in 
unserm  Beispiel.  Auch  was  Ebeling  vorschlägt,  befriedigt  nicht: 
,,er  achtet  nicht  auf  die  Stunde,  daß  der  Ritter  ihn  schlage" 
meine  ,,er  braucht  sich  vor  der  Stunde,  da  der  Ritter  ihn  schlagi', 
nicht  erst  zu  hütcm,  sie  sei  schon  da".  Das  wäre  glticiibedcutend 
mit  ,,der  Ritter  schlägt  ihn",  nicht  aber  mit  dem,  was  gesagt 
werden  soll:  ,,er  muß  darauf  gefaßt  sein,  daß  der  Ritter  ihn 
schlägt."  In  seiner  trefflichen  Arbeit  über  den  Konjunktiv  bei 
Chrestien  hat  Fiitz  Bischoff  S.  87  f.  vor  langen  Jahren  auf  andere 
Weise  versucht,  dem  Sinne  der  \\'en(luiig  näher  zu  kommen, 
nachdem  er  die  von  Perle  in  Gröbers  Zeitschrift  II  S.  9  gegebene 
Erklärung  als  unzureichend  abgelehnt  hatte.  Er  gibt  garder 
die  Bedeutung  ,, bewachen".  Was  man  bewache,  dafür  übernehme 
man  die  \'erantw()rtung:  so  drücke  ne  garder  l'eure  ilas  Ablehnen 


174  Alfred  Schulze. 

der  Verantwortung  für  einen  bestimmten  Zeitpunkt  des  Ein- 
tretens einer  Handlung  und  damit  die  Erwartung  des  Eintretens 
in  jedem  Augenblick  aus.  Mir  scheint  diese  Erklärung  noch 
immer  die  annehmbarste. 

V.  301.  Hinter  anuit  muß  m.  E.  Punkt  oder  wenigstens 
Semikolon  stehen. 

V.  312.  Als  der  Ritter  sich  standhaft  weigert  zu  beichten, 
beschwört  ihn  der  Eremit:  Je  cous  conjur  de  cele  mort  qui  Vanemi 
destruit  et  mort .  .  .  qiie  voz  ciiers  ne  soit  plus  entirs,  Ainz  vous 
commant .  .  .  Que  vous  tos  voz  pechies  me  dites.  Die  Anm.  erklärt: 
„das  Herz  soll  nicht  länger  ganz  sein,  d.  h.  es  soll  sich  öffnen." 
Mir  scheint  ein  ,, geöffnetes"  Herz  kein  Gegensatz  zu  einem 
,, ganzen";  der  Gegensatz  zu  ,, geöffnet"  ist  ,, verschlossen",  und 
der  zu  ,,ganz"  —  ,, geteilt,  beschädigt,  unvollständig"  u.  a., 
aber  nicht  ,, geöffnet".  Ebeling  erinnert  daran,  daß  entier  noch 
heute  ,, halsstarrig,  eigensinnig"  bedeute  und  will  diese  Bedeutung 
auch  hier  erkennen.  JuHan  580  Doucement  et  de  euer  entir  s'en- 
trehaisent  übersetzt  er  ,, aufrichtigen  Herzens",  wieder  anders 
(aber  wie?)  sei  euer  entir  zu  verstehen  eb.  944:  Or  fu  ses  cners 
fers  et  entiers  Por  la  penitance  qu'il  a.  —  Wir  haben  uns  zunächst 
zu  fragen,  welches  die  Grundbedeutung  von  entier  ist  und  2., 
welches  seine  spezielle  Bedeutung  in  Verbindung  mit  euer  ist. 
Die  Antwort  auf  die  erste  Frage  muß  ohne  Zweifel  lauten  ,, un- 
versehrt": Li  escu  ne  sont  pas  entir,  N'i  a  celui  ne  soit  troes  Durm. 
4458.  —  Et  taute  targe  qui  fu  bone  et  entiere  Ans.  5829.  Den 
Übergang  von  dieser  eigentlichen  Bedeutung  zu  der  übertragenen, 
die  in  Verbindung  mit  euer  vorliegt,  zeigt  vortrefflich  ein  bei 
Littre  aus  Perceforest  angefülirtes  Beispiel:  La  vertu  et  proesse 
des  quatre  Chevaliers  estoit  joieuse  a  regarder;  car  sans  heaulmes 
et  sans  escuz  estoient  en  estant,  le  roy  Perceforest,  le  roy  Lyonnel, 
le  roy  Gadiffer  et  le  chev alier  dore  son  frere,  qui  navoient 
d'e  iit  i  er  s  q  u  e  les  cuers.  Nur  das  Herz  der  Helden  war  un- 
versehrt, ihre  Rüstung  überall  beschädigt.  Das  unversehrte 
Herz  der  Helden  bedeutet  natürlich  ihren  ungebrochenen  Mut, 
das  Herz  ist  also  unversehrt  durch  feige  Gedanken.  Wie  von 
Mut  kann  ein  Herz  von  Liebe  erfüllt  sein;  euer  entir  bedeutet 
auch  dann  ,, unversehrtes  Herz",  nur  daß  das,  was  das  Herz 
versehren  könnte,  ein  andres,  nämUch  Untreue,  ist,  so  daß  sich 
der  Sinn  ,,treu,  unwandelbar"  für  entir  ergibt;  z.  B.  Contre  le 
douc  tans  de  mai  Se  doit  chascuns  esjo'ir;  Mais  jou  qui  euer  ai 
entir  En  piain  yver  chanterai  Maetzn.  Altfrz.  Lieder  XXV  3; 
deshalb  findet  sich  entir  in  diesem  Sinne  gern  mit  loial  gepaart: 
mes  fins  cuers  loiaus  et  entiers  sera  Stimming,  Altfrz.  Mot.  Mü. 
14,  10.  —  Ains  ere  ades  corageus  et  hardis  De  li  amer  de  loial  euer 
entier  Maetzn.,  Altfrz.  Lied.  XIX  14.  —  Und  so  bedeutet  die 
Unversehrtheit  des  Herzens  je  nach  der  Regung,  die  das  Herz 
erfüllt,   etwas   andres:    Julian   580   (s.   oben)   unversehrt   durch 


Texihritisches  zum  Chevalier  au  barisei.  175 

Falschheit,  aufrichtig;  eb.  944  unversehrt  durch  Schwanken, 
Unschlüssigkeit,  d.  h.  entschlossen.  Ferner:  Ju  Nie  1443  en  lui 
(nämlich  Sankt  Nikolas)  est  mes  cuers  si  entirs  gue  jamais  ne 
querrai  autrui  —  unversehrt  durch  Zweifel,  d.  h.  gläubig,  glaubens- 
voll. So  endlich  an  unsrer  Stelle:  unversehrt  durch  Reue,  d.  h. 
trotzig.  Es  ist  im  Deutschen  je  nach  dem  Zusammenhang  eine 
besondere  Übersetzung  zu  wählen,  aber  festzuhalten  ist,  daß 
die  zugrunde  liegende  Bedeutung  überall  ist:  „unversehrt  durch 
fremde,  entgegengesetzte  Gefühle,  unwandelbar."  Anstelle  von 
euer  kann  natürlich  auch  ein  andrer  Ausdruck  treten:  je  ne  suis 
si  entier  en  mes  o  p  inions  gue  je  reconnaisse  facilement  ma 
faute  (bei  Littre  s.  v.  entier,  Historique  zitiert),  oder  entier  kann 
auch  ohne  Zutritt  eines  Substantivums  den  bezeichneten  Sinn 
haben:  Tant  com  je  vos  sarai  entir  Et  vers  moi  fin  amant  et  urai 
De  tot  mon  euer  vos  amerai  Durm.  680.  Weitere  Belege  bei 
Godefroy.  Vgl.  auch  unsre  deutschen  Wendungen:  ,,von  gan- 
zem Herzen  lieben,  sich  freuen,  trauern,  hassen"  usw. 

V.  320  hinter  Comment  setze  Fragezeichen.  Es  handelt  sich 
um  zwei  Fragesätze:  1.  die  Bestimmungsfrage:  Comment? 
2.  die  Bestätigungsfrage:  estes  vous  teus  gue. . .  ? 

V.  323  ist  le  (mit  BD)  in  les  geändert,  während  die  Anm.  nach 
wie  vor  von  le  spricht.  —  In  demselben  Verse  haben  BCD 
statt  maugre  moi  die  charakteristische  Wendung  maugre  mon  nes 
(vgl.  Toblers  Glossar  zu  seinen  Mitteilungen),  die  als  lectio  diffi- 
cilior  sich   empfiehlt. 

V.  341.  Lies  in  der  Var.  lect.  statt  346  —  341. 
V.  363 — 366  wird  man  besser  als  zusammenhängende  Rede 
des  Ritters  auffassen,  statt  wie  jetzt  als  Zwiegespräch  zwischen 
ihm  und  dem  Eremiten.  Der  Eremit  schlägt  dem  Ritter  vor, 
zur  Strafe  für  seine  Sünden  einige  Zeit  zu  fasten  und  zwar  Freitags 
ungefähr  7  Jalu-e  lang.  Und  nun  erwich'rt  der  Ritter  (363)  „F// 
anz,  fet  il?  Non  ferai."  (1.  VII  anz?  fet  iL  Non  ferai.)  —  Eremit: 
,,Trois'\  (364)  Ritter:  ,,Non,  voir."  Eremit:  Les  vendredis  d'un 
mois."  (365)  Ritter:  Tesiez  vous  en,  riens  n'en  feroie,  (366)  C'est  ce 
gue  fere  ne  poroie."  Ich  möchte  statt  dessen  so  interpungieren: 
VII  anz?  fet  il.  Non  ferai  trois,  Non  voir  les  vendredis  d'un  mois; 
Tesies  vous  en,  riens  n'en  feroie,  c'est  ce  gue  fere  ne  poroie. 
V.  400  1.  s'i  statt  si. 

V.  405  hinter  moi  ist  Komma  verdruckt  für  Punkt. 
V.  406.  Or  avez  penitance  a  moi.  Der  Hrsg.  übersetzt  jetzt 
a  moi  im  Glossar  ,in  reichlicher  Weise',  wie  Ebeling  statt  der 
Übersetzung  der  ersten  Auflage  ,nach  Maß*  verlangt  hatte, 
und  begründet  seine  Ansicht  ausführhch  in  einem  besonderen 
Artikel  ,afz.  a  moi  reichlich'  in  Gröbers  Zeitschrift  XXXV, 
733 — 736.  Ebeling  hatte  zwar  für  a  moi  (bzw.  mui)  die  Bedeutung 
,reichlich'  in  Anspruch  genommen,  sie  aber  einerseits  nicht  diircii 
Beispiele  erhärtet  und   zweitens   a  moi   (mui)  in   diesem    Sinne 


176  Alfred  Schulze. 

für  die  vorliegende  Stelle  für  unzulässig  erklärt. 
Sch.-G.  gibt  zunächst  noch  mehrere  Belege  und  erklärt  ferner 
die  Bedeutung  ,reichlich'  insofern  für  möglich  auch  an  der  vor- 
liegenden Stelle,  als  die  Worte  ironisch  gemeint  seien.  Auch 
den  Einwand  Ebelings,  daß  modium  in  der  Sprache  des  Ge- 
dichtes miii,  nicht  moi  geben  müßte,  sucht  Sch.-G.  als  nicht 
stichhaltig  zu  erweisen.  —  Ich  möchte  die  Frage  nach  dem  Etymon 
von  moi  von  der  nach  der  Bedeutung  des  Wortes  vollkommen 
trennen.  Daß  a  moi  aber  wirklich  ,reichlich'  heiße,  scheint  mir 
durch  die  von  Sch.-G.  gegebenen  Belege  nicht  erwiesen.  Wenn 
es  Fl.  u.  Bl.  heißt:  Claris  les  garde  en  hone  foi  Et  si  les  sert  moiit 
hien  a  moi,  so  liegt  der  Begriff  des  Reichlichen  doch  offenbar 
in  mout  hien:  sehr  gut  abgemessen,  abgewogen  ist  eben  reichlich 
gemessen.  Desgleichen  in  je  li  donrai  loier  si  grant  et  si  a  moi 
gu'a.  c.  douhles  li  est  son  hien  guerredones:  Hier  kommt  der  Be- 
griff ,, reichlich"  durch  den  Satz  mit  que  zustande.  Wenn  der 
Lohn  so  ,, abgemessen"  (si  a  moi)  ist,  daß  der  in  dem  qiieSsitze 
ausgedrückte  Erfolg  eintritt,  so  ist  er  eben  sehr  reichlich.  Dieser 
Sinn  ergibt  sich,  ohne  daß  a  moi  etwas  andres  als  ,,nach  Maß" 
zu  bedeuten  braucht.  Und  zweifellos  ist  doch  dies  der  Sinn 
der  Wendung  z.  B.  im  Ju  Nie  659:  Puis  qu'il  est  taillies  a  no  moy 
(im  Reim  auf  das  Pronomen  moy)  und  ebenda  1072:  Ceste  est 
hien  au  moy  de  le  tieue.  Es  liegt  aber  auf  der  Hand,  daß  der 
Begriff  ,, abgemessen",  wenn  er  prägnant  gebraucht  wird,  eben- 
sowohl zu  der  Bedeutung  ,, reichlich",  wie  zu  der  gegenteiligen 
,, kärglich"  (vgl.  unser  ,, mäßig")  führen  kann,  je  nachdem  man 
unter  ihm  versteht  entweder  1.  es  fehlt  durchaus  nichts  an 
dem  rechten  Maße  oder  2.  es  ist  durchaus  kein  Überschuß 
über  das  rechte  Maß  vorhanden.  So  daß  denn  in  dem  von  Sch.-G. 
aus  Godefroy  zitierten  Kanque  en  lui  remire  tout  li  est  hon  a  moi 
ohne  Schwierigkeit  der  Sinn  sich  ergibt  ,,in  vollem  Maße,  an  dem 
nichts  fehlt",  also  ,, vollkommen".  Für  unsere  Stelle  aber  kommt 
man  m.  E.  mit  der  ursprünglichen  Bedeutung,  die  Sch.-G.  für 
die  erste  Ausgabe  angenommen  hatte,  sehr  gut  aus:  penitance 
a  moi  ist  ,Buße  nach  Maß'.  Das  Maß  für  die  Buße  können  offenbar 
nur  die  Sünden  abgeben:  je  größer  sie  sind,  um  so  größer  die 
Buße;  je  geringer  das  Vergehen,  um  so  kleiner  die  Buße.  ,Buße 
nach  Maß'  ist  also  eine  den  Sünden  entsprechend  große  Buße. 
Die  Stelle  wird  nun  völlig  klar,  wenn  man  die  Worte  ore  aves 
penitance  a  moi  allerdings  als  ironisch,  aber  als  ironische  Frage 
auffaßt:  ,,Habt  Ihr  nun  eine  Euren  Sünden  entsprechende 
Buße  ?"  (oder  findet  Ihr  die  etwa  auch  noch  zu  groß  wie  alle 
übrigen,  die  ich  Euch  vorgeschlagen  habe  ?) 

V.  412  steht  bei  Meon  v  o  r  411,  eine  m.  E.  recht  bemerkens- 
werte Variante. 

V.  414  et  eil  ausi  com  lui  ne  chaille  prist  le  haril  mout  vistement. 
Ebeling  weist  in  dieser  Zeitschrift  XXV,  2,  38  auf  die  Verschieden- 


Textkritisches  zum  Chevalier  au  barisei.  177 

heit  der  Tempora  in  prist  und  chaille  hin.  Da  prist  und  prent 
in  historischer  Darstellung  beständig  wechseln,  so  könne  auch 
bei  prist  das  stehen,  was  streng  genommen  nur  bei  prent  stehen 
sollte,  wie  denn  auch  umgekehrt  nach  ausi  com  das  Imperf.  Conj. 
bei  präsentischem  Hauptsatz  begegne:  ausi  con  ce  fussent  pailles 
Fet  del  hauberc  voler  les  mailles.  Tatsächlich  ist  aber,  \Ae  die 
Anm.  mit  Recht  hervorhebt,  im  Vergleichssatz  der  Konj.  Imperf. 
die  Regel:  Et  chiet  pasmez  con  s'il  just  morz  (Erec  4605),  nicht 
con  s'il  soit  morz.  Vgl.  Bischoff,  Konjunktiv  bei  Chrestien  S.  118, 
der  konstatiert,  daß  nur  in  einem  Falle  der  Konj.  Praesentis  bei 
Chrestien  steht:  Et  la  dameisele  autresi  Va  regardant  anviron  li 
c'on  s'ele  ne  sache  qu'il  a  (Yvain  3053).  Eine  Handschr.  (G)  Uest 
auch  hier  seust.  Auch  Klapperich  (Historische  Entwicklung  der 
syntakt.  Verhältnisse  der  Bedingungssätze  im  Altfranz.  S.  25) 
stellt  fest,  daß  auch  bei  präsentischem  Hauptsatz  imVergleichsatz 
in  der  Regel  der  Konjunktiv  Imperf.  oder  Plusquamperf.  steht. 
So  daß  denn  zu  erwarten  wäre:  ausi  com  lui  ne  chausist  —  oder 
auch  indikativisch  (Bischoff  a.  a.  0.  S.  118,  Klapperich  a.  a.  0. 
S.  26  f.)  chaloit.  Man  kann  nicht  umhin  daran  zu  denken,  daß 
chaille,  wie  Tobler,  Ztschr.  f.  rom.  Phil.  XVIII  298  und  BerHner 
Sitzungsberichte  1902  S.  99  f.  zeigt,  in  der  Wendung  ne  me  {te  etc.) 
chaille  gleichsam  erstarrt  ist  und  oft  für  chaut  eintritt.  So  könnte 
es  auch  hier  stellvertretend  für  chaloit  oder  chausist  stehen. 

V.  421  liest  Meon  statt  Li  besser  si. 

V.  446  mort  durement  s'afiche  et  jure.  Das  Glossar  übersetzt 
soi  afichier  ,,sich  fest  (trotzig)  hinstellen".  Das  rofl.  Verbum 
ist  zv.'ar  in  der  Bedeutung  ,,sich  fest  (zumeist  im  Steigbügel) 
aufstellen"  oft  nachzuweisen.  Gleichwohl  bin  ich  der  Ansicht, 
daß  Ebeling  im  Recht  ist,  der  es  an  unsrer  Stolle  mit  ,, beteuern, 
versichern"  wiedergibt.  Außer  der  von  ihm  angeführten  Stelle 
aus  RViol.  vergl.  Durm.  1789:  Lors  dist  et  si  s'ajicha  bien  Qu'ains 
mais  ne  vit  si  laide  rien.  —  Anseis  C  7113  Vint  mite  sont  et  cascuns 
s'afica  ke  pour  paiiens  ichel  jor  ne  fuira.  Zudem  begegnet  grade 
die  Verbindung  von  afichier  mit  furer  wiederholt,  wofür  schon 
Ebeling  zwei  Belege  bringt.  Vgl.  auch  Che  jure  bien,  mais  anchois 
k'il  l'ataigne  Chou  k'il  afice,  ara  male  gaaigne.  (Leider  habe  ich  den 
Fundort  dieses  Beispiels,  in  welchem  jiirer  völlig  synonym  mit 
aficier  gesetzt  ist,  nicht  notiert.)  Auch  der  Zusammenliang  spricht 
für  Ebelings  Auffassung:  der  Rittor,  der  von  seinem  kläglichen 
Mißerfolg  berichtet,  hat  keinen  Grund,  sich  trotzig  hinzu- 
stellen. 

Hinter  V.  454  muß   Koniina  slchcu. 

V.  456  Adonc  apela  Ic  rendu  ist  auffällig,  weil  der  Ritter 
schon  seit  447  mit  dem  Mönch  spricht.  Diesen  Widerspruch 
vermeiden  B  C  D,  in  denen  der  Ritter  die  Worte  447  ff.  zu  dem 
Eremiten  und  seinenLoutcn  spricht,  so  daß  456  gerecht- 
fertigt ist;  denn  457  ff.  gelten  nur  dem  Eremiten. 


178  Alfred  Schulze. 

V.  466.  s'erenl  mi  covent  atendu.  Auch  lüer  vordienen  B  C  I) 
(s'arai  cest  couvenl  atendu)  den  Vorzug,  da  nur  v(jn  einem 
Gelübde,  dem  das  Fäßchen  zu  füllen,  die  Kode  sein  kann,  mi 
in  A  ist  unschwer  dadurch  zu  erklären,  daß  das  Auge  des  Schreibers 
auf  den  vorhergehenden  Vers  abirrte  (mi  ongle). 

V.  482  ist  fous  verdruckt  für  vous. 

V.  490  hat  MeonsText  für  bien  die  bonierkensworte  Variante  Z>ia. 

V.  495  scheint  wieder  B  C  L)  viel  besser  als  A,  der  liest: 
Se  vous  de  moi  öez  parole  Ne  leur  en  dites  nule  escole.  Dagegen 
B  C  D :  Senusde  moi  vous  aparole.  Die  Weisung  ne  leur  (oder  besser 
mit  D  li)  en  dites  n.  e.  paßt  doch  nur  zu  dem  Vordersatz:  ,,\Venn 
man  euch  nach  mir  fragt",  nicht  zu  ,,wenn  ihr  von  mir  hört". 

V.  500.  quar  je  sui  eil  qui  ja  mes  n'iere  (501)  jor  sanz  travail 
ne  sanz  escil.  Es  ist  lehrreich,  auf  die  Verscliiedenlieit  der  Be- 
deutung hinzuweisen,  die  an  dieser  Stelle  und  dagegen  735: 
je  sui  eil  que  vous  confessastes  die  Identitätserklärung  durch 
estre  mit  dem  Demonstrativpronomen  hat.  Vgl.  m.  Fragesatz 
§  115  und  Maetzners  Anm.  zu  Altfranz.  XV,  1. 

V.  524  hat  Meon  statt  mes  die  bessere  Lesart  mains. 

V.  537  hat  Sch.-G.,  Ebeling  folgend,  die  Lesart  von  A 
(par  ire  met  tout  en  la  mine)  wieder  eingeführt,  während  die 
erste  Ausgabe  an  Stelle  ihrer  C  folgte  und  las  par  grant  äir  tous 
enlumine,  das  übrigens  auch  bei  Meon  (also  wohl  in  D)  steht, 
der  doch  G  nicht  kannte.  Mir  scheint  der  Zusammenhang  die 
Wiederherstellung  des  Textes  der  ersten  Ausgabe  gebieterisch 
zu  fordern.  Ich  sehe  nicht,  was  es  bedeuten  soll:  ,,Aus  Zorn 
setzt  er  alles  aufs  Spiel,  aber  (so!)  als  er  sieht,  daß  ihn  der  Hunger 
packt,  muß  er  sein  Kleid  verkaufen."  Der  Ritter  hat  ja  nichts 
aufs  Spiel  zu  setzen,  als  daß  er  sogar  sein  Kleid  verkauft. 
Folglich  kann  eben  dieses  Verkaufen  des  Kleides  nicht  mit  mes  dem 
metre  tout  en  la  mine  gegenübergestellt  werden.  Dagegen  ist 
tadellos:  „Aus  großem  Zorn  ist  der  Ritter  ganz  glühend,  aber 
(es  hilft  ihm  nichts),    als  er  sieht  usw." 

V.  556  sind  ganz  augenscheinlich  B  C  D  wieder  besser  als  A, 
der  mit  seinem  mout  avoit  povre  vesteure  nur  wiederholt,  was 
wir  längst  wissen,  während  der  Text  von  B  C  D  (sa  cauchemente 
petit  dure)  die  Erzählung  nicht  nur  um  ein  neues  Moment  be- 
reichert, sondern  auch  durch  den  folgenden  Vers  (tost  fu  escillie  et 
alee)  bestätigt  wird.  Cauchemente,  das  bei  Godefroy  fehlt,  steht 
z.  B.  Rencl.  Mis.  XXVIII  10,  eb.  CXXVII  9  Court  d'Arr.  470. 

V.  570  or  ne  puet  il  trover  ostel.  Die  Var.  lect.  bemerkt 
or  t.  il  A.     Wie  liest  also  A? 

V.  580.  En  lui  n' avoit  ne  geus  ne  chans,  (581)  mes  tont 
grant  ire  et  grant  anui.  Et  tant  vous  puis  dire...  Wenn  die  Anm. 
erklärt,  mit  tant  sei  ,,so  großer"  Zorn  gemeint,  wie  50  Verse 
früher  geschildert  worden  sei,  so  dürfte  es  doch  beispiellos  sein, 
daß  tant  so  weit  reichende  demonstrative  Kraft  aufwiese.     Mir 


Tedthritisches  zum  Chevalier  an  barisei.  179 

ist  wahrscheinlicher,  daß  tant  581  nur  Fehler  des  Kopisten  ist. 
dessen  Auge  auf  582  abirrte.^)  Ich  möchte  gegen  alle  Hss.  lesen: 
mes  que  grant  ire  et  g.  a.  (Tobler,  V.  B.  III^  92).  Übrigens 
liest  Meon  (also  wohl  D  ?)  statt  geus  —  ris,  was  gut  in  den 
Zusammenhang  paßt.  Geu  ist  nicht,  wie  das  Glossar  lehrt,  mit 
,,  Spiel",  sondern  mit  ,,  Scherz"   wiederzugeben. 

V.  594  or  sont  passe  tuit  si  dangier.  Dangier  erklärt  der  Hrsg. 
im  Glossar  jetzt  im  Anschluß  an  Ebeling  durch  ,, herrisches, 
willkürliches  Verhalten".  In  der  Einleitung  wird  S.  80  sehr 
treffend  auf  die  Ähnlichkeit  der  vorliegenden  Stelle  mit  SJul. 
4106  (Or  sont  passe  tot  lor  dangier.,  Del  pain  menguent  quant  il 
ont...)  hingewiesen,  aber  bemerkt,  dangier  erscheine  im  Julian 
in  etwas  anderem  Sinne  gebraucht.  Tobler  hatte  dort  die  Über- 
setzung ,, launischer  Übermut,  wählerische  Willkür  in  bezug 
auf  die  Nahrung"  gegeben.  Mir  scheint  diese  Übersetzung  auch 
an  unserer  Stelle  passend;  auch  hier  handelt  es  sich  doch  um 
das  Essen :  or  l'estovra  par  force  aprendre  a  truander,  s'il  veiit  mengier 
heißt  es  unmittelbar  vor  594,  und  wieviel  Gewicht  der  Ritter  auf 
das  Essen  legt,  ist  an  verschiedenen  Stellen  des  Gedichtes  hervor- 
gehoben (47,  65  ff.,  83,  366).  Vgl.  auch  Rieh.  182:  O  lui  l'a  fait 
tous  ioiirs  mangier.  Cele  i  mangue  sans  dangier.  Aise  im  folgen- 
den Verse  (595)  qiiar  ja  mes  aise  n'avera  ist  das  reichliche  Maß 
im  Essen  und  Trinken;  vgl.  bei  Littrö:  c'est  un  mol  Chevalier 
qui  ne  veuf  autre  chose  que  ses  aises  de  boire  et  de  mangier. 

V.  618  in  der  Var.  lect.  verdruckt  für  617. 

V.  629  1.  s'i  statt  si. 

V.  630.  [et  s'i  a  mis  toute  sa  force  (viz.  das  Fäßchen  zu  füllen)] 
Et  plus  et  plus  ades  s'esforce.  So  A.  B  C  D  verdienen  auch  hier 
mit  et  tous  iors  (D  ades)  croist  s'ire  et  esforche  m.  E.  den  Vorzug. 
In  A  ist  630  nach  629  wenig  angebracht:  hat  der  Ritter  schon 
seine  ganze  Kraft  aufgewendet,  so  ist  es  ein  Widersprucli 
fortzufahren:  ,,Und  mehr  und  immer  mehr  strengt  er  sicli  an". 
Aber  vortrefflich  ist  die  in  B  C  D  stehende  Bemerkung,  daß 
sein  Zorn  —  infolge  der  vergeblichen  Bemühungen  —  täglich 
wächst  und  stärker  wird.  Zu  esforcier  in  diesem  Sinne  vgl.  E 
Samuel  crui  et  esjorcha  (bei  Godefroy  und  Littre  aus  LRois  zitiert). 

V.  647  tant  que  ses  cors  fu  si  atains.  Das  Glossar  lehrt  ataindre 
,, erreichen",  P.  Pf.  ataint ,, erschöpft".  Es  kann  damit  der  Glaube 
erweckt  werden,  die  Bedeutung  ,, erschöpfen"  bestehe  nur  für  das 
P.  Pf.  Daß  dem  nicht  so  ist,  lehrt  z.  B.  Cliges  2993.  Übrigens 
würde  ich  lieber  ,, geschwächt,  angegriffen"  als  ,, erschöpft" 
übersetzen,  das  m.  E.  nicht  stark  genug  ist. 

V.  651  les  cheveus  Ions  et  hericiez  wird  in  der  Anm.  als  absol. 
Akkusativ  erklärt.     Es  ist  aber  sehr  auffälhg,  daß  ein  solcher 


^)  Ich  sehe  nachträKÜch,  daß  schon  Ebehng  in  dieser  Zeitschrift 
XXV,  2,  S.  45  dieselbe  Vermutuncr  äu(3ert. 


180  Aljred  Schulze. 

absol.  Akkus,  ohne  Hauptsatz  stehen  sollte.  Meon  liest  besser 
Caveus  ot  Ions  et  h. 

V.  665  hinter  vaines  setze  Komma  oder  Semikolon. 

V.  682  grant  chose  a  ou  fere  l'estuet.  Zu  dem  Sprichwort 
hatten  schon  Tobler  in  den  Gott.  gel.  Anz.  1874,  und  W.  Foerster 
in  Gröbers  Zeitschr.  III  243  Parallelen  gegeben. 

V.  702  desfait  , verunstaltet'  wie  ProvV  161,  4. 

Hinter  V.  715  und  V.  719  würde  ich  stärkere  Interpunktion 
setzen. 

V.  730  würde  ich  interpungieren:  ,,IIa/  Je?  Comment?" 
fet  il,  „amis." 

V.  736.  .  Von  dem  in  der  Anm.  erwälmlen  Konstruktions- 
wechsel handelt  Tobler,  V.  B.  IIF  15. 

V.  748  1.  s'i.     In  der  Var.  lect.  lies  747—748  st.  746—747. 

V.  749.  Der  Hrsg.  bemerkt  mit  Recht,  daß  que  (am  Anfang 
des  Verses)  nicht  befriedigt.  Meon  liest  einwandfrei:  et.  Aber 
zu  erwägen  ist,  ob  hier  nicht  eine  allen  Hss.  eigene  Lücke  vor- 
liegt. In  der  Erzählung  des  Ritters  fehlt  offenbar:  [durch  das 
viele  Umherirren,  durch  Hunger,  Durst  und  Kälte  bin  ich  so 
elend  geworden]  que  bien  sai  que  par  tens  morrai. 

V.  751  in  der  Var.  lect.  ist  wohl  Druckfehler  für  753. 

Hinter  V.  759  muß  mindestens  ein  Komma  stehen. 

V.  774  ff.  Der  Eremit  ruft  die  Jungfrau  IVIaria  um  Fürsprache 
für  den  sündigen  Ritter  an:  (774)  Sainte  Marie^  douce  mere^  (775) 
quar  proiez  Dieu  vo  souvrain  pere  (776)  par  son  plesir  que  il  le 
gart  (776)  et  de  ses  Maus  iex  le  regart!  Der  Text,  den  die  Hss. 
außer  A  bieten,  ist  m.  E.  hier  wieder  unvergleichlich  besser. 
Zunächst  scheint  mir  sehr  beachtenswert,  daß  774  Meon  bietet 
Sainte  Marie,  fait  il,  mere  (in  der  Var.  lect.  nicht  angeführt). 
Maria  wird  damit  in  ihrerEigenschaft  als  Mutter 
angerufen  (,, heilige  M.,  die  du  Mutter  bist")  und  dazu  stimmt 
vortrefflich  D  im  folgenden  Verse:  Car  prie  a  diu  ton  f  i  l,  ton 
pere.  Durch  den  Zusatz  von  douce  zu  mere  und  das  Streichen 
von  ton  fil  werden  die  so  wirksamen  Worte  völlig  abgeschwächt. 
Weiter  lesen  C  D  775:  Par  sa  douchour  que  il  Vesgart.  Die  Var. 
lect.  führt  zwar  sa  douchour  als  Variante  für  son  pleisir  nicht 
auf,  es  steht  aber  in  Meons  Text.  Also:  ,,daß  er  (Gott)  ihn  (den 
Ritter)  mit  seiner  Milde  richte"  (über  esgarder  als  Jurist.  Terminus 
s.  Foerster  zu  Yvain  2005.  Cliges  1442.  Marie  de  France,  Lan- 
val  382).  Wie  viel  wirksamer  und  treffender  wiederum  als  ,.daß 
er  ihn  durch  seine  Huld  bewahre"  bei  A!  Endlich  776  CD: 
et  de  ses  pius  iex  le  regart  ,,und  ihn  mit  seinen  milden,  gnädigen, 
Augen  anblicke".  Dagegen  A:  und  mit  seinen  schönen 
Augen  anblicke !  Ich  denke,  hier  kann  ein  Zweifel  über  die  Echt- 
heit von  C  D  nicht  obwalten. 

V.  784.  Diex,  ne  suefres  que  sa  povrece  soit  perdue  par  vo 
pitance,  Mes  tornez  li  a  penitance.    Die  Anm.  übersetzt:  ,, Wendet 


Textkritisches  zum  Chevalier  au  harisel.  181 

ihm  sein  Elend  zur  Buße,  machet  daß  ihm  aus  seinem  Elend 
Buße  erwachse."  Besser:  „Rechnet  ihm  sein  Elend  als  Buße 
an."  Vgl.  Maetzner,  Altfrz.  Lieder  XXXV  1  N'est  pas  sages 
ki  me  tourne  a  folie  Ce  k'amours  fait  de  moi  sa  volenti. 

V.  785.  Diex,  s'il  i  muert  par  m'achoison. . .  Achoison  ist  hier 
„Schuld"  wie  Erec  3472:  träizestes. . .  Sans  achoison  et  sanz  forjet. 

V.  786.  Meon  liest  statt  rendre  me  couvendra  reson  besser 
rendre  m'en  c.  r. 

V.  797  que  eis  hom  ci  ne  m'apartient^  (798)  ne  tant  ne  quant 
a  moi  ne  tient.  Apartenir  a  aucun  „Gemeinschaft  haben  mit" 
begegnet  so  auch  Cliges  3478:  Quant  Cliges  le  voit  seul  venir^  Qui 
ainz  ne  vost  apartenir  A  recreant  de  euer  failli...  Wegen  des 
V.  798  begegnenden  tenir  a  aucun  s.  Tobler  zu  Prov  Vil  47,  3, 
wo  unsere  Stelle  herangezogen  wird. 

V.  800.  Meon  liest  besser  et  si  se  destruit  chi  por  moi.  Für 
den  Ausdruck  des  Gegensatzes  ist  hier  ein  starkes  Bedürfnis 
vorhanden:  dieser  Mensch  geht  mich  nichts  an  und  doch 
verzehrt  er  sich  meinetwegen  in  Sorge. 

V.  823  et  vez  me  ci  tout  apreste.  Die  Anm.  verweist  auf  Toblers 
Erklärung  (Arch.  94,  462)  von  voici  =  vides  (im  Sinne  von  videsne) 
ecce  hie,  eine  Frage  im  Sinne  einer  Aufforderung,  wie  aus  afz. 
voiz  ci  oder  vez  ei  hervorgehe.  Diese  Formen  schließen  m.  E. 
zunächst  nur  die  Imperativische  (z.  B.  von  Suchier  in  Gröbers 
Grundriß  I  619  vorgetragene)  Auffassung  von  voi  in  voici  aus, 
nicht  aber  die  asserierende,  die  u.  a.  Englaender  in  seiner  Disser- 
tation über  den  Imperativ  im  Altfrz.  S.  42  und  Sachs  im  Wörter- 
buch verteidigen:  voiz  (vez)  kann  ebensowohl  ,,du  siehst"  wie 
,, siehst  du  ?"  sein,  und  aucli  dem  Sinn  von  voici  würde  Frage 
wie  Assertion  genügen.  Aber  freilich  müßte  man,  wenn  eine 
Assertion  zugrunde  läge,  erwarten,  daß  gelegentlich  auch  mit 
ausgesetztem  Subjektspronomen  gesagt  werde  tu  voiz  ci,  vos 
veez  ci,  und  das  scheint  bisher  nicht  nachgewiesen.  Andrerseits 
sind  Fälle  wie  Erec  4559:  Dameisele!  Veez  vos  ci  Tot  lie  et  joiant 
vostre  amie  oder  das  von  Perle  in  seinem  Programm  Voici  und 
voilä  (Halberstadt  1905)  angeführte:  le  euer,  ves  le  vous  ci  (Berte 
357,  32)  niclit  beweisend.  Es  können  Fragen  oder  Imperative 
sein.  Beweisend  wäre  a)  für  den  Imperativ:  voi  tu  ci  oder  tu 
voi  ci  oder  b)  für  die  Frage:  voiz  tu  ci. 

V.  837.  Die  Var.  loct.  gibt  saillein  BCD  (statt  sailloii  in  A)an 
Es  ist  liinzuzufügen,  daß  —  nach  Meon  wenigstens  —  auch  835 
gete  (statt  getoit)   und  836  samble  (statt  sambloit)  überliefert  ist. 

V.  862  ff.  (862)  mes  or  oiez  que  Dex  fist  donques  (863)  por 
son  ami  reconf orter  (864)  qui  mout  se  poi  desconf orter:  (865)  Parmi 
ses  iex  a  grant  deslrece  (866)  une  grant  lerme  si  s'adrece.  Statt 
der  inhaltlosen  Redensart,  die  A  V.  864  liat,  bieten  BCD  ein 
anschauliches,   wirksames   Bild:   de  son  euer  fait  l'iaue  monter. 

V.  908  am   Versschluß  setze  Komma. 
Zlschr.  f.  frz.  Spr,  u.  Litt.  XXXIX'/'.  13 


182  Alfred  Schulze. 

V.  963.  In  der  Anm.  wäre  hinzuzufügen,  daß  neben  batre 
sa  coupe  und  clamer  s.  c.  auch  conoistre  sa  coupe  begegnet,  z.  B. 
Benoil  Chroniquo  27049. 

V.  966  ses  barisiaus. . .  qui  li  a  jel  moiit  mieux  qiie  pis  ist 
sehr  merkwürdig  und  hätte  eine  Anmerkung  verdient.  Man  erwartet 
gui  li  a  fet  mout  plus  de  bien  que  de  mal.  Es  handelt  sichja  nicht  um 
eine  Steigerung  der  Begriffe  ,gut'  und  ,schlecht'.,  sondern  es  soll 
die  Menge  des  Guten  als  größer  im  Vergleich  zur  Menge  des  Bösen 
hingestellt  werden.     Zu  einem  pis  liegt  also  keinerlei  Anlaß  vor. 

V.  974  li  cuers  travaille  et  li  cors  paine.  Das  Glossar  setzt 
irrtümlich  die  Infinitivform  painer  statt  pener  an. 

V.  993.  Der  Eremit  sah  den  Kampf  zwischen  Engeln  und 
Teufeln:  quar  il  estoit  esperitex.  Das  Glossar  übersetzt  ganz 
zutreffend,  aber  vorsichtig  mit  ?,  esperitex  durch  ,, jemand,  dessen 
Geist  erleuchtet  ist,  der  in  himmlische  Dinge  eingeweiht  ist." 
Das  Wort  begegnet  z.  B.  noch  Rencl  G  73,  4,  wo  zum  Priester 
gesagt  wird:  Mius  senles  cose  esperitel  (überirdisch)  Et  angle 
ke  home  mortel.  Ebenda  210,  9  heißt  es  von  Hiob:  Haut  et  bas 
fu  esperitieus.  Bezeichnend  sind  auch  ein  paar  Stellen  in  den 
von  mir  herausgegebenen  Predigten  des  S.  Bernhard:  Vos,  ce 
dist  li  apostles,  qui  estes  espiritel,  estruiz  cestui  qui  est  de  tel  maniere 
(viz.  den  sündigen  Bruder)  en  Vespirit  de  suatime  (115,  25).  Es 
ist  die  Übersetzung  von  Galater  6,  1  (ufiet?  61  T:v£U|xaxoy.oO, 
und:  car  li  entendemenz  des  choses  esperitels  et  niant-visibles  est 
li  vrais  pains  de  l'ainrme  (38,  32). 

V.  1000  ..  que  si  chev alier  proprement..  Vindrent  cel  jor 
(CD:  laiens)  ...  Proprement  heißt  m.  E.  weder  wie  der  Hrsg. 
übersetzt  ,, eigens",  noch  wie  Ebeling  (a.  a.  0.  S.  45  f.)  will,  ,,in 
eigner  Person".  Beides  scheint  mir  in  dem  vorliegenden  Zusammen- 
hange —  der  Ritter  ist,  nachdem  er  reuig  seine  Sünden  bekannt, 
eben  selig  gestorben,  als  seine  früheren  Begleiter  .proprement' 
in  die  Kapelle  zu  dem  Eremiten  kommen,  um,  da  Karfreitag 
ist,  zu  beten  —  nicht  möglich.  Die  Bedeutung  ist  vielmehr: 
, passend,  angemessen',  d.  h.  hier  zu  rechter  Stunde:  Car  le  fanon 
taut  proprement  Nome  an  de  suour  suaire  Rencl  C  XCV  5. 

V.   1011.     In  der  Var.  lect.  lies  1011—1013  fehlen  C  D. 

V.  1029.  In  der  Var.  lect.  muß  es  offenbar  statt  1029—1032 
heißen  1030—1032.  Den  Reim  zu  l'ensevelirent  gibt  V.  1029 
das  (nicht  in  der  Var.  lect.  aber  in  Meons  Text  stehende)  firent 
(statt  eurent  in  A)  ab. 

V.  1031  mout  doucement  Vensevelirent.  Der  Hrsg.  verweist 
für  die  Bedeutung  von  ensevelir  im  Glossar  freundlich  auf  meine 
Bemerkung  Arch.  110,  472.  Ich  sehe  nachträgUch,  daß  schon 
Risop  Arch.  109,  S.  211  die  richtige  Bedeutung  für  ensevelir 
(in  ein  Leichentuch  hüllen)  gegeben  hat. 

Königsberg  i.  P.  Alfred  Schulze. 


Beiträge  zur  Geschichte 

der  politischen  Literatur  Frankreichs  in  der 

zweiten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts. 


Dritter  TeU: 
Die  politisclien  Tlieorien. 

Es  kann  und  soll  hier  nicht  meine  Aufgabe  sein,  eine 
erschöpfende  Geschichte  der  politischen  Theorien  des  16.  Jahr- 
hunderts zu  geben.  Für  meine  Zwecke  handelt  es  sich  zu- 
nächst^) allein  darum,  den  der  Erforschung  bedürftigen  Einzel- 
fragen nachzugehen  und  die  so  gewonnenen  Resultate  für  die 
Klarlegung  der  geschichtlichen  Entwicklung  der  politischen 
Theorien  zu  verwerten. 

Die  Erforschung  der  Probleme,  welche  die  politische  Literatur 
der  zweiton  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  in  reicher  Fülle  bietet, 
führt  uns  bereits  in  die  ersten  Anfänge  jener  mäciitigen  Geistes- 
bewegung hinein,  welche  im  18.  Jahrhundert  als  ,, Aufklärung" 
in  der  französischen  Literatur  zur  Herrschaft  gelangt  ist  und, 
durch  die  Literatur  in  die  weitesten  Kreise  getragen,  einen  ge- 
waltigen Einfluß  auf  allen  Gebieten  des  menschhchen  Denkens 
und  Lebens  ausgeübt  hat.  An  frülierer  Stelle^)  ist  bereits  gezeigt 
worden,  wie  das  politische  Element  um  die  Mitte  dos  16.  Jahr- 
hunderts in  der  Literatur  Fuß  faßt  und  dem  Bilde,  welches  die 
Literatur  damals  bietet,  neue  Züge  aufgeprägt  hat.  Selbst  auf 
die  Plejadedichlung,  welche  ihrem  ganzen  Charakter  nach  der 
Erörterung  religiöser  und  politisciier  Zeitfragen  fernsteht,  hat 
der  in  der  Literatur  eindringende  politische  Charakter  seine 
Wirkung  ausgeübt.^)  Der  Gang  der  Untersuchung  hat  mich 
schon  damals  darauf  geführt,  zu  zeigen,  wie  mit  der  Beschäfti- 
gung mit  den  polilischen  Fragen  der  violbewegten  Zeit  die  kritisclie 


^)  Ich  werde  noch  an  anderer  Stelle  auf  manche  der  hier  behandelten 
Fragen  zurückkommen. 

2)  Vgl.   diese  Zeitschrift  XXXP   S.    102  ff.      XXXIl^   S.  238  ff. 
S.  310  ff.     XXXIIP  S.  44ff. 

3)  Vgl.  diese  Zeitschrift  XXXIV^  S.  212  ff. 

13* 


184  f^ii'i  f'laser. 

JJotracliLung  und  LheoroLisclie  Erörleiung  Hand  in  Hand  gehen, 
Sicli  anfangs  in  bescheidenen  Grenzen  fialtcnd,  wird  die  Theorie 
})ald    7Air   beherrschenden   Macht.*)      Die    von   der    Reformation 
in  rehgiösen  Dingen  geübte  Kritik  wird  aucli  auf  die  Erörterung 
staatlicher  Fragen  übertragen.     Sie  findest  ihre   Ergänzung  und 
ihren    Abschluf.)    in    der    Schöpfung    theoretisclier    Systeme,    an 
deren    Ausbau    und    Vervollkommnung    das    18.     Jahrhundert 
mit  neuem  und  rastlosem  Eifer  gearbeitet  hat.    Das  Werk,  welches 
das    16.    Jahrhundert    hinterlassen,    griff    das    18.    Jahrhundert 
wieder  auf,  um  so  eifriger  und  stürmischer,  je  länger  die   Ent- 
wicklung der  Ideen  unter  der  Herrschaft  des  Absolutismus  unter- 
brochen worden  war,  um  so  leidenschaftlicher,  je  mehr  die  herr- 
schenden Klassen  unter  dem  Druck  des  absoluten  Systems  an 
innerer   Kraft  verloren  hatten,  ohne  doch  auf  ihre  Ansprüche 
gegenüber  anderen  Ständen  zu  verzichten.     Auch  das  16.  Jahr- 
Jmndert   hat   seine    ,,Aufklärung'"'    gehabt.      Es    hat   bereits    die 
großen  staatsphilosopliischen   Probleme,   welche   die    Geister  im 
18.    Jahrhundert    beschäftigen    sollten,    aufgeworfen    und    ihrer 
Lösung  entgegengeführt.     Seine  Tätigkeit  war  eine  großartige 
Vorarbeit  für  die  gewaltigeren  Leistungen  des  18.  Jahrhunderts. 
Die   Aufklärung  im    16.    Jahrhundert   ist  wesentlich   das   Werk 
der    Reformation.      Aus    protestantischer     Quelle    entsprossen, 
ist    der    aufklärerische    Gedanke    in    eigentümlicher    Wandlung 
zu   einer   auch   den   katholischen  Teil   des   französischen   Volks 
interessierenden    Geistesbewegung   geworden.      Das    Eine     ist 
der  Bewegung  geblieben  —  auch  im  17.  Jahrhundert  unter  der 
Herrscliaft  des   absolutistischen    Systems    —  nämlich,   daß   der 
Protestantismus   und   seine   Anschauungen   stets   starken   Anteil 
an    der    Aufklärung    genommen    haben.      Die    umstürzlerische 
Tendenz,   wie  sie  sich  in   der  Literatur  des    16.    Jahrhunderts 
bemerkbar  macht,  ist  auch  über  das  siede  de  Louis  XIV  hinaus 
erhalten  geblieben.     Sie  war  ursprünglich  religiöser  Natur,  aber 
erst  mit  ihrer  Übertragung  auf  das  politische  Gebiet  gewannen 
die  Ideen  des  Umsturzes  und  des  Fortschrittes  eine  schöpferische 
und  gestaltende  Kraft.     Der  politische  Zug  ist  der  Bewegung 
geblieben.     Wir  sehen   hier  ein   Beispiel,   das   glänzendste   und 
schlagendste  sogar,  welches  uns  zeigt,  wie  die  religiösen  Ideen 
auf  die  Entwicklung  des   Geisteslebens  einwirken  auf  dem  Um- 
weg   ihres    politischen    Niederschlags.      Wir    können    ermessen, 
welchen  gewaltigen  Einfluß   die   Herausbildung  des  politischen 
Charakters    der    Reformationsliteratur   auf   die    Gestaltung   der 
Gedanken  ausgeübt  hat,  welche  zur  Aufklärung  geführt  haben. 
'        Es  hieße  die  französische  Aufklärungsbewegung  verkennen, 
wenn  man  in  ihr  nur  eine  Schöpfung  des  18.  Jahrhunderts  er- 
blicken und  die  Anregungen  vergessen  oder  unterschätzen  wollte, 


4)  Vgl.  besonders  diese  Zeitschrift  XXXIIP  S.  98—100. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.       185 

welche  sie  früheren  Perioden  zu  verdanken  hat.  Eine  richtige 
Würdigung  des  Wesens  der  Aufklärungsliteratur  ist  ohne  ein 
Zurückgreifen  auf  die  Reformation  und  ihre  Ideen  nicht  möglich. 
Nicht  als  ob  schon  das  Reformationszeitalter  die  Probleme, 
welche  nachmals  die  Aufklärungsliteratur  beschäftigt  haben, 
in  der  Fassung,  in  welcher  wir  sie  im  18.  Jahrhundert  vorfinden, 
erörtert  hätte.  Dafür  war  die  Zeit  noch  nicht  gekommen;  aber  so 
viel  hat  doch  schon  das  16.  Jahrhundert  erreicht:  es  hat  die  ver- 
schiedenartigsten Erscheinungen  und  Probleme  des  Staats- 
lebens zum  Gegenstand  seiner  Erörterungen  gemacht;  es  hat 
die  großen  staatsphilosophischen  Fragen  klar  und  scharf  for- 
muliert und  seine  Ideen  und  Theorien  in  die  Form  fertiger  Systeme 
zu  bringen  gewußt;  es  hat  —  rein  äußerlich  betrachtet  —  der 
Aufklärung  zwei  seiner  wesentlichsten  Züge  hinterlassen:  den 
starken  theoretischen  Charakter  und  die  Tendenz,  für  die  Ideen 
der  Zeit  Propaganda  zu  machen. 

Auf  die  Entwicklung  und  Fortbildung  der  politischen  Lite- 
ratur hat  der  theoretische  Charakter  den  nachhaltigsten 
Einfluß  ausgeübt.  Die  politische  Theorie  des  16.  Jahrhunderts  war 
keine  reine  Theorie,  keine  Theorie  allein  um  der  Theorie  willen. 
Sie  war  ein  Erzeugnis  der  Zeit.  Die  geschichtlichen  Vorgänge 
und  Wandlungen  haben  die  Fragen  gestellt,  an  deren  Beant- 
wortung und  Lösung  die  Theoretiker  gearbeitet  haben.  Große 
Aufgaben  religiöser  wie  politischer  Art  zu  stellen,  dazu  waren  die 
Zeitverhältnisse  in  der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts 
in  besonderem  Maße  geeignet.  Wie  selten  ein  Ereignis  in  der 
Geschichte  hat  die  Reformation  die  in  den  Tiefen  der  Volksseele 
schlummernden  Kräfte  geweckt  und  alle  Teile  der  Nation  in  den 
Kampf  um  große  und  hohe  Fragen  und  Ziele  hineingezogen. 
Mit  der  Übertragung  auf  das  politische  Gebiet  gewinnt  der  Gegen- 
satz zwischen  Katholizismus  und  Reformation  eine  noch  größere 
Schärfe  und  zugleich  eine  höhere  Bedeutung.  Aus  einem  Gegen- 
satz der  Religionen  erweitert  er  sich  zu  einem  Ringen  um  die 
Macht  und  Herrschaft  im  Staate.  Weite  Teile  des  Volks  scharen 
sich  gegen  das  an  dem  katholischen  Glauben  festhaltende  König- 
tum zusammen.  Eine  gewaltige  Oppositionsbewogung  gegen 
die  seit  Ludwig  XL  mit  unumschränkter  Machtfülle  gebietende 
Monarchie  durchzittert  das  Land. 

An  die  Spitze  der  Opposition  tritt  der  Adel.  Schon  seit 
Jalirzehnten  ein  willenloses  und  gefügiges  Werkzeug  in  den 
Händen  des  Königs  und  dabei  doch  immer  wieder  zur  Auflehnung 
gegen  die  Knme  geneigt,  begann  er  sieli  aufs  Neue  zu  rühren 
und  versuchte  noch  einmal  eine  große  Rolle  zu  spielen.  Schon 
frühzeitig  war  er  in  den  Kampf  um  die  Religion  hineingezogen 
worden.  In  seinem  größten  und  besten  Teile  der  Reformation 
zugetan,  war  er  mit  dem  starr  am  Katliolizismus  festhallenden 
Hofe    zerfallen.     Seine    seit    den    Tagen    Ludwigs    XI.   schein- 


186  Kurt  Glaser. 

bar  überwundene  Oppositionslust  gegen  das  Königtum  lebte 
in  neuer  Form  und  mit  neuer  Kraft  wieder  auf,  seitdem 
religiöse  Fragen  in  den  Gesichtskreis  der  Zeit  getreten  waren. 
Mit  der  Oppositionslust  des  Adels  gegen  die  Krone  paarte  sich 
ein  unverkennbarer  Hang  zur  Verteidigung  ständischer  Interessen. 
Allenthalben  in  Europa  begannen  damals  die  ständischen  Ge- 
walten zu  erstarken  oder  doch  sicii  zu  regen.  In  Frankreich 
wie  anderwärts  tritt  der  Adel  in  Gegensatz  gegen  das  Königtum, 
das  durch  Unterdrückung  der  ständischen  Rechte  grofj  und 
mächtig  geworden  war. 

An  der  Opposition  gegen  das  Königtum  beteiligten  sich  die 
weitesten  Kreise  des  französischen  Volks.  Mochten  bei  dem 
Kampf,  den  der  Adel  führte,  schheßlich  doch  die  politischen 
Rücksichten  die  religiösen  überwiegen:  für  die  große  Masse  des 
Volks  gab  das  Bewußtsein  eines  um  religiöse  Ideale  und  Forder- 
rungen geführten  Kampfes  den  Ausschlag.  Die  Reformation 
war  schon  frühzeitig  in  den  niederen  Schichten  des  Volks  einge- 
drungen und  hatte  gerade  hier  ihre  überzeugtesten  Bekenner 
und  mutigsten  Märtyrer  gefunden.  Die  Verfolgungen,  die  das 
Königtum  und  seine  Organe  gegen  die  Anhänger  der  neuen 
Lehre  einleiteten,  dienten  nur  dazu,  auch  in  den  niederen  Schichten 
des  Volks  die  Feindschaft  gegen  den  Katholizismus  zu  schüren 
und  den  Haß  gegen  die  Monarchie  zu  entflammen.  Anfangs 
auf  kleinen  Raum  beschränkt,  ergriff  die  Bewegung  bald  die 
weitesten  Teile  des  Volks. 

Mitten  in  diese  Bewegung  hinein  sah  sich  das  französisclie 
Königtum  gestellt,  in  einem  eigentümlichen  Konflikt  befangen. 
Seit  Ludwig  XI.  mit  unumschränkter  Machtfülle  bekleidet, 
begann  es  seit  dem  Tode  Heinrichs  II.  immer  mehr  an  Ansehen 
einzubüßen.  Je  mehr  aber  seine  Macht  sank,  um  so  mehr  strebte 
es,  unter  Aufbietung  aller  Kräfte,  mit  guten  ^vie  mit  schlechten 
Mitteln,  seine  wankende  Stellung  im  Widerstreit  mit  den  ihm 
feindlichen  Gewalten  zu  behaupten. 

Auch  die  katholische  Kirche,  mit  dem  Königtum  aufs  Engste 
verknüpft,  sah  sich  bis  tief  in  die  politischen  Kämpfe  und  Händel 
der  Zeit  hineingezogen.  Wenn  auch  nicht  in  wankelloser  Treue 
dem  Throne  ergeben,  bildete  sie  doch,  wenigstens  für  Jahre 
hinaus,  eine  feste  Stütze  der  Monarchie  im  Kampfe  gegen  die 
sich  immer  stürmischer  und  umstürzlerischer  gestaltenden  Be- 
strebungen der   Reformationspartei. 

Die  Theorien  sind  das  Abbild  der  politischen  Strömungen 
und  Störungen  der  Zeit.  Inmitten  kriegerischer  W^irren  gereift, 
bilden  sie  den  Tummelplatz  der  verschiedenartigsten  Forderungen 
und  Wünsche.  Kleine  wie  große  Fragen  werden  mit  Eifer  und 
Leidenschaft  erörtert.  Mit  kühnem  Griff  ziehen  die  Theoretiker 
die  schwierigsten  Probleme  in  den  Kreis  ihrer  Betrachtungen. 
Die  Fragen,  die  sie  mit  Vorliebe  erörtern,  sind  aus  den  Zeit- 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      187 

umständen  erwachsen,  aber  sie  haben  weit  über  die  Grenzen 
der  Zeit  hinaus  allgemeinere  und  höhere  Bedeutung  zu  bean- 
spruchen. Die  Theorie  lehrt  die  Fragen  der  Zeit  in  neuem  Lichte 
und  in  höherem  Sinne  zu  erfassen.  Sie  sucht  die  inneren  Zu- 
sammenhänge in  den  poUtischen  Wandlungen  und  Strömungen 
auf.  Sie  eröffnet  weite  Ausblicke  auf  die  in  den  äußeren  Vor- 
gängen und  Verhältnissen  gegebenen  Bedingungen  des  politischen 
Daseins  nicht  minder  wie  auf  die  das  menschliche  Denken  und 
Handeln  beherrschenden,  in  dem  Menschen  selbst  liegenden 
Ideen.  Sie  lehrt  die  pohtischen  Gedanken  und  Strebungen 
nicht  mehr  bloß  in  ihrer  Bedeutung  für  die  Zeit,  sondern  auch 
in  ihrem  Wert  oder  Unwert  schlechthin  zu  erfassen.  Aus  dem 
engen  Zirkel  alltäglicher  Erörterungen  hinaus  führt  sie  zur  Höhe 
philosophischer  Betrachtung  empor  und  gibt  so  der  politischen 
Publizistik  schon  in  der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts 
den  Charakter,  den  wir  im  Zeitalter  der  Aufklärung  als  herr- 
schende   Eigentümlichkeit    der   Literatur   wiederfinden   werden. 


I.  Michel  de  ^.'Hospital. 

Ein  Kampf  um  hohe  rehgiöse  und  politische  Ideale  bringt 
allezeit  die  Geister  in  eine  mächtige  Wallung  und  läßt  Ideen 
reifen,  die  oft  erst  in  späteren  Tagen  ihre  Verwirklichung  finden. 
So  ist  inmitten  der  sturmbewegten  Zeit  der  französischen  Refor- 
mationskriege die  Idee  der  religiösen  Toleranz  entsprossen. 
Sie  hat  nicht  nur  bei  Theologen  wie  Sebastien  Castalion,^)  sondern 
auch  in  den  Kreisen  der  Laien  ihre  Verfechter  und  Vertreter 
gefunden.  Ein  Staatsmann  und  Staatstheoretiker  war  es,  der 
die  Notwendigkeit  der  religiösen  Duldung  im  Zusammenhang 
eines  großzügigen  Programms  zu  entwickeln  unternahm  und, 
seiner  Zeit  vorauseilend,  zum  erstenmale  den  Grundsatz  der 
Glaubensduldung  auch  praktiscli  durchzufüiiren  bestrebt  war: 
Michel    de    L'H  o  s  p  i  t  a  1. 

Seine  politisclie  Schriftstollerei,  das  Abbild  seiner  staats- 
männischen Wirksamkeit,  steht  in  schroffem  Gegensatz  zu  der 
Richtung,  welche  die  politische  Literatur  um  die  Mitte  des  16. 
Jahrhunderts  einschlägt.  Mit  den  Tagesfragen,  mit  den  großen 
und  kleinen  Geschehnissen  jener  bewegten  Zeit,  mit  den  politisch 
hervortretenden  Persönlichkeiten,  mit  guten  und  gutgemeinten 
Wünschen  und  Forderungen  beschäftigen  sich  zalillose  Pamphlete. 
Auch  die  Poesie  bemächtigt  sicii  gern  der  politischen  Stoffe, 
um  in  einer  oft  mehr  leidenschaftlichen  als  glückliciien  Form 
die  Zeitereignisse  zu  behandeln.     Selbst  die  Dicltter  der  Plejade 


5)  Vgl.  schon  diese  Zeitschrift  XXXIIP  S.  44  ff.  und  besonders 
F.  Buisson,  Schaslien  Cdstcllian,  sa  \'ie  et  son  ccmre.  Paris  1892 
(2  Bände). 


188  A'//ri  (i Laser. 

ergreifen  in  dem  Streit  der  Meinungen  Partei.  Hohe  Ideen 
trifft  man  in  der  den  Tagesfragen  gewidmeten  Publizistik  aller- 
dings nur  selten.  Die  Tagesschriftstoller  sind  eben  mehr  leiden- 
schaftliche und  kriegerische  Naturen  als  denkende  Köpfe,  Gegen- 
über der  Art  und  Weise,  wie  die  Pamphletisten  und  Poeten  die 
politischen  Dinge  behandeln,  bezeichnet  L'Hospitals  Standpunkt 
einen  wesentlichen  Fortschritt.  Als  erster  sucht  er  die  Forde- 
rungen seiner  Zeit  mit  höheren  staatsphilosophisclien  Begriffen 
in  Einklang  zu  bringen  und  von  der  Hölie  der  Theorie  Staat  und 
Gesellschaft  zu  mustern. 

Mit  L'Hospital  kehren  wir  zu  der  ersten  Periode  der  Bürger- 
kriege zurück,  zu  der  Wandlung,  welche  mit  dem  Tode  Franz'  II. 
in  der  Regierung  Frankreichs  vorgegangen  ist.  Katharina  von 
Medici  hat  die  Zügel  der  Regierung  ergriffen  und  ihre  Regent- 
schaft mit  dem  Versuch  eingeleitet,  durch  eine  Versöhnung 
der  Katholiken  und  Kalvinisten  den  Frieden  im  Lande  zu  sichern. 
Waren  für  die  Entschließungen  und  Maßnahmen  der  Königin 
Ehrgeiz  und  Eitelkeit  die  treibenden  Beweggründe,  so  fußte 
L'Hospitals  Haltung  auf  einer  aus  tiefer  philosophischer 
Bildung  schöpfenden,  von  idealer  Auffassung  seines  Berufs 
getragenen  wahrhaft  staatsmännischen  Einsicht.  In  ilim  lebte 
die  Fähigkeit  zu  entsagungsvoller  selbstloser  Arbeit  im  Dienste 
des  Staates  und  der  Religion,  eine  hohe  und  erhabene  Auffassung 
seines  schweren  Amtes,  welche  ihn  die  W^ahrheit  über  alles 
schätzen  lehrte  und  ihm  die  Kraft  verlieh,  selbst  gegenüber 
seinem  König  wie  gegenüber  dem  Papst^j  seine  Meinung  mit 
Freimut  zu  vertreten.'^)  Inmitten  einer  von  Selbstsucht  be- 
herrschten und  ver\^drrten  Zeit  hat  er  sich  die  Festigkeit  eines 
edelen  Charakters  bewahrt,  die  Fähigkeit,  nach  hohen  und  er- 
habenen Zielen  zu  trachten  und  ohne  Rücksicht  auf  äußeren 
Schein  das  Beste  für  Volk  und  Land  zu  erstreben.  .,En  toutes 
vos  affaires  j'ay  plustost  oublie  mon  profit  qiie  vostre  servyce.  et 
suivy  tousjours  le  grand  chemin  royal,  sans  me  destoiirner  ä  droicte 
ny  ä  gauche,  ne  m'adonner  d  aalcune  privee  faction^  (II.  S.,496. 
497),  so  konnte  er,  seinen  Lebensw^eg  überschauend,  kurz  vor 
seinem  Tod  seinem  König  zurufen. 

^)  Vgl.  seinen  Brief  an  Plus  IV.  (Oeuvres,  publ.  par  F.  J.  S.  Dufey. 
Paris  1824.  II.  S.  476 — 479).  Er  wehrt  sich  hier  gegen  die  Anklagen, 
welche  von  verschiedenen  Seiten  gegen  ihn  erhoben  worden  sind  und 
denen  selbst  der  Papst  sein  Ohr  geliehen  hat.  Er  schreibt  an  den 
Papst:  ,,Je  ne  me  serois  nullement  inquiete,  si  vous  n^aviez  fait  que  les 
(d.  h.  die  Anschuldigungen)  entendre;  mais  des  que  feus  appris  que 
vous  aviez  ecrit  aux  vötres  d'exciter  la  reine  ä  ne  point  croire  ä  mes  paroles, 
et  ä  se  garder  de  moi  comme  d'un  pestifere,  fai  cru  que  je  ne  devais  differer 
plus  long-temps  de  me  justifier  dans  votre  opinion . ,  .  ." \  er  beteuert: 
,,.../e  n'ai  jamais  rendu  haine  pour  haine,  inimitie  pour  inimitie.  .  ." 

'')  Vgl.  besonders  sein  Schreiben  an  Karl  IX.  und  die  Königin- 
Mutter  II.  S.  253  ff.  Er  sagt  darin  (S.  255):  ,,car  ez  choses  qui  touchent 
le  roy,  je  regarde  plus  ä  choisir  les  choses  profictables  que  agreables  .  .  ." 


Beiträge  zar  Geschichte  der  polit,  Literatur  Franhr.  etc.      189 

Mit  seinen  Ideen  ist  L'Hospital  zum  erstenmal  gelegentlich 
der  Versammlung  der  Stände  zu  Orleans  im  Dezember  1560 
hervorgetreten.  Er  hatte  selbst  die  Berufung  der  Stände  bewirkt, 
in  der  Absicht,  den  Frieden  im  Lande  zu  sichern.  Überall  klingt 
diese  Absicht  in  der  Rede  durch,  die  er  damals  vor  den  Ständen 
gehalten  hat.^j  Gleich  im  Eingang  seiner  Ausführungen  greift 
er  mitten  in  die  brennenden  Fragen  der  Zeit  hinein,  indem  er 
die  viel  erörterte  Ständefrage  aufrollt  und  den  Nutzen  und  Vorteil 
der  Reichsstände  zu  verteidigen  unternimmt.  Er  nimmt  gegen 
den  Kardinal  von  Lothringen  Stellung,  welcher  den  König  zu 
der  .Ansicht  zu  bekehren  versuchte,  daß  die  ständischen  Tagungen 
nur  dazu  angetan  seien,  um  die  königliche  Autorität  und  Würde 
zu  schmälern.  Die  Widerlegung  dieser  allein  aus  egoistischen 
politischen  Erwägungen  geschöpften  Anschauung  führt  ihn  zur 
Betonung  seiner  idealeren  Auffassung  vom  Berufe  eines  Monar- 
chen: ,,/e  dis  qu'il  n'y  a  acte  tant  digne  d'ung  roy,  et  tant  propre 
d  luy,  qiie  tenir  les  estats.  que  donner  audience  generale  ä  ses  subjects, 
et  faire  justice  ä  chascung.  Les  roys  ont  ete  esleus,  pr emier enient 
poiir  faire  la  justice,  et  n'est  acte  tant  royal  faire  la  guerre,  que 
faire  justice/'  Schon  hier  drängt  sich  ihm  die  Scheidung  des 
Königs  vom  Tyrannen  auf:  ,jles  tyrans  et  les  maulvais  fönt  la 
guerre  autant  que  les  roys,  et  bien  souvent  le  maulvais  la  faict  mieulx 
que  le  hon."  ,,Car^  de  vouloir  dire  que  toutes  grandes  assemblees 
sont  ä  craindre,  et  doivent  estre  suspectes:  ouy,  aux  tyrans,  mais 
non  aux  princes  legitimes,  comme  est  le  nostre".  (S.  384.)  Der 
Anblick  der  beginnenden  Unruhen  im  Lande  führt  ihn  zu  einer 
Reihe  weiterer  Erörterungen  über  die  politischen  Verhältnisse 
in  Frankreich  und  über  die  zur  Beseitigung  der  herrschenden 
Unruhen  notwendigen  Mittel.  Wir  sehen  die  Ansätze  zur  theo- 
retischen Ausgestaltung  seiner  Gedanken  überall  durchbhcken. 
Seine  Theorie  der  Verwerflichkeit  des  Aufruhrs,  seine  Forderung 
des  leidenden  Gehorsams  gewinnt  hier  zum  erstenmal  ihre  Formu- 
lierung in  dem  Satze:  „Mais,  premier,  je  supposeray  une  chose 
qui  n'a  aulcun  doubte,  que  toute  sedition  est  mauvaise  et  pernicieuse 
es  royaumes  et  republiques,  encore  qu'elle  eust  banne  et  honneste 
cause;  car  il  vault  mieulx  ä  cehiy  qui  est  autheur  de  sidition  de 
souffrir  toutes  pertes  et  injures,  qu'estre  cause  d'ung  si  grand  mal, 
que  d' amener  guerres  civiles  en  son  pays"  (S.  387).  Eine  Heilung 
der  Schäden  erwartet  er  von  einer  vernünftigen  Einsiclit  aller 
Glieder  des  Volks.  Dazu  sollen  zunächst  die  Könige  selbst  mit- 
helfen :  „Les  roys  debvroient  estre  contens  de  leurs  pays  et  royaumes, 
oster  Vambition  qui  leur  fait  desirer  aultres  nouveaulx  royaumes" 
(S.  391  —  ein   Satz,  dessen  Gültigkeit  durch  historische  Belege 

^)  I.  S.  379  ff.  Ich  zitiere  nach  der  Ausgabe  von  Dufey,  obwohl 
deren  Text  nicht  überall  einwandfrei  ist.  —  Einiges  Brauchbare  zur 
Kenntnis  von  L'Hospitals  Theorien  enthält  F.  Geuer,  Die  Kirchen- 
politik des  Kanzlers  Michel  De  UHospital.     Leipzig,  Diss.,  1S77. 


190  l\url  Glaser. 

erwiesen  wird).  Wichtiger  ist  die  w^oitere  an  den  Monarchen  ge- 
stellte Forderung,  welche  in  die  aus  römisch-rechllichr'n  He- 
griffen hergeleitete  Anschauung  von  der  Superiorität  des  Königs 
über  das  Gesetz  ausklingt:  ,,7e  vouldrois  aussi  que  les  roys  se 
contentassent  de  leur  rei>enu,  chargeassent  le  peuple  le  moins  qu'ils 
pourroienl,  estlmasseni  que  les  biens  de  leursdids  sahjecls  leur 
appartiennent,  imperio,  non  dominio  et  proprietate.  Aussi  les 
suhjects  Vaimassent  et  reconnussent  pour  roy  et  seigneur,  Vaidassent 
de  leurs  personnes  et  biens,  luy  obeyssent,  non  de  bouche,  consen- 
tement  seulement,  et  par  luy  faire  reverences  et  aultres  semblables 
honneurs,  mais  par  vraye  obeyssance,  qui  est  de  garder  ses  vrays 
et  perpetues  commandemens,  cest-ä-dire  ses  loyx,  edicts  et  ordon- 
nances,  ausquelz  lous  doibvent  obeyr,  et  y  sont  subjects,  excepte 
le  roy  seul"  (S.  392).  Jedem  Glied  im  Staatsorganismus  zieht 
L'Hospital  seine  Grenze:  die  Kirche  soll  den  großen  Einfluß 
bedenken,  den  sie  auf  die  Gemüter  ausübt;  sie  soll  nicht  ver- 
gessen, daß  die  Güter  ihr  zur  Nutznießung  gegeben  sind,  daß 
sie  den  Armen  spenden  soll,  daß  sie  keine  Bezahlung  für  die  Spen- 
dung der  Sakramente  annehmen  darf.  Der  Adlige  hat  die  großen 
Privilegien,  er  hat  keine  Steuern  zu  zahlen,  er  hat  die  ersten 
Ehrenstellen  inne;  aber  er  soll  sich  nicht  überheben.  „Et  d'autant 
qu'il  a  plus  de  force  et  puissance,  d'autant  doibt  estre  plus  hamain 
et  gratieux,  user  de  l'espee  contre  l'ennemy,  et  ä  la  conservation  des 
amys  et  povres  subjects  du  roy'.  Das  Volk  endlich  soll  in  fried- 
licher Landarbeit  sein  Glück  suchen.  L'Hospitals  Ausführungen 
gipfeln  in  der  „Conclusion,  si  chascung  estit  se  contente  de  sa 
fortune  et  biens,  s'abstient  du  bien  d'autruy,  et  de  faire  infures  ä 
aultres,  se  sousmet  ä  l'obeyssance  de  son  prince,  et  de  ses  loyx  et 
ordonnances,  nous  vivrons  en  paix  et  repos".     (S.  394.) 

Mit  dieser  auf  rein  politische  Dinge  beschränkten  Schluß- 
folgerung hat  L'Hospital  nur  eine  Seite  der  schwierigen  Auf- 
gabe gestreift,  deren  Lösung  die  große  Frage  der  Zeit  bildete. 
Er  erkennt,  daß  die  wirkliche  Ursache  für  die  politische  Spaltung 
tiefer  liegt  und  in  dem  Gegensatz  zwischen  Katholizismus  und 
Kalvinismus  wurzelt.  Die  Ansicht,  daß  die  Religion  als  solche, 
die  christliche  Religion  zumal,  die  Ursache  für  die  Unruhen  und 
Aufstände  im  Lande  werden  könne,  lehnt  er  von  vornherein  ab. 
Die  christliche  Religion  lehrt  dulden  und  leiden,  aber  nicht  kämpfen. 
Auch  die  Entschuldigung,  daß  die  Gläubigen  die  Waffen  zum 
Kampf  für  die  Religion  ergreifen,  ist  nicht  stichhaltig.  „Nostre 
religion  n'a  prins  son  commencement  par  armes,  n'est  reteneue 
et  conservee  par  armes"  (S.  395).  Wenn  die  Untertanen  behaupten, 
daß  sie  zu  ihrem  Schutz  die  Waffen  ergreifen,  so  ist  das  eine 
Entschuldigung,  welche  wohl  gegen  das  Ausland  gilt,  aber  nicht 
gegen  den  König:  „car  il  n'est  loisible  au  subject  de  se  defendre 
contre  le  prince,  contre  ses  magistrats,  non  plus  qu'au  fils  contre 
son  pere,  soit  ä  tort,  soit  ä  droict,  soit  que  le  prince  et  Magistrat 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      191 

soit  maulvais  et  discole,  ou  soit  qu'il  soit  bon.  Encore  sommes 
nous  plus  teneus  d'obeyr  au  prince  gu'au  pere"  (S.  395).  So  haben 
die  Christen  ehemals  noch  für  die  Kaiser,  ihre  Verfolger,  gebetet. 
,,Et  nous  chrestiens,  ne  debvons  recevoir  ny  approuver  l'opinion 
des  Grecs  et  Romains  touchant  Vhonneur  qu'ilz  baiilent  aux  tyranni- 
cides  .  .  ."  (S.  396).  Eine  solche  Auffassung  von  der  Friedfertig- 
keit der  christlichen  Religion  mußte  L'Hospital  in  einen  eigen- 
tümlichen Widerspruch  verwickeln:  er  sucht  den  Einfluß  der 
Religion  auf  die  Politik  abzuschwächen  durch  die  Betonung  der 
Forderung  des  leidenden  Gehorsams,  muß  aber  dabei  doch  den 
Gegensatz  der  Glaubensmeinungen  als  den  die  politische  Gestal- 
tung der  Dinge  eigentlich  treibenden  und  regulierenden  Faktor 
anerkennen.  Mit  großer  Wärme  legt  er  seine  Abscheu  dar  vor 
den  verderblichen  Folgen  der  Glaubensspaltung,  welche  die 
Familie  und  den  Staat  zerreißt  und  die  Untertanen  mit  rebellischer 
Gesinnung  gegen  ihren  Herrscher  erfüllt.  ,^C'est  follie  d'esperer 
paix,  repos  et  amytie  entre  les  personnes  qui  sont  de  diverses  religions. 
Et  n'y  a  opinion^  qui  taut  perfonde  dedans  le  cceur  des  hommes, 
gue  l'opinion  de  religion,  ny  tant  les  separe  les  uns  des  aultres" 
(S.  396).  ,,iVo«s  V experimentons  aujourd'huy^  et  veoyons  que 
deux  FranQois  et  Anglois  qui  sont  d'une  mesme  religion^  ont  plus 
d'amytie  entre  eulx  que  deux  citoyens  d'une  mesme  ville,  subjects 
ä  un  mesme  seigneur,  qui  seroient  de  diverses  religions.  Tellement 
que  la  conjonction  de  rcligion  passe  celle  qui  est  ä  cause  du  pays; 
par  contraire,  la  division  de  religion  est  plus  gründe  et  lointaine 
que  nulle  aultre.  C'est  ce  qui  separe  le  pere  du  fils^  le  frere  du  frere, 
le  mary  de  la  femme . . .  C'est  ce  qui  eslongne  le  subject  de  porter 
obeyssance  ä  son  roy^  et  qui  engendre  les  rebellions"  (S.  397).  ,,La 
division  des  langues  ne  faict  la  Separation  des  royaumes^  mais 
celle  de  la  religion  et  des  loyx,  qui  d'ung  royaume  en  faict  deux" 
(S.  398).  Weitblickende  und  hohe  Theorien  zu  entwickeln  und 
diese  in  Forderungen  umzusetzen  wäre  nocli  verfrüht  gewesen. 
Zu  fordern  war  überhaupt  nicht  seine  Art.  Was  er  erstrebte, 
war  die  Wirkung  auf  die  Gemüter.  Er  suchte  durch  Warnungen 
zu  wirken,  durch  den  Hinweis  auf  die  schlimmen  Folgen  der 
Zwietracht,  wie  sie  einst  der  Kampf  der  Weifen  und  Ghibellinen 
zum  Schaden  des  Landes  und  zum  Verderben  beider  Parteien 
entfesselt.  Er  gibt  sich  noch  dem  Glauben  hin,  daß  ein  Konzil, 
daß  eine  Reformation  der  Kirche  helfen  könne.  Er  sucht  zu 
wirken,  indem  er  zur  Eintracht  mahnt,  indem  er  an  die  Gehorsams- 
pflicht der  Untertanen,  an  die  Mitarbeit  der  Stände  appelliert. 
Er  mahnt  zum  Zusammenhalt  unter  dem  König,  auf  dessen 
bedrängte  Lage  er  hinweist.  Der  Augenblick,  die  Forderung 
der  Glaubensfreiheit  für  die  Bekenner  der  neuen  Lehre  zu  er- 
heben, war  noch  nicht  gekommen. 

Die    Idee    der  Toleranz   ist   in   L'Hospital   erst   allmählich 
gereift.    Was  ihn  zu  dieser  Idee  führte,  war  das  sich  ihm  unter 


192  Karl  Glaser. 

dem  Einfluß  der  Zeitvcrhültnisse  mit  immer  größerer  Notwendig- 
keit aufdrängende  Bewußtsein,  daß  die  religiöse  Streitfrage 
mit  Rücksicht  auf  die  von  ihr  lierbeigeführten  politischen  Ver- 
wicklungen einer  Lösung  harre  und  daß  eine  solche  nur  auf  güt- 
lichem Wege  und  in  friedlichem  Sinn  erfolgen  könne.  Unter 
diesem  Gesichtswinkel  ist  die  religiöse  Streitfrage  der  stete 
Gegenstand  seiner  Betrachtungen  und  Reflexionen  geworden. 
Hier  ist  der  Punkt,  wo  seine  Theorie  der  Toleranz  einsetzt.  Schon 
vor  dem  Pariser  Parlament  hatte  er  (im  Jahre  1561)  seine  Be- 
fürchtung vor  der  Gefahr  ausgesprochen,  welche  die  Einführung 
der  neuen  Religion,  die  Zähigkeit,  mit  welcher  sie  Eingang  ge- 
funden, bedeutet.^]  In  einer  denkwürdigen  Rede,  welche  er 
am  26.  August  1561  vor  den  Reichstständen  in  Saint-Germain-en 
Laye  gehalten  hat,  kommt  er  mit  größerer  Ausführlichkeit 
auf  den  rehgiösen  Zwiespalt  zurück.^**)  Schon  hier  faßt  er  die 
RcHgionsspaltung  in  ihrer  politischen  Tragweite  auf^^) 
und  wirft  die  durch  die  Zeitumstände  nahegelegte  Frage  auf, 
ob  sich  der  König  auf  die  Seite  der  einen  oder  anderen  Partei 
stellen  dürfe.  Er  antwortet  in  negativem  Sinn:  der  Herrscher 
muß  den  Streitigkeiten  in  seinem  Lande  fernbleiben,  er  darf 
nicht  selbst  Partei  werden.  Selbst  der  Sieg,  welchen  er  mit 
Hülfe  einer  der  beiden  Parteien  erfechten  würde,  müsse  doch 
stets  ein  bedauerUcher  Sieg  sein.  Die  Lösung  der  religiösen 
Streitfrage  bleibt  auf  einem  anderen  Wege  zu  finden.  Und 
diesen  Weg  beschreitet  L'Hospital  hier  zum  erstenmal,  indem 
er  sich  der  politischen  Seite  der  Religionsfrage  zuwendet  und 
zeigt,  wie  die  durch  den  Aufruhr  großgezogene  Verachtung  von 
Gesetz  und  Ordnung  den  Umsturz  des  Staates  herbeiführen  muß. 
Auch  die  Rede,  welche  L'Hospital  kurz  darauf  zu  Poissy 
gehalten  hat,^-)  beschäftigt  sich  wieder  mit  der  Toleranzfrage. 
Die  nun  einmal  von  politischen  Rücksichten  untrennbare  Frage 
der  Duldung  des  kalvinistischen  Glaubens  N\ird  gleich  von  vorn- 
herein wieder  in  ihrer  politischen  Eigenheit  gestreift:  ,,La  question 
de  la  religion  est  de  teile  importance,  qu'il  est  hesoing  qu'on  y  procede 
avec  la  plus  meure  deliberation  qiie  faire  se  pourra,  sans  qu'on 
soyt  transporte  d'aultre  affection  particuliere  :  ains  conduict 
seulement  d'ung  sainct  desir  d'ycelle  decider  au  salut  des  hommes 
et  de  la  tranquülite  publicque".  Zum  ersten  Male  geht  L'Hospital 
hier  mit  AusführHchkeit  in  seinen  weiteren  Ausführungen  auf 
die  religiöse  Seite  der  Toleranzfrage  ein  und  legt  dar,  daß  man 
gerade  in  religiösen  Dingen  mit  Schonung  verfahren  müsse. 
Zwang  könne  in   Gewissensfragen  nur  schaden:   ,,/a  conscience 


9)  I.   S.  419  ff. 
'")  L  S.  441  ff. 

^^)  Er  will  ausdrücklich  behandeln:   ,,seulement  ce  qui  appartient 
la  police,  pour  contenir  le  peuple  en  repoz  et  tranquülite"'  (S.  449). 
12)  I.   S.  469  ff. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      193 

est  de  teile  nature  qu'elle  ne  peult  estre  forcee^  mais  doibt  estre  en- 
seignee,  et  n'estre  point  domptee  ny  violee,  mais  persuadee  par 
vrayes  et  süffisantes  raisons;  et  mesme  la  foy  seule  estre  contraincte, 
eile  nest  plus  la  foy''  (S.  471).  Dem  Glaubenseifer,  mit  welchem 
die  Märtyrer  der  neuen  Religion  in  den  Tod  gegangen  sind,  zollt 
er  seine  höchste  Bewunderung.  Die  Überzeugungstreue,  mit 
der  die  Kalvinisten  an  ihrer  Religion  hängen,  bringt  ihn  zur 
Einsicht  ,,qu'il  appert  clairement  par  cela  que  telles  genz  sont  resoleus 
et  persuadez  qu'ilz  tiennent  une  bonne  doctrine,  et  ne  sont  comme 
plusieurs  seditieux  qui  ont  mauvaise  conscience"  (S.  473).  Er 
ahnt  die  Gefahr,  welche  die  Vergewaltigung  der  Gewissen  be- 
deutet und  richtet  an  den  König  die  Aufforderung,  mit  Milde 
zu  verfahren.  „Pour  lesquelles  choses  il  appert  que  s'il  piaist 
ä  la  majeste  du  roy  d'avoir  soing  de  la  conscience  et  salut  de  ses 
subjectz,  comme  il  est  tres-raisonnable,  il  doibt  user  de  moyen  doulx, 
paisible  et  propre;  ä  quoy  il  fault  adjouster  la  consideration  du 
Service  du  roy  et  repoz  de  son  peuple"  (S.  473.  474).  Die  Beharrlich- 
keit, mit  welcher  die  Kalvinisten  an  ihrem  Glauben  hängen, 
bildet  in  seinen  Augen  einen  Grund  mehr  dafür,  ein  bewaffnetes 
Einschreiten  gegen  sie  zu  unterlassen.  Ihre  Festigkeit  und  vor- 
treffUche  Organisation  macht  eine  Bekämpfung  nicht  gut  möglich, 
zumal  zur  Zeit  der  Minderjährigkeit  des  Königs.  Sie  werden 
doch  an  ihrem  Glauben  festhalten  und  ihre  Versammlungen 
nicht  einstellen,  denn  diese  gehören  nach  ihrer  Meinung  zur 
Religion,  und  daran  lassen  sie  sich  nicht  rühren.  Ihre  Versamm- 
lungen tragen  keinen  aufrührerischen  Charakter,  im  Gegenteil 
hier  beten  sie  zu  Gott  für  den  König.  Die  Eingriffe  der  welt- 
lichen Macht  allein  nützen  nichts;  Gott  muß  das  Seinige  dazu 
tun:  ,,ne  fault  persuader  que  les  menaces  seules  puissent  bien  ployer 
las  coeurs  des  subjectz  ä  Vobeyssance  de  leur  prince,  s'il  ne  s'entend 
en  eulx  que  Dieu  les  auroit  ä  ce  obligez:  et  par  ce  moyen  rendront 
tousjours  ä  leur  prince  une  obeyssance  d'aultant  plus  durable  qu'elle 
sera  prompte  et  volontaire"  (S.  477).  Und  so  ergibt  sich  ihm 
auch  aus  diesen  die  religiöse  Seite  betreffenden  und  doch  stets 
die  politische  Tragweite  berücksichtigenden  Erwägungen  die 
Folgerung,  daß  es  nur  der  Anwendung  weiser  Milde  gelingen 
kann,  die  Hugenotten  im  Gehorsam  gegen  den  König  zu  eriialten: 
,^La  conclusion  donc  est  que  despuis  qu'il semble  pour  le  mieulx  qu'on  y 
doibt  proceder  doulcement,  et  niettre  fin  aux  poursuytes  accoustumees^ 
tant  pour  le  repoz  de  la  conscience  des  subjects  du  roy  que  pour 
le  bien  de  son  Service  :  il  est  besoing  en  attendre  plus  ample  resolution 
par  bon  concile,  ne  se  formalisant  contre  les  evangeliJes,  et  avoir 
seulement  Vceil  qu'il  n'y  ait  aulcune sedition,  et  empescher  les  esmeutes 
du  peuple,  seule  cause  des  seditions,  et  par  ce  moyen  entretenir 
les  subjects  du  roy  en  paix  et  en  son  obeyssance"  (S.  478). 

Den   Gedanken,   daß   die   Forderung  religiöser  Toleranz  ein 
Gebot  politischer  Klugheit,  zugleich  aber  auch  eine  Forderung 


194  A'i^^  (Haser. 

der  Billigkeit  und  des  Gewissens  ist,  hat  L'Hospital  nocli  einmal 
in  einer  seiner  bedeutendsten  Schriften,  dem  ,,But  de  la  guerre 
el  de  la  paix,  ou  discoiirs  du  chancelier  L'IIospilal  poiir  exhorler 
Charles  IX  d  donner  la  paix  u  ses  subjecls"  (1570.  11.  S.  175  ff.) 
ausgesprochen.  Die  Sclirift  hat  er  nach  seiner  Abdankung 
zwisciicn  den  Jahren  1568  und  1570  verfaßt.^^)  Er  folgt  hier 
einem  ähnlichen  Gedankengang  wie  in  seiner  Rede  zu  Poissy. 
Er  beginnt:  ,,Le  bat  de  la  guerre  c'est  la  paix,  laguelle  s'acquierl 
ou  par  cornposition,  ou  par  pleine  el  entiere  victoire" .  Aber  der 
Sieg  ist,  auch  mit  überlegenen  Kräften,  wie  sie  der  König  hat, 
zw'eifelliaft;  er  ist  eine  Gabe  Gottes.  Oft  bedient  sich  der  Himmel 
böser  Menschen  als  Werkzeuge,  so  jetzt  der  Protestanten:  ,,i7  y 
a  doncques  apparence  que  ces  genz  icy,  quelque  meschantz  que 
nous  les  estimions,  soyent  fleaux  de  sa  <>engeance,  et,  de  faict,  nous 
veoyons  que  toutes  choses  jusques  icy  ont  succede  fort  ä  propoz 
contre  esperance  et  discours  des  hornmes  .  .  ."  (S.  176).  L'Hospital 
zollt  dem  Eifer,  mit  welchem  die  Hugenotten  für  ihre  Sache 
eintreten,  seine  Bewunderung.  Dagegen  bedauert  er,  daß  im 
Lager  des  Königs  alles  drunter  und  drüber  geht  (S.  178);  er 
entsetzt  sich  auch  über  die  Hereinziehung  fremder  Kriegsvölker 
nach  Frankreich.  Der  Sieg  über  die  Hugenotten  wird  nicht 
viel  helfen:  sie  wählen  eher  den  Tod,  wie  sie  das  bisher  schon 
so  oft  getan  haben,  als  die  Knechtung  ihres  Gewissens  {„la  servi- 
tude  de  leur  conscience"  S.  182).  Nur  durch  Gewissensfreiheit 
kann  die  Ruhe  im  Lande  gewährleistet  werden.  Der  Krieg, 
der  bisher  getobt  und  alles  verwirrt  hat,  ist  nur  ein  Vorspiel  ver- 
hängnisvollerer Kriege,  die  noch  kommen  werden.  Das  Schlimmste 
bei  allen  diesen  Kriegen  ist  die  Gefahr,  daß  die  königliche 
Autorität  erschüttert  und  vernichtet  wird:  „C'est  le  mespriz 
et  contemnement  de  Vauthorite  du  roy,  des  loyx  et  de  la  justice, 
dont  an  commenQoit  ä  gouster  la  doulceur  .  .  .''  (S.  188).  Natürhch 
wird  dadurch  auch  Frankreichs  Ansehen  nach  Außen  leiden. 
Überall,  in  dem  Verhalten  des  Volks,  der  Großen  im  Staat  wie 
des  gewöhnUchen  Bürgers,  gibt  sich  der  Mangel  an  Autorität 
in  erschreckender  Weise  kund;  alle  tun,  als  ob  der  König  nicht 
mehr  existierte.  Als  Ergebnis  dieser  Erörterungen  drängt  sich 
L*Hospital  auch  hier  mit  zwingender  Notwendigkeit  die  Frage 
auf,  wie  dem  Staate  zu  helfen  sei.  Daß  mit  Gewalt  nichts  zu 
wollen  ist,  ist  ihm  von  vornherein  klar.  Ein  von  ihm  vielfach 
gebrauchtes  Bild  aufgreifend,  sagt  er:  „Vray  est  qu'il  fault  retran- 
cher  le  membre  pourry,  mais  c'est  quand  il  n'y  a  plus  esperance 
de  guerison;  car  tant  qu'il  y  a  tant  soil  peu  de  lumiere  d'amen- 
dement,  le  medecin  seroit  meurtrier  et  bourreau,  s'il  le  coupoit. 
II  faut  donc  en  user  de  mesme  aujourd'huy,  et  avant  que  de  prononcer 
une  sentence  de  tel  poinct,  ou  il  s'agit  de  la  vie  non  d'ung,  ny  de 


^3)  Vgl.  Notice  preliminaire  S.   171  ff. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      195 

Cent,  ny  de  mille,  mais  de  plusieurs  milliers  et  millions  de  personnes, 
tous  suhjects  d'ung  mesme  roy,  et  des  enfans  de  la  maison,  encore 
qu'ilz  soient  desbauchez,  s'enquerir  diligemment  et  regarder  si  le 
mal  est  incurahle  pour  user  des  remedes  selon  le  besoing.  Aultrement 
ce  seroit  comme  qui  enterreroit  son  enfant  vij  malade  sans  essayer 
les  moyens  de  le  guerir".  (S.  192.  193).  Den  Hugenotten  gesteht 
er  —  zu  optimistisch  allerdings,  wie  die  Folgezeit  lehren 
sollte  —  unbedingte  Königstreue  zu.  Wenn  sie  sich  trotzdem 
dem  König  widersetzen  und  ihm  ihre  Forderungen  aufdrängen 
wollen,  so  kommt  das  daher,  daß  sie  ganz  von  ihren  Leiden- 
schaften beherrscht  sind.  Sie  glauben  recht  zu  handeln,  aber 
ihre  Leidenschaft  macht  sie  wie  verrückt:  ,Jls  sont  donc  malades 
de  l'esprit?  Ouy,  certainemeni"  (S.  194),  und  gerade  deshalb 
müssen  sie  geheilt,  aber  nicht  verfolgt  und  bekriegt  werden. 
„Ainsy  le  nom  du  roy.  plein  d'amour  et  charite  paternelle,  ne  peull 
souffrir  wie  si  sanglante  et  felonne  ohstination  d'exterminer  une 
si  gründe  partie  de  ses  suhjects,  s'il  y  a  moyen  de  les  r amener  ä 
leur  dehvoir  et  les  reconcilier  ensemble,  puisquen  cela  gist  le  salut 
de  la  republicque"  (S.  197).  .  .  .  „Le  moyen  que  j'y  trouve,  c'est 
de  faire  cesser  au  plustost  les  injures  et  violences  reciproques,  leur 
faire  poser  ä  tous  les  armes,  et,  par  une  loy  benigne,  rappeler  les 
desvoyes  d  l'obeyssance  de  leur  prince,  donnant  fin  ä  ceste  sang- 
lante et  brutale  guerre"  (S.  197.  198).  Das  einzig  wirklich  wirk- 
same Heilmittel  kann  nur  die  Gewährung  der  Gewissensfreiheit 
sein.  ,,Quoy  il  (d.  h.  der  König)  leur  dornte?  II  leur  dontie  une 
liberte  de  conscience,  ou  plustost  il  leur  laisse  leur  conscience  en 
liberte"  (S.  199).  „Si  le  roy  leur  ostoit  la  liberte  qu'ilz  luy  demandent, 
Hz  seroient  ses  esclaves,  et  non  pas  ses  subjects:  aar  la  principaulte 
est  sur  les  hommes  libres;  donc,  en  leur  accordant  ceste  liberte,  il 
se  constitue  vrayement  leur  prince  et  protecteur,  et  eulx  se  declarent 
ses  subjects,  obligez  ä  mainienir  son  cstat"  (S.  199).  L^nd  nun 
beginnt  er  in  schwungvollen  Worten  die  moralische  und  faktische 
Notwendigkeit  religiöser  Toleranz  darzulegen  und  den  Anteil 
des  Königtums  an  der  Lösung  dieser  Aufgabe,  der  edelsten  und 
schwersten  der  Zeit,  zu  bezeichnen.  „C'est  ce  qui  conserve  ä  nostre 
roy  le  nom  et  titre  de  hon  prince,  quand  il  maintiendra  les  ungs 
et  les  aultres  dans  l'obeyssance  de  ses  edicts  et  de  la  foy  publicque. 
L'observation  de  laquelle  est  l'appuy  et  soutennement  de  son  estat.  .  ." 
(S.  201).  „Rien  n'est  plus  honorable  et  magnifique  ä  ung  Roy  que 
de  donner  la  loy  ä  ses  subjects  sans  diminution  de  ses  debvoirs; 
rien  n'est  plus  louable  d  ung  saige  prince  qui  cognoist  que  les  fureurs 
et  dissensions  civiles  sont  la  nwrt  des  grands  estals,  d'y  appliqner, 
par  sa  prudence,  le  remdde  convenable,  et  si  dextrement  manier 
les  esprits  qu'il  guerisse  leurs  playes,  et  saulve  de  ruyne,  par  ce 
moyen,  ses  subjects  et  sa  seigneurie"  (S.  202).  Eine  solche  kluge 
Politik  hat  ungleich  mehr  Erfolg  als  joghclier  Sieg:  „ainsy  ä 
bon  droict  sera  le  tiltre  de  tres  grand  donne  ä  nostre  roy,  s'il  pacifie 


|<)()  Ah/7  (ilaser. 

son  peuple"  (S.  205).  ,,Finissant  donc  cesle  triste  et  cruelle  guerre, 
reliiyra  iine  ires  joyeuse  et  tris  aimable  paix,  qa'd  bon  droicl  j'appelle- 
rai/  luie  precieuse  et  sacree  conqueste,  laquelle  rendra  sa  majeste 
redoutable  ä  tonte  l'Europe,  qiii  a  sceu  la  grandeur  des  deux  paissances 
qiie  le  roij  remellra  soiis  sa  mairi''  (S.  206).  Wenn  man  seit  1562 
nach  den  Grundsätzen  der  Toleranz  und  Milde  verfahren  wäre, 
so  stände  jetzt  manches  anders  im  Lande.  Jetzt  ist  durch  Ver- 
liandlungon  und  Kriege  das  Mißtrauen  dermaßen  gewachsen, 
daß  kaum  noch  eine  Einigung  zu  erlioffen  ist.  ,,Toutesfois,  devant 
qiie  condamner  leurs  entreprinses,  mettons,  je  vous  prie,  la  maiii 
en  nos  consciences:  y  a-il  donc  esprit  si  bening  et  si  repose  qui 
n'en  just,  ä  la  jin,  ejjaroiiche ?"  (S.  208).  So  rät  L'Hospital  immer 
von  neuem  zum  Frieden,  ,,  .  .  .la  paix,  dont  la  doiilceur  et  le  desir 
ordonne  commencement  aux  roys  et  aux  loyx,  et  a  jaict  cognoistre 
au  plus  jort  le  plus  joible,  et  assubjectir  volontairement  les  ungz 
aux  aultres"  (S.  212).  In  seine  Ausführungen  spielt  auch  hier 
die  Sclieidung  des  Königs  vom  Tyrannen  hinein.  ,,Le  prince 
qui  abhorre  la  paix,  et  qui  se  paist  du  sang  principalement  de  ses 
subjectz  qui  sont  ses  membres,  perd  d  bon  droict  ce  nom  tant  beau,  et 
pour  l'aultre,  tant  abominable,  qui  est  de  tyran,  c'est-ä-dire,  d'ung 
ennemy  du  genre  humain  et  de  la  nature.  L'afjection  du  prince 
a  este  de  tous  temps  comparee  d  la  paternelle:  le  pere  crutl  envers 
ses  enjans  est  ung  monstre  denature  et  execrable,  s'ejjorgant  de 
despiter  le  i>ray  et  commun  pere  des  hommes  et  de  la  nature.  Arriere 
donc  ces  pestes  qui,  d'ung  cceur  jelon  et  sanguinaire,  pour  assouvir 
leur  vengeance  particuliere,  taschent  de  corrompre  ce  que  Dien  detourne 
d  la  na'ijve  et  naturelle  bonte,  clemence  et  benignite  de  nostre  prince, 
de  la  royne  sa  mere,  de  messeigneurs  ses  enjans,  qui  les  veulent 
jaire  degenerer  de  l'ancienne,  tant  celebre  et  plus  chrestienne  qu'hu- 
maine  debonnairete  de  leurs  majeurs  roys  de  France  envers  leurs 
subjectz,  qui  est  le  seul  bien  qui  a  si  long-temps  entreteneu  ceste 
seule  couronne,  reconneue  et  servye  d'ung  cceur  jranc  en  jidelite 
jrangaise,  et  non  par  tyrannie,  ejjusion  de  sang,  cruaultes  .  .  .^^) 
„Pour  y  obvier,  n'y  a  aultre  moyen,  sinon  que  le  roy  use  de  clemence 
envers  son  peuple,  ajin  qu'il  eprouve  celle  de  Dieu  .  .  ."■^^) 

So  verquickt  sich  für  1/Hospital  die  Toleranzfrage  mit  der 
Frage  nach  der  rechthchen  Stellung  des  Königtums.  Ohne  den 
König  war  die  ersehnte  Beseitigung  der  Rehgionsspaltung  nicht 
gut  zu  erhoffen.  Das  Maß  seiner  Teilnahme  bei  der  Lösung  einer 
so  schwierigen  Aufgabe,  wie  es  die  Beseitigung  des  Rehgions- 
gegensatzes  und  des  damit  zusammenhängenden  politischen 
Parteigegensatzes  bildete,  hing  nicht  bloß  von  der  Größe  der 
ihm  gerade  (vorübergehend)  zur  Verfügung  stehenden  Macht, 
sondern  zugleich  von  der  Fülle  der  ihm  (theoretisch)  kraft  seines 


")  S.  213.  214. 
15)  S.  214. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      197 

königlichen  Amtes  zukommenden  Befugnisse  ab.  Eine  Ab- 
grenzung der  Rechte  des  Herrschers  und  seiner  Pflichten  gegen 
sein  Volk  war  darum  auch  in  dem  Zusammenhang  der  L'Hospital- 
schen  Gedanken  notwendig,  ebenso  notwendig,  wie  eine  Klar- 
stellung der  Rechte  und  Pflichten  der  Untertanen  gegenüber 
dem  König.  L'Hospitals  Ansichten  in  diesen  beiden  Punkten 
laufen  auf  die  zwei  Gedanken  hinaus:  daß  die  Könige  von  Gott 
zur  Herrschaft  über  die  ihnen  anvertrauten  Völker  eingesetzt 
sind  und  für  die  meisten  ihrer  Gedanken  der  göttlichen  Vorsehung 
Dank  schulden^^)  —  daß  die  Untertanen  ihrerseits  dem  Herrscher 
zu   Gehorsam  verpflichtet  sind.^'*) 

In  diesen  Rahmen  reihen  sich  alle  weiteren  Ideen  ein. 
Der  König  steht  über  dem  Gesetz  ;^^)  er  schuldet  nur  Gott  Rechen- 
schaft für  seine  Amtsführung:  ^fi'est  bien  au  roy  ä  le  s^acoir, 
puisqu'il  fault  qu'il  en  reponde  devant  Dieu"  (II.  S.  75).  Bei 
Ausübung  seines  Herrscherberufs  stehen  dem  Könige  zwei  Mittel 
zur  Verfügung:  Gewalt  und  Gerechtigkeit.  Beide  werden  scharf 
getrennt:  die  Gerechtigkeit  (justice)  muß  gegen  die  Untertanen 
zur  Anwendung  kommen,  die  Gewalt  dagegen  darf  nur  gegen 
die  auswärtigen  Feinde  oder  gegen  rebellische  Untertanen  — 
im  letzteren  Fall  aber  auch  nur  nicht  ohne  große  Not  — gebraucht 
werden.  ,,Les  deux  principaulx  poincts  qui  contiennent  ung 
royaulme  sont  les  armes  et  la  justice:  l'ung  regarde  le  dehors  et  la 

^^)  Am  9.  September  1561  sagt  er  in  Gegenwart  des  Königs  und 
kathohscher  und  protestantischer  GeistUcher:  ,,Les  roys  sont  commiz 
de  Dieu  pour  gouverner  son  peuple,  et  la  pluspart  de  leurs  intentions 
sont  regies  par  sa  providence.  Est  ä  croire  que  sa  bonte  alt  mue  les 
mceurs  de  nos  princes  pour  remesdier  au  mal  pullulant  par  ce  royaulme. 
En  pourvoyant  ä  cecy,  il  ne  faut  imiter  le  medecin,  lequel,  .  .  ."  (I.  S.  485). 
Die  Abhängigkeit  der  Fürsten  von  Gott  rückte  L' Hospital  auch  in  seiner 
am  17.  August  1563  vor  dem  Parlament  von  Ronen  gehaltenen  An- 
sprache (II.  S.  53  ff.)  näher  ins  Licht;  er  sagt  dort  u.  a.r  ,,Grace  ne 
se  pouvoit  reprendre  par  jorces  humaines,  et  que  le  conseil,  Ventreprinse, 
la  prinse  et  execution  sont  de  Dieu;  seulement  luy  roy  est  ministre"  (S.  55). 

^')  So  ruft  er  z.  B.  dem  Parlament  gelegentlich  der  Eröffnung 
seiner  Sitzungen  am  12.  November  1561  die  Pflicht  des  Gehorsams 
gegen  den  König  ins  Gedächtnis:  ,,Nostre  roy,  jeune,  ne  peult  Com- 
mander, et  on  ne  veult  obeyr;  ä  V empeschement  du  roy,  n^y  a  faulte 
syenne:  le  suhject  qui  n'obeyt,  a  le  tort,  et  du  double  si  la  desobeyssance 
vient  par  mespryz  du  roy  ou  de  son  aage,  auquel  qui  bien  regardera  debvra 
aveoir  plus  de  pitie  pour  servir  ä  la  conservation  de  Vestat,  que  d'user 
d'aulcune  rebellion  ou  desobeyssance"'  (S.  9.  10).  Bei  dem  Verhältnis 
der  Untertanen  zum  König  darf  die  Hoffnung  auf  äußeren  Gewinn 
nicht  maßgebend  sein:  ,,...  ils  monstrent  qu'ilz  ont  ser^'y  pour  leur 
profict,  et  leur  semble  que  le  Service  faict  ä  ung  enfant  est  perdeu;  ne 
veulent  faire  service  que  les  rescompenses  ne  soient  prestes,  ressemblent 
aux  moHsches,  qui  ne  bougent  de  nos  cuisines  tant  y  a  graisse  ou  sucre; 
alors  quHl  n'y  en  a  plus,  se  retirent  sans  scn^ir  pour  rhonneur  et  debvoir 
au  roy  et  bien  de  la  patrie,  non  pour  esperance  du  gain''  (S.  11). 

^^)  I.  S.  392:  ,,.  .  .  par  vraye  obcyssance,  qui  est  de  garder  ses  vrays 
et  perpetuels  comniandemens,  c'esl-ä-dire  ses  loyx,  edicts  et  ordonnances, 
ausquelz  tous  doibvent  obeyr,  et  y  sont  subjects,  excepte  le  roy  seul.^' 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIXT-  14 


198  Kurt  Glaser. 

conservation  de  Veslal  conire  les  voisinz  et  ennemis;  l'autre  le  dedans, 
(jiii  concerne  le  suhject  et  son  prochain  en  paix;  c'est  la  justice, 
et  Vung  ne  peult  sans  l'aultre.  II  n'est  plus  dangereuse  ny  plus 
cruelle  chose  au  monde  que  les  armes,  sans  justice,  ou  VinjustUe 
armie:  experience  des  choses  veues  depuis  ung  an  en  fä;  aussy 
la  justice  qui  est  sans  armes  ne  peult  du  tont  faire  ce  qu'il  appartient. 
Si  chascung  estoit  juste,  l'ung  feroit  justice  ä  l'aultre;  mais  cela 
n'est  poinct:  et  par  ce,  Dieu  a  ordonni  sa  puissance  aux  roys. 
lesquelz  s'aydent  des  armes  contre  leurs  subjectz  desobeyssans,  comme 
contre  les  estrangers  et  malveillans"  (II.  S.  27).  ,,  •  .  .  le  propre 
estat  et  office  d'ung  roy  est  de  faire  la  justice  ä  ses  suhjects,  et  de 
ne  venir  jamais  aux  armes  sans  grand  besoing"  (S.  29).  Vor  dem 
Gesetz  hat  L'Hospital  die  größte  Achtung.  Es  muß  über  den 
Richtern  stehen:  ,,il  fault  que  la  loy  soit  sur  les  judges,  non  pas 
les  judges  sur  la  loy"  (II.  S.  108).  Dem  Parlament  von  Rouen 
ruft  er  die  Worte  zu:  „Messieurs,  messieurs,  faictes  que  V ordon- 
nance soit  par-dessus  vous.  Vous  dictes  estre  souverains'.  V ordon- 
nance est  le  commandement  du  roy,  et  vous  n'estes  pas  par-dessus 
le  roy.  II  n'y  a  nuls  ,  soit  princes  ou  aultres,  qui  ne  soient  teneus 
garder  les  ordonnances  du  roy"  (II.  S.  68).  Er  verlangt  Gehorsam 
gegen  den  König,  aucli  für  den  Fall,  daß  der  König  im  Unrecht 
zu  sein  scheine:  „Si  vous  trouvez,  en  praiiquant  V ordonnance, 
qu'elle  soit  dure,  difficile,  mal  propre  et  incommode  pour  It  pays 
ou  vous  estes  juges,  vous  la  debvez  pourtant  garder,  jusqu'ä  ce  que 
le  prince  la  corrige,  n'ayant  pouvoir  de  la  muer,  changer,  ou  cor- 
rompre,  mais  seulement  user  de  remonstrance"  (S.  68).  „Si  les 
roys  commandent  quelque  chose  qui  semble  injuste,  il  y  fault  user 
de  modestie,  et  prudence  de  conseil;  non  pas  s'opposer  d  leurs  volon- 
tez  .  .  .  Ainsy  doibt  on  faire:  non  s'opposer  droictement  aux  volontez 
et  commandemens  des  roys,  lesquelz  sont  jaloux  de  leur  puissance, 
sans  vouloir  estre  vaincuz.  Mais  doibt  on  user  de  remonstrances 
humbles  et  doulces  dans  ces  caz,  ils  sont  teneus  ä  les  oiiir  et  rece- 
bvoir .  .  ."  (II.  S.  87,  88). 

Die  reUgiöse  Duldung  stellt  sich  für  L'Hospital  als  Forderung 
des  höchsten  und  idealsten  Begriffes,  zu  dessen  Verwdrklichung 
der  Staat  dient,  dar:  als  Forderung  der  justice.  Hier  liegt  L'Hos- 
pitals  theoretische  Stärke,  hier  entfaltet  sich  die  ganze  Kraft 
seines  Geistes,  die  ganze  Fülle  seiner  Gedanken.  Er  sucht  die 
justice  ihrem  Wesen  und  Wert  nach  zu  bestimmen  und  die  Mittel 
und  Wege  zu  ihrer  VerwirkHchung  im  staatlichen  Leben  darzu- 
tun. Das  ist  der  Zweck  seines  Inhalts-  und  gedankenreichen 
„Traite  de  la  reformation  de  la  justice".  Der  Traktat  ist  von  dem 
Herausgeber  der  Werke  L'Hospitals,  Dufey,  aufgefunden  und 
zum  erstenmale  in  zwei  Bänden  (1825  und  1826)  veröffentlicht 
worden.  An  Beispielen,  die  L'Hospital  hier  —  wie  sonst  —  vor- 
nehmhch  der  römischen  Geschichte  entnimmt,  legt  er  dar,  daß 
alle  staatlichen  Ordnungen  sich  auf  dem  festen  Boden  der  justice 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      199 

aufbauen.  Die  Herrschaft  der  injustice  bedeutet  den  Ruin  eines 
Landes.  Die  vornehmste  Aufgabe  eines  Herrschers  besteht 
darin,  dafür  zu  sorgen,  daß  die  justice  als  Stütze  und  Grundlage 
aller  staatlichen  Ordnung  erhalten  bleibt.  Wenn  der  Fürst  diese 
Aufgabe  nicht  erfüllt,  wird  er  zum  Henker  seines  Volks,  zum 
Feind  des  Menschengeschlechts.^^)  L'Hospital  erwartet  die 
Reform  der  Zustände  in  Frankreich  von  der  Mitarbeit  aller 
patriotisch  gesinnten  Franzosen,  ,,tout  komme  de  bien  et  bon 
FrariQois  doibt  contribuer  ä  ce  travail  selon  sa  portee,  merite  et 
capacite,  ou  selon  le  zele,  courage  et  vertu  qu'il  a  pleu  ä  Dieu  luy 
inspirer"  (S.  10).  Mit  dieser  Erwägung  rechtfertigt  er  den  Ent- 
schluß zu  seiner  Schrift.  Auf  Grund  seiner  reichen,  fast  30  Jahre 
umfassenden  Erfahrung  will  er  seine  Ansichten  darlegen  und  die 
Mittel  und  Wege  zur  Heilung  der  bestehenden  und  tief  einge- 
wurzelten Schäden  im  Lande  aufzeigen.  Er  geht  dabei  Schritt 
für  Schritt  zu  Werk.  Zunächst  sucht  er  den  Zusammenbruch 
so  vieler  Staats\vesen  auf  psychologischem  Wege  aus  der  mensch- 
lichen Natur  heraus  zu  erklären.  Den  Erklärungsgrund  findet 
er  in  dem  dem  Menschen  innewohnenden  Gelüste,  sich  gegen  die 
Vernunft  (raison)  aufzubäumen:  „sinon  que  la  craye  economic 
de  ce  petit  monde  qui  est  l'homme,  recueil  et  abrege  de  l'univers, 
dont  la  structure  est  si  admirable,  est  troublee,  gastee  et  renversee 
miserablement,  et  que  les  subjects,  qui  sont  les  passions,  les  cupiditez 
et  afflictions  sensuelles.,  veulent  donner  la  loy  et  Commander  ä  la 
raison,  qui  neantmoins  est  leur  royne,  dame  et  princesse  soubveraine. 
ä  laquelle  naturellement  appartient  l'authorite,  le  pouvoir  et  l'office 
de  Commander  et  d'estre  obeye"  (S.  15).  Nur  die  Herrschaft  der 
auf  Vernunft  gegründeten  Gesetze  verbürgt  Ruhe  und  Ordnung. 
Als  weitere  Bedingung  fügt  L'Hospital  eine  Forderung  hinzu,  die, 
so  selbstverständlich  sie  auch  klingen  mag,  doch  recht  wohl  ihre 
Berechtigung  hat  in  einer  Zeit,  in  welcher  das  Königtum  an 
Ansehen  und  moralischem  Halt  viel  eingebüßt  hatte  —  die 
Forderung,  daß  der  Fürst  seine  Pflicht  recht  erfüllen  muß.  Als  Ob- 
liegenlieiten  seines  Amts  rückt  L'Hospital  den  Fürsten  vor  Augen 
„conserver  les  villes  en  union,  les  gouverner  par  une  doulce  police, 
et  surtout  les  conduire  par  clemence  et  misericorde,  qui  est  la  vraye 
liaison  du  bon  prince  avec  ses  subjects,  et  dont  s'engendre  ung  amour 
qui  vault  trop  mieulx  que  tous  les  thresors  qu'on  luy  s(;auroit  amasser, 
forts  et  citadelles  quon  luy  pourroit  jamais  bastir"'  (S.  37).  ,,En 
somme,  il  fault  tenir  pour  la  plus  certaine  maxime  d'estat,  et  ne 
me  lasseray  point  de  le  repeter  souvent,  que  le  principal  office  des 
roys  et  princes  soubverains,  est  de  judger  et  faire  justice"  (S.  38), 
Mit  dem  Hinweis  auf  die  beglückende  Wirkung  der  justice 
und  der  verderblichen  Folgen  der  iujustice  wirtl  auch  der  2.  Teil 
des  Traktates  eröffnet  (S.  53  ff.).     Zur  Bekräftigung  des  immer 


^'•')  „c'est  ung  bourreau,  c'est  ung  enneniy  du  genre  huinain."     S.  S. 

14* 


2(J0  Kurt  ('daser. 

und  immer  wiederholten  Grundgedankens,  daß  allein  die  justice 
dem  Staatswesen  Dauer  und  Bestand  verleiht,  wird  hier  noch 
darauf  hingewiesen,  daß  selbst  Tyrannen  und  Usurpatoren 
nicht  der  in  der  justice  liegenden  staatserhaltenden  Kraft  ent- 
raten  können:  sie  suchen  vielmehr  ihre  Herrschaft  wenigstens 
mit  dem  Schein  des  Rechts  zu  umkleiden  (S.  59).  Nachdem  so 
noch  einmal  die  Bedeutung  der  justice  für  den  Staat  festgestellt 
worden  ist,  wird  zu  mehr  theoretischen  Erörterungen  über  das 
Wesen  der  Gesetze  übergegangen.  Welches  ist  das  wahre  Gesetz  ? 
Jedes  Volk,  jeder  Fürst  gibt  Gesetze  nach  den  besonderen  Be- 
dürfnissen des  Landes,  dabei  müssen  aber  alle  Gesetze,  wenn  sie 
wirklich  gut  sein  wollen,  der  einen  Bedingung  genügen,  ^,que 
la  raison  soil  tousjours  l'ame  de  la  loy;  aultrement  eile  ne  pourroit 
pas  estre  de  duree,  non  plus  que  le  corps  humain  ne  peult  subsister 
sans  l'assistance  de  l'ame  qui  le  vivifie"  (S.  61).  Die  wahre  Ge- 
rechtigkeit trägt  zW'Ci  untrügliche  Kennzeichen  an  sich:  die  piete 
und  die  equite.  Beide  werden  charakterisiert.  Die  piete  wird 
kurz  abgetan:  ,,La  piete  consiste  en  la  cognoissance  de  Dieu.  en 
V Observation  de  ses  commandemens  et  de  sa  divine  loy"  (S.  63). 
Ausführlicher  verbreitet  sich  L'Hospital  auch  hier  wieder  über  den 
Begriff  der  Gerechtigkeit,  welchen  er  in  den  Mittelpunkt  seiner 
Ausführungen  rückt;  er  stellt  auch  jetzt  wieder  die  justice  der 
injuotice  gegenüber  und  entwirft  von  der  letzteren  das  Bild 
absclireckendster  Scheußlichkeit:  ,,...c'est  une  fille  volaige, 
impudicque,  mensongere,  bigarree  de  toutes  couleurs,  et  merveil- 
leusement  ejjrontee,  sortie  des  enfers  pour  tourmenter  et  opprimer 
les  innocents  en  ce  monde,  porter  et  javoriser  les  meschans,  les  combler 
pour  ung  temps  des  richesses  acquises  par  rapines..."  (S.  68) 
,,Le5  compaignes  et  suites  ordinaires  de  la  justice  sont  la  verite, 
la  raison^  l'equite,  la  franchise,  la  fidelite,  les  quatre  vertus  cardinales 
. .  .L'escorte,  garde  et  satellites  de  Vinjusiice  sont  le  mensonge, 
l'hypocrisie,  le  parjure,  la  trahison,  la  flatterie,  l'impudence,  la 
violence,  l'iniquite,  la  rebellion  et  desobeyssance  aux  magistrats, 
la  guerre,  la  peste  et  le  desespoir,  les  assassinats,  la  vengeance  et 
pauvrete,  la  sequelle  de  tous  les  vices  du  monde,  et  finablement  la 
ruyne  publique"  (S.  70).  Die  injustice  ist  die  Ausgeburt  der  Selbst- 
sucht und  weckt  auch  wieder  solche;  die  justice  dagegen  übt 
und  pflegt  die  Entsagung. 

Des  weiteren  wird  die  Bedeutung  der  justice  für  die  Erhaltung 
eines  Staates  veranschauUcht  durch  die  Erörterung  der  in  der 
staatsphilosophischen  Literatur  jener  Tage  vielfach  wieder- 
kehrenden Frage,  ob  ein  Staatswesen  seine  Größe  und  seine  Dauer 
allein  der  Gewalt  {force)  zu  verdanken  hat.  L'Hospital  lehnt 
die  Ansicht,  daß  die  Gewalt  die  Grundlage  der  Macht  eines  Staates 
bildet,  entschieden  ab.  ,^Pour  moy,  je  dis  que  tels  discoureurs, 
qui  soubtiennent  ceste  maxime,  sont  sophistes  ou  flatteurs,  courtisans 
ou  des  ignorans,  si  ce  n'est  qu'ilz  veulent  en  leur  jargon  establir 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      20 1 

des  principaultes  tyrannicques,  et  non  pas  des  monarchies  royales 
et  legitimes''  (S.  77).  „Les  estats  cruels  ont  heaucoup  de  terreur, 
mais  fort  peu  de  vie  . . .  Le  hon  prince  ceult  bien  estre  crainct,  mais 
comme  le  pere  de  ses  enfans;  c'est-d-dire,  crainct  et  ayme  tout 
ensemhle.  Pour  parvenir  ä  ce  poinct,  je  luy  veulx  enseigner  ung 
chemin  bien  court]  c'est  de  faire  justice"  (S.  78).  Im  Zustand 
der  injustice  ist  der  Schwache  die  Beute  des  Starken.  Gewalt 
darf  man  aber  nicht  anwenden.  „II  ne  fault  donc  poinct  faire 
estat  de  la  force^  sinon  de  celle  qui  est  la  servante  de  la  raison,  qui 
luy  obeyt  en  ses  com.mandemens,  qui  se  rend  executrice  et  tient  la 
main  forte  aux  mandemens  et  ordonnances  de  justice"  (S.  81). 
Das  Elend  der  Zeit  kann  nur  gehoben  w^erden,  wenn  die  Fürsten 
die  Herzen  ihres  Volkes  zu  gewinnen  wissen  und  wenn  andererseits 
die  Untertanen  selbst  unter  sich  in  Frieden  zu  leben  trachten. 
Als  erste  Bedingung  dazu  ist  die  Einkehr  in  das  eigene  Herz 
erforderlich:  „Cherchons  donc  premierement  cest  accord,  ceste 
consonnance  et  ceste  harmonie  en  nous  mesmes,  puisqu'elle  est 
cause  d'ung  si  grand  bien  et  tranquillite  en  la  conscience,  et  qu'elle 
nous  nuit  et  conjoinct  avec  Dleu,  en  quoy  consiste  le  soubverain 
bien  de  Vhomme\  et  puis,  si  nous  avons  quelque  pouvoir,  employons 
le  tout  ä  faict  pour  faire  que  ceste  niesme  harmonie  se  trouve  au 
Corps  de  la  cite,  de  la  respublicque  ou  de  l'estat,  afin  que  chascung 
venant  en  repos,  content  du  sien,  et  n'entreprenant  rien  sur  son 
prochain  que  pour  luy  bien  faire,  Dieu  soit  servy  sehn  sa  volonte 
et  purete  de  sa  parolle'''  (S.  111.  112). 

Über  solche  allgemein  gehaltene  Erörterungen  kommt 
auch  das  3.  Kapitel  (S.  115  ff.)  nicht  hinaus.  Die  Bedeutung 
der  justice  für  das  Staatsleben  wird  im  Eingang  in  der  Form 
einer  Vergleichung  veranschaulicht:  „Tout  ainsy  que  l'oeil  est 
le  guide,  le  conservateur  et  gardien  de  tous  les  corps,  et  cy  dessus  nous 
Vavons  compare  ä  l'ame\  aussy  l'oeil  du  corps  politique,  c'est  la 
justice,  laquelle  est  administree  par  les  roys  et  princes  soubverains, 
comme  aussy  par  leurs  lieutenans,  gouverneurs,  officiers  et  ma^i- 
strats,  qui  n'ont  ou  ne  doibvent  rien  avoir  en  plus  gründe  recomman- 
dation,  que  de  garder  les  peuples  que  Dieu  leur  a  commiz,  les  preserver 
de  toute  oppression,  injustice  ou  violence,  faire  vivre  soubs  la  dic- 
cipline  de  leurs  equitnbles  loyx  et  ordonnances,  et  soubs  l'heureuse 
protection  de  la  justice"  (S.  115).  In  dem  Ton  liöchster  Lob- 
preisung feiert  L' Hospital  die  justice  als  eine  den  Fürsten  anver- 
traute Himmelsgabe  und  erläutert  dann  diesen  Gedanken  des 
Langen  und  Breiton  an  dem  Beispiel  der  biblischen  Fürsten.  Seine 
Erörterungen  bieten  wenig  neues;  Beachtung  verdient  vielleicht 
nur  der  eine  Satz,  in  welchem  L'Hospital  das  Verhältnis  des 
Herrschers  zu  Gott  einer  -,  und  zu  den  ihnen  anvertrauten  \'ölkern 
andererseits  formuHert:  „je  dis  qu'ilne  tient  jamais  qu' aux  princes 
souhverains  qu'ilz  ne  soient  riches,  puissans,  aimez  et  obeys  de  leurs 
subjects,  et  pour  le  comble  de  toutes  felicites  agreables  d  Dieu  le 


202  J<url  Glaser. 

createur,  ä  SQavoir,  en  praticquant  eulx  mesmes  Lous  les  premiers, 
et  puis  faisant  fort  aisement  ä  leur  exemplc  praticquer  par  leurs 
subjecls  ces  deux  verlas,  pike  et  justice,  c'est  ä  dire  rendre  d  Dieu 
ce  qui  est  ä  Dieu,  et  aux  hommes  ce  qui  leur  appartient,  en  commen- 
{^ant  aux  plus  grands,  et  de  degre  en  degre  descendant  jusqu'aux 
plus  petits,  qui  sont,  ä  vray  dire,  les  liens  de  la  societe  publicque. 
Quand  le  monarque  faict  le  debvoir  de  bon  prince  en  commandant 
en  equite  et  justice,  et  les  subjects  obeyssant  avec  humilite  et  en 
toute  fidelite,  et  iceux  rompeus,  il  faut,  par  necessite,  que  toui  aille 
pesie  mesle,  en  desordre,  ruyne  et  conjusion  universelle"  (S.  130. 
131).  Die  Heilige  Schrift  spielt  in  dem  Zusammenhang  dieser 
Ausführungen  eine  wichtige  Rolle. ^^)  Ihr  entlehnt  er  auch 
die  moralischen  Maßstäbe  seiner  Beurteilung.  In  den  Gescheh- 
nissen der  Welt  gewalirt  er  ein  stetes  Eingreifen  Gottes  (S.  137). 
Wenn  die  injustice  und  perfidie  in  ein  Land  eindringen,  so  ist 
das  ein  sicheres  Vorzeichen  nahen  Untergangs;  dafür  werden 
wieder  die  üblichen  Beispiele  angehäuft  (S.  137  ff.),  sogar  die 
Sintflut  muß  als  Beleg  und  Beweis  herhalten  (S.  138).  Etwas 
leicht  Moralisierendes  klingt  durch  alle  diese  in  weitläufiger 
eite  gehaltenen  Betrachtungen  von  dem  Verfall  von  Staats- 
wesen und  dem  ständigen  Wechsel  von  Glück  und  Unglück  in 
dem  Leben  der  Völker  und  Fürsten.^^)  Von  aktueller  Bedeutung 
werden  die  Betrachtungen  L'Hospitals  erst  durch  die  Erörterung 
der  Frage  des  Gehorsams  der  Untertanen  gegenüber  der  Obrig- 
keit. Die  Lehre  Calvins  von  dem  Widerstandsrecht  der  Unter- 
tanen gegen  eine  das  rehgiöse  Gewissen  vergewaltigende  Obrigkeit 
überträgt  L'Hospital  auf  das  politische  Gebiet.  Er  fordert  von 
den  Untertanen  wilhgen  Gehorsam  gegen  Obrigkeit  und  Gesetz, 
mit  Ausnahme  des  einzigen  Falles,  daß  das  Gebot  des  Herrschers 
gegen  Recht  und  Vernunft  verstößt:  ,,//  n'y  a  rien  non  seulement 
plus  juste,  mais  plus  necessaire,  principallement  en  l'estat  monar- 
chique,  que  d'obeyr  aux  commandemens  et  volonte  du  prince  soub- 
verain;  mais  cela  s'entend  quand  elles  sont  conf armes  d  la  justice 
et  d  la  raison.  L' equite  est  le  nerf,  veoire  l'ame  du  commandement; 
et  quand  cela  est,  il  faict  obeyr  purement  et  simplement;  aultrement 


^^)  „Je  dis  donc  que  Vhistoire  sacree  est  ma  seule  et  fidelle  guide, 
mon  vray  but  et  mon  etoile  polaire,  ä  laquelle  je  vise  perpetuellement 
et  pour  prendre  jnes  mesures  bien  plus  justes  que  sur  les  nombres  de 
Piaton  et  aultres  conceptions  des  astrologues''  (S.  136.   137). 

-^)  S.  172:  ,,Les  monarchies,  les  respublicques,  les  cites,  les  famüles, 
les  hommes  sont  subjects  ä  changement:  mais,  en  Dieu  et  en  ses  comman- 
demens, il  n'y  en  a  point;  et,  quand  Hz  se  vouldroient  donner  le  loisir 
de  mediter  et  songer  ung  peu  ä  cela,  Hz  trouveront  au  bout  de  leur  compte 
que  ceulx  qu'ilz  appellent  bonnes  gens  estoient  plus  vertueux  et  trop  plus 
couraigeux  et  saiges,  avoient  la  craincte  de  Dieu  pour  guide  de  leurs 
actions;  et,  sous  ceste  heureuse  et  seure  conduicte,  ils  n' avoient  garde 
de  se  fourvoyer  du  droict  chemin  de  la  piete  et  de  la  justice,  qu'ilz  reveroient 
sur  toutes  choses.  . ." 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      203 

le  noeud  de  la  societe  civile  seroit  rompeu,  il  n'y  auroit  plus  de  diffe- 
rence  entre  le  roy  et  le  subject,  et  feroit  ung  beau  mesnaige,  pour 
auquel  obvier  est  fort  raisonnable  que  la  force  demeure  au  roy  et 
d  sa  justice:  mais  aussy,  quand  le  commandement  se  trouve  preju- 
diciable  au  public,  est  il  pas  vray  qu'il  redonde  et  rejaillit  sur  le 
prince  mesme?  Lequel,  comme  chef  de  Vestat,  est  tellement  uny 
it  joinct  ä  ses  membres,  qu'il  ne  peult  offenser  ny  endommaiger 
qu'il  ne  s'en  ressente  tost  ou  tard;  et  comme  le  prince  est  homme, 
el  peult  avoir  este  surpris  ou  par  inadvertance,  ou  par  maulvais 
et  insidieux  conseils:  mieulx  informe,  changera  d'advis;  et,  en  ce 
cas,  le  refus  tant  s'en  fault  qu'il  soit  impute  ä  desobeyssance  et 
desservice,  que  c'est  ung  des  plus  grands  et  notables  Services  qu'on 
luy  SQauroit  faire,  parce  que  vraysemblablement  sa  volonte  n'est 
pas  de  nuyre  et  prejudicier  ä  son  peuple,  mais  plustost  de  luy  pro- 
curer  tous  hiens  et  prosperitez,  veoire  de  postposer  son  profict  parti- 
culier  ä  celuy  de  ses  subjects."  (S.  205.  206).  Ein  auf  Einsicht 
beruhender  Widerspruch  gegen  das  Gebot  oder  die  Laune  eines 

Fürsten  ist  sehr  wohl  gestattet:  ,, et  y  a  trop  de  difference  .  .  . 

entre  desobeyr  et  ne  pas  approuver  ce  qui  est  contre  l'estat  public, 
foule  et  oppression  du  peuple,  et,  le  plus  souvent,  contre  l'intention 
du  prince  soubverain,  qui  accorde  beaucoup  de  choses  par  impor- 
tunite,  et  ne  le  feroit  pas  si  librement  s'il  eslimoit  que  ses  officiers, 
sur  la  conscience  et  fidelite  desquelz  il  se  repose,  les  deussent  passer 
Sans  les  eplucher  et  deument  examiner.  ..."  (S.  210).  Wenn 
die  Fürsten  vielfach  in  ihren  Maßregeln  daneben  greifen  und  das 
Volk  bedrücken,  so  sind  daran  oft  genug  ihre  Ratgeber  und 
Beamten  schuld  (S.  211.  212),  und  oft  genug  hat  gerade  die  Festig- 
keit der  Beamten  gegenüber  unbilhgen  Befehlen  die  Ehre  der 
Fürsten  gerettet  und  den  Staat  in  seiner  Größe  erhalten  („a 
saulve  l'honneur  des  princes,  et  reteneu  la  respublicque  en  sa  gran- 
deur".     S.  213). 

Als  weiteres  Symptom  für  den  Zusammenbruch  eines  Staates 
wird  die  mit  dem  Zerfall  der  Rechtsanschauungen  und  sittlichen 
Grundsätze  verbundene  Zerrüttung  des  Justizwesens  liingestellt. 
Mit  Schmerz  sieht  L'Hospital,  wie  die  einst  so  viel  geachtete  und 
viel  bewunderte  französische  Justiz  ihr  Ansehen  in  den  Augendes 
Auslands  eingebüßt  hat:  „Hz  (d.  h.  les  estrangers)  nous  mettent 
en  leurs  papiers,  nous  dimlguent  pour  les  plus  grands  plaideurs, 
leb  plus  injurieux  formalistes,  les  plus  grands  chicantienrs.  la 
plus  corrompeue,  perfide  et  desloyalle  nation  qui  soit  soubs  le  ciel" 
(S.  234).  Mit  dorn  Verfall  der  Justiz  steht  der  Zusammenbruch 
der  staathchen  Ordnung  in  engem  Zusammenhang.  Das  Beispiel 
des  römischen  Reichs  ist  dafür  beweisend  genug.  Montesquieu 
vorauseilend,  legt  er  die  Ursachen  für  die  Größe  und  den  Verfall 
des  Römerreichs  dar  und  zeigt,  wie  die  Blütezeit  des  Staates 
zugleich  eine  Blütezeit  der  justice  war,  wie  dagegen  der  Zusammen- 
bruch der  staatlichen  Ordnung  mit  der  Zerrüttung  aller  Rechts- 


204  f'^urt  Glaser. 

anschauungen  und  Rechtsbogriffe  Hand  in  Hand  ging.  Die 
Einzelheiten  des  Naciiweises,  welchen  L'Hospital  hier  unternimmt, 
haben  mehr  liistorisches  Interesse,  Von  theoretischem  Wert 
ist  allein  der  aus  der  Betrachtung  der  Gescliichte  des  Römerreichs 
hergeleitete  Grundgedanke  über  die  Bedingungen  der  Größe  und 
des  Verfalls  eines  Staates.  Hier  wie  so  oft  läßt  es  L'Hospital  nicht 
an  der  üblichen  Beigabe  einer  in  direktem  Hinblick  auf  seine 
Zeit  formulierten  Moral  fehlen:  .,^Comme  de  vray,  on  ne  sgaiiroil 
desirer  ung  plus  heureux  estre  en  ce  motide  qiie  soubs  Vcstat  monar- 
chique  et  royal,  royalement  gouverne:  soubs  ce  tnot,  la  justice,  qui 
est  la  vraye  vertu  royale,  est  comprinse,  comnie  l'injustice  n'est 
propre  que  pour  les  tyrans  et  oppresseurs  du  genre  humain"  (S.  244). 
Er  schwenkt  dann  sofort,  die  römische  Geschichte  verlassend, 
zur  Betrachtung  der  in  dem  Gerichtswesen  des  eigenen  Landes 
herrschenden  Mißstände  über  (S.  245  ff.).  Die  tief  eingerissene 
Prozeßsucht  erfüllt  ihn  mit  banger  Besorgnis  für  die  Zukunft 
seines  Volks.  Seine  Meinung  —  er  hat  sie  schon  bei  der  Betrach- 
tung der  römischen  Geschichte  geäußert  —  ist,  daß  der  Ruin 
eines  Landes  mit  dem  Prozeßelend  Hand  in  Hand  geht.  In  frühe- 
ren Zeiten  wurden  viel  weniger  Prozesse  geführt;  darum  waren 
auch  viel  weniger  Richter  nötig.  Jetzt  aber  hat  die  Justiz  unter 
schweren  Mißständen  zu  leiden:  unter  der  Vermehrung  und 
Korruption  des  Richterstandes,  unter  der  Käuflichkeit  der  Ämter, 
unter  der  schriftlichen  Behandlung  und  der  damit  unvermeidlich 
verbundenen  Verschleppung  der  Prozesse.  Alle  diese  Mißstände 
deckt  L'Hospital  mit  Freimut  auf.  Seine  Kritik  gewinnt  durch  das 
überall  hervortretende  Bestreben,  durch  eine  Besserung  und  Be- 
seitigung der  Schäden  im  Justizwesen  auch  auf  das  französische 
Volkstum  reformatorisch  einzuwirken,  noch  eine  besondere 
Bedeutung.  Man  merkt  seinen  Ausführungen  den  gerechten 
Zorn  an,  in  dem  sie  geschrieben  sind,  die  Liebe  zu  Volk  und  Vater- 
land, welche  das  Herz  des  patriotisch  denkenden  Mannes  bewegt. 
Das  nächste  (5.)  Kapitel  (IL  S.  3  ff.)  zeigt  uns  noch  deutlicher, 
wie  sich  L'Hospital  die  Heilung  der  Schäden  in  Justiz  und  Staat 
vorstellt.  Sie  ist  in  erster  Linie  Sache  und  Pflicht  des  Königs,  und 
niemand  ist  dazu  geeigneter  als  er.  Sein  Lob  singt  I..' Hospital 
in  den  höchsten  Tönen.  ,,Nostre  vray  Esculape  sera,  s'il  luy  piaist, 
nostre  heros  et  victorieux  prince,  non  moins  juste  que  vaillant; 
non  moins  desbonnaire  et  jaloux  de  l'amour  de  ses  bons  subjects, 
quaspre  dompteur  et  ennemy  des  rebelles  et  audacieux;  non  moins 
pitoyable  envers  les  affligez,  que  severe  vengeur  des  süperbes,  violens 
et  oppresseurs  de  son  peuple  (S.  10).  ,,Les  temples  et  autels  que 
nous  lui  dresserons  ne  seront  pas  mauldicts  et  perissables,  mais 
seront  des  hynuies,  cantiques  et  louanges  des  ses  heroiques  actions.  .  ." 
L'Hospital  verwahrt  sich  dagegen,  daß  man  ihn  mit  einem  rein 
spekulativ  raisonnierenden  Theoretiker  verwechselt,  wie  es  Plato, 
Xenophon    (als  Verfasser  der  Cyropaedie)    und  Thomas   Morus 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      205 

sind,  ,,qiii  ont  excellement  discoureu,  et  miz  par  escript  de  belies 
et  eslevees  conceptions\  mais  ce  sont  friiicts  gui  n'estaient  plus  de 
Saison.  Aussy  n'ont  i7z,  pour  la  plus  part,  gueres  servy  qu'aux 
escoles  et  academies,  ou  pour  entretenir  les  gens  de  lettres,  mais 
non  pas  pour  adapter  leurs  preceptes  et  enseignement  ä  Vetablisse- 
ment  d'aulcune  police  et  gouvernement"  (S.  12).  Ihm  kommt 
es  auf  die  praktische  Vervsirklichung  seiner  politischen  Ideale, 
auf  die  tatsächliche  Durchführung  seiner  Reformvorschläge  an. 
Er  will  von  der  Notwendigkeit  seiner  Reformen  überzeugen; 
er  rechnet  auf  die  Einsicht  seiner  Landsleute,  deren  Freilieits- 
stolz  und  Treue  zu  dem  angestammten  Fürstenhaus  das  höchste 
Lob  gespendet  wird:  ,,nous  sommes  Fran^ois,  portant  sur  le  front, 
mais  beaucoup  mieulx  dans  une  ame  frangoise,  la  marque  de  nostre 
liberte,  laquelle  tant  s'en  fault  que  nos  roys  ayent  jamais  entreprins 
de  nous  oster  \  qu'au  contraire,  leur  plus  gründe  gloire  est  de  Com- 
mander ä  des  Frangois,  c'est  d  dire,  ä  ung  peuple  ennemy  jure 
de  servytude  et  subjection,  aultre  que  Celles  des  enfans  envers  leurs 
peres  et  meres.  Aussy,  se  piaist  il  infiniment  d'obeyr  ä  son  prince 
soubverain  d'une  amour  filiale,  laquelle  ne  doibt  jamais  empescher 
les  fonctions  de  la  vraye  liberte,  et  croit  que  d'estre  Frangois  et  en 
servytude  sont  deux  choses  non  moins  incompatibles  que  le  jour  et 
la  nuict"  (S.  17,  18).  Von  dem  Amt  des  Herrschers  bei  der  Er- 
füllung dieser  me  anderer  Aufgaben  hat  L'Hospital  die  erhabenste 
Vorstellung:  er  vergleicht  die  Fürsten  mit  den  Hirten  der  Völker; 
er  ruft  ihnen  zu,  ihre  Gewalttätigkeiten  zu  unterlassen,  ihren 
Stolz  abzulegen  und  sich  als  Ebenbilder  Gottes  zu  führen  (S.  50). 
Eine  Beseitigung  aller  Schäden  ist  nur  dann  zu  erhoffen,  wenn 
alle  im  Lande  frei  und  freudig  mit  Hand  anlegen.  Die  Beamten 
haben  sich  jeder  Bedrückung  und  Gewalttätigkeit  zu  enthalten, 
denn  Vergewaltigungen  und  Eingriffe  in  fremde  Rechte  müssen 
mehr  als  anderes  den  Gerechtigkeitssinn  verletzen.  In  dem 
Volke  muß  das  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit  stark  sein. 
Das  Bewußtsein  der  Unterordnung  unter  das  alle  umfassende 
und  alle  beherrschende  Gesetz  bildet  eine  sichere  Gewähr  für 
die  Herrschaft  der  justice.  Dem  König  allein  räumt  L'Hospital 
Vortritt  vor  dem  Gesetz  ein;  er  hat  nur  Gott  über  sieh  und  ist  den 
gerade  dadurcli  am  meisten  befähigt  und  verpflichtet,  ein  Hüter 
von  Recht  und  Gerechtigkeit  zu  sein:  ,,Le  roy  seul  est  exem.pt 
de  la  censure  des  loyx  pönales,  et  n'est  justiciable  que  de  Dieu,  lequel 
luy  sgaura  bien  rendre  compte  des  torts  et  griefs  qu'il  aura  faicts 
en  sa  Charge,  quand  son  heure  sera  veneue;  et  toulesfois  et  quantes 
qu'il  pennet  ou  dissimule  les  injures,  les  indignilez  et  injustices, 
il  commet  trois  lourdcs  faultes  tout  d'ung  coup.  La  premiere  va 
contre  la  majeste  divine,  en  ce  qu'il  abuse  de  la  puissance  que  Dieu 
luy  a  mise  en  main  pour  empescher  les  malfaicts  et  punir  les  injus- 
tices ...  La  seconde,  en  ce  qu'il  rend  l'oppresseur  plus  meschant, 
plus  hardy,  insolent ...    La  troisiesme  (ceste  cy  regarde  son  autho- 


206  Kurt   Glaser. 

rite),  en  ce  gu'il  argue  et  manifeste  sa  craincte  et  son  impuissance, 
de  n'oser,  pour  qiielque  respect  et  consideration  humaine,  rendre 
librement  et  ouverlement  la  justice  ä  son  paiwre  subjecl.  qui  la  liuj 
demande  comme  ä  son  roy  ..."  (S.  59.  60.  61).  Solche  allgemoinon 
theoretischen  Auslassungen  über  das  Amt  des  Fürston  und  sein 
Verhältnis  zu  Gott  wechseln  ab  mit  Erörterungen,  welche  sich 
mehr  den  Fragen  des  praktischen  Staatslebens  zuwenden. 
L'Hospital  führt  hier  bitter  Klage  über  die  Bedrückungen,  denen 
das  niedere  Volk  durch  die  Adligen  ausgesetzt  ist.  Der  Hochmut 
der  Großen  hat  schon  manchen  Staat  ruiniert.  Mit  Schmerz  sielit 
L'Hospital,  daß  Rechtsverletzungen  und  Gewalttätigkeiten  des 
Adels  in  Frankreicli  häufiger  sind  als  anderswo.  Es  ist  deshalb 
mehr  als  je  eine  Pfhcht  des  Königs,  hier  einzugreifen.  Er  ist  zum 
Schutz  seiner  Untertanen  da,  allein  schon  das  Recht  der  Be- 
steuerung seines  Volks  müßte  ihn  dazu  verpflichten,  wenn  nicht 
noch  über  ihm  der  lobendige  Gott  waltete,  ,,qui  est  le  soiibverain 
des  soubi>erains,  et  en  comparaison  diiquel  le  plus  grand  prince 
du  monde  ne  monte  non  plus  qu'ung  grain  de  sable  en  comparaison 
de  l'univers,  se  reserve  particulierement  ce  droict,  privatement  ä 
tous  aultres,  d'oster  les  sceptres  et  les  couronnes  aux  roys  qui  en 
abusent  par  injustices,  oppressions,  violences  et  indeues  exactions 
sur  leurs  pauvres  subjects"   (S.  68). 

In  dem  Zirkel  solcher  Betrachtungen  bewegen  sich  L'Hospitals 
weitere  Ausführungen  auch  noch  in  den  beiden  folgenden  Kapiteln 
(VI.  S.  97  ff.  und  VII.  S.  283  ff.).  Um  Ordnung  im  Lande  her- 
zustellen, sind  gute  Gesetze  ebenso  notwendig  wie  gute  Beamte, 
,,car  il  est  bien  certain  que  le  magistrat  est  l'ame  de  la  loy;  c'est 
celuy  qui  luy  donne  la  force,  vigueur,  action  et  mouvement,  et  sans 
lequel  la  loy  seroit  comme  chose  morte  et  inutile  ..."  (S.  103.  104). 
Und  so  redet  L'Hospital  wieder  ganze  Seiton  lang  von  den  Rechten 
und  Pflichten  eines  Fürsten,  von  den  Tugenden  eines  guten  Herr- 
schers, von  der  Zerrüttung  und  Verrottung  unter  der  Beamten- 
schaft, von  der  Bestechlichkeit  der  Richter  und  der  Käufhchkeit 
ihrer  Ämter.  Das  bis  ins  Unsinnige  angewachsene  Beamtenheer 
muß  verringert  werden,  die  Käuflichkeit  der  Ämter  muß  auf- 
hören, wenn  der  französische  Staat  erhalten  bleiben  und  nicht 
wie  das  römische  Reich  einem  sicheren  Verfall  entgegengehen 
soll.  Die  Beseitigung  der  Mißstände  muß  auf  gesetzmäßigem 
Wege  und  nicht  auf  gewaltsame  Weise  vor  sich  gehen  (S.  148.  149). 
L'Hospital  gibt  dazu  eine  ganze  Fülle  eingehender  praktischer 
Ratschläge  und  Winke.  Seine  Ausführungen  tragen,  auch  in 
der  Form,  einen  stark  persönlichen  Charakter  und  lassen  den 
unter  den  Eindrücken  einer  verkommenen  Justiz  und  in  den 
Fährnissen  des  Staatslebens  gereiften  Politiker  erkennen.  Er 
weiß  sehr  wohl,  daß  er  mit  seinen  Reformvorschlägen  manchem 
zu  nahe  tritt,  aber  über  jeghchem  Sonderinteresse  steht  ihm 
das  Wohl  der  Allgemeinheit. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      207 

Es  ist  L'Hospital  nicht  beschieden  gewesen,  seine  Ideen  in 
den  verwirrten  Verhältnissen  jener  Tage  zu  verwirklichen.  Die 
Kriegsgelüste  und  Intriguen  der  Guisen  waren  stärker  als  der 
edle  Sinn,  der  den  friedfertigen  Kanzler  erfüllte.  Er  mußte 
ihrem  Einfluß  weichen  und  den  Hof  verlassen  (1568).  Seinen 
Sturz  hat  er  nur  um  wenige  Jahre  überlebt.  Unter  dem  grausigen 
Eindruck  der  Greuel  der  Bartholomäusnacht  ist  er,  in  seiner 
Hoffnung  auf  Herstellung  des  Friedens  gebrochen,  im  Jahre 
1573  verschieden.  Manche  schöne  Hoffnung  hat  er  mit  sich  ins 
Grab  genommen,  manchen  schönen  Gedanken  hat  er  unver- 
wirklicht  lassen  müssen.  Sein  Lieblingsgedanke  zumal,  die 
Idee  der  religiösen  Toleranz,  hat  nur  bei  wenigen  seiner  Zeit- 
genossen Verständnis  gefunden.  Die  Zeit,  große  Ideen  zu  ver- 
wirklichen, war  noch  nicht  gekommen. 


II.    £stienne  Pasiqnier. 

An  L'Hospital  reihen  wir  einen  Mann  an,  der  eine  Natur 
von  L'Hospitalschem  Schlage  war:  Estienne  Pasquier,  auch  er 
ein  Vertreter  und  Verfechter  des  Toleranzgedankens.  Wir  haben 
ihn  schon  früher  als  solchen  kennen  gelernt. ^2) 

An  der  Spitze  der  pohtischen  Pubhzistik  Pasquiers  stehen 
zwei  Werke,  welche  beide  dem  Jahr  1560  angehören:  das  erste 
Buch  der  „Recherches"  und  der  ,,Pourparler  du  prince".  Beide 
sind  in  ihrem  Wesen  und  Zweck  grundverschieden:  in  dem  ersten 
Buch  der  ,, Recher ches",  wie  auch  in  den  späteren  Büchern, 
nimmt  die  Theorie  nur  einen  nebensächlichen  Platz  ein  —  in 
dem  ,,Pourparler  du  prince"  dagegen  ist  sie  Endzweck.  W'ir 
haben  hier  einen  in  Dialogform  abgefaßten  staatstheoretischen 
Traktat  vor  uns,  in  wxdchem  Pasquier  seinen  pohtischen  Ideen 
die  Form  eines  abgeschlossenen  Systems  zu  geben  unternommen 
hat.  Mit  seinem  ,,Pourparler"  hat  Pasquier  indessen  noch  nicht 
das  letzte  Wort  gesprochen.  Er  war,  als  er  seinen  Traktat 
schrieb,  kaum  über  30  Jahre  alt  und  erst  an  der  Schwelle  seiner 
schriftstellerischen  Tätigkeit  angelangt.  Die  reiche  Erfahrung 
des  Mannesalters  fehlte  ihm  noch  ebenso  wie  die  Fülle  neuer 
Anschauungen  und  Ideen,  welche  die  Zeit  der  Religionskriege 
bringen  sollte.  Und  doch  enthält  der  ,,Pourparler"  schon  einen 
großen  Reichtum  wohldurchdachter  Anschauungen,  welche  zwar 
in  einzelnen  Punkten  im  Laufe  der  Zeit  und  unter  dem  EinfluT) 
späterer  Lebenserfahrungen  noch  Berichtigung  und  Weiler- 
bildung, aber  keine  tiefgehende  Wandlung  und  Änderung  mehr 
erfahren  haben. 


-)  Vgl.  diese  Zeitschrift  XXXIIP  S.  45—54. 


208  A'"^/  Glaser. 

Der  „Pour parier" ''^^)  trägt  die  Form  eines  Wechselgesprächs 
von  vier  Personen,  von  denen  jede  ihre  besondere  Meinung  vom 
Fürsten  vertritt.  Bei  aller  Verschiedenheit  der  Ansichten  sind 
alle  vier  Sprecher  in  der  Notwendigkeit  eines  monarchischen 
Regiments  einig:  „leur  opinion  se  ferma  pour  le  soastenement 
d'un  hon  Roy''  (S.  191  v"  =  I.  S.  1017  C).  Der  Escolier,  der  zuerst 
das  Wort  ergreift,  kleidet  seine  Ausführungen  in  einen  Schwall 
hochtrabender  Redensarten.  Er  stellt  die  Musen,  die  Genien 
der  Wissenschaften,  als  Urgrund  aller  staatlichen  Ordnung  hin. 
Der  Fürst  wird  seines  Amtes  dann  am  besten  walten,  wenn  er 
ganz  und  gar  dem  Studium  guter  Schriften  lebt  und  in  der  Förde- 
rung und  Begünstigung  von  Wissenschaft  und  Dichtkunst  seine 
Hauptaufgabe  erblickt.  Von  einem  solchen  Fürsten  verspricht 
sich  der  Escolier  die  Erfüllung  der  höchsten  Hoffnungen:  durch 
seine  gelelirten  Neigungen  wird  er  ein  einsichtsvoller  Bewahrer 
der  Grundfesten  aller  staatUchen  Ordnung  sein  und  mit  klarem 
und  selbständigem  Urteil  auch  die  verschiedensten  an  ihn  heran- 
tretenden Aufgaben  selbst  zu  lösen  wissen.  ,^Quel  cas  mieux 
advenant  au  pri?ice,  que  de  respondre  de  soymesme,  et  non  par 
gens  interposez,  aux  ambassades,  et  accompaigner  ses  responses 
d'iine  commodite  d'histoires,  tirees  ä  son  avantage?  Oii  quelle 
chose  plus  brave.,  que  voir  un  prince  bien  emparle,  trafiquer  par 
une  elegante  parole  le  cueur  de  sa  gendarmerie,  captiver  sous  un 
beau  parier  l'amitie  de  son  ennemy,  et  conime  Tyrtee  le  poete,  ores 
que  Ion  soit  inhabüe  au  jaict  des  armes.,  reduire  toutesfois  les  ex- 
peditions  en  bon  train,  par  une  douce  faconde,  lorsque  elles  sont 
deplorees?  Bref.,  tenir  les  esprits  des  soldats  en  transe,  les  animer, 
aigrir,  adoucir,  et  ne  leur  faire  sentir  alteration  de  ioye  ou  douleur, 
que  Celle  qu'on  leur  veut  departir?  Et  si,  non  content  du  present, 
pour  se  revanger  encontre  l'injure  des  ans  ü  pretend  manifester  ä 
la  posterite  les  secrets  de  ses  pensees:  quel  plus  grand  lieur  pourroit 
avenir  au  prince,  si  non  mourant,  laisser  pour  gage  perpetuel  de 
sa  vie  quelques  ceuvres  bien  faQonnees?"  (S.  196=  I.  S.  1021  A.). 

Nach  dem  Escolier  ergreift  der  Philosophe  das  W'ort.  In 
schwungvoller,  an  den  Fürsten  gerichteter  Apostrophe  preist 
er  die  allein  aus  der  Philosophie  fließenden  Tugenden  der  Mäßi- 
gung und  Selbstbeherrschung  als  die  höclisten  und  notwendigsten 
Gaben  eines  Herrschers.  Die  Philosophie  wird  ihn  lehren,  auch 
die  Wandlungen  und  Schickungen  des  Lebens  zu  ertragen;  sie 
wird  ihn  vor  der  törichten  Überschätzung  seiner  eigenen  Person^*) 

-^)  Im  folgenden  zitiert  nach  der  Ausgabe  von  1571:  „Des  recherches 
de  la  France,  livres  premier  et  second.  Plus,  Un  Pour  parier  du  Prince. 
Le  tout  par  Estienne  Pasquicr,  Advocat  en  la  Cour  de  Parlement 
de  Paris."  S.  190  v°  bis  239  v".  Die  übrigen  Zitate  sind  nach  der 
Ausgabe  der  Werke  Pasquiers  von  1723  (2  Bände)  gegeben. 

2^)  Hier  khngen  demokratische  Gedanken  in  Pasquiers  Aus- 
führungen hinein,  besonders  in  der  folgenden  Stelle:  „Tous  lesquels 
propos  serviront  pour  vous  monstrer,  que  les  Rois,  se  voians  assis  entre 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr,  etc.      209 

und  vor  der  Überschätzung  des  Wertes  weltlicher  Güter  und 
weltlicher  Macht  bewahren;  sie  wird  ihm  den  jähen  Glücks- 
umschlag, wie  ihn  einst  Karl  der  Kühne  erlebt  hat,  ersparen 
helfen.  ,,Ceste  est  donc  la  philosophie  que  je  veux  apprendre  ä 
mon  Prince,  une  asseurance  d'esprit,  fondee  au  contemnement  de  ce 
monde:  contemnement^  que  je  veux  qu'il  accompagne  de  ce  perpetuel 
pensement:  qui  est,  que  s'il  rapporte  tout  ä  nature,  ny  luy,  ny 
hornme  quelconque  ne  se  trouvera  jamais  pauvre:  mais  si  d  l'opinion 
du  monde,  non  seulement  ceux  qui  sont  moyennement  riches,  mais 
semblablement  les  monarques,  ne  trouveront  en  quoy  contenter  leur 
esprit"  (S.  206.  207=  I.  S.  1026  C). 

Den  mehr  geistreichen  als  ernst  zu  nehmenden  Ausführungen 
des  Escolier  und  des  Philosophe  tritt  der  Curial  mit  der  kühl 
berechnenden  Art  des  Weltmanns  entgegen.  Er  ist  ein  Feind 
schöner  Worte  und  schönklingender  Theorien.  Den  von  leerem 
Pathos  erfüllten  Auslassungen  des  Philosophen  über  die  Be- 
deutung der  Philosophie  für  die  Gründung  und  Erhaltung  von 
Staatswesen  stellt  er  den  nüchternen  Satz  entgegen:  ,,i7  est 
certain  que  toutes  republiques  bien  ordonnees  prindrent  leur  premier 
avancement  par  les  armes,  et  lors  qu'elles  embrasserent  les  lettres, 
commencerent  ä  s'aneantir".  Die  wahre  Philosophie  des  Fürsten 
ist  einzig  und  allein  seine  Größe:  „la  principale  Philosophie  que 
doit  avoir  un  prince,  est  sa  promotion  et  grandeur,  sans  autre  con- 
templation"  (S.  211  r"  =  I.  S.  1028  CD).  Der  Fürst  ist  nicht 
für  sein  Volk,  sondern  das  Volk  ist  für  seinen  Fürsten  da;  es 
muß  die  Sünden  seines  Herrschers  an  sich  büßen;  es  ist  ihm 
mit  Gut  und  Leben  verschrieben. 2^)  Der  Fürst  verkörpert  eben 
den  Staat  in  sich,  und  so  muß  sein  (d.  h.  des  Fürsten)  eigenes 
Wohl  seine  erste  und  vornehmste  Sorge  sein.  Wenn  er  anders 
handelt,  so  ist  das  allein  sein  freies  Wohlwollen,  seine  „debonnairete 
trop  ardente"  (S.  212  r"  =  I.  S.  1029  B.).  Das  Verhältnis  des 
Fürsten  zu  seinen  Untertanen  erläutert  der  Curial  durcii  eine 
Betrachtung  der  Grundlagen  der  fürstlichen  M  acht,  welche 
in  seinen  Augen  gleichbedeutend  ist  mit  dem  fürstliclien  Rech  t. 


tant  de  richesses,  pendant  leurs  grandes  prosperitez  doivent  mettrc  en 
conlrebalance  la  crainte  et  hazard  des  dangers,  et  penser  qu'ilz  sont  jils 
de  mesme  ouvrier  que  tout  le  demeurant  du  peuple"'  (S.  205  v"  =  I. 
S.  1026  A.)  etc.  Vgl.  aucli  Baudrillart,  Etienne  Pasquier,  ccrk'ain 
politique.  in:  Scances  et  travaux  de  Vacadeniie  des  sciences  morales  et 
politiques  (Paris  1863).    S.  465. 

-^)  „Comme  oinsi  soit  que  les  Rots  li'en  sont  point  nez  pour  leurs 
peuples,  mais  leurs  peuples  sont  nez  pour  eux:  Qui  est  la  cause,  pour 
laquelle  non  point  es  histoires  prophanes,  ains  dans  les  sainctes  escritures, 
les  suiects  simples  et  innocens  se  trouvent  avoir  este  punis  de  mort  pour 
un  peche  de  leur  Prince..."  (S.  211  r'*  =  I.  S.  1028  D.).  „Parquoy 
estans  tous  noz  biens  des  appartenances  du  Prince,  et  luy  au  contrnire 
ne  dependant  en  aucune  sorte  de  nous,  est  ceste  proposition  injaillible, 
que  nous  sommes  nez  pour  noz  Rois,  non  eux  pour  nous"'  (S.  211  v*^  = 
I.  S.   1029  A.). 


210  KurI  (Unser. 

Recht  und  Macht  flicßon  aus  zwei  Quellen:  aus  der  Autorität 
der  Gosotzo,  aus  dar  Gewalt  der  Waffen.  Statt  die  Gesetzx'  als 
Ausfluß  und  Verkörperung  der  Idee  des  Reclits  aufzufassen, 
sieht  der  von  MachiavolUschem  Geist  beseelte  Höfling  in  ihnen 
nur  ein  bequemes  Mittel,  um  die  Untertanen  unter  der  Botmäßig- 
keit des  Herrschers  zu  erhalten  und  den  Vorteil  des  Fürsten  zu 
wahren.  Auch  das  zur  Ausübung  der  Gesetze  notwendige  Be- 
amtenheer wird  eine  Säule  der  fürstlichen  Macht  abgeben.  Kurz, 
die  staatsrochtliclic  Stellung  des  Fürsten  bestellt  in  den  Augen 
des  Curial  darin,  daß  alles  im  Staatswesen  in  den  Dienst  des 
Herrschers  tritt.  Nicht  Recht  oder  Unrecht,  der  Nutzen  allein 
entscheidet.  ,,Fefi  qu'ä  prendre  les  choses  ä  leiir  entier,  il  ne 
fallt  halancer  le  juste  ou  injiisie,  qu'  au  poix  seidement  de  l'utilitS 
qui.  en  oieni"  (S.  214  v"  =  I.  S.  1030  B.).  Auch  die  Waffenmacht 
ist  nur  ein  Mittel  zur  Größe  und  zum  Vorteil  des  Fürsten.  Sie 
gibt  ihm  die  MögUchkeit,  die  Grenzen  zu  schützen  und  das  eigene 
Volk  in  Unterwürfigkeit  zu  erhalten,  ja,  im  Notfall  einen  Krieg 
zu  entfesseln,  der  dann  ein  passender  Anlaß  wird,  um  dem  Volke 
durch  neue  Steuern  sein  teueres  Geld  aus  der  Tasche  zu  locken. 
Nach  dem  Curial  kommt  der  Polüiqiie  an  die  Reihe.  Seine 
Darlegungen  machen  den  Hauptinhalt  des  ,,Pour parier"  aus. 
In  ihnen  gelangt  Pasquiers  eigene  Auffassung  vom  Beruf  des 
Monarchen  zu  Wort.  Der  Politique  beginnt  damit,  daß  er  die 
Unhaltbarkeit  der  von  seinen  Vorrednern  aufgestellten  Prinzipien 
erweist.  Weder  von  der  einseitigen  und  übertriebenen  Pflege 
und  Wertschätzung  der  Wissenschaften  und  Literaturen,  noch 
von  der  Weisheit  des  Philosophen,  noch  endhch  von  dem  Nütz- 
lichkeitsprinzip des  Curial  ist  Heil  und  Glück  für  einen  Staat 
zu  erhoffen.  Der  Staat  muß  vielmehr  auf  der  Herrschaft  der 
Gesetze  beruhen. ^^)  Grundsatz  im  Staate  muß  es  sein  und 
bleiben,  daß  Fürst  und  Volk  in  dem  Verhältnis  gegenseitigen 
Vertrauens  zueinander  stehen:  .„Consequemment  se  doit  porter  le 
Roy  ä  Vendroict  de  son  peiiple,  comme  il  voudroit  que  Ion  fist  envers 
soy,  s'il  estoit  souz  la  puissance  d'autriiy"  (S.  226  r'^  =  I.  S.  1036  C.). 
Der  Fürst  hat  sein  eigenes  Interesse  dem  Wohl  des  Staates  unter- 
zuordnen. Hier  tritt  der  Politique  in  Gegensatz  zu  den  Aus- 
führungen des  Curial.  Er  legt  dar,  daß  weder  die  Gewalt  noch 
auch  irgend  ein  anderes  der  von  dem  Curial  angepriesenen  Mittel 
dem  Staate  Dauer  und  Festigkeit  verleihen  könne;  falsche  und 
unredliche  Mittel,  nicht  minder  wie  der  Mißbrauch  der  dem 
Fürsten  anvertrauten  Macht,  müssen  nur  zum  Ruin  des  Landes 
führen.  Dafür  bietet  die  Geschichte  des  römischen  Weltreichs 
das  klassischste  Beispiel.  Mit  Entschiedenheit  verwahrt  sich  der 
Politique  gegen  den  Mißbrauch  des  Gesetzes  im  Dienst  des  Fürsten 

2^)  „Et  c'est  une  regle  asseuree  qu'il  est  requis  en  toute  Repub.  bien 
policee,  que  le  peuple  soit  subject  au  magisirat,  et  le  magistrat  ä  la  loy''' 
(S.  225  V«  =  I.   S.   1036  B.). 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      211 

und  legt  seine  Auffassung  vom  Wesen  und  der  Heiligkeit  des 
Gesetzes  dar  in  den  Worten:   ,^Quand  ie  vous  parle  de  la  loy, 
i'entetis,  non  pas  (comme  tu  faii,  Curial)  ceste  puissance  que  les 
tyrans  tirent  ä  leur  particulier  avantage:  mais  ceste  reigle  qui  nous 
apprend  ä  tenir  les  ordres  en  hon  ordre,  et  entretenir  d'une  teile 
armonie  et  convenance  les  grans  avec  les  petits,  que  aussi  content 
et  satisfaict  vive  le  petit  en  sa  petitesse,   comme  le  grand  en    sa 
grandeur"    (S.   232  r»  =  I.    S.    1039  C).     In   deutlicher   Sprache 
führt  er  dem  Fürsten  zu  Gemüt,  daß  die  Rücksicht  auf  das  Wohl 
des    Staates   das   oberste    Gesetz   seiner   Philosophie   sein   muß. 
,,Parquoy  pour  te  dire  au  vray  mon  avis  de  la  Philosophie  de  nostre 
Prince,  est  ceste  conclusion  bonne,  et  qui  deust  estre  engravee  en 
la  teste  des  Princes:  que  toutes  choses  sont  mauvaises  en  un  Roy, 
qui  n'avise  le  bien  public:   aimant  mieux,  par  ceste  devise  estre 
excessif  au  trop,  qu'au  trop  peu.     Car  tout  le  but,  dessein,  proget, 
et  Philosophie  d'un  bon  Roy,  ne  doit  estre  que  l'uiilite  de  son  peuple" 
(S.  232  vO=L   S.   1039  D.   1040  A.).     Ein  vielgebrauchtes  Bild 
aufgreifend,  vergleicht  er  den  Staat  mit  dem  menscldichen  Körper, 
dessen   Haupt  der  Fürst,   dessen   Glieder  die   Untertanen  sind. 
Die  Gheder  sind  zu  gegenseitiger  Hilfe  wie  zum  Schutz  des  Hauptes 
da.    Auf  die  üblichen  Beispiele  aus  der  antiken  (römischen)  Ge- 
schichte, mit  welchen  dieser  Satz  belegt  wird,  folgt  die  Wendung 
zur   Erörterung   der   französischen   Verhältnisse.      Der    Politique 
verteidigt  schon  hier  die  von  Pasquier  hinfort  immer  und  immer 
wieder  vertretene   These,   daß   die   französischen    Könige   selten 
etwas   aus  eigener  Machtvollkommenheit  unternommen  haben: 
,, . . .  noz  Rois  par  une  debonnairete,  qui  leur  a  este  familiaire, 
iamais    de    leur    puissance    absolue    fi'entreprindrent    rien    en    la 
France  .  .  ."  (S.  234  r»  -=  I.  S.  1040  C.).     Sie  ließen  sich  von  den 
zwölf   Pairs   und   später   von   dem   aus   dem   Pairsrat   hervorge- 
gangenen Parlament  beraten.    Das  Parlament,  welches  ursprüng- 
lich ohne  festen  Sitz  war,  später  aber  in  Paris  ständig  wurde, 
hat  immer  dazu   beigetragen,   die   könighchc   Macht   zu   zügeln 
und  den  König  auf  den  Weg  der  Vernunft  und  des  Reclits  zu 
führen.      Selbst  ein   Monarcli,   der  so   herrisch   gewesen  ist   wie 
Ludwig  XL,  ist  den  Vorstellungen  seiner  Großen  stets  zugänglich 
und  gefügig  gewesen.     Gerade  diese  Unterordnung  des  Königs 
unter  die  Gebote  der  Gereciitigkeit  hat  der  französischen  Monarchie 
ihre  Stärke  verliehen  und  Achtung  im  Ausland  verschafft.     Die 
Spitze  dieser  Ausführungen  Helltet  sich  gegen  die  Anschauungen 
des  Curial.    Der  Fürst  steht  nicht  über  dem  Gesetz;  nur  schlechte 
Fürsten    können   sich   über   das    Gesetz   erhaben   dünken.      Im 
Anschluß  daran  entwickelt  der  Politique  (und  Pasquier  mit  ihm) 
in    Kürze  seine   Anschauungen   von   dem   Wesen   des    Gesetzes. 
Das  Gesetz  muß  mit  der  Vernunft  in  Einklang  stehen.     Wider- 
streitet es  der  Vernunft,  so  hört  das  Gesetz  auf,  Gesetz  zu  sein, 
wie  der  Fürst,  welcher  sicli  über  das  Gesetz  stellt,  aufhört,  Mensch 


212  Kurt  (ildscr. 

zu  sein:  „pour  bien  dirc,  Ciiriul,  ou  la  loij  est  raison,  ou  conlre- 
venante  ä  icelle.  Si  coiilrcvenanle  a  icelle,  quoy  rjue  soiiz  honnesle 
pretextc  les  Roys  prelendent  en  abuser,  si  ne  merile  elLe  nom  de 
loy:  mais  si  eile  se  rend  conjorme  ä  une  equiti  naturelle,  d'estimer 
que  le  Roy  soit  encores  dessus  la  raison  (au  moins  comme  l'entend 
le  vulgaire,  pour  en  trancher  par  ou  hon  leur  semble)  ceux,  qui 
souz  cesle  puissance  leur  voulurenl  ainsi  applaudir  au  Heu  de  leur 
gratifier,  direnl  en  un  obscur  langage,  que  les  Roys  n'estoient  point 
hommes,  ains  Lyons,  qui  par  le  moyen  de  leur  force  s'estimeroient 
avoir  commandement  sur  les  hommes"  (S.  236  r°  =  I.  S.  1041  C). 
Aus  einer  solchen  Auffassung  vom  Beruf  des  Fürsten  spricht 
ein  gesunder  monarchischer  Sinn.  Der  Herrscher  ist  der  Ver- 
treter und  Vollstrecker  des  Volkswillens.  Er  handelt  im  Ein- 
klang mit  dem  Willen  des  Parlaments  und  muß  sich  jeder  tyranni- 
schen Eigenmächtigkeit  enthalten.  Das  Bild  des  Herrschers, 
wie  es  Pasquier  durch  den  Mund  des  Politique  zeichnet,  ist  eine 
Schöpfung  reiner  Theorie.  Der  „Pourparler"  gehört  nicht  zu 
den  staatsphilosophischen  Traktaten,  welche  unter  dem  Einfluß 
der  Zeitumstände  und  unter  dem  Druck  der  politischen  Vorhält- 
nisse entstanden  sind  und  in  den  Dienst  bestimmter  staatlicher 
Zwecke  und  Ziele  treten;  er  ist  kein  Produkt  parteipolitischen 
Eifers;  er  ist  das  Bekenntnis  eines  Idealisten,  welcher  sich  in 
theoretischen  Ausführungen  gefällt  und  an  die  Macht  der  Theorie 
glaubt.  Wie  L'Hospital  hatte  sich  auch  Pasquier  hineingelebt 
in  den  Glauben  an  eine  friedliche,  aus  vernünftiger  Einsiclit 
zu  gewinnende  Lösung  der  schwebenden  Fragen  der  Zeit,  aber 
auch  er  sollte  nur  zu  bald  erkennen,  daß  eine  Theorie  erst  dann 
Leben  und  Lebenskraft  gewinnt,  wenn  sie  sich  über  die  Forde- 
rungen und  Bedürfnisse  der  Zeit  erhebt,  wenn  ihre  Brauchbarkeit 
in  den   Fährnissen  des    Staatslebens  erprobt  wird. 

Diese  Auffassung  gelangt  zum  erstenmal  zum  Durchbruch 
in  der  Behandlung  der  Toleranzfrage,  auf  welche  Pasquier  durch 
L'Hospital  geführt  worden  ist. 

Pasquier  hat  sich  L'Hospitals  Theorie  der  Toleranz  zu  eigen 
gemacht.  Er  hat  sie  in  seiner  ,,Exhortation  aux  princes  et  seig- 
neurs  du  conseil  priue  du  Roy,  pour  obuier  aux  seditions  qui 
semblent  nous  menacer  pour  le  faict  de  la  Religion  '  ausge- 
sprochen, welche  sich  als  eine  Rede  ausgibt,  die  der  Verfasser 
vor  den  zu  Beginn  des  Jahres  1561  nach  Paris  berufenen  ,. princes 
et  seigneurs  du  conseil  prive  du  Roy''''  gehalten  haben  will.""^) 
Pasquier  gibt  hier  nicht  mehr  Tlieorie  um  der  Theorie  willen; 
ganz  im  Sinne  L'Hospitals  faßt  er  die  Toleranzfrage  vom  Stand- 
punkt des  praktischen  Pohtikers  auf.  Er  begründet  die  Not- 
wendigkeit der  rehgiösen  Duldung  mit  dem  Hinweis  auf  die 
poUtischen   Verhältnisse   in   Frankreich   und   legt   dar,   daß   die 

27)  Vgl.  diese  Zeilschrift  XXXIIIi  S.  45—54. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      213 

politische  Erstarkung  der  kalvinistischen  Partei  die  Duldung  des 
kalvinistischen  Bekenntnisses  zu  einer  unabweisbaren  Not- 
wendigkeit mache.  Seiner  Beweisführung  gibt  er  durch  den 
Hinweis  auf  die  verhängnisvollen  Folgen  eines  Bürgerkrieges 
sowie  durch  den  Appell  an  die  patriotische  Gesinnung  seiner 
erlauchten  Zuhörerschaft  noch  besonderen  Nachdruck.  Wir 
treffen  hier  auf  die  beiden  Züge,  welche  wir  in  Pasquiers  pohtischer 
Schriftstellerei  allenthalben  wiederfinden:  die  aus  der  Betrach- 
tung geschichtlicher  Tatsachen  gewonnene  historische  Erkenntnis 
und  Belehrung  —  die  in  einer  edlen  Auffassung  nationaler  Pflichten 
wurzelnde,  von  wahrer  VaterlandsUebe  getragene  Beschäftigung 
mit  den  seine  Zeit  bewegenden  Fragen. 

Beide  Züge  geben  auch  den  ,^ Recher ches'%  Pasquiers  Haupt- 
werk, ihren  Charakter. 

Des  Verfassers  Absicht  war  es,  ein  historisches  Werk  zu 
liefern,  wenngleich  es  ihm  nicht  darauf  ankam,  ,,d'ecrire  un  corps 
d'histoire,  mais  seulement  une  suite  de  chapitres  detaches  sur  divers 
Sujets"  (Dupin,  Eloge  de  Pasquier.  S.  29).  ,,Ce  sont  icy  des 
meslanges'%  sagt  Pasquier  selbst  gelegentlich  einmal  [Rech.  VI. 
44.  I.  S.  671.  C).  ,,//  n'est  pas  dit  qu'une  prairie  diversijiee  d'une 
infinite  de  fleurs,  que  nature  produit  sans  ordre,  ne  soit  aussi  agreable 
ä  l'oeil,  que  les  parterres  artistement  elabourez  par  les  J ordinier s." 
In  der  Fülle  der  Tatsachen  und  Beobachtungen,  welche  er  in 
den  neun  Büchern  seiner  ,,Recherches"  in  bunter  Mannigfaltigkeit 
anhäuft,  nimmt  die  geschichthche  Erörterung  den  Hauptraum 
ein.  In  dem  ersten  Buch  greift  er  zurück  auf  die  frühesten  Perioden 
der  französischen  Geschichte  und  die  nationalen  Eigenheiten  der 
ältesten  Einwohner  Frankreichs  und  gibt  eine  warme  und  be- 
geisternde Schilderung  der  ,,bons  vieux  peres"  seines  Volks,  um 
derentwillen  man  sein  erstes  Buch  treffend  eine  Rehabilitation 
des  gallischen  Volkscharakters  genannt-^)  und  in  ihm  den  Aus- 
druck des  nationalen  Stolzes  gefunden  hat,  mit  welchem  der 
Verfasser  zu  den  Galliern,  den  Vorfahren  seines  Volks,  als  zu 
den  Überwindern  der  Römer  emporsieht.  Eine  planmäßige 
historische  Darstellung,  auf  welche  das  erste  Buch  keinen  An- 
spruch maciit,  kann  man  schon  eher  dem  inhaltlich  reicheren 
und  bedeutenderen  zweiten  Buch  zusprechen,  insofern  es  wichtigen 
Verfassungs-  und  Gesellschaftsfragen  Frankreiclis  nachgelit  und 
mit  einem  Reichtum  interessanter  und  riclitig  beobachteter 
Einzelheiten  eine  Fülle  großer  Gesichtspunkte  verbindet.  Das 
dritte  Buch  geht  auf  die  in  den  beiden  ersten  Büchern  mehrfach 
gestreiften  auswärtigen  Beziehungen  Frankreichs  ein  und  be- 
schäftigt sicli  fast  ausschließlich  mit  dem  Verhältnis  Frankreichs 
zum  römischen  Stuhl  und  kirchenpolitischen  Fragen.  In  einen 
ganz  anderen  Gedankenkreis  füiirt  das  vierte  Buch  ein,  indem 


28)  Feugere,  Estiennc  Pasquier  (Paris  1848).    S.  66. 
Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIXT.  15 


214  Kurt  Glaser. 

es  die  nachmals  viel  erörterten  Wechselbeziehungen  von  Gesetz 
und  Sitte  zum  Gegenstand  wählt  und  in  einer  sich  bis  in  die 
kleinsten,  z.  T.  in  buntester  Mannigfaltigkeit  aneinandergereihten 
Einzelheiten  erstreckenden  Erörterung  darzulegen  unternimmt. 
Eine  Erörterung  und  —  tatsächliche  oder  bloß  versuchte  — 
Kritik  geschichtlicher  Tatsachen  enthält  erst  das  fünfte  und 
sechste  Buch,  denen  sich  das  siebente  und  achte  mit  der  Be- 
handlung der  französischen  Literatur  und  Sprache  anschließt. 
Pasquiers  Vaterlandsliebe  und  Vaterlandsstolz  gibt  sich  hier 
in  der  Bewunderung,  welche  er  für  die  Literatur  seines  Volkes 
empfindet,  zu  erkennen.  Er  blickt  mit  Stolz  auf  die  Fortschritte, 
durch  w^elche  sich  die  französische  Literatur  der  antiken  und 
italienischen  Literatur  zur  Seite  stellt  (VIL  8.  9.  10);  er  erhofft 
für  sie  eine  glorreiche  Zukunft  (VIL  6.  vgl.  auch  Feugere,  Esiienne 
Pasqiiier.  Paris  1848.  S.  84).  Das  neunte  (und  letzte)  Buch 
der  ^.Recherches"  endlich  befaßt  sich  mit  Auseinandersetzungen 
über  das  französische  (insbesondere  das  Pariser)  Universitätswesen, 
dessen  Einrichtungen  Pasquier  seit  seinem  berühmten  Konflikt 
mit  den  Jesuiten  ein  besonderes  Interesse  entgegenbrachte. 
In  der  Vielheit  und  Vielartigkeit  großer  und  kleiner  Fragen, 
welche  die  .,^  Reeller  dies'  berühren,  treten  Pasquiers  Meinungen 
und  Anschauungen  über  die  seine  Zeit  bewegenden  Fragen  vor 
der  historischen  Erörterung,  die  sein  Werk  erfüllt,  in  den  Hinter- 
grund. Das  theoretische  Beiwerk  kommt  vor  dem  gelehrten 
Charakter  der  „  Recher ches"  nur  wenig  zur  Geltung.  Die  Be- 
ziehungen der  geschichthchen  Verhältnisse  und  Vorgänge  zur 
Gegenwart  des  Verfassers  werden  mit  Ausführlichkeit  dargelegt, 
aber  überall  ist  Pasquier  dabei  mit  dem  Eifer  des  die  Wahrheit 
suchenden  Forschers  bemüht,  sich  über  die  Parteien  und  ihre 
oftmals  mit  willkürlicher  Auslegung  geschichtUcher  Verhältnisse 
verbundenen  Meinungen  zu  stellen.  Wie  die  ,,Recherches"  bieten 
auch  die  Briefe  Pasquiers  manch  theoretische  Auslassung.  Sie 
sind  eine  reiche  Fundgrube  wissenschaftlicher  Forschung  und 
Belehrung,  dabei  zugleich  aber  auch  eine  Fundgrube  für  unsere 
Kenntnis  und  Kritik  von  Pasquiers  eigenen  Anschauungen  über 
pohtische  und  religiöse  Fragen.  Wir  finden  hier  wie  dort  die 
gleichen  Züge:  die  von  nationalem  Stolz  eingegebene  Verteidigung 
des  französischen  Wesens,-^)  die  edle,  von  Hingabe  an  das  König- 


es) ,,Parce  que  le  jour  d'hier  je  vous  vis  soustenir  ä  outrance,  que 
les  Romains  avoient  este  superieurs  aux  Gaulois,  en  prouesse  et  vaillantise, 
et  qu'au  regard  des  bonnes  lettres  nous  n'entrions  en  nulle  comparaison 
avec  eux,  ayant  depuis  ä  part  rnoy  recueilly  mes  esprits,  fay  pense  de 
vous  en  escrire  man  advis,  non  pour  une  envie  que  faye  de  vous  contre- 
dire,  mais  parce  que  de  nostre  opinion  en  est  issue  une,  de  plus  dangereux 
effect  entre  nous,  par  laquelle  nous  autres  Frangois  estimons  n'avoir 
rien  de  bon  que  ce  que  nous  avons  emprunte  de  la  ville  de  Rome  ...  Je 
vous  atlegueray  les  victoires  qWobtindrent  jadis  nos  Gaulois,  en  Italic  .  .  ." 
Lettres  I.   12.   I.   S.   19  B. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      215 

tum  getragene  vaterländische  Gesinnung,  die  bei  aller  Frömmigkeit 
gegen  die  Mißbräuche  in  Kirche  und  Kirchenlehre  nicht  gleich- 
gültige AnhängUchkeit  an  die  kathoUsche  Religion,  die  Über- 
zeugung von  der  Notwendigkeit  einer  straffen  poUtischen  und 
kirchlichen  Einheit  im  Staate.  Pasquiers  Theorie  gipfelt  in 
der  VerherrHchung  des  Vaterlandsgedankens  und  in  der  Über- 
zeugung von  der  Notwendigkeit  einer  starken  Monarchie.  Das 
Königtum  soll  sich  über  die  im  Lande  hadernden  Parteien  erheben, 
seine  Autorität  und  seine  überHeferten  Rechte  und  seine  Stellung 
über  den  Parteien  wie  auch  seine  Selbständigkeit  und  Unabhängig- 
keit gegenüber  der  kirchlichen  Macht  sollen  ihm  gewahrt  werden. 
Die  königliche  Macht  darf  indessen  nicht  unbeschränkt  sein. 
Ihr  ist  eine  doppelte  Schranke  gesetzt:  sie  unterhegt  der  Ab- 
hängigkeit von  Gott;^*^)  sie  ist  an  die  geltenden  Gesetze  gebunden. 
Die  Achtung  vor  der  Heiligkeit  des  Gesetzes  hatte  Pasquier 
schon  in  seinem  „Pourparler  du  Prince''''  durch  den  Mund  des 
Politique  verkündet.  Er  kommt  noch  später  wiederholt  darauf 
zurück.  In  dem  „Pourparler  de  la  loi"^^)  rückt  er  den  Begriff 
des  Gesetzes  in  den  Mittelpunkt  seiner  Ausführungen.  An 
anderer  Stelle  preist  er  das  Gesetz  als  eine  starke  Stütze  der 
monarchischen  Gewalt.^^)  Das  Gesetz  ist  die  Grundlage  und 
Seele  des  Staates. ^^)  Er  hält  das  Gesetz  nicht  bloß  um  des  Ge- 
setzes willen,  sondern  auch  um  des  Vaterlandes  willen  hoch. 
Alle  seine  Ideen  münden  in  die  Verherrlichung  des  Vaterlands- 
gedankens. In  ihm  wurzelt  auch  die  Beharrhchkeit,  mit  der  er 
an  den  einmal  als  gut  und  zweckmäßig  erprobten  staathchen 
Einrichtungen  festhält.  In  religiöser  wie  in  politischer  Beziehung 
ist  er  ein  Gegner  unnötiger  Neuerungen.  Eine  Änderung  in  der 
Religion  führt  zu  einer  Umwälzung  im  Staate  und  birgt  not- 
wendig   Gefahren   in   sich.^'*)      Pasquiers   Theorie   deckt   sich   in 


^^)  „Nous  sommes  les  gettons  des  Roys,  qu'its  fönt  valoir  plus  ou 
nioins,  comme  il  leur  piaist,  et  les  Roys  sont  les  gettons  de  Dien."  Rech 
V.  29.   I.   S.  507  C. 

31)  I.   S.   1045—1052. 

3-)  Rech.  II.  1  (I.  S.  4ÜB.):  ,,...  nos  Roys  se  contentans  de  leurs 
frontieres,  comniencerent  au  Heu  de  leurs  armes,  ä  se  fortifier  par  loix 
paar  entretenir  leur  grandeur...''^ 

33)  Diesen  Gedanken  spricht  Pasqnier  auch  in  einer  Rede  aus, 
welche  er  am  30.  September  1587  in  der  Chanihre  des  Comptes  gehalten 
hat:  ,,//  est  certain  que  le  jondement  de  touttc  republique  cest  la  loy,  ie 
ne  diray  poinct  fondeinent,  ie  dis  que  cest  lame,  saus  laquclle  la  republique 
ne  peult  auoir  vie  en  jagon  quelconque"'  (Rei'ue  de  la  Renaissance.  VIII. 
1907.  S.   16.  17  =  Leilres  XII.  2.  S.  326.  327). 

34)  /jec/i.  III.  34  (I.  S.  294  D.  295  A.):  „De  ma  part,  encores  que 
je  sgache  bien  que  sehn  la  corruption  des  moeurs  il  faul  proceder  ä  nou- 
veaux  reniedes,  si  seray-je  tousjours  d'avis  qu'il  faut  esprouvcr  en  chaque 
sujct  toutes  extremitez,  avant  que  d'annuller  une  loy  anciennc,  et  quil 
n'y  a  chose  en  la  Republique,  oü.  le  soucerain  Magistrat  dnii'e  apporter 
tant  de  circonspection,  crainte,  et  prudence,  qu'en  la  novnlite  de  sa  loy.  .  .  " 
—  Rech.  VIII.  12  (I.  S.  783  B.  C):  „//  n'y  a  rien  quil  faille  tant  craindre 

15* 


216  Kurt  Glaser. 

ihren  Hauptgedanken  mit  L'IIospitals  Anschauungen.  Hatte 
aber  L'Hospital  die  Überordnung  des  Königs  über  die  Gesetze 
ausgesprochen,  so  drückt  Pasquier  seinen  Gedanken  in  einer 
viel  weniger  scharfen  und  krassen  Form  aus.  Schon  in  seinem 
„Pour parier" '^^)  und  ebenso  noch  später-^'')  stellt  er  die  Unter- 
werfung der  französischen  Könige  unter  das  Gesetz  als  einen 
Akt  ihrer  ^,debonnairete"  hin.  Der  König  darf  und  muß  Gehorsam 
verlangen.  Sein  Volk  muß  ihm  mit  Hab  und  Gut  zu  Diensten 
sein.  Dafür  schuldet  er  ihm  eine  gerechte  Regierung:  ,,Nous 
devons  aider  noslre  Roy  de  nos  biens,  selon  les  occurences  de  ses 
affaires:  mais  en  contre-eschange^  il  nous  est  debiteur  de la  Justice. .  ." 
[Lettres  VI.  2.  II.  S.  156  D.  157  A.).  Pasquier  ist  kein  Ver- 
fechter des  absolutistischen   Gedankens.     Jegliche  Tyrannei  ist 


en  une  Repuhlique  que  la  nouveaute .  .  . "  —  Lettres  IV.  13  (II.  S.  92  A.): 
„Ceux  ordinairemcnt  qui  pensent  bien  discourir  sur  le  fait  (Vune  Re- 
puhlique, sont  cfadvis  que  tout  ainsi  que  le  fondement  general  d'icelle, 
depend  principalement  de  V establissetnent  de  la  Religion,  par  la  crainte 
et  reverence  de  laquelle,  tout  sujet  est  autant  et  plus  retenu,  que  par  la 
presence  du  Prince:  aussi  quHl  faut  sur  toutes  choses  que  le  Magistrat 
empesche,  ou  mutation  de  Religion,  ou  diversite  sous  un  niesme  Estat: 
comme  ainsi  soit  que  cela  apporte  partialitez  et  discordes  intestines,  qui 
se  tournent  en  guerres  civiles,  lesquelles  apportent  les  fins  et  periodes 
des  Republiques.''  —  Lettres  V.  11  (S.  134  CD.):  ,,...  comme  bon 
Chrestien,  je  seray  tousjours  pour  la  Religion  Catholique,  Apostolique, 
Romaine:  et  comme  bon  citoyen,  fabhorreray  le  changement  de  l^ Estat, 
qui  advient  ordinairemcnt  par  le  changement  des  Religions .  .  ." 

^^)  „Parquoy  estans  tous  noz  biens  des  appartenances  du  Prince, 
et  luy  au  contraire  ne  dependant  en  aucune  sorte  de  nous,  est  ceste  pro- 
position  infaillible,  que  nous  sommes  nez  pour  noz  Rois,  non  eux  pour 
nous:  consequemment  que  leur  principale  consideration  se  doit  rapporter 
ä  eux  seuls:  et  si  autrement  ils  le  fönt,  cela  leur  part  d'u  n  e  d  e  b  o  n  - 
nairete  trop  a  r  d  e  n  t  e"  (Worte  des  Curial.  S.  211  v".  212  r" 
-  I.   S.   1029  A.  B.). 

36)  Lettres  VI.  1  (II.  S.  146  B.C.):  Ohne  die  Zustimmung  des 
Parlaments  kann  nichts  Wichtiges  geschehen.  „Non  que  pour  cecy 
nos  Roys  ayent  estime  se  mettre  sous  la  tutelle  d'autruy:  mais  reduisans 
par  ce  moyen  leur  puissance  absolue  sous  la  civilite  de  la  loy,  ils  se  sont 
garentis  de  Venvie  publique,  et  des  importunitez  de  ceux  qui  pour  leurs 
faveurs  particulieres,  abusoient  de  la  debon  nairete  de  leurs 
Maistres:  se  rendans  par  ce  moyen  aimez  de  leurs  sujets  sur  tous 
les  Princes  de  VEurope:  chose  qui  a  conserve  leur  grandeur  successive- 
ment,  depuis  onze  cents  ans  jusques  ä  huy:  et  a  produit  cela  tel  fruict, 
que  tout  ainsi  quHl  n'y  a  eu  peuple  au  monde  tant  obeissant  ä  son  Roy 
que  le  Frangois,  par  le  passe;  aussi  ne  se  trouverent  jamais  Princes 
tant  debonnaires  et  favorables  envers  leurs  sujets,  que  nos  Roys, 
n'y  ayant  chose  qui  les  ait  tant  unis  en  cest  entre-las  de  volontez,  que 
ce  Heu  general  de  la  France,  ce  grand  et  general  Parlement.''''  —  Lettres 
XIX.  15  (II.  S.  576.  577):  ,,Au  regard  de  nostre  France,  nous  fusmes 
plus  retenus:  car  combien  que  VOrdonnance  soit  le  vray  ouvrage  de  nos 
Roys,  non  moins  souverains  dedans  leur  Royaume,  que  les  Empereurs 
dedans  leur  Empire  (gemeint  sind  hier  die  römischen  Kaiser),  toutesfois 
leurs  Ordonnances  n'ont  aucun  effect,  qu'elles  n'ayent  este  premierement 
publiees  et  verifiees  par  les  Cours  Souveraines,  des  Parlements,  des 
Comptes,  des  Aydes,  chacune  en  droit  soy,  selon  que  le  subject  y  est  dispose: 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      217 

ihm  verhaßt.^'^)  Sie  muß  den  Herrscher,  der  sie  übt,  ins  Verderben 
stürzen;  sie  muß  dem  Staat,  in  dem  sie  blüht,  verhängnisvoll 
werden.^^)  Gerade  die  französische  Geschichte  zeigt,  was  die 
Hochachtung  vor  dem  Gesetz  und  die  Verehrung  der  Monarchie 
vermag.  Vor  allem  aber  hat  das  Parlament  sein  Verdienst  an 
der  glorreichen  Entwicklung,  die  Frankreich  genommen.  Es 
war  und  ist  der  Grundstein  für  die  Erhaltung  und  Fortdauer  des 
Staates.^^)  Seinem  weisen  Eingreifen  in  die  Entscheidungen 
der  Könige  und  in  die  Entwicklung  und  Gestaltung  der  Ver- 
hältnisse, verdankt  Frankreich  zum  besten  Teil  seinen  Macht- 
aufschwung: ,,6'i  jarnais  ordre  politic  fut  sainement  et  sainctement 
observe  en  quelque  Republique  gue  ce  soit,  je  puis  dire  franchement, 
et  est  vray^  gue  c'est  en  nostre  Monarchie:  car  nos  anciens  recognois- 
sans  gue  combien  gu'entre  les  trois  premieres  especes  de  Republigue, 
il  n'y  en  ait  point  de  plus  digne  et  excellente  gue  la  Royaute,  et 
encores  Royaute  gui  vient  par  droict  successif  en  ligne  masculine, 
et  mesmement  ä  Vaisne,  (toutes  particularitez  gui  se  trouvent  en 
nostre  Estat)  toutesfois  parce  gu'il  peut  guelguefois  advenir  gue 
la  Couronne  tombe  es  mains  d'un  Prince  foible  et  imbecille,  ils 
establirent  un  perpetuel  et  general  Conseil  par  la  France,  gue  Von 
appella  Parlement,  non  pour  servir  de  controlle  ä  nos  Roys,  ains 
par  les  hu?nbles  remonstrances  duquel  se  passoient  les  confirmations 
des  affaires  gener ales:  et  V establirent  non  seulement  dans  Paris, 
ville  capitale  de  France:  mais  gui  plus,  dans  le  Palais,  sejour  ancien 

et  avant  que  les  publier,  elles  les  peuvent  modifier,  selon  le  devoir  de 
leurs  consciences.  Ce  que  nos  Roys  ordinairement  regoivent  de  bonne 
part,  et  ne  pensent  pour  cela  leurs  Majestez  en  estre  amoindries,  ains 
accreues.  Que  si  ces  modifications  ne  leur  plaisent,  on  procede  par  humbles 
remonstrances  envers  eux:  et  souventes  fois  s'en  rendent  capables:  autre- 
ment,  il  faut  passer  par  leurs  volontez:  mais  avec  ceste  condition,  que 
l'on  insere  aux  Registres,  les  letlres  avoir  este  publiees,  verifiees,  et 
enregistrees  par  Vexpres  commandement  du  Roy.  Ce  sont  les  Jasons 
que  nous  apportons  en  ceste  France,  en  la  puhlication  d'un  Edict,  lequel 
estant  verijie  [qui  nous  tient  Heu  des  affiches  de  Rome)  adoncques  nos 
Roys,  par  une  bienveuillance  naturelle  quHls  portent  ä 
leurs  subjects,  reduisants  leur  puissance  absolue  saus  la  civilite  de  la 
Loy,  obe'issent  ä  leur  Ordonnance.''' 

37)  Vgl.  z.  B.  Lettres  VI.  2  (II.  S.  155  A.B.):  „Vray  Dieuf  que 
ce  Quadrain  de  Monsieur  de  Pibrac  me  piaist: 

Je  hay  ces  mots  de  puissance  absolue. 
De  piain  pouvoir,  de  propre  mouvement: 
Aux  saincts  Decrets  ils  ont  premierement, 
Puis  ä  nos  loix,  la  puissance  tollue.'''' 

38)  Lettres  X.  6  (II.  S.  270  B.C.):  „...  je  ne  douteray  point  de 
dire  a  pleine  bouche  et  cceur  ouvert,  qu'encores  que  la  tyrannic  soit  odieuse 
ä  Dieu  et  au  monde,  et  qu'ä  la  longue  eile  perde  son  autheur.  .  ."'  — 
Lettres  XVI.  7  (II.  S.  478  D.):  ,,//  n'y  a  rien  qui  soit  de  plus  perilleuse 
consequence  ä  un  Prince  Souverain,  que  quand  cette  opinion  se  löge  en 
luy,  de  pouvoir  tout  ce  qui  luy  piaist.'" 

3^)  „...sinon  que  voulions  dire,  et  justement,  le  Parlement  de 
Paris  avoir  este  de  toute  anciennete,  et  estre  la  pierre  fondamentale  de 
la  conservation  de  nostre  Estat."     Rech.  III.  18  (I.  S.  237  B.C.). 


218  KurL  Claser. 

de  nos  Roys,  pour  monstrer  combien  les  effects  de  ceste  compagnie 
estoient  augustes,  sacrez  et  vcnerables"  (Leitres  \'l.  1.   II.   S.  146  A. 

B.). 

Mit  seiner  Betonung  der  Bedeutung  und  der  Rechte  des 
Parlaments  tritt  Pasquier  nicht  in  Widerspruch  zu  seiner  Ver- 
ehrung der  monarchisclien  Regierungsform.  Er  erbHckt  in  ihm 
vielmehr  eine  Stütze  der  königlichen  Macht,  ein  Gegengewicht 
gegen  etwaige  tyrannische  Übergriffe.  Er  legt  sich  die  Frage  vor, 
wer  berechtigt  sei,  die  königliche  Macht  einzuschränken.  Ehe- 
mals, wie  unter  Hugo  Capet,  vermochten  noch  die  Pairs  de  France 
dem  König  entgegenzutreten.  Heute  ist  ihr  Titel  ein  bloßer 
Schall.  Auch  die  Etats  generaux  haben  keine  wirkliche  Be- 
deutung mehr.  Den  Glauben  an  die  Macht  der  Stände,  welchen 
die  politischen  Schriftsteller  sonst  mit  Eifer  und  Überzeugung 
vertreten  haben,  teilt  Pasquier  nicht. ^^)  Statt  sie  mit  seinen 
Zeitgenossen  auf  das  alte  Maifeld  zurückzuführen,  erblickt  er 
in  ihnen  eine  von  den  französischen  Königen  geschaffene  und 
darum  auch  den  Königen  und  ihrer  Macht  dienstbare  Einrichtung. 
Nur  das  Parlament,  das  er  als  die  Fortsetzung  des  Maifeldes 
auffaßt,  hat  noch  sein  Recht  im  Staate  behauptet. 

Die  Methode  der  ,,Recherches"  brachte  es  mit  sich,  daß 
Pasquier  seine  Theorie  an  seine  historischen  Erörterungen  an- 
knüpfte. Sie  ist  ihm  nicht  Endzweck  seiner  Darlegungen,  sie 
stellt  sich  im  Laufe  der  Untersuchung  fast  von  selbst  ein.  Seine 
Erörterungen  tragen  historischen  Charakter;  was  er  schreibt, 
bezeichnet  er  selbst  als  ,,m«  article  d'histoire,  non  de  foy"  (III.  6. 
I.  S.  179  C.).  Aus  dem  Charakter  eines  um  rehgiöse  Fragen 
ringenden  Zeitalters  erklärt  es  sich,  wenn  Pasquier  die  Rechte 
des  französischen  Königtums  im  Verhältnis  zum  Papsttum 
ausführlich  erörterte.  Die  Untersuchungen,  welche  er  im  3.  Buch 
seiner  „Recherches"  über  die  Beziehungen  von  Rom  zu  Frankreich 
und  über  kirchhche  Fragen  überhaupt  anstellt.  Hefern  ihm  das 
Material  dazu.  Er  entrollt  ein  wohlgelungenes  Bild  der  all- 
mählichen Entwicklung  des  Papsttums  von  seinen  ersten  kleinen 
Anfängen  bis  zur  Entfaltung  seiner  höchsten  Macht,  vor  der 
selbst  die  gewaltigsten  Fürsten  der  Welt  erzittern.  Er  geht 
dabei  auf  die  Beziehungen  ein,  welche  das  Papsttum  schon  früh 
mit  den  französischen  Königen  angeknüpft  hat,  und  rückt  den 
Anteil,  welchen  die  letzteren  an  der  Ausgestaltung  der  päpstlichen 
Macht  genommen  haben,  in  das  rechte  Licht:  „ü  faut  estre  du 
tout  menteur  en  l'Histoire,  oii  recognoisire  que  la  premiere  grandeur 
des  Papes,  en  leur  temporel^  procede  tont  de  la  protection  que  liberalite 
des  Franpois"  (III.  4.  —  I.  S.  170  A.).     In  seinen  Ausführungen 

*^)  Allerdings  hat  er  noch  in  seinem  ,, Pour  parier  du  Pri?ice" 
(1560)  in  den  Ständen  ein  Gegengewicht  gegen  die  königliche  Macht 
erblickt.  Er  hat  seine  Ansichten  in  diesem  Punkt  später  geändert. 
Vgl.  auch  Rech.  II.   1.  2.  3.  4.  7.  10. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      219 

tritt  der  Widerspruch  gegen  die  Eingriffe  der  Päpste  in  die  fran- 
zösischen Angelegenheiten  bald  als  der  beherrschende  Gedanke 
in  den  Vordergrund.  An  Hand  der  geschichtlichen  Tatsachen 
zeigt  er,  daß  die  Päpste  unter  den  ersten  französischen  Königen 
nichts  im  Lande  zu  suchen  hatten  (III.  9.  10.).  Diese  Erkenntnis 
gibt  ihm  die  Grundlage,  auf  welche  er  seine  weiteren  Ausführungen 
aufbaut.  Sie  zeugen  von  der  Gründlichkeit  und  dem  Scharfsinn 
des  Forschers;  sie  sind  belebt  von  der  Kraft  der  Kritik  und  der 
Schärfe  des  Spottes.  Pasquier  legt  dar,  wie  der  Einfluß  der 
Päpste  in  Frankreich  mit  dem  Niedergang  der  königUchen  Macht 
und  der  Unwissenheit  und  Unfähigkeit  der  französischen  Geist- 
lichkeit Hand  in  Hand  ging.  Wohl  hat  es  an  Widerspruch  gegen 
die  überhandnehmende  Macht  des  Papsttums  auch  in  den  Reihen 
der  Geistlichen  nicht  gefehlt  (III.  12),  aber  die  Furcht  vor  den 
päpstlichen  Strafmaßnahmen  wie  das  Bewußtsein  der  Interessen- 
gemeinschaft und  der  Abhängigkeit  von  der  römischen  Kurie 
ließen  keinen  Widerspruch  aufkommen.  Pasquier  geht  dem 
päpstlichen  System  mit  seinem  auf  den  Gewissen  lastenden 
Druck,  seiner  die  äußeren  Ehren  und  Würden  im  Dienste  der 
Kirche  ausbeutenden  Diplomatie  hart  zu  Leibe.  Hier  findet 
er  die  eigentliche  Stütze  der  Herrschaftsgelüste  des  Papsttums 
und  seiner  sich  bis  auf  das  weltliche  Gebiet  erstreckenden  Macht- 
ansprüche. Hier  ist  auch  der  Punkt,  wo  seine  politische  Auf- 
fassung zu  Wort  kommt.  Seine  Hingabe  an  die  katholische 
Religion  verblendet  ihn  nicht  über  die  Verwerflichkeit  der  welt- 
lichen Machtpolitik,  welche  das  Papsttum  zum  Schaden  seiner 
rehgiösen  PfHchten  treibt.  Seine  patriotischen  Gefühle  tragen 
den  Sieg  davon.  Sie  bäumen  sich  auf  gegen  fremde  Anmaßungen, 
Ein  mutiger  Verteidiger  der  königlichen  Rechte  gegen  die  päpst- 
lichen Herrschaftsgelüste,  bestreitet  er  dem  Papst  jegliches 
Verfügungsrecht  über  die  weltlichen  Throne,  natürlich  auch 
über  den  französischen  Thron:  ,,Et  finalemeiit  quelque  superiorite 
gue  les  Papes  aycnt  au  spirituell  toutesfois  ils  ne  peuvent  par  leurs 
consequences  mesler  ä  leur  advantage  le  iemporel  dedans  leur  spirituell 
ny  transferer  nostre  Royaume,  d'une  main  ä  autre,  quelque  forfait 
qu'ils  pretendent  avoir  est6  commis  par  nos  Roys  contr'eux.  Sous 
ces  propositions  et  maxirues,  nostre  France  s'est  heureusement 
maintenue  sous  la  puissance  des  Papes,  et  de  nos  Roys:  Et  les 
Papes  ont  sagement  vescu  en  leur  superiorite,  tant  en  Rome  et 
Italie,  qu'es  autres  Eglises,  ainsi  qu'il  estoit  de  Dieu  ordonne. 
Tellement  gue  nos  Roys  ont  porte  tout  honneur  et  reverence  au 
sainct  Siege,  sans  rien  perdre  de  leur  authorit^,  et  peuvent  dire 
,Divisum  Imperium  cum  Jove  Caesar  habet.  Teile  est  nostre 
ordinaire  creance,  et  en  icclle  tout  hon  Franx-ois  veut  viirc  et  mourir\ 
(III.  13.  S.  217  A.).  Die  Beziehung  zu  den  Verhältnissen  der 
Zeit  gibt  Pasquiers  patriotischen  Worten  noch  eine  besondere 
Bedeutung:  er  schrieb  sie  in  den  Tagen,  in  welchen  Frankreich 


220  Karl  Glaser. 

unter  dem  Druck  der  durch  die  Liga  entfesselten  Religionskriege 
seufzte  — er  sclirieb  sie  angesichts  der  Ansprüche  eines  Sixtus  V. 
Pasquicr  will  den  französischen  Staat  auf  seine  nationale  Grund- 
lage gestellt  wissen  und  weist  jede  Einmischung  von  Seiten  des 
Papstes  zurück.*^)  Mit  Entschiedenheit  betont  er  die  Freiheiten  der 
gallikanischen  Kirche^-)  wie  die  Unabhängigkeit  der  französischen 
Könige  gegenüber  Rom.^^)  Klar  und  scharf  bezeichnet  er  die 
Schranken,  an  denen  jeder  Übergriff  des  Papstes  oder  seiner 
Ratgeber  scheitern  muß:  ,,Nous  seiils  entre  toutes  les  aulres  nations, 
avons  eil  ce  privilege  special  de  nestre  exposez  aux  passions  dereglees 
de  ceux  qui  pour  estre  pres  des  Papes  vouloienl  abuser  de  leur  aiitho- 
riU  ä  nostre  desadvantage.  Car  nous  avons  eu  de  tout  temps  et 
anciennete,  trois  grandes  propositions  qui  nous  ont  servi  de  bouclier: 
Propositions  non  point  fondees  sur  la  voye  de  fait,  ains  de  droict, 
n'ayans  oppose  aux  cetisures  Apostoliques  que  le  glaive  spirituel. 
La  premiere  est  que  le  Roy  de  France  ne  peut  estre  excommunie 
par  l'authorite  du  Pape.  La  seconde,  que  le  Pape  n'a  nulle  Juris- 
diction QU  puissance  sur  le  temporel  des  Roys:  La  derniere  que 
le  Conseil general  ei  universel  est  dessus  le  Pape'' . . .  III.  16.  S.224  D. 
,,Foi7d  en  somme  les  trois  propositions  par  lesquelles,  nous  avons 
fait  bouclier  contre  les  assauts  de  la  Cour  de  Rome,  lors  que  sans 
sujet  eile  s'est  voulu  armer  contre  nous  .  .  ."  S.  226  B.  Gegen  den 
Mißbrauch  der  Religion  zu  weltUchen  Zwecken  erhebt  er  ebenso 
entschiedenen  Einspruch*^)  wie  gegen  die  jesuitischen  Grund- 
sätze, die  unter  der  Maske  der  Religion  doch  nur  zu  Umsturz 
im  Staate  führen  müssen.*^)  Der  Eifer,  mit  welchem  er  gegen 
das  Papsttum  und  seine  Trabanten  auftritt,  läßt  ihn  nicht  ver- 
gessen, daß  auch  die  französischen  Könige  nicht  alles  und  jedes 

■*^)  „Or  en  ce  qui  concerne  ces  deux  grands  Estats  de  Rome  et  de 
France,  je  vous  dirai  que  chaque  Republique  a  ses  loix,  par  le  moyen 
desquelles  eile  se  maintient.  Le  Frangois  ne  doit  pas  peu  an  Romain 
pour  sa  conservation,  ny  pareillement  le  Romain  au  Frangois  pour  la 
sienne.  Mais  tout  ainsi  que  le  Frangois  ne  sHngere  nullement  d'entre- 
prendre  sur  le  Romain  en  quelque  fagon  que  ce  soit,  aussi  le  Romain 
doit  faire  le  semblable  sur  la  France;  sinon  qu'en  voulant  perdre  par 
quelques  opinions  bizarres,  il  se  veuille  perdre  soi-mesme.  On  ne  peut 
desnier  au  Pape  sa  superiorite  sur  le  spirituel,  ny  a  nostre  Roy  sur  le 
temporel,  en  et  au  dedans  les  limites  de  son  Royaume.  Qui  fut  cause 
qu  Innocent  III  parlant  des  Roys  de  France,  est  d'accord  qu'en  leur 
temporel,  ils  ne  recognoissent  autre  Superieur  que  Dieu  et  Vespee.'" 
Rech.  III.  17.    S.  227  D. 

■*'-)  Vgl.  z.  B.  Rech.  III.  15  (S.  222  C):  „Les  libertez  de  nostre 
Eglise  Gallicane  sont  telles,  que  jamais  Papes  ne  censurerent  nos  Roys, 
et  qui  plus  est,  ne  peurent  faire  sortir  effect  ä  leurs  censures,  ores  qu'ils 
en  eussent  volonte." 

^^)  III.  18.  S.  231A. 

^*)  III.  25.  S.  258  A.:  ,,Ores  que  la  Religion  soit  Vun  des  principaux 
instrumens  par  lequel  toute  Republique  se  contienne  en  son  devoir,  toutes- 
fois  c'est  une  impiete  d^user  de  nostre  Religion  Chrestienne,  comme  d'une 
af faire  d'Estat." 

"5)  III.  43  ff.  (S.  323  ff.),  besonders  S.  358. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      221 

Recht  gegenüber  dem  Papsttum  haben,  daß  auch  der  weltUchen 
Macht  ihre  Schranken  gesetzt  sind.  Er  ruft  ihnen  ins  Bewußtsein 
,,qu'il  existe  pour  eux  un  plus  grand  juge  que  le  pape  qui  transjere 
les  royaumes\  que  ce  juge  chätie  non-seulement  ceux  qui  forlignent 
de  leur  devoir,  mais  punit  encore  les  enjants  des  fautes  commises 
par  les  peres".'^^) 

Auch  über  die  Notwendigkeit  der  Duldung  des  Kalvinismus 
hat  sich  Pasquier  wiederholt  ausgesprochen.  Die  seit  L'Hospitals 
Tagen  viel  erörterte  Frage  beschäftigt  ihn  mehrfach  in  seinen 
Briefen.  Er  erörtert  und  entscheidet  sie  ganz  in  demselben 
Sinne  wie  in  seiner  ,.,Exhortation":  die  Anwendung  von  Gewalt 
gegen  die  Hugenotten  weist  er  mit  Entschiedenheit  von  der  Hand, 
weil  sie  eine  Vergewaltigung  der  Gewissen  bedeutet  und  weil 
ein  Religionskrieg  gegen  die  pohtisch  nun  einmal  mächtig  ge- 
wordenen Hugenotten  nur  zum  Ruin  des  Landes  führen  muß.*^) 

Es  lag  im  Zuge  der  Zeit,  wenn  Pasquier  bei  der  Darlegung 
seiner  politischen  Ansichten  auch  zu  Machiavellis  Staatstheorien 
Stellung  nahm.  Er  tut  dies  in  einem  Brief  an  Chandon. ^^)  Er 
beginnt  im  Tone  der  höchsten  sittlichen  Entrüstung:  ,,/e  meure, 
s'il  ne  falloit  faire  mourir  Machiavel  et  son  livre,  dedans  un  feu, 
lors  que  dedans  son  institution  du  Prince  il  fut  si  imprudent,  de 
nous  faire  un  chapitre  de  la  Sceleratesse  (ainsi  se  dit-il)  par  lequel 
il  enseigne  comme  le  Prince  peut  parvenir  ä  une  Principaute,  et 
s'y  maintenir  par  meschancete.  Mon  Dieu!  se  peut-il  faire  que 
ceste  proposition  monstrueuse  soit  entree  en  la  teste  d'un  qui  se 
disoii  Chrestien  ...  Je  ne  pense  point  qu'il  y  ait  au  monde,  discours 
qui  contienne  plus  d'impiete,  d'enseigner  ä  celuy  qui  doit  estre  la 
vraye  image  de  Dieu  en  ce  bas  estre,  d'acquerir  une  souverainete, 
par  mal  faire,  et  de  luy  vouloir  faire  accroire,  par  exemplc,  qu'il 
s'y  pourra  conserver.  Je  dy  que  c'est  errer  en  l'histoire,  je  dy  que 
c'est  se  foun'oyer  non  seulement  en  discours,  ains  en  sens  commun." 
Die  Unhaltbarkeit  und  Verwerflichkeit  der  Theorie  Machiavellis 
tut  er  an  dem  Beispiel  der  römischen  Königsgeschichte  dar;  er 
wählt  mit  Absicht  ein  Beispiel,  dessen  Vernaclilässigung  er 
Machiavelli,  dem  Kenner  des  Livius,  zum  Vorwurf  maclit.  Er 
zeigt,  wie  die  Fürsten  zwar  durch  Mißbrauch  ihres  Amtes  zu 
Macht  gelangen,  wie  sie  aber  durcli  dieselben  verwerflichen  Mittel 
auch  wieder  ihre  Maclit  verheren  und  wie  nur  eine  auf  recht- 
mäßige Weise  erworbene  Machtstellung  behauptet  \N-ird.  Er 
schheßt  seine  Betrachtung  mit  den  Worten  ab:  ,,En  effect,  voilä 
la  fin  des  premiers  Roys  de  Rome,  qui  voulurent  ou  parvenir  ou 


<<■■)  III.  18. 

*')  IV.  10.  13.  15.  Vgl.  auch  17:  ,,/a  paix  vaut  mieux  que  la  guerre." 
IV.  24  sagt  er  im  Schlußsatz:  „qu'entrc  toutes  les  Religions,  la  Chresti- 
enne,  se  doive  gaigner  par  prieres,  exemples,  bonnes  inceurs,  et  sainctes 
exhortations,  et  non  par  le  tranchant  de  /'espee"  (S.  114  B.). 

4")  IX.   7.  —  II.   S.  231  ff. 


222  Kurt  (Hascr. 

se  maintenir  par  sceleratesse,  en  leurs  Royautez.  Au  contraire, 
vous  Irouverez  un  Numa,  iin  Hoslilius^  iin  Marlius,  avoir  eii  fins 
douces,  calmes,  et  tranquilles,  telles  qu'avoient  este  leurs  dignitez, 
ausquelles  ils  estoient  arrivez,  et  s'y  estoient  maintenus  par  les 
i'oyes  ordinaires  qui  fönt  regner  les  bons  Roys.  Flaust  or'  d  Dieu 
que  Machiavel^  au  Heu  de  plusieurs  autres  discours,  nous  eust 
servy  de  ce  premier  mets,  comme  faict  ce  grand  Tite-Live:  je  croy 
que  ceste  seure  leQon,  eust  mieux  vallu  pour  V instruction  de  nos 
Roys  que  tout  ce  qu'il  a  deduit  dedans  ses  trois  livres'.  ou  pour  le 
moins  cela  luy  eust  servy  de  bride,  pour  ne  faire  point  dans  son 
Princc,  an  chapitre  de  la  nieschancete."  Schließlich  geht  er  dann  noch 
auf  das  Beispiel  Borgias  ein,  auf  welciies  Machiavelli  seine  Theorie 
basiert  hat.  An  Hand  der  Geschichte  des  mißglückten  Ver- 
giftungsplanes, durch  den  Borgia  seine  politischen  Widersacher 
beiseite  räumen  wollte,  legt  er  dar,  daß  wir  hier  das  Bild  fürst- 
licher Verworfenheit  vor  uns  haben,  für  welche  die  Rache  Gottes 
die  richtige  Strafe  bildet.  ,,Nous  sommes  les  joüets  des  Roys, 
les  Roys  sont  les  joüets  de  Dieu.  Ils  fönt  les  procez  au  peuple: 
le  peuple  d  eux,  au  semblable,  par  les  benedictions  ou  maledictions 
qu'il  leur  donne  selon  leurs  merites  ou  demerites:  sur  lesquels  Dieu 
le  grand  Juge  de  nous,  interpose  puis  apres,  ses  parties." 


HI.    Pbilippe  de  Commyiies. 

Der  Aufschwung,  welchen  die  Staatstheorie  im  Laufe  des 
16.  Jahrhunderts  in  Frankreich  genommen,  kann  man  in  seinem 
vollen  Umfang  erst  dann  ermessen,  wenn  man  den  Widerspruch 
gegen  das  monarchische  System,  wie  er  sich  zu  Anfang  des  Jahr- 
hunderts in  der  Form  eines  bescheidenen  Zweifels  hervorwagt, 
mit  der  machtvollen  und  selbstbewußten  Opposition  vergleicht, 
welche  sich  in  der  zweiten  Hälfte  des  Jahrhunderts  allenthalben 
breitmacht.  In  dieser  Ent^^^cklung  liegt  eine  ganze  Summe 
von  Erkenntnissen  und  Ergebnissen  verborgen;  in  ihr  spricht 
sich  ein  machtvoller  und  gewaltiger  Aufschwung  aus,  durch  den 
die  Erörterung  der  staatsphilosophischen  Fragen  auf  ein  neues 
Niveau  erhoben  worden  ist.  Die  Staatstheorie  des  16.  Jahr- 
hunderts sah  sich  von  Anfang  an  vor  eine  ähnliche  Aufgabe 
gestellt,  wie  nachmals  die  des  18.  Jahrhunderts.  Sie  sah  sich 
einer  unumschränkt  gebietenden  oder  wenigstens  um.  die  Be- 
hauptung unumschränkter  Machtbefugnisse  ringenden  monarchi- 
schen Gewalt  gegenüber.  Die  Verteidigung  oder  die  Bekämpfung 
des  absolutistischen  Systems  bildet  das  Hauptthema  ihrer  Er- 
örterungen und  gibt  den  Ausgangspunkt  weiterer  Deduktionen 
ab.  ItaHen,  das  um  die  Wende  des  15.  Jahrhunderts  in  nahe 
Berührung  mit  Frankreich  getreten  ist,  übt  einen  starken  Einfluß 
zugunsten  der  absolutistischen  Staatsanschauungen  aus,  welchem 
Machiavelhs  Theorie  vom  Fürsten  Inhalt  und  Richtung  gegeben 


Beiträge  zw  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      223 

hat.  Dazu  tritt,  die  monarchische  Theorie  vielfach  fördernd, 
vielfach  hemmend,  die  Anregung,  welche  das  französische  Geistes- 
leben aus  der  Antike  und  aus  der  Bekanntschaft  mit  den  Staats- 
theoretikern des  Altertums  geschöpft  hat.  Zu  Anfang  des  Jahr- 
hunderts befanden  sich  die  Verteidiger  der  monarchischen  Staats- 
form unbestreitbar  im  Besitz  der  Überlegenheit.  Noch  ist  die 
Theorie  der  Opposition  zu  schwach,  um  sich  auf  eigene  Füße 
zu  stellen  und  an  hohe  Fragen  zu  rühren;  noch  lebt  sie  zu 
stark  von  Widerspruch,  und  selbst  der  Widerspruch,  den  sie 
übt,  ist  mehr  gelegenthcher  Natur  und  hat  noch  keine  fest- 
umrissene  Gestalt  angenommen.  Die  Opposition  erstarkt  erst 
allmähhch.  Ihr  Aufschwung  aus  bescheidenen  Anfängen  zu 
machtvoller  Entfaltung  bietet  ein  Bild,  wie  wir  es  so  oft  in  der 
Entwicklung  des  Geisteslebens  beobachten  können:  aus  kleinen 
und  unscheinbaren  Anfängen  heraus  entwickeln  sich  die  Ideen 
zu  einer  das  menschliche  Denken  beherrschenden  und  bannenden 
Macht.  Die  Gedanken,  die  anfangs  zerstreut  auftreten,  sammeln 
sich  und  drängen  nach  Gestaltung  in  der  Form  des  ordnenden 
Systems.  Der  behutsame  Zweifel  wird  zur  kühnen  Verneinung. 
Die  Idee  verdichtet  sich  zur  Theorie. 

Was  diesem  Bilde  allmähhchen  Werdens  in  der  politischen 
Denkweise  des  16.  Jahrhunderts  einen  besonders  eigentümUchen 
Zug  verleiht,  ist,  daß  der  erste  Versuch  eines  Widerspruchs, 
welchen  die  absolute  Monarchie  als  System  erfährt,  hart 
bei  der  Verherrlichung  Hegt,  mit  welcher  die  Person  ihres 
Schöpfers  selbst  überschüttet  wird.  Beide,  Widerspruch  und 
Verherrlichung,  sind  mit  dem  Namen  des  Mannes  untrennbar 
verbunden,  der  als  der  bedeutendste  unter  den  französischen 
Staatstheoretikern  zu  Beginn  des  16.  Jahrhunderts  die  nationale 
Tradition  fortsetzt,  mit  dessen  Werk  die  poHtische  Geschichts- 
schreibung in  Frankreich  erst  recht  eigentlich  beginnt"*^) :  mit 
dem  Namen  Philippe  de  Commynes.  Es  ist  gewiß  eine  auffallende 
Erscheinung,  daß  die  ersten  Bedenken  gegen  das  unumschränkte 
Hoheitsrecht  des  Fürsten  gerade  einem  Manne  gekommen  sind, 
der  wie  Commynes  ein  Bewunderer  der  Persönlichkeit  und  Ver- 
dienste des  Begründers  der  absoluten  Monarchie  gewesen  ist  und 
die  seltene  Ehre  genossen  hat,  der  Vertraute  des  verschlossensten 
und  argwöhnischsten  Monarchen  zu  sein,  den  Frankreich  jemals 
besessen  hat. 

Auf  die  Gestaltung  der  politischen  Ideen  und  Theorien  hat 
Commynes  einen  entsciicidenden  Einfluß  ausgeübt.  Er  ist  zum 
,,  Vorläufer  der  großen  Oppositionsbewegung  des  16.  Jalir- 
hunderts"^^)  geworden,  indem  er  als  erster  gegenüber  dem  Dogma 

^^)  Vgl.  Sainte-Beuve,  Causeries  du  lundi  I  (185  7).     S.  243. 

^^)  Cardauns,  Die  Lehre  vom  Widerstandsrecht  des  Volks  gegen 
die  rechtmäßige  Obrigkeit  im  Luthertum  und  im  Calvinismus  des  16. 
Jahrhunderts.     Bonn,  Diss.  1903,  S.  29.  30. 


224  KuiL  Glaser. 

von  (lor  Unfclilbnrkeit  dos  Absolutismus  auf  das  Reicht  dfr  Stände 
liinge wiesen  und  damit  gerade  diejenige  Idee  ausgesproc}i(;n  hat, 
auf  die  der  erste  große  politische  Theoretiker  der  Reformation, 
Fran^ois  Hotman,  sein  System  gründen  sollte. 

Als  Vorläufer  Hotmans  gewinnt  Gommynes  ein  neues 
Interesse  im  Zusammenhang  unserer  Untersuchung.  Er  erscheint 
uns  nicht  mehr  bloß  als  der  Biograph  und  Lobredner  seines 
königlichen  Herrn,  sondern  zugleich  als  der  Mann,  der  durch 
seinen  Zweifel  an  der  Güte  und  Brauchbarkeit  der  Monarchie 
den  kommenden  Umsturz  im  Staate  mit  hat  vorbereiten  helfen. 

Gommynes'  Memoiren  lassen,  soweit  es  sich  um  die  Würdi- 
gung ihres  literarischen  Wertes  handelt,  eine  Betrachtung  unter 
einem  doppelten  Gesichtspunkt  zu,  je  nachdem  man  sie  auf  ihre 
geschichtliche  Zuverlässigkeit  und  Objektivität,  oder  aber  auf 
den  von  dem  Verfasser  in  ihnen  niedergelegten  Ideengehalt, 
d.  h.  auf  die  in  der  Beurteilung  der  geschichtlichen  Dinge  und 
Personen  zum  Ausdruck  gebrachten  subjektiven  Anschauungen 
des  Verfassers  hin  prüft.  Die  erstere  Aufgabe  muß  der  Ge- 
schichtsforschung vorbehalten  bleiben;  sie  ist,  soweit  ich  sehe, 
bis  jetzt  noch  nicht  erschöpfend  geführt,^^)  obwohl  eine  solche 
Arbeit  zu  ähnlich  dankenswerten  Resultaten  führen  dürfte  wie 
die  kürzlich  von  Gourteault  geheferte  Untersuchung  über  Monluc.^^) 
Für  die  Geschichtsforschung  kann  es  dabei  gleichgültig  sein,  ob 
Gommynes  dieses  oder  jenes  Ereignis  so  oder  so  beurteilt ;  wenn  er  es 
nur  zuverlässig  und  richtig  darstellt.  Mit  den  subjektiven  Zugaben, 
mit  denen  Gommynes  sein  Werk  reichlich  versieht,  braucht  sich 
die  historische  Kritik  zunächst  nicht  weiter  auseinanderzusetzen. 

Anders  liegen  die  Dinge  bei  der  Erledigung  des  zweiten 
Teils  der  Aufgabe,  wie  \mv  sie  eben  bezeichnet  haben.  Hier 
handelt  es  sich  wesentlich  darum,  den  Ideengehalt,  der  in  Gom- 
mynes' theoretischen  Erörterungen  liegt,  zu  ergründen.  Gom- 
mynes liebt  es,  in  seiner  Schilderung  der  geschichtlichen  Ereig- 
nisse Betrachtungen  und  Erörterungen  theoretischer  Natur  ein- 
zufügen, die,  wie  er  an  einer  Stelle  sagt,  den  ,,princes  ou  autres 
gens  de  Cour"   als  ,,bons  advertissemens"  dienen  sollen.^^)    Theo- 

^^)  Vgl.  Loebell,  De  Philippi  Cominsei  fide  historica.  Bonn  1831. 
De  Mandrot,  Sur  Vautorite  historique  de  Philippe  de  Commynes  in: 
Revue  historique.  LXXIII.  S.  241—257;  LXXIV.  S.  1—38.  Nicht 
gesehen  habe  ich:  Bourrilly,  V.-L.  Les  idees  politiques  de  Commines 
in:  Revue  d^histoire  moderne  et  contemporaine.  I  Nr.  2  (citiert  diese 
Zeitschrift  XXIP  S.  115). 

^^)  Gourteault,   Blaise  de  Monlue  historien.     Paris   1907. 

^^)  Vgl.  auch  die  Worte:  „Je  ne  dis  ces  choses  principallement 
que  pour  donner  ä  entendre  comme  les  choses  de  ce  monde  se  sont  conduictes, 
et  pour  s'en  ayder  ou  pour  s'en  garder,  ainsi  qu'il  pourra  servir  ä  ceulx 
qui  ont  ces  grans  choses  en  main,  et  qui  verront  ces  Memoires:  car  combien 
que  leur  sens  soit  grant,  ung  peu  d'' advertissement  sert  aucunes  fois."  ed. 
Dupont,  Paris  1840  ff.  II.  S.  172.  173.  Diese  Ausgabe  liegt  den  fol- 
genden Zitaten  zugrunde. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      225 

retische  Belehrungen  zu  geben,  den  Großen  seiner  Zeit  An- 
weisungen und  Ratschläge  zu  erteilen,  dazu  war  Commynes 
mehr  als  andere  befähigt  durch  die  reichen  Erfahrungen,  die  er 
im  Laufe  seiner  langjährigen  Tätigkeit  im  Dienste  der  Politik 
gesammelt  hatte.  Reifes  Urteil,  praktischer  Sinn  und  reiche 
Erfahrung  des  in  Staatsgeschäften  viel  bewanderten  Mannes 
sprechen  sich  in  diesen  Ratschlägen  und  Erörterungen  aus,  in 
denen  große  wie  kleine  Dinge  berührt  werden,  von  den  hohen 
Fragen  der  Politik  und  weiten  AusbUcken  auf  die  von  Gott 
gewollte  ,,morahsche"  Weltordnung  bis  hinab  zu  alltäghch 
klingenden  Ratschlägen,  wie  der  banalen  Warnung  an  die  Fürsten, 
den  unter  dem  Eindruck  genossener  Mahlzeiten  erteilten  Rat- 
schlägen nicht  zu  trauen. ^^) 

In  allem,  was  Commynes  über  staatliche  Fragen  sagt,  steht 
ihm  das  Bild  des  Fürsten  vor  Augen,  der  wie  Ludwig  XL  im 
Dienste  der  Politik  aufgeht  und  sich  ohne  Rücksicht  auf  die 
Wahl  seiner  Mittel  einzig  und  allein  die  Größe  seines  Landes 
und  die  Macht  seines  Thrones  zum  Ziel  gesetzt  hat.  Ihn  hat 
uns  Commynes  geschildert,  noch  frisch  aus  der  Anschauung  und 
Erinnerung,  mehr  mit  seinen  guten,  als  mit  seinen  schlechten 
Eigenschaften,  mit  all  seinen  Ränken  und  Intriguen,  durch  die 
er  seine  Gegner  zu  umgarnen  und  zu  bezwingen  wußte;  ihn  hat 
er  uns  auch  geschildert,  wie  er  selbst  noch  nach  dem  Tode  Karls 
des  Kühnen,  seines  gefährUchsten  Feindes,  nicht  zur  Ruhe 
kommen  kann.  Als  er,  bereits  mehrfach  vom  Schlagfluß  ge- 
troffen, schheßHch  seine  Kräfte  abnehmen  sieht,  rafft  er  sich 
gewaltsam  zusammen.  Noch  kaum  fähig,  seine  Gedanken  zu 
sammeln,  läßt  er  sich  die  einlaufenden  Berichte  vorlegen  und 
nimmt  sie  selbst  zur  Hand  wie  in  den  Tagen,  da  er  noch  im  Be- 
sitz seiner  geistigen  Kräfte  stand.  Gleichzeitig  läßt  or  für  große 
Geldsummen  Pferde  und  Jagdhunde  in  fernen  Ländern  kaufen, 
um  dadurch  im  Ausland  den  Anschein  zu  erwecken,  als  ob  er 
wieder  völlig  genesen  wäre  —  aber  er  sieht  sich  die  Tiere  kaum 
an.     Alles  das  geschieht  nur,  um  sich  und  andere  zu  täuschen. 

So  hat  Commynes  die  Gestalt  des  großen  Königs  in  den 
Mittelpunkt  seines  Geschichtswerks  gestellt.  Bewundernd  und 
verherrlichend,  oft  über  Maß  und  Gebühr  die  Scliwächon 
und  Fehler  verschweigend,  hat  er  Ludwigs  verschlagene  und 
vielverschlungene  Politik  geschildert,  die  wie  keine  andere  in 
jener  Zeit  für  Belehrungen  und  theoretische  Auslassungen  über 
politische  Fragen  ein  weites  Beobachtungsgebiet  und  einen  reioh- 
lialtigen  Stoff  abzugeben  geeignet  war. 


^^)  I.  S.  124.  Bodin  g,-iff  diesen  Gedanken  später  wieder  auf 
in  der  Forderung,  daß  die  Beratungen  des  ,,senal"  (d.  li.  dos  Parlaments) 
stets  nur  am  Vormittag  stattfinden  sollten.  Vgl.  auch  Baudrillart, 
J.  Bodin  et  son  temps.    Paris  1853.     S.  309. 


226  l'^url  Glaser. 

Commynos  hat  von  seinem  königlichen  Herrn  ^fflcrnt.  Er 
hat  sich  die  Grundanscliauung,  die  dieser  in  seiner  Regierung 
vertreten,  zu  eigen  gemaciit,  die  Überzeugung  von  der  Not- 
wendigkeit einer  in  der  Hand  eines  einsichtsvollen  und  gut  be- 
ratenen Herrschers  ruhenden  Monarchie.  Der  Wichtigkeit  und 
Heiligkeit  des  Fürstenamts,  der  Vorteile  einer  guten  Monarchie, 
ist  er  sich  ebenso  bewußt  wie  der  Gefahren,  in  welche  ein  schlechter 
Fürst  durch  die  Vernachlässigung  seines  hohen  Amts  sich  selbst 
und  das  ihm  von  Gott  anvertraute  Volk  stürzen  muß.  „Ainsi .  .  . 
nie  semble  qiie  Dieu  ne  peiilt  envoyer  plus  grant  plaj/e  en  ung  pays, 
que  d'iing  prince  peii  entendii:  car  de  lä  procedent  ious  aultres 
maulx.  Premierement  en  vient  division  et  giierre:  car  il  met  Ious 
jours  en  main  d'auüruy  son  auctorite,  qu'il  debvroit  plus  vouloir 
garder ^  que  nulle  aultre  chose:  et  de  cesle  division  procede  la  famirie 
et  mortalite,  et  les  aultres  maulx  qui  despendent  de  la  guerre  .  .  ."^^) 
.,Et  ce  qui  ne  les  (d.  h.  die  „princes  qui  veullent  vivre  bestiallement" ) 
faict  tant  hlasmer,  c'est  la  grant  charge  et  grant  office  que  Dieu 
leur  a  donne  en  ce  monde.  Ceux  qui  sont  insensez,  on  ne  leur  doibt 
riens  reprocher;  mais  ceulx  qui  ont  bon  sens,  et  de  leurs  personnes 
bien  disposez,  et  n'employent  le  temps  en  aultre  chose  que  ä  faire 
les  folz  et  d  estre  oysifz,  on  ne  les  doibt  point  plaindre,  quant  mal 
leur  advient;  mais  ceulx  qui  despartent  le  temps,  et  selon  leur  aage, 
une  fois  en  sens  et  en  conseil,  aultresfois  en  festes  et  en  plaisirs, 
ceulx  lä  sont  bien  ä  louer,  et  leurs  subjectz  bien  heureux  d'avoir 
tel  prince."^^)  Mit  der  Anschauung  von  der  Notwendigkeit  der 
Monarchie  hängt  zusammen  die  Überzeugung  von  dem  Recht 
des  Fürsten,  die  ihm  zu  Gebote  stehenden  Mittel  im  Dienst  des 
Staates  zu  gebrauchen.  Commynes'  Geschichtswerk  ist  wie  ein 
fortlaufender  Kommentar  zu  dieser  Anschauung.  Es  war  ihm 
ein  leichtes,  eine  solche  Auffassung  gerade  der  Geschichte  Lud- 
wigs XI.  zu  entnehmen,  die  er  selbst  mit  durchlebt,  in  deren 
Ränken  ihm  das  Verständnis  für  das  Wesen  der  Politik  und  ihre 
Künste  aufgegangen  war.  An  dem  Beispiel  der  Regierung 
Ludwigs  XL  hat  es  Commynes  sehen  und  beweisen  können, 
wie  ein  Fürst  mehr  durch  List  als  durch  Gewalt,  mehr  durch  die 
kleinen  Künste  der  Diplomatie  als  auf  den  offenen  Wegen  ehr- 
licher Verhandlungen  sein  Ziel  zu  erreichen  vermag.  Der  Ein- 
druck der  gewaltigen  Erfolge  von  Ludwigs  Politik  hat  Commynes 
geblendet;  er  hat  ihn  verblendet  über  so  manche  Treulosigkeit, 
die  den  Handlungen  des  Königs  im  einzelnen  so  reichlich  an- 
haftet. Hier  liegt  ein  wichtiger  Punkt  für  die  Beurteilung  Com- 
mynes': die  Bewunderung,  die  er  seinem  Helden  im  Großen  zollt, 
trübt  seinen  Blick  für  seine  Fehler  im  Kleinen  und  Einzelnen. 
Wohl  ist  er  sich  der  Schwächen,  welche  Ludwig  XL  anhaften, 

55)  I.  S.  158. 
5«)  II.  S.  188. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      227 

bewußt,  „ii/z.  luy  et  tous  aultres  princes  qua  j'ay  congneu  ou 
servy,  ay  congneu  du  bien  et  du  mal:  cor  Hz  sont  hommes  comme 
nous"  (I.  S.  2),  aber  er  hebt  sogleich  hervor,  daß  die  edlen  und 
lobenswerten  Eigenschaften  das  Lasterhafte  seines  Wesens  über- 
strahlen und  ihn  eines  guten  Angedenkens  {,,grant  memoire  et 
louenge")  würdig  machen.  Dem  Vorwurf,  die  unedlen  Züge 
und  Handlungen  seines  Helden  beschönigt  zu  haben,  sucht 
Commynes  von  vornherein  durch  den  Hinweis  auf  die  Ludwig 
wie  jedem  Menschen  eigene  natürliche  Schwäche  zu  begegnen. 
Den  richtigen  Standpunkt  für  die  Beurteilung,  der  er  Ludwig 
unterwirft,  sucht  er  durch  die  Vergleichung  seines  Helden  mit 
anderen  Fürsten  zu  gewinnen,  eine  Vergleichung,  die  in  seinen 
Augen  nur  zugunsten  des  französischen  Königs  ausfallen  kann. 
,,Et  tant  ose  je  bien  dire  de  luy,  ä  son  loz,  qu'il  ne  me  semble  pas 
que  jamais  j'aye  congneu  nul  prince  ou  il  y  eust  moins  de  vices 
que  en  luy,  ä  regarder  le  tout."^"^)  ,,Une  grace  luy  feit  Dieu:  car^ 
comme  il  Vavoit  cree  plus  saige,  plus  liberal  et  plus  vertueux  en 
toutes  choses  que  les  princes  qui  regnoient  avec  luy  ei  de  son  temps, 
et  qui  estoyent  ses  ennemys  et  voisins,  avec  ce  qu'il  les  passa  en 
toutes  choses,  aussi  les  passa  il  en  longueur  de  de;  mais  ce  ne 
fut  de  gueres.  Car  le  duc  de  Bourgongne  Charles,  la  duchesse 
d'Austriche  sa  fille,  le  roy  Edouard,  et  le  duc  Galleasche  de  Millan, 
le  roy  Jehan  d'Arragon,  tous  ceulx  lä  estoient  mors  peu  d'annees 
paravant  luy;  et  de  la  duchesse  d'Austriche,  du  roy  Edouard  et 
de  luy,  n'y  eut  comme  riens  ä  dire.  En  tous  y  avoit  du  bien  et 
du  mal,  car  Hz  estoient  hommes;  mais,  sans  user  de  nulle  flaterie, 
en  luy  avoit  trop  plus  de  choses  appartenantes  ä  office  de  roy  et  de 
prince  que  en  nul  des  aultres.  Je  les  ay  presque  tous  veuz,  ei  sceu 
ce  qu'ilz  scavoient  faire."^^)  Er  wird  nicht  müde,  Ludwigs  Vor- 
züge vor  anderen  Herrschern  zu  schildern.^^)      Daß  ein  Mensch 


57)  I.  S.  3. 

58)  II.  S.  252. 

53)  ,,Et  entre  tous  ceulx  que  j'ay  jamais  congneuz,  le  plus  saige  pour 
soy  tirer  cfung  mauvais  pas,  en  temps  cfadversite,  c'estoit  le  roy  Loys  XI, 
nostre  maistre,  et  le  plus humble  en  paroUes  et  en  habitz;  qui  plus  trafailloit 
ä  gaigner  ung  honinie  qui  le  povoit  servir  ou  qui  luy  povoit  nuyre.''  I. 
S.  83.  ,,Et  s'it  (Ludwig  XI.)  n'eust  en  la  nourriture  aultre  que  les  seig- 
neurs  que  j'ay  veu  mourir  en  ce  royaubne,  je  ne  croy  pas  que  jamais 
se  just  ressours:  car  ils  ne  les  nourrissent  seullement  que  ä  faire  les  folz 
en  habillemens  et  en  parolles  .  .  ."  I.  S.  85.  ,,  .  .  .  entre  tous  les  princes 
dont  j'ay  eu  la  congnoissance,  le  Roy  nostre  maistre  Va  le  mieulx  sceu 
faire  .  .  ."  I.  S.  157.  ,,Mais  quant  on  pensera  aux  aultres  princes, 
an  trouvera  ceulx  cy  grans,  nobles  et  notables,  et  le  nostre  tres  saige:  lequel 
a  laisse  son  royaulme  acreu,  et  en  paix  avec  tous  ses  ennemys  .  .  ."  I. 
S.  279.  „  .  .  .  il  congnoissoit  bien  s'il  estoit  temps  de  craindre  ou  non. 
Je  luy  ose  bien  porter  ceste  louange  [et  ne  scay  si  je  Vay  dict  ailleurs;  et 
quant  je  Vauroye  dict,  si  vaull  il  bien  estre  dict  deux  fois)  que  jamais 
je  ne  congneuz  si  saige  komme  en  adi'ersite."  I.  S.  304.  ,,  .  .  .  nostre 
Roy  conduisit  tout  saigemenf.  et  sera  bei  exemple  pour  ces  seigneurs 
jeunes,  qui  follcmcnl  cntrcprennent  sans  congnoistre  ce  qui  leur  en  pcull 


228  Knrl  Glaser. 

und  ein  Fürst  irren  und  felilen,  daß  er  von  anderen  getäuscht 
werden  kann,  ist  ihm  dabei  eine  selbstverständliche  Tatsache: 
,,Mng  prince  ou  aultre  komme  qui  ne  fut  jamais  tromp^,  ne  scaiiroit 
estre  qii'une  beste,  ne  avoir  congnoissance  du  bien  el  du  mal,  ne 
quelle  difference  ü  y  a."^^)  ,,.  .  .  il  est  bon  a  penser  qu'il  n'est 
nul  prince  si  saige  qu'il  ne  faille  bien  aucunesfois,  et  bien  souvent, 
s'il  a  longue  vie\  et  ainsi  se  trouveroit  de  leurs  faictz,  s'il  en  estoit 
dict  tousjours  la  verite.  Les  plus  grans  senatz  et  conseilz  qui  ayent 
jamais  este,  ne  qui  sont,  ont  bien  erre  et  errent  bien,  comme  on  a 
veu  et  i^oit  chascun  jour."^^)  Man  kann  sich  vorstellen,  daß  eine 
solche  Meinung  von  der  Scliwäche  der  menschlichen  Natur, 
verbunden  mit  der  immer  und  immer  wieder  beteuerten  Über- 
zeugung von  Ludwigs  Vorzügen  im  Vergleich  zu  anderen  Fürsten 
unseren  Geschichtsschreiber  dazu  berechtigen  konnte,  über 
manche  Schattenseite  im  Wesen  und  Mandeln  LudvNigs  XI. 
hinwegzusehen.  ,,Les  cronicqueurs  n'escripvent  que  les  choses  ä 
la  louenge  de  ceulx  de  qui  Hz  parlent,  et  laissent  plusieurs  choses, 
ou  ne  les  scavent  pas  aucunesfois  ä  la  verite"  (II.  S.  86).  Für 
den  Argwohn,  mit  welchem  Ludwig  in  den  letzten  Zeiten  seiner 
Regierung  selbst  seine  vertrautesten  Ratgeber  verfolgte,  hat 
Gommynes  die  entschuldigenden  Worte:  „Quant  ä  estre  sous- 
pesonneux,  tous  grans  princes  le  sont,  et  par  especial  les  saiges, 
et  ceulx  qui  ont  eu  beaucoup  d'ennemys  et  offense  plusieurs, 
comme  avoit  faict  cesiuy-cy" .^^)  Es  empört  Gommynes  nicht, 
daß  er  die  Einwohner  von  Lüttich  gegen  Karl  den  Kühnen 
aufhetzt,  um  sie  schließUch  schmähUch  im  Stiche  zu  lassen,  daß 
er  gegen  sein  Versprechen  Städte  verbrennt, ^^)  daß  er  die  Diener 
Eduards  IV.  von  England  erkauft  und  einen  derselben,  den 
Großkämmerer,  noch  besonders  lobt  und  schätzt,  weil  er  über 
das  empfangene  Geld  keine  Quittung  ausstellen  will.^^)  Wenn 
Ludwig  ferner  trotz  des  zu  Conflans  beschworenen  Vertrags 
unter    geschickter    Benutzung    der    Uneinigkeiten    der    Großen 

advenir  .  .  ."  IL  S.  13.  ,,Et  en  cest  article  ay  congneu  au  Roy,  nostre 
maistre,  un  grant  sens:  car  jamais  prince  n'eut  plus  grant  craincte  de 
perdre  ses  gens  que  luy.'^  IL  S.  44.  ,,La  cause  estoit  que  le  sens  et  vertu 
de  nostre  Roy  precedoit  celluy  du  roy  Edouard  d' Angleterre,  qui  pour 
lors  regnoit,  combien  que  ledict  roy  Edouard  estoit  prince  tres  vaillant, 
et  qui  avoit  gaigne  en  Angleterre  huict  ou  neuf  batailles,  esquelles  tous- 
jours il  avoit  este  ä  pied,  qui  estoit  chose  de  grant  louenge  pour  luy  .  .  ." 
IL  S.  164.  165.  Vgl.  auch  S.  205.  208.  251.  252.  269.  270  ff.,  273: 
„A  la  verite,  il  sembloit  mieulx  pour  seigneurir  ung  monde  que  ung 
royaulme.'' 

60)  I.   S.   139. 

")  IL  S.  86. 

62)  IL  S.  224.  Besonders  kraß  wird  Ludwigs  Argwohn  IL  S.  263 
geschildert. 

63)  Vgl.  auch  V.  Karwowski,  Die  altfranzösische  Geschichts- 
schreibung in  ihren  vier  Vertretern:  Ville-Hardouin,  Joinville,  Froissart 
und  Comines.     Leobschütz.     Progr.    1886.     S.   XIX. 

64)  IL   S.   170. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      229 

seinem  eigenen  Bruder  Karl  die  Normandie  entreißt,  so  findet 
sich  Gommynes  mit  dieser  Tatsache  ab,  indem  er  aus  der  Un- 
einigkeit der  Großen  und  dem  entschlossenen  Vorgehen  des 
Königs  die  Lehre  abstrahiert,  daß  ein  ,, weiser"  Fürst,  dem 
10  000  Mann  zu  Gebote  stehen,  mehr  zu  fürchten  sei  als  zehn 
Fürsten  zusammen,  von  denen  jeder  einzelne  über  10  000  Mann 
verfüge. ^^)  Gommynes  hält  seinen  Herrn  sogar  für  fähig,  Geiseln 
zu  stellen  und  dieselben  mit  kaltem  Gleichmut  preiszugeben, 
wenn  es  sein  Interesse  erheischt.  Und  alles  dies  \vird  in  gelassenen 
Worten  geschildert,  ganz  wie  es  Gommynes'  Art  ist,^®)  ohne  An- 
flug von  Entrüstung,  ohne  Versuch  einer  richtenden  Kritik.  In 
demselben  Tone  gleichgültigen  Berichts  erzählt  Gommynes  von 
der  Grausamkeit  und  den  diabohschen  Erfindungen  des  Königs, 
von  den  eisernen  Ketten  mit  schweren  eisernen  Stäben  und 
Kugeln,  den  berüchtigten  ,,fillettes  du  Roy",  von  den  Käfigen, 
in  denen  er  seine  Opfer  einzuschließen  und  Jahre  lang  gefangen 
zu  halten  pflegte,  „de  rigoureuses  prisons,  comme  caiges  de  fer, 
et  d'aultres  de  boys,  coucertes  de  plagues  de  fer  par  le  dehors  et 
par  le  dedans,  avec  terribles  ferrures  de  quelque  huict  pieds  de  large, 
et  de  la  haulteur  d'ung  homme,  et  ung  pied  plus."^"^) 

Solche  Züge  von  Perfidie  und  Grausamkeit  vermögen  das 
leuchtende  und  prächtige  Bild  des  Königs  nicht  zu  trüben. 
Gommynes  gleitet  über  die  Schwächen  im  Gharakter  des  Königs 
und  über  die  Treulosigkeiten  seiner  verschlagenen  Pohtik  hinweg, 
von  dem  Bestreben  beseelt,  die  in  der  Wahl  der  Mittel  rücksichts- 
lose, weil  einzig  und  allein  auf  die  Erreichung  ihrer  Ziele  gerichtete 
Politik  des  großen  Königs  zu  schildern.  Den  Maßstab  für  die 
Beurteilung  einer  Handlung,  ihrer  VortreffHchkeit  oder  Ver- 
werfUchkeit,  bietet  allein  ihr  Erfolg  oder  Mißerfolg.  Wir  müssen 
es  gestehen:  in  diesem  Punkte  ist  Gommynes  ebenso  skrupellos 
wie  sein  königUcher  Herr.  Er  hat  ihm  aus  der  Seele  gesprochen, 
wenn  er  an  einer  Stelle  seiner  Memoiren,  die  so  persönlich  ist 
wie  wenig  andere,  offen  den  Grundsatz  proklami(!rt:  ,,d  la  fin 
du  compte,  qui  en  aura  le  prouffit,  en  aiira  Vhonneur,'"^^)  und 
ähnlich  äußert  er  sich  an  einer  anderen  Stelle:  „ceulx  qui  gaignent 
en  ont  tousjours  l'honneur."^^)  Und  docli  trägt  Gommynes  den 
Glauben  an  eine  moralische  Weltordnung,  den  Glauben  au  das 
gerechte  Walten  Gottes  immer  und  überall  zur  Schau.  Ob 
dieser  Glaube  wohl  aufrichtig  ist?     Man  könnte  es  bezweifehi 


ßS)  I.  S.  HO. 

"'')  Vgl.  Tiinpe,  Philippe  de  Commines,  sa  i'ie  et  ses  memoircs. 
Lübeck.     Progr.  1879.     S.  ;}2. 

«'')  IL  S.  264. 

'=**)  I.  S.  2GG.  Ein  Nachklang  dieser  Worte  bei  Montaigne  L  5 
(ed.  Sti'owski  S.  27):  „Qunnd  ä  noiis  moings  superslitieux,  qui  tenons 
celuy  auoir  l' honneu  r  de  la  guerrc,  qui  en  a  le  pro  fit  ..." 

«9)  IL   S.  60. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX';'.  16 


230  Kurl  Glaser. 

und  lijil  OS  bezweifelt.''^)  Aber  es  gibt  der  Mischungen,  der  kleinen 
und  großen  Gegensätze  in  Commynes'  Wesen  und  Denken  so 
viele,  daß  es  nicht  unerhört  wäre,  seinen  Glauben  an  eine  mo- 
ralische Ordnung  der  Dinge  doch  für  ehrlicli  zu  halten.''^)  Nicht 
bloß,  daß  ihm  das  Eingreifen  Gottes  in  die  Geschicke  der  Men- 
schen ein  beliebtes  und,  so  dürfen  wir  sagen,  bequemes  Erklärungs- 
motiv'^)  für  die  Entscldioßungen  und  Handlungen  der  gescliicht- 
lichen  Pcrsönliclikeiten  sowie  für  die  oft  genug  gegen  alle  menscli- 
liche  Berechnung''^)  sich  vollziehenden  Wendungen  und  Wand- 
lungen im  Gang  der  Ereignisse  liefert  —  es  gibt  keinen  Gedanken, 
den  er  mehr  und  mit  solchem  Patlios  und  auch  mit  solcher 
Überzeugungstreue  ausgesprochen  hätte,  als  den  Glauben  an 
Gottes  Gerechtigkeit.  Er  führt  den  Segen,  mit  dem  die  Fürsten 
überhäuft  sind,^^)  den  Reichtum  an  Gaben,  deren  sie  sich  als 
die  Leiter  ihrer  Völker  erfreuen,''^)  auf  Gottes  Gnade  zurück; 
er  erblickt  Gottes  Fügung,  die  ^^disposition  dwine",  wie  er  ein- 
mal sagt  (I.  S.  70),  in  dem  gnädigen  Geschick,  welches  Frankreicli 
vor  allen  andern  Ländern  beschert  ist."^^)  Gottes  Zorn  offenbart 
sich  ihm  in  dem  Eifer,  mit  dem  das  Böse  bestraft  und  gesühnt 
wird.'''')  Gott  erhebt  und  stürzt  die  Fürsten;  er  beschützt  und 
bedrückt  die  Völker;''^)  er  erweckt  ihnen  Feinde  und  Wider- 
sacher, um  sie  zu  strafen  und  zu  züchtigen.''^)  Niemand  hat 
Gottes  Hand  mehr  gefüldt  als  Ludwig  XL,  zumal  in  den  letzten 
Zeiten  seines  Lebens,  als  er  sich,  auch  durch  die  glänzendsten 


'^)  Sainte-Beuve,  l.  c.  S.  245:  ,,Commynes  mele  jrequemment 
Dieu  et  le  Ciel  ä  ses  considerations,  et  Von  peut  se  demander  quelquefois 
s'il  le  fait  avec  une  eniicre  franchise,  et  si  ce  ri'est  pas  pour  mieux  couvrir 
ses  hardiesses  et  ses  malices  .  .  ."  Vgl.  auch  S.  251:  ,,//  y  a  lä  dans 
sa  morale  un  cöte  faihle  que  je  ne  pretends  pas  dissimuler/''  Auch  W.  Ar- 
nold, Die  ethisch-politischen  Grundanschauungen  des  Philipp  von  Comynes 
(Dresden.  Progr.  1873)  spricht  S.  6  von  der  „oft  zweifelhaften  Moralität 
des  Comynes.^'' 

'1)  Dieser  Meinung  sind,  mit  der  bei  Commynes  stets  notwendigen 
Einschränkung,  auch  v.  Karwowski  /.  c.  S.  XIX  und  Arnold  /.  c.  S.  20. 

''2)  Vgl.  I.  S.  20.  131.  303.  337.  395.  401.  —  IL  S.  10.  50.  52.  61. 
66.  80.  85.  131.  165.  176.  181.  210.  292.  321.  333.  365.  378.  379.  496. 

'3)  I.  S.  219.  282. 

'*)  I.   S.  86. 

75)  \.  S.  229;  II.   S.   182. 

'6)  I.  S.  353;  II.  S.   196. 

")  I.  S.  232. 

'8)  II.  S.  67. 

■^^j  I.  S.  70;  II.  S.  132  ff.  {,, Discours  sur  ce  que  Ics  guerres  et 
dii'isions  sont  permises  de  Dieu  pour  le  chastiement  des  princes  et 
du  peuple  mauvais;  avec  plusieurs  bonnes  raisons  et  exemples  advenuz 
du  teinps  de  Vauiheur,  pour  Vendoctrinement  des  princes";  S.  153  ff. 
besonders  S.  162:  ,,Et  fault  donc  congnoistre,  i-eu  la  mauvaistie  des 
hommes,  et  par  espccial  des  grans  qui  ne  se  congnoissent  ny  ne  croyent 
quHl  est  ung  Dieu,  qu'il  est  necessite  que  chascun  seigneur  et  prince 
alt  son  contraire  pour  se  tenir  en  craincte  et  humilite  ou  aultrement 
nul  ne  pourroit  vivre  souhz  eulx  ny  aupres  d'eulx." 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      23 1 

Erfolge  seiner  Politik  nicht  befriedigt,  selbst  seine  vertrautesten 
Ratgeber   mit   Argwohn    verfolgend,    in    die    Einsamkeit   seines 
Schlosses    Plessis-lez-Tours    zurückzog.      Seine    Schilderung   der 
letzten  Leiden  des   Königs  schließt  Commynes  mit  einer  rück- 
blickenden Betrachtung  ab,  in  welcher  er  die  Summe  geschicht- 
licher Wahrheit  aus  Ludwigs  Lebensarbeit  noch  einmal  in  Kürze 
zusammenfaßt:  ,,.  .  .  ne  luy  eust  il  point  mieulx  valUi  et  ä  tous 
aultres  princes,  et  hommes  de  moyen  estat,  qui  ont  vescu  souhz  ces 
grans,  et  vivront  soubz  ceulx  qui  regnent,  eslire  le  moyen  chemin 
en  ces  choses  ?  C'est  asscavoir  moins  se  soucier  et  moins  se  travailler, 
et  entreprendre  moins  de  choses:   plus  craindre  d  of fenser   Dieu, 
et  ä  persecuter  le  peuple  et  leurs  voisins,  par  tant  de  voyes  cruelles 
que  assez  ay  desclarees  par  cy  devant,   et  prendre  des  ayses    et 
plaisirs  honnestes !   Leurs  vies  en  seroient  plus  longues;    les  malla- 
dies  en  viendroient  plus  tard;  et  leur  mort  en  seroit  plus  regrettee 
et  de  plus  de  gens,   et  moins  desiree\  et  auroient  moins  de  doubte 
de  la  mort.     Pourroit  Von  veoir  de  plus  beaux  exemples  pour  con- 
gnoistre  que  c'est  peu  de  chose  que  de  l'homme,  et  que  ceste  vie  est 
miserable  et  brieji'e,  et  que  ce  nest  riens  des  grans  ne  des  petiz  des 
ce  qu'ilz  sont  mors:  que  tout  homme  en  a  le  corps  en  horreur  et 
vitupere.,  et  qu'il  fault  que  l'ame,  sur  Vheure  qu'elle  se  separe  d'eulx, 
aille  recevoir  son  jugenient."^^)      So  drängt  sich  die   Erinnerung 
an  die  über  dem  Menschen  und  seinem  Tun  waltenden  höheren 
Mächte,  der  AusbHck  und  AufbHck  auf  eine  sittliche  Ordnung 
des  Weltenlaufs  in  die  verherrhchende   Schilderung  ein,  welche 
Commynes  von  der  verschlagenen,  allein  von  krassesten  Nütz- 
hchkeitsrücksichten  eingegebenen  Politik  Ludwigs  XL  entwirft. 
Wir  stoßen  hier  auf  eine  EigontümUchkeit  in  Commynes'   Ge- 
schichtswerk, welche  schon  wiederholt  zur  Kritik  herausgefordert 
hat:  auf  den  Gegensatz,  der  zwischen  dem  Lob  besteht,  welciies 
Commynes  sogar  den  liäßlichsten  Maßregeln  und  den  verworfen- 
sten   Regierungshandlungen    seines    fürstliclien    Herrn    si^^ndet, 
und  dem  moralischen  Pathos,  welches  er  dabei  doch  immer  und 
immer  wieder  zur  Schau  trägt  und  bis  in  sein  Schlußurteil  über 
Ludwigs  Lebenswerk  hineinklingon  läßt.    Allein  dieser  Gegensatz 
ist  mehr  scheinbarer  als  tatsäcldicher  Natur.    Man  hat  versucht, 
ihn    in    einen    W  i  d  e  r  s  p  r  u  c  h    umzudeuten    und    seine    Er- 
klärungsursache darin  zu  finden,   daß  es  Commynes  an  Moral 
fehle  und  sein  Glaube  an  eine  waltende  Gerechtigkeit  nur  ein 
fades  und  falsches  Kokettieren  sei.    Aber  eine  solche  Auffassung 
wird    Commynes'    Eigenheit   nicht   gcreelit   und    läuft    zu   stark 
auf  eine  Gleichstellung  Commynes'  mit  Machiavelli  hinaus.     Sie 
läßt  den  Unterscliied  außer  aciit,  welcher  zwischen  beiden  Männern 
waltet.     Machiavelli  bringt  seine  Ansichten  in  die  Form  eines 
geordneten    Systems;    Commynes    dagegen    verzichtet    auf   eine 

80)  II.  S.  289. 

16* 


232  ^\'"^  (Unser. 

pluiunäl.ligo  Daislellung  seiner  politischen  und  staalstheoretisclion 
Gedanken  und  ist  darum  der  Gefahr  der  Inkonsequenz  nicht 
ganz  entgangen.  Machiavelli  ist  Theoretiker;  Commynes  ist 
Historiker.  MachiavelH  betrachtet  die  geschichtUchen  Vorgänge 
im  Lichte  seiner  Theorie  und  lehnt  jegliciie  Anerkennung  morali- 
scher Rücksichton  und  Normen  in  politischen  Fragen  grund- 
sätzlich und  bedingungslos  ab.  Commynes  abstrahiert  seine 
Ideen  aus  der  Beobaciitung  der  geschichtlichen  Ereignisse  und 
kommt  um  die  Anerkennung  von  Moralgeboten  auch  für  das 
staatliche  Leben  nicht  herum,  aber  er  gibt  seine  sittlichen  Grund- 
sätze zu  leicht  preis  zugunsten  der  devoten  Bewunderung,  welclie 
ihm  die  durch  eine  skrupellose  Staatskunst  errungenen  blenden- 
den Erfolge  seines  Helden  abnötigen.  Wir  sehen,  wie  tief  in 
Commynes'  Gedankenkreis,  wie  tief  in  seiner  ,, Moral"  der  sein 
ganzes  Werk  beherrschende  Gegensatz  eingreift:  der  Gegensatz 
zwischen  der  Bewunderung,  die  ihn  ,, dämonisch  unlöslich"^^)  an 
Ludwig  XL  fesselte,  und  den  Bedenken,  die  ihm  sein  Regierungs- 
system als  solches  erweckt. 

Commynes'  politische  Anschauungen  erschöpfen  sich  nicht 
in  der  Bewunderung  von  Ludwigs  Größe  und  in  der  —  sei  es 
auch  nur  stillschweigenden  —  Billigung  seiner  Regierungs- 
handlungen. Er,  der  sich  zum  treuen  und  gehorsamen  Verfechter 
und  Bewunderer  von  Ludwigs  Regierungshandlungen  macht, 
entfernt  sich  in  seinen  politischen  Anschauungen  in  vielen  Punkten 
von  dem  absolutistischen  System  des  Königs.  Hier  liegt  gerade 
der  Fortschritt,  das  Selbständige  in  Commynes'  Ansichten.  Was 
er  über  den  König  sagt,  ist  mehr  historisch,  eine  Würdi- 
gung seiner  Taten,  so  wie  sie  sich  einem  dabei  beteiligten,  dem 
König  persönHch  verpflichteten^^)  Beobachter  darstellen.  Das 
persönliche  Element,  die  Meinung  des  Geschichtsschreibers, 
macht  sich  hier  allein  in  der  Form  des  Lobes,  das  den  Taten  des 
Königs  gezollt  wird,  oder  in  der  Enthaltung  von  jeglichem  Tadel 
gegenüber  den  schlechten  und  verwerf  hohen  seiner  Handlungen 
bemerkbar.  Für  die  gerechte  Würdigung  des  Bildes,  das  Com- 
mynes von  Ludwig  XL  entwirft,  ist  es,  wie  wir  schon  hervor- 
hoben, von  Wichtigkeit  zu  beachten,  daß  Commynes  das  Lob, 
das  er  seinem  König  spendet,  mit  der  für  seine  ganze  Beurteilung 
und  Auffassung  des  Königs  grundwichtigen  Einschränkung  ein- 
leitet,  daß   Ludwig   das  ihm   gespendete   Lob   vielfach   nur  im 


81)  Arnold  l.  c.  S.  53. 

82)  Das  meint  Commynes,  wenn  er  in  dem  „Prologue"  S.  4  von 
den  „graces  que  fay  receues  de  Im/'  (d.  h.  von  Ludwig  XL)  spricht. 
Desgl.:  „II  pourra  semhler  au  temps  advenir  ä  ceulx  qui  verront  cecy, 
que  en  ces  deux  princes  (gemeint  ist  Ludwig  XL  und  Karl  der  Kühne) 
n'y  eut  pas  grant  foy,  ou  que  je  parle  mal  d'eulx.  De  Vung  ne  de  Vaultre 
ne  vouldroye  pas  mal  parier:  et  ä  nostre  Roy  suis  tenu,  comme  chascun 
scait'\     L  S.  278. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      233 

Hinblick  auf  andere  Fürsten  verdient.^^)  Ludwig  ist  vollkom- 
mener als  es  andere  Fürsten  sind,  aber  das  Ideal  eines  Herrschers 
sieht  Commynes  auch  in  ihm,  dem  „prince  digne  de  tres  excellente 
memoire"^^)  nicht  unbedingt  verkörpert.  Ein  solches  Ideal  der 
Vollkommenheit  ist  auf  Erden  nirgends  zu  finden.  „A  Dien 
seid  appartieni  la  perfeciion."^^)  ^,Nulle  creature  n'est  exemptee 
de  passion,  et  tous  mangent  leur  pain  en  peine  et  en  doiileur"^^) 
und  oft  hat  niemand  mehr  zu  leiden  als  gerade  die  Fürsten.^') 

Die  Überzeugung,  daß  auch  einem  so  vortreffhchen  Fürsten, 
wie  es  Ludwig  XL  in  den  Augen  Commynes'  ist,  Mängel  anhaften, 
bildet  für  Commynes  nicht  bloß  eine  Entschuldigung  für  die 
Nachsicht,  mit  der  er  seinen  Helden  behandelt,  sondern  auch 
einen  Antrieb  und  Anlaß,  seine  eigenen  Ansichten  über  Staat 
und  Politik  darzulegen,  die  sich  mit  denen  des  Königs  nicht 
immer  und  überall  decken. 

Gegenüber  den  absolutistischen  Gelüsten,  wie  sie  Ludwig  XL 
verkörpert,  rückt  Commynes  mit  einem  Freimut,  der  seinem 
königlichen  Herrn  nicht  behagt  haben  würde,  das  Recht  des 
Volks  in  den  Vordergrund.  Er  sucht,  ohne  die  Notwendigkeit 
der  Monarchie  zu  bestreiten,  das  richtige  Verhältnis  zwischen  den 
Rechten  des  Herrschers  und  den  Rechten  des  Volks  herzustellen. 
Der  Steuerdruck,  unter  welchem  das  französische  Volk  in  jenen 
Tagen  mehr  als  unter  anderen  Lasten  zu  seufzen  hatte,  legte  es 
ihm  nahe,  seine  Erörterungen  über  die  Befugnisse  des  Herrschers 
und  die  Rechte  des  Volks^^)  mit  einer  Kritik  der  willkürlichen 
Besteuerung,^^)  welcher  die  französischen  Könige  ihre  Unter- 
tanen unterwerfen,  einzuleiten.  ,,Donc  . . .  y  a  il  roy  ne  seigneur 
siir  terre  qui  ait  poi'oir^  oiiltre  son  domaine,  de  mettre  iing  denier 
sur  ses  subjectz,  sans  octroy  et  consentement  de  ceiilx  qui  le  doibvent 
payer^  sinon  par  tyrannie  ou  viollence  ?"^^)  Alle  Gründe,  welche 
für  das  unbeschränkte  Steuererhebungsrecht  des  Königs  sprechen, 
räumt  er  beiseite:  ,,0n  pourroit  respondre  qu'il  y  a  des  Saisons 
qu'il  n,e  fault  pas  attendre  l'assemblee,  et  que  la  chose  seroit  trop 
longue  ä  cornmencer  la  guerre  et  ä  l'entreprendre.  Ne  se  fault  point 
taut  haster ^  on  a  assez  temps:  et  si  vous  dis  que  les  roys  et  princes 

^^)  Auf  diese  Einschränkung  möchte  ich  mehr  Wert  legen,  als  auf 
das,  was  Arnold  S.  22.  23  sagt. 

8*)  \.  S.  2. 

85)  I.  S.  2. 

8C)  II.     S.  540. 

8')  Vgl.  auch  II.  S.  263  ff.,  S.  267  („il  n'est  nul  homme,  de  quelque 
dignite  qu'il  soit,  qui  ne  soujfre,  ou  en  secret  ou  en  public,  et  par  especial 
ceulx  qui  fönt  souffrir  les  nultres")  und  l)esondei'S  S.  271  ff.  ,, Discours 
sur  la  misere  de  la  vie  des  hommes,  et  principallement  des  princes'". 

^^)  II.  s.  141  fr. 

8^)  Schon  an  seiner  früheren  Stelle  I.  S.  19  ff.  hat  Commynes  an 
dem  Beispiel  Burgunds  darauf  hingewiesen,  daß  es  für  ein  Land  be- 
glückend ist,  von  willkürlichen  Steuerauflagen  verschont  zu  bleiben. 

'■"')  II.   S.   141. 


234  A'"/Y  Glaser. 

en  sont  irop  plus  jors  quant  Uz  enlreprennent  du  conseil  de  leurs 
subjedz,  et  en  sont  plus  crainctz  de  leurs  ennemys.  Et  quant  se 
vient  ä  soy  deffendre^  on  voit  venir  ceste  nuee  de  loing,  especialle- 
menl  quant  c'est  d'estrangiers:  et  d  cela  ne  doibvent  les  bons  subjectz 
riens  plaindre  ne  refuser:  et  ne  scauroit  advenir  cas  si  soubdain 
oü  Von  ne  puisse  bien  appeller  quelques  ungz  et  personnaiges  telz 
que  Von  puisse  dire:  «II  n'est  pas  faicl  saus  cause>,  et  en  cela  ne 
user  point  de  fiction,  ne  entrelenir  une  petite  guerre  ü  voulenle  et 
saus  propos,  pour  avoir  cause  de  lever  argent.  Je  scay  bien  qu'il 
jault  argent  pour  deffendre  les  frontieres  et  les  environs  garder, 
guant  il  n'est  point  de  guerre,  pour  n'estre  point  surprins\  et  le 
tout  faire  moderemenl:  et  ä  toutes  ces  choses  sert  le  sens  d'ung  saige 
prince:  car  s'il  est  bon,  il  congnoit  qui  est  Dieu  et  qui  est  le  monde, 
et  ce  qu'il  doibt  et  peult  faire  et  laisser.'"^^)  Montesquieu  voraus- 
eilend, verweist  er  auf  das  Beispiel  Englands:  ,,ör,  selon  mon 
advis,  entre  toutes  les  seigneuries  du  monde  clont  j'ay  congnoissance, 
oü  la  chose  publicque  est  mieulx  traictee,  oü  regne  moins  de  viollence 
sur  le  peuple,  oü  il  n'y  a  nulz  ediffices  abbatuz  ny  desmolis  pour 
guerre,  c'est  Angleterre;  et  tonibe  le  sort  et  le  malheur  sur  ceulx 
qui  fönt  la  guerre". ^^)  Englands  Lob  hat  Gomm;^Ties  schon  an 
einer  früheren  Stelle^^)  seines  Geschichtswerks  angestimmt, 
indem  er  rühmend  des  engUschen  Parlaments  gedachte,  dessen 
Bewilligungsrecht  die  enghschen  Könige  zwar  in  Abhängigkeit 
hält,  ihnen  dafür  aber  an  der  bereitwilHgen  Unterstützung  des 
Volks  einen  starken  Rückhalt  sichert :  ,, . . .  le  Roy  ne  peult  entrc- 
prendre  une  teile  oeuvre  sans  assembler  son  parlement  (qui  vault 
autant  ä  dire  comme  les  trois  Estatz),  qui  est  chose  tres  juste  et 
saincte;  et  en  sont  les  roys  plus  fors  et  mieulx  servis. . ."  Commynes 
spricht  damit  in  Kürze  einen  Gedanken  aus,  auf  welchen  er  im 
Zusammenhang  seiner  Erörterungen  über  das  Verhältnis  von 
Herrscher  und  Volk  nunmehr  noch  einmal  mit  AusführUchkeit 
zurückkommt:  den  Gedanken,  daß  die  ständischen  Befugnisse, 
statt  die  Rechte  des  Königs  zu  schmälern,  vielmehr  dazu  geeignet 
sind,  die  königliche  Autorität  zu  stärken.  Es  ist  eine  Auffassung, 
welche  durch  den  Hinweis  auf  die  große  Königstreue  des  fran- 

91)  Vgl.  dazu  eine  spätere  Stelle  II.  S.  225:  Karls  VII.  eigen- 
mächtiges Vorgehen  findet  Commynes  noch  entschuldbar  in  Anbetracht 
der  besonderen  Umstände,  unter  denen  die  Steuerauflagen  während 
seiner  Regierung  erfolgt  sind:  ,,pour  lors  y  avoit  grans  matieres,  tant 
pour  garnir  les  pays  conquis  que  pour  despartir  les  gens  des  compaignies 
qui  pilloient  le  royaulme,  et  ä  cecy  se  consentirent  les  seigneurs  de  France, 
pour  certaines  pensions  qui  leur  furent  promises  pour  les  deniers  qu'on 
levoit  en  leurs  terres".  Aber  die  Fortdauer  und  Steigerung  der  Steuer- 
auflagen unter  Ludwig  XI.  haben  dem  schon  durch  die  Leiden  des 
Kriegs  hart  mitgenommenen  Lande  unsagbaren  Schaden  gebracht, 
das  Vertrauen  des  Volkes  auf  den  König  erschüttert  und  den  König 
mit  Mißtrauen  gegen  seine  eigenen  Untertanen  erfüllt. 

92)  II.  S.  142. 
»3)  I.  S.  314. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frcinhr.  etc.      235 

zösischen  Volks  und  der  französischen  Reichsstände  eine  be- 
sondere Bedeutung  gewinnt.  .,.Est  ce  donc  sur  telz  subjectz  que 
le  Roy  doibt  alleguer  privilege  de  povoir  prendre  ä  son  plaisir; 
qui  si  liberallement  luy  donnent?"^^)  Hier  wie  so  oft  wendet  sich 
Commynes  gegen  die  schlechten  Ratgeber  in  der  Umgebung 
eines  Königs.  Sie  wissen  nur  vor  der  Berufung  und  Befragung 
der  Reichsstände  zu  warnen,  unter  dem  für  schwache  Könige 
schmeichelhaften  Vorwand,  daß  die  Stände  bloß  eine  Schmäle- 
rung der  königUchen  Autorität  bedeuteten.  Commynes  durch- 
schaut solche  Höflinge;  er  nennt  sie  verächtlich  ^.quelques  ungz 
de  petite  condition  et  de  petita  vertu"  und  sieht  in  ihren  Warnungen 
nur  die  Befürchtung,  durch  die  Stände  in  ihrem  Treiben  ertappt 
und  entlarvt  zu  werden.  Seinen  Ausführungen  über  die  Aliß- 
achtung  bestehender  Rechte  sucht  er  einen  breiten  Hintergrund 
zu  geben,  indem  er  sich  in  weitschweifige  allgemeine  Erörterungen 
über  die  Versündigungen  der  Menschheit  und  insbesondere  über 
die  Fehler  und  Mißgriffe  der  Großen  stürzt.  ,^Les  plus  grans 
maulx  viennent  voulentiers  des  plus  fors:  car  les  foibles  ne  cherchent 
que  patience."^^)  Es  ist  Commynes'  Art,  seine  Betrachtungen 
mit  rehgiöser  Beigabe  zu  würzen.  So  findet  er  hier  die  Ursache 
der  menschlichen  Irrungen  und  der  Übergriffe  von  Seiten  der 
Großen  in  dem  Mangel  an  Glauben.  „En  ce  cas,  je  dis  que  c'est 
faulte  de  foy^  et,  aux  ignorans,  faulte  de  sens  et  de  foy  ensemble; 
mais  principallement  faulte  de  foy,  dont  il  rne  semble  rjue  procedent 
tous  les  maulx  qui  sont  par  le  monde,  et  par  especial  les  maulx 
qu'ont  partie  de  ceux  qui  se  plaignent  d'estre  grevez  et  foullez  d'aultruy, 
et  des  plus  fors."^^)  „S'ilz  avoient  donc  ferme  foy,  etqu'ils  creussent 
ce  que  Dieu  et  V Eglise  nous  commande  sur  peine  de  darnpiiation, 
congnoissans  leurs  jours  estre  si  briefz,  les  peines  d'enfer  estre  si 
horribles,  et  sans  nulle  fin  ne  remission  pour  les  dampnez,  feroient 
Hz  ce  qu'ilz  fönt  ?  II  fault  conclurre  que  non,  et  que  tous  les  maulx 
inennent  de  faulte  de  foy".'^'^)  Auch  hier  wieder  fühlt  sich  Commynes 
dazu  berufen,  den  Glauben  an  eine  über  den  Fürsten  stehemle 
strafende  Gerechtigkeit  Gottes  zu  predigen  und  ihr  Walten  an 
Beispielen  aus  der  Geschichte  des  Langen  und  Breiten  klar- 
zumachen.^^) 

Wir  dürfen  uns  durch  solche  frommen  Ergüsse  nicht  über 
den  wahren  Ciiarakter  von  Commynes'  Werk  täuschen  lassen. ^'•^) 


9*)  II.  S.  145. 
95)  II.  S.  140. 
«6)  II.  S.   147.   148. 

"')  II.  S.  149.  Ähnlich  später  II.  S.  162:  „tous  ces  maulx  pro- 
cedent de  faulte  de  foy". 

98)  II.  S.   153—163. 

99)  Das  ist  der  Felder  Arnolds,  der  entschieden  zu  weit  geht, 
wenn  er  (S.  25.  26)  den  religiösen  Charakter  der  Memoiren  zu  stark 
betont:  ,,Nun  leitete  ihn  (Coniniynes)  seine  nalürliche  Anlage,  sotvie 
seine    zeitweilige    Stimmung    noch    besonders    darauf    hin,    das    Werk 


236  A'///-/  Glaser. 

Das  religiöse  Element  ist  nur  eine  Beigabe.  Der  Charakter  seines 
Werkes  selbst  wird  dadurch  niclit  berührt.  Glaubensfragen 
waren  noch  nicht  in  seinen  Gesichtskreis  getreten.  Sein  Denken 
und  Sinnen  war  allein  auf  weltliche  Dinge  gerichtet.  Mit  dem 
Blick  des  nüchtern  erwägenden  Staatsmanns,  der  überall  nur 
den  Vorteil  sucht,  musterte  er  die  Geschehnisse  seiner  Zeit  und 
die  Geschichte  der  Völker  und  Fürsten.  Selbst  als  politischer 
Theoretiker  und  Systematiker  zu  glänzen  entsprach  nur  wenig 
seinem  Geschmack.  So  hat  er  denn  auch  die  Fragen  von  Herrscher- 
macht und  Herrscherrecht  nur  behutsam  gestreift.  Die  Be- 
denken, welche  er  gegen  die  Vorzüglichkeit  der  unumschränkten 
Monarchie  geäußert,  flössen  ihm  in  eigentümlicher  Mischung 
mit  der  Verehrung  zusammen,  die  er  der  Person  ihres  Begründers 
entgegenbrachte.  Andere  folgten  ihm,  aber  auch  sie  vermochten 
keinen  Schritt  vorwärts  zu  tun.'^)  Die  absolutistische  Staats- 
theorie, von  schwächlichen  Schmeichlern  verfochten,  dafür  aber 
mit  um  so  größerem  Pathos  verkündet,  herrschte  zu  Anfang 
des  16.  Jahrhunderts  noch  unumschränkt.  Es  bedurfte 
erst  einer  so  umstürzlerisch  und  doch  so  fördernd  in  alle 
Verhältnisse  des  Lebens  und  Denkens  eingreifenden  Be- 
wegung, wie  es  die  Reformation  gewesen  ist,  um  die  von  Commynes 
in  Umlauf  gesetzten  Ideen  zu  neuer  Stärke  zu  erw^ecken  und 
die  von  ihm  in  die  Wege  geleitete  Oppositionsbewegung  mit 
Kraft  und  Nachhaltigkeit  zu  erfüllen.  Wie  niemals  vorher  oder 
nachher  sollten  religiöse  Ideen  über  die  Gestaltung  politischer 
Theorien  entscheiden. 

W'ir  kommen  hier  an  den  Punkt,  w^o  wir  zum  erstenmal  die 
Reformation  in  die  politischen  Anschauungen  der  Zeit  eingreifen 
und  eine  Entwicklung  vorbereiten  sehen,  welche,  sich  immer 
umstürzlerischer  gestaltend,  Ideen  und  Theorien  zeitigte,  die 
die  Grundlagen  der  monarchischen  Staatsordnung  in  Frankreich 
erschüttert  haben  und,  mit  dem  Erstarken  der  monarchischen 
Gewalt  im  Zeitalter  des  Absolutismus  vorübergehend  zurück- 
gedrängt, in  der  Aufklärungsliteratur  am  Vorabend  der  großen 
Revolution  eine  neue  Auferstehung  erleben  sollten.  Wenn  wir 
schon  jetzt  das  Verhältnis  der  Aufklärungsliteratur  zur  Refor- 
mation auf  eine  kurze  Formel  bringen  wollen,  so  können  wir 
sagen,   daß   die  Aufklärung,   obwohl  sie  ihrem  Charakter  nach 

(d.  h.  die  Memoiren)  religiös  zu  vertiefen .. .  Dieses  Werk  sollte  auch 
der  Klerus  in  korrekter  Orthodoxie  utid  humaner  Tendenz  approbieren 
können;  man  merkt  es  ihm  überall  (/)  an,  daß  es  zunächst  an  die  Adresse 
eines  geistlichen  Herrn  gerichtet  ist:  es  sollte  nicht  nur  für  die  Politik, 
sondern  auch  für  die  Erkenntnis  einer  sittlichen  Weltordnung  ein 
Hülfsmittel  sein;  in  diesem  Bestreben  werden  dem  Verfasser  die  Per- 
sonen zu  tragischen  Helden  und  ethischen   Typen.  .  .  ." 

100)  Vgl.  besonders  G.  Weill,  Les  theories  sur  le  pouvoir  royal  en 
France  pendant  les  guerres  de  religion.  Paris  1891.  S.  10  ff.  und  Marcks, 
Gaspard  von  Coligny.     I.    (Stuttgart  1892).     S.  182  ff. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Fraukr.  etc.      237 

keine  religiöse  Bewegung  war  und  sein  wollte,  die  freiheitlichen 
Anschauungen  der  Reformation  übernommen  und  in  einer  den 
veränderten  Umständen  und  Zielen  entsprechend  modifizierten 
Gestalt  neu  belebt  und  fortgeführt  hat.  In  dieser  FormuHerung 
des  Anteils,  welchen  die  Reformation  an  der  Aufklärungsbe- 
wegung in  Frankreicli  genommen,  hegt  kein  Widerspruch.  Die 
Reformation  hatte  schon  früh  aufgehört,  eine  rein  rehgiöse  An- 
gelegenheit zu  sein.  Einem  reUgiösen  Neuerungsbedürfnis 
entsprungen,  war  sie  zu  einer  mächtigen  Bewegung  geworden, 
welche  sich  die  Durchdringung  alles  geistigen  Lebens  zum  Ziel 
gesetzt  hatte.  Mit  der  Übertragung  auf  das  pohtische  Gebiet 
erwuchsen  der  Reformation  neue  Ideen  und  neue  Aufgaben. 
Der  Kampf  gegen  die  Autorität  des  Papstes  erweitert  sich  zu 
einem  Kampf  gegen  die  Hoheitsrechte  der  Fürsten.  Mehr  als 
auf  anderen  Gebieten  hat  sich  die  Reformation  hier  von  ihren 
ursprüngUchen Zielen  entfernt  und  ist,  bis  zu  den  umstürzlerischsten 
Anschauungen  fortschreitend,  zu  Theorien  gelangt,  welche  der 
in  dem  Lager  der  Reformationspartei  entstandenen  Publizistik 
einen  revolutionären  Charakter  verheben  haben. 

Umstürzlerische  Ideen  lagen  Calvin,  dem  Begründer  der 
Reformation  in  Frankreich,  ebenso  fern  wie  Luther,  dem  Be- 
gründer der  Reformation  in  Deutschland.-'^^)  So  umstürzlerisch 
Luthers  Auftreten  auf  religiösem  Gebiete  wirkte,  er  war  und  bheb 
in  politischen  Dingen  ein  Gegner  durchgreifender  Neuerungen. 
Er  zog  das  Hoheitsrecht  der  Fürsten  nicht  in  Zweifel.  Die  welt- 
liche Obrigkeit  erschien  ihm  vielmehr  als  eine  von  Gott  gewollte 
Einrichtung;^^-)  er  predigte  den  Gehorsam  gegen  die  Obrigkeit 
und  fand  die  einzig  möghche  Schranke  für  die  Ausübung  der 
Pfliclit  des  Gehorsams  in  einem  dem  göttlichen  Gebot  zuwider- 
laufenden Befehl. 1*^^)  Die  Völker  dürfen  nicht  zur  Selbsthülfe 
greifen,  sie  müssen  die  Befreiung  von  einem  Tj^annen  Gott 
anheimstellen:  er  ,,mag  frembde  Oberkeit  erwecken" \^^^)  er 
bekämpfte   alle   mit   dem   Vorwande   seiner   Lehre   umkleideten 


1°^)  Vgl.  M.  Lenz,  Luthers  Lehre  von  der  Obrigkeit  in  Preuß.  Jahr- 
bücher 75,  S.  426 — 441.  E.  Brandenburg,  Luthers  Anschauung  iom 
Staate  und  der  Gesellschaft.  Halle  1901.  Cardauns,  Die  Lehre  vom 
Widerstandsrecht  des  Volkes  gegen  die  rechtmäßige  Obrigkeit  im  Luther- 
tum und  im  Calvinismus  des  16.  Jahrhunderts.  Bonn  Diss.  1903.  S.  1  ff. 
H.  Lureau,  Les  doctrines  democratiques  chez  les  ecrivains  protestants 
jrangais  de  la  seconde  moitie  du  XV le  siede.    Bordeaux  1900.    S.  20  ff 

i«2)  Vgl.  Weimarer  Ausgabe  XIV.  S.  453  und  XXIV.  S.  586.  Schon 
im  Jahre  1520  schrieb  Luther:  ,,weltlich  gewalt  [ist]  gar  ein  gering 
ding  für  got,  und  vil  zu  gering  von  yhm  geacht,  das  man  umb  yhrer- 
willen,  sie  thu  recht  oder  unrecht,  sollt  sich  sperren,  ungehorsam  und 
uneinig  werden"  (VI.  S.  259). 

103)  XXIV.  S.  257—286  (Ermahnung  zum  Frieden);  S.  287— 294 
{Wider  die  mörderischen  und  räuberischen  Rollen  der  Bauern);  S.  294 
bis  319  (Ein  Sendbrief  von  dem   harten   Büchlein  wider  die  Bauern). 

10^)  XXII.  S.  263. 


238  Kurt  Glaser. 

iimstürzlcrisclion  Roslrfbungon  und  scliricb  seine  zornige  Schrift 
„llVrfer  die  mörderischen  und  räuberischen  Rollen  der  Bauern"-, 
er  gab  den  protestantischen  Fürston  in  der  Verfügung  über  die 
Landeskirche  eine  neue  und  starke  Stütze  ihrer  Macht.  Ahnlich 
Calvin. ^^^)  Die  beste  Regierungsform  ist  in  seinen  Augen  die 
Herrschaft  eines  einzelnen.  \^  ie  Luther  lehrt  auch  er  die  göttliche 
Einsetzung  der  Obrigkeit.  Er  faßt  sie  nicht  allein  als  ein  welt- 
liches, sondern  auch  als  ein  kirchliches  Amt  auf.  Der  Staat  ist 
eine  notwendige  Ordnung  Gottes,  begabt  mit  Pflichten  politischer 
und  sittlicher  Art.  Die  Obrigkeit  soll  die  wahre  Lehre  verbreiten, 
sie  ist  vor  Gott  verantwortlich  für  die  Seelen  der  Untertanen. 
Ein  Fürst,  der  sich  gegen  Gott  erhobt,  entsetzt  sich  selbst  seiner 
Macht  und  wird  unwürdig,  noch  unter  die  Zahl  der  Menschen 
gerechnet  zu  werden.  Die  staatliche  Ordnung  steht  unter  der 
göttlichen  Ordnung.  Auch  Calvin  fordert,  daß  sich  der  gläubige 
Christ  dem  Gebot  der  weltlichen  Obrigkeit,  der  guten  wie  der 
schlechten,  der  milden  wie  der  tyrannischen,  unterwerfen  soll. 
Als  einzige  Ausnahme  läßt  er  den  Fall  gelten,  daß  der  Herrscher 
an  die  Religion  rührt  und  in  das  Gewissen  seines  Volks  eingreift. 
Der  Gottesgehorsam  bildet  die  Grenze  für  den  Gehorsam  gegen 
die  Obrigkeit.  Es  ist  eine  Einschränkung,  welche  in  einer  religiös 
bewegten  und  um  religiöse  Forderungen  und  Ideale  kämpfenden 
Zeit  von  größter  und  folgenschwerster  Bedeutung  werden  mußte. 
Calvins  Formulierung  eines  Ausnahmefalls  in  der  Gehorsams- 
pflicht der  Untertanen  gegen  die  weltliche  Obrigkeit  sollte  der 
Ausgangspunkt  und  zugleich  die  Rechtfertigung  für  die  sich 
im  Schöße  der  neuen  Kirche  in  Frankreich  mehr  und  mehr  ent- 
wickelnden demokratischen  und  revolutionären  Tendenzen  werden. 
Gegenüber  dem  polemischen  Charakter,  welchen  die  Literatur 
bis  in  die  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  trägt,  gewinnt  in  der  zweiten 
Hälfte  des  Jahrhunderts  die  theoretisierende  Tendenz  die  Herr- 
schaft in  der  politischen  Literatur.^^^)  Die  anfänglich  nur  zer- 
streut und  behutsam  auftauchenden  Ideen  sammeln  und  klären  sich 
und  verdichten  sich  zu  fest  umrissenen  Theorien.  Die  Ver- 
teidigung und  Rechtfertigung  von  Fall  zu  Fall,  wie  sie  die  huge- 
nottische Publizistik  anfänglich  geübt,  genügt  bald  niclit 
mehr.  Die  Zeitumstände,  welche  sich  mit  immer  größerer  Schärfe 
zu  einem  Kampf  der  katholischen  und  hugenottischen  Parteien 
um  die  Herrschaft  auf  französischem  Boden  zuspitzen,  erfordern 
eine  Abwehr  der  feindlichen  Angriffe  auf  der  ganzen  Linie  und 
eine    mutige    Bekämpfung    des    gegnerischen    Systems    in    allen 


'^^^)  Über  Calvins  pohtische  Theorien  vgl.  auch  Mealy,  Les  publicistes 
de  la  Reforme  sous  Frangois  II  et  Charles  IX.  1903.  S.  41 — 52  und 
Marcks  1.  c.  S.  296  ff.   S.  333  ff. 

106)  Vgl.  Lenient,  La  satire  en  France  ou  la  litterature  militante 
au  XV le  siede  (Paris  1866).  S.  320.  321  und  diese  Zeitschrift 
XXXIIIi  S.  98—100. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      239 

seinen  Teilen;  sie  erheischen  vor  allem  auch  systematisch  ge- 
ordnete Darlegungen  und  ausführUche  Rechtfertigungen  der 
eigenen  Parteibestrebungen  und  politischen  Machtansprüche 
gegenüber  den  Forderungen  und  Ansichten  des  Gegners.  Die 
Theorie  greift  in  die  schwebenden  Zeitfragen  ein  und  tritt  in 
den  Dienst  beider  Parteien,  in  deren  Interesse  die  theoretischen 
Erörterungen  neue  Mittel  und  Waffen  zum  Kampf  werden. 
Den  entscheidenden  Wendepunkt  in  dieser  Entwicklung 
bezeichnet  die  Bartholomäusnacht.^*^'^)  So  stürmisch  und  kriege- 
risch auch  der  Ton  der  politischen  Schriftstellerei  und  Poesie 
bisher  gewesen  war,  so  mannigfach  auch  die  umstürzlerischen 
Gedanken  waren,  welche  namentlich  in  der  hugenottischen 
Publizistik  zum  Ausdruck  kamen  —  vor  der  Person  des  Königs 
und  vor  der  königlichen  Würde  hatten  auch  die  verwegensten 
Neuerer  Halt  gemacht.  Da,  wo  das  Eingreifen  des  Königs  schwer 
zu  leugnen  oder  zu  verkennen  war,  hatte  man  bisher  die  Schuld 
seinen  Ratgebern  gegeben,  die,  wie  der  Kardinal  von  Guise, 
einen  maßgebenden  Einfluß  auf  den  Gang  der  Politik  ausgeübt 
hatten. ^**^)  Seit  der  Bartholomäusnacht  tritt  die  Person  des  Königs 
selbst  in  den  Vordergrund  und  wird  zum  Ziel  der  Angriffe  von 
Seiten  der  Hugenotten.  Du  Plessis-Mornay  zeichnete  die  Situation 
richtig,  wenn  er  in  jenen  Jahren  (1576)  schrieb:  ,^l' Estat  s'est 
crevasse  et  ebranle  clepuis  la  journee  de  Saint- Barthelemy,  depuis, 
dis-je,  que  la  foi  du  prince  envers  le  sujei  et  du  sujet  envers  le  prince, 
qui  est  le  seul  ciment  qui  entretient  les  Estats  en  un,  s'est  si  outra- 
geusement  dementie}^'^)  Die  bisher  übliche  Scheidung  des  Königs 
von  seinen  Ratgebern  macht  einer  neuen  Scheidung,  welche 
aus  dem  Begriffe  Monarch  selbst  hergeleitet  ist,  Platz:  der  Schei- 
dung von  König  und  Tyrann.  Die  Angriffe  gegen  die  Person 
des  Königs  erweitern  sicli  zum  Angriff  auf  das  Königtum  als 
solches.  Verfassungsfragon  allgemeiner  Natur  werden  jetzt 
Gegenstand  der  Erörterungen.  Die  Rechte  der  Untertanen 
werden  den  Recliten  des  Monarchen  entgegengesetzt.  Die  Vor- 
züge und  Nachteile  der  verschiedensten  Verfassungsformen 
werden  gegenseitig  abgewogen.  Seit  der  Bartholomäusnacht 
treten  die  staatstheoretischen  Erörterungen  somit  in  ein  neues 
Stadium  ein.  Sie  gewinnen  neue  Ziele,  sie  finden  neue  Stoffe. 
Durch  die  Ausbildung  zu  festen  Tlieorien  nehmen  die  politischen 
Ideen  eine  klarere  und  deutlichere  Gestalt  an.  Die  Form  des 
ordnenden  Systems  verleiht  ihnen  eine  Kraft  und  Wirkung, 
welche  ihnen  bei  allem  Schwung  und  aller  Kühnheit  bisher  doch 
immer  noch  gefehlt  iiatte. 


1"'')  Baudrillart,  J.  Bodin  et  son  temps.     Paris  ISiiS.     S.  49. 

108)  Vgl.  diese  Zeitschrift  XXXIP  S.  243  ff. 

10^)  Remontrance  aux  Estats  de  Blois  pour  la  paix,  sous  la  personne 
d^un  catholique  roniain,  ran  1576.  S.  36  =  Memoires  de  Du  Plessis- 
Mornay  (Paris  1824)  II.  S.  70. 


240  ^\"^/  Glaser. 

IV.  Fran^oiN  Ilotman. 

Die  Umwandlung,  welcho  seit  der  Bartholomäusnacht  in 
dem  Charakter  der  pohtisclien  Literatur  vorgeht,  findet  in  Hot- 
mans  ,^Franco-Gallia"  iliren  frühesten  und  prägnantesten  Aus- 
druck.^^^)  Hier  haben  wir  zum  ersten  Male  ein  wohldurchdachtes 
fertiges  System  vor  uns.^^^)  Mit  seiner  ,,Franco-Gallia"  hat  sich 
Hotman  zur  Höhe  der  philosophiscli-historischen  Betraclitung 
erhoben.  Seine  bisherige  größte  Leistung  auf  dem  Gebiet  der 
pohtischen  Schriftstellerei,  sein  „Tygre"  war  noch  ganz  und 
gar  im  Geiste  politischer  Leidenschaftlichkeit  und  Invektive 
gehalten  und  übertraf  alle  anderen  Produktionen  jener  Tage  an 
Wucht  und  Wirkung  der  Sprache. ^^2)  Und  noch  die  Bartholo- 
mäusnacht hat  ihm  den  Stoff  zu  einem  Pamphlet  geliefert,^^^) 
in  welchem  er  unter  dem  Pseudonym  Varamundus  die  Anstifter 
des  Mordens  als  Verräter  an  der  Sache  des  Vaterlandes  hin- 
stellt und  offen  zum  Abfall  von  dem  König,  dem  Mörder  seines 
Volks,  auffordert.  Diese  Periode  stürmischer  Schriftstellerei  hat 
Hotman  mit  seiner  ^^Franco-Gallia"  überwunden.  Den  neuen 
Aufgaben,  welche  die  durch  die  Bartholomäusnacht  geschaffene 
Lage  an  die  Publizisten  stellt,  sucht  er  gerecht  zu  werden,  indem 
er  die  neuen  Probleme  auf  neuem  Wege  zu  lösen  sucht.  Er 
verbindet  die  historische  Untersuchung  mit  der  theoretischen 
Spekulation  und  sucht  so  zu  dem  Erweis  seiner  These  von  der 
Schädlichkeit  der  absoluten  Monarchie  und  der  Notwendigkeit 
eines  starken  ständischen  Regiments  vorzudringen.  In  groß- 
artiger Weise  unternimmt  er  den  Versuch,  zum  ersten  Male  die 


1^°)  Zuerst  in  lateinischer  Ausgabe  erschienen  unter  dem  Titel: 
,, Franc.  Hotomani  Jurisconsulti  Francogallia.  Ex  ojficina  Jacobi 
Stoerii.  1573."  Verglichen  habe  ich  damit  die  französische  Über- 
setzung: ,,La  France -Gaule''  in  den  ,,Memoires  du  regne  de  Charles 
/Z"  (Middelbourg  1578.  11.  S.  375  v«  ff.).  Von  lateinischen  Ausgaben 
habe  ich  sonst  die  noch  von  Hotman  selbst  besorgte,  erweiterte  von 
1586,  sowie  eine  in  Frankfurt  1665  gedruckte  herangezogen. 

1^1)  Völlig  verkehrt  ist  das  Urteil  von  Dareste:  „sa  (d.  h.  Hotmans) 
politique  a  ete  ce  qu'elle  devait  etre,  une  politique  de  circonstance.  Appor- 
tant  dans  sa  polemique  les  memes  habitudes  d'esprit  que  dans  Vetude  du 
droit,  des  lettres  et  de  la  theologie,  il  fit  des  plaidoyers  et  des  consultations 
plus  que  des  theories  ...  Ce  serait  donc  peine  perdue  que  de  discuter 
ä  fond  ses  arguments  comme  on  discute  un  Systeme''  [Revue  de  Icgislation 
et  de  jurisprudence.    Paris  1850.    S.  288). 

112)  Vgl.  diese  Zeitschrift  XXXIIi  S.  250—260. 

1^^)  „De  furoribus  gallicis."  Die  Autorschaft  Hotmans  wird 
neuerdings  von  Elkan,  Die  Publizistik  der  Bartholomäusnacht  (Heidel- 
berg 1905)  S.  31  ff.  bestritten.  Elkan  vermutet  den  Verfasser  in 
Ricaud,  einem  Prediger  in  Lyon,  und  meint,  daß  die  Schrift  auf  An- 
regung Bezas  verfaßt  ist  und  ,, gewissermaßen  das  offizielle  hugenottische 
Geschichtswerk  über  die  Blutnacht"  darstellt  (S.  33).  Indessen  kommt 
Elkan  selbst  nicht  ganz  um  Hotmans  Autorschaft  —  oder  wenigstens 
Mitarbeiterschaft  —  herum.  Er  sagt  S.  35:  „Beza  (und  vielleicht 
auch  Hotman)  hat  aber  offenbar  an  der  Redaktion  teilgenommen." 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      241 

geschichtlichen  Tatsachen  und  Verhältnisse  zugunsten  der  kon- 
stitutionellen Ideen  zu  verwerten.  Die  Geschichtswissenschaft 
wird  ihm  aus  einem  Inventar  historischer  Ereignisse  zu  einem 
Beobachtungsgebiet,  aus  welchem  er  für  die  Gegenwart  seine 
Lehren  gewinnt. 

Wenn  auch  die  Subjektivität  der  Auffassung  unseren  Ver- 
fasser oft  zu  willkürlicher  Beurteilung  und  Auslegung  geschicht- 
licher Tatsachen,  zu  manch  verkehrter  Behauptung,  zu  manch 
irrigem  Schluß  hat  gelangen  lassen,  so  behält  doch  gerade  dieser 
stark  persönliche  Zug  seinen  eigentümlichen  Wert  für  die  Ge- 
schichte der  politischen  Theorien.  Ohne  ein  stark  hervortretendes 
subjektives  Element  ist  die  Erschaffung  neuer  Theorien,  ist  eine 
Theorie  überhaupt  nicht  möglich.  In  Hotmans  „Franco-Gallia" 
blickt  die  Theorie  überall  durch,  weniger  allerdings  in  der  An- 
lage des  Werks,  welches  im  großen  und  ganzen  der  chronologischen 
Ordnung  folgt  und,  von  wissenschaftlichem  Standpunkt  betrachtet, 
als  der  ,, erste  Versuch  einer  auf  eingehenden  Quellenstudien 
fußenden  Darstellung  der  französischen  Verfassungsgeschichte"^^*) 
gelten  darf,  um  so  mehr  aber  gewinnt  für  die  Zwecke  unserer 
Untersuchung  die  Art  und  Weise  an  Bedeutung,  wie  der  Ver- 
fasser mit  dem  von  der  Geschichte  überlieferten  Material  ver- 
fährt. Hotman  sucht  die  Geschehnisse  der  Vergangenheit  mit 
den  Ereignissen  und  Situationen  der  Gegenwart  in  Beziehung 
zu  setzen  und  aus  der  Vergangenheit  Lehren  für  die  Gegenwart 
zu  gewinnen.  Er  beginnt  mit  dem  Satz:  ,,Cogitanti  mihi  de 
Francogalliae  nostrae  institutis,  quantum  ad  usum  Reipub[licae] 
nostrae^  et  horum  temporum  opportunitatem  satis  esse  videbitur, 
conscribere  .  .  ."  In  welchem  Sinne  diese  Aufgabe  aufgefaßt 
wird,  lehrt  schon  die  Vorrede,  die  dem  Werk  vorausgeschickt 
ist  als  Widmung  an  den  Pfalzgrafen  bei  Rhein,  dem  Hotman 
mehrfach  nahe  getreten  war. 

Wir  haben  hier  keins  der  nichtssagenchm  konventionellen 
Widmungsschreiben,  sondern  vielmehr  die  Ankündigung  eines 
weitblickenden  Programms  und  zugleich  den  mannhaften  Aus- 
druck einer  külm  und  mutig  zur  Tat  auffordernden  Vaterlands- 
liebe vor  uns.  Hotman  sah  sich,  als  er  zur  Feder  griff,  um  seine 
^^Franco-Gallia"  zu  schreiben,  vor  eine  doppelte  Aufgabe  gestellt. 
Eine  theoretische  Begründung  der  politischen  Haltung  der 
kalvinistischen  Partei  war  seit  der  Bartholomäusnacht  zu  einer 
zwingenden  Notwendigkeit  geworden.  Niemand  mochte  das  mehr 
empfinden  als'llolman,  der  sich  durch  seine  juristischen  Studien 
den  Bück  für  die  Fragen  und  Erscheinungen  des  öffentlichen 
Lebens  geschärft  hatte  und  schon  wiederliolt  in  iliplomalischen 
Missionen  tätig  gewesen  war.  Zugleich  aber  forderten  in  der 
Theorie,   die    Hotman   zu  geben  unternahm,   die   Zeitumstände 


"*)  Cardauns  S.  61. 


212  A';//-/  Glaser. 

gebieterische  Rücksicht.  In  den  eigentümlich  verwickelten  und 
verworrenen  politischen  Verhältnissen  des  damaligen  Frankreichs 
konnte  eine  Theorie  nur  dann  Anklang  finden  und  Wirkung  aus- 
üben, wenn  sie  die  brennenden  Fragen  der  Zeit  aufgriff  und  den 
Forderungen  des  Tages  Rechnung  zu  tragen  wußte.  So  tritt 
in  der  .,Franco-Gallia"  die  Beziehung  zur  Zeit  von  vornherein 
mit  Deutlichkeit  hervor.  Den  Blick  auf  das  Frankreich  seiner 
Tage  richtend,  schreibt  er  den  Satz:  ,, Verum  enini  vero,  dicet 
aliqais,  clelira  interdum  patria  est,  mentisgiie  errore  afficitiir:  ut 
Plalo  de  sua  locutus  est:  interdum  etiam  furore  amens  crudeliter 
bacchatur,  atque  in  sua  viscera  saevit.  Primum  cautio  est,  ne 
alienam  culpam  innocenti  patriae  ascribamus."  Zum  Beleg  seiner 
Behauptung  zitiert  er  Beispiele  aus  der  antiken  Geschichte, 
aber  man  merkt  es  ihm  an,  daß  er  Frankreich  im  Auge  hat. 
Mit  dem  düsteren  Bild,  das  die  Erinnerung  an  das  Elend  seines 
Vaterlandes  wachruft,  verknüpfen  sich  für  ihn  Erinnerungen 
persönlichster  Natur.  Er  preist  diejenigen  glücklich,  die  auf 
heimischem  Boden  bleiben  und  ihre  Tage  in  Frieden  verbringen 
können.  Ein  solches  Glück,  so  klingt  es  uns  aus  seinen  Worten 
entgegen,  war  ihm  selbst  nicht  beschieden  gewesen.  Nach  seinem 
Übertritt  zum  protestantischen  Glauben  hatte  er,  erst  24  Jahre 
alt,  vor  dem  Zorn  seines  Vaters  aus  dem  väterlichen  Hause 
fliehen  und  sich  nach  der  Schweiz  wenden  müssen  (1548).  Sein 
Leben  war  hinfort  ein  rastloses  Wandern  von  Ort  zu  Ort  ge- 
wesen. Von  der  Schweiz  war  er  schließlich  an  die  Universität 
nach  Straßburg  übergesiedelt,  stets  rastlos  arbeitend,  für  die 
Sache  der  Reformation  eifrig  werbend  und  unermüdUch  in  diplo- 
matischen Sendungen  tätig.  Auch  seine  endliche  Rückkehr  auf 
französischen  Boden  im  Jahre  1567  hatte  ihm  nicht  die  ersehnte 
Ruhe  gebracht.  Von  Bourges,  wo  er  als  Professor  der  Rechts- 
wissenschaft wirkte,  war  er  von  der  katholischen  Bevölkerung 
vertrieben  worden.  Die  Bartholomäusnacht,  welche  allenthalben 
im  Lande  Nachahmung  gefunden,  hatte  ihn  mit  noch  schlimmeren 
Gefahren  bedroht.  Er  war  ihnen  nur  mit  genauer  Not  durch 
seine  Flucht  nach  Genf  entgangen,  von  wo  er  dann  seine  „Franco- 
Gallia"  in  die  Welt  hinausschickte. 

Von  dem  traurigen  Bild,  das  Frankreich  bietet,  erhebt 
Hotman  den  Blick  zu  dem  Pfalzgrafen,  Er  ruft  ihm  ins  Ge- 
dächtnis zurück,  daß  er  seit  bereits  16  Jahren  in  Ruhe  und  Frieden 
über  sein  Land  regiert;  er  fordert  ihn  auf,  auch  fernerhin  seines 
Herrscheramts  mit  Wohlwollen  und  Friedfertigkeit  zu  walten: 
,,Anni  sunt,  ut  opinor,  sexdecim,  Princeps  illustrissime,  ex  quo 
Deus  Opt.  Max.  partem  Germaniae  Rhenanae  non  exiguam  fidei 
ac  potestati  C.  T.  commendavit.  Vix  dici  potest,  quantam  ex  eo 
tempore  tranquillitatem,  et  tanquam  in  pacato  mari  malaciam 
toto  Palatinatu  videre  licuerit:  quam  pacata  semper  sedataque 
omnia,  quam  pie,  sancte,  et  religiöse  constituta.     Made  igitur  isla 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      24-3 

mansuetudine,  clementissim^  Princeps:  quod  ego,  quantum  et 
animi  et  corporis  viribus  contendere  possum,  iterum  exclamo: 
macte  isla  virtute  placida  et  mansueta:  non  quemadmodum  Seneca 
memoriae  prodidit,  moris  apud  Romanos  fuisse,  ut  sanguinolentis 
et  ex  acie  redeuntibus,  Macellinis  denique  cruore  madentibus 
diceretur,  Macte  virtute.  Sed  macte  ista  mansuetudine  animi, 
dementia,  pietate,  iustitia,  facilitate,  et  imperii  ac  ditionis  tuae 
tranquillitate."^^^)  Die  Beziehung  zu  Frankreich  und  seinen 
kriegerischen  Machthabern,  welche  in  diesen  Worten  steckt,  tritt 
im  folgenden  noch  deutlicher  hervor:  auch  ideell  hat  Frankreichs 
Ansehen  schwer  gelitten.  Der  Zudrang  der  studierenden  Jugend 
zu  den  französischen  Universitäten,  welche  ehemals  einen  Ruhmes- 
titel des  Landes  gebildet,  hat  merklich  nachgelassen:  ,.nunc 
illas  (d.  h.  nostras  Academias)  quasi  maria  pyratis  infesta  horrent, 
neque  secus  quam  cyclopicam  barbariam  execrantur."  Hier  spricht 
der  Universitätslehrer,  der  bei  seiner  Übersiedlung  nach  Bourges 
zahlreiche  seiner  Straßburger  Zuhörer  nach  sich  gezogen  hatte 
und  sich  an  der  wachsenden  Zahl  seiner  Schüler  erfreuen  konnte, 
bis  der  rehgiöse  Haß  die  fanatische  Menge  gegen  ihn,  den  Huge- 
notten, entflammte  und  einen  wilden  Aufruhr  entfesselte,  bei 
dem  seine  Wohnung  gestürmt  und  geplündert,  seine  Bibliothek 
verwüstet,  er  selbst  zur  Flucht  gezwungen  wurde.  In  seinem 
Schmerz  um  das  Unglück  des  Landes  bricht  Hotman  in  die 
Klage  aus:  ,,...  Cuius  rei  meum  pectus  memoria  exulcerat:  cum 
cogito  miseram  et  infortunatam  patriam  duodecim  iam  fere  annorum 
spatio  incendiis  civilibus  exarsisse.  Sed  multo  nie  acerbior  excruciat 
dolor,  cum  considero  non  modo  tarn  multos  esse  otiosos  incendioruni 
spectatores.  . .  .  verumetiam  flammas  illas  impiorum  quorundam 
vocibus  ac  libellis,  tanquam  flabellis,  excitari:  ad  eas  autem  ex- 
tinguendas  perpaucos  ac  fere  nullos  accurrere."  Aus  einer  solchen, 
tief  aus  dem  Herzen  kommenden  schmerzbewegten  Erregung 
heraus  hat  Hotman  seine  „Franco-Gallia"  geschrieben.  Er 
glaubt  noch  an  die  Macht  des  Wortes.  Er  greift  zur  Feder,  um 
retten  zu  helfen,  was  nocli  zu  retten  ist.  Bei  dem  Brand,  der 
Frankreich  verzehit.  will  er  mutig  zugreifen.  Die  bewegte,  bald 
wehmütig  klagende,  bald  mutig  dröhnende  Sprache,  in  der  das 
Widmungssclireiben  zum  Dienst  des  Vaterlandes  aufruft,  klingt 
allenthalben  in  der  Schrift  selbst  wieder. 


115)  Die  französische  Fassung  ist  hier,  wie  vielfach,  weiter  und 
klarer;  vgl.  besonders  den  folgenden  Satz:  ,,Parquoi,  Prince  tres- 
hiunain  continucz  et  parseverez  hardiment  en  ceste  vostre  douceur  et 
clemcnce  accoustumce,  ainiant  ?)neux  la  louange  et  la  reputation  proce- 
dante  de  bonte  et  de  iustiee,  que  celle  qui  procede  de  puissance  et  de  force: 
et  suivant  plusiost  le  train  heureux  de  Vequite  et  droiture  diinne,  que 
celui  de  la  i'iolence  et  iniquitc  des  Roys  et  Princes,  qui  prennent  plaisir 
au  sang  humain,  et  qui  estans  retournez  d'une  hataille  tous  rouges  et 
sanglans  veulent  estre  suruommcz  joudroyans,  victorieux,  et  conquerans" 
(Mhnoires  S.  377  v"). 


244  A''v/-/  Clascr. 

Die  Tliose,  die  die  .^Franco-Gallia"  zu  erweisen  unlorniniint, 
findet  sich  in  ilirom  Grundgedanken  gleichfalls  schon  in  der  Wid- 
mung entwickelt.  Es  ist  der  Gedanke,  da(j  alles  Elend  in  letzter 
Linie  auf  dem  Verfassungsumsturz  beruht,  welchen  die  Begründung 
des  Absolutismus  durch  Ludwig  XL  herbeigeführt  hat:  „Caussam 
autem  conjirnio  esse  plagam  quam  annis  abhinc  circiter  cenlum 
(ib  illo  accepil,  quem  constat  primuni  omniam  praeclara  majoram 
nosirorum  inslituta  labejactasse."  Den  von  Ludwig  XL  ge- 
schaffenen neuen  Verhältnissen  setzt  er  die  Schilderung  der 
Zustände  entgegen,  welche  vorher,  und  zwar  schon  seit  den  Tagen 
der  alten  Gallier,  in  Frankreich  geherrscht  haben.  In  der  Rück- 
kehr zu  den  Zuständen  der  früheren  Zeiten  erblickt  er  das  Heil 
für  eine  gesunde  Neugestaltung  und  Entwicklung  des  Staates. 
,,Superioribiis  qiiidem  mensibus  in  tantariim  calamiiaLum  cogäatione 
defixus,  veieres  Francogalliae  nostrae  historicos  omnes  et  Gallos 
et  Germanos  evolui^  summamque  ex  eorum  scriptis  confeci  eius 
Status,  quem  annos  amplius  mille  in  Rep\iiblica'\  nostra  viguisse 
testanlur:  ex  qua  incredibile  dictu  est  quantam  maiorem  nostrorum 
in  conslituenda  Republ[ica]  nostra  sapientiam  cognoscere  liceat. 
ut  mihi  quidem  nequaquam  dubium  esse  videatur,  quin  ab  illa 
certissimum  tantorum  malorum  remedium  petendum  sit.  Nam 
mihi  atientius  in  istarum  calamitatum  caussam  inquirenti,  sie 
Qidebatur:  sicuti  corpora  nostra  vel  externa  impulsu  atque  ictu, 
vel  intestinis  humorum  vitiis,  vel  senio  intereunt:  ita  Herum  publi- 
carum  alias  hoslili  impetu,  alias  domesticis  dissensionibus,  alias 
vetustate  confici  . . .  Quemadmodum  autem  corpora  nostra  externo 
aliquo  ictu  luxata  sanari,  nisi  membris  suum  quibusque  in  locum 
et  naturalem  sedem  restitutis,  non  possunt:  ita  Rempublicam 
nostram  tum  denique  sanatam  iri  confidimus,  cum.  in  suum  anti- 
quum  et  tanquam  naturalem  statum  divino  aliquo  beneficio 
restituetur  .  .  ." 

Von  vornherein  kündigt  sich  so  der  Gegensatz  zwischen  den 
Zuständen  des  alten  und  des  neuen  Frankreichs  als  der  die  Aus- 
führungen der  ,,Fra}ico-Gallia"  beherrschende  Gedanke  an. 
Hotman  faßt  diesen  Gegensatz  in  seiner  verfassungsgeschicht- 
lichen Eigenheit  als  Gegensatz  zwischen  dem  auf  das  Erbrecht 
gegründeten  allgewaltigen  Absolutismus  und  der  der  Wahl 
unterliegenden,  durch  die  Rechte  des  Volks  beschränkten  Mo- 
narchie. Durch  eine  aus  der  Vergangenheit  geschöpfte  Prüfung 
der  staatsrechthchen  Stellung  des  französischen  Königtums  sucht 
er  die  Verderblichkeit  der  von  Ludwig  XL  geschaffenen  absoluten 
Monarchie  und  die  Notwendigkeit  einer  ständischen  Mitregierung 
zu  erweisen.  Das  Recht  der  Stände  ist  das  Evangelium,  das 
Hotman  verkündet.  Dem  Glauben  an  die  Macht  der  Stände 
zollt  er  unumwunden  seinen  Tribut.  Er  steht  ganz  im  Bann- 
kreise der  ständischen  Bewegung  seiner  Zeit.  Gerade  in  den 
Tagen,  da  Hotman  schrieb,  begannen  sich  die  ständischen  Ge- 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Fratikr.  etc.      245 

walten  allenthalben,  in  Frankreich  wie  im  übrigen  Europa,  zu 
regen;  im  französischen  Adel  zumal  war  das  ständische  Ideal 
niemals  ganz  geschwunden. ^^^)  Die  Begeisterung,  mit  der  Hot- 
man  das  ständische  Ideal  verherrhchte,  diente  nur  dazu,  der 
Bewegung  neue  Kraft  zu  verleihen.  Hotman  ist  wie  geblendet 
von  seinem  ständischen  Ideal.  Er  sieht  es  schon  in  der  Regierungs- 
form^  des  alten  Galliens  verwirklicht.  Bereits  die  alten  Gallier 
kannten  ständische  Vertretungen  oder  doch  wenigstens  Anfänge 
zu  solchen. ^'^)  In  jeder  Versammlung  aus  gallischer  Zeit  sieht 
er  die  Keime  zu  ständischer  Organisation.  Die  Volksvertretungen 
sind  die  den  Staat  erhaltenden  Faktoren ;  sie  sind  die  Trägerinnen 
der  staatlichen  Größe  und  befinden  sich  im  Vollbesitz  der  Macht. 
Das  gallische  Königtum  war  ein  Wahlkönigtum  und  kein  Erb- 
königtum. Die  Könige  der  zahlreichen  kleinen  Staaten,  in  welche 
das  Land  vor  der  Eroberung  durch  die  Römer  zerfiel,  waren  an 
den  Willen  des  Volks  gebunden. ^^^)  Lobenswertes  weiß  Hotman 
von  den  gallischen  Kleinkönigen,  die  er  verächthch  ,,Regulos" 
nennt,  nicht  zu  berichten.  Sie  waren  gerade  gut  genug,  um 
sich  von  den  Römern  beherrschen  und  mißbrauchen  zu  lassen 
und  um  eine  kläghche,  dem  Lande  schädliche  PoHtik  zu  treiben. 
Dem  verächtlichen  Urteil,  das  Hotman  über  die  gallischen 
Potentaten  fällt,  merkt  man  leicht  an,  daß  es  nicht  auf  die  galli- 
schen Verhältnisse  allein  abzielt,  sondern  dem  Königtum  als 
solchem,  besonders  dem  im  eigenen  Land,  gilt.  Das  Bild,  so  Nvie 
er  es  von  der  Monarchie  für  die  Zwecke  seiner  Theorie  kon- 
struiert, findet  er  schon  bei  den  alten  Galliern  in  seinen  wesent- 
lichsten Zügen  fix  und  fertig  vor:  die  königliche  Würde  ist  nicht 
erblich,  sie  wird  von  der  Vertreterschaft  des  Volks,  d.  h.  von 
dem  Volke  vergeben;  die  Könige  haben  nur  beschränkte  Befug- 
nisse. Ein  solches  Ergebnis  ist  für  Hotman  mehr  als  eine  schlichte, 
durch  geschichtliche  Nachforschung  gewonnene  Erkenntnis;  es 
ist  eine  Tatsache,  die  im  Zusammeniiang  seiner  Darlegungen 
zugleich  hohen  theoretischen  Wert  gewinnt.  Die  ganze  Art  und 
Weise,  wie  Hotman  das  Schlußergebnis  seiner  Untersuchungen 
über  die   altgullisciien   Vorliältnisse   formuliert,  ist  bezeichnend 

116)  s.  Marcks  L  S.  215  ff. 

11')  ,,.  .  .  sed  ita  divisam  in  Civitates  Galliam  universam  fuisse, 
ut  pleraeque  Optimatum  consilio  rcgerentur,  quae  Liherae  diccbantur: 
ceterae  Reges  hnbercnf.  omnes  quideni  hoc  institutum  ienerent,  ut  certo 
anni  tempore  publicum  gentis  concilium  agerent:  quo  in  concHio  quae 
ad  summam  Reipub[licae'\  pertinerc  videbantur,  constituerent"'  (tkl.  1573. 
S.  2). 

11^)  ,,/«  Ulis  porro  regnis  illud  observatione  dignum,  ncque  Id'iter 
praetereundum  i-idetur:  primum  quod  haereditaria  non  cront,  sed  a 
populo  propter  juslitiae  opinionem  deferebantur:  deinde  quod  Reges 
non  injinitum,  solutum  et  ejfrenatum  imperium  habebant:  sed  certis 
legibus  ita  circumscriptum,  ut  non  minus  ipsi  in  populi,  quam  populus 
in  ipsorum  ditione  ac  potestate  esset:  ut  fere  illa  regna  nihil  aliud,  nisi 
tnagistratus  perpetui  viderentur"'  (^d.  1573.  S.  7.  8). 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX*/'.  17 


21 G  Kurt  (Hauer. 

liicrfiir:  w  bcgnügl  sich  nicht  damit,  für  das  Bild  dor  altgallischon 
Verhältnisse,  so  wie  er  es  auf  Grund  seiner  Quellen  entwirft, 
den  Anspruch  auf  geschichtliche  Treue  und  Zuverlässigkeit  zu 
erheben  und  seine  Untersuchungen  als  rein  historische  Betrach- 
tungen hinzustellen;  vielmehr  erweitert  sich  ihm  das,  was  er  auf 
dem  Wege  historischer  Untersuchung  gewonnen,  zu  der  Erkennt- 
nis, daß  die  Verfassung  der  alten  Gallier  die  bestmögliche  Ver- 
fassung schlechthin  gewesen  sei.  Plato,  Aristoteles,  Polybius  und 
Cicero,  die  größten  Kenner  der  antiken  Staatsverhältnisse, 
werden  aufgeführt,  um  durch  ihr  Urteil  die  Richtigkeit  einer 
solchen  Feststellung  zu  bekräftigen. ^^^)  Alles  muß  herhalten, 
um  Hotmans  Theorien  zu  stützen.  Jeder  Anlaß  ist  ihm  recht, 
um  seine  Ideen  anzubringen.  Selbst  in  einem  Kapitel,  das  (wie 
das  2.)  der  so  abliegenden  Frage,  welche  Sprache  die  alten  Gallier 
geredet  haben,  gewidmet  ist,  finden  wir  den  Ausdruck  seiner 
Gesinnung  wieder.  Hotman  führt  hier  aus,  wie  das  Lateinische 
in  Galhen  eindrang  und  Amts-  und  Gerichtssprache  wurde.  In 
der  Herrschaft  der  lateinischen  Sprache  erblickt  er  eine  doppelte 
Gefahr:  einmal  war  sie  von  einer  unwürdigen  Prozeßwut  begleitet, 
der  die  von  der  katholischen  Kirche  um  ihre  Güter  und  Einkünfte 
geführten  ewigen  Prozesse  nur  noch  Vorschub  geleistet  haben, 
dann  aber  diente  die  Anwendung  des  Lateinischen  auch  wesent- 
lich dazu,  um  die  Herrschaft  der  römischen  Päpste  auf  galUschem 
Boden  zu  befestigen. ^^^) 


^^^)  „Quam  optimam  et  praestantissimam  Reipub[licae]  formam  esse, 
propterea  Plato,  et  Aristoteles,  et  Polybius,  et  Cicero  iudicarunt,  quod 
Regalis  dominatus,  si  sine  jreno  (ut  ait  Plato)  rdinquatur,  ubi  in  tanta/n 
omnium  rerum  potestatem,  tanquam  in  lubricum  locum,  venerit,  jaeillime 
in  tyrannidem  delabitur.  qua  de  caussa  optimatum  et  delectorum  aucto- 
ritate,  quibus  eain  potestatem  populus  permittit,  tanquam  jreno  coercendus 
est''  (ed.   1573.  S.  8.  9). 

^'^^)  Die  Stelle  (Schluß  des  Kapitels)  fehlt  noch  in  der  lateinischen 
Erstausgabe  von  1573.  Sie  lautet  in  den  späteren  Ausgaben:  ,,Itaque 
tantum  in  Gallia  Latinae  linguae  consuetudo  valuit,  ut  non  modo  leges 
ad  summam  Regni  et  Reipublicae  pertinentes  Latinis  literis  conscri- 
berentur  .  .  .  verum  etiam  Latine  et  litigaretur,  sententiae  pronuntiarentur : 
ac  praesertim  litigandi  rabiosa  quadam  consuetudine  atque  arte  ex 
Pontijicum  Roman,  curia  in  Galliam  introducta:  potissimum  autem 
ubi  de  sacerdotiis  et  eorum  opimis  vectigalibus  litigari  coeptum  est  ..." 
—  ,,.  .  •  quae  res  dici  non  potest,  quantam  et  Gallicis  ecclesiis  caliginem 
offuderit,  et  poniificibus  R.  in  auctoritatem  in  negotiis  religionis  tri- 
buerit .  .  ."  Die  französische  Fassung  lautet:  ,,Et  pourtant  la  coustume 
de  parier  Latin  estoit  tellement  introduite  en  France,  que  non  seulement 
les  loix  concernans  Uestat  du  Royauiyie,  estoient  escrites  en  Latin  .  .  . 
mais  aussi  Ion  plaidoit  et  pronongoit  -  on  les  sentences  en  Latin:  speciale- 
ment  depuis  que  la  Chicanerie  de  la  Cour  de  Rome  se  glissa  en  France, 
y  introduisant  un  desir  jurieux  de  plaider:  mais  nommement  depuis 
qu'on  commenga  ä  debattre  touchant  les  benejices  d' Eglise  et  revenus 
(Viceux  ..."  —  ,,0n  ne  sauroit  dire  combien  cela  a  embrouille  les  Eglises 
Frangoises,  et  quel  credit  a  donne  aux  Papes  sur  les  affaires  de  la  Religion''. 
(Memoires  S.  388). 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      247 

Gegen  alles,  was  aus  Rom  kommt  oder  mit  Rom  zusammen- 
hängt, hat  Hotman  die  Abneigung  des  patriotisch  denkenden 
Protestanten.  Die  Römer,  welche  Galhen  erobern,  erscheinen 
ihm  wie  die  ^, Magna  Bellua  (quemadmoclum  in  sanctis  literis 
appellatur)".^^^)  Seine  Sympathie  ist  ganz  und  gar  auf  Seiten 
der  Gallier.  Er  vermerkt  mit  Genugtuung,  daß  Cäsar  wie  Tacitus 
die  Gallier  über  die  Germanen  stellen.  Vor  der  Unterwerfung 
durch  die  Römer  waren  die  Gallier  ein  mutiges  und  tapferes 
Volk,  vor  dem  die  Welt  erzitterte.  Schon  in  den  ältesten  Zeiten 
schickten  sie  300  000  Mann  außer  Landes.  Die  Heimat  war  nicht 
imstande,  die  wachsende  Volkszahl  zu  beherbergen.  Bis  nach 
Rom  wanderten  ihre  Scharen  und  brannten  die  eroberte  Stadt 
nieder.  Nach  Ungarn  hinein  trugen  sie  ihre  Waffen  und,  die 
ersten  seit  Herkules,  wagten  sie  es,  die  Alpen  zu  übersteigen. 
Griechenland,  Makedonien  und  Asien  wurden  ihre  Beute.  Bei 
ihrem  Namen  erzitterte  die  Welt:  ,,tantusque  terror  Gallici  nominis 
erat,  ut  etiam  Reges  non  lacessitij  ultro  paceni  ingenti  pecunia 
mercarentur"  (ed.  1573.  S.  19).  Die  Römer  erscheinen  Hotman 
als  Ausländer  und  Feinde.  Sie  haben  das  edle  und  tapfere  Volk 
der  Gallier  um  seine  Freiheit  und  Tugend  gebracht.  Die  Er- 
oberung Galhens  durch  Cäsar  ist  in  seinen  Augen  ein  Frevel, 
die  Verwaltung  des  Landes  durch  die  Römer  ist  eine  stete  Folge  von 
Rechtsverletzungen  und  Gewalttätigkeiten.  Er  belegt  die  Römer- 
herrschaft mit  dem  schlimmsten  Wort,  das  seinem  Sprachschatz 
zur  Verfügung  steht,  mit  dem  Wort  ,,tyrannis"  (ed.  1573.  S.  22.) 

Dieselben  Verhältnisse  wie  in  der  Verfassung  von  Altgallien 
findet  Hotman  im  Frankenreich  wieder.  Er  bricht  mit  der  bis 
in  seine  Zeit  hinein  viel  geglaubten  Fabelei,  daß  die  Franken 
ihren  Namen  von  dem  Trojaner  Francus  herleiten,  und  führt 
des  Langen  und  Breiten  aus,  daß  ihr  Name  die  ,, Freien"  be- 
deutet.^^^)  Diese  Feststellung  kommt  ihm  für  die  Beurteilung 
des  Verhältnisses,  das  er  sicli  zwischen  Volk  und  Horrsclier 
konstruiert,  sehr  zu  statten.  Gerade  darin,  daß  das  Volk  nur 
sich  und  nicht  einem  seiner  Herrscher  den  Namen  verdankt, 
findet  er  einen  Beweis  für  die  Selbständigkeit  des  Volks  gegen- 
über seinem   Herrsclier.^"^)      Selbst  die   \\'ortdeutung  wird   ihm 


^21)  ^d.  1573.  S.  17.  In  der  französischen  Fassung:  „grandc  beste 
(ainsi  qu'clle  est  appellee  par  Daniel  le  Prophete)'\  {Menioires  S.  389  v"). 

^22)  Kapitel  IV:  „De  orlu  Francorum,  qui  Gallia  occupato,  eins 
nomen  in  Franciam  vel  Francogalliam  mutarunt."  V:  ,,De  Francorum 
nomine,  variisque  excursionihus,  et  quo  tempore  regnum  sibi  in  Gallia 
constituerint.'''' 

^'^'■^)  ,,D'avantage  veu  que  les  Francois  eslisoyent  Icur  Roy  ...  il 
n'y  a  propos  d'estimer  que  le  Roy  ait  donnc  nom  au  pcuple:  plutost 
jaudroit-il  dire  que  le  pcuple  auroit  donne  nom  au  Roy''  (Menioires 
S.  400  r'').  —  ,,Drinde  cum  Uli  populi  Regem  sibi  crearcnt  .  .  .,  perabsur- 
dum  est,  existimare  populum  a  Rege  potius,  quam  Regem  a  populo 
denotninatum.''    (Fehlt  noch  in  der  Ausgabe  von  1573.) 

17* 


248  Kurt.  Glaser. 

so  zu  oinem  Mittel,  um  dio  Thoorio  dos  froien  Frankrciffis  zu 
rcchtfortigon.  Es  ist  ein  prüclitigos  und  bedeutungsvolles  Zu- 
sammentreffen gewesen,  daß  gerade  demjenigen  Volk,  das  die 
Tyrannei  abschüttelte  und  sich  ehrenvoll  seine  Freiheit  zu  be- 
wahren verstanden  hat,  der  Name  der  ,, Freien"  zugefallen  ist. 
Die  Fassung,  welche  Hotman  diesem  Gedanken  gibt,  ist  stark 
persönlich  gehalten:  ,,...fe/,  quod  mihi  verisimilius  videtar, 
fictam  ex  re  et  occasione  appellationem  fuisse:  cum  ii,  qiii  se 
libertatis  reciiperandae  principes  atque  auctores  profiterentur, 
Francos  se  nominassent"  . . .  (ed.  1573.  S.  36  .  .  .  .  ,,Valeat  igitur 
omen,  ut  Franci  vere  proprieque  dicantur,  qui  Tyrannorum  Ser- 
vitute depulsa,  honestam,  etiam  sub  Regum  auctoritate,  libertatem 
sibi  retinendam  putarunt"  ...  (S.  37).  Der  Schluß  des  Satzes 
ist  so  recht  bezeichnend  für  seine  Art.  Die  Formulierung  ist  hier 
mit  vollster  Absicht  geschehen:  er  will  die  Gelegenheit  wahr- 
nehmen, um  seine  Vorstellung  von  dem  Verhältnis  zwischen 
Volk  und  Königtum  klar  zu  machen,  und  diese  wieder  ist  mit 
seiner  Auffassung  vom  Wesen  des  Königtums  aufs  engste  ver- 
knüpft. Das  Königtum  ist  nicht  mit  der  Tyrannei  zu  iden- 
tifizieren. Die  Freiheit  hat  den  Grundzug  der  fränkischen  Staats- 
verfassung gebildet.  Die  Königsherrschaft  der  Franken  ist  keine 
unumschränkte  gewesen.  Sie  haben  sich  ihre  Könige  selbst 
gesetzt  und  haben  niemals  Tyrannen  gehorchen  wollen.  ,,Itaque 
reges  semper  Franci  habuerunt,  etiam  tum,  cum  assertores  se  ac 
vindices  libertatis  profitebantur:  et  cum  sibi  reges  constituerunt, 
non  tyrannos,  aut  carnifices:  sed  libertatis  suae  custodes,  prae- 
fectos,  tutores  sibi  constituerunt .  .  ."  (ed.  1573.  S.  37). ^2*)  Auch 
für  die  fränkische  Zeit  kommt  Hotman  somit  durch  eine  genaue 
Prüfung  seiner  Quellen  zu  dem  Ergebnis,  daß  das  Verhältnis 
zwischen  Volk  und  Herrscher  sich  als  Abhängigkeitsverhältnis 
des  Herrschers  vom  Volk  darstellt. 

Das  Verhältnis  von  Herrscher  und  Volk  wird  im  nächsten 
KapiteP^^)  noch  nach  einer  anderen  Seite,  aber  doch  stets  unter 
demselben  Gesichtswinkel  des  Genaueren  erörtert.  Hotman 
wirft  hier  die  Frage  auf,  ob  die  fränkischen  Könige  ihre  Krone 

12^)  ÄhnHch  ed.  1573.  S.  55:  ,, Atque  hoc  quidem  praeclarum  ac  singu- 
lare maioruni  nostrorum  facinus  eo  diligentius  notandum  est,  quod  in  pri- 
mordiis  ac  prope  incunabulis  regni  gestum,  quasi  quaedam  testificatio 
iuisse  videtur  ac  denuntiatio.  Reges  in  Francogallia  certis  legibus  creari: 
non  Tyrannos  cum  imperio  soluto,  lihero,  et  infinito  constitui"  (—  Me- 
moires  S.  399  r").  In  späteren  Ausgaben  vgl.  noch  die  folgende  Stelle: 
,,Ex  quibus  perspicuum  esse  arbitramur,  quod  initio  diximus.  Majores 
nostros,  qui  vere  Franci  ac  libertatis  custodes  fuerunt,  non  Tyrannum 
sibi  aut  carnificeni  imposuisse,  qui  suos  cives  in  pecudum  loco  ac  numero 
haberet:  sed  ab  omni  tyrannica  et  Turcica  dominandi  lihidine  abhorruisse: 
divinumque  illud  preceptum  arcte  retinuisse:  Salus  populi  suprema 
lex  esto  .  .  ." 

12^)  ed.  1573.  Kap.  VI:  ,,Regnum  Francogalliae  utrum  hereditate, 
an   suffragiis   deferretur,    et   de  Regum  creandorum  T7iore"  (S.  46 — 58). 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      249 

dem  Erbrecht  oder  der  Wahl  verdanken.     Wie  es  seine  Art  ist, 

registriert    er    die    über    die    verschiedenen    W^ahlen    erhaltenen 

Quellenzeugnisse.     Er  häuft  Beleg  auf  Beleg  und  findet  so,  daß 

die  Frankenkönige  ,,populi  potius,  hoc  est  ordinum,  et  (ut  nunc 

loquimur)  statuum  iudicio  ac  studio,   quam  hereditario  iure  con- 

stitutos  fuisse"  (ed.  1573.  S.  52).^-^)    Auch  hier  verliert  er  in  seinen 

Ausführungen  die  Gegenwart  nicht  aus  dem  Auge.    Er  stellt  die 

alte  Zeit  als  Muster  hin  und  mißt  die  Zustände  der  Gegenwart 

an   den   Verhältnissen   der  Vergangenheit.     Er  führt  aus,   daß 

den  Ständen  allein  das  Bestimmungsrecht  über  die  Thronfolge 

zustand  und  daß  die   Söhne  des  Königs,  wenn  sie  weniger  als 

24    Jahre   zählten,  nicht  gewählt  werden  durften.     Die  Lehre, 

welche  sich  ihm  hieraus  für  die  Betrachtung  seiner  Zeit  ergibt, 

ist  eine  ebenso  kurze  wie  herbe  Kritik  der  unter  den  jugendlichen 

und   unfähigen    Königen   in   Frankreich   eingerissenen   Mißwirt- 
schaft.^27) 

Zu  den  Ubelständen,  an  denen  ein  Staat  kranken  kann, 
rechnet  Hotman  auch  die  Herrschaft  einer  Frau.  In  einem 
besonderen  Kapitel^^^)  führt  er  des  Langen  und  Breiten  aus, 
daß  nach  dem  salischen  Gesetz  die  Frauen  im  Frankenreich 
von  der  Thronfolge  ausgeschlossen  sind.  Die  Vorteile  einer 
solchen  Erbfolgeordnung  legt  er  mit  großer  Ausführlichkeit  dar. 
Seine  Ausführungen  klingen  wie  eine  Klage  über  den  Verlust 
eines  alten,  durch  die  Praxis  der  Vorfahren  geheiligten  Rechts- 
grundsatzes. Die  Beziehung  zu  dem  Weiberregiment  der  Katha- 
rina von  Medici,  welche  in  diesen  Darlegungen  steckt,  tritt  noch 
deutlicher  in  den  Ausführungen  hervor,  die  Hotman  an  späterer 
Stelle^^^)  der  Frage  widmete,  ob  Frauen  wenigstens  vorüber- 
gehend die  RegierungsgescJiäfte  führen  dürfen.  Er  beantwortet 
natürhch  auch  diese  Frage  ablolmend.  Er  spricht  den  Frauen 
jegliches   Herrschcrtalent  und   jedes   Anrecht   auf   Einmischung 


126J  Yg]  aucli  S.  58  (ed.  1573):  „Haec  autem  omnia  eo  pertinent, 
ut  doceamus,  regnum  Francogalliae  antiquitus  non  hereditatis  iure,  ut 
privata  patrimonia:  sed  ordinum  ac  populi  iudicio  et  suffragiis  deferri 
solituni  juisse'^  (=  Memoires  S.  407  r'^).  In  späteren  Ausgaben  noch: 
,,.  .  .  quae,  ut  vera  essent,  tarnen  illud  confirmarent,  usque  ad  Caroium 
Magnum  Francogalliae  regnum  non  haereditate,  sed  populi  arbitrio 
delatum  fuisse.'' 

^^^)  ,,En  quoi  Ion  peut  remarquer  la  sagesse  de  nos  ancestres:  qui 
n''estoient  nullement  d'avis  de  commettre  les  affaires  d'estat  ü  ieunes 
gens,  qui  onl  af faire  de  conseil  mesmes  en  leurs  affaires  particuliers'' 
{Memoires  8.  414  r'^).  ,,Qua  ex  re  de  maiorum  nostrorum  saf)ientia 
existimare  licet:  qui  Reipuhlicac  suae  gubernacula  ei  aetati  committenda 
non  exisliniarunt,  quae  alieni  consilii,  etiain  in  pri^-atis  rebus  suis 
administrandis,  indigeret''  (Fehlt  nocli   1573). 

128)  VIII  (t^d.  1573):  ,,De  lege  Salica,  et  iure  niulicrum  in  Jieguin 
parentum  hercditatihüs'"  (S.   65 — 71). 

^2^)  XIX  (od.  1573):  ,,An  mulieres,  non  ut  ab  hereditate  Regni, 
sie  ab  eius  procuratione,   Francogallico  iure,   arceanlur"'  (S.  148 — 161). 


250  Kurt  Glaser. 

in  Staatsangelegenheiten  ab  und  führt  eine  lange  Reihe  von 
verworfenen  und  unfähigen  Königsfrauon  auf,  um  die  Scliädiicli- 
keit  eines  Weiberregiments  darzutun.  Direkte  Hinweise  auf 
Katharina  von  Medici  fehlen  zwar  auch  hier,  aber  man  begreift 
leiclit,  was  Hotman  im  Auge  hatte,  wenn  er  von  der  ,,infirmitas 
consilii"  der  Frauen  sprach^^^)  und  seinem  Herzen  Luft  machte, 
indem  er  mit  dem  alten  Cato  ausrief:  ^,Date  frenos  impotenti 
naturae,  et  indomito  animali,  et  sperate  ipsas  modiim  licentiae 
facturas."^^^) 

Das  10.  Kapitel  führt  nach  der  Abschweifung  des  9.  („De 
iure  Regalis  capillitii" )  wieder  mitten  in  das  Thema  der  „Franco- 
Gallia"  hinein,  Hotman  faßt  das  Resultat  seiner  bisherigen 
Untersuchungen  in  dem  Satz  zusammen,  daß  dem  Volk  alles 
Recht  im  Staate  gehöre. ^^^)  An  das  Königtum  logt  er  den  Maß- 
stab an,  den  er  sich  nach  dem  Urteil  der  alten  Philosophen  über 
die  Begriffe  von  Monarchie  und  Tyrannei  gebildet  hat.  Drei 
Züge  sind  es,  die  das  Wesen  der  Tyrannenherrschaft  im  Gegen- 
satz zur  Monarchie  ausmachen:  zunächst  die  Gewalttätigkeit 
des  Herrschers  —  aber  diese  wird  bei  den  Franzosen  durch  die 
Rechte  des  Volks  und  die  Autorität  der  Stände  gemildert;  sodann 
die  Gewohnheit  der  Herrscher,  zu  ihrem  Schutz  fremde  Kriegs- 
völker ins  Land  zu  ziehen  —  eine  Gewohnheit,  die,  wie  Hotman 
„gewissen  Hunden  von  Höflingen" '^^^)  zum  Trotz  behauptet,  bei 
den  französischen  Königen  keine  Stätte  findet,  denn  diese  ver- 
trauen ihre  Person  nur  ihren  Untertanen  an.  Ein  drittes  Merk- 
mal der  Tyrannei  findet  Hotman  endüch  darin,  daß  in  einem 
tyrannisch  regierten  Staat  alles  nur  zu  gunsten  des  Fürsten  und 
nichts  zum  Wohle  des  Staates  geschieht.  Nachdem  so  der  Be- 
griff der  Monarchie  (im  Gegensatz  zur  Tyrannenherrschaft) 
klargestellt  ist,  tritt  Hotman  an  die  Beantwortung  der  Kardinal- 
frage seiner  ganzen  Untersuclmng  heran,  an  die  Frage  nach  dem 
Wesen  der  besten  Staatsform.  Ihm  ist  diese  Frage  mit  der  Ord- 
nung des  ständischen  Systems  aufs  engste  verknüpft.  Die  Stände 
sind  die  den   Staat  erhaltenden  Mächte;  das  gegenseitige  Ver- 

1^'')  ed.  1573.  S.  149  [„imbecillite  de  iugement  et  de  conseil  qui  est 
en  ce  sexe-lä."     Memoires  S.  467  v^). 

1^1)  6d.  1573.  S.  151.  152  (,,Laschez  la  bride  ä  ceste  nature  [der  Frau] 
qui  ne  se  peut  gouverner  soi-mesme,  et  ä  cest  animal  rebours  et  farouche."" 
Memoires  S.  469  r^).  —  An  anderer  Stelle  nennt  er  die  Regierung 
der  Königin  Bianca  eine  ,,muliebrein  audaciam''''  (=  ,,audace  de  femme". 
Memoires  S.  467  r*^).     (Fehlt  noch  in  der  Erstausgabe  von  1573.) 

^^2)  ,,Ac  superius  quidem  populum  non  modo  creandi,  verumetiam 
abdicandi  Regis  poiestatem  sibi  omnem  reservasse,  docuitnus"  (S.  76)  und: 
,,.  .  .  docuimus  iam  antea,  summam  populi  tum  in  deligendis,  tum  in  ab- 
dicandis  Regibus  potestatem  fuisse"'  (S.  77)  =   Memoires  S.  422  r**. 

^^^)  ,,.  .  .  et  canibus  aulicis,  qui  nobis  antehac  allatrarunt,  ora 
obturemus"  =  ,,.  .  .  que  nous  fermions  la  gueule  ä  certaines  chiens 
courtisans  qui  ci-devant  ont  abboye  contre  nous"  (Memoires  S.  423  r"). 
Dieser  Seitenhieb  ist  ein  späterer  Zusatz  zum  Text  der  ersten  Auflage, 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literalur  Fraukr.  etc.      251 

hältnis,  in  dem  die  einzelnen  Stände  als  Glieder  des  Staats  stehen, 
ist  für  die  Gestaltung  und  Lebensfähigkeit  des  gesamten  Staats- 
organismus wesentlich  bestimmend.  Die  beste  Gliederung  der 
staatlichen  Gewalten  ist  die  Dreiteilung:  König  —  Aristokratie 
—  Volk.^^^)  In  dieser  Gliederung  findet  er  mit  Plato,  Aristoteles, 
Polybius  und  Cicero  das  Musterbild  einer  staatlichen  Regierungs- 
form. Sein  Ideal  ist  eine  Verfassung,  welche  sich  auf  der  orga- 
nischen Verschmelzung  von  Monarchie,  Demokratie  und  Aristo- 
kratie aufbaut.  Volk  und  Monarch  sind  ihrer  Natur  nach  zu 
verschieden,  sie  müssen  durch  ein  Bindeglied  zusammengehalten 
werden,  und  dieses  findet  Hotman  in  der  Aristokratie. ^^^)  In 
einem  gut  regierten  Staate  hat  Günstlingswirtschaft  keinen  Raum. 
Sie  erscheint  Hotman  gefährlich  für  den  Staat  und  entwürdigend 
für  den  König.  Günsthnge  sind  notwendig  schlechte  Ratgeber, 
schon  deshalb,  weil  sie  sich  nur  der  Person  des  Herrschers  ver- 
pflichtet fühlen  und  dadurch  allzuleicht  die  Pflichten  gegen  den 
Staat  vergessen.  Hotmans  Scheidung  zwischen  den  Ratgebern 
des  Königs  und  denen  des  Königreichs^^^)  war  zwar  an  sich 
nichts  Neues  (schon  die  Flugschriften,  welche  die  Hugenotten 
zur  Rechtfertigung  des  Putsches  von  Amboise  veröffentlicht 
hatten,  hatten  mit  dieser  Scheidung  operiert' ^'^),  aber  Hotman 
verlieh  ihr  eine  neue  Kraft,  indem  er  ihr  in  dem  ganzen  Zu- 
sammenhang seiner  Ausführungen  einen  höheren  Grad  von  Wahr- 
scheinlichkeit zu  geben  wußte,  als  es  ehemals  die  in  augenblick- 
licher Verlegenheit  befangenen  kalvinistischen  Literaten  ver- 
mocht hatten. 

Der  entscheidende  Einfluß,  in  dem  Idealstaat  den  Hotman 
konstruiert,  kommt  den  Ständen  zu.  Durch  sie  allein  (oder 
doch  durch  sie  am  besten)  wird  das  oberste  Gesetz  des  Staates 


1^^)  In  späteren  Auflagen  wird  diese  GHederung  der  Einteikmg 
entgegengesetzt,  welche  Claude  de  Seissel  in  seiner  „Monarchie  de 
France''  von  den  Ständen  gegeben  hatte:  Adel  —  Beamten-  und 
Kaufmannswelt  —  Handwerker  und  Bauernstand. 

^^^)  ed.  1573.  S.  78.  79:  ,,.. .  paulo  posterius  docebinius,  sumniani  Begni 
Francogallici  administrationeni  penes  publicum  et  solenne  gentis  con- 
cilium  fuisse:  quod  posterior  aetas  Com'entum  trium  Statuuni  appellavit. 
Huius  enim  Regni  Status  is  fuit,  quem  Philosophi  veteres,  in  his  Plato 
et  Aristoteles,  quos  Polybius  imitatus  est,  optimum  ac  praestantissimum 
iudicarunt:  nimiruni  qui  e  tribus  generibus  Regali,  Optima,  et  Populari 
mixtus  ac  temperatus  esset:  quam  Beip[ublicae]  formam  Cicero  in  suis 
de  Reip[ublicae]  libris  unani  ex  omnibus  comprobamt.  ^am  cum  Regius 
et  popularis  dominatus  natura  inter  se  dissideant,  adhiberi  tertium  aliquem 
oportet  intermedium,  et  utriusque  communeni,  qui  est  Principum,  sive 
Optimatum:  qui  propter  splendoreni  generis  et  antiquitatem,  ad  Regiani 
dignitatem  acccdit:  propter  clientelam,  et  (ut  i'ulgo  loquimur)  subiectionem 
a  plebeio  genere  tninus  abkarret.'' 

i^")  ,,primum  aliud  est  Regni,  aliud  Regis  consiliarium  esse.  Ille 
Reipub[licae]  uniirrsae,  et  in  commune  cansulit:  hie  unius  hominis 
commodis  atque  utilitatibus  servit."  (ed.  1573.  S.  81  =  Memoires  S.  426  r*^). 

13")  Vgl.  diese  Zeitschrift  XXXIP  S.  24i  ff. 


252  Kiirl  Glaser. 

erfüllt,  das  Wohl  dos  Volks. ^^^)  Auch  hier  wieder  begründol 
Ilolman  seinen  Standpunkt  durch  langatmige  historische  Aus- 
einandersetzungen. Ständcversammlungcn  hat  es  sclion  im  alten 
Griechenland  gegeben.  Auch  die  Deutschen  haben  die  Vorteile 
der  ständischen  Einrichtungen  erfahren.  England,  dem  gelobten 
Land  ständischer  Freiheiten,  zollt  er  seinen  Tribut.  Selbst  auf 
das  Beispiel  Spaniens  weist  er  liin  und  zeigt,  daß  lii(;r  wie  ander- 
wärts die  Stände  einen  maßgebenden  Einfluß  ausgeübt  und  die 
Könige  gezügelt  und  auf  den  Weg  der  Vernunft  geführt 
haben.  ^^^) 

Die  Betrachtung  der  ständischen  Verhältnisse  bei  den  ver- 
schiedensten Nationen  führt  Hotman  zu  dem  Ergebnis,  daß  die 
Rechte  der  Stände  einen  Teil  des  Völkerrechts  bilden  und  dem 
Schutze  des  Völkerrechts  unterliegen.^*^)  Eingriffe  der  Herrscher 
in  die  Befugnisse  der  Stände  erscheinen  ihm  als  Verbrechen, 
die  an  die  Verletzung  des  Völkerrechts  grenzen.  Sie  sind  auch 
Verbrechen  an  der  Wohlfahrt  des  Staates,  denn  das  oberste 
Gesetz  im  Staatsleben  ist  und  bleibt  das  Wohl  des  Volks,  und 
darüber  haben  die  Stände  zu  wachen.  Herrscher,  die  die  Stände 
an  der  Ausübung  ihrer  Rechte  hindern,  vergreifen  sich  an  der 
Freiheit  des  Volks,  ,,illam  sacrosanctam  libertatem"  (ed.  1573. 
S.  86)  und  sinken  zu  Tyrannen  herab.  Der  Name  Tyrann  ist 
noch  zu  gut  für  sie.  Die  Ausführungen  der  Erstausgabe  er- 
weiternd, fügt  Hotman  in  späteren  Ausgaben  noch  den  Hinweis 
auf  Fl.  Constantinus  ein,  der  unter  Honorius  in  Gallien  herrschte. 
Er  war  ein  Tyrann,  aber  er  hat  wenigstens  nicht  an  die  ständischen 
Einrichtungen  zu  rühren  gewagt.  Mit  Behaglichkeit  und  Genug- 
tuung teilt  Hotman  den  Wortlaut  seines  Erlasses  über  die  Ein- 
berufung der  Stände  nach  Arles  mit.  Besonders  der  Schlußsatz, 
in  dem  der  Zusammentritt  der  Stände  als  eine  Maßregel  von 
großem  Nutzen  für  das  Land  hingestellt  wird,  mußte  dabei  ganz 
in  seinen  Ideenkreis  passen. ^*^)  Und  dieser  Mann  w-ar  ein  Tyrann! 
Hotman    läßt    den    Hintergedanken    erraten:    sindjidiejenigen, 


^^^)  Kap.  X  (ed.  1573):  ,,Qualis  Regni  Francogallici  constituendi 
forma  fuerit." 

139)  ed.   1573.   S.  85  (=  Memoires  S.  428  r»). 

1*^)  ed.  1573.  S.  86:  ,,Quae  cum  ita  se  habeant,  cum,  inquam,  gentium 
ac  nationum  omnium  commune  hoc  institutum  semper  fuerit,  quae  quidem 
regio  ac  non  tyrannico  imperio  uterentur,  perspicuum  est,  non  modo 
praeclaram  illam  communis  consilii  habendi  libertatem  partem  esse 
iuris  gentium,  verumetiam  Reges  qui  malis  artibus  illam  sacrosanctam 
libertatem  opprimunt,  quasi  iuris  gentium  violatores,  et  humanae  societatis 
expertes  iam  non  pro  Regibus,  sed  pro  tyrannis  habendos  esse."  (=  Me- 
moires S.  428.  429). 

1*1)  ,,Nous  entendons  avoir  procure  le  grand  bien  de  nostre  peuple 
par  une  teile  provision  ..."  [Memoires  S.  430  r^)  =  „Qua  provisione 
plurimum  et  proviticialibus  nostris  non  intelligimus,  utilitatisque  prae- 
stare  ..."  (Fehlt  noch   1573). 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      253 

welche  die  ständischen  Rechte  mit  Füßen  treten,  nicht  viel  mehr 
als  Tyrannen  ?^*^) 

An  zwei  weiteren  Stellen  desselben  (10.)  Kapitels  tritt  die 
Beziehung  zur  Zeit  noch  deuthcher  hervor.  Hotmans  Sprache 
wird  derber.  Er  schildert  die  alten  Parlamentssitzungen  und 
fährt  nun  fort:  ,,Nam  ubi  dies  Concilii  venerat.,  Rex  ea  pompa 
in  constitutum  atrium  deducebatur,  quae  magis  ad  populärem 
moderationetn,  quam  ad  Regalem  magnificentiam  accommodata 
videbatur.  Quam  etsi  perditis  hisce  temporibus  aulicis  assentatoribus 
irrisui  ore  non  dubitamus,  tarnen  quoniam  pietatis  pars  est,  Maiorum 
sapientia  delectari,  ex  antiquis  monimentis  exponemus.  Carpento 
igitur  Rex  in  atrium  vehebatur  bubus  tracto,  quos  auriga  slimulo 
agebat"  (ed.  1573.  S.  87).^"*^)  Eine  solche  Erinnerung  war  einem 
Hofe  gegenüber,  der  ganz  in  Prunksucht  und  äußerem  Schein 
aufging,  wohl  am  Platze.  Nicht  minder  zeitgemäß  war  es,  wenn 
sich  Hotman  gegen  die  Herabwürdigung  des  Majestätstitels, 
wie  sie  zu  seiner  Zeit  an  dem  französischen  Hofe  überhand  ge- 
nommen hatte,  wendete.  Der  König  ist  nur  dann  wirklich 
Majestät  zu  nennen,  wenn  er  mit  seinen  Ständen  tagt  und  die 
Fragen  der  Regierung  berät,  aber  nicht,  wenn  er  sich  Vergnügungen 
und  Lastern  hingibt.^"**) 

Eine  Beziehung  zur  Zeit  möchte  ich  auch  in  den  Ausführungen 
wiederfinden,  welche  Hotman  im  12.  Kapitel  dem  Hausmeiertum 
zur  Zeit  der  Merovinger  gewidmet  hat.  Der  Gedanke,  ein  Kapitel 
über  die  merovingischen  Hausmeier  zu  schreiben,  mußte  ihm 
um  so  näher  liegen  und  um  so  eher  kommen,  als  gerade  in  den 
letzten  Jahren  der  französisclicn  Geschichte,  wie  einst  unter 
Chlodwigs  Nachfolgern,  wiederholt  ehrgeizige  Männer  zum 
vSchaden  der  königlichen  Rechte  die  Herrschaft  im  Staat  an  sich 
gerissen  oder  doch  an  sich  zu  reißen  getrachtet  hatten.  Die 
Beziehung,  welclic  sich  aus  der  Botraclitung  der  Verhältnisse 
zur  Zeit  der  Merovinger  für  die  Beurteilung  dos  Königtums 
der  letzten  Valois  ergibt,  ist  für  das  letztere  nichts  weniger  als 
schmeichelhaft.  Die  Könige  mußten  schon  schwach  und  ohn- 
mächtig sein,  wenn  es  ehrgeizigen  Strebern  gelingen  konnte, 
die  Träger  der  Krone  unter  ilu-en  Willen  zu  beugen.  Wenn 
Hotman  scin-ieb:  „penes  Regem  vero,  nudum  atquc  inanc  nomen 


1''-)  ,,.  .  .  Reges  qui  malis  arlibus  illani  sacrosanciam  libertatem 
opprimunt,  quasi  iuris  gentium  violatores,  et  humanac  societatis  e.vpcrtes, 
iarn  non  pro  liegihus,  scd  pro  tyrannis  habcndns  esse.  Quanquarn  quid 
eos  tyrannos  appellennis,  ac  non  ctiani  atrociore  vocabulo  ulantur?" 
(Der  iotzte  Salz  „Quanquam  .  .  ."  fehlt  noch  1573)  =  Mcmoires  S.  429  r". 

143)   =  Mcmoires  S.  430  v«. 

i-*^)  M.  1573.  S.  88:  ,,Et  profecto  ita  est,  ut  ibi  denium  Regalis 
maiestas  vere  proprieque  dicatur,  ubi  de  summa  Reipuh[licae]  consilium 
agitur:  non,  ut  imperitum  vulgus  usurpare  seiet,  sive  rex  ludat,  sive 
saltet,  sive  cum  mulierculis  garriat,  ut  scmper  Maiestatem  Regiam 
nominet".  =  Memoires  S.  431   r*^. 


254  l^^itrl  Glaser. 

manebat.  Quod  eodem  modo  in  Francogallia  nostra  tum  accidit: 
oblata  videlicet  occasione,  et  Crescendi  facultate  ex  Regum  aliquot 
inertia,  desidiaque"  (ed.  1573.  S.  103)^^^)  —  so  entwirft  er  damit 
ein  Bild,  das  auf  die  Könige  seiner  Zeit  ebenso  gut  zutraf  wie 
auf  die  letzten  Morovinger.  Mag  die  Analogie  auch  bloß  zufällig 
sein,  so  bhübt  docli  das  eine  bestehen:  der  Hinweis  auf  Zeiten, 
in  denen  die  königliche  Gewalt  so  tief  gesunken  war  wie  unter 
den  letzten  Merovingern,  mußte  gewaltig  wirken  in  Tagen,  die 
sich  den  Kampf  um  Reciit  und  Macht  der  königlichen  Würde 
in  neuer  Form  abspielen  sahen.  Man  vermeint  eine  Flugschrift 
jener  Tage  zu  lesen,  wenn  man  da  auf  die  Sätze  stößt:  ,,Itaque 
dum  Uli  Magistri  Palatii  omnia  ReipubflicaeJ  munera  obirent, 
et  siquod  gerendum  esset  bellum,  exercitibus  praeessent,  hi  donii 
nudo  atque  inani  Regum  nomine  contenti,  propter  desidiam  in 
otio  vivebant"  (S.  103.  104).^'*^)  „Reges  Franciae  ante  tempora 
Pipini  Magni,  qui  Maior  domus  erat,  expertes  omnis  administra- 
tionis  et  regiminis,  solo  nomine  regnabant:  sed  Maiores  donus 
universam  Regni  administrationem  habebant"  (S.  104).^^'^)  ,,Abhinc 
Francorum  Regibus  a  solita  fortitudine  et  scientia  degener antibus, 
regni  potentia  disponebatur  per  Maiorem  domus,  Regibus  solo 
nomine  regnantibus:  quibus  moris  erat  principari  quidem  secunduni 
genus,  et  nil  agere,  vel  disponere"  (S.  104.  105).^^^)  Die  folgenden 
Ausführungen  schränken  zwar  das  harte  Urteil  über  die  Ohn- 
macht des  Königtums  wieder  ein,  aber  so  genau  sah  das  16.  Jahr- 
hundert nicht  zu.  Einer  Zeit,  die  ganz  in  Kampf  und  Feindschaft 
lebte,  war  ein  Wort  bitterer  Kritik  stets  willkommen. 

Die  Beziehung  zur  Zeit  blickt  auch  in  den  Ausführungen 
des  sich  inhalthch  hier  anschheßenden  Kapitels  über  die  Würde 
und  Rechte  des  Konnetabels  und  der  Pairs  de  France^^^)  durcli. 
Das  verfassungsgeschichtliche  Ergebnis,  zu  dem  Hotman  in  der 
Erstausgabe  seiner  Schrift  über  die  Rechte  des  Konnetabels  und 
der  Pairs  de  France  gelangt  war,  genügt  ihm  nicht  mehr.  Seine 
politische  Denkweise  drängt  sich  hier  wie  auch  sonst  erst  in 
späteren  Ausgaben  durch:  er  bespricht  die  Zusammensetzung 
des  Pairsrates  und  erwähnt,  daß  sich  auch  Bischöfe  darunter 
befanden.  Sofort  benutzt  er  die  Gelegenheit,  um  einen  Ausfall 
gegen  die  Bischöfe  und  die  schon  früh  beginnende  Verweltlichung 
und  Herrschsucht  in  der  kathohschen  Kirche  zu  machen.  Die 
katholischen  Würdenträger  dachten  nicht  an  Gott  und  ihre  kirch- 
lichen Pfhchten,  sie  strebten  nur  danach,  sich  zu  bereichern. ^^*^) 

145)  =  Memoires  S.  439  r». 

146)  =  Memoires  S.  439  r«. 

147)  =  Metnoires  S.  439  r". 

148)  =  Memoires  S.  439  r». 

149)  Kap.  XIV  ed.  1573.  S.   116—124. 

1^^)  ,,Quibus  ex  verbis  cognosci  potest,  non  eosdem  fuisse  per  id 
tempus  Pares  Franciae,  qui  posteriorib[us]  temporibus  fuerunt:  magnain- 
que  illorum  partem,  pro  illorum  teniporum  super stitione,  Archiepis[copos] 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      255 

Durch  keinen  Gedanken  aber  hat  Hotman  mehr  und  nach- 
haltiger auf  seine  Zeit  und  die  Gestaltung  ihrer  politischen  Ideen 
eingewirkt,  als  durch  die  großartige  Verteidigung  der  Vorzüge 
des  ständischen  Regiments.  Das  10.  Kapitel  hat  das  Idealbild 
eines  nach  ständischsn  Prinzipien  geregelten  Staates  gezeichnet; 
gleich  das  folgende  KapiteP^^)  verleiht  diesem  Bilde  noch  klarere 
und  schärfere  Züge.  Es  prüft  und  erörtert  die  einzelnen  Rechte 
der  Stände.  Sie  erheben  und  stürzen  die  Könige,  sie  beschließen 
über  Krieg  und  Frieden,  sie  geben  Gesetze  und  verfügen  über 
die  höchsten  Ehrenstellen,  sie  haben  in  allen  den  Staat  betreffen- 
den Fragen  das  entscheidende  Wort.  Ihnen  allein  steht  auch 
das  Verfügungsrecht  über  die  Staatsländereien  zu.  Der  Fürst 
darf  nur  über  seinen  Privatbesitz  verfügen.  Alles  andere  Land 
ist  öffentliches  Eigentum. ^^2)  Für  die  damahge  Zeit  waren  solche 
Fragen  von  höchstem  Interesse  und  größter  Bedeutung.  Alle 
Welt  erhob  oder  vernahm  den  Ruf  nach  Ständen,  aber  nur  wenige 
mögen  sich  über  das,  was  sie  forderten,  klar  gewesen  sein.  Da 
kam  Hotman  und  entrollte  vor  seinen  Zeitgenossen  das  ver- 
lockende Bild  ständischer  Rechte  und  Befugnisse,  ein  Bild,  das 
durch  die  Schilderung  ehemals  glänzender  Zeiten  doppelt  ver- 
führerisch wirkte. 

Die  Darlegung  der  ständischen  Rechte  tritt  als  der  die 
weiteren  Ausführungen  der  „Franco-Gallia"  belebende  und 
beherrschende  Gedanke  immer  deuthcher  in  den  Vordergrund. 
An  Hand  der  Geschichte  wird  gezeigt,  daß,  falls  der  König  einen 
minderjährigen  Sohn  hinterließ,  die  Stände  die  Vormundschaft 
bestellten^^^)  —  auch  das  ein  Hinweis,  der  für  eine  Zeit  von  Be- 
deutung war,  in  der  die  Frage  der  Regentschaft  im  Falle  der 

et  Episcopos  juisse.  Nam  cum  Episcopales  sedes  iis  in  locis  coiisti- 
luerentur,  qiiibus  opiniactfructuosa  praedia  et  tanquam  satrapiae  attributae 
Regum  liberalitate  fuerant,  jacile  cum  Ulis  opibus  superbia  Sacerdotum 
crevit:  ac  tum  praesertim.  cum  sacerdotia  et  Episcopatus  non  propter 
muneris  Ecclesiastici  junctionem.,  sed  propter  opum  et  potentiae  magni- 
tudinem  ad  homines  illustri  familia  natos  deferri  coepti  sunt  .  .  ."  \  gl. 
Memoires  S.  449  r*':  ,,.  .  .  depuis  que  les  benefices  et  Ei'eschez  commen- 
cerent  ä  tomber  es  mains  des  gentilshommes,  non  point  pour  penser  au 
Service  de  Dieu  et  de  V Eglise,  ains  seulement  pour  s'agrandir  et  enrichir.'' 

^^^)  XI  (ed.  1573):  ,,De  sacrosancta  publici  Concilii  auctorilate, 
et  quibus  de  rebus  in  eo  agcretur."'     S.   92 — 101. 

^^'')  6(1.  1573.  8.  93:  ,,Primum  de  creando  i'el  abdicando  Rege:  tum  de 
pacc  et  bello,  de  legibus  pubticis:  de  su)nmis  honnribus,  praefecturis,  et  pro- 
curationibus  lieip[ublicac]  de  assignanda  patrimonii  parte  liberis  defuncti 
Regis,  vel  dote  jiliabus  constituenda:  quod  Gcrmanico  i'crbo  Abannagium, 
quasi  exclusoriam  partem,  appellarunt:  denique  de  iis  rebus  omnibus, 
quae  vulgus  etiamnunc  Negotia.  Statuum  populari  verbo  appellat:  quoniam 
de  nulla  (ut  di.ri)  Reip[ublicae]  parte  nisi  in  staluum  sivcOrdinuni  concilio 
agi  ius  esset.  Ac  de  creandis  quidem  aut  abdicandis  Regibus  superius, 
tum  ex  Caroti  Magni  testamento,  tum  cdam  ex  nliis  ncloribus  salis  mutta 
testimonio  protulimus  .  .  ." 

i^-"*)  yil  (6d.  1573):  ,,Pluribus  extantibus  Regis  demorlui  liberis, 
quid   iuris  in  hereditate  observaretur.''     S.  58 — 65. 


256  Kwi  Glaser. 

Minderjährigkeit  des  Königs  einen  hart  umslrittonon  Punkt 
bihletc.  Übcrliaupt  wurde,  wie  zalilreiche  goschichtHclio  Bei- 
spiele lehren,  nichts  ohne  die  Stände  vorgenommen.  In  alle 
großen  und  wichtigen  Fragen  haben  sie  entscheidend  eingegriffen. 
Ein  Herrscher  wie  Karl  der  Große  hat  trotz  seiner  glänzenden 
und  glorreichen  Siege  nicht  an  die  Macht  der  Stände  zu  rühren 
und  irgend  etwas  ohne  ihre  Zustimmung  zu  unternehmen  gewagt, 
und  das  hat  weder  seiner  Macht  noch  seiner  Würde  Eintrag 
getan. ^^*)  Auch  unter  den  Kapetingern  blieb  die  Autorität  der 
Stände  gewahrt.  Ein  ganzes  Kapitel  (das  17.)  dient  diesem 
Nachweis,  der,  auf  historische  Quellen  gestützt,  von  einer  wuchtig 
und  faßt  stoßweise  hervorbrechenden  Polemik  belebt  wird.  Über- 
all her  trägt  Hotman  die  verschiedenartigsten  Zeugnisse  dafür 
zusammen,  daß  das  ständische  Bewußtsein  niemals  ganz  ge- 
schlummert hat,  selbst  nicht  unter  der  Herrschaft  eines  Monarchen, 
der  so  absolutistisch  gesinnt  gewesen  ist  wie  LudNvig  XI. ^^^)  Auch 
ihm  gegenüber  haben  die  Stände  ihre  Rechte  zu  vertreten  gewußt, 
und  mehr  als  einmal  hat  er  Beschwerden  und  Forderungen  seiner 
Stände  zu  hören  bekommen.  Die  Verteidigung  der  ständischen 
Rechte  gegen  die  Krone  wurde  von  dem  Adel  mit  Mut  und  Ent- 
schlossenheit, obgleich  im  wesentlichen  erfolglos  geführt.  Hier 
liegt  aber  mehr  als  bloß  eine  einfache  Erhebung  des  Adels  zu- 
gunsten ständischer  Rechte  vor;  hier  handelt  es  sich  zugleich 
um  einen  großartigen  Kampf,  den  der  Adel  im  Interesse  des 
Staatswohls  gegen  die  Krone  geführt  hat:  wenn  der  Adel  gegen 
die  Krone  opponierte,  so  tat  er  es  zugleich  im  Interesse  des  Staats- 
wohls. Mit  Recht  hat  die  Geschichte  deshalb  auch  jene  Oppo- 
sitionsbewegung mit  dem  treffenden  Namen  eines  „Bellum 
boni  publici"  (S.  141)  bezeichnet. 

Die  Beurteilung  der  Adelsopposition  gegen  Ludwig  XI.  ist 
für  die  ganze  Anschauungsweise  Hotmans  bezeichnend.  LudwigXI. 
ist  ihm  das  Urbild  des  Despoten,  der  durch  frevlen  Rechtsbruch 
die  alten  guten  Gebräuche  der  Vorfahren  umgestürzt  und  die 
fürstliche  Willkür  an  die  Stelle  rechthcher  Ordnungen  gesetzt  hat. 
Jeder  Widerstand  gegen  sein  Regiment  ist  erlaubt  und  gerecht- 
fertigt, besonders  wenn  er  zu  gunsten  der  ständischen  Rechte 
erfolgt.  Ständische  Rechte  und  Staatswohl  sind  für  Hotman 
gleichbedeutende  Begriffe.  Auch  hier  weiß  er  aus  der  Vergangen- 
heit Lehren  für  die  Gegenwart  zu  gewinnen.  Die  Erwähnung 
der  Adelsopposition  gegen  den  Despotismus  der  Krone  gibt  ihm 
den  Anlaß,  sich  allgemein  über  das  Widerstandsrecht  der  Unter- 
tanen gegen  die  Krone  zu  äußern  und  seine  Ansicht  von  der  Be- 
rechtigung oder  Verwerflichkeit  des  Aufstandes  vorzutragen. 
So  verwerfhch  auch  der  Aufstand  an  sich  sein  mag,  so  berechtigt. 


154)  Kap.  XV   6d.  1573.  S.    124—131  (=  Memoires   S.  451—456). 

155)  Memoires  S.  459  r". 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      257 

ja  notwendig  erscheint  er  ihm  für  den  Fall,  daß  es  sich  um  den 
Widerstand  gegen  einen  tyrannisch  regierenden  Herrscher  handelt, 
um  einen  Kampf,  den  das  Volk  unter  der  Mitwirkung  und  Leitung 
der  Stände  gegen  eine  tyrannische  Regierung  führt.  Kurz  und 
klar  fasst  er  seine  Meinung  in  den  Satz:  ,,Et  si  omnes  molestae 
semper  seditiones  sunt,  iustas  tarnen  esse  nonnullas,  et  prope  ne- 
cessarias  .  eas  vero  iustissimas  maximeque  necessarias  videri, 
cum  populus  Tyranni  saevitia  oppressus,  auxilium  a  legitimo 
Civium  conventu  implorat"  (S.  142). i^^)  Solche  Worte  klingen 
wie  eine  Rechtfertigung  der  politischen  Haltung  seiner  Partei, 
wie  ein  Appell  an  die  Öffentlichkeit  zu  mutiger  Verteidigung 
der  Rechte  des  Volks  gegen  das  durch  tyrannischen  Mißbrauch 
seiner  Machtbefugnisse  sündigende   Königtum. 

Die  historischen  Erörterungen  erweitern  sich  unter  Hotmans 
Händen  zu  theoretischen  Deduktionen  prinzipiellen  Charakters. 
Schon  das  13.  Kapitel  ist  dafür  bezeichnend.  Seinem  Titel 
nach^^'^)  ist  es  einem  rein  geschichtlichen  Ereignis,  der  Entthronung 
des  letzten  Merovingers  durch  Pipin,  gewidmet;  aber  Hotman 
weiß  das  Ereignis,  dessen  hohe  historische  Wichtigkeit  er  ge- 
bührend in  den  Vordergrund  rückt,  in  seiner  prinzipiellen  Be- 
deutung zu  fassen.  Er  prüft  die  Frage,  wer  Pipin  zum  König 
gemacht  hat.  Die  Antwort  ist  rasch  gefunden:  die  Ständever- 
sammlung der  fränkischen  Großen  ist  es  gewesen,  die  Childerich 
gestürzt  und  Pipin  auf  den  Thron  erhoben  hat.  Die  Stände  allein 
haben  ja  das  Recht,  Könige  ein-  und  abzusetzen.  Den  Anteil 
der  Großen  übertreibt  Hotman  natürlich  auch  hier,  ganz  im 
Sinne  seiner  These.  Die  von  römischer  Seite  vertretene  Be- 
hauptung, daß  der  Papst  Zacharias  die  Absetzung  Childerichs 
und  die  Erhebung  Pipins  verfügt  habe,  wird  in  fast  erregtem 
und  leidenschaftlichem  Tone  zurückgewiesen.  Der  Papst  hat  nur 
einen  Rat  erteilt,  die  Absetzung  selbst  ist  yon  den  Großen  vor- 
genommen worden:  ,,aliud  est  enini  Regem  creare,  aliud  creandi 
consilium  dare  .  aliud  ius  creandi  habere,  aliud  ius  consilii  dandi" 
(S.  112).^^^)  Die  Ansprüche  der  Päpste  auf  Verfügung  über  die 
weltlichen  Throne  beruhen  alle  sonst  auf  Unwahrhaftigkeit 
und  zeugen  von  der  Gewissenlosigkeit,  mit  der  die  Päpste  ihre 
Behauptungen  in  die  Welt  schleudern. ^^^) 

Gegen  die  Monarchie  füiirt  Hotman  den  schwersten  Schlag, 
indem  er  die  Absetzbarkeit  des  Herrschers  proklamiert.  Die 
Absetzung  kann  durch  die  Stände  im  Namen  des  Volks  aus- 
gesprochen werden.  Aus  dem  Rechte  der  Königswahl  leitet 
sich  auch  das  Absetzungsrecht  her.     Das  Volk  hat  dieses  Recht 


156)   =  Menwires  S.  464  r«. 

'^^'^)  „Utrum    Pipinus    Papae   an    Francogallici   concilii   auctoritate 
Rex  f actus  fucriC     6d.  1573.  S.   108— HG. 

158)  ^  Memoires  S.  443  r". 

159)  öd.  1573.  S.   113  (=  Memoires  S.   443  r»). 


258  A'w/Y   Glaser. 

zum  orston  Molo  ausg(uil)t,  indem  es  Cliildoricli  des  Thrones 
verlustig  erklärte,  und  Cliilderich  war  der  erste  französische 
König,  insofern  die  Verschmelzung  der  als  Eroberer  ins  Land 
eingedrungenen  Franken  mit  den  von  ihnen  unterworfenen 
Galliern  unter  seiner  Regierung  zur  Tatsache  geworden  war.i^*') 
So  gipfeln  Ilotmans  Ausführungen  in  der  Proklamierung  der 
Volkssouveränität.^^'^) 

Die  Ideen  Ilotmans  über  diesen  Punkt  sind  in  der  ersten 
Auflage  der  „Franco-GaUia"  noch  weniger  ausführlich  ausein- 
andergesetzt als  in  der  Ausgabe  von  1586.  Erst  die  Verwicklungen, 
welche  die  Regierung  Heinrichs  III.  herbeiführte,  erheischten 
eine  eingehendere  und  entschiedenere  Stellungnahme  zu  einer 
Frage,  die  wie  keine  andere  in  das  politische  Leben  der  Zeit 
eingriff.  Hotman  hat  seine  Auffassung  in  einem  neuen  KapiteP^-) 
mit  Ausführlichkeit  dargelegt.  Unter  steter  und  gewissenhafter 
Nennung  seiner  Quellen  zählt  er  eine  ganze  Reihe  von  Fällen 
auf,  in  denen  fränkische  Könige  wegen  Tyrannei,  Unfähigkeit 
oder  sittenlosen  Lebenswandels  ihrer  Herrschaft  entsetzt  worden 
sind.  Seine  Beispiele  wählt  er  aus  den  ersten  Zeiten  der  frän- 
kischen Geschichte.  Sie  sind  ihm  doppelt  wertvoll  und  beweis- 
kräftig, weil  sie  die  rechtliche  Stellung  des  Königtums  noch  in 
ihrer  ursprünglichen   Reinheit  erkennen  lassen. 

In  allen  seinen  Ausführungen  scheidet  Hotman  scharf  zwischen 
Herrscher  und  Staat.^^^)  Der  Staat  steht  überall  und  unbedingt 
über  dem  Herrscher,    Das  Wohl  des  Staates  ist  das  oberste  Gesetz. 

Das  Verhältnis  von  Herrscher  und  Staat,  das  die  erste  Auf- 
lage der  ,,Franco-Gallia"  nur  kurz  gestreift,  wird  in  einem  späteren 
Kapitel,  welches  Hotman  der  Auflage  von  1586  einfügte,!^*)  noch 
schärfer  gefaßt.  Hier  wie  mehrfach  zeigt  sich,  wie  Hotman  das 
Bedürfnis  empfunden  hatte,  durch  eine  präzisere  Formulierung 
seiner  Theorien  dem  sich  verschärfenden  Widerstreit  der  Meinun- 
gen Rechnung  zu  tragen.  Der  König  wird  als  Oberhaupt  des 
Staates  definiert:  „rex,  princeps  est  unicus  ac  singularis,  ac 
tanquam  caput  Reipublicae."  Nicht  das  Volk  ist  um  des  Königs 
willen,  sondern  der  König  ist  um  des  Volkes  willen  da:  „non 
populus  Regis,  sed  Rex  populi  caussa,  quaesitiis  ac  repertus  est." 
Ein  Volk  kann  ohne  König  bestehen,  aber  kein  König  kann 
ohne  Volk  sein:  „Potest  enim  populus  sine  Rege  esse,  veluti  qui 
optimatum  aut  suo   ipsius  consilio  paret,   itemque  in  interregno. 

160)  6d.  1573.  S.  43. 

161)  Ygi    auch  Janet,  Histoire  de  la  science  poUtique  II.  S.  30. 

162)  ^^Be  summa  populi  potestate  in  Regibus  caussa  cognita  con- 
demnandis  et  abdicandis.'^ 

163)  Ygi  2.  B.  S.  81  (,,.  .  .  aliud  est  Regni,  aliud  Regis  consiliarium 
esse'')  und  S.  83  {„ut  [Senatores]  ad  extremum  non  Regni,  et  Reip[ublicae] 
consiliarii,  sed  Regis  unius  assentatores,  et  ministri  cupiditatum  et 
Regiarum,  et  suarum  quoque  appareant"). 

164)  ^^j)e  summa  inter  Regein  et  Regnum  differentia."' 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polii.  Literatur  Frankr.  etc.       259 

At  sine  populo  ne  fingi  quidem  cogitando  Rex  potest:  non  magis 
quam  pastor  sine  grege."  Des  Königs  Aufgabe  ist  es,  für  das 
Glück  seiner  Untertanen  zu  sorgen.  Er  ist  nur  ein  einfacher 
Sterblicher,  der  Staat  selbst  dagegen  ist  unsterblich:  „Rex  aeque 
ut  quivis  privatus^  mortalis  est:  Regnum  perpetuum,  et  certe  (vel 
ominis  caussa)  immortale."  Wie  der  König  sind  auch  die  höchsten 
Beamten  Diener  des  Staats,  der  ihnen  ihre  Würde  verliehen  hat, 
und  nicht  Diener  des  Königs.  Schon  rein  äußerlich  gesehen, 
knüpfen  ihre  Titel  sie  an  den  Staat:  „At  qui  regni  et  Reipubl[icae] 
universe  magistratus  erant,  eos  Majores  nostri  adjecto  amplissimo 
Franciae  nomine  designarunt:  quem  morem  etiam  nunc  retinemus: 
ut  cum  dicimus  Comestabulum  Franciae:  Amiralium  Franciae: 
Cancellarium  Franciae  et  cum  antiquitus  non  a  Rege.,  sed  a  populo 
eas  dignitates  acciperent,  neque  ipsius  morte  aut  mutatione  desine- 
bant:  neque  ipsius  arbitrio  abdicabantur:  itaque  ne  nunc  quidem 
magistratus  Uli  sumnii,  quos  (^ulgus  Coronae  officiales  appellat, 
Rege  mortuo  magistratus  esse  desinunt:  neque  iis  adimi  dignitas, 
nisi  cum  vita^  hoc  est,  nisi  rei  capitalis  damnatis  potest.  Quin 
ne  illud  quidem  summae  populi  potestatis  argumentum  praeter- 
mittendum  est,  quod  quibus  tribus  in  rebus  Reip[ublicae]  summa 
consistit,  re  militari,  jurisdictione,  et  aerario,  iis  rebus  qui  cum 
summo  imperio  praefecti  sunt,  non  a  Rege,  sed  a  Regno  et  Francia 
denominantur :  nam  ut  modo  diximus,  is  ad  quem  rei  militaris 
summa  pertinet,  Comestabulus,  aut  Marescallus,  aut  .  .  .  Senes- 
chalhis  Franciae  dicitur:  qui  vero  classi  et  maritimis  copiis  praeest, 
Amiralius  Franciae:  qui  iurisdictioni,  Cancellarius  Franciae: 
qui  tributis  et  aerario,  Quaestor  generalis  Franciae." 

Gegenüber  den  Versuchen,  die  absolute  Gewalt  des  Herrschers 
als  den  maßgebenden  Faktor  im  staatlichen  Loben  liinzustellon, 
rückt  Hotman  überall  die  Rechte  des  Volks  in  den  Vordergrund. 
Er  erwartet  alles  Heil  von  der  Wahrung  der  Autorität  des  Staates, 
und  diese  ist  ihm  mit  der  Durchführung  des  ständischen  Systems 
gleichbedeutend.  Die  Stände  sind  die  Träger  der  Rechte  des 
Volks.  Ihnen  gegenüber  hat  der  König  nur  eine  beschränkte 
Macht.  Die  Ausgabe  von  1586  bringt  auch  über  diese  Frage 
in  einem  besonderen  KapiteP^^)  eine  ausführlichere  Behandlung, 
welche  wie  die  anderen  von  Hotman  am  Texte  der  Erstauflage 
vorgenommenen  Erweiterungen  und  Änderungen  nicht  nur  eine 
Präzisiorung,  sondern  zugleich  auch  eine  Verschärfung  bedeutet. 
Die  Gesetze,  an  die  die  Könige  gebuntlen  sind,  sind  selir  zahl- 
reicli.^^^)  Ihrer  aclit  werden  noch  im  besonderen  aufgezählt. 
An  Hand  zahlreicher  geschichtlicher  Beispiele  und  juristischer 
Quellen  wird  gezeigt,  wie  der  Wille  des  Volks  und  der  Sinn  der 

^^^)  „Regum  Francogalliae  non  infinitani  in  suo  regno  doininationeni 
habere,  sed  certo  iure  certisque  legibus  circumscriptain.'' 

^^'')  ,,Ac  leges  quidem,  quibus  Beges  asirictos  esse  constat.  pcrmultae 
sunt." 


260  A'»/i  Gldscj. 

Gesetze,  bis  in  die  Erbfolgeordnung  hinein,  den  Ausschlag  gibt. 
Von  einer  SolbsLändigkcit  der  königlichen  Gewalt  kann  kaum 
noch  die  Rede;  sein.  Hotman  nimmt  ilir  auch  den  letzten  Schein 
von  Macht.  Drohend  erhebt  er  seine  Sprache  gegen  die  Könige 
und  ruft  ihnen  zu,  daß  sie  es  vergeblich  versuchen  würden,  an 
den  bestehenden  und  altgeheiligten  Rechten  und  Einrichtungen 
zu  rütteln. ■^^'^)  Ein  König  handelt  niemals  besser,  sei  es  vor  Gott, 
sei  es  vor  seinem  Volk,  als  wenn  er  sich  unter  die  Hoheit  rlor 
Gesetze  beugt.  Nur  so  wird  er  sich  des  Ehrennamens  eines  allor- 
christlichsten  Königs  würdig  erzeigen  und  der  Gefahr  entgehen 
können,  ein  Schandfleck  der  Menschheit,  ein  Tyrann  zu  werden. ^^^) 

Die  Ausführungen  Hotmans  über  die  Rechte  der  Stände 
würden  des  Abschlusses  entbehrt  haben,  wenn  er  nicht  aucli  die 
Stellung  der  Stände  zu  den  religiösen  Fragen  der  Zeit  berührt 
hätte.  Die  Erstauflage  der  ^^Franco-Gallia"  freilich  enthält 
noch  nichts  über  diesen  Punkt;  erst  spätere  Ausgaben  fügten 
ein  besonderes  Kapitel  ein.  Auch  hier  ließen  die  Zeitverhältnisse 
stets  neue  Aufgaben  erwachsen,  denen  Hotman  bei  der  Neu- 
bearbeitung seiner  Schrift  Rechnung  zu  tragen  wußte.  Er 
knüpft  an  ein  tief  in  die  Geschichte  Frankreichs  und  in  den  Gang 
der  weltgeschichtlichen  Entwicklung  überhaupt  eingreifendes 
Ereignis  an:  den  Kampf  Philipps  des  Schönen  mit  Bonifatius  VIII. 
Er  zeigt,  wie  Philipp  als  Antwort  auf  die  päpstlichen  Anmaßungen 
die  Stände  berief  und  ihnen  das  päpstliche  Schreiben  vorlesen 
ließ.  Kurz  und  klar  teilt  er  den  Wortlaut  des  päpstlichen  Briefes 
und  die  schneidige  und  derbe  Antwort  mit,  welche  die  Stände 
auf  die  päpstlichen  Anmaßungen  im  Namen  des  französischen 
Volks  erteilt  haben.  Das  Kapitel,  so  wie  es  die  französische 
Fassung  gibt,  zählt  nicht  mehr  als  zwei  Seiten;  es  entbehrt  jeden 
Kommentars,  es  wirkt  allein  durch  die  Wucht  der  Tatsachen 
scharf,  schneidig,  durchdringend. ^^^)  — 

Man  kann  Hotman  nicht  nachrühmen,  daß  er  bei  seiner 
Argumentation  immer  und  überall  mit  Glück  und  Geschick  ver- 
fahren ist.  Sein  Nachweis,  daß  die  von  ihm  erstrebte  Reform 
keine   umstürzlerische   Neuerung  ist,   sondern  nur  die   Wieder- 


^^'^)  ,,Tertium  frenum,  quo  Reges  Franciae  ccercentur  est  poliiia, 
hoc  est  instituta  et  mores  regni  multas  per  aetates  comprobati,  et  longinqua 
consuetudine  retenti:  quorum  abrogationem  non  suscipiunt:  et  si  forte 
susciperent,  frustra   id  tentarent    ..." 

^^^)  ,,Iteruni  dico:  Regem  non  posse  gratius  obsequium  Deo  praestare, 
aut  suorum  civium  iitilitati,  aut  suae  dignitati  atque  existimationi  melius 
consulere,  quam  illas  Regni  leges  observando.  Tum  enim  honi  et  Christi- 
anissimi  Regis   ..." 

169)  Memoires  S.  462.  In  späteren  lateinischen  Ausgaben  hat 
Hotman  noch  eine  Anzahl  weiterer  Seiten  hinzugefügt.  Auch  das 
Kapitel  ,, Alterum  eiusdem  publici  Concilii  jacinus  insigne  in  Papa 
Renedicto  XIII.  damnando  et  repudiando''  gehört  in  diesen  Zusammen- 
hang. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Frankr.  etc.      261 

aufrichtung  der  altgeheiligten,  durch  den  frevlen  Rechtsbruch 
Ludwigs  XI.  umgestürzten  Verfassung,  steht  auf  schwachen 
Füßen  und  hält  der  Kritik  nicht  immer  stand.  Hotman  fehlt 
eben  die  historische  Schulung.  Er  ,, spiegelt  die  Wünsche  der 
Gegenwart  als  angeblich  erfüllte  Tatsachen  in  die  Vergangen- 
heit hinein"^'^^)  und  interpretiert  die  Ereignisse  in  einer  mitunter 
recht  willkürlichen,  allein  seiner  vorgefaßten  Meinung  ent- 
sprechenden Weise.  So,  wenn  er  in  der  Absetzung  eines  un- 
bedeutenden und  nichtsnutzigen  fränkischen  Königs  einen  großen 
und  hochherzigen  Akt  sieht  und  aus  diesem  Beispiel  den  Schluß 
zieht:  „Reges  in  Francogallia  certis  legibus  creari:  non  Tyrannos 
cum  imperio  soluto,  libero,  et  infinito  constitui."^"^^)  Mehr  als 
einmal  muß  Hotman  den  Tatsachen  zu  gunsten  seiner  Theorien 
Gewalt  antun.  Er  weiß  sich  mit  dem  seiner  Wahltheorie  ent- 
gegenstehenden salischen  Gesetz  nur  dadurch  abzufinden,  daß 
er  es  als  eine  auf  private  Verhältnisse  zugeschnittene  Bestimmung 
deutet.^^^)  Ähnlich  gerät  er  auch  bei  dem  Versuch,  den  Ursprung 
der  Formel  ,,quia  tale  est  nostrum  placitum"  {,,car  tel  est  notre 
plaisir")  zu  erklären,  in  die  Enge.  Er  kann  sich  schließlich  nur 
damit  helfen,  daß  er  annimmt,  die  Unkenntnis  oder  der  böse 
Wille  der  königlichen  Schreiber  habe  jene  Formel,  die  sich  ur- 
sprünglich auf  die  Beschlüsse  der  ständischen  Vertreterschaft 
(placitum)  bezog,  in  recht  willkürlicher  Verdrehung  zum  Kenn- 
wort des  Absolutismus  gestempelt. ^"^) 

Das  Bestreben,  die  Tatsachen  der  Vergangenheit  für  seine 
Auffassung  der  Gegenwart  verwertbar  zu  machen,  läßt  ihn  oft 
genug  die  Bedeutung  gewisser  Vorgänge,  welche  ihm  gelegen 
sind,  überschätzen.  Er  sieht  in  der  keltischen  Zeit,  unter  den 
Merovingern  und  Karolingern  die  Volksversammlung  stehen, 
welche  die  Könige  ein-  und  absetzt  und  in  manch  wichtiger 
Angelegenheit  das  entscheidende  W^ort  führt,  und  er  merkt  dabei 
nicht,  daß  er  mit  dieser  Anschauung  den  modernen  Begriff  des 
ständischen  Systems  auf  eine  Versammlung  überträgt,  die  eine 
Identifizierung  mit  den  Etats  generaux  nicht  zuläßt.  ,,Die 
Entthronungen  merovingischer  Könige  durch  einen  wilden  hall)- 
barbarischcn  Adel  werden  ihm  zu  Rechtshandlungen  des  in 
seiner  Freiheit  gekränkten  Volks;  setzt  Karl  der  Große  mit  Zu- 
stimmung der  Großen  seine  Nachfolger,  so  ist  die  Monarchie 
ein  ^^'ahlrcich;  mit  Hilfe  des  Maifeldes  macht  Hotman  den 
absoluten  Frankenherrscher  zum  konstitutionellen  Monarchen."^'*) 


1'")  Elkan  S.  43. 
171)  M.   1573.  S.  55. 

^"'-j  6d.  1573.  S.  65  ff.  (Kap.  VIII:  „De  lege  Salica,  el  iure  mulienini 
in  Regum  parentum  hcredilatibus"'). 
"3)  4d.   1573.   S.  99  ff. 
174)  Cardauns  S.  61. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIXV'.  18 


202  Kurt  Glaser. 

Kein  Geringerer  als  Augustin  Thierry  liat  in  den  ,,Con- 
sld^ralions  sur  l'histoire  de  France",  welche  er  seinen  „Recä.^ 
des  temps  merovingiens"  I  (Paris  1842)  S.  50  ff.  vorausschickle, 
zum  ersten  Male  auf  das  Unliistorischc  in  der  Auffassungsweise 
flotmans  liingewiesen.  Aber  wir  dürfen  uns  niciit  durch  die 
geschichtliclien  Irrtümer,  die  Hotmans  Ausführungen  im  Kleinen 
und  Einzelnen  anhaften,  zu  einem  falschen  und  ungerechten 
Gesamturteil  über  sein  Werk  als  solches  verleiten  lassen.  In 
der  Auffassung  und  Beurteilung  der  einzelnen  geschichtlichen 
Tatsaclien  geht  er  oft  genug  fehl,  und  doch  hat  er  den  Zug  der 
Entwicklung,  welche  die  französische  Geschichte  im  Großen  ge- 
nommen, richtig  und  treffend  erfaßt  und  den  stets  und  ständig, 
bald  in  dieser,  bald  in  jener  Form  betätigten  Hang  zur  Freiheit 
als  den  im  französischen  Volk  liegenden  Drang  klar  und  deutlich 
erkannt.^'^^)  Eine  solche  Entdeckung,  in  einer  Zeit  gemacht, 
die  unter  einem  bis  auf  das  religiöse  Gebiet  hinübergreifenden 
absolutistischem  Drucke  seufzte,  mußte  gewaltig  wirken  und 
der  „Franco-Gallia"  eine  weite  Verbreitung  und  einen  nach- 
haltigen Einfluß  sichern.^'^^)  Nicht  die  wissenschaftliche  Exakt- 
heit, sondern  der  starke  theoretisch-philosophische  Zug,  die 
kühnen  Ideen,  zu  deren  Verkündiger  Hotman  wird,  haben  seinem 
Buch  Wert  und  Wirkung  geliehen. 

Den  ständischen  Gedanken,  den  Commynes  zuerst  ausge- 
sprochen, greift  Hotman  wieder  auf.  Er  verleiht  ihm  eine  neue 
Fassung.  Was  er  gibt,  sind  keine  Reflexionen  mehr,  die  ein  in 
der  Diplomatie  ergrauter  Staatsmann  mit  verschmitzter  Miene 
anstellt.  Mitten  im  Kampf  der  Parteien  stehend,  entwirft  er  in 
kühner  Sprache  sein  Programm,  das  eine  völlige  Neugestaltung 
der  staatlichen  Ordnung  auf  der  Grundlage  der  ständischen 
Rechte  fordert.  Die  ständische  Theorie,  welche  einst  Commynes 
als  eine  aus  der  Betrachtung  der  geschichtlichen  Tatsachen  und 
Vorgänge  der  Regierungszeit  Ludwigs  XI.  gewonnene  Erfahrung 
verkündet  hatte,  ist  für  Hotman  ein  Glaubenssatz  geworden, 
der  ihm  die  Grundlage  seines  auf  die  Beseitigung  der  monarchi- 
schen Gewalt  berechneten  politischen  Systems  abgibt.  Über 
seine  Vorgänger  hinaus  hat  Hotman  einen  bedeutungsvollen 
Schritt  getan,  indem  er  die  politischen  Forderungen  seiner  Partei- 
genossen in  der  Form  des  Systems  historisch  zu  begründen 
und  juristisch  zu  rechtfertigen  unternahm.  Der  Abstand,  in  dem 
sich  Hotman  von  Commynes  befindet,  ist  bezeichnend  für  die 
Entwicklung,   welche   die   politischen  Theorien  seit   den  Tagen 


^'^^)  P.  Moussiegt,  Hotman  et  Du  Plessis-Mornay.  Theories  poli- 
tiques  des  Reformes  au  XVI«  siecle.  (Gabors  1899)  S.  51  ff.,  besd.  S.  57  ff. 
M^aly,  Les  publicistes  de  la  Reforme  sous  Frangois  II  et  Charles  IX. 
(1903).     S.  200  ff. 

176J  Thierry,  Recits  des  temps  merovingiens  I  (Paris  1842).  S.  59. 
Labitte,  De  la  democratie  chez  les  predicateurs  de  la  Ligue  (1841).   S.  LIV. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  polit.  Literatur  Franhr.  etc.      263 

Ludwigs  XI.  durchlaufen  haben.  Man  merkt  die  Wandlung, 
welche  die  absolute  Monarchie  seit  ihrer  Begründung  bis  zu  dem 
Augenblick  ihrer  ersten  tiefgreifenden  Erschütterung  durchlebt 
hat.  Die  Theorie  hat  mit  der  Gestaltung  der  politischen  Verhält- 
nisse Schritt  gehalten.  Aus  der  Umgebung  des  Königs  hat  sie 
sich  in  die  Kreise  des  Volks  geflüchtet.  Sie  blüht  bei  einer  Partei, 
die  gegen  das  Königtum  in  Waffen  steht  und  vermöge  ihrer  geisti- 
gen Überlegenheit  in  höherem  Maße  an  der  Weiterführung  der 
poUtischen  Theorien  zu  arbeiten  befähigt  war  als  die  in  rück- 
ständigen Anscliauungen  befangene  kathoUsche  Partei. 
(Fortsetzung  folgt.) 
Marburg  i.  H.  Kurt  Glaser. 


18* 


Eine  unbekannte  Handschrift 
der  „Pucelle    d'Orlöans"    von   Voltaire. 


Die  Herzogliche  Bibliothek  in  Wolfenbüttel,  die  so  reich  ist 
an  Schätzen  der  französischen  Literatur,  besitzt  eine  höchst 
interessante  Hs.  der  ,,Pucelle  d'Orleans"  von  Voltaire,^)  die 
Herr  Oberbibliothekar  Prof.  Milchsack  1908  im  Kataloge  eines 
Antiquars  gefunden  und  angekauft  hat.  Er  hat  mir  liebens- 
würdiger Weise  die  Bekanntgabe  dieser  für  die  Textgeschichte 
der  Pucelle  äußerst  wichtigen  Hs.  überlassen,  wofür  ich  ihm 
auch  hier  meinen  Dank  ausspreche. 

Ein  unansehnlicher  Pappeinband  mit  kleinem  roten  Rücken- 
schild, das  in  Golddruck  La  Pucelle  d'O  r  1  e  a  n  s  trägt, 
umschließt  2  leere  Blätter,  das  Titelblatt,  dann,  unnumeriert, 
264  Seiten  und  am  Endo  wieder  ein  weißes  Blatt.  Die  Größe 
des  Bändchens  ist  19  X  14  cm,  des  Zeilenbildes  14 — 15  X  8 — 10, 
die  Zeilenzahl  schwankt  zwischen  19  und  25.  Geschrieben  ist 
das  Ms.  in  einer  gleichmäßigen  Handschrift,  und  zwar  offenbar 
nach  Vorlage.  Korrekturen  von  der  gleichen  Hand  und  mit  der- 
selben, etwas  verblaßten  Tinte  sind  nicht  selten: 

Des  gens  de  ia=G"-  bien  a  la  Cour  protegös 
oder : 

ä  ces  funestes  mots 
eile  sentit  redoubler  ses  ^\^ijQ^XeK  sanglots 

<^d6r=  en 

ä  L'archeveque  il  prit  x  fantaisie 

Daß  man  es  hier  mit  Versehen  beim  Abschreiben  zu  tun  hat, 
ergibt  sich  aus  dem  Zusammenhang.  In  der  Schreibung  sind 
die  Akzente  sehr  willkürlich,  u  und  v  werden  ohne  Unterschied 
verwendet,  die  Formen  -oit  und  -oient  überwiegen.  Verzie- 
rungen bei  Anfangsbuchstaben,  Schnörkel  am  Schluß  der  Gesänge 
und  das  Ineinanderziehen  des  letzten  und  ersten  Buchstabens 
zweier  Worte  beweisen,  daß  man  es  mit  einer  gewandten  Schreiber- 
handschrift zu  tun  hat. 


1)  Signatur:  1003.  1  Nov. 


Eine  unbekannte  Handschrift  der  ,,Pucelle  d'Orleans''  etc.  265 

Der  Titel  der  Hs.  lautet:  LaPucelle  D'Orleans 
ou  JeanneD'arc  Poeme  heroi-comique  en 
Chants  Par  M.  D.  V.  Die  Dichtung  hat  in  der  Wolfen- 
büttler  Hs.  14  Gesänge;  vom  letzten  fehlt  leider  ein  Stück.  Der 
letzte  vorhandene  Vers  ist  der  263.  desselben  Gesanges  im  ersten 
Druck  (Louvain  A^)  1755): 

quand  on  est  deux,  est-il  quelque  suplice 
Die  Vermutung,  daß  die  Hs.  15  Gesänge  wie  die  ersten  Drucke 
gehabt  habe,  wird  dadurch  hinfällig,  daß  in  dem  eng  gehefteten 
Bande  wohl  2—3  Blätter,  die  den  Schluß  des  14.  Gesanges  ent- 
hielten, fehlen  können,  für  soviel  Blätter  aber,  als  für  den  15. 
Gesang  nötig  wären,  kein  Raum  ist.    Wir  haben  es  also  mit  einer 
Hs.   zu  tun,  die  tatsächlich  nur   14  Gesänge  enthält,  und  das 
erleichtert    einigermaßen    die    Feststellung    der    Abfassungszeit. 
Nach    B  e  u  c  h  o  t^)    und    M  o  1  a  n  d     begann   Voltaire    die 
Pucelle  vor  1730  und  war  bis  1736  mit  den  ersten  10  Gesängen 
fertig.    Colini^)  behauptet,  daß  der  14.  Gesang  1752  in  Pots- 
dam vollendet  und  der  15.  im  Februar  1753  begonnen  wurde. 
Er   berichtet   weiter,   daß   ihm   Voltaire   bei   seiner  Verhaftung 
in  Frankfurt  einige  Papiere  mit  den  Worten  übergab:     „Cachez 
cela  sur  vous".     Colini    fand,  daß  das  Paket  den  gesamten, 
bis   dahin   fertiggestellten  Text   der   Pucelle   enthielt.      Danach 
stammte  also  die Wolfenbüttler  Hs.  frühestens  aus  dem  Jahre 
1752  und  wäre  vor  Voltaires  Abreise  in  BerUn  hergestellt.     Daß 
schon    damals   Abschriften   existierten,    geht   aus   einem    Briefe 
Voltaires  an  Mme  Denis  vom  3.    Januar  1751    hervor.    Voltaire 
hatte  bereits   1750  eine  Abschrift  der  fertigen    Gesänge   durch 
seinen  Sekretär  Tinois  für  Friedrich  d.  Gr.  herstellen  lassen.    Dieser 
fertigte  aber  heimlich  auch  eine  Kopie  für  den  Prinzen  Heinrich 
an   und   wurde   für   diesen   Vertrauensbrueh   später   entlassen.  ) 
Es  ist  nun  nicht  unmögUcli,  daß  auch  1752  heimhch  Abschriften 
des  Gedichtes  gemacht  worden  sind  und  wir  in  der  Wolfenbüttler 
Hs.  eine  solche  vor  uns  haben.     Jedenfalls  schreibt  B  e  u  c  h  o  t 
daß   1754    die  Kopien    „etaient  multipUees  tellement  que  Vol- 
taire  regardoit  l'impression   comme   inevitable   et   comme    ,uno 
bombe  qui  dcvait  crever  tot  ou  tard  pour  l'ecraser'." 

Anderseits  könnU^  die  Wolfenbüttler  Hs.  vor  Beendigung 
des  15.  Gesanges  hergestellt  sein.  Nach  B  e  u  c  h  o  t^)  luit  Darget 
im  Mai  1755  einigen  Freunden  aus  einem  Manuskript  von  15 
Gesängen  vorgelesen.  Unsere  Hs.  stammt  also  spätestens 
aus  dem  Anfange  dieses  Jalnvs,  und  damit  wäre  die  Zeit  zwisciien 
1752  und  Anfang  1755  als  Abfassungszeit  festgelegt. 

-)  Vgl.  Bengesco,  S.  126. 

^)  Avertissement,  S.  4. 

•»)  „Mon  Sc/our  aupres  de   Voltaire'',  S.  31  u.  59  (Beuchot). 

^)  Beuchot,  a.  a.  O.  S.  4. 

'■')  A.  a.  O.  S.  5. 


266 


Constaiitin  Bauer. 


Daß  die  WolfonbüUlor  nicht  die  einzige  gewesen  ist,  war 
schon  erwähnt.  Nach  P  a  1  i  s  s  o  t'^)  hat  Voltaire  sogar  selbst 
eine  ganze  Anzahl  anfertigen  lassen  und  B  e  u  c  h  o  t  sagt  noch 
1832:  ,,Je  possedo  quatre  ms.  du  poeme  de  la  „Pucelle":  j'en 
ai  vu  beaucoup  d'autres."^)  Um  so  erstaunlicher  ist  es,  daß 
nur  noch  eine  einzige  Hs.  und  wenige  Bruchstücke  vorhanden 
sein  sollen.^)  Es  besitzt  nämHch  die  Münchner  Hof-  und 
Staatsbibliothek  einen  schönen  Lederband  in  Folio,  welcher 
enthält:  a)  14  Gesänge  der  Pucelle,  b)  in  kleinerem  Format, 
schlechterem  Papier  und  andrer  Handschrift  angebunden  einen 
8.  und  c)  einen  16.  Gesang.  ^*^)  Einige  wenige  Bruchstücke  besitzt 
die  Genfer  Bibliothek,  aber  ihr  Text  stimmt  mit  dem  von 
M.  überein.  Endlich  haben  die  kgl.  Bibliothek  in  Dresden 
und  das  Arsenal  in  Paris  je  ein  Exemplar  des  Druckes  Louvain 
B  1755  mit  handschriftlichen  Varianten.  Diese  wiederum  stimmen 
beide  mit  denen  in  der  Köhler  Ausgabe  von  1784  gegebenen  Vari- 
anten überein,  bieten  demnach  nichts  neues.  Es  kommen  zur  Text- 
vergleichung also  nur  in  Betracht:  W,  M,  Mi,  M2,  1755  und  Mol. 

Vergleicht  man  zunächst  die  Anordnung  der  Gesänge  nach 
Überschrift  und  Inhalt,  so  ergibt  sich,  abgesehen  von  Varianten, 
folgendes  Schema: 


w. 

M.     Ml 

M2 

1755 

Mol.     1 

1—7 

=  1—7 

8 

=  1—7 

=  1-7 

=     8 

9 

8 

=     8 

=      8 

=   10 

9 

=      9 

=     9 

=   11 

10 

=    10 

=   10 

=   12 

11 

=    11 

=   11 

=   13 

von  Vers  36  an 

12 

=   13 

=    12 

=   14 

13 

=   13 

=   15 

von  Vers  2  an 

14 

=   14 

=    20 

mit    den    Varianten 
von  1756 

12 

=  16 

=    15 

=   21 

mit     der     Variante 

(p.  341  f.) 
=  14  in  d.  Ausg.  1756 

'')  ibid.  S.  5. 

^)  Die  Bibhothek  B  e  u  c  h  0  t  s  ist  Eigentum  der  Nat.-Bibl.  ge- 
worden, wo  aber  sind  seine  Hs.  der  Pucelle  ?  Prof.  L  a  n  s  0  n  schickte 
auf  meine  diesbezüghche  Anfrage  seinen  Sekretär  nach  der  N.  B,. 
dieser  hat  die  Hs.  aber  nicht  entdecken  können. 

^)  Ich  habe  in  23  Bibhotheken  des  In-  und  Auslandes  angefragt. 

^^)  Die  Herkunft  und  Bedeutung  dieser  Münchener  Hs.  hat  Leo 
Jordan    aufgedeckt.     Vergl.  Herrigs  Archiv  Band   127,   S.    129  ff. 

Ich  bezeichne  im  folgenden  die  Wolfenbüttler  Hs.  mit  W;  die 
Münchener  mit  M,  Mi  und  M2,  den  ersten  Druck,  Louvain  A  1755 


Eine  unbekannte  Handschrift  der  „Pucelle  d' Orleans'  etc.  267 

Der  14.  Gesang  in  M.  ist  zu  finden  im  21.  Gesang  bei  Mol. 
(S.  347),  im  15.  und  im  20.  Gesang,  enthält  aber  Varianten,  die 
noch  unveröffentlicht  sind. 

Aus  dieser  Aufstellung  geht  zweierlei  hervor: 

1.  Bis  zum  11.  Gesang  stimmt  die  Reihenfolge  von  W  und  M 
überein;  No.  12*in  W  ist  aber  No.  13  in  M  und  No.  12  in  M  kommt 
garnicht  in  W  vor,  ist  also  später  als  W  entstanden;  folglich  muß 
W  älter  sein  als  M. 

2.  W  stimmt  in  der  Anordnung  der  Gesänge  vollständig 
mit  dem  Druck  von  1755  überein,  nicht  aber  M.  Also  liegt  dem 
Drucke  1755  ein  nur  in  Varianten  abweichendes,  im  ganzen  aber 
mit  W  gleiches  Manuskript  zugrunde.  Nur  der  15.  Gesang  von 
1755  ist  aus  einem  M  oder  M2  ähnlichen  Manuskripte  hinzu- 
gefügt. 

Die  Tatsache,  daß  W  älter  als  M  ist,  geht  aber  auch  aus  der 
Textvergleichung  im  einzelnen  hervor. 

So  lautet  die  erste  Zeile  des  5.  Gesanges: 
W.  Mes  bons  amis,  \'ivons  en  bons  chretiens 
M.  0  mes  amis!  vivons  en  bons  Chretiens 
Mol.  =  M. 

Die    Abweichung   rührt    daher,    daß    ein    doppeltes    ,,bons 
vermieden  werden  sollte. 

Auch  finden  sich  in  M  und  den  Drucken  Verse,  die  in  ^^  noch 
nicht  stehen,  so  1.  Gesang  Vers  130: 

W.  du  feu  d'amour,  ils  vont  droit  ä  la  table 
Davor  sind  in  M  und  allen  Drucken  zwei  Verse  eingeschoben: 

Trois  mois  entiers  nos  deux  jeunes  amants 

Furent   livres   ä   des   ravissements 
(Mol.  hat. . .  k  ces  ravissements).     Dann  kommt 

Du  lit  d'amour,  ils  vont  droit  ä  la  table. 
M  ist  überhaupt   vollständiger  und   stimmt   mitunter  mit   der 
Ausgabe  von  1756  überein.     So  I.  26  ff. 

W.  je  n'en  veux  point,  c'est  pour  la  motte  houdart 
oü  pour  quelqu'vn  de  notre  academie 

1755  u.  Mol.: 

je  n'en  veux  point,  c'est  pour  la  Motte  Houdart 
Quand  l'Iliade  est  par  lui  travestie 
An  diese  Verse  fügt  dann  M  und  1756: 

Ou  par  quelqu'un  de  son  academie. 
Wie    verscliicden    oft    die    Lesarten    überhaupt   sind,    zeigt 
folgendes  Beispiel:  1.  Gesang 

W.  148  en  chatoüillant  les  f ihres  des  Cervaux 

149  Portent  un  feu  qui  s'exhale  en  bons  mots. 

150  Le  diner  fait. . . 

mit  1755,  die  Ausgabe  von  M  0  1  a  n  d  1877,  9.  Bd.,  welche  den  Text 
von  1774  nach  der  Kehler  Ausgabe  nüt  allen  Varianten  der  früheren 
gibt,  mit  Mol. 


208  Conslanlin   Bauer. 

M.  148  Dans  los  cervcaux  portont  un  fou  brillant; 

149  Mille  bons  mots  en  partent  ä  l'instant. 

150  Le  diner  fait. . . 
1755.  =  W  mit  der  Variante 

149   Y  porte  un  feu 
Mol.  148  En  cliatouillant  los  fibres  dos  corveaux   (=  W) 

149  Y  porte  un  feu  qui  s'exhale  en  bon  mots  (=  1755) 

150  Aussi  brillants  que  la  liqueur  legere 

151  Qui  monte  et  saute,  et  mousse  au  bord  du  vorre: 

152  L'ami  Bonneau  d'un  gros  rire  applaudit 

153  A  son  bon  roi,  qui  montre  de  l'esprit 

154  Le  dinor  fait. . . 

Dazu  gibt  Kehl  folgende  Variante,  die  Ähnlichkeit  mit 
M  hat: 

148  Dans  le  cerveau  portait  un  fou  brillant, 

149  Mille  bons  mots  en  partent  ä  l'instant. 

150  Apres  diner. . . 

Die  Beispiele  ließen  sich  noch  unendlicli  vermehren.  Eine 
kritische  Ausgabe  der  Pucelle  ist  also  sehr  nötig.  Vielleicht 
gelingt  es  auch  noch,  mehr  Hs.  des  Gedichtes  zu  finden;  unter- 
dessen dürfte  das  Wolfenbüttler  Manuskript  die  älteste  Hand- 
schrift genannt  werden  können. 

Wolfenbüttel.  Constantin  Bauer. 


Syntaktisches. 


(Fortsetzung.) 

H.  Pas  plus  qu'  un  und  Terwandtes. 

Noch  summarischer  als  bei  tous  Ics  deux  und  tous  deux,  die 
wir  im  ersten  Artikel  behandelt  haben,  ist  Löseths  Verfahren 
bei  der  Erörterung  der  Frage,  ob  vor  einem  un  (iine)  —  als 
Zahlwort  —  jAiis  qiie  oder  plus  de  zu  stehen  habe  {Notes  de  syntaxe 
frariQaise  p.  12,  merkwürdigerweise  in  dem  mit  Ä'Oms  de  nomhre 
überschriebenen  Abschnitt!).  Es  heißt  dort  kurz  und  bündig: 
On  sait  qu'il  faul:  <<plus  d'un,  plus  d'une  fois».  Chassang  dit:  «Si 
on  mesure  une  quantite,  on  emploie  plutöt  d  e  apres  p  l  u  5.»  La 
langue  famüiere  peut  se  servir  de  q  u  e:  «Allons...,  une  question 
encore,  mais  pas  plus  qu'une,  car...»  (diseuse  de  honne  avcnture 
dans  Xai>.  de  Montepin  «L' Agentur ier»  V,  112),  —  par  analogie 
avec  des  expressions  oü  mm  est  article  indefini:  «c'est  plus  qu'une 
faiblesse,  c'est  une  faute«  et  avec  d'autres  oü  «plus«  est  temporel: 
«plus  qu'une  heure  d'attente  (=  ü  n'y  a  plus  que)».  Selon  Plattner 
(IV,  72)  on  dit:  «il  est  plus  que  huit  heures»;  je  crois  qu'on  prefere: 
«il  est  huit  heures  passees>>  (dans  les  livres:  «il  est  plus  de  huit  heures^^). 
Gewiß  ist  in  den  angeführten  Bemerkungen  das  meiste  von  dem, 
was  für  die  Beurteilung  des  in  Rede  stellenden  Falles  in  Betracht 
kommt,  kurz  erwähnt,  aber  es  fehlt  eben  überall  das  tiefere 
Eindringen,  die    präzise    Feststellung    des    Wesens    der    Sache. 

Das  macht  sich  teilweise  schon  rein  äußerlich  —  in  der  For- 
mulierung —  peinlich  bemerkbar.  Wie  bedenklich  muß  z.  B. 
der  Satz:  «On  sait  qu'il  lauf,  plus  d'un,  plus  d'une  fois»  erscheinen, 
wenn  man  sich  daran  erinnert,  daß  es  —  entsprechend  dem 
bekannten  Quatre  yeux  voient  plus  que  deux  —  immer  nur  heißen 
könnte:  Deux  yeux  voient  plus  qu'un  und  niemals  plus  d'un, 
wenigstens  heutzutage  nicht. ^^)     Da  ist  schon  Chassangs  Si  on 

"*)  Es  ist  bekannt,  daß  das  Altfranzösische  —  ebenso  wie  noch 
heule  manche  andere  romanische  Sprache  —  im  Gebrauche  des  de 
in  Vergleichunfjen  viel  weiter  ging,  als  die  moderne.  (\gl.  Meyer- 
Lübke  III,  §  283.)  A.  Tobler  macht  im  8.  Artikel  der  fünften  Reihe 
seiner   Vennischten  Beiträge  —  dem  letzten,  der  seiner  unermüdlichen 


270  Th.   Kalepky. 

mesiire  une  quantite,  on  emploie  platul  <<de>>  apres  «/?/^^.<^>  nkzoptabler 
insofern,  als  hier  de  (nach  plus)  ausdrücklich  auf  quantitative 
Feststellungen  beschränkt  wird  (wie  auch  Lücking  mit  kühner 
Knappheit  sagt:  „plus  de  addiert  zu  einem  Quantum, 
moins  de  subtrahiert  von  einem  Quantum"  und  da- 
mit den  Fall  qualitativer  oder  modaler  Vergleichung, 
(!.  h.  einer  Vergleichung  der  Leistungen,  Zustände,  des  Wertes  usw. 
ausschließt,  v^ie  er  bekanntlich  immer  dann  vorliegt,  wenn  sich 
das  Vergleichungsglied  zu  einem  Satze  ergänzen  läßt,  vgl.  Deux 
yeux  voient  plus  qu'un  hingegen:  J'eii  vois plus  d'un  .  .  .),  während 
andrerseits  freilich  das  Wort  mesurer  dem  komparativischen 
Charakter  der  Aussage  zu  wenig  gerecht  wird. 

Besonders  befremdend  aber  wird  die  kategorische  Behauptung 
erscheinen  müssen :  «La  langue  familiire  peut  se  servir  de  qu  e» 
(nämlich  statt  de  nach  plus)  —  da  doch  die  familiäre  und  die 
volkstümliche  Ausdrucksweise  sonst  meist  eine  gewisse  Vorliebe 
für  Altertümliches  zeigen,  wohl  gar  Veraltetes  bewahren  und 
in  den  uns  beschäftigenden  Fällen  de  entschieden  das  Ältere, 
que  das  Modernere  ist.  Freilich  spricht  auch  Plattners  Aufstellung 
bezüglich  der  Zeitangaben  zugunsten  einer  Vorherrschaft  des 
que  in  familiärer  Ausdrucksweise.  Aber  einmal  könnte  hier 
lediglich  ein  Übergreifen  des  bei  den  sehr  häufigen  Verbindungen 
mit  midi  und  minuit  ganz  natürlichen  que  auf  die  anderen  Fälle 
mit  wirklichem  Zahlwort  vorliegen.  Sodann  dürfte 
in  all  diesen  und  ähnlichen  Fällen  die  Wahl  zv.ischen  que  und  de 
denn  doch  nicht  lediglich  durch  den  Charakter  der  Ausdrucks- 
weise —  familiär  oder  schriftgemäß  —  sondern  auch  durch  die 
Eigenart  des  jedesmaUgen  Gedankens,  den  Sinn,  bedingt  sein. 
Wer  einfach  auf  die  Frage,  wieviel  Uhr  es  sei,  antwortet,  oder 
ohne  eine  solche  Frage,  von  sich  selbst  aus,  die  Zeit  angibt,  dürfte 
doch  wohl  //  est  plus  de  huit  heures,  plus  de  midi  bevorzugen. 
Wer  hingegen  auf  ein  vorausgegangenes  //  est  huit  heures,  il  est 
midi  berichtigend  erklärt,  daß  es  m  e  h  r,  daß  es  später  sei, 
wird  voraussichtlich  in  den  meisten  Fällen  zu  que  greifen,  also: 
//  est  plus  que  huit  heures,  que  midi  sagen.  Mit  anderen  W'orten: 
Bei  plus  de  ruht  der  Nachdruck  der  Aussage  auf  der  Stunden- 


Feder  entflossen  —  darauf  aufmerksam  (s.  Sitzungsher.  d.  Kgl.  Preuß. 
Ac.  d.  Wiss.,  1909,  S.  1147),  daß  sich,  von  echten  Komparativen  abge- 
sehen, ein  solches  ,, vergleichendes"  de  nicht  bloß  nach  kornparativ- 
artigen  Wörtern,  wie  z.  B.  autre  findet,  was  schon  von  Diez  (III  3  400) 
erwähnt  und  mit  Beispielen  belegt  ist,  sondern  auch  nach  Gleich- 
heitsausdrücken  wie  si,  aussi,  tant,  autant,  autel,  z.  B.  Nuls 
s  i  riches  de  lui  ne  vit.  —  Man  könnte  dabei  auch  an  die  von  Haase, 
Franz.  Synt.  des  XVII.  Jahrh.  §  105  (c)  erörterte  Setzung  von  de  im 
Anschluß  an  mime  erinnern,  z.  B.  Langlade  a  pense  mourir  de  la  m  e  m  e 
maladie  d  e  Madame  de  C,  wofür  Meyer-Lübke  a.  a.  O.  auch  je  ein 
italienisches,  portugiesisches  und  spanisches  Beispiel  (hier  mit  egual) 
bietet. 


Syntaktisches.  271 

angäbe,  bei  plus  qiie  auf  plus}^)  Und  damit  wäre  dann  eine 
Möglichkeit  der  Erklärung  des  auffälligen  qiie  gegeben,  diese 
nämlich:  Die  Sprechende  \\\\\  nicht  einfach  sagen  ,, nicht  mehr  als 
eine  Frage",  sondern:  ,,(eine  Frage  noch,  aber  auch)  nicht 
mehr  als  eine".  Bei  dieser  Annahme  ergäbe  sich  für  das  pas 
plus  qu'une  eine  gewisse  Sinnesnuance  (gegenüber  dem  „zu  er- 
wartenden" pas  plus  d'une).  Denn  lediglich  äußerlichen,  for- 
mellen Einfluß  des  plus  que  in  Uhrausgaben  —  mag  es  auch, 
wie  Plattner  behauptet,  in  der  Umgangssprache  das  Häufigere 
sein  —  auf  den  uns  beschäftigenden  Fall  ( .  .une  question  encore 
mais  pas  plus  qu'une,  car. . . )  anzunelimen,  erscheint  mir  darum  ge- 
wagt, weil  hier,  bei  un,  doch  wohl  das  stereotype  plus  d'un,  plus 
d'une  (=  ,,gar  mancher")  ein  ausreichendes  Gegengewicht  ge- 
boten hätte.  Und  dasselbe  Bedenken  wäre  gegen  die  Annahme 
der  Beeinflussung  durch  Fälle  mit  dem  unbestimmten  Artikel 
{c'est  plus  qu'une  faiblesse,  c'est  une  faute),  ja,  auch  durch  den 
vielleicht  noch  am  ehesten  in  Betracht  kommenden  Fall  eines 
,, temporalen"  plus  (z.  B.  plus  qu'une  heure  d'attente  =  ü  n'y  a 
plus  qu'une  heure  d' attcnte  )^^)  geltend  zu  machen. 

Wie  denkt  sich  übrigens  der  Herr  Verfasser  die  Sachlage 
in  diesem  letztgenannten  Falle  ,,oji  plus  est  temporel"  ?  Ich 
kann  mich  nämlich,  wenn  ich  ihn  von  der  Mögliclikeit  eines 
Einflusses  dieser  Ausdrucksweise  auf  die  unsrige  reden  höre, 
des  Verdachts  nicht  erwehren,  daß  er  auch  hier  das  que  in  un- 
mittelbare Verbindung  zu  plus  setzt  und  —  unter  Annahme 
,, temporaler"  Bedeutung  des  plus,  die  ja  keinenfalls  in  Abrede 
gestellt  werden  kann  —  dieses  plus  qu'une  heure  d'attente  als 
, .nicht  länger  denn  eine  Stunde  Wartezeit"  deutet.  Diese  Be- 
fürchtung war  m  i  t  einer  der  Gründe,  die  mich  ein  gewisses 
Bedauern  darüber  aussprechen  ließen,  daß  Verfasser  vielfach 
die  von  ihm  zur  Sprache  gebrachten  Erscheinungen  nur  flüchtig 
gestreift  und  sich  häufig  auch  da  mit  bloßen  Vermutungen  be- 
gnügt hat,  wo  gründliches,  sorgsames  Eingehen  auf  das  eigen- 
artige Wesen  des  Falles  —  wofür  z.  B.  A.  Tobler  in  seinen  Ver- 


^^)  Daß  in  allen  solchen  Fällen  si)rachlicher  Duplizität  Flüchtig- 
keit der  Rede,  mangelnde  Schärfe  des  Sprachgefühls  allmählich  zu  einem 
gewissen  Promiskueverl'ahren  bei  der  großen  Masse  des  Volkes  führt, 
ist  bei  früheren  Anlässen  schon  wiederholt  bemerkt  worden.  (\'gl. 
z.  B.  Bd.  XXXVII,  IL  5/7  dieser  Zcitschr.  S.  259.) 

^-)  Übrigens  könnte  jemand  hier  in  qiiune  heure  ebenfalls  den  un- 
bestimmten Artikel  zu  sehen  geneigt  sein,  wie  er  z.  B.  vorliegt  in: 
II  y  a  une  heure  dans  les  jetcs  niondaines  —  parfois  moins  q  u'u  n  e 
heure,  quelques  niifiutes,  un  instant  —  oii  Icur  caractcre  se  Iransforme 
M.  Prövost,  Pierre  et  Therese  204.  Indes  würde,  wie  hier  weiter  aus- 
geführt werden  wird,  auch  bei  zweifellosem  Zalilwort  z.  B.  dcux  heures, 
trois  heures,  nur  que  möglich  sein.  So  heißt  es  z.  B.  ebenda  204:  //  n'y 
eut  plus  que  quelques  personnes .  .  .  «plus  que  di\r>>  (eile  Ics  conipta)  .  .  . 
«plus  que  qualre'>  und  schließlich  konstatiert  sie:  «plus  qu'une  dame 
affolee>>. 


272  Th.   Kalepkij. 

mischten  Beiträgen  ein  geradezu  klassisches  und  scliwerlich 
je  zu  übertreffendes  Vorbild  gegeben  —  ihn  sei  es  zu  sicheren 
Ergebnissen  geführt  oder,  falls  tatsäclilich  eine  Mehrheit  von 
Möglichkeiten  vorlag,  ihn  instandgesetzt  hätte,  diese  Mehrheit 
genau  zu  umgrenzen  und  die  möglichen  Auffassungen  präzise 
zu  formulieren. 

Um  es  gleich  hier  zu  sagen  —  diese  <<plus  qii'ime  heure>>- 
Konstruktion  scheint  mir  in  der  Tat  den  Schlüssel  zur  Lösung 
des  uns  beschäftigenden  Rätsels  zu  enthalten.  Nicht  freilich 
in  dem  Sinne,  daß  das  äußerliche,  das  räumliche 
Nebeneinander  von  plus  und  qiie  zu  einer  Verbindung  beider  in 
dem  Satze  pas  plus  qu'iine  geführt,  gewissermaßen  auf  unseren 
Fall  ,, abgefärbt"  hätte,  sondern  so,  daß  die  Gedankenbildung, 
die  Konstruktion  in  dem  letzteren  Satze  sich  als  im  Grunde 
gleichartig  mit  der  jenes  plus  ^ae- Ausdrucks  erweisen  lassen  dürfte. 

Eine  genaue  Untersucliung  und  Feststellung  derselben 
ergibt  sich  danach  als  erste  und  dringendste  Aufgabe.  Dabei 
wird  man  dann  erkennen,  daß  in  plus  qu'une  heure  d'attente  das 
que  —  allem  äußeren  Scheine  zu^^'ide^  —  gar  nichts  mit  plus 
zu  tun  hat,  sondern  lediglich  das  Schlußglied  eines  —  nicht 
geäußerten  —  negativen  Anfangsgedankens  einführt,  daß  also 
der  in  Rede  stehende  ,, verkürzte"  Statz  genau  genommen  bedeutet: 
,,mehr  nur  eine  Stunde  Wartezeit." ^^)  Die  in  dem  ,, vervoll- 
ständigten" Ausdruck:  //  n'y  a  plus  qu'une  heure  d'attente  uns 
entgegentretende  Verbindung  ne...  plus  que  führt  übrigens 
schon  Lücking  in  seiner  von  bewundernswürdiger  Denkschärfe 
und  Gründlichkeit,  vor  allem  aber  von  einer  geradezu  erstaun- 
liclien  Systematisierungsgabe  zeugenden  Französischen  Gram- 
matik §  398,  Anm.  6  unter  denjenigen  auf,  in  welchen  ,,«e  . . .  que 
durch  Adverbien  (hier  also  plus)  modifiziert"  ist,  unmittelbar 
vor  dem  — eine  Art  Seitenstück  zu  ihm  bildenden  — encore  queM) 

^^)  Wen  diese  Behauptung  befremden  sollte,  der  sei  daran  er- 
innert, daß  wie  die  , .negativen  Ergänzungswörter"  (personne,  rien, 
aucun,  nul,  pas,  point,  plus,  jamais),  ohne  Verb  gebraucht,  für  sicli  allein, 
(d.  h.  ohne  ne)  vollen  negativen  Sinn  haben,  so  auch  que  ohne  Verb 
(bei  dem  natürlich  ein  ne  stehen  müßte),  für  sich  allein  ,,nur"  heißt, 
z.  B.  Cest  facile  ä  comprendre.  —  Que  trop  !  Scribe,  Le  verre  (Teau  IV,  6. 
Oder:  Dejä!  Non  ,  ce  n'est  que  Frederique  et.  .  .  — Que  qa,  Frederique! 
(,,Nur  das,  F.!  =  ,,Nur  sie  F.!")  Augier  Pierre  de  touche  IV,  4. 
Zwei  weitere  Beispiele  hat  A.  Tobler,  Vertu.  Beitr.  III,  98  (zur  Recht- 
fertigung der  Verwendung  von  ne. .  .  pas  que  im  Sinne  von  ,, nicht 
nur")  gegeben.  Interesse  dürften  auch  Sätze  von  der  Art  des  nach- 
stehenden beanspruchen:  U Autriche  ti'a  qu'une  fenetre  sur  V Adriatique, 
V Allem agne  que  des  cötes  basses,  froides  et  grises.  Bazin,  La  douce 
France  4.  Danach  kann  dann  wohl  auch  ein  völlig  isoliertes  que  (,,nur") 
nichts  Auffälliges  mehr  haben. 

^^)  So  könnten  z.  B.  mit  bezug  auf  ein  kinderreiches  Elternpaar 
die  beiden  Sätze  geäußert  werden:  A  ce  temps  ils  n'avaient  encore 
que  deux  enfants..  und  (nachdem  mehrere  gestorben  sind)  A  present 
ils  n'ont  plus  que   trois  enfants,  wobei  die  Analogie  der  Funktionen 


Syntaktisches.  273 

Dieser  Sachverhalt  nun  (daß  que  unabhängig  von  plus  ist) 
legt,  wie  mir  sclieint,  eine  andere  Auffassung  des  uns  beschäftigen- 
den Satzes  nahe  als  die  von  l.öseth  gegebene  und  als  die  an  einer 
früheren  Stelle  (S.  262)  von  uns  für  mögUch  erklärte,  die  nämüch 
daß  pas  plus  für  sicli  allein  ,, nicht  mehr"  heiße  und  qu'une  dann 
(als  nachdrückUche  Fortführung,  zugleich  als  Ergänzung  zu  dem 
voraufgehenden  une  question  encore)  ,,nur  eine"  bedeute,  also 
eine  Auffassung,  wie  sie  sich  ohne  weiteres  als  selbstverständhch 
darstellen  würde,  wenn  zwischen  pas  plus  und  qu'une  ein  Komma 
stände,  der  Satz  sich  in  d  e  r  Form  darböte:  Allans. . .  une  question 
encore^  mais  pas  plus,  qu'une . . . 

Ich  bin  nun  vollkommen  darauf  gefaßt,  den  Einwand  zu 
hören^^):    ,,Ge\\'iß!     Aber  ebenso   gesichert   ^^•ie   diese    Deutung 

von  encore  und  plus  (als  Modifikationen  von  ne. . .  que)  ohne  weiteres 
in  die  Augen  springt.  —  An  einer  anderen  Stelle  freilich,  wo  er  von 
Negationswörtern  spricht,  geht  der  ausgezeichnete   Grammatiker  zu 
weit,  nämlich  §  397,  Anm.  1,  insofern  er  zu  der  richtigen  Regel:    ,,Die 
durch  ne  negierten  Maßbestimmungen  und  indefiniten  Pronomen  oder 
Adverbien  besitzen,  wenn  dem  Satze  das  Verb  fehlt  und  folglich  auch 
ne  fehlen  muß,    an     sich    einen    n  e  g  a  t  i  ve  n    Sinn"  unrichtiger- 
weise  (mit  bezug   auf  Adverbien)   den   Zusatz   macht:      ,,Auch  plus, 
aber    nur    vor    partitivem    rfe;z.  B.  Plus  de  larmes".     Es 
fällt  nicht  schwer,  Belege  auch  für  anderweitiges  Auftreten  eines  verb- 
losen, negativen  plus  (selbst  wenn  wir  die  plus  ^Me-Fälle  beiseite  lassen) 
beizubringen.       So  mit   dem   ,, unbestimmten"  Artikel:    Plus  un  mot 
lä-dessus,  Augier  und  Sandeau,  Le  gendre  de  M.  Poirier  II,  1.  —  Oder 
ganz  ohne  Artikel:  Plus  trace  de  cette  ferveur  tendre !    M.  Prevost,  Pierre 
et   Therese  151   (wonach   man   auch   wohl   unbedenklich  von  jemand, 
dem  eine  plötzliche  große  Freude  Hunger  und  Durst  vertreibt,  würde 
sagen  dürfen:  Plus  faim  ni  soif .  .  . !)  —  Oder  mit  adverbialer  Bestim- 
mung: («Je  vous  aime<>,  worauf  die  schmerzliche  Erwiderung  der  Ge- 
liebten:) Plus  comme  autrefois !    M.  Tinayre,  La  maison  du  pcche  213.  — 
Bezüglich   des  verblosen   plus  de  sei   noch   darauf   hingewiesen,   daß, 
wenn  auch  «Plus  de  marais,  plus  de  cigognes^y  bei  R.  Bazin,  La  douce 
France  107  im  Munde  des  mißvergnügten   Elsässers    negativen 
Sinn  hat:     ,, Keine  Sümpfe  mehr,  (daher  denn  auch)  keine  Störche 
mehr,  und  nicht:  ,,Je  mehr  Sümpfe,  desto  mehr  Störche",  andrerseits 
das  Plus  de  lumiere,  moins  de  chaleur,  plus  de  chaleur,  moins  de  lumiere, 
in   Coulevain,   Sur  la  branche  224    positiv    aufzufassen  ist:     ,,Je 
mehr  Wärme,  desto  weniger  Licht  usw.",  wie  denn  auch  in  R.  Bazin 
a.  a.  O.  42    Les  anges  sont  cenus.  .  .  et  ce  ne  sont  pas  des  plunies  blanclies 
ou  vermeilles  qu'ils  laissent  en  s'envolant,  mais  des  pensees  nieilleures 
dans  le  cceur  de  ceux  qui  ont  prie,   plus  d  e  f  o  r  c  e  ,    plus  de   t  e  n  - 
d  r  e  s  s  e  ,     plus    cCe  sperance,    trotz    des    fohlenden   ( allerdings 
auf  Grund  des  wais  leicht  zu  ergänzenden  positiven)  Verbs  die  plus- 
Ausdrücke  positiv  aufzufassen  sind.     Ob  danach  nicht  flu'   Goethes 
,,Mehr  Licht"  (außer:   Un  peu  plus  de  j.  oder  Faites  entrer  plus  de  f.) 
mit  bestimmter  Betonung   auch  bloßes  Plus  de  jourl  möglich  wäre? 
'^)  Vielleicht  auch  noch  den  anderen,  daß  beim  Fehlen  eines  sich 
anschließenden    Vergleichsgliedes    nicht    plus,    sondern    dai-antage    zu 
setzen  sei,  wie  merkwürdigerweise  sogar  der  Dict.gcncr.  lehrt:  ^«Davan- 
tage  2  =  plus,   s  a  n  s  c  o  m  p  l  e  ni  e  n  t ,    par  rapport  a  un  ternie  prece- 
demment  enonce».     Und  doch  findet  man  ebensowohl  da^antagc    m  i  t 
que  (z.  B.  Qu^est-ce  qui  i'ieillit  d  a  k'  a  n  t  a  g  >:  q  u  c  les  oui'ragcs  d'histoire. 


271  Th.   Kaleplnj. 

im  Falle  dos  Vorhandenseins  eines  Interpunktionszeichens  vor 
fju'une  ersclieinen  müßte,  ebenso  ausgeschlossen  muß  sie  jetzt, 
bei  dem  tatsächlichen  Fehlen  desselben  gelten."  Icii  will  mich 
nun  gar  nicht  erst  hinter  der  Möglichkeit  eines  Druckverseliens 
verschanzen,  sondern  —  unter  Annahme  korrekter  Wiedergabe 
der  Interpunktion  des  Autors  —  jenem  Einwand  gleich  die  Er- 
klärung entgegenstellen:  Das  Interpunktions verfahren  des  Fran- 
zösischen ist  —  nicht  nur  in  der  Setzung,  sondern  noch  mehr 
in  der  Weglassung  der  Kommata  —  derartig  impulsiv,  von 
bloßer  Empfindung  (statt  von  verstandesmäßigen  Er- 
wägungen) geleitet,  es  bietet  so  viele  Fälle  logisch  unmotivierter 
Setzung  einerseits,  wie  —  durch  abschleifenden  Gebrauch  und 
Schnelligkeit  der  Rede  herbeigeführter  —  ^^'eglassung  der  Kom- 
mata andererseits,  daß  ich  der  Berufung  auf  Interpunktions- 
verhältnisse in  Fragen  sprachlich-logischer  Analyse  nicht  ohne 
weiteres  entscheidende  Kraft  zuerkennen  kann.  Ist  denn  z.  B. 
in  den  (gar  nicht  seltenen)  Sätzen  wie  Lui^  refusait  de  mourir 
Sans  avoir  couche  ä  Rome  Zola,  Rome  131  oder  Lui,  aurait  prefere 
voyager  ä  sa  fantaisie  ebda  169  —  das  Pronomen  liii,  weil  es  durch 
Komma  vom  folgenden  Verb  getrennt  ist,  etwa  weniger 
Subjekt  seines  Satzes  als  in  Lui  etait  ne  au  Palatin  ebda  181, 
wo  ein  solches  (natürlich  ein  gewisses  gegensätzliches  Markieren, 
ein  momentanes  Innehalten  ausdrückendes)  Komma  nicht  gesetzt 
ist  ?  Liegt  etwa  eine  irgendwie  anders  geartete  Beziehung  von 
qiie  zu  rien  vor  als  die  gewöhnliche,  wenn  diese  beiden  ^^'örter 
durch  Komma  getrennt  sind?  Z.  B.  in:  Claude  ne  pouvait  rien, 
(jue  la  suivre.  M.  Tinayre,  La  douceur  de  vü're  76  oder:  Je  ne 
desire  rien,  que  les  choses  qui  ne  s'acheleni  pas.  Zola,  Paris  381. 
Oder:  muß  der  Sachverhalt  in  logischer  Beziehung,  —  denn 
nur  von  dieser,  nicht  von  der  psychologischen,  spreche  ich 
hier  —  in  dem  exakt  interpungierten  En  voilä,  des  ideesl  bei 
G.  Duruy,  Sans  dieu  ni  maitre  80  als  verschiedenartig  von  dem 
in  Richepin,  Cadet  248  (beide  von  A.  Tobler,  Verm.  Beitr.  III 
22  zitiert)  aufgefaßt  werden,  weil  im  letzteren  Falle,  flüchtiger 
Weise  derselbe  Ausruf  (wie  fast  immer!)  ohne  Komma 
hinter  coild  gedruckt  ist  ?  —  Zu  dem  von  A.  Tobler  a.  a.  0.  23 
als  ,, einzigen"  ihm  begegneten  Falle  mit  Komma  aufgeführten 
En  voilä,  une  queslion\  (der  eine  Weiteren t^^dcklung  der  eben 
erwähnten  Konstruktion  darstellt)  habe  ich  mir  Zeitschr.  f.  rom. 
Phil.  XXXIII,  716  noch  vier  andere  beim  Lesen  gefundene  Fälle 
eines  derartigen  Interpunktionsverfahrens  beizubringen  erlaubt, 
und  auch  weiterhin  sind  mir,  wenngleich  die  kommalose  Form 


was  Lücking  S.  398  aus  R.  d.  d.  m.  1878  zitiert)  als  plus  ohne  solches 
z.  B.  Le  Cent  qui  souffle  un  peu  plus,  fait  danser.  .  .  Loti,  Ramuntcho 
255.  —  La  cloche  sonne,  sonne,  emplit  toujours  plus  l'air  de  son 
appel  eb.  252.  —  Peut-on  demander  plus  ä  un  metier?  Bazin,  La 
douce  France  274. 


Syntaktisches.  275 

in  dieser  Ausdrucksweise  bei  weitem  überwiegt,  noch  vereinzelte 
Beispiele  m  i  t  Komma  entgegengetreten,  die  ich  zu  notieren 
mir  nicht  mehr  die  Mühe  genommen.  —  Was  ferner  das  ver- 
gleichende icl  ohne  que  betrifft  (z.  B.  //  sauiillait  tel  un  chien  qui 
fait  le  beau)  so  ist  ebda  XXXIl,  681  gezeigt  worden,  daß  sicli 
solche  Vergleiche  teils  dem  Satzganzen  organisch  einverleiben, 
d.  h,  ohne  jedes  trennende  Interpunktszeichen  vorfinden  (wie  in 
dem  eben  angeführten  Beispiel),  teils  aber  durch  Kommata,  ja 
teils  sogar  durch  Gedankenstriche  von  dem  Reste  der  Aussage 
abgesondert  sind.  Auf  eine  Reihe  analoger  Fälle,  wie  sie  il  y  a 
mit  Zeitraumangabe,  piega^  naguere,  peiU-etre,  on  ne  peut  plus 
(in  Verbindung  mit  Adjektiven  oder  Adverbien  z.  B.  il  est  on  ne 
peut  plus  malheureux)  und  andere  mehr  darbieten,  ist  an  der 
genannten  Stelle  der  Zeitschr.  f.  rom.  Phil,  hingewesen  worden, 
so  daß  ich  mir  hier  ein  näheres  P^ingehen  darauf  ersparen  und  bereits 
auf  Grund  der  eben  gemachten  Ausführungen  die  oben  getane 
Behauptung  bezüglich  der  Un  Zuverlässigkeit  der  Interpunktion 
als  eines  Kriteriums  für  das  logische  Verhältnis  der  Bestandteile 
eines  Satzes  als  er\\-iesen  ansehen  kann.  Doch  ist  die  Beanstan- 
dung jenes  Interpunktionseinwandes  selbstverständlich  nur  in 
dem  Sinne  gemeint,  daß  dem  Fehlen  des  Kommas  ZN\'ischen 
pas  plus  und  qu'une  z\\-ingende  Beweiskraft  für  die  Unmittel- 
barkeit des  Zusammenhanges  der  beiden  Ausdrücke  abgesprochen 
wird,  so  daß  daraus  also  nur  die  Zulässigkeit  der  Auffassung 
derselben  als  zweier  von  einander  unabhängiger,  geN^ssermaßen 
koordinierter  Bestandteile  der  Rede  —  namentlich  bei  lebhaftem 
Sprechen  —  hergeleitet  wird,  einer  Auffassung,  die  das  Anspre- 
chende hat,  daß  bei  ihr  jede  Anomalie  in  dem  Vergleichungs- 
verfahren noch  plus  in  Wegfall  käme.  Sie  als  die  zweifellos 
richtige,  oder  gar  als  die  allein  richtige  hinzustellen,  liegt 
mir  durchaus  fern.  Ich  werde  sie  gern  und  ohne  Säumen  aufgeben, 
falls  es  Herrn  Löseth  gelingt,  durch  eine  ausreichende 
Zahl  von  einwandfreien  Beispielen  die  von  ihm,  \\ie 
mir  scheint,  allzurasch  aufgestellte  Behauptung  zu  erhärten, 
daß  da,  wo  es  sich  in  Vergleichungcn  mittels  plus  (und  moins) 
lediglich  um  numerische  Aufstellungen  handelt,  die  familiäre 
Sprache  —  auch  außerlialb  der  Zeit-,  d.  h.  der  Uhrangaben  — 
statt  zu  dem  üblichen  de  zu  que  greift. 

Schließlich  bietet  sich  aber  für  diejenigen,  die  sich  mit  keiner 
der  beiden  bisher  erörterten  Möglichkeiten  zu  befreunden  ver- 
mögen, und  wiederum  auch  Bedenken  tragen,  mit  H.  Löseth, 
eine  einfache  Vertauschung  von  de  und  que  infolge  von  Analogie- 
einflüssen anzunehmen,  noch  eine  dritte  Möglichkeit.  Bekannt- 
lich zeigt,  wie  im  XVII.  Jahrhundert  sogar  die  klassische  Sprache 
(vgl.  Haase  S.  164,)  heute  noch  die  Volksspraclie,  ja  wohl  auch 
die  familiäre,  gelegentlich  Neigung,  pas  bezw.  point  auch  da  zu 
setzen,  wo  die  gute  Sprache  sie  heute  ausschließt  und  zwar  nicht 


276  Th.  Kalepky. 

nur  —  in  vollständigen  Sätzen  —  zu  einem  anderen  negativen 
Bestimmungs-  oder  Verstärkungswort,  z.  B.  A  quoi  pensez-vous, 
Tom?  —  /ie/i,  que  ce  n'esL  pointguire  la  place  ici  cl'un 
jeune  homme  comme  vous,  Lavedau,  Le  hon  temps  166,  oder  Quoi- 
(ju'elle  ne  connüt  pas  les  veritables  besoins  de  son  organisme  delraque 
et  n'eut  pas  su  dire  d'a  u  cun  homme  qu'il  repondait  ä  son 
ideal,  eile  avait....  Frapie,  Marcelin  Gayard  280  (vielleicht 
wogen  des  voraufgegangenen  ne...  pas)  — sondern  aucli  in  un- 
vollständigen Sätzen,  sogar  in  solchen,  wo  beim  Vorhandensein 
eines  Verbums  zwar  ein  ne  aber  kein  pas  oder  point  stehen  dürfte. 
Siede  führt  z.  B.  in  seiner  bekannten  Dissertation  ,, Syntaktische 
Eigentümlichkeiten  der  Umgangssprache  weniger  gebildeter 
Pariser"  (Berlin  1895)  S.  60  (aus  Henri  Monnier)  an:  Et  toi  aussi. . . 
tu  m'amusais  mieiix  dans  ce  temps  —  Id,  que  n  o  n  pas  ä  present . . 
So  bliebe  dann  —  unter  der  Voraussetzung  allerdings,  daß  die 
Sprechweise  jener  ,,Diseuse  de  bonne  aventure"  auf  einem  niedri- 
geren Sprachniveau  als  dem  der  Gebildeten  steht,  noch  als  letzte, 
die  Möglichkeit,  in  dem  pas  vor  plus  qu'une  eine  volkstümliche, 
dem  Verfahren  der  guten  Sprache  zuwiderlaufende  Verstärkung, 
eine  Art  Ersatz  für  das  infolge  mangelnden  Verbs  unmögliche, 
in  vollständigen  Sätzen  jedoch  den  üblichen  Vorläufer  von  que 
(,,nur")  bildende  ne  zu  sehen  —  eine  Auffassung,  die  ich  hier 
abernur  erwähnen  will,  um  die  Reihe  der  sich  darbietende  Mög- 
lichkeiten zu  vervollständigen,  und  die  ich  mir  nicht  eher  zu 
eigen  machen  möchte,  als  bis  weitere  zuverlässige  Belege  für  ein 
derartiges  pleonastisches  pas  vor  plus  que  (,,nur  noch")  nach- 
gewiesen worden  wären. 

(Fortsetzung  folgt.) 

S  c  h  1  a  c  h  t  e  n  s  e  e  bei  Berlin.  Th.  Kalepky. 


Zeitschrift     ' '  ^ 


für 


französisclie  Sprache  unl  litteratur 


begründet  von 


Dr.  G.  Koerting         und       Dr.  E.  Koschwitz 

Professor  a.  d.  Universität  z.  Kiel  weil.  Professor  a.  d.  üniver».  z.  Königsberg  i.  Pr. 


herausgegeben 


von 


Dr.  D.  Behrens, 

Professor  an  der  Universität  zu  Giessen.         ,  . 

Band  XXXIX.  >^•f> 

Referate  und  Rezensionen. 


Chemnitz  und  Leipzig. 

Vorlag    von    \\'  i  1  h  e  1  m    G  r  o  n  a  u. 
1912. 


INHALT. 


Referate  und  Rezensionen,  seite 

Barth  s.  Lai  du  Conseil 184 

Baudissin  s.  Moliere. 

Belletristik,  neuere  (M  a  r  t  i  n   S  c  h  i  a  n) 89,  224 

Becker,   Ph.  Aug.,  s.  Moliere. 

Berret,  P.     Le  Moyen  äge  dans  la  Legende  des  Siecles  et  les 

sources  de  Victor  Hugo  (M.  Rössler) 213 

Bonnet,    J.      CEuvres  inconnues   de    Jean   Racine   (Georges 

Doutrepont) 204 

Bueve  de  Hantone,   Der  -festländische,  Fassung  I,  lirsgb.  von  A. 

Stimming  (E.  B  r  u  g  g  e  r)      155 

Castedeüo,  W.     Die  Prosafassung  der  Bataiile  Loquifer  und  des 

Moniage  Renouart  (P  h.  A  u  g.  B  e  c  k  e  r) 188 

Chateaubriand,  Correspondance  generale  de,  p.  p.  Louis  Tliomas 

(D.  B  ehr  ens) 81 

Chatenet,  H .  E.    Le  roman  et  les  romans  d'uae  feninie  de  lettres 

au  dix-septieme  siecle.     Mme  de  Villedieu  (Walther 

Küchler) 204 

Crisci,  A.     Essai  sur  Louis  XIV  et  les  ecrivains  de  son  siecle 

(Wal  ther   Suchier) 197 

Des  Oranges,  Ch.-M.     Histoire  de  la  litterature  Iran^aise  (W  a  1  - 

therKüchler) 153 

Destree,   J.     Les   Arts   anciens   du   Hainaut    (L  u  c  i  e  n  -  P  a  u  1 

Thomas) 220 

Diehl  s.  Inschriften. 

Effer,  H.     Beiträge  zur  Geschichte  der  französischen  Literatur 

in  Belgien  (L  u  c  i  e  n  -  P  a  u  1  T  h  o  m  a  s) 214 

U  Enfant  sage  hrsgb.  von  Walther  Suchier  (Jean  Ach  er)  .  14 
Faguet,  E.  Rousseau  contre  Moliere  (P  h.  A  u  g.  B  e  c  k  e  r)  .  .  207 
Fort,  P.  L'aventure  eternelle  (L  u  c  i  e  n  -  P  a  u  1  Thomas)  229 
Haas,  J.  Frankreich,  Land  und  Staat  (G.  R  o  1  o  f  f)  .  .  .  .  224 
Hartmann,  H.     Die  literarische  Satire  bei   Molieie  (H  ei  n  r  i  c  h 

Schneegans) 59 

Hilka  s.   Petrus  Alfonsi  imtl   Sammlung  mittellateinischer   Texte. 
Inschriften,  vulgärlateinische,  hrsgb.  von  Ernst  Diehl  ( K.  Meiste  r)     140 
Lai  du  Conseil  hrsgb.  von  A.   Barth   (W  a  1  l  li  e  r  S  u  c  h  i  e  r)     184 
Lees,  ./.     The  Anacreontic  poetry  of  Gerniany  in  the  eighteenth 

Century,  its  relation   to  French  and  classical   poetrv  (W. 

Martini) "...      205 

Lehrbücher,  neue,  der  fi'anzösisciien  Sprache  (Au  g  u  .>>  t  S  t  u  r  m  - 

fels) 98 

Lektüre,     franzosische,     in      neuen      Schulausgaben     (A  u  g  u  s  f 

S  t  u  r  m  fe  1  s) 93 

Lescoeur,  Ch.     La  division  et   rorganisalion  du  tciiitoiro  i'rancais 

(G.   Rolo  f  f) 224 

Liebrecht,  H.     Histoiro  de  la  litterature  lielge  (rox|iii'ssi(in  Ii;mi- 

Qaise  (L  u  c  i  e  n  -  P  a  u  1  T  h  0  m  a  s) 214 

Longnon,  H.  ■  Pierre  de  Ronsard.    Essai  de  biograpiiie  (11  u  g  u  e  s 

V  a  g  a  n  a  y) 44 

Magne,  ßmile.    Voiture  et  les  oiigincs  de  riloti>l  de  IxainlHiuillet 

(J  ose  f  Fr  a  nk) 50 


Seite 
Marichal,    J.    ./.      Die    Mundart    von    Gueuzaine-Weismes    (P. 

M  a  r  c  h  0  t) 144 

Melotte,    P.      Essai    sur    le    theätre    l'utur    (Lucien-Paul 

Thomas) 222 

Meyer-Lübkc,    W.     Romanisch-etymologisciies   Wörterbuch    (D. 

Behrens) 81 

Molieres  sämtliche  Werke,  übersetzt  von  Wolf,  Grafen  ßaudissin, 

hrsgb.  von  Ph.  Aug.  Becker  (H.  Schneegans).    .    .      198 
Mulomedicina  Chironis,  Proben  aus  der,  hrsgb.  von  Max  Nieder- 

mann  (H  a  n  s   IVl  e  d  e  r  t) 142 

Niedermann  s.  Mulomedicina. 

Die   Noblessen   i>on   Bretagne   hrsgb.   von    H.    L.    Zeller    (Jean 

Ac  h  e  r) 16 

Northup,  Cl.  S.    The  present  bibliographical  Status  of  modern 

philology  (P.  H  ögb  er  g) 133 

Oulmont,  Ch.     Les  debats  du  Clerc  et  du  Chevalier  dans  la  litt. 

poetique  du  moyen  age  (K  a  r  1  V  o  s  s  1  e  r) 16 

—  —  La  poesie  morale,  politique  et  dramatique  ä  la  veille  de  la 

Renaissance  (P  h.  A  u  g.  B  e  c  k  e  r) 189 

Petrus  Älfonsi.   Disciplina  Clericalis  hrsgb.  von  Aliens  Hilka  und 

Werner  Söderhjelm  (F  r  i  e  d  r  i  c  h  P  f  i  s  t  e  r)      ....  1 

Price,  W.  R.     The  symbolism  of  Voltaire's  novels  with  special 

reference  to  Zadig  (P.  T  o  !  d  o) 208 

Racine  s.   Ronnet. 

Remppis,   W.     Die  Vorstellungen  von   Deutschland   im  altfran- 
zösischen   Heldenepos    und    Roman    und    ihre     Quellen 

(Fri  tz   Ker  n) 5 

Rochette,  Aug.    L'Alexandrin  chez  Victor  Hugo  (H.  H  e  i  s  s)  .    .        71 
Sammlung    m.ittellateinischer     Texte    hrsgb.     von    Alfons     Hilka 

(Friedrich   Pfister) 1 

Scherping,  W.    Die  Prosafassung  des  ,,Aimeri  de  Narbonne"  und 

der  ,,Narbonnais"  (P  h.  A  u  g.  B  e  c  k  e  r) 188 

Söderhjelm  s.   Petrus  Älfonsi. 

Stimming  s.   Bueve. 

Strohmeyer,  Fritz.   Französische  Stilistik  [(T  h  e  o  d  o  r  K  a  1  e  p  k  y )     100 

Suchier,   Walther  s.  Enfant  sage. 

Thomas,  Louis  s.  Chateaubriand. 

Toldo,    P.     L'oeuvre   de   Moliere   et  sa   fortune   en    Italie    (H. 

Schneegans) 59 

Vogel,  E.    Taschenwörterbuch  der  katalanischen  und  deutschen 

Sprache  (FritzKrüger) 88 

Wechssler,  E.     Moliere  als  Philosoph  (Heinrich   Schnee- 
gans)             59 

Westerhlad,  C.  A.     Baro  et  ses  derives  dans  les  langues  romanes 

(E  1  i  s  e  R  i  c  h  t  e  r) 86 

Zeller,  H.  L.  s.  Noblessen   von   Bretagne. 

Zettl,  J.     Aucassin  und  Nicolette  in  Deutschland  (Wolfram 

Suchier) 7 

MiSZELLEN. 

Cohn,  G.    Nachtrag  zu  Zschr.  XXXIXS  71  ff 233 

Kalepky,   Th.    ,, Kommentar  überflüssig"?? .  234 

Lion,  C.  Th.     Zu  Racines  Britanniens  Vers  208  (I,  2,  80)  .    .    .  233 

Spitzer,  L.  und   Th.  Kalepky.     Zu  französisch  lä 107 

Stenhagen,  A.     Ein  analogisches  Imperfekt  des  Konjunktivs  .    .  109 
Vaganay,  H.     Le  premier  et  les  derniers  sonnets  imprimes  de 

Philippe  Des  Portes 230 

Novitätenverzeichnisse 110,  238 


Eeferate  und  Rezensionen. 


Petri  Alfonsi  Disciplina  Clericalis  von  A  1  f  o  n  s    H  i  1  k  a 

und  Werner  S  ö  d  e  r  h  j  e  1  m.  I.  Lateinischer  Text. 
Acta  Societatis  scientiarum  Fennicae  tom.  XXXVIII  No.  4. 
Helsingfors  1911.  Druckerei  der  Finnischen  Literatur- 
gesellschaft.    XXXVII  und  78  S. 

Nammlnng:  mitlellateinisclier  Texte  herausgegeben 
von     Alfons      H  i  1  k  a.         Heft    I:        Die     Disciplina 
Clericalis  des  Petrus  Alfonsi  (das  älteste  Novellenbuch  des 
Mittelalters)   nach   allen  bekannten   Handschriften    heraus- 
gegeben von  Alfons   H  i  1  k  a  und  Werner   Söder- 
hjelm    (Kleine  Ausgabe)  Heidelberg  1911.     Carl  Winters 
Universitätsbuchhandlung.      XV   und    50    S.    —   Heft    II: 
Exempla  aus  Handschriften  des  Mittelalters    herausgegeben 
von   Joseph  Klapper.     Ebenda  1911.     X  und  87  S. 
Das   Jahr  1911  ist  für  die  mittellateinische  Philologie 
von  einer   gewissen   Bedeutung  gewesen.     Einmal  schenkte   es 
uns  den  ersten  Band  der  Geschichte  der  lateinischen  Literatur  des 
Mittelalters   von   M.   M  a  n  i  t  i  u  s  ,     ein  Werk,    das    zwar   nicht 
den  nahehegenden  Vergleich  mit  dem  entsprechenden  Standard- 
werk  der    Schwesterwissenschaft,   mit   Krumbachers   monumen- 
taler Leistung  aushält,  das  aber  gleichwohl  schon  jetzt  sich  unent- 
behrUch  gemacht  hat.     Dann  erschien  der  zweite  Band  der  von 
Fr.   Boll,   G.  Lehmann  und  Fr.   Skutsch  herausgegebenen    Vor- 
lesungen und  Abhandlungen  T  r  a  u  b  e's  ,    der  die  Einleitung  in 
die  lateinische  Philologie  des  Mittelalters  enthält.    Dazu  kommen 
zwei  wichtige  Serienpublikationen,  einmal  das  von  F  r  i  e  d  r  i  c  h 
Wilhelm    herausgegebi^ne  Münchener  Museum  für  Philologie 
des  Mittelalters  und  der  Renaissance,  eine  Zeitschrift,  die  von  der 
unsrigen    aufs    liei-ziicliste    willkommen    geheißen    werden    muß, 
dann    die    im    folgenden    anzuzeigende,    von    Alfons    Hilka 
herausgegebene     Sanimlung     miitcllateinischer     Texte,     von     der 
jetzt  zwei  Hefte  vorliegen.    Daß  sich  der  Verlag  von  C.  W  i  n  t  e  r 
in    Heidelberg  entschlossen   hat,   diese    Sammlung,   ein    Gegen- 
stück  zu   der  bereits   gut  eingeführten,   im   gleichen  Verlag  er- 
Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXI XV*.  1 


2  Referate  und  Rezensionen.     Friedrich  Pfister. 

scheinenden  Sammlung  vulgärlateinischer  Texte,  herauszubringen, 
ist  nicht  warm  genug  zu  begrüßen,  zumal  wenn  man  weiß,  wie 
schv\ierig  es  oft  ist,  für  Arbeiten  auf  dem  Gebiet  der  mittellatei- 
nischen (ebenso  wie  besonders  früher  auf  dem  der  byzantinischen) 
Philologie  einen  Verleger  zu  finden. 

Die  neue  Sammlung  will  ,,  wichtige  res  Material  zur  Kenntnis 
der  mittellateinischen  Sprache  und  Literatur,  in  erster  Linie 
für  die  Zwecke  literargeschichtlicher  Untersuchungen  die  Denk- 
mäler erzählender  Art,  die  teils  in  schwer  zugängliclien  oder 
noch  nicht  streng  kritisch  bearbeiteten  Drucken  vorhegen,  teils 
erst  noch  aus  den  Handschriften  unserer  Bibliotheken  heraus- 
gezogen werden  müssen,  in  handlichen  und  billigen  Ausgaben 
weiteren  Kreisen  zugänglich  machen.  Sie  will  insbesondere 
als  Grundlage  für  entsprechende  Seminarübungen  den  Roma- 
nisten, Germanisten  wie  Latinisten  dienen.  . . .  Zum  Abdruck 
gelangen  die  für  die  vergleichende  Literarwissenschaft  wichtigsten 
Werke,  möglichst  vollständig  und  unter  Wahrung  der  Graphic 
einer  bestimmten  Handschrift,  deren  mittelalterlicher  Charakter 
nicht  verwischt  werden  soll,  daneben  auch  Auszüge  und  Samm- 
lungen aus  solchen  Literaturdenkmälern,  die  für  die  Kenntnis 
des  Mittellateins  besondere  Bedeutung  haben.  Eine  knappe 
literarhistorische  Einleitung  nebst  Literaturangaben  gibt  Aus- 
kunft über  die  Bedeutung  und  Stellung  des  neu  herausgegebenen 
Textes,  Die  Bändchen  —  im  Umfang  von  ca.  5  Bogen,  aber  auch 
Doppelhefte  werden  nicht  ausgeschlossen  sein  —  werden  in 
zwangloser  Folge  erscheinen  und  einzeln  käuflich  sein."  So 
der  Prospekt. 

Gleich  das  erste  Heft  bringt  ein  für  die  vergleichende  Litera- 
turgeschichte sowohl  wie  speziell  für  die  mittellateinische  Philo- 
logie äußerst  wichtiges  Werk,  die  Disciplina  clericalis  des  Petrus 
Alfonsi,  zwar  keine  Editio  princeps,  aber  die  erste  kritische 
Ausgabe  des  Textes.  Die  kleine  handliche  Ausgabe  beruht  auf 
der  gleichzeitig  erschienenen  großen  Ausgabe  der  Disciphna 
von  Hilka  und  Söderhjelm,  die  zunächst  im  folgenden  zu  be- 
sprechen ist. 

Weitaus  das  meiste,  was  an  klassisch-antiken  und  orien- 
talischen historischen  wie  sagenhaften  Erzählungsstoffen  dem 
abendländischen  Mittelalter  weitergegeben  wurde,  hat  den  direkten 
Weg  der  Überheferung  durch  die  lateinische  Sprache,  meist 
über  und  aus  Italien,  genommen.  Zu  diesen  primären  Quellen 
antiker  Tradition  treten,  zwar  im  Vergleich  zu  diesen  von  viel 
geringerer  Bedeutung,  aber  absolut  betrachtet  doch  von  großer 
Wichtigkeit,  einige  sekundäre  Vermittler  antiker  und  orien- 
taUscher  Überlieferung,  unter  denen  naturgemäß  die  orien- 
talischer Sprachen  kundigen  Juden  eine  besondere  Rolle  spielen. 
Und  das  Land,  welches  als  Durchgangsgebiet  hier  vor  allem  in 
Betracht  kommt,  ist  Spanien,  wo  ja  orientalischer,  speziell  ara- 


Sammlung  mittelalterlicher  Texte.  3 

bischer  Einfluß  vor  allem  wirksam  war.  Eines  der  berühmtesten 
und  wichtigsten  Werke  dieser  Art  ist  die  Disciplina  clericalis 
des  spanischen  Juden  und  späteren  Christen  Petrus  Alfonsi, 
die,  auf  arabischen  Quellen  beruhend  und  zu  Anfang  des  12.  Jahr- 
hunderts verfaßt,  in  der  Folgezeit  vielfach  weiter  bearbeitet, 
excerpiert  und  in  viele  Sprachen  übersetzt  wurde. 

Die  beiden  bisher  vorhandenen  Ausgaben  dieses  Werkes, 
die  von  Labouderie  (resp.  Meon)  vom  Jahre  1824,  welche  dann 
Migne  abgedruckt  hat,  und  die  durch  ihre  Anmerkungen  aus- 
gezeichnete von  Valentin  Schmidt  (1827)  können  keinen  An- 
spruch auf  textkritische  Genauigkeit  erheben.  Hier  setzen 
nun  die  beiden  neuen  Herausgeber  ein,  indem  sie  in  gemein- 
samer mühevoller  Arbeit  63  Handschriften  zusammenbrachten 
(Spanien  1,  Holland  1,  Schweden  1,  Schweiz  2,  Belgien  4,  Italien  5, 
Österreich  6,  Frankreich  13,  England  14,  Deutschland  16).  Drei 
davon  stammen  mit  Sicherheit  noch  aus  dem  12.  Jahrhundert; 
doch  geben  von  diesen  nur  zwei  einen  vollständigen  Text,  von 
denen  der  eine  wiederum  einer  jüngeren  Rezension  angehört, 
der  andere  aber  verschiedener  Fehler  halber  nicht  einwandsfrei 
ist.  Denn  zunächst  war  zu  konstatieren,  daß  nur  ein  Teil  der  Hand- 
schriften, nämlich  48,  den  Text  vollständig  bot,  während  die 
anderen,  15,  sämtUch  den  Prolog  wegließen;  ferner  geben  aus  der 
letztern  Gruppe  10  Handschriften  nur  die  Geschichten  wieder 
und  eine  lediglich  die  Sentenzen.  Gleichwohl  kann  natürlich 
eine  unvollständige  Handschrift  im  Einzelfall  einen  besseren 
Text  geben  wie  eine  vollständige.  Daher  w-ar  für  die  Text- 
kritik die  Unterscheidung  einer  älteren  und  einer  jüngeren  Rezen- 
sion nötig,  eine  Sciieidung  zweier  Rezensionen,  die  sich  schon 
im  12.  Jahrhundert  vollzogen  hat.  Zu  jener  älteren  Rezension, 
welche  einen  vollständigen  Text  geben,  gehören  36  Hss.  Von 
diesen  wird  nun  eine  (Oxford,  Corp.  Chr.  Coli.  86)  aus  dem  Anfang 
des  14.  Jahrhunderts  der  Ausgabe  zugrunde  gelegt  und  im  Apparat 
eine  Auswahl  von  Varianlen  mitgeteilt. 

Die  Berechtigung,  daß  gerade  auf  diese  bestimmte  Hs.  die 
Wahl  fiel,  kann  man  aus  den  darüber  gemachten  Angaben  nicht 
mit  ganz  zwingender  Sicherheit  ersehen.  Vielmehr  scheinen,  soweit 
man  ohne  Ein-^iclit  in  die  Hss.  selbst  urteilen  kiinn,  von  den 
36  dafür  in  Betracht  kommenden  Hss.  außer  der  genannten  noch 
eine  oder  die  andere  gleichfalls  als  Grundlage  erwägenswert 
zu  sein.  Es  drängt  sich  die  Ansicht  auf,  ob  nicht  etwa  von  den 
7  oder  8  besten  Hss.  (etwa  Bo,  Bx^  Corp,  Cpt,  M^  T,  U,  dazu 
wegen  ihres  Alters  D)  sämtliche,  d.  h.  die  wesentlichen  Varianten 
mitzuteilen  waren,  von  allen  andern  aber  nur  das  alliMwidiligsle. 
Hätte  auf  diese  Weise  nicht  der  Apparat  entlastet  werden  können  ? 
Man  würde  nicht  ungern  manclie  iler  jt^tzt  mitgeleilten  N'arianten 
missen,  und  ein  festes  Prinzip  in  der  angegebenen  Weise  wäre 
m.  E.  vorzuziehen  gewesen.     Denn  der  S.  XXW'II  angegebene 

1* 


4  Referate  und  Rezensionen.     Friedrich  Pjister. 

Grundsalz:  „Wir  haben  uns  darauf  beschränkt,  eine  Auswahl 
von  wichtigeren  Lesungen  der  bedeutenderen  Hss.  mitzuteilen. 
Freilich  wird  auch  da  stets  der  individuelle  Geschmack  eines 
jeden  Herausgebers  verschieden  verfahren,  aber  wir  sind  doch 
überzeugt,  daß  das  im  Variantenapparat  gebotene,  verglichen 
mit  dem,  was  wir  über  die  einzelnen  Hss.  in  der  Einleitung  gesagt 
haben,  eine  gute  Vorstellung  von  der  handschriftlichen  Fort- 
gestaltung unseres  Werkes  geben  wird."  scheint  mir  nicht 
scharf  und  bestimmt  genug  zu  sein,  wenn  nach  ihm  auch  ein 
genügender  Einblick  in  die  weitere  Fortgestaltung  des  Textes 
durch  die  Abschreiber  gewiß  gewährt  wird.  Aber  für  den  die 
Richtigkeit  des  Textes  selbst  nachprüfenden  Kritiker  geben 
gerade  diese  Varianten  nicht  viel  aus,  während  ein  zuverlässig  alle 
Varianten  der  wichtigsten  Hss.  bietender  vVpparat  eben  doch  die 
Möglichkeit  für  spätere  Textkritik  zuläßt:  Diese  aber  wirklich 
fruchtbar  und  sicher  zu  betätigen  ist  bei  dieser  Anlage  des  Appa- 
rates sehr  erschwert,  da  man  nie  gewiß  weiß,  ob  alle  wesentlichen 
Zeugen  für  eine  bestimmte  Stelle  im  Apparat  zu  Wort  gekommen 
sind.  Denn  der  Schluß  ex  silentio,  daß  die  im  Apparat  für  eine 
Variante  nicht  genannten  wichtigen  Hss.  die  im  Texte  stehende 
Lesart  bieten,  wie  man  erwarten  sollte,  darf  hier,  wie  man  aus 
bestimmten  Anzeigen  mit  Gewißheit  sehen  kann,  nicht  gemacht 
werden.  Mit  andern  Worten:  Der  Apparat  müßte  es  ermög- 
lichen, den  Text  der  allerwichtigsten  Hss.  im  Großen  und  Ganzen 
zu  rekonstruieren. 

Gleichwohl  ist  diese  prinzipielle  Beanstandung  des  Apparates, 
die  ich  nicht  unterdrücken  konnte,  dem  Texte  selbst  gegenüber 
nicht  von  zu  großer  Bedeutung.  Denn  dieser  ist,  und  das  ist  die 
Hauptsache,  durchaus  befriedigend,  da  die  Herausgeber  der 
Methode  der  älteren  Philologie  gefolgt  sind  und,  w^as  bei  derartigen 
Texten,  wo  die  Handschriften  so  sehr  voneinander  abw^eichen, 
das  richtige  ist,  eine  einzige  Handschrift  zugrunde  gelegt  haben. 
Nur  hätte  mit  einem  Wort  gesagt  sein  sollen,  warum  es  in  der 
kleinen  Ausgabe  eine  andere  Handschrift  wie  in  der  großen  ist. 
Gewiß  hat  dies  Verfahren  für  Seminarübungen,  für  die  ja  die 
kleine  Ausgabe  bestimmt  ist,  einen  großen  Wert  und  ist  auch 
für  den  nachprüfenden  Kritiker  von  Vorteil.  Doch  ergibt  sich 
bei  einem  Vergleich  des  Apparates  der  großen  Ausgabe  mit  dem 
Text  der  kleinen,  daß  der  Text  dieser  letzteren  von  der  ihr  zu- 
grunde gelegten  Handschrift  abweicht,  ohne  daß  dies  im  Apparat 
der  kleinen  Ausgabe  vermerkt  ist.  Dies  hätte  wohl  vermieden 
werden  sollen. 

Nach  der  Besprechung  der  einzelnen  Handschriften  steuert 
H  i  1  k  a  einen  knappen,  aber  das  Wesentliche  zusammenfassenden 
und  sehr  dankenswerten  Abschnitt  über  die  Sprache  und  den 
Stil  des  Petrus  Alfonsi  bei,  den  er  durch  ein  Glossar  ergänzt. 
Als  Anhang  der  großen  Ausgabe  wird  noch  eine  Reihe  von  Text- 


Remppis,  W,     Die   Vorstellungen  von    Deutschland  etc.       5 

stücken  gegeben,  welche  in  einzelnen  Handschriften  in  abwei- 
chender Form  überliefert  sind.  —  Der  zweite  Teil  der  großen 
Ausgabe  soll  den  französischen  Prosatext  bringen,  der  dritte  eine 
kritische  Ausgabe  der  beiden  französischen  Versbearbeitungen 
und  der  vierte  schließlich  eine  Untersuchung  über  die  literar- 
historische Bedeutung  der  Disciplina.  —  Über  die  kleine  Ausgabe 
ist  bereits  das  Nötige  gesagt.  Sie  enthält  außer  dem  Text  mit 
ganz  knappem  kritischem  Apparat  eine  über  die  Bedeutung  der 
Disciplina  gut  und  kurz  orientierende  Einleitung.  —  Ich  kann 
diesen  Bericht  nicht  schheßen,  ohne  den  Herausgebern  für  die 
große  Mühe,  mit  der  sie  das  weitzerstreute  und  umfangreiche 
handschriftliche  Material  gesammelt  haben,  zu  danken.  Möge 
ihr  Prinzip,  auch  mittellateinische  Texte  nicht  nur  nach  einer 
oder  zwei  Handschriften  abzudrucken,  weiteste  Verbreitung 
und  Nachahmung  finden! 

Nun  noch  ein  Wort  zu  dem  2.  Heft  der  Hilkaschen  Samm- 
lung, den  von  Joseph  Klapper  herausgegebenen  Exempla. 
Klapper  sammelt  aus  31  jetzt  in  Breslau  befindUchen  Hand- 
schriften, die  aus  der  Zeit  vom  Ende  des  12.  bis  zum  Ende  des 
15.  Jahrhunderts  stammen,  115  Exempla,  die  nacli  der  Schrei- 
bung der  betr.  Handschrift  zum  Abdruck  gelangen.  Dabei  nahm 
er  nur  solche  Stücke  auf,  die  in  den  Handsclu-iften  entweder 
ohne  Quellenangabe  stehen,  oder  deren  Quellen  uns  nicht  mehr 
bekannt  sind.  Damit  ist  ein  erfreulicher  Anfang  gemacht,  die 
in  zahllosen  Handschriften  zerstreuten  mittelalterlichen  Predigt- 
beispiele systematisch  zu  sammeln  und  zu  edieren,  eine  Arbeit, 
die  für  den  Folkloristen  wie  für  den  Literar-  und  Kulturliistoriker 
von  außerordentlichem  Werte  ist.  Denn  diese  Einzel  beispiele 
haben  dasselbe  Anrecht  auf  Beachtung,  wie  die  bereits  in  mittel- 
alterlichen Sammlungen  etwa  den  Gesta  Romanorum,  ver- 
einigten. Die  im  Vorwort  von  Klapper  ausgesprochenen  Gedanken 
verdienen  volle  Bohorzigung;  so  wenn  er  sagt:  ,,Fast  jede  größere 
Bibliothek  enthält  ja  Predigthandschriften  zu  Hunderten,  die 
solche  Exempclstoffe  bergen.  Und  jeder  einzelne  Kodex  ist 
daraufhin  zu  prüfen."  Im  Anhang  gibt  Klapper  eine  Reihe 
von  Nacliweisen  zu  den  einzelnen  Stücken:  Auch  hieraus  geht 
hervor,  wie  viel  auf  diesem  Gebiet  noch  zu  tun  ist.  Für  diese 
Pionierarbeit  hat  Klapper  den  wärmsten  Dank  verdient.  Es  ist 
zu  hoffen,  daß  er  in  doppelter  Beziehung  —  in  Sammlung  und 
Bearbeitung  des  Materials  —  viele  Nachfolger  findet. 

Heidelberg.  Friedrich  Pfister. 


IteinppiN,  W.  Die  VorsLclhuigen  i-oii  Deutschland  im  all- 
französischen Heldenepos  und  Roman  und  ihre  Quellen.  (34. 
Beilieft  zur  Zeilschr.  für  Roman.  Philol.  Halle,  Niemeyer, 
1911.     XVI,  169  S.     Mk.  G.     Abonn.  Mk.  5.-.) 


6  Referate  und  Bezensionen.     Fritz   Kern. 

Ein  günstiger  Zufall  hat  den  beiden  ungefähr  gleichzeitig 
und  unabhängig  voneinander  erschienenen  Arbeiten  Remppis' 
und  K.  Zimmermanns  {Die  Beurteilung  der  Deutschen  in  der 
französischen  Literatur  des  Mittelalters  mit  besonderer  Berück- 
richtigung  der  chansons  de  geste,  Romanische  Forscliungen  29) 
trotz  ähnlicher  Absichten  doch  einen  verschiedenen  Aktions- 
radius gegeben.  Indem  sich  Remppis  eine  physische  und  poli- 
tische Geographie  Deutschlands  aus  der  altfranzösischen  Lite- 
ratur erschließen  will,  ist  er,  obwohl  zweifellos  der  reifere  Forscher, 
im  Nachteil  gegenüber  von  Zimmermann,  der  nach  einer  Anthro- 
pologie (im  Kantischen  Sinn  mit  Einschluß  des  moralischen 
Urteils)  strebte.  Denn  wenn  die  Verschwommenheit  der  alt- 
französischen Dichtung  in  Hinsicht  auf  individuelle  und  nationale 
Charakterzeichnung  überhaupt  übertroffen  werden  kann,  so 
wird  sie  es  durch  die  Nebelhaftigkeit  der  geographischen  und 
ethnographischen  Anschauungen.  Natürlich  bietet  aber  auch 
dieser  Zustand  dem  Historiker  ein  interessantes  Problem  dar, 
und  wenn  der  Befund  vielfach  negativ  formuliert  werden  muß, 
so  wird  allerdings  für  die  Kenntnis  Deutschlands  nichts,  aber 
recht  viel  für  das  Studium  des  entstehenden  französischen  Volks- 
charakters und  Nationalgefühls,  wie  der  französischen  National- 
bildung gew^onnen.  In  dieser  Hinsicht  ist  es  dem  Historiker 
sehr  erfreulich  zu  sehen,  mit  welcher  Gediegenheit  quellen- 
kritischer Methode  Remppis  zu  so  positiven  Ergebnissen  gekom- 
men ist,  daß  er  uns  sogar  (z.  B.  S.  31,  45,  61)  Kartenskizzen  vor- 
legen kann,  die  die  geographischen  Kenntnisse  der  afr.  Epen 
veranschaulichen.  Diese  Karten  sind  freilich  auch  so  schematisch, 
wie  man  sie  sich  ungefähr  vorstellt;  immerhin  ist  es  ein  Ergebnis, 
z.  B.  unter  den  Straßenzügen  Deutschlands  gerade  die  für  Frank- 
reich wichtigen,  u.  a.  die  Rheinstraße  von  Worms  abwärts,  die 
Linie  von  Bar-le-Duc  (doch  wohl  nicht,  wie  Remppis  zeichnet, 
der  Stadt,  sondern  der  Grafschaft  ausgehend,  d.  h.  die  Maas- 
straße, wonach  die  Zeichnung  zu  berichtigen  wäre)  nach  Lüttich, 
von  Metz  nach  Aachen,  von  Burgund  nach  Regensburg  einiger- 
maßen bestimmt  zu  finden.  Daß  Remppis  zu  dem  Schlüsse 
kommt,  den  Epen  keinerlei  nachweisbare  Benutzung  chroni- 
kalischer Quellen  zuzuschreiben,  wird  der  Historiker  ohne 
weiteres  unterschreiben.  Während  aber  der  Roman,  wie  R. 
sagt,  sich  ,, mitten  in  die  modernen  Verhältnisse  (der  Staufer- 
zeit)  hineinversetzt",  ,, sucht  das  Epos  die  Verhältnisse  der 
Merowinger-  und  Karolingerzeit  wiederzugeben."  Nur  an 
zwei  Stellen  (für  Dortmund  und  St.  Herbert  in  Deutz) 
hat  R.  den  Einfluß  kirchhcher  Tradition  wahrscheinlich  ge- 
macht. 

Für  die  jetzt  nicht  mehr  angängige  Überschrift  auf  S.  89 
ist  K.  Zeumer,  Heiliges  Römisches  Reich  deutscher  Nation  (1910) 
zu  vergleichen. 


Zeitl  Josef.     Aucassin  und  Nicolette  in  Deutschland.  7 

Die  Absicht  des  Verfassers,  in  seiner  Abhandlung,  die  von 
der  Tübinger  Fakultät  als  Preisarbeit  gekrönt  wurde,  „einige 
neue  Gesichtspunkte  für  die  Entstehungsgeschichte  des  afr. 
Epos  (und  Romans)  zu  geben",  ist  gelungen.  Es  wäre  zu  begrüßen, 
wenn  die  spätere  mittelalterliche  Literatur  Frankreichs,  \sie 
endUch  auch  einmal  die  Italiens,  in  methodischer  Weise  nach 
ihren  Ansichten  über  Deutschland  durchforscht  würden:  die 
Befragung  dieser  Quellen  würde  eine  beträchtUch  ergiebigere 
Ausbeute  von  realen  Kenntnissen  und  Beobachtungen  versprechen. 
Kiel.  Fritz  Kern. 

Zettl,  Josef.   Aucassin  und  Nicolette  in  Deutschland.    (Jahres- 
bericht der  Oberrealschule  Eger.)     1911.     18  S.     8^. 

Hermann  Suchier  hat  bereits  in  der  Einleitung 
seiner  Ausgabe  eine  kurze  chronologische  Liste  von  Ausgaben, 
Übersetzungen,  prosaischen  und  dramatischen  Nachbildungen 
der  Cantefable  gegeben.^)  Es  war  von  Zettl  ein  glückücher 
Gedanke,  sich  aus  diesem  Material  die  deutschen  Nach- 
bildungen zum  Gegenstand  einer  kleinen  Studie  auszuwählen. 
Eine  tüchtige  Vorarbeit  für  diese  Aufgabe  hatte  schon  früher 
Hugo  B  r  u  n  n  e  r^)  geliefert.  Zettl  orientiert  zuerst  ein- 
leitungsweise über  das  Original  und  dessen  Ausgaben  und  Neu- 
bearbeitungen in  Frankreich,  um  dann  die  deutschen  Nach- 
dichtungen ausführlicher  zu  würdigen.  Die  Übersetzung  von 
Le  Grand's  FabUaux,  die  Aucassin  und  Nicolette  in  novelHstischer 
Form  enthalten,  durch  L  ü  t  k  e  m  ü  1 1  e  r^)  wird  nur  kurz  er- 
wähnt und  dann  über  die  von  U  h  1  a  n  d  geplante  Bearbeitung 
des  Stoffes  berichtet.  Daß  es  diesen  Dichter  reizte,  seine  Kräfte 
an  A.  u.  N.  zu  erproben,  war  bisher  wenig  bekannt,  und  es  ist 
daher  verdienstvoll,   daß   Z.   nachdrücklich   darauf  hingCNNiesen 

1)  Es  wäre  freudig  zu  begrüßen,  wenn  der  Verleger  dieser  Aus- 
gabe sich  entschlösse,  einer  etwaigen  neuen  Auflage  anstelle  dieser 
kurzen  Liste  eine  ausführliche,  genaue  und  kritische  Bibliographie 
zu  Aucassin  und  Nicoletle  beizugeben,  und  wenn  dann  auch  alle  Schrif- 
ten und  Aufsülze  über  A.  u.  N.  in  ihren  Bereich  gezogen  würden, 
sowie  künstlerische  Darstellungen,  denen  die  Singemäre  als  Motif  zu- 
grunde liegt.  Zu  Suchiers  Verzeichnis  vermag  ich  au(3er  den  im  Fol- 
genden erwähnten  Bearbeitungen  von  Halem,  Zoo/.manu,  Ernst  und 
Hansmann,  Oppeln-Bronikowski  noch  nachzutragen  die  französische 
von  Gailly  de  Taurines  (mit  Musik  von  Loen,  Paris  1910,  daselbst 
auch  aufgeführt)  und  die  englisclien  von  1908  (bei  Foulis)  und  von 
E.  Mason  1910.  Eine  gekürzte  neufranzösische  Übersetzung  des 
M^onschen  Texts  bringt  Fauriel,  Hist.  de  la  poesie  proi'encalc  III  (184(5) 
S.   186—218. 

2)  Über  Aucassin  und  Nicolette,  Diss.  Halle  1880,  4",  auf  S.  "21—31 : 
Zur  Literaturgeschichte. 

3)  Über  diesen  vergl.  u.  a.  Goedekes  Grundriß  VII  b.  413  und 
IV  1  (1911)  S.  621.  Von  Zettl,  M.  Koch  und  Schafenacker  wird  er 
unrichtig  Lütze(n)müller  genannt. 


8  Referate  und  Rezensionen.     Wolfram  Suchier. 

hat.      Seinen    Ausführungen    kann    ich    Folgendes    hinzufügen. 
Uhlands  Tagebuch  1810 — 20  (hrsg.  von  J.  Hartmann  1898)  läßt  uns 
in  die  Werkstatt  des  Dichters  während  der  produktivsten  Periode 
seines  Lebens  blicken.     Es  zeigt  uns  auch,  ob  Z.'s  Vermutung, 
U.  habe  die  Idee  zu  seinem  Aucassin  aus  Le  Grand's  Prosabear- 
beitung  entnommen,    berechtigt   ist.      U.    erwähnt   bereits    am 
3.  November  1810  in  Paris  die  Fabliaux  et  Contes  par  Barbazan 
et  Meon,  die  den  ersten  Abdruck  des  Texts  der  Cantcfable  ent- 
halten, und  am  1.   Juni  1811  erhielt  er  sie  nach  Tübingen  von 
Schubart.     Nach  Z.  hat  U.  gleich  danach,  nämlich  in  der  Zeit 
vom  4.  bis  19.  Juni  1811,  an  seinem  Aucassin  gearbeitet  und  erst 
im  folgenden  Dezember  und  Januar  berichtet,  daß  er  im  Le  Grand 
gelesen   habe.     Da  er  kurz  vor  seiner  Arbeit   Barbazan-Meon, 
und  Le   Grand   erst  geraume   Zeit  später  erwähnt,  glaube  ich, 
daß  ihm  des  ersteren  Text  der  Cantcfable  als  Vorlage  gedient  hat, 
umsomehr  da  er  in  seiner  Abhandlung  Über  das  altfranzösische 
Epos,  die  1812  in  Fouques  Musen  zuerst  erschien,*)  nicht  nur 
Le  Grand  zitiert,  sondern  auch  gerade  da,  wo  er  A,  u.  N.  ersvähnt, 
Barbazan-Meon.     Le  Grand  hat  er  vermuthch  zu  dem  Aufsatz 
vom  Epos,  an  dem  er  besonders  in  der  Zeit  vom  8.  März  1811 
bis  zum  11.  April  1812  gearbeitet  hat,  studiert.     U.  hat  sich 
1810  in  Paris  auf  der  Bibliothek  viel  mit  Manuskripten  beschäftigt 
und  nennt  diesen  Aufsatz  in  einem  Briefe  an  Paulus  (vom  18.  De- 
zember 1818)   geradezu   ,,das   Resultat  meiner  Nachforschungen 
in  den  altfranzösischen  Handschriften  der  Pariser  Bibliothek."^) 
Es  ist  daher  nicht  unmöglich,  daß  er  auch  die  Originalhandschrift 
von  A.  u.  N.  benutzt  hat.  —  Nachdem  er  seinen  Epos- Aufsatz 
im  Manuskript   abgeschlossen  hatte,   kam   er  erneut   auf  seine 
Aucassin-Idee  zurück.     Die  am  9.  Mai  1812  wieder  angefangene 
Bearbeitung  der  Cantcfable  erwähnt  er  noch  am   10.,   12.  und 
16.  Mai,  am  15.  weilte  er  beiSchloßküfer  mit  dem  ilim  befreundeten 
Gustav  Schwab  und  erzählte  diesem  von  seinem  Projekt.     Die 
von  ihm  unter  dem   20.   November   1812   ausgesprochene   Idee 
eines  altfranzösischen  Dekamerone  war  nicht  so  neu,  wie  es  nach 
Z.'s  Worten  scheint.     Bereits  am  29.  Oktober  1810  hatte  er  in 
einem  Briefe  an  Fouque  seine  Gedanken  über  die  geplante  Samm- 
lung altfranzösischer  Poesien  dargelegt  und  wollte,  wie  er  am 
19.  Dezember  1810  an  Fouque  schreibt,  seine  Übersetzung  mög- 
lichst  auf   Entkleidung   der   Sage   von  entstellendem    Gewände 
beschränken.^)     In  einem  Briefe  an  K.  Mayer  vom  21.   Januar 
1812  sagt  er  von  dieser  Arbeit,  daß  er  sie  ,, ehemals  im  Sinne 

*)  Vgl.  Uhlands  Werke,  hrsg.  von  Herrn.  Fischer,  Stuttgart  (Gotta) 
o.    J.,  IV  S.  49—126,  besonders  S.  51  Anm.  1,  67  Anm.  1  und  71  f. 

5)  Jahn,  L.  Uhland  1863  S.  156.  —  Auch  die  Legende,  eins  der 
in  Kerners  Poetischem  Almanach  für  1812  enthaltenen  Altfranzösischen 
Gedichte  U.'s,  beruhte  auf  einer  handschriftlichen  Vorlage. 

C)  L.  Uhlands  Leben,  von  seiner  Witwe,  1874  S.  69;  Jahn  S.  147. 


Zettl,  Josef.     Aucassin  und  Nicolette  in   Deutschland.         9 

hatte",')  und  erst  am  15.  November  1812  verzeichnet  er  im 
Tagebuch  die  angefangene  Ausarbeitung  nach  neuaufgefaßter  Idee. 
Der  Verf.  geht  dann  über  zu  K  o  r  e  f  f's  Oper,^)  gibt  hier 
eine  Übersicht  ihres  Inhalts  und  eine  kurze  Kritik,  in  der  be- 
sonders ihre  Schönheit  in  Sprache  und  Technik  betont  wird. 
Die  im  Gesellschafter  von  1822  (nicht  1828,  ^^de  Zettl  S.  10  schreibt) 
enthaltene  Beurteilung  von  Text  und  Musik  hätte  ihn  aber  zu 
einer  Vertiefung  seiner  Ausführungen  anregen  sollen.  Auch  sind 
die  Punkte,  in  denen  K.  mit  dem  Original  nicht  übereinstimmt, 
m.  E.  nicht  genügend  hervorgehoben.  Brunner,  der  nur  die 
Hälfte  der  Oper  kannte,  hatte  letzteres  nur  schwach  versucht 
und  überdies  K.'s  Sprache  zu  Unrecht  getadelt.  Gegenüber 
dem  Original  scheinen  mir  folgende  EigentümUchkeiten  bei  K. 
bemerkenswert.  Nicolette  befreit  sich  aus  ihrer  Haft  durch  eine 
Feile  und  eilt  zu  Aucassins  Gefängnis.  Beim  Nahen  der  Wache 
verbirgt  sie  sich  hinter  dem  Schilde  einer  steinernen  Ritterfigur. 
In  der  Unterredung  mit  den  Hirten  sendet  sie  einen  von  ihnen 
zu  Aucassin,  um  diesen  auf  ihre  Spur  zu  führen,  und  gibt  ihm 
zur  Beglaubigung  seiner  Mission  eine  ihrer  Locken  mit.  Aucassin 
findet  Nicolettes  Kranz  und  sie  selbst  in  der  Waldgrotte,  und, 
damit  er  nicht  zu  Pferd  die  Bühne  zu  betreten  und  sich  beim 
Absteigen  die  Schulter  auszurenken  braucht,  erzählt  er  ihr,  daß 
sein  Pferd  beim  Durchqueren  des  Gestrüpps  tötlich  verletzt 
zurückgeblieben  sei.  Die  Piraten,  die  das  Paar  dann  an  der 
Küste  überfallen,  trennen  es  sogleich  und  führen  beide  auf  ver- 
schiedene Schiffe.  Die  Reise  nach  Torelore  fällt  daher  aus. 
Die  auf  der  Überfallenen  Hilferufe  herbeigeeilten  Hirten  haben 
jedoch  den  Vorgang  bemerkt  und  die  Kunde  davon  verbreitet. 
Über  die  Hälfte  des  zweiten  Akts  wird  von  der  Hirtenszene  ein- 
genommen; diese  zeigt  uns  zwar  ein  allerliebstes  Idyll,  ist  aber 
docli  etwas  zu  lang  geraten.  In  Karthago  wird  Nicolette  von 
ihren  Angehörigen  an  einem  auf  dem  Arme  eingebrannten  Zeichen 
(einer  Krone)  erkannt;  sie  gibt  ihrem  Vater  das  Geheimnis  ihrer 
Liebe  preis,  aber  vergeblich,  sie  rettet  sich  dadurch  nicht  von 
der  ihr  bestimmten  Heirat.  Von  ersterem  Momente  berichtet 
der  Dichter  der  Cantefablo  nicht  so  ausfülirlich,  und  das  zweite 
findet  sich  bei  ihm  überhaupt  nicht.  Wie  später  bei  Platen 
so  erbietet  sich  auch  bei  K.  der  Graf  von  B  e  a  u  c  a  i  r  e  als 
Freund  Aucassins  dazu,  Nicoletten  aufzusuchen  und  gibt  sich 
diese  noch  in  ihrer  Verkleidung  als  Spiolmann  dem  Geliebten 
zu  erkennen.  —  Übrigens  hatte  Uhland  1810  in  Paris  K.  kennen 
gelernt,  der  bis  1816  dort  lebte.     Letzterer  ist  aber  vermutlich 


')  K.  Mayer,  L.  Uhland  1  18G7  S.  215. 

8)  Über  Koreff  vgl.  Goedekes  Grundriß  VI  186  f.  Über  den  Koni- 
ponislen  Georg  Abraham  Schneider  vgl.  Eitner,  biogr.-bibl. 
Quellenlexikon  der  Musiker  IX  1903  S.  51—53  und  N.  Nekrolog  der 
Deutschen.     Jg.  17,  1839,  I  S.  IGO  f. 


10  Hejerale  und  Hezensionen.     Wolfram  Siichier. 

nicht  durch  ihn,  sondern  durch  Barbazan-Meon  oder  Le  Grand 
selbst  auf  den  anmutigen   Stoff  aufmerksam  geworden. 

Im  folgenden  Abschnitt  wird  P  1  a  t  e  n's  ,,  Treue  um  Treue" 
nach  Entstehung  und  Stoffbehandlung  gewürdigt.  Von  dieser 
Bearbeitung  hat  schon  der  Rezensent  in  der  Jenaer  Literatur- 
Zeitung  (1829  Erg.-Bl.  S.  669)  richtig  bemerkt,  daß  sie  nicht  nur 
in  zwei  ungleiche  Teile  zerfalle,  sondern  auch  in  einer  mehr  roman- 
tischen Form  der  Fabel  besser  entsprochen  hätte.  Ihre  Vorzüge 
bestehen  in  der  schnellen  Folge  der  Ereignisse  und  den  mit  sicherer 
Hand  kurz  und  deutlich  markierten  Situationen.  Über  P.'s 
Arbeit  haben  bereits  verschiedene  gehandelt.^)  Die  Entstehung 
des  Schauspiels,  die  sich  nach  Platens  Tagebüchern  (hrsg.  von 
Laubmann  &  Scheffler  II  1900,  vgl.  S.  1003)  und  Briefen  (Werke 
Bd.  VI  1853)  genauer  verfolgen  läßt,  ist  am  gründlichsten  von 
M.  Koch  dargestellt.  Den  Aufbau  der  Handlung  hat  Heinze 
besser  analysiert,  der  auch  die  Mängel  der  dramatischen  Um- 
gestaltung, besonders  die  Störung  der  Einheit  in  Zeit  und  Handlung 
gezeigt  hat.  Zettl  hat  nun  auch  hier  nicht  genügend  darauf 
hingewiesen,  wo  der  Dichter  mit  dem  Original  nicht  überein- 
stimmt. So  z.  B.  daß  Nicolette  sich  aus  dem  Arrest  nicht  durch 
Herablassen  an  zusammengeknüpften  Tüchern  befreit,  sondern 
dadurch,  daß  sie  bloß  aus  dem  Fenster  steigt  und  an  den  Spalieren 
des  Hauses  herabklettert.  In  der  Unterredung  mit  dem  gleichfalls 
in  Arrest  gesetzten  GeUebten  gibt  sie  bei  Platen  den  Wald  als  ihr 
Ziel  an  und  scheidet  von  ihm,  ohne  ihm  ihre  Locke  zugeworfen 
zu  haben,  während  er  im  Original  dem  Walde  zureitet  ohne  zu 
wissen,  daß  sie  sich  hier  befindet.  P.  mochte  Nicoletten  wohl 
nicht  allein  im  Walde  bleiben  lassen,  drum  läßt  er  sie  die  Hirten 
bitten,  zu  einer  ihrer  Frauen  oder  Mütter  gebracht  zu  werden. 
Das  reizvolle  Wiedersehen  bei  der  Waldlaube  läßt  er  daher  fort. 
Nachdem  Nicolette  von  Piraten  ihrem  Führer  abgenommen 
worden  ist,  macht  sich  Aucassins  Freund  auf,  deren  Verfolgung 
aufzunehmen,  und  es  gelingt  ihm,  sie  sicher  nach  Beaucaire  zu 
bringen.  In  der  Cantefable  flieht  sie  jedoch  allein  und  aus  eigener 
Initiative  aus  ihrer  Heimat,  während  bei  Platen  ihr  zweiter 
Bräutigam  hochherzig  die  Flucht  veranlaßt.  Darin,  daß  Zettl 
(wie  auch  Brunner)  sagt,  Nureddins  Edelmut  überschreite  hier  die 
Grenzen  des  Erlaubten,  kann  ich  ihm  durchaus  nicht  beistimmen 
(ebenso  Heinze).  Auch  in  eines  Heiden  Brust  kann  ein  Herz 
schlagen,  das  mehr  an  das  Glück  der  GeMebten  als  an  sich  selbst 
denkt.  —  Es  sei  endlich,  da  für  uns  nicht  ohne  Interesse,  noch 
mitgeteilt,  daß,  als  Platen  am  22.  Oktober   1825  in   Stuttgart 


9)  Brunner  S.  27 — 29;  Wagner,  Aucassin  et  Nicolette...  comme 
modele  de  Treue  um  Treue  (Progr.  Arnstadt  1883)  S.  15—18;  Heinze, 
Platens  romantische  Komödien  (Diss.  Marburg  1897)  S.  42 — 50,  bes. 
S.  45  ff.,  und  M.  Koch,  Platens  Werke  (Hessesche  Ausg.)  Bd.  IX  1909 
S.  28—32. 


Zettl,  Josef.     Aucassin  und  Nicolette  in  Deutschland.       11 

bei  Schorn  in  kleinem  Kreise  „Treue  um  Treue"  vorlas,  ein 
Dichter,  der  sich  einst  selbst  mit  der  Fabel  gründlich  beschäftigt 
hatte,  zugegen  war:  Ludwig  Uhland. 

Zettl  orientiert  endUch  noch  über  die  Aucassin-Übersetzungen 
von  0.  L.  B.  Wolff,^^)  Bülow,  die  vortreffUche  von  W.  Hertz, 
die  von  Gundlach  und  Sallwürk. 

Einige  weitere  deutsche  Bearbeitungen  der  Singemäre  sind 
Z.  entgangen  und  sollen  im  folgenden  betrachtet  werden.     Den 
ältesten  aller  Versuche,   die   Geschichte  von  Aucassin  und 
Nicolette  in  Deutschland  bekannt  zu  machen,  hat  Gerhard 
Anton     vonHalem     (1752-1819)     unternommen. ^i)       Das 
von   Boie    herausgegebene    Deutsche    Museum  brachte    von   ihm 
im  Juniheft  1787  auf  Seite  489—504  als  Leitartikel  „Die  Mähr 
von  Aucassin   und  Colette".  Halem  war  u.  a.    1786  sowohl  mit 
einem    für    die     Bühnenaufführung    ungeeigneten    historischen 
Trauerspiel  „Wallenstein"  als  auch  mit  einem  Trauerspiel  nach 
Äschylus  „Agamemnon"   hervorgetreten,   zählte  von   1779 — 1802 
zu  den  Mitarbeitern  des  Göttinger  Musenalmanachs  und  hat  sich 
besonders  als  historischer  Schriftsteller  einen  noch  heute  geachteten 
Namen  erworben.     Band  I  der  Fahliaux  ou  contes  du  12^  et  du, 
13«  siede  von  Le  Grand  d'Aussy  (Paris  1779)  hatte  ihn  zu  einer 
Bearbeitung  des  „Ritter  Lanval"  der  Marie  de  France  angeregt, 
die  1787  im  Maiheft  des  Deutschen  Museums,  zu  dem  er  bereits 
seit    1778    verschiedentlich    Beiträge    geliefert    hatte,    erschien. 
Durch  den  (auf  S.  180—217)  den  Aucassin  enthaltenden  Band  II 
der   Fabliaux  war   er   auf   diesen    Stoff   aufmerksam   geworden 
und  begann  alsbald  eine  durch  poetische  Einlagen  unterbrochene 
Nacherzählung   der   Cantefable.      Es   ist   vielleicht   diese   Arbeit 
gemeint   und   bereits   vollendet   gewesen,   als    Friedrich   Leopold 
Graf  zu  Stolberg  seinem  Freunde  Halem  am  23.  Februar  1787 
aus  Neuenburg  brieflich  seine  Freude  über  die  vollendete  Nach- 
bildung eines  Stücks  aus  den  Fabliaux  aussprach.     Auch  Boie, 
der  Herausgeber  des  Museums,  hatte  von  diesem  Versuch  geiiört 
und  schrieb  dem  Verfasser  aus  Meldorf  am  5.  März  1787:  ,,Ioli 
muß   . . .  gleich  Sie  bitten,  uns  doch  ja  Nicolette  la  douce  amio 
qua  j'aime  tant  zu  geben.    Beyde  Stücke  hatte  auch  ich  mir  in 
den    Fabliaux    ausgezeichnet,    und    den    Vorsatz,    das    Letztere 
selbst  auszuarbeiten.     Ich  bin  nun  froh,  daß  ichs  nicht  gethan 
habe."     Halem  sandte  seine  Arbeit  dann  an   Stolberg,  der  ihm 
unter   dem   27.    März    1787    aus    Neuenburg   folgendes    darüber 


10)  Audi  abgedruckt  (aber  ohne  die  Vorbemerkiuie:  und  Noten) 
in  Wollf's  Schriftrn,  Bd.  I  Jena  1841,  S.  115— ir)Ü.  —  Über  W.  vergl. 
Goedekes  Grundriß  III  1881  S.  1151  ff. 

11)  Über  Ilalom  vgl.  Goedekes  Grundriß  V  Abt.  2  (1893)  S.  428; 
V.  H.'s  Selbstbiographie  nebst  Briefen  an  ihn  (1840)  S.  151,  II  50,  52, 
54,  56  f. 


12  liejerale  und  Hezensionen.     Wolfram  Suchier. 

.schrieb:  ,,lIior  liabon  sie  den  wackern  Aucassin  und  die  Milde 
so  lieb.  Ich  habe  ihn  gestern  Abend  meinen  Weibern  vorgelesen. 
Wir  danken  Ihnen  diesen  schönen  Ohrenschmaus.  Aber  die 
Weiblein  zürnen,  daß  das  Liedel  der  Schildwach  ausgeblieben 
ist,  und  mir  deucht,  sie  baben  Recht.  Sagen  Sie  mir  nicht  etwa, 
daß  dafür  die  liebUchen  Amoretten  hinzugekommen;  sie  sind 
allerliebst,  konnten  aber  gar  wohl  mit  dem  Liedel  bestehen.  Eine 
solche  Schildwach  ist  Amoretten  nicht  im  Wege.  Die  LiedeF 
sind  schön  gerathen;  nur  hie  und  da  scheinen  mir  einige  Con- 
structionen  etwas  hin  und  her  geworfen,  in  den  Liedern  und  in 
der  Prosa.  Das  ,, steckt  dir  das  verzweifelte  Mädchen  im  Kopfe" 
scheint  mir  nicht  in  der  edleren  alten  Naivetät,  die  im  Ganzen 
herrscht.  Auch  die  Betrachtung,  daß  Schwärmerey  ansteckt, 
scheint  mir  hier  nicht  am  rechten  Ort.  „Der  Furchtgetriebene 
Lauf"  ist  dies  einfach  genug?  „Versiegen"  haben  Sie  als  ein 
Verbum  activum  gebraucht.  —  Das  sind  quae  censet  amiculus, 
ut  si  coecus  iter  monstrare  veUt."  Im  April  wanderte  das  Manu- 
skript weiter  an  Boie,  der  am  16.  April  1787  aus  Meldorf  ant- 
wortete :  „Ihren  Aucassin  und  Colette  erhielt  ich  gestern,  las  ihn 
gerne,  und  habe  ihn  gleich  heute  in  die  Druckerey  geschickt. 
Die  Naivetät  des  Originals  hat,  wie  mich  dünkt,  in  Ihrer  Ein- 
kleidung nicht  verloren.  Besser  noch  werden  das  die  Damen 
beurtheilen." 

Halem  hat,  wie  bereits  erwähnt,  seiner  Arbeit  die  Erzählung 
Le  Grands  zugrunde  gelegt,^^^  die  selbst  nur  eine  gekürzte  Prosa- 
wiedergabe der  neufranzösischen  Übersetzung  Sainte-Palayes 
ist.  Er  ist  jedoch  von  seiner  Vorlage  in  verschiedener  Beziehung 
(nach  Form  und  Inhalt)  abgewichen.  Einmal  hat  er  es  an  einigen 
Stellen  (zur  Einleitung,  bei  Mono-  und  Dialogen  der  Liebenden 
und  für  Nicolettes  Spielmannslied  vor  Aucassin)  vorgezogen, 
das,  was  er  zu  sagen  hatte,  lyrisch  wiederzugeben,  zweitens  hat 
er  das,  was  seine  Vorlage  ihm  bot,  gelegenthch  erweitert.  Wie 
G.  Paris  versetzt  er  die  Handlung  in  das  Ende  des  12.  Jahrhunderts. 
Als  Nicolette  sich  durch  Herablassen  an  einem  Seil  ihrer  Haft 
entzieht,  ist  sie  von  Amoretten  umgaukelt,  was  Stolberg  nicht 
tadelte.  Sie  wirft  dann  bei  ihm  ihre  Locke  erst  in  Aucassins 
Gefängnis  beim  Herannahen  der  Scharwache  und  ergreift  ohne 
Abschied  sofort  die  Flucht,  während  auch  Le  Grand  hierin  mit 
dem  Original  übereinstimmt.  Das  fortgelassene  Schildwachlied 
hat  Halem  trotz  Stolbergs  Monitum  nicht  eingeschaltet,  obwohl 
er  die  übrigen  von  diesem  gerügten  Mängel  verbessert  hat.  Er 
läßt  den  Vasallen  Aucassins  Vater  durch  falsche  Briefe  davon 
überzeugen,  daß  Nicolette  in  der  Fremde  gestorben  sei.  Daß 
Aucassin  sie  dann  noch  sucht,  ist  weniger  motiviert  als  in  der 
Cantefable,  wo  sie  nur  als  verschwunden  bezeichnet  wird.     An 


12)  Wie  dieser  nennt  er  z.  B.  den  Grafen  von  Valence  Bongars. 


Zettl,  Josef.     Aucassin  und  Nicoleite  in   Deutschland.      |13 

der  von  Nicolette  errichteten  Laube  erblickt  der  ankommende 
Aucassin  allenthalben  die  Namen  Aucassin  und  Nicolette,  aus 
Myrtenlaub  geflochten,  und  an  der  Laube  ein  kleines  Täfelchen, 
auf  dem  ein  Vers  stand.  Nachdem  das  Paar  aufgebrochen  und 
in  die  Nähe  des  Meeres  gelangt  ist,  läßt  Halem  sie  bei  Marseille 
auf  des  heiligen  Ludwigs  Flotte  stoßen,  mit  ihr  nach  Palästina 
ziehen  und  Nicolette  Helm  und  Panzer  tragen.  Auf  einem  Vor- 
stoß, den  König  Ludwig  von  Damiate  nach  Kairo  hin  unter- 
nimmt, geraten  sie  in  Gefangenschaft.  Der  mächtige  Heiden- 
könig, dem  Nicolette  von  ilirem  Vater  vermählt  werden  soll, 
wird  bei  Halem  zu  einem  ,, Bässen  Amadab".  Nachdem  Nicolette 
die  Geschichte  ihrer  Liebe  Aucassin  vorgesungen  hat,  läßt  Halem, 
den  es  wohl  nicht  befriedigen  mochte,  daß  sie  in  der  Cantefable 
den  Geliebten  verläßt,  um  erst  ihr  Gesicht  wieder  kenntlich  zu 
machen  und  sich  acht  Tage  zu  pflegen,  schon  hier  die  Erzählung 
in  folgender  Weise  schließen: 

Er  (A.)  bebte  die  Marmorstufen  hinab.  ,,Colettel  du  Milde! 
du  bists"  —  ,, Aucassin!  du  Hebst  mich  noch".  —  Sie  riefen  es 
und  sanken  sich  freudeweinend  in  die  Arme. 

Halems  Nachbildung  ist  späterhin  noch  öfters  gedruckt 
worden.     Sie  ist  auch  enthalten  in: 

L  V.  Halem,  Poesie  und  Prosa,  Hamburg  1789,  S.  158 — 178 
und  hier  der  Gräfin  Agnes  zu  Stolberg  gewidmet. 

2.  V.  Halem,  Kleine  prosaische  Schriften,  Bd.  I  Erzählungen, 
Münster  1803,  S.  28—62;  das  Titelkupfer,  nach  J.  H.  Ramberg 
von  Meno  Haas  in  Berlin,  stellt  den  Moment  des  Wiederfindens 
der  Liebenden  dar. 

3.  0.  L.  B.  Wolff,  Enzyklopädie  der  deutschen  National- 
literatur, Bd.  III.  Leipzig  1838,  4^  Art.  v.  Halem,  S.  355—358. 
Der  von  Wolff  wiedergegebene  Text  ist  entnommen  dem  Abdruck 
von  1803. 

Der  zweite  Abdruck  in  der  Poesie  und  Prosa  erfuhr  stellen- 
weise kloine  stilistische  Veränderungen,  auch  wurden  in  Nicolettes 
Spielmannslied  Vers  4  verbessert  und  nach  Vers  8  zwei  Verse 
eingeschaltet.  In  dem  dritten,  kaum  veränderten  Abdruck 
von  1803  sind  besonders  die  Absätze  markiert  worden. 

Entgangen  sind  Zettl  noch  drei  neuere  Aucassin-Über- 
setzungen,  nämlicli  a)  die  von  Schäfenacker  (Halle  1903), 
die  die  Laisson  erst  assonierend  und  dann  gereimt  wiedergibt. 
Sie  findet  sich  in  Hermann  Suchiers  Ausgabe  verzeichnet,  von 
der  Z.  nur  eine  ältere  Auflage  vorgelegen  zu  haben  scheint. 

b)  die  von  Ricliard  Zoozmann   (Dresden   1905).*^) 

c)  die  von  Paul  H  a  n  s  m  a  n  n  in:  Altfranzösische  Novellen, 
ausgewälill  und  tingelcilet  von  Paul  Ernst,  Bd.  I  (Leipzig  1909), 


13)  Mir  nur  aus  dem  Zitat  in  Goedekes  Grundriß  VIII  S.  689  und 
bei  M.  Koch  (a.  a.  O.)  bekannt. 


14  Referate  und  Rezensionen.     Jean  Acher. 

S.  144 — 211.  Die  Übersetzung,  die  den  Helden  Aucasin  nennt 
und  mit  Noten  versehen  ist,  bringt  die  Laissen  ungereimt. 

Als  neueste  Übersetzung  der  Cantefable  ist  endlich  die 
von  F.  V.  Oppeln-Bronikowski  (Leipzig  1911)  zu 
nennen.  Sie  ist  mit  einer  guten  Einleitung  versehen,  gibt  die 
Laissen  in  flüssiger  Sprache  und  gereimt  wieder,  ist  billig  und 
geschmackvoll  ausgestattet.  Nächst  Hertz  ist  sie  die  beste 
und  getreuste  von  allen  deutschen  Aucassin-Übersetzungen. 
Sie  hat  (im  Gegensatz  zu  Hertz)  bei  den  lyrischen  Stücken  die 
Zeilenzahl  des  Originals  meist  beibehalten,  doch  soll  dieser  Äußer- 
lichkeit eine  größere  Bedeutung  nicht  beigelegt  werden. 

Wenn  ich  das  Resultat  der  vorstehenden  Ausführungen 
zusammenfasse,  so  komme  ich  zu  folgendem  Ergebnis.  Zettl 
hat  mit  seiner  Arbeit  einen  dankenswerten  Beitrag  zur  vater- 
ländischen Literaturgeschichte  geliefert,  und  zwar  schon  (freilich 
keineswegs  einzig  und  allein)  aus  dem  Grunde,  weil  er  ein  bisher 
wenig  bearbeitetes  Gebiet  selbständig  und  im  Zusammenhange 
untersucht  hat.  Den  Einfluß  von  Aucassin  und  Nicolette  auf 
die  deutsche  Literatur  hat  er  im  wesentlichen  dargelegt  und  gern 
bin  ich  seiner  anziehenden  Darstellung  gefolgt.  Der  Freund  der 
Cantefable  und  der  Literaturgeschichte  möge  daher  diese  be- 
scheidene Abhandlung  nicht  übersehen.  Einige  Stellen  aus  dem 
Gebotenen  habe  ich  herausgegriffen  und  gezeigt,  daß  die  Schrift 
in  manchen  Punkten  der  Ergänzung  bedarf  und  der  Verfasser 
von  einigen  Nachbildungen  leider  nicht  Kenntnis  gehabt  hat. 
Dieser  Mangel  kann  aber  nur  zum  Teil  den  Schwierigkeiten  zu- 
geschrieben werden,  die  das  Entferntsein  vom  Sitze  einer  größeren 
Bibliothek  der  wissenschaftlichen  Forschung  bereitet.  Obwohl 
die  Schrift  eine  weitere  Gesichtspunkte  heranziehende  literarische 
Würdigung  nicht  bietet,  so  enthält  sie  doch  manche  Anregung 
und  macht  einen  beachtenswerten  Versuch.  Es  sei  daher  dem 
Verfasser  für  die  für  seine  Arbeit  aufgewandte  Mühe  gedankt. 

Halle  a.  S.  Wolfram  Suchier. 


Ii'£iifant  sag^e.     (Das  Gespräch   des  Kaisers   Hadrian  mit 

dem  klugen  Kinde  Epitus).     Die  erhaltenen  Versionen 

herausgegeben   und   nach    Quellen   und   Textgeschichte 

untersucht  von  W  a  1 1  h  e  r  Suchier.     (Gesellschaft 

für   romanische    Literatur,    Band    24).      Dresden    1910 

[XIII  +  612  pages  in-S^'  raisin]. 

Pour  apprecier  ce  Hvre  en  connaissance  de  cause  il  faudrait 

etre    verse   dans    huit   philologies    differentes.     Les    textes    que 

M.  W.  Suchier  pubUe  ici  appartiennent  en  effet  ä  huit  langues, 

ä  savoir  le  latin,  le  frangais,  le  provengal,  le  castillan,  le  catalan, 

le  Portugals,  le  breton  et  Tanglais.     Je  suis  tres  loin  de  posseier 

cette  culture  polyglotte  et  je  ne  puis  juger  que  les  textes  latins, 


L'Enfant  sage.  15 

frangais  et  provengaux.  Ils  sont  publies  et  commentes  avec 
un  soin  qui  ne  laisse  rien  ä  desirer.  Aussi  n'a-t-on  guere  d'ob- 
servations  ä  presonter  ä  leur  sujet.  En  voici  une  cependant. 
Au  §  43  de  ,,Adrianus  et  Epictitus'%  M.  W.  Suchier  imprime: 
,,Quid  est  quot  ad  unurn  vadit  et  ad  unum  redit  ?  —  Pliwia."  Dans 
le  commentaire,  il  propose  de  corriger  le  premier  ad  unum  en 
ab  uno,  et  voit  dans  cet  unum  le  ciel  d'oü  l'eau  tombe  et  oü  eile 
retourne  en  s'evaporant.  Mais  ainsi  comprise,  la  phrase  cesse- 
rait  d'etre  latine.  Unus  s'oppose  en  latin  ä  rfao,  plures,  et  la 
question  posee  ne  comporte  point  une  teile  Opposition.  II  faut 
evidemment  lire,  sans  rien  chenger  au  manuscrit,  mais  en  en 
interpretant  convenablement  la  graphie:  Quid  est  quot  ad  imum 
uadit  et  ad  imum  redit.  La  pluie  tombe  (uadit  ad  imum),  et  les 
eaux  pluviales  ß'ecoulent  en  suivant  les  pentes  du  sol. 

II  n'y  a  pas  non  plus  grand'chose  ä  ajouter  au  commen- 
taire de  l'auteur.  Seule,  la  note  sur  le  §  52  de  la  version  catalane 
appelle  une  remarque.  On  y  fait  observer  que,  dans  les  langues 
romanes,  la  forme  (latinisee)  usuelle  du  vocable  Architriclinus 
est  Architiclinus,  mais  on  n'explique  pas  cette  chute  d'r.  G'est  un 
cas  on  ne  peut  plus  interessant  de  dissimilation  d'un  phoneme 
sous  l'action  combinee  de  deux  causes  distinctes.  L>  du  groupe 
-tr-  ne  peut  pas  subsister  ä  cause  de  IV  de  Ar-  (loiXVdeM.  Gram- 
mont),  et  il  ne  peut  pas  devenir  l  (traitement  normal)  a  cause 
de  VI  de  -clinus  (loi  II  de  M.  Grammont):  il  tombe  donc. 

L'etude  publice  en  tete  du  volume  est  aussi  tres  soignee. 
Trop  soignee  memo,  M.  W.  Suchier  ne  nous  fait  gräce  d'aucun 
detail,  si  insignifiant  soit-il.  II  ne  lui  suffit  pas  d'enumercr  les 
dix-sept  editions  imprimees  qu'on  a  donnees  de  VEnfant  sage 
depuis  le  seizieme  siecle  jusqu'ä  nos  jours,  II  les  classo,  et 
apres  les  avoir  classees,  il  nous  donne  encore  une  „  Textgeschichte"  ! 

A  cette  rcserve  pres,  je  n'ai  qu'ä  louer  l'auteur  de  son  Intro- 
duction.  Elle  est  consacree  ä  l'etude  des  sources  de  VEnfant 
sage  et  ä  l'liistoire  de  son  texte.  L'etude  des  sources  aboutit  ä 
une  conclusion  assez  interessante.  Ge  qu'on  est  convenu  d'appeler 
la  Version  breve  de  l'Enfant  sage  est,  en  realitc,  un  ouvrage  tout 
ä  fait  distinct  de  la  version  longue.  Aussi  l'auteur  laisse-t-il 
de  cöte  cette  version  breve  qui  n'est  qu'une  traduction  d'un 
dialogue  latin  {Adrianus  et  Epictitus  commo  rappolle  M.  W. 
Suchier)  pour  ne  s'occuper  quo  de  la  version  longue  qui  est  une 
compilation  composee  ä  l'aide  du  diaJogue  pi-ecile,  d'un  autre 
dialogue  connu  sous  le  nom  de  Dispulatio  Adriani  Augusti  et 
Epicteti  Philosophi  et  de  quelques  autres  ecrils  de  moindre  im- 
portonce. 

On  ne  possedc  pas  moins  de  seize  redaclions  de  cette  com- 
pilation. Apres  les  avoir  classees,  M.  W.  Suchier  essaic  de  se 
representer  les  ötats  successifs  de  l'ouvrage.  Maliioureusement, 
son  classement  est  sujet  ä  caution.     Pour  nier  la  parentö  de  la 


16  Referate  und  Rezensionen.     Karl   VossUr. 

redaction  Y  avec  le  groupc  V],  il  sc  fonde,  p.  ex.,  sur  le  fait  qu'Z 
ne  contient  pas  une  Omission  caracteristique  d'rj,  en  oubliant 
que  cetto  Version  est  ici  interpolee  ä  Taide  d'un  texte  qui  por- 
mettait,  suivant  toutes  les  vraisomblances,  de  reparer  l'omission 
dont  il  s'agit.  —  Au  sujet  de  la  redaction  F,  M.  W.  Suchier  a 
varie  d'opinion.  Dans  sa  Habilitationsschrift,  il  estimait  que  F 
formait  groupc  avec  e  contre  ES^.  Aujourd'hui,  il  est  d'avis 
de  grouper  ES^  et  F  contre  e.  Les  deux  classements  sc  valent, 
c'est  ä  dire  qu'ils  se  detruisent  mutuellement.  —  Les  rapports 
des  trois  manuscrits  proven^aux  A,  B,  C  ne  sont  pas  mieux 
etablis.  M.  W.  Suchier  veut  qu'  Ä  et  B  forment  groupc  contre 
C.  Mais  il  n'arrive  ä  maintenir  ce  groupement  qu'en  recourant 
ä  une  hypothese  desesperee,  ä  savoir  qu'A  aussi  bien  que  B 
utilisent  des  sources  „secondaires"  ä  Taide  desquelles  ils  corrigent 
les  fautes  de  l'archetype  de  la  famille,  fautes  attestees  tantot 
par  Faccord  de  B  et  C\  tantot  par  celui  d'A  et  C. 

Si  le  classement  de  M.  W.  Suchier  semble  factice,  je  doute 
qu'on  puisse  en  proposer  un  meilleur:  le  probleme  parait  bien 
etre  insoluble. 

Paris.  Jean  Acher. 


Die  ]S"ol»lesseii  von  Bretagne  nach  den  Handschriften 
Paris,  Bibliotheque  de  TArsenal  n^  2570,  Rennes  n'^  74  und 
Haag  0.  154.  Diplomatische  Abdrucke  mit  deutscher 
Übersetzung,  ergänzender  Einleitung  und  Glossaren  von 
H.  L.  Z  e  1 1  e  r.  (Sammlung  älterer  Scprechtsquellen,  Heft  7), 
Berlin,  in  Kommission  bei  R.  L.  Prager,  1911.  [22  pages 
in-8^  raisin]. 

Travail  d'amateur.  De  pueriles  artifices  typographiques 
sont  censes  reproduire  les  particularites  paleographiques  de  trois 
manuscrits  (XV — ^XVI  s.)  d'un  texte  dont  on  possede  depuis 
longtemps  une  edition  convenable  (dans  Planiol,  La  tres  ancienne 
coutume  de  Bretagne,  Rennes  1896). 

Paris.  Jean  Acher. 


Onlmont,  Cliarles.     Les  Debats  du  Clerc  et   du   Chevalier 
dans  la  litt.  poet.  du  moyen  äge.    Etüde  historique  et  litte- 
raire  suivie  de  l'edition  critique  des  textes  et  ornee  d'un 
fac-simile.     Paris,   Champion    1911.     XVI   u.    234    S.      S». 
Das    Hauptverdienst   dieser    Publikation    liegt   in    der   Zu- 
sammenstellung   einiger    mittellateinischer    und    altfranzösischer 
poetischer  Texte,   die   alle   dasselbe   Motiv  behandeln,   nämlich 
den  Streit,  ob  im  Minnedienst  dem   Kleriker  oder  dem   Ritter 
der  Vorzug  gebühre.     Es  sind  die  folgenden  Stücke: 


Oulmont,  Charles.  Les  Debats  du  Clerc  et  du  Chevalier  etc.     17 

1.  Das  Concüiiim  in  Monte  Romarici,  zum  erstenmal  ver- 
öffentlicht von  Waitz  in  der  Zeitschrift  f.  deutsches  Altertum, 
Bd.  VII. 

2.  Die  bekannte  und  oft  edierte  Altercatio  Phyllidis  et  Florae. 

3.  Le  jugement  d'Amours  oder  Florence  et  Blancheflor,  zum 
erstenmal  herausgegeben  von  Barbazan  und  Meon  im  4.  Bd. 
der  Fabliaux  et  Contes,  sodann  von  Wolf,  in  den  Denkschriften 
der  Wien.  Akad.  1864.  Daneben  erwähnt  der  Verf.  S.  XIII  eine 
von  Wolf  besorgte  Ausgabe  mit  dem  Datum  1860,  die  vermutlich 
einem  Druckfehler  ihre  Existenz  verdankt.  Überhaupt  kann 
ich,  angesichts  der  großen  Fahrlässigkeit,  mit  der  einige  Teile 
des  Buches  gearbeitet  sind,  nicht  für  die  Richtigkeit  aller 
Zitate  einstehen;  denn  ich  habe  sie  nur  teilweise  verifiziert. 

4.  Hueline  et  Aiglantine,  herausgegeben  von  Meon  im  Nouveau 
recueil  de  fabl.  et  contes,  Bd.  I,  Paris  1823. 

5.  La  geste  de  Blancheflour  et  Florence,  herausgegeben  von 
P.  Meyer,  Romania,  Bd.  37,  1908,  S.  224  ff. 

6.  Melior  et  Ydoine,  ebenfalls  von  P.  Meyer,  Romania  1908, 
S.  237  ff.  herausgegeben. 

Es  folgen  zwei  erotische  allegorische  Lehrgedichte,  die 
das  Motiv  des  Debat  nur  noch  nebenher  und  als  fernen  Anklang 
verwenden : 

7.  Li  fablel  dou  Dieu  d' Amors,  veröffenthcht  von  A.  Jubinal, 
Paris  1834  und  eine  wenig  davon  abweichende  Dichtung: 

8.  Venus,  la  deesse  d'Amour,  herausgegeben  von  W.  Foerster, 
Bonn  1880,  von  der  uns  der  Verf.  übrigens  nur  eine  prosaische 
Inhaltsangabe  mit  poetischen  Textproben  gibt. 

Oulmont  hat  sich  nun  aber  nicht  mit  einfacher  Repro- 
duktion der  gedruckten  Texte  begnügt;  er  hat  sich,  fast  bei  allen 
Stücken,  die  Mühe  genommen,  auf  die  Handschriften,  soweit 
sie  ihm  erreichbar  waren,  zurückzugelien  und  durch  Kollation 
mit  den  modernen  Drucken  seine  Texte  zu  verbessern.  Leider 
sind  bei  diesem  höchst  lobenswerten,  tief  gründhchen  und  allen 
textkritischen  Vorgängern  mißtrauenden  Verfahren,  die  Texte, 
Nvenigstens  diejenigen,  die  ich  kontrolliert  habe,  nicht  etwa 
sicherer  und  klarer,  sondern  sehr  viel  fehlerhafter  und  unver- 
ständlicher geworden.  Der  Herausgeber  arbeitet  im  Prinzip 
mit  der  peinHchsten  Schärfe  und  Genauigkeit,  in  Wirklichkeit 
aber  mit  unverzeildicher  Nachlässigkeit  und  Gedankenlosigkeit. 
Der  philologische  Apparat,  der  hier  in  Varianten  und  Anmer- 
kungen sich  ausbreitet,  ist  wohl  nur  dazu  da,  um  dem  arglosen 
Leser  und  dem  oberflächliclien  Kritiker  ein  gehöriges  Wrtrauen 
einzuflößen;  womit  denn  freilich  eine  seiner  wichtigsten  Funk- 
tionen vom  Verf.  richtig  erkannt  und  ebenso  zweckmäßig  ge- 
mißbraucht wäre.  Es  ist  mir  übrigens  nicht  gelungen,  zu  ent- 
scheiden, ob  der  Verf.  mit  seinen  textkritischen  Künsten  nur 
uns  oder  am  Ende  auch  sich  selbst  etwas  vorgemacht  hat;  ob 
Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIXV*.  2 


18  Referate  und  Rezensionen.     Karl   Vossler. 

er  Spekulant  oder  Opfer  ist,  oder,  da  man  in  solchen  Fällen  immer 
beides  zugleich  zu  sein  pflegt,  ob  er  eher  das  eine  als  das  andere 
—  oder  umgekehrt  —  ist. 

Der  erste  Text  und  namentlich  dessen  französische  Prosa- 
übersetzung, sprechen  für  die  zweite  Auffassung;  denn  liier  gibt 
der  Verf.  sich  die  offenkundigsten  Blößen.  Nur  einige  wenige 
Beispiele!  Die  Verse,  die  nach  der  falschen  Zählung  Oulmonts 
als  133  und  134  bezeichnet  werden  müßten,  lauten  bei  Waitz: 
Quotquot  oblectamina  viro  debet  femina, 
Idem  proposuimus  et  voto  firmavimus. 
Die  Hs.  schreibt  (^irgo  für  PiVo,  was  Oulmont  nicht  erwähnt;  er 
übernimmt  stillschweigend  die  Waitzische  Korrektur.  Vom 
folgenden  Verse  aber  behauptet  er,  er  enthalte  in  der  Hs.  vero 
(statt  pofo,  was  ich  mit  Rücksicht  auf  Waitz'  Stillschweigen 
bezweifle)  und  Waitz  schreibe  dafür  (^oro  (!);  er  selbst  setzt  in 
seinem  Text  {'ero.,  überträgt  aber:  ,, teile  est  notre  resolution, 
et  nous  l'avons  confirme  par  un  voeii."  —  Es  dürfte  schwer  sein, 
mit  einfacheren  Mitteln  und  auf  kleinerem  Raum  eine  größere 
Verwirrung  zu  bewerkstelligen.  Am  Schluß  des  Bandes  stehen 
über  fünf  engbedruckte  Seiten  Addenda  et  errata,  wo  man  über 
diesen  wie  noch  über  viele  andere  Punkte  vergeblich  nach  Auf- 
klärung sucht.  —  Vers  171  lautet  in  der  Hs. :  Nee  si  peccent  ainplius 
usw.,  bei  Waitz  richtig  korrigiert:  ne  sie  peccent  amplius,  bei 
Oulmont  aber  ne(c)  sie,  nicht,  wie  man  erwarten  sollte:  ne(c) 
sifcj.  Den  unverständlichen,  völlig  verdorbenen  Vers  219: 
Lima  dies  celebris  trahat  vos  de  tenebris  reproduziert  und  übersetzt 
der  Verf.,  ohne  mit  der  Wimper  zu  zucken:  „Que  la  liine,  que 
le  jour  brillant  se  changent  pour  vous  en  tenebres." !  Die  nächst- 
liegende Korrektur  wäre  wohl,  statt  Luna,  nulla  zu  schreiben.  — 
Ein  neckisches  Spiel  wird  mit  Punkten,  Strichpunkten,  Bei- 
strichen und  Anführungszeichen  getrieben,  wobei  die  fran- 
zösische Übersetzung  meist  einen  andern  Weg  geht  als  der  latei- 
nische Text.  Diese  Übersetzung  wäre  besser  unterbUeben,  wie 
man  aus  der  folgenden  Kraftprobe  ersehen  mag: 
Qui  Student  mihcie  nobis  sunt  memoriae, 
eorum  et  milicia  placet  et  lascivia. 

Ceux  qui  s'exercent  au  metier  des  armes  sont  dans  notre 
Souvenir.     Ils  aiment  la  guerre  et  le  plaisir. 

Die  folgenden  Texte,  obgleich  nicht  frei  von  offensichtlichen 
Druckfehlern  und  Versehen,  scheinen  etwas  besser  behandelt 
zu  sein.  Näher  habe  ich  nur  noch  die  Stücke  5  und  6  mit  der 
Ausgabe  P.  Meyers  verglichen.  Dabei  hat  sich  gezeigt,  daß 
der  Kommentar  immer  nur  dort  gut  ist,  wo  er  P.  Meyrr  repro- 
duziert und  daß  die  Streichungen  sowohl  wie  die  Zusälze  meist 
eine  Verschlechterung  bedeuten.  —  Mit  welcher  Eilfertigkeit 
der  Druck  der  Texte  besorgt  wurde,  mag  man  schließhch  noch 


Oulmonl,  Charles.  Les  Debats  du  Clerc  et  du  Chevalier  etc.     19 

aus  der  Unordnung  in  den  Seitenüberschriften  p.  107—121  und 
157—222  ersehen. 

Nicht  viel  günstiger  ist  der  Eindruck,  den  die  literarhistorische 
Untersuchung  (S.  1—52)  macht.  Guter  Wille,  ausgebreitete 
Kenntnisse  und  ein  ge\\isser  geschäftiger  Fleiß  dürfen  weder 
hier  noch  dort  verkannt  werden;  aber  es  fehlt  die  Gründlichkeit 
und  das  Verständnis  für  hterarhistorische  Fragen.  Anstatt  die 
einzelnen  Gedichte,  Stück  für  Stück,  und  zunächst  einmal  jedes 
für  sich  in  seiner  geschichtliclien  Besonderheit  und  Einzigartig- 
keit zu  betrachten,  zerlegt  sie  der  Verf.  gleich  alle  zusammen 
in  einen  Rahmen,  in  einen  Inhalt  (Debat)  und  in  eine  Reihe  von 
Einzelmotiven.  Diese  zerschnittenen  Glieder  ordnet  er  dann 
in  der  Weise  zusammen,  daß  die  teilweisen  Älmlichkeiten  der 
verschiedenen  Gedichte  auf  gemeinsame  Ursprünge  zurück- 
geführt werden.  ÄhnUche  Maschinenteile,  scheint  er  sich  gesagt 
zu  haben,  wenn  sie  auch  in  den  einzelnen  Mechanismen  ver- 
schieden funktionieren,  stammen  aus  gemeinsamer  Fabrik.  „Le 
cadre  est  utile  aux  poetes,  et  devait  plaire  ä  leurs  lecteurs:  sans  ce 
cadre,  peut-etre  an  n'eüt  pas  goüte  le  debat.  Celui-ci  prend  gräce 
ä  celui-lä  les  allures  d'un  conte.  Mais  il  importe  de  n'etre  pas 
dupe  du  procede,  et  de  faire  avec  nettete  la  part  des  deux  elements.'- 
So  wird  denn  nach  dem  Wahlspruch:  Man  darf  sich  vom  Dichter 
nicht  nasführen  lassen,  denn  dieser  ist  ein  Dieb!  die  Quellen- 
Forschung  betrieben. 

Dabei  wird  die  Entdeckung  gemacht,  daß  das  Motiv  des 
Rahmens,  nämUch  die  Frühlingslandschaft  als  Szene  für  das 
Liebesgespräch,  zum  erstenmal  im  holien  Lied  zur  Verwendung 
kommt.  „Ainsi,  das  Vorigine,  le  printemps,  la  nature,  le  ferger 
servent  de  cadre  au  poeme  de  l'amour";  —  ferner,  daß  die  Schilde- 
rung des  goldenen  Zeitalters  der  antiken  Dichter  mit  der  Dar- 
stellung des  irdischen  Paradieses  der  christlichen  zusammen- 
geflossen ist  und  was  dergleichen  gelehrte  Trivialitäten  mehr 
sind.  Man  darf  sich  gratulieren,  daß  der  Verf.  die  religions-  und 
liLerarhistorischen  Beziehungen  zwischen  Ostern,  Pfingsten  und 
den  heidnischen  PVühlingsfesten  zu  verfolgen  vergessen  hat. 
Denn  er  liebt  es,  gerade  den  allgemeinsten,  fernsten,  abstrak- 
testen und  blassesten  Beziehungen  durch  alle  Länder  und  Jahr- 
hunderte nachzugehen. 

Unter  dem  Vorwand  *hM-  weitgehendsten  und  gründlichsten 
Quollenforscliung  gelingt  es  ihm,  unbeliclligt  und  glatt  an  den 
wahren,  besonderen  und  eig(>nlliclien  Fragen  seines  Gegen- 
standes    vorbeizukommen. 

Der  Streit  zwischen  Ritter  und  Kleriker  winl  durch  eine 
umständliche  allgemein.»  Selühh'rung  der  Sitten  des  abendlän- 
dischen Klerus  im  Mittelalter  beleuchtet.  Ein  großes  Aufgebot 
von  Dokumenten,  die  der  Verf.,  wenn  er  die  bekanntesten  kultur- 
historischen Arbeiten  zu  Rate  gezogen  hätte,  sich  ersparen  konnte. 

2* 


20  Rejerale  und  Rezensionen.      Walther   K Hehler. 

Es  kommt  ihm  aber  darauf  an,  urkiindlicli  fest  zu  legen,  dal.» 
z.  B.  en  Allemagne,  les  der  es  aiment  les  jeunes  jilles  comme  en 
France  (S.  33)  u.  dgl.  Von  dem  ganzen  Absehnitt  ,,/e  Clerc  et 
le  Chevalier"  gehören  nur  etwa  die  1V2  letzten  Seiten  (37  f.) 
zur  Sache. 

Nach  all  dem  ist  es  nicht  zu  v(>r\vund(!rn,  wenn  auch  das 
dritte  literarhistorische  Kapitol  (le  debut)  keine  sonderlichen 
Ergebnisse  bringt  und  nur  äußerlich  beschreibend  und  verglei- 
chend um  die  Dinge  herumgeht.  Erst  im  4.  Kapitel  entschließt 
sich  der  Verf.  den  einzelnen  Gedichten  auf  den  Leib  zu  rücken. 
Er  bemüht  sich  um  eine  nähere  Datierung  des  1.  Stückes.  Daß 
dabei  der  päpstliche  Erlaß  vom  17.  März  1151  gegen  die  Abtei 
von  Remiremont  als  beweiskräftige  Stütze  dienen  kann,  muß 
ich  bezweifeln.  Vor  allem  aber  sollte  man  sich  hüten,  das  Datum 
des  ersten  Stückes  mit  dem  des  zweiten  in  Verbindung  zu  bringen. 
Das  erste  scheint,  wie  der  Verf.  das  Verdienst  hat,  wahr- 
scheinlich gemacht  zu  haben,  auf  lokale  und  persönliche  Ver- 
hältnisse anzuspielen,  und  wir  dürfen  es  mit  einigem  Recht  viel- 
leicht  in  die  Mitte  des  12.  Jahrhunderts  und  in  die  Nähe  von 
Remiremont  legen;  das  zweite  Stück  aber,  die  entzückende 
Altercatio  Phyllidis  et  Florae  schwebt  immer  noch  als  ein  duftiges 
poetisches  Rätsel  über  Zeit  und  Raum.  Die  Bemühungen  fran- 
zösischer Gelehrter,  dieses  Kleinod  für  sich  zu  gewinnen  un<l 
als  ein  Erzeugnis  ihrer  höfischen  Dichtung  erscheinen  zu  lassen, 
überreden  mich  nur  zur  Hälfte.  Mögen  immerhin  sich  Berührungs- 
punkte mit  der  höfischen  Epik  Frankreichs  annehmen  lassen, 
so  ist  darum  das  Gedicht  noch  lange  nicht  ,^courtois  ä  la  fagon 
des  poemes  d'amour  qiii  furent  ecrits  en  France  dans  la  seconde 
moitie  du  XIP  siede."  Jakob  Burckhardt,  dessen  künstlerischem 
Spürsinn  ich  mehr  glaube  als  der  alexandrinischen  Zettelgelehr- 
samkeit von  heute,  schrieb  im  Jahre  1860  von  der  Phylüs:  ,,Hier 
ist  eine  Renaissance  der  antiken  Weltanschauung,  die  nur  um  so 
klarer  in  die  Augen  fällt  neben  der  mittelalterlichen  Reimform." 

Das  Kapitel  über  Sprache  und  Vers  der  französischen  Texte 
bringt  w^enig  Nennenswertes  und  hätte  sich,  angesichts  seiner 
fragmentarischen,  okkasionellen  und  sekundären  Natur,  etwas 
bescheidener  und  sehr  viel  bequemer  in  der  Form  von  Anmer- 
kungen unter  den  jeweiligen  Texten  ausgenommen. 

München.  Karl  Vossler. 


Heyl,  Karl.  Die  Theorie  der  Minne  in  den  ältesten  Minne- 
romanen Frankreichs.  Marburger  Beiträge  zur  romanischen 
Philologie,  herausg.  von  Eduard  W  e  c  h  s  s  1  e  r.  Heft 
IV,  Marburg  a.  d.  Lahn,  1911.  Verlag  von  A.  Ebel.  8». 
XII  +  209  S.    5.50  Mk. 


HeyU  I^arl.  Die  Theorie  d.  Minne  i.  d.  alt.  Minnerom.  Frankr.   2 1 

Auf  der  Grandlage  von  Wechsslers  Buch  ,,Das  Kultur- 
problem des  Minnesangs"'^)  erhebt  sich  die  Arbeit  von  Heyl  ,.Die 
Theorie  der  Minne  in  den  ältesten  Minneromanen  Frankreichs". 
Mit  einer  Vertrauensseligkeit,  die  rührend  zu  nennen  wäre,  stände 
sie  einem  wissenschaftlichen  Arbeiter  nicht  gar  übel  an,  hat 
sich  der  seinem  Thema  ganz  und  gar  nicht  gewachsene  Schüler 
in  die  zwar  wohldurchdachten,  aber  z.  T.  sehr  anfechtbaren  und 
angefochtenen  Meinungen  seines  Meisters  hineingelebt,  hat  er 
rein  äußerUch  und  unbeholfen  auch  die  Methode  des  Lehrers 
nachzuahmen  versucht  und  so  das  schlimme  Zerr-  und  Trugbild 
einer  wissenschafthchen  Untersuchung  geliefert,  das  nunmehr 
als  viertes  Heft  der  Marburger  Beiträge  zur  romanischen  Philologie 
vorliegt. 

Wechssler  hatte  in  seinem  Buche  zu  zeigen  versuclit,  daß 
der  höfische,  zuerst  in  Südfrankreich  entwickelte  Frauendienst 
sich  in  innerem  Widerstreit,  ja  in  bewußter  Opposition  gegen 
die  männlich-kriegerische  Weltanschauung  der  Ritterschaft  her- 
ausgebildet habe.  Auch  nachdem  die  Adehgen  ihn  einmal  ange- 
nommen hätten,  wäre  er  doch  stets  ein  fremdes  Reis  auf  dem 
Stamme  ritterlicher  Lebensart  gebheben. 

Die  Vorstellung  des  Lehrers  von  einem  Gegensatze  zwischen 
frauenhaft-höfischer  zu  männlich-ritterlicher  Weltanschauung 
setzt  sich  nun  in  der  Anschauung  des  Schülers  um  zu  der  fixen, 
die  ganze  Untersuchung  beherrschenden  Idee  von  dem  Gegen- 
satze einer  kriegerischen,  ritterlichen,  männhchen  Kultur  des 
französischen  Nordens  zu  der  friedlichen,  höfischen,  frauen- 
haften Kultur  des  Südens.  Im  Norden  waren  Tapferkeit  und 
Ehre  die  Ideale  der  Ritter,  im  Süden  Minne  und  Frauendienst 
die  Ideale  der  dem  Ritterstande  fernorstehonden  Troubadoure. 
Den  Provenzalen  lag  Abentouerfahrt  und  Waffenfehde  fern, 
während  die  Nordfranzosen  sie  liebten. 

Daß  diese  Vorstellung  hinfällig  ist,  braucht  nicht  erst  dar- 
getan zu  werden.  Sie  widerspricht  allen  geschichtlichen  Tat- 
sachen, wie  jedermann,  der  sich  mit  diesen  Fragen  beschäftigt, 
aus  dem  Studium  der  wirklichen  Verhältnisse  und  auch  aus  der 
Dichtung  der  Troubadours  wissen  sollte. 

Wenn  man  von  Unterschieden  in  der  Zivilisation  des  Nordens 
und  des  Südens  sprechen  will,  so  muß  man  sich  zunächst  einmal 
über  die  gemeinsame  Basis  der  gesellschaftlichen  Organisation 
und  üb(n'  die  Gemt'inschaflliclikeit  in  den  allgemeinen  Anscliau- 
ungen  von  Welt  und  Leben,  über  die  Gleichföiinigkeit  des  stndi- 
schen  Erlebens  der  in  Frage  kommenden  Mejischenschichten 
klar  worden,  ehe  man  es  unternimmt,  nun  die  besonderen  kultu- 
rellen Verhältnisse  zu  ergründen,  die  wirklich  den  Menschen  des 
Nordens  von  dem  des  Südens  unterschieden  und  geeignet  sein 


1)  Band  I  Minnesang  und  Christentum.     Halle  a.  S.  1909. 


22  Referate  und  Rezensionen.     ^Valther  Küchler. 

konnten,  hier  oder  dort  eigenartige  Lebens-  und  Kunstformen 
zu  erzeugen. 

Solche  unerläßliche  Vorfragen  kennt  der  Verfasser  nicht. 
Für  ihn  gibt  es  ohne  weitere  Beweisfülirung  zwei  wesensverschie- 
dene Kulturen  in  Frankreich,  die  ritterliche  des  Nordens  und  die 
liöfische-frauenhafte  des  Südens.  Was  den  Süden  angclit,  so 
vergißt  er  ganz,  daß,  wenn  es  im  Süden  keine  spezifisch-ritter- 
liche Weltanschauung  gab,  es  auch  keinen  Gegensatz  der  höfisch- 
frauenhaften Bildung  zu  ihr  geben  konnte. 

Also,  der  Minnedienst  kam  nach  dem  Norden,  und  es  ergab 
sich,  da  dort  eben  ganz  andere  Verhältnisse  obwalteten,  ein  Zu- 
sammenstoß der  südlichen  Bildung  mit  der  des  Nordens.  Es 
kam  zu  einem  Konfhkt,  es  kam  zu  einer  Synthese.  Der  Zusammen- 
stoß der  beiden  Kulturen  zeigt  sich  im  höfischen  Epos.  Der  Ver- 
fasser gibt  als  seine  Aufgabe  an,  zu  zeigen,  wie  in  dieser  Synthese 
nord-  und  südfranzösische  Auffassung  teils  unvermittelt  aufein- 
ander stießen,  teils  zu  einem  neuen  Ganzen  verschmolzen  worden 
sind.^) 

Wie  es  mit  der  Lösung  dieser  Aufgabe  bestellt  ist,  wird  die 
kritische  Betrachtung  der  Arbeit  zeigen.  Hier  sei  zunächst  fest- 
gestellt, daß  der  Konflikt,  wie  ihn  der  Verfasser  sich  vorstellt, 
überhaupt  nicht  besteht.  Es  stießen  gar  nicht  zwei  verschiedene 
Kulturen  aufeinander.  Es  hatte  sich  nur,  zeitlich  zuerst  im 
Süden,  aus  dem  Rittertum  heraus,  als  eine  ihm  eigene,  aus  seiner 
Verfassung  heraus  verständhche  Lebensäußerung  der  Frauen- 
dienst und  als  literarische  Form  die  Minnedichtung,  in  ge\\-issem 
Zusammenhang  mit  gelehrten  Einflüssen  vermutlich,  ent\\ickelt. 
Es  war  eine  geistige  Bewegung,  eine  Mode,  Ernst  und  Spiel  inner- 
halb des  Standes,  sie  erzeugte  keine  anderen  Konfhkte  als  solche, 
die  jede  Entwicklung  für  jeden  Organismus  beständig  mit  sich 
bringt,  Konfhkte  als  Bedingung  der  Entwicklung.  Dieser  neue 
Erwerb  des  südhchen  Rittertums  traf  auf  das  nördliche  und  fand 
sogleich,  ohne  die  allergeringsten  Schwierigkeiten  bei  ihm  Ein- 
gang, als  in  ein  ähnhchen  Lebensbedingungen  unterworfenes 
Milieu.  Er  traf  auf  vorbereiteten  Boden;  denn  an  der  allge- 
meinen Herausbildung  des  feudalen  Barons  zum  Ritter  nahm 
der  Norden  so  gut  w^e  der  Süden,  höchstens  etwas  langsamer, 
Anteil. 

Konflikte  gab  es  nicht  zwischen  zwei  Kulturen.  Konfhkte 
nicht  zwischen  Norden  und  Süden,  nicht  zwischen  Ritterart  und 


2)  S.  8.  Als  Anmerkung  zu  der  Bestimmung  seiner  Aufgabe  fügt 
Verf.  hinzu:  ,,Den  Nachweis  dieser  Entwicklung  wird  E.  Wechssler 
im  2.  Band  seines  Kulturproblems  zu  bringen  suchen."  Wenn  dem 
so  ist,  welchen  Zweck  hat  dann  noch  seine  eigene  Arbeit?  Oder  liegt 
der  Nachdruck  auf  dem  Worte  Entwicklung  ?  Dann  hätte 
er  doch  mit  seiner  Arbeit  über  die  Synthese  besser  gewartet,  bis  die 
Darstellung  über  die  Entwicklung  bis  zu  der  Synthese  erschienen  wäre. 


Heyl.  Karl.  Die  Theorie  d.  Minne  i.  d.  alt.  Minnerom.  Frankr.  23 

Frauendienst.  Wenn  es  Konflikte  gab,  so  konnten  sie  im  Süden 
so  gut  wie  im  Norden  entstehen.  Zu  allen  Zeiten  und  aller  Orten 
haben  sich  KonfUkte  ergeben  zwischen  den  Gefühlen  der  Liebe 
und  der  Pfhcht,  zwischen  persönUcher  Leidenschaft  und  allge- 
meiner Sitte.  Stets  und  stets  sind  Handlungen  der  Menschen 
aus  Liebe  in  Konfhkt  geraten  mit  bestehenden  sozialen  Einrich- 
tungen, mit  Anschauungen  über  Recht  und  Schicklichkeit.  Nicht 
immer  bleiben  die  Erregungen,  die  das  Liebesgefühl  im  Innern 
des  Menschen  loslöst,  in  vollkommener  Harmonie  mit  den  übrigen 
Kräften  seines  Wesens,  mit  den  Idealen,  die  ihm  teuer  sind. 

Es  ist  also  durchaus  nichts  Verwunderliches,  daß  gelegentlich 
das  Gefühl  der  Ehre  und  Tapferkeit  in  KonfUkte  mit  der  Minne 
geriet;  dann  nämhch,  wenn  das  eine  dieser  Gefühle  nur  auf  Kosten 
des  andern  sich  behaupten  oder  in  Taten  umsetzen  konnte.  Mit 
dem  Zusammenstoß  einander  fremder  Weltanschauungen  hat 
ein  solcher  Konfhkt  nichts  zu  tun.  Der  Grund  der  Konflikte 
liegt  in  individueller  Veranlagung,  in  der  Verwickelung  eigen- 
artiger Umstände,  in  der  Entstehung  von  Zwangslagen,  die  eine 
Entscheidung  in  der  oder  jener  Richtung  fordern,  er  liegt  in  der 
Möghchkeit,  daß  die  Wünsche  des  Herzens  den  Geboten  der 
Pflicht  gegenübertreten,  und  was  derartige  Gründe  mehr  sein 
mögen  im  wechselvollen  Spiel  und  Ernst  des  mit  Konflikten 
geladenen  Lebens. 

Der  Verfasser  jedocii  kennt  nur  Weltanschauungsgegonsätze 
und  stellt  sich  die  Entscheidung  so  vor,  als  ob  eine  Zeit  lang  im 
Norden  das  Gefühl  für  Ritterehre  noch  lebendig  blieb,  daß  dann 
aber  allmählich  die  Liebe  als  Siegerin  aus  dem  Ringen  hervor- 
ging, um  in  kurzer  Frist,  stufenweise,  mit  dem  immer  mehr  sich 
vertiefenden  Seelenleben,  zu  höchster  Macht  sich  zu  eriioben. 
Widerstrebend  im  Kampfe  sei  die  ältere,  ritterliche  Weltan- 
schauung erlegen.  Das  Rittertum  ging  schließlich  im  Fraueu- 
dienst  auf  (p.  4).  Eine  ganz  unmögliche  Vorstellung,  daß  Ritterart 
und  Liebe  nicht  nebeneinander  hätten  bestehen  können.  Wie 
wenig  tief  übrigens  dem  Verfasser  diese  seine  Entwicklungs- 
konstruktion im  Bewußtsein  sitzt,  beweist  der  Umstand,  daß 
er  ein  paar  Seiten  später  einen  ganz  antlenm  Ausweg  gefunden 
hat.  Er  sagt  dort:  Das  Verhalten  der  Ritter  zu  Frau<>nliebe 
endete  schließlich  in  zweierlei.  Entweder  siegt  ritterliches  Wesen 
in  der  Seele  des  minnenden  Ritters  oder  der  Ritter  geht  in  der 
Liebe  auf.  Zwisch(>n  diesen  zwei  Idealen  schwankte  das  Ritter- 
tum, wie  es  wirkhch  war,  hin  und  iier. 

Wie  es  wirklich  war!  Wo  liat  der  Verfasser  sich  über  das 
Rittertum,  wie  es  wirklich  war,  unterrichtet  ?  Nur  aus  einigen 
wenigen  höfischen  Romanen  hat  er  seine  Kenntnis  von  der  Wirk- 
lichkeit gezogen.  Aus  dem  Verhalten  von  Romanhelden  wie 
Erec  und  Lancelot,  ausschließlich  aus  tiem  Phantasieleben  von 
Geschöpfen  der  Dichtung  will  er  Schlüsse  ziehen  auf  die  Welt- 


24  Referate  and  Rezensionen.     Walther  Küchler. 

anschauung  und  das  Verhalten  des  Ritterstandes  in  bezug  auf 
Liebe  und  Ehre.  Oder,  noch  deutlicher,  beständig  gehen  ihm 
im  Verlaufe  seiner  Arbeit  Wirklichkeit  und  Dichtung,  Leben  und 
Spiel  durcheinander.  Hier  und  da  kommt  ihm  wohl  einmal  das 
Bewußtsein,  daß  er  zwei  Welten  vor  sich  hat,  deren  Beziehungen 
zu  einander  sorgfältig  untersucht  werden  müßten,  um  zu  haltbaren 
Schlüssen  zu  gelangen,  aber  nie  hat  er  die  Konsequenzen  aus 
dieser  ihm  gelegentlich  dämmernden  Ahnung  für  seine  Forschung 
gezogen.  Im  allgemeinen  hält  er  sich  an  die  Dichtungen  und 
stellt  auf  seine  Weise  fest,  in  welcher  Art  in  ihnen  die  Synthese 
von  ritterlicher  Kultur  des  Nordens  und  höfisch-frauenhafter 
des  Südens  zum  Ausdruck  kommt.  Und  zwar  gelangt  er  zu 
folgendem,  auf  S.  9  vorweggenommenen  Resultat:  Es  haben 
überwogen  südfranzösische  Buhlschaft  im  Lancelot  und  in  der 
Flamenca.  Nordfranzösische  Ehe  in  Erec,  Cliges,  Yvain  und 
in  den  Romanen  des  Gautier  von  Arras.  In  der  Mitte  steht  als 
Übergang  zu  nordfranzösischer  Dichtung  mit  ritterlicher  Auf- 
fassung,  aber  südfranzösischer   Buhlschaft  der  Tristan. 

Dieses  höchst  verblüffende  Ergebnis  schlägt  nun  allen  Aus- 
führungen auf  den  wenigen  vorhergehenden  Seiten  wie  den 
späteren  Auseinandersetzungen  glatt  ins  Gesicht.  Wenn  der 
Verfasser  vorher  von  Minne  sprach,  so  meinte  er  doch  immer 
jene  höhere  Auffassung  von  Liebe,  welche  nach  Wechssler  hervor- 
ragende Fürstinnen  Südfrankreichs  im  Bunde  mit  begabten, 
höfischen  Sängern  ihren  ritterlichen,  männlich-rohen  Standes- 
genossen allmählich  beigebracht  hatten.  Und  diese  Minne  der 
„dem  Rittertum  ferner  stehenden  Troubadours"  mit  all  ihren 
unsinnlichen,  dem  Geiste  des  Christentums  entlehnten  Attributen 
ist  nun  auf  einmal  „südfranzösische  Buhlschaft"  geworden.  Und 
solche  Buhlschaft  hätte  erst  den  nordfranzösischen  Rittern  ge- 
lehrt werden  müssen?  Da  mußten  sie  sich  erst  widerstrebend 
einer  neuen,  importierten  Weltanschauung  fügen  ?  Ihre  Welt- 
anschauung erlaubte  ihnen  keine  Buhlschaft?  Nach  des  Ver- 
fassers Ansicht  nicht.  Erec,  CUges,  Yvain,  Ille  und  andere 
kannten  nur  die  Ehe.  Aber  Cliges  trieb  vor  der  Ehe  doch  auch 
ein  wenig  Buhlscliaft. 

Der  Tristan  ist  ein  Übergang.  Zu  nordfranzösischer  Dichtung. 
Ein  Übergang  von  w^oher  ?  Warum  zu  nordfranzösischer  Dichtung  ? 
Etwa  weil  Tristan  Isolde  Weisshand  ehelicht?  Ein  Übergang 
mit  ritterUcher  Auffassung.  Wovon?  Ein  Übergang,  mit  süd- 
französischer Buhlschaft.  Ist  also  der  Kern  der  Tristansage 
südfranzösischen  Ursprungs?  Oder  handelt  es  sich  nur  um  den 
Tristan  des  Thomas  ?  Oder  des  Beroul  ?  Oder  des  Prosaromans  ? 
Oder  des  unbekannten  Verfassers,  ohne  dessen  Gedicht,  nach 
Bedier,  alle  anderen  uns  bekannten  Tristan-Dichtungen  nicht 
zu  denken  sind  ?  Genug  der  Fragen.  Ein  Narr  fragt  mehr,  als 
zehn  Weise  beantworten  können.     Soviel  geht  aber  sicher  aus 


Heyl.  Karl.  Die  Theoried.  Minne  i.  d.  alt.  Minnerom.  Franhr.  25 

den  vielen  Fragen  hervor:  Der  Verfasser  ist  sich  nicht  klar  über 
den  Begriff,  dessen  Theorie  im  Minneroman  er  behandeln  will. 
Und  so  kann  die  Verwirrung  niclit  ausbleiben,  wie  gleich  ersichtlich 
wird.  

Die  Troubadour-Auffassung  der  Minne  konnte,  so  heißt  es, 
nicht  unverändert  von  den  Rittern  übernommen  werden.  Das 
Verhältnis  des  Ritters  zur  Geliebten  war  natürlich,  das  des  Trou- 
badours unnatürlich.  Der  dem  Troubadour  etwa  zuteil  werdende 
Lohn  freundlicher  Blicke  genügte  dem  Ritter  nicht.  Wenn  sich 
im  höfischen  Epos  der  Ritter  von  so  kargen  Gunstbezeugungen 
befriedigt  und  entzückt  zeigt,  so  wundert  uns  das;  denn  es  paßte 
nicht  in  den  Lebenski'eis.  Doch  diese  Verwunderung  des  Ver- 
fassers über  die  Genügsamkeit  des  Ritters  legt  sicli  schnell; 
denn  er  stellt  fest,  daß  nur  ein  Teil  der  Ritter  genügsam  ist, 
nämhch  allein  in  der  südfranzösischen  Dichtung.  Lancelot  und 
Flamenca  sind  die  einzigen  Romane,  in  denen  anfangs  dieser 
geistige  Minnesold  den  Ritter  befriedigen  muß. 

Bisher  hat  die  Dichtung  von  Lancelot  noch  nicht  als  ein 
südfranzösisches  Werk  gegolten.  Ebenso  ist  es  unrichtig,  daß 
Lancelot  sich  anfangs  mit  geistigem  Minnosold  begnügt.  Lancelot 
ist  aus  Liebe  zur  Königin  zu  allem  fähig,  er  würde  sich  auch 
mit  dem  kärgsten  Lohn  begnügt  haben.  Aber  in  dem  ersten 
AugenbUcke,  da  er  sich  ihr  nahen  darf  und  von  ihr  freundlich 
aufgenommen  wird,  bittet  er  um  eine  geheime  Zusammenkunft. 
Und  ohne  allzu  große  Schwierigkeiten  gewährt  ihm  die  Königin 
die  realsten  Liebesfreuden.  Wer  weiß,  ob  überhaupt  zum  ersten- 
mal; denn  über  die  Beziehungen  der  beiden  Liebenden  vor  dem 
Beginn  der  eigentlichen  Romanerzählung  wissen  wir  nichts. 
Doch  hindert  uns  niclits,  sie  uns  so  intim  wie  möglich  zu  denken. 
Da  im  Roman  die  Liebenden  anfangs  räumlich  getrennt  waren, 
so  mußte  sich  Lancelot  wolil  oder  übel  anfangs  mit  Nichts  oder 
mit  seiner  Sehnsucht  und  Verzückung  begnügen.  Weitere  Be- 
<leutung  hat  dieses  ,, anfangs"  nicht. 

Ebenso  ist  es  mit  <ier  Flamenca.  Nichts  Geistiges  befriedigt 
Rittersmann  wie  Rittersfrau.  Beide  streben  von  Anfang  an  nach 
realer  Befriedigung  ihi'er  Liebe.  Das  wird  ilinen  durch  die  strenge 
Haft  der  Dame  sehr  erscliwert.  Wochen  und  Monate  können 
sie  sich  nur  während  der  Messe  sehen,  und  nur  einer  von  ihnen 
kann  in  schneller  Heimlichkeit  ein  oder  zwei  Worte  zum  anderen 
sprechen.  Und  dieser  Verkefu'  hat  als  Hauptzweck,  die  ungestörten 
Stunden  ihres  Beisammenseins,  in  denen  dann  der  überlistete 
Gatte  betrogen  wird,  vorzubereiten.  Wenn  sie  sich  so  lange 
an  BUcken  und  verstohlenen  Berührungen  genügen  lassen,  so 
geschieht  das  durch  Zwang,  beruht  auf  keiner  hohen,  spirituellen 
Liebesauffassung.  Es  ist  ganz  töricht,  die  Flamenca  in  Gegensatz 
zu  Epen  zu  setzen,  in  denen  das  Endziel  das  Ausleben  heißen 


26  Referate  und  Rezensionen.      Wallher  Küchler. 

Verlangens  ist.  Das  ist  gerade  in  der  Flamenca  der  Fall.  Es  ist 
überhaupt  töricht,  immer  Flamenca  und  Lancelot  als  zusammen- 
gehörige Gruppe  den  anderen  Epen  gegenüberzustellen.  Die 
Berührungspunkte  zwischen  diesen  beiden  Romanen  sind  nur 
solche,  wie  sie  auch  zwischen  anderen  höfischen  Romanen  vor- 
handen sind  und  in  der  Darstellung  des  neuen  schwärmerischen 
Liebesideals  ihren  Grund  haben.  Das  beiden  Romanen  ge- 
meinsame Element  des  Eliebruchs  spielt  doch  in  ihnen  eine 
ganz  verschiedene  Rolle.  Der  Gatte  in  Chretiens  Gedicht  ist  so  gut 
wie  nicht  vorhanden,  ähnlich  wie  später  in  der  Chastelaino  de  Vergi. 
Es  handelt  sich  nur  um  Guenievre  und  Lancelot,  um  ihre  An- 
sprüche an  ihn  und  seine  blinde  Ergebenheit  in  ihren  Willen. 
Das  von  der  Frau  gestellte  Thema:  Bis  zu  welchem  Grade  geht  die 
Macht  der  gehebten  Herrin  über  ihren  liebenden  Sklaven  wird 
an  einer  Reihe  von  Beispielen  erschöpft.  Ihre  Macht  ist  unbe- 
schränkt, lautet  die  Lösung  der  Aufgabe.  In  der  Flamenca 
haben  wir  das  konventionelle  Thema  der  Überlistung  des  zunächst 
ohne  allen  Grund  eifersüchtigen  Ehemanns,  der  gerade  durch 
die  sinnlose,  strenge  Abschließung  der  Frau  von  aller  Welt  zum 
Hahnrei  wird.  Ein  Thema,  das  die  Flamenca  mit  der  Liebes- 
geschichte des  Eracle  von  Gautier  d'Arras  deutlich  verbindet. 
Was  über  dieses  Thema  hinaus  im  Flamenca- Roman  an  Theorien 
über  die  höfische  Liebe  steckt,  das  ist,  gerade  wie  im  Eracle,  äußer- 
licher Zierrat,  Verbrämung,  Verschnörkelung,  ein  Schmuck, 
der  den  Roman  weit  über  die  vulgäre  Schwank-  und  Fabliaux- 
Literatur  heraushebt.  Verglichen  mit  den  Romanen  des  Chretien 
de  Troyes  ist  die  Flamenca  ein  nachgeborener  Outsider,  das  Werk 
eines  höchst  sprach-  und  weltgewandten  Dichters,  der  aus  den 
echten  höfischen  Romanen  die  Technik  der  Liebesergriffenheit 
gelernt,  die  Sentimentalität  der  vornehmen  Kreise  in  Liebes- 
sachen begriffen  hatte,  mit  seiner  erlernten  und  erlauschten 
Kunst  spekulierte  und  so  diesen  verführerischen,  sentimentalen, 
frivolen,  mit  dem  Heiligsten  seinen  Spott  treibenden,  wunder- 
schönen Romanschrieb,  das  rechte  Unterhaltungsbuch  für  mondäne 
Salons  und  Boudoirs.  Man  muß  schon  bis  in  das  achtzehnte  Jahr- 
hundert gehen,  um  ein  ähnliches  Werk  wieder  zu  finden. 

Wie  Reliquien  und  Heiligenbilder  betet  Lancelot  die  Haar- 
büschel der  geliebten  Frau  an;  als  ob  er  in  der  Kirche  vor  dem 
allerheiligsten  Altar  sich  befände,  kniet  er  betend  nieder  vor  dem 
Schlafgemach,  in  dem  er  soeben  die  Liebesnacht  mit  der  Königin 
verbracht  hat.  In  berauschendem  Gefühl  sinnUch-übersinnlicher 
Liebesverzückung  zwar  das  Heiligste  in  tiefster  Inbrunst  ver- 
mischend mit  den  Gefühlen  irdischer  Lust,  aber  zugleich  sie 
erhöhend  in  mystischer  Glut.  Schwärmerei,  aber  doch  eine 
eines  großen  Dichters  würdige  Eingebung. 

Demgegenüber  die  Flamenca.  Der  als  Meßdiener  verkleidete 
ritterliche  Liebhaber  macht  sich  die  Meßzeremonien  zu  Nutze, 


Heyl^  Karl.  Die  Theorie  d.  Minne  i.  d.  alt.  Minnerom.  Frankr.  27 

um  mit  ihrer  Hülfe  eines  andern,  ihm  selbst  bis  dahin  unbekanntes 
Weib  zu  verführen  und  ein  heimliches  Stelldichein  vorzubereiten. 
Wo  im  Lancelot  der  Überschwang  spontaner  Gefühle  Göttliches 
und  Menschhches  verschmolz,  würdigt  der  Flamencadichter 
den  Gottesdienst  zu  verliebtem  Intriguenspiel  herab.  In  diesem 
Unterschied  liegt  deutlich  ausgesprochen  die  Kluft,  welche  die 
beiden  Dichtungen  voneinander  trennt,  ohne  daß  die  schmale 
Brücke,  die  sie  miteinander  verbindet,  ganz  verborgen  bliebe. 
Wenn  man  nach  Gedanken  sucht,  die  Lancelot  und  Flamenca 
miteinander  gemein  haben,  so  trifft  man  auf  einen  höchst  be- 
deutsamen. Beide  Romane  vertreten  nämlich  jene  in  ihren 
letzten  Konsequenzen  so  gefährliche  Liebeskasuistik, 
die  sich  leiclit  aus  der  Theorie  der  Minne  ableiten  läßt:  Die  Liebe 
entschuldigt  und  rechtfertigt  alles  und  jedes.  Die  Liebe  ist 
stärker  als  jede  andere  Macht,  ihr  Wille  muß  getan  werden  und 
indem  man  ihn  tut,  mag  man  auch  gegen  alle  Vorstellungen  der 
Menschen  von  Recht  und  Sitte  handeln,  lädt  man  keine  Schuld 
auf  sich,  folgt  man  nur  höherem  Gebot.  Diese  raffinierte  Kasuistik 
rechtfertigt  den  Ehebruch  und  umhüllt  die  Ehrlosigkeit  mit 
einem  Glorienschein.  So  ließe  sich  noch  mancherlei  sagen  über 
die  Theorie  der  Minne  in  Lancelot  und  im  Flamenca-Roman, 
wenn  man  nur  eine  andere  Methode  anwendet  als  die  gedankenlose 
Methode  des  Verfassers. 


Wir  erinnern  uns,  daß  der  Verfasser  der  südfranzösischen 
Buhlschaft  die  nordfranzösische  Ehe  entgegensetzte.  Das  macht 
er  auf  folgende  Weise:  Die  Formen  des  höfischen  Minnedienstes 
traten  im  Norden  in  Widerspruch  mit  dem  feudal-ritterliclien 
Geiste  und  den  sozialen  Bedingungen,  denen  das  Rittertum 
unterlag.  So  blieb  die  Ergebenheit  unter  den  Willen  der  Herrin 
nicht  in  ilu'cr  Reinheit  bestehen,  sondern  wurde  ein  Mittel  der 
Galanterie.  Die  Ritter  stellten  sich  nur  verliebt  nacii  Art  der 
Troubadours.  Der  Verfasser  denkt  mit  dieser  Behauptung, 
so  müssen  wir  annehmen,  an  die  Wirkliciikeit.  Die  Menschen 
des  Nordens  denki^n  in  Liebessachen  anders  als  die  des  Südens, 
übernehmen  Formen  und  ändern  ihre  Bedeutung.  Unmittelbar 
darauf  befinden  wir  uns  wieder  im  Reiche  der  Diciitung:  den 
Helden  im  höfischen  Epos  war  niclit  gedient  mit  frcundliclien 
Blicken,  Worten  und  Handkuß.  Forderung  dieser  Dichtung 
ist,  daß  einem  edlen  Ritter  die  Dame  ihr  Ilorz  schenken  und  auch 
willfährig  sein  müsse.  Darum  enden  auch  alle  unsere  Epen 
(Lancelot  und   Flamenca  ausgenommen)   mit  (k>r  E  h  e. 

Das  ist  nun  wieder  ein  Rattenkönig  einander  sich  kreuzendei- 
Begriffsverwirrungen.  Die  Auffassung  des  troubadourmäßigen 
Minnesanges,  wie  sie  Wcchssler  und  seine  Schüler  vertreten, 
zwingt  zunächst  dazu,  in  ihm  nichts  anderes  als  Galanterie  und 
Schmeichelei  zu  sehen.     Der  Minnesang  ist  nach  Wcchssler  eine 


28  Referate  und  Rezensionen.      Walther  Küchler. 

Lügendichtung.  Daneben  schließt  er  dann  das  Prinzip  der 
Veredelung  der  Liebe  in  sich,  und  schließlich  kann  der  Minne- 
dienst, der  dem  Gesang  zugrunde  liegt,  auch  liuhlschaft  sein. 
Die  eine  dieser  Vorstellungen  schließt,  streng  genommen,  die 
andere  aus.  Die  Hauptvorstellung  ist  jedenfalls  die  der  Galan- 
terie, der  schmeichelnden  Ergebenheit  des  dienenden  Sängers, 
der  kühlen  Zurückhaltung  der  karg  lohnenden  Herrin.  Not- 
gedrungenes Sich-Begnügen  des  Sängers,  der  übrigens  —  wie 
man  sich  leicht  überzeugen  kann  —  beständig  mit  der  nur  dem 
nordischen  Roman  zugeschriebenen  Forderung  spielt,  die  Dame 
müsse  ihm  Herz  und  Gunst  schenken. 

Es  ist  doch  nur  ein  Spiel  mit  Worten,  dieser  Art  von  Liebe 
die  spezifisch  ritterhche  Galanterie  des  Nordens  gegenüberzu- 
setzen. Das  kann  eben  nur  geschehen,  wenn  man  um  des  einmal 
angenommenen  Kontrastes  zweier  Weltanschauungen  wällen  ver- 
gißt, wie  man  eigentlich  die  Troubadourliebe  auffaßt  und  sich 
nun  für  den  Gebrauch  des  AugenbUcks  zurechtkonstruiert,  was 
gerade  notwendig  erscheint.  Das  Merkwürdigste  in  dieser  Kon- 
struktion ist,  daß  die  Ritterart,  welche  die  Troubadouraufrichtig- 
keit in  Heuchelei  verwandelt  und  sich  nur  verliebt  stellt,  dem 
Minnespiel  ein  neues  Ziel,  ein  neues  Ideal  setzt  —  die  Ehe.  Ein 
höchst  verdächtiges  Ideal,  das,  da  es  auf  krummen  Wegen  sich 
verwirklichen  muß,  kein  Ideal  mehr  ist.  Durch  Betrug  und 
Heuchelei,  in  lügnerischer  Galanterie  wirbt  der  edle  Ritter  um 
das  edle  Ritterfräulein  und  führt  die  Ahnungslose  zum  er- 
wünschten Ziel,  ins  Ehebett. 

So  beharrhch  ich  auch  suche,  ich  finde  nirgends  etwas  der- 
gleichen. Ich  finde  da,  wo  es  sich  um  spätere  Ehe  handelt 
durchaus  anständige,  ernsthafte  Liebe  ohne  falsche,  berechnende 
Galanterie.  Ille  liebt  aufrichtig  Galeron  und  täuscht  ihr  nichts 
vor.  Alexander  (im  Cliges)  ist  der  schmachtendste,  ehrlichste 
Liebhaber,  der  sich  kein  Geständnis  traut.  Eneas,  Achilles, 
Cliges,  Erec,  niemand  verstellt  sich.  Woher  mag  sich  nur  der 
Verfasser  die  Vorstellung  von  der  Verstellung  geholt  haben  ?  Und 
wie  will  der  Verfasser  beweisen,  daß  die  Eheschließungen,  die  in 
einigen  nordfranzösischen  Romanen  vorkommen,  auf  ritterhchen 
Einfluß  zurückzuführen  sind  ?  Zum  Teil  sind  sicher  die  bürger- 
lichen Verfasser,  Gautier  v.  Arras  und  Chretien  de  Troyes  daran 
schuld.  Zum  Teil  ist  seit  urdenklichen  Zeiten  aller  Orten  die 
Ehe  das  natürliche  Ziel,  dem  zwei  bis  dahin  unverheiratete, 
verliebte  Leute  in  WirkUchkeit  und  in  der  Dichtung  zu- 
streben. 

Mit  welchen  Mitteln  der  Verfasser  arbeitet,  um  die  Bedeu- 
tung der  Ehe  für  den  nordfranzösischen  Roman  zu  erweisen, 
mögen  einige  Beispiele  zeigen.  Die  Notwendigkeit  und  der  Zweck 
der  Ehe  wird  schon  in  einer  Stelle  des  Eneas  anerkannt;  denn  in 
Vers  1.374—76  heißt  es: 


Heyl^  Karl.  Die  Theorie  d.  Minne  i.  d.  alt.  Minnerom.  Frankr.  29 

Se  de  cestui  faites  seignor 
molt  en  creistra  votre  barnage, 
et  essalciee  en  iert  Cartage.  (p.  44) 

Also  sagt  zur  liebeskranken,  aber  noch  von  Bedenken  geplagten 
Dido  die  freundliche  Schwester.  Ist  das  ritterliche  Lebens- 
anschauung? Kann  ein  solches  Beispiel  erweisen,  wie  das  Trou- 
badourideal zu  neuem  Eheideal  gewandelt  wird  ?  Dabei  sind  die 
Verse  nichts  anderes  als  eine  Übertragung  der  Verse  Virgils 
quam  tu  urbem,  soror,  hanc  cernes,  quae  surgere  regna 
coniugio  tali.  (Aeneis  IV,  47  f.) 

Es  wird  dann  weiter  erklärt,  und  mit  Beispielen  belegt,  daß  diese 
Liebe  nur  einer  gehören  könne  und  zuerst  im  Eneas  -  Roman 
verherrlicht  worden  sei.  IrrtümUcherweise ;  denn  die  Liebe  zu 
nur  einem  Wesen  ist  Grundzug  und  Voraussetzung  aller 
Troubadourlyrik.  Zwei  weitere  Zitate  aus  Gautier  von  Arras, 
zwei  aus  Cliges  und  eines  aus  der  Flamenca,  dem  Roman  der  süd- 
französischen Buhlschaft,  können  ebenso  wenig  Zeugnis  von 
dem   nordfranzösischen  Eheideal  ablegen. 


Der  Kern  des  Wechssler'schen  Buches  war  der  versuchte 
Nachweis  des  innigen  Zusammenhangs  zwischen  Minne  und 
Christentum  gewesen.  Heyl  versucht  den  gleichen  Nachweis 
für  das  höfische  Epos  zu  liefern.  Mit  welchem  Erfolge,  wird 
kritisch  zu  beleuchten  sein. 

Der  Ritter  des  Heldenepos  ,, kannte  nur  die  sinnliche  Liebe 
des  Augenbhcks,  nicht  die  immerwährende,  dem  Geist  des  Christen- 
tums entsprechende  Macht,  die  sich  Liebe  nennt"  (p.  11).  Wenn 
wir  nun  mit  dem  Verfasser  daran  denken,  daß  die  spirituelle 
Denkweise  des  Christentums  den  Grundsatz  geprägt  hatte, 
Liebe  und  Ehe  gehören  zusammen;  und  wenn  wir  uns  ferner 
daran  erinnern,  daß  im  Gegensatz  zur  südfranzösischen  Minne 
die  nordfranzösisclien  Ritter  die  Ehe  als  neues  Ideal  einführten, 
so  erkennen  wir  nunmehr  deutlich,  daß  sie  das  unter  dem  Einfluß 
des  Christentums  getan  haben.  Aus  dem  Minnesang  konnten 
die  Ritter  das  Eheideal  nicht  haben;  denn  dessen  Grundsatz, 
die  Frau  solle  über  ihre  Liebe  freie  Entscheidung  haben,  lief  ja 
dem  Wesen  der  Ehe  entgegen  (p.  22). 

Aus  dem  Wesen  des  Christentums  ist  also  das  ehefeindlichc 
Minneideal  der  Troubadours  und  das  ehefreundliche  Liebes- 
ideal der  Ritter  hervorgegangen.  Wie  das  möglich  ist,  setzt  der 
Verfasser  niclit  auseinander,  dagegen  ,, beweist"  er  durch  zahl- 
reiche Zitate  den  engen  Zusammenhang  des  Christentums  mit 
der  höfischen  Minne.  Im  Banne  der  ,, mystisch-religiösen  Richtung 
des  Mittelalters,  welche  die  Ginlanken  des  Mensclien  von  der 
Welt  abzieht  und  in  sein  Inneres  oder  zu  Gott  lenkt,  begeiu-te 
auch  der  Liebende  nicht  nur  den  Besitz  der  Geliebten,  fand  er 


30  Referate  und  Rezensionen.     Walther  Kiichler. 

auch  Ruhe  und  Befriedigung  in  sehnendem  Verlangen.  Aller- 
dings soll  das  besonders  von  den  südfranzösischen  Troubadours 
gelten.  Nicht  so  ganz  im  höfischen  Epos.  Rauhes  Rittertum  und 
mystische  Verzücktheit  sind  beinahe  unvereinbare  B(3gnffc.  Es 
sind  also,  meint  der  Verfasser,  gewisse  Einschränkungen  zu 
machen.    Leider  macht  er  sie  aber  nicht. 

Schon  der  Eneasroman,  was  man  bisher  noch  nicht  gewußt 
hat,  kennzeichnet  bereits  deutlich  diese  Stimmung  der  mystischen 
Hingabe,  wie  aus  folgendem  Beispiel  hervorgeht: 

Onkes  ne  li  tint  de  mangier, 

de  halt  vespre  s'ala  colchier, 

molt  li  delitot  a  penser 

et  son  corage  a  recorder 

com  la  pucele  l'esguardot, 

ki  les  baisiers  h  cnveiot.        En.  8913—18  (p.  170). 

Welcher  Unbefangene  vermag  hier  mystische,  vom  religiös-mysti- 
schen Geist  des  Christentums  bedingte  Hingabe  zu  erkennen  ? 
Eneas  hat  aus  der  Ferne  Lavinie  im  Turm  gesehen.  Ihr  Anblick 
bat  solchen  Eindruck  auf  ihn  gemacht,  daß  er  sogleich  von  Liebe 
zu  ihr  ergriffen  wird,  ohne  Abendessen  zu  Bett  geht  und  unab- 
lässig an  die  Dame  denkt,  die  ihm  Kußhände  zugeworfen  hat. 
Von  gleicher,  zwingender  Überzeugungskraft  sind  die  Bei- 
spiele aus  Trojaroman,  Eracle,  Hie  et  Galeron,  Tristan,  Qiges, 
Flamenca,  Beispiele,  zwischen  denen  die  schöne  Szene  aus  Chr6- 
tiens  Graalroman,  in  der  Perceval  die  Blutstropfen  auf  weißem 
Schnee  betrachtet,  kläglich  eingeschlossen  ist. 

Wenn  der  Verfasser  in  einem  Roman  die  Worte  pensar  und 
recordar  findet,  so  bringt  er  sie  mit  mystischer  Hingabe  in  Bezie- 
hung. Aus  dem  Eneasroman  setzt  er  als  Beispiel  die  Verse  1223 
bis  1227  hin: 

De  lui  comence  a  penser, 

en  son  corage  a  recorder 

son  vis,  son  cors  et  sa  figure, 

ses  diz,  ses  faiz,  sa  parleüre, 

les  batailles  quo  il  li  dist.  (p.  173) 

In  diesen  Versen  wird  die  beginnende  Liebesleidenschaft 
der   Dido   geschildert. 

Die  Sehnsucht,  so  führt  der  Verfasser  in  diesem  Zu- 
sammenhange aus,  spielt  in  den  Epen  eine  wichtige  Rolle,  sie 
komme  dort  öfters  und  inniger  zum  Ausdruck  als  in  den 
Liedern  der  Troubadours.  Das  sei  sehr  verständUch ;  denn  ,,der 
Ritter  durfte  die  Erfüllung  seines  Sehnons  erwarten".  Wenn 
Eneas  kaum  den  Hochzeitstag  erwarten  kann,  so  ist  das  mystische 
Sehnsucht;  ebenso  w^enn  Galeron  statt  vier  Tage  nur  zwei  und 
einen  halben  Tag  braucht,  um,  von  Liebe  getragen  zu  ihrem 
Gatten  zu  eilen.     Und  so  ist  es  stets;  Selbstvergessenheit,  Ent- 


Heyl,  Karl.  Die  Theorie  d.  Minne  i.  d.  alt.  Minnerom.  Frankr.  3 1 

rücktsein,  Beraubung  des  Verstandes  sind  durch  Mystik  ver- 
tiefte Gefühle.  Von  Dido  heißt  es:  Amor  l'a  fait  de  sage  fole. 
Lavinie  sagt  von  sich  selbst  Ge  sui  une  meschine  fole!  Solche 
Beispiele  stehen,  wie  die  vorhergehenden,  in  dem  Kapitel  „Mysti- 
sche Hingabe". 

Das  Charakteristische  aller  dieser  Zitate  ist,  daß  sie  die 
natürlichsten  und  einfachsten  Gefühle  in  grotesker  Verzerrung 
erscheinen  lassen  oder  ihnen  eine  besondere  Bedeutung  geben, 
die  sie  nicht  haben.  Es  kann  sicher  das  Denken  an  ein  geliebtes 
Wesen,  die  Erinnerung,  die  Sehnsucht,  das  Aufgehen  der  eigenen 
Persönlichkeit  in  die  des  anderen  zu  einer  mystischen  Versunken- 
heit,  zu  einer  Art  Entzückung  werden.  Es  handelt  sich  dann  für  den 
Seelen-  oder  Literaturforscher  darum,  diese  Fälle  in  ilirer  Besonder- 
heit genau  zu  betrachten,  den  Charakter  der  Persönlichkeit, 
der  sie  etwa  zu  der  besonderen  Tiefe  des  Gefühls  befähigt,  die 
Eigenart  der  Verhältnisse  oder  der  Situation,  kurz  alle  die  Fak- 
toren zu  ergründen,  welche  die  mystische  Stimmung  in  der  Seele 
eines  Menschen  erregen.  Nichts  von  solchen  Versuchen  ist  in 
des  Verfassers  Zitatensammlung  zu  spüren.  Roh  aus  dem  Zu- 
sammenhang gerissen,  steht  ein  Beispiel  neben  dem  andern, 
eben  soviel  Sünden  an  dem  Geiste  der  Dichtung. 

Mit  christüch- religiöser  Lebensauffassung  hängt  auch  die 
Askese,  die  den  Minnedienst  der  nordfranzösischen  Ritter 
kennzeichnet,  zusammen.  Aus  bloßem  gehorsamen  Dienen  wurde 
ein  Dulden  und  Harren  in  knechtischer  Ergebenheit.  Als  erstes 
Beispiel  dieser  Askese  des  nordfranzösischen  Ritters  wird  die 
Flamenca,  ausgerechnet  die  Flamenca  zitiert.  Mit  keinem  anderen 
Worte  als  Askese  könne  der  Frauendienst  in  Flamenca  gekenn- 
zeichnet werden.     Die  angeführten  Verse 

E  qui  ben  ama  lealmen 

Ab  se  dcu  far  cest  jugamen 

Que  tot  lo  mon  a  son  dan  sia 

Ab  sol  ques  el  puesca  un  dia 

Entre  sos  bras,  a  som  plaser 

So  quel  plaz  scntir  e  tener.         (6313—18)      p.U9/150 

zeugen  gerade  für  das  Gegenteil  von  Askese.  Wer  wirklich  liebt, 
der  muß  es  auf  sich  nehmen,  daß  die  ganze  Welt  ihm  zuwider  ist, 
wenn  er  nur  eines  Tages  die  Geliebte  zu  seiner  Lust  in  Armen 
halten  kann. 

Als  Beispiel  dafür,  daß  der  Ritter  in  Selbstkasteiung  der 
Herrin  sein  Leben  weilite,  auf  jeden  Lebensgenuß  \'erzicht  tat, 
um  in  asketischem  Minnedienst  aufzugehen,  werden  die  Verse 
aus  dem  Eneasroman  zitiert,  die  so  lauten: 

Miclz  voil  morir,  quo  go  li  mente 

ne  qu'en  altre  meto  m'entente; 

guarder  li  voil  et  tenir  fei.  (1309—11)     p.  149. 


32  Referate  und  Rezensionen.      Wulthcr   K Hehler. 

Dieses  echt  rittorlich-asketische  Gelübde  tut  die  von  Liebe  zu 
Eneas  entbrannte  Dido,  Königin  von  Karthago. 

Verwundert  fragt  man  sich,  was  mit  Askese  die  Treuschwüre 
zu  tun  haben  sollen,  die  im  Trojaroman  Medea  von  Jason  fordert, 
ehe  sie  ihm  unmitt(!lbar  nach  geleistetem  Schwur  ihre  Liobe 
schenkt.  In  einer  Arbeit  über  die  Theorie  der  Minne  im  höfisclien 
Roman  wäre  allerdings  die  betreffende  Situation  zu  behandeln, 
aber  in  ganz  anderem  Zusammenhang,  als  es  der  Verfasser  tut. 

Es  ist  ganz  offenbar,  daß  mit  dem  Worte  und  Begriffe  Askese 
ein  kaum  entschuldbarer  Mißbraucli  getrieben  wird,  wobei  die 
uns  bei  dem  Verfasser  nun  schon  längst  geläufige  Begriffsunklar- 
heit wohl  eine  Rolle  spielen  mag. 

Lancelot  wird  ein  Asket  der  Minne  genannt.  Lancelot  mag 
,,der  vollendete  Typus  eines  Frauendieners"  sein,  aber  er  ist 
kein  Asket.  Oder  heißt  einer  Frau  treu  bleiben,  ein  Asket  sein  ? 
Heißt  einer  Frau  ihren  Willen  tun,  ein  Asket  sein  ?  Heißt  eine 
geliebte  Frau  um  eine  Liebesnacht  bitten  und  in  ihren  Armen 
liegen,  ein  Asket  sein  ?  Mit  demselben  Recht,  wie  die  unmittel- 
bar nach  einer  Reihe  von  Lancelot-Zitaten  angeführten  Verse 
aus  der  Flamenca 

Prent  s'a  son  coli,  estrez  lo  baisa 

De  nulla  ren  mais  non  n'esmaia 

Mas  que  lo  puesca  pron  servir 

E  de  baisar  e  d'acuillir 

E  de  far  tot  so  qu'Amors  vol.  (5935 — 39.)  p.  155 
asketische  Gesinnung  widerspiegeln.  Nach  dem  Willen  des  Ver- 
fassers soll  in  solchen  Versen  ,,die  von  christlichem  Geist  getragene 
höfisch-ritterliche  Weltanschauung"  vorherrschen,  sollen  diese 
und  andere,  ähnliche  Gedanken  ,,eine  Kombination  von  ritter- 
lichem Feudalismus  und  christUch-religiöser  Lebensauffassung" 
sein. 

In  deutlicher  Anlehnung  an  Wechssler'sche  Ausführungen 
gibt  weiterhin  der  Verfasser  eine  Reihe  von  Liebesmotiven  an, 
die  wie  ein  Lebenselement  der  Geist  christlicher  Lebensauffassung 
durchziehe. 

Da  ist  zuerst  das  Traummotiv,  im  höfischen  Epos  im  allge- 
meinen vereinzelt,  häufig  dagegen  in  der  Flamenca  anzutreffen, 
eine  Tatsache,  die  der  Verfasser  einmal  merkwürdig,  auf  der 
folgenden  Seite  aber  durch  eine  ingeniöse  Erklärung  sehr  begreif- 
lich findet.  Er  führt  aus  diesem  Roman  zehn  Beispiele  an,  in 
dem  letzten  spricht  die  Heldin  selbst  im  Traum: 
Bei  segner, 

Veus  m'aici  ben  a  vostra  guisa 

Tota  nudeta  en  camisa.  (6128—30)         p.  159. 

Natürlich  hat  der  Verfasser  keinen  Versuch  unternommen,  den 
christlichen  Gehalt  dieses  Traumes  oder  anderer  Träume  nachzu- 


Heyl,  Karl.  Die  Theoried.  Minne  i.  d.  alt.  Minnerom.  Franhr.  33 

weisen.     Es  wäre  ihm  wohl  auch  kaum  gelungen.     Er  redet  nur 
gedankenlos  —  hier  wie  stets  —  Wechsslers  Auffassung  nach. 
Ebenso  soll  Traurigkeit  aus  Liebe  christlichen  Geistes  voll 
sein,  wie  z.  B.  aus  dem  Eneasroman  hervorgeht: 

La  dameisele  por  s'amor 

demena  grant  duel  tote  jor.  (9189  f)         p.  166. 

Ähnliche  Beispiele  ausTrojaroman,  Tristan,  Eracle,  Chges,  Lance- 
lot, Flamenca.  In  einer  Anmerkung:  Das  Schlagen  der  Brust 
ist  ein  bekanntes  Zeichen  der  Trauer;  es  findet  sich  bereits  bei 
Ovid:  Ars  I  535:  Jamque  iteriim  tundens  mollissima  pectora  palmis. 
Also  nicht  christlich.  Aber  vielleicht  eine  Vorahnung  christ- 
licher Art  ? 

Von  Trauer  um  Liebe  zu  Tod  aus  Liebe  ist  kein  weiter  Weg. 
Die  Anrufung  des  Todes  als  erlösendes  Mittel  war  dem  Ritter 
mehr  als  eine  höfische  Formel,  wie  „oberflächHche  Betrachtung" 
meinen  könnte.  Die  in  die  Tiefe  steigende  Betrachtungsweise 
des  Verfassers  weiß  es  besser: 

Quant  ge  nel  puis  mais  retenir 
alt  s'en,  mei  estovra  morir. 
So  ruft  die  Heidin  Dido  aus,  die  sich  töten  wird,  sollte  Eneas 
sie  verlassen.    Über  der  Leiche  des  Paris,  der  sie  einst  dem  Gatten 
entführte,  klagt  Helena: 

En  duel,  en  lermes  e  en  plor 
biaus  sire  amis,  morrai. 
Quant  jo  ensi  perdu  vos  ai.  (Trojaroman  22920  ff.) 

Älmhche  Beispiele  aus  Erec,  Hie  et  Galeron,  Tristan,  Gliges, 
Lancelot,  Yvain,  Flamenca.  In  dem  letzten  Roman  wird  er- 
zählt, wie  durch  die  etwas  aufdringliche  Liebenswürdigkeit  des 
Königs  gegenüber  Flamenca  deren  Gatte  von  Eifersucht  geplagt 
wird.  Um  die  Stärke  dieses  Gefühls  zu  kennzeichnen,  bemerkt 
der  Autor: 

'  Et  a  tal  dol  ins  en  son  cor 

Qu'a  pena  si  ton  que  non  mor.  p.  165. 

Das  soll  ein  Beispiel  sein  für  asketischen  Minnedienst  des 
Ritters,  Tod  aus  Liebe.  Unmittelbar  nach  dem  eben  zitierten 
Beispiel  erwähnt  der  Verfasser,  daß  an  einer  anderen  Stelle  der 
Flamcnca-Dichter  sich  auf  Eneas  und  Dido  beruft,  die  ebenfalls 
Liebe  in  den  Tod  gotricbiMi  habe  Spottest  seiner  selbs!  und  weiß 
nicht  wie. 

Audi  die  Tränen  kommen  herbeigeflossen.  Ohne  den  Ein- 
fluß der  christhchen  Liebe  auf  das  harte  Gemüt  des  Ritters 
hätte  wohl  kaum  die  iiöfische  Minne  dieses  Motiv  in  sich  auf- 
nehmen können.  Die  Tränen  sind  ein  wiclitigt^s  MonuMit  im 
asketisclien  Minnedienst  des  Ritters.  I)i(h>  vergiel.U  Tränen  um 
Eneas.  Briseida  vergießt  Tränen  beim  Abscliied  von  Troilus, 
Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXI XV'.  3 


34  Referate  und  Rezensionen.     Walther  Küchler. 

den  sie  vergißt,  kaum  als  sie  ihn  aus  den  Augen  verloren  hat. 
Achilles  ist  „ein  Knecht  der  Liebe,  der  um  die  Geliebte  sogar 
Tränen  vergißt"  (p.  166  ff.). 

Wenn  alle  diese  Beispiele  für  Zusammenhang  des  Liebes- 
schmerzes mit  Mystik  und  Askese  sprechen,  so  tun  es  auch  die 
ergreifenden  Verse,  die  in  einem  weitverbreiteten  parodistischen 
Volksliede  ein  liebeskrankor  Bauernknecht  singt: 

Es  schmeckt  mir  kein  Essen,  es  schmeckt  mir  kein  Trinken, 
Ich  möchte  am  liebsten  in  Schwefel  versinken. 


Im  Gegensatze  zur  Askese  steht  die  Hingabe  an  die  Welt, 
die  Lebens-  und  Liebesfreude.  Minne  und  Freude  gehören  zu- 
sammen auf  Seite  141,  wie  Minne  und  Askese  auf  anderen  Seiten. 
Lebensfreude  wurde  ,,als  vornehmste  Pflicht  des  gebildeten 
Mannes  und  der  gebildeten  Frau  aufgestellt".  ,,Gar  mannig- 
fach" äußert  sich  im  höfischen  Epos  die  joie,  die  Freude.  ,,Dem 
einen  stockt  die  Sprache  (Wilh.  v.  England  v.  3116),  dem  anderen 
gerät  das  Blut  in  Wallung  (Gl.  6396),  das  Herz  pocht  (Erec  6256); 
Umarmen  und  Küssen  beim  Wiedersehen  zweier  Liebenden  ist 
der  häufigste  Ausdruck  der  Freude"  (p.  141).  Gewiß,  aber  nicht 
nur  im  höfischen  Epos,  sondern  auch  bei  den  Hottentotten  ver- 
mutlich. Und  was  haben  solche  banale  Dinge  mit  der  joie  der 
Troubadours  zu  tun  ? 

Ein  Kapitel  der  mittelalterlichen  Literaturgeschichte,  das 
noch  zu  schreiben  ist,  ist  die  genauere  Bestimmung  des  Einflusses 
von  Ovid  auf  die  Auffassung  der  Liebe,  wie  sie  in  unzähMgen 
Gedichten,  Erzählungen  und  theoretischen  Werken  edleren  und 
unedleren  Charakters  uns  entgegentritt.  Was  für  die  Lösung 
dieser  Auffassung  W.  Schrötter  mit  seiner  Dissertation  ,,Ovid 
und  die  Troubadours"^)  geleistet  hat  auf  Grund  der  gleichen  ge- 
dankenlosen Methode,  mit  der  auch  Heyl  zu  Werke  geht,  ist 
höchst  dürftig,  in  den  meisten  Fällen  falsch  und  hat  daher  zu 
Recht  die  scharfe  Ablehnung  Voßlers  und  anderer  Kritiker 
verdient. 

Schrötter  hatte  zu  beweisen  gesucht,  daß  die  ars  amandi 
und  andere  Schriften  Ovids  von  entscheidendem  Einfluß  auf 
die  ersten  Troubadours  gewesen  seien,  daß  diese  die  wichtigsten 
Elemente  des  Frauenlobes,  Frauendienstes,  der  Werbung  unmittel- 
bar der  ars  amandi  des  Ovid  nachgeahmt  hätten,  als  dem  klassi- 
schen Muster  für  diese  Dinge  in  Theorie  und  Praxis,  daß  Ovids 
Werke  gewissermaßen  als  Vorlage,  als  Stoffsammlung  betrachtet 
wurden,  die  man  benutzte  und  ausplünderte,  daß  man  in  die 
ars  amandi  hinein  zeitgenössische  Vorstellungen  verarbeitete. 
Es   heße   sich   leicht  nachweisen,   daß   der   Ovideinfluß   auf   die 

3)  Halle  a.  S.  1908.     Ein  Teildruck  als  Marburger  Dissertation. 


Heyl,  Karl.  Die  Theorie  d.  Minne  i.  d.  alt.  Minnerom.  Frankr.  35 

Troubadourdichtung,  so  wie  ihn  Schrötter  sich  vorstellt  und  mit 
seinen  gänzlich  unzureichenden  Mitteln  zu  erhärten  sucht,  nicht 
besteht.     Doch  dieser  Nachweis  ist  hier  nicht  meine  Aufgabe. 

Noch  erhebhch  stärker  als  für  die  Südfranzosen  ist  nach 
Heyls  Behauptung  die  Bedeutung  Ovids  für  die  Nordfranzosen. 
„Wir  gehen  wohl  nicht  fehl;  wenn  wir  beliaupten,  daß  bei  den 
nordfranzösischen  Epikern  der  römische  Dichter  bereit\\inigere 
Aufnahme  gefunden  hat,  als  bei  den  Troubadours  des  Südens; 
denn  die  Anschauung  in  Ovids  Werken  entsprach  genau  dem 
Milieu  und  den  Lebensbedingungen  des  Ritterstandes.  Die 
Dichtung  der  Nordfranzosen  hat  Ovid  in  weit  höherem  Maße 
verarbeitet  wie  die  Troubadours,  weil  ihre  sozialen  Umstände 
eher  mit  Ovids  Ideen  vereinbar  waren  (p.  30)." 

Man  erwartet,  der  Verfasser  werde  uns  seine  Studien  über 
die  „sozialen  Umstände",  über  ,,MiHeu  und  Lebensbedingungen 
des  Ritterstandes"  vorführen.  Keineswegs  tut  er  das.  Soziale 
Umstände  usw.  sind  ihm  nur  aus  den  höfischen  Epen  bekannt, 
und  er  gibt  sich  nicht  eimal  die  Mühe  zu  erklären,  welcher  Art 
die  sozialen  Umstände,  die  er  aus  den  Epen  herausliest,  denn 
nun  eigenthch  sind,  worin  sie  etwa  zum  Unterschiede  von  den 
Südfranzosen  beständen. 

Er  scheint  anzunehmen,  daß  die  freiere  Art,  mit  der  der 
nordfranzösische  Ritter  gleichberechtigt  der  ihm  ranggleichen 
Frau  gegenübertritt,  dem  Ovidischen  Verhältnis  von  Mann 
und  Frau  mehr  entspreche,  als  die  Unterordnung  des  Trou- 
badours unter  die  Herrin.  Er  scheint  die  „freie  Liebe"  des  Ritters 
zu  seiner  „amie"  als  etwas  Ovidisches  aufzufassen.  Seine  mir 
in  dieser  Hinsicht  unklar  gcbhobenen  Vorstellungen  stehen 
dabei  in  auffallendem  Widerspruch  zu  der  uns  bekannten  An- 
sicht, daß  im  Gegensatz  zu  der  poetischen  Liebe  der  Troubadours 
im  nordfranzösischen  Ritterstand  wie  in  der  nordfranzösisohen 
Dichtung  das  Ideal  der  Ehe  an  Stelle  der  Buhlschaft  getreten  sei. 

Die  Minne  der  nordfranzösischen  Ritter  ließe  sich  nach  den 
Heyl'schen  Darlegungen  also  aus  folgenden  drei  Hauptelementen 
zusammensetzen: 

Herübernahmc  der  Ovid  nacligeahmten  Formen  des  provon- 
zalischen,    troubadourmäßigen    Minnedienstes. 

Veränderter  Gebrauch  dieser  Formen  in  noch  stärkerem 
Zusammenhang  mit  Ovid  wegen  Gleichheit  des  Milieus  in  dem 
sicli  Ovid  und  die  Hitler,  d.  h.  die  im  Junggesellenstand  sich 
befindlichen   Ritter  bewegen;   denn  ihre   Minne   fülirt   zur 

Ehe, 
die   im   Süden    mit    der  Minne    niclit   vereinbar   war  und    auch 
mit  Ovid's  Leiire  der  Liebeskunst  nicht  zu   vereinbaren  ist. 

In  welcher  Weise  der  Verfasser  die  Verarbeitung  Ovids 
durch  moderne  Dichter  beweist,  mag  zunächst  sein  am  Eneas- 
roman  bewährtes  Veil'ahivi)  zeigen:  Die  in  ih'v  Liebe  ganz  un- 

3* 


36  Hejerale  und  Rezensionen.     Walther  Küchler. 

erfahrene  Lavinie  erfährt  von  ihrer  Mutter,  daß  Amor  zwei 
Pfeile  trage,  einen  Uebeerregenden  und  einen  liebeverscheuchenden, 
und  daß  er  ferner  eine  Büchse  mit  Salbe  zur  Heilung  der  von 
ihm  verursachten  Wunden  liabo.  Nun  findet  er  in  den  Meta- 
morphosen (I  468  f.)  die  Verse: 

Eque  sagittifera  prompsit  duo  tela  pharetra 
Diversorum  operum;  fugat  hoc,  facit  illud  amorem. 

p.  67. 

Diese  auffallende  Übereinstimmung  läßt  ihn  ohne  weiteres 
vermuten,  daß  die  leitenden  Ideen  und  Gesichts- 
punkte des  Eneas  nicht  Virgil,  sondern  Ovid  entnommen 
seien.  Es  sei  sozusagen  Ovid  auf  Virgil  aufgepfropft  worden. 
Nun  frage  ich,  was  haben  die  Pfeile  Amors  mit  den  leitenden 
Ideen  des  Eneasromans  zu  tun?  Der  Verfasser  sagt  es  nicht. 
Er  sagt  an  dieser  Stelle  auch  nicht,  welches  denn  die  leitenden 
Ideen  des  Romans  sind.  GlückUcherweise  sagt  er  es  an  anderer 
Stelle.  Der  Gedankeninhalt  des  Eneas  sei:  Liebe  veredelt  (p.  137). 
Nun  ist  das  Prinzip  ,, Liebe  veredelt"  keinesw^egs  der  Gedanken- 
inhalt des  Eneas.  Nur  im  Monolog  des  liebenden  Eneas  finden 
sich  einige  Verse,  in  denen  er  neben  seinem  Liebesleid  den  Ge- 
danken ausspricht,  daß  die  Liebe  die  Kraft  und  den  Wert  des 
Mannes  erhöhe.  Leitende  Ideen  gibt  es  überhaupt  im  fran- 
zösischen Eneasroman  nicht,  der  Verfasser  erzählt  auf  seine 
Weise  im  Anschluß  an  sein  lateinisches  Vorbild  und  fügt  eine 
halb  im  alten,  halb  im  neuen  Stil  gehaltene  Liebesgeschichte 
zwischen  Lavinie  und  Eneas  hinzu,  ohne  daß  dadurch  die  leitenden 
Ideen  des  Virgil'schen  Epos  beeinflußt  würden.  Heyl  aber 
sieht  besondere  leitende  Ideen  im  Eneasroman  und  läßt  sie 
den  Dichter  aus  Ovid  holen.  Ovid  kennt  nun  aber,  wie  der  Ver- 
fasser selbst  auf  S.  136  angibt,  nicht  die  veredelnde  Macht 
der  Liebe,  welche  den  Gedankeninhalt  des  Eneasromans  auf 
S.  137  ausmachen  soll.  Der  ganze  schöne  Einfluß  Ovids  auf  den 
Gedankeninhalt  des  Eneasromans  fällt  also  in  nichts  zusammen. 
Das  Mißverständnis,  dem  der  Verfasser  zum  Opfer  gefallen 
ist,  mag  wohl  darin  seinen  Grund  haben,  daß  er  den  Begriffen 
,, Gedankeninhalt",  ,, leitende  Ideen"  eine  unrichtige  Bedeutung 
beimißt.  Er  scheint  zu  glauben,  daß  Vorstellungen,  wie  die 
von  den  Pfeilen  des  Liebesgottes,  oder  gewisse  Symptome  der 
Ergriffenheit  von  Liebe,  wie  Seufzen,  Erzittern,  Erbleichen, 
Ohnmacht  u.  a.,  aus  Ovid  übernommen,  die  nordfranzösischen, 
höfischen  Romane  in  ihrem  Kern  beeinflußt  hätten  (cf.  p.  77, 
91  etc.)  Die  Übereinstimmungen,  die  er  zwischen  den  höfischen 
Romanen  und  Ovid  feststellt,  beziehen  sich  nämlich  ausschließ- 
lich auf  solche  äußerliche  Dinge. 

Eine  ganz  gleiche  Verwechselung  von  Gedankeninhalt  und 
gelehrt-mythologischem  Aufputz  begeht  der  Verfasser,  wenn  er 


HeyU  Karl.  Die  Theoried.  Minne i.  d.  all.  Minnerotn.  Frankr.  37 

behauptet,  der  Tristan  werde  vor  allem  mit  Ovidischen  Mitteln 
zum  Cliges  verarbeitet.  Solche  Mittel  sind :  die  Vorstellung,  daß 
Amor  mit  seinem  Pfeil  ins  Herz  trifft  und  daß  die  Pfeile  durchs 
Auge  ins  Herz  gelangen.  Es  ist  eine  bekannte  Tatsache,  daß 
Chretien  den  Cliges  als  eine  Art  Antitristan  gedacht  hat.  Wer 
erklären  will,  wie  sich  nun  Tristan  und  Chges  zueinander  ver- 
halten, muß  das  Liebesproblem  in  seinem  Kern  anpacken,  er- 
klären, von  welchen  Gefühlen  Chges  und  Fenice  beseelt  sind, 
wie  sie  ihre  Liebe  auffassen.  Nicht  einen  Augenbhck  wird  er 
dann  daran  denken,  Ovid  in  die  Debatte  zu  ziehen. 

Ovid  soll  auch  deswegen  leichter  in  Nordfrankreich  Eingang 
gefunden  haben,  weil  die  durch  ihn  angeregten  Äußerungen 
über  den  geringen  Wert  der  Frau  ,, speziell  der  ritterhchen  Auf- 
fassung zugute"  kamen  (p.  114).  Brauchte  man  Ovid,  um  ge- 
ringschätzig von  den  Frauen  zu  sprechen?  Gewiß  nicht.  Ist 
die  geringe  Wertschätzung  der  Frau  speziell  ritterUche  Auf- 
fassung ?  Der  Verfasser  scheint  keine  Fabhaux  zu  kennen,  eben- 
sowenig wie  die  orientalische  Frauenverachtung  oder  die  mön- 
chische Frauenfeindschaft. 

In  Nordfrankreich  soll  auch  unter  dem  Einfluß  Ovids  die 
Gottheit  Amors  liäufiger  angesprochen  worden  sein  als  im  Süden 
(p.  122).  Um  diese  wichtige  Frage  endUch  einmal  einer  end- 
gültigen Lösung  zuzuführen,  müßten  die  sämthchen  Fälle  im 
Süden  und  im  Norden  gezälilt  werden.  Immerhin  wäre  Steine- 
klopfen eine  nützhchere  Beschäftigung. 

Von  der  Oberflächhchkeit  der  Frau  heißt  es  im  Trojaroman 
Vers  13471—71: 

Salemon  a  dit  en  son  escrit, 
Cil  qui  tant  ot  sage  esperit: 
,,  Qui  fort  fcmme  porreit  trover 
Li  criator  devreit  loer." 

„Derselbe  Gedanke  wie  im  Trojaroman  findet  sich  im    Yvain." 

.  .C'cst  celc  qui  prist 

Celui  qui  son  seignor  ocist!  v.  1809 — 10. 

,,Es  wäre  nicht  ausgeschlossen,  daß  beiden  Dichtern  die  folgenden 
Verse  aus  Ovid  vorgelegen  hätten:  Ars  III  431 — 32 

Funere  saepc  viri  quaeritur:  ire  solutis 

Crinibus  et  fletus  non  tenuisse  decet." 
Der  Verfasser  bezeichnet  einen  allgemeinen  Gedanken  und 
eine   konkrete   Talsaclie   als   zwei   gleiche    Gedanken   und    führt 
beide  Zitate  auf  Ovid  zurück,  obwohl  als  Gewälu-smann  für  das 
erste  Zitat  ausdrücklich   Salomo  genannt   wird."*) 

*)  In  den  angeführlen  Üvidvorsen  soll,  wie  in  einer  I\Iail)urg:er 
Dissertation  über  Hartniann  von  Aue  von  W.  Weise  behauptet  wird, 
die  erste  Episode  des  Yvain  in  nuce  enthalten  sein.  Weise  t^eht  so 
weit,  der  Vermutung  Ausdruck  zu  geben,  ,,daB  Chrestien  im  ,,  Yvain" 


38  Rejerale  und  Rezensionen.      Wallher  Küchler. 

Es  würde  zu  weit  führen,  im  einzelnen  zu  besprcclien,  wie 
alle  möglichen,  mit  der  höfischen  Liebe  verbundenen  Erschei- 
nungen, Schlaflosigkeit,  Appetitlosigkeit,  Gefühl  der  Angst  und 
Qual,  Liebesfieber,  Pflicht  des  Gehorsams,  Zurückhaltung,  Furcht 
vor  dem  ersten  Geständnis,  die  Vorschrift  der  Verschwiegenheit, 
die  Wollust  des  Schmerzes,  wie  diese  und  andere  Symptome 
immer  wieder,  ohne  Unterschied,  mit  Emphase,  aus  Ovid  abge- 
leitet w^erden.  Es  gibt  Zusammenhänge  mit  Ovid,  recht  zahl- 
reiche z.  B.  im  Flamencaroman,  auch  in  anderen  Romanen  hier 
und  da,  aber  das  innerste  Wesen  der  Theorie  der  Minne  berühren 
sie  ebensowenig,  wie  die  Auslese  der  angeführten  und  kritisierten 
Fälle. 

Um  allen  etwaigen  Einwänden  gleich  zu  begegnen,  sei  be- 
merkt, daß  Verfasser  gelegentUch  versucht,  die  Möglichkeit  und 
Notwendigkeit  des  Ovideinflusses  zu  erweisen.  Die  mittelalter- 
liche, scholastische  Denkart,  so  meint  er,  faßte  die  höfische 
Minne  in  Regeln,  suchte  sich  dabei  für  die  Formulierung  an 
Autoritäten  anzulehnen  und  fand  diese  in  Ovid,  fand  bei  ihm 
eine  Fülle  von  Sentenzen,  die  mit  Nichtbeachtung  der  kulturellen 
und  geschichtlichen  Differenzen,  unter  großenteils  falscher 
Interpretation  ohne  weiteres  auf  die  Minne  jener  Zeit  bezogen 
wurden.  Die  Dichter  entlehnten  für  die  Stilisierung  ihrer  per- 
sönlichen Beobachtungen  und  Meinungen  Vieles  aus  Ovid. 

Eine  solche  Erklärung  könnte  sich  mit  gewissen  Einschrän- 
kungen hören  lassen.  Nur  schade,  daß  sie  in  Widerspruch  steht 
zu  dem  Verfahren  und  zu  den  Schlüssen,  die  Schröter  und  Heyl 
zur  Bestimmung  der  Art  des  Ovidischen  Einflusses  angewendet 
und  gezogen  haben.  Schröter  und  Heyl  arbeiten  beständig  mit 
dem  Einfluß  Ovidischer  Ideen  als  den  primären,  entscheidenden 
Elementen.  Ohne  Ovid  keine  Minne,  das  ist  das  Leitmotiv  all 
ihrer  Gegenüberstellungen.  Der  oben  angeführte,  ganz  augen- 
scheinlich durch  die  böse,  unverständige  Kritik  veranlaßte  Er- 
klärungs-  und  Rechtfertigungsversuch  schafft  die  Tatsachen 
nicht  aus  der  Welt.  Er  drückt  den  in  den  Untersuchungen  ,, be- 
wiesenen", überwältigenden  Einfluß  Ovids  auf  ein  Minimum 
herab;  denn  wenn  der  Einfluß  Ovids  sich  nur  auf  Formulierung 
und  Stiüsierung  eigenen,  neuen  Erwerbs  beschränkt,  so  schrumpft 
er  plötzlich  kläglich  zusammen. 


ein  Beispiel  zu  dieser  Lehre  habe  geben  wollen,  denn  auch  die  Rolle 
der  Zofe  scheint  fast  eine  Nutzanwendung  der  ars,  und  Lunete  be- 
gründet ihre  hilfreiche  Gesinnung  damit,  daß  allein  von  den  Rittern 
Yvain  sie  gegrüßt  habe  (Chr.  Iv.  1001  ff.,  H.,  Jw.  1181  ff.),  genau  wie 
Ovid,  Ars  II  251 — 254  das  Grüßen  der  ancillae  und  der  servi  von  dem 
Liebhaber  fordert"  (Heyl  p.  116).  Diese  Ableitung  des  Yvain  in  seinem 
ersten  Teil  von  zwei  Ovidversen  ist  den  Untersuchungen  und  Schlüssen 
Schrötters  und  Heyls  würdig  an  die  Seite  zu  stellen.  Bei  solcher  Art 
der  Quellenforschung  dürfte  es  bald  kein  Motiv  mehr  geben,  daß 
sich  nicht  auf  Ovid  zurückführen  ließe. 


Heyl,  Karl.  Die  Theorie  d.  Minne  i.  d.  alt.  Minnerom.  Frankr.    39 

Die  Lösung  der  Frage  nach  dem  Verhältnis  von  Minne  und 
Ovid  dürfte  vielleicht  in  folgender  Richtung  liegen :  Die  Troubadour- 
minne hat  mit  Ovid  nichts  zu  tun.  Kein  mißverstandenes  Über- 
tragen einer  Gesamtauffassung  —  nur  eine  solche  kommt  in 
Betracht  —  auf  andere  Kulturverhältnisse  hat  stattgefunden. 
Es  hat  eine  Veredelung  des  Liebesgefühls  stattgefunden,  als  ein 
Ergebnis  selbständiger  kultureller  Entwickelung.  Eine  Ent- 
wickelung,  die  sich  auf  morahschem  Gebiet  vollzog  und  von 
daher  ihren  Einzug  in  die  Literatur  hielt.  D.  h.  gCN\isse,  in  der 
intellektuellen  und  allgemein  moralischen  Verfassung  der  Zeit 
sich  regende  Bewegungen  fanden  ihren  Ausdruck  in  der  Literatur, 
wurden  zu  einem  künstlerischen  Ideal  und  gewannen  so  ein 
neues,  ästhetisches  Leben.  Von  einer  Liebeskunst  war  zunächst 
keine  Rede,  nicht  von  einer  im  Ovidischen  Sinne  raffinierten 
Verfeinerung  des  tierischen  Triebes  zu  Genuß  und  Kunst.  Diese 
Quintessenz  der  Ars  amandi  wurde  nicht  gefühlt  und  daher 
auch  nicht  übernommen.  Und  alles,  was  bei  Ovid  über  äußere 
Symptome  der  Liebesempfindung,  über  die  mythologisch-skeptische 
Auffassung  des  Liebesgottes  mit  Pfeil  und  Bogen  sich  findet, 
berührt  das  neue  sich  gestaltende  Liebesideal  nicht  im  Entferntesten . 

Die  Dichter  haben  zunächst  kein  Bedürfnis  gehabt,  ihre 
Minneauffassung  durch  Berufung  auf  Ovid  zu  autorisieren.  Sie 
regelten  nichts.  So  weitsie  Ovid  kannten,  mochten  sich  gelegentlich 
Erinnerungen  an  ihn  einstellen,  wenn  sie  von  Liebe  dichteten.  Be- 
wußt und  häufiger  greifen  auf  Ovid  zurücku.a.derspäte  Flamenca- 
dichter,  sowie  Systematiker  und  Didaktiker,  Nichtdichter  wie 
Matfre  Ermengau  und  Andreas  Capellanus,  die  immer  wieder  in 
einem  Atemzuge  mit  den  Dichtern  zu  nennen,  grober  Unfug  ist. 

Wie  Ovid  in  WirkUchkeit  auf  jene  Zeit  wirkte,  das  ist  aus 
direkten  Bearbeitungen  und  Übersetzungen  zu  sehen,  über  die 
Gaston  Paris  einen  anregenden  Artikel  geschrieben  hat.^) 

Die  trotz  einer  richtigen  Bemerkung  auf  S.  136  augenfällige 
Verkennung  des  Verhältnisses  von  Ovid  zu  den  Troubadours 
und  den  Ependichtern  mag  auch  darin  seinen  Grund  haben, 
daß  Verfasser  sich  offenbar  über  das  Wesen  der  ars  amandi  nicht 
im  klaren  ist.  Er  stellt  sich  vor,  Ovid  gebe  nüchterne,  ver- 
standesmäßige Lehren,  wie  ein  Liebender  die  Minne  einer  Jungfrau 
gewinnen  könne;  er  spricht  von  frivolen  Regeln,  welche  die 
Jungfrau  betören  sollen.  Er  sieht  nicht,  dalJ  die  ars  amandi 
ein  von  sprühender  Laune  erfülltes  Kunstwerk  ist,  daß  von  den 
Liebesaffairen  zwischen  eleganten,  reichen  Müßiggängern  und 
leichten  Lebedamen  oder  ebenso  lockern  verheirateten  Frauen 
handelt.     Von  der  zu  betörenden  Jungfrau  ist  keine  Rede. 


5)  Les  anciennes  versions  fran^aises  de  Vart  d'aimer  et  des  remedea 
d'amour  d'Ovide.     In  „La  Poesie  du  moi/en-age/'     Paris  1885. 


40  Rejerale  und  Rezensionen.      WaUher  Kiiclder. 

Mißvcrsländnisso,  Unklarheiten,  Begriffsunsichorheiten,  die 
wohl  häufig  beim  Beginn  einer  Arbeit  vorhanden  sind,  können 
durch  geduldige,  systematische,  gründUche  Forschung,  durch 
ein  vernünftiges,  methodisches  Vorgehen  allmählich  gehoben 
werden.  Die  Methode  jedoch,  die  der  Verfasser  anwendet,  ver- 
gröbert und  verstärkt  sie  nur.  Folgendermaßen  arbeitet  er: 
Er  liest  den  Theben-Eneas-Trojaroman,  den  Eracle  und  Ille  et 
Galeron  des  Gautier  von  Arras,  den  Tristan  des  Thomas  und 
des  Beroul,  sowie  die  in  Bediers  Ausgabe  abgedruckten  alten 
Teile  des  Prosatristan,  sämthche  Romane  Chretiens  und  die 
Flamenca.  Aus  diesen  Romanen  und  aus  dem  Buche  des  Andreas 
Capellanus  ,,Z)e  Amore"  schreibt  er  sich  eine  größere  Anzahl 
von  Stellen  heraus,  in  denen  von  Liebe  die  Rede  ist,  ordnet  seine 
Zettel  unter  verschiedene  Rubriken  ein,  die  ihm  Wechsslers 
Buch  über  den  Minnesang  und  Schrötters  Dissertation  über 
Ovid  und  die  Troubadours  liefern,  druckt  diese  Stellen  in  den 
verschiedenen  Kapiteln  ab  und  beweist  so,  daß  diese  und  jene 
Eigenschaften  der  Minne  als  Ergebnisse  dieser  oder  jener  Welt- 
anschauung, dieses  oder  jenen  antiken  Einflusses  in  den  benutzten 
Minneromanen  sich  finden. 

Mit  ebensoviel  Zitatenmühlen  könnte  man  die  benutzten 
Romane  vergleichen.  Es  dreht  sich  Blatt  auf  Blatt,  und  die 
Zitate  fallen  heraus. 

Welch  eine  merkwürdige  Vorstellung  von  einem  Literatur- 
werk muß  doch  in  dem  Kopf  eines  so  mechanischen  Zettelarbeiters 
walten!  Die  Dichtung  Hegt  da,  mitten  auf  dem  Schreibtisch, 
wehrlos,  ein  zusammengebundener  Haufe  bedruckten  Papiers. 
Woher  kommt  die  Dichtung,  w^er  hat  sie  verfaßt,  was  für  eine 
Persönlichkeit,  aus  welchen  Kräften  heraus,  in  welcher  Absicht 
etwa,  wann,  wo  ?  Solche  und  andere  Vorfragen  kümmern  den 
Verfasser  nicht.  Es  kümmert  ihn  nicht  ihr  Inhalt,  nicht  die  Be- 
sonderheit der  Liebesverhältnisse,  auf  welche  die  Theorie  der 
Minne  ihre  Anwendung  findet.  Ob  Theorie  und  Geschehen  in 
Einklang  miteinander  stehen,  oder  ob  etwa  eine  mechanisch 
aufgenommene  Modetheorie  ganz  äußerlich  auf  einen  ihr  gar 
nicht  zusagenden  Stoff  aufgeklebt  worden  ist,  ob  nicht  etwa  ein 
alter  Stoff  durch  die  Verquickung  mit  dieser  Theorie  verbildet 
worden  ist,  solche  Erwägungen  beschäftigen  ihn  nicht,  ebenso- 
wenig wie  er  einen  Unterschied  macht  zwischen  einem  Werk 
reiner,  dichterischer  Erfindung,  einer  alten  Sage  oder  einer  theo- 
retischen Abhandlung. 

Keinen  AugenbUck  denkt  er  daran,  daßverschiedene  Menschen, 
verscliieden  begabte  Erzähler,  originelle  Dichter  mit  selbständigen 
künstlerischen  oder  moraUschen  Überzeugungen  oder  unselbst- 
ständige  Nachahmer  am  Werke  gewesen  sein  können;  daß  in 
verschiedenen  Werken  Erzählungsstoffe  aus  mannigfachen,  räum- 
lich und   zeitlich  voneinander  getrennten  Sagenkreisen  in  mehr 


Heyl^  Karl.  Die  Theorie  d.  Minne  i.  d.  alt.  Minneroni.  Frankr.   41 

oder  weniger  inniger  Weise  verschmolzen  sind,  daß  in  ilmen  das 
Element  der  Liebe  häufig  eine  ganz  verschiedene  Rolle  spielt, 
eine  verschiedene  Wertung  erfährt,  hier  den  eigentlichen  Inhalt 
bildet,  dort  nur  eine  Episode  ist. 

Vollends  ist  er  weit  davon  entfernt,  etwa  durch  Analysen 
der  betreffenden  Liebesgeschichten,  des  Verhaltens  der  beteiligten 
Personen  von  Anfang  bis  zu  Ende,  der  Entwicklung  ihrer  Liebes- 
gefühle, der  Art  und  Weise  der  sentimentalen  Konflikte  Einblick 
zu  gewinnen  in  die  Auffassung  jener  Zeit  von  Minne.  Nicht  ein 
einziges  Mal  versenkt  er  sich  in  ein  einziges  Werk,  als  ein  Kunst- 
werk für  sich,  voller  Besonderheiten  innerhalb  der  für  alle  Kunst- 
werke einer  Zeit  gleichen  Lebensbedingungen.  Beständig  spricht 
er  von  Synthese,  ohne  daß  sie  je  organisch  und  mit  zwingender 
Notwendigkeit  aus  vorher  geübter  Analyse  herausgewachsen  wäre. 

Da  mir  viel  daran  liegt,  deutlich  und  unwiderleglich  zu 
zeigen,  daß  die  vom  Verfasser  eingeschlagene  Arbeitsweise  im 
großen  und  kleinen  beständig  zu  Fehlern  und  Unzuträglichkeiten 
führt,  mögen  hier  zum  Schluß  noch  mehrere  Beispiele  folgen. 

Der  Verfasser  spricht  von  der  Bedeutung  des  Kusses  für 
Troubadour  und  Ritter;  wie  der  eine  sich  im  besten  Falle  voller 
Entzücken  mit  ihm  begnüge  und  der  andere  das  nicht  tue;  wie  dem 
Kuß  die  hohe  Bedeutung,  die  ihm  die  Troubadours  zuerkannt 
hätten,  nur  von  dem  einzigen  Verfasser  der  Flamenca  beigelegt 
werde.  Zur  Erhärtung  führt  er  den  Vers  300  an: 
Per  ric  si  tenc  quan  l'ac  baisada. 
Es  handelt  sich  hier  um  den  ersten  Kuß,  den  nach  der  Trauung 
der  junge  Gatte  seiner  Gattin  gibt.  Eine  Bemerkung,  die  natürhch 
mit  der  Wertschätzung  des  Kusses  der  Herrin  durch  die  Trou- 
badours oder  mit  der  Ungenügsamkeit  der  Ritter  nichts  zu  tun  hat. 

Mit  einem  Überfluß  an  Beispielen  wird  erörtert,  daß  ein 
Gemeinplatz  der  höfischen  Dichtung  von  der  Unwiderstehlichkeit 
der  Liebe  spreche,  von  der  Unmöglichkeit  gegen  sie  anzukämpfen. 
Zitiert  wird  u.  a.  Ovid,  Ars  I,  9: 

nie  quidem  ferus  est  et  qui  mihi  saepe  repugnet.  (p  129i 

Dieser  Vers  bedeutet  gerade  das  Gegenteil  von  dem,  was  er  nach 
Heyls  Ansicht  bedeuten  soll.  Ovid  will  sagen,  Amor  ist  ungeberdig 
und  widerstrebt  oft  mir,  der  ich  ihn  halten  möchte.  Er  sagt 
nicht,  der  Liebende  kann  Amors  Willen  niclit  widerstehen.  Eben- 
so kann  ich  niclit  sehen,  was  das  Beispiel  aus  Andreas  Capellanus: 
Improba  neniqiie  satis  intentio  fnnlieris  indicatnr.  qnae  amari 
quaerit  et  ipso  recnsat  aniare  (p.  130)  in  diesem  Zusammenhange 
zu  suchen  hat. 

Das  Flamenca-Zitat  auf  S.  133/-4  ist  nicht  so  sehr  charakte- 
ristisch für  die  Macht  der  Liebe,  sondern  in  viel  tieferem  Sinne 
für  die  Kasuistik,  mit  der  die  verbotene  Liebe  als  Gebot  der 
Vernunft  und   Selbsterhaltung  bezeichnet  wird. 


42  Referate  und  Rezensionen.      Walther  Kiichler. 

In  dem  Kapitel  über  geistige  Auffassung  des  Ursprungs  der 
Minne  —  in  demselben  Kapitel,  in  dem  die  eben  angeführten 
Beispiele  auch  stehen  —  wird  darüber  gehandelt,  daß  die  Minne 
die  höchste  Tugend  sei,  so  aufgefaßt  unter  der  Einwirkung  des 
christlichen  Spiritualismus.  Es  wird  gesagt,  daß  mit  dem  Liebes- 
gefühl Furcht  und  Scham  verbunden  sei  und  daß  z.  B. 
Flamenca  fürchte,  ihr  Gemahl  werde  ihre  verbotene  Liebe 
nicht  dulden  und  sie  bestrafen: 

Paors  mi  castia  cm  menassa 
E  dis  mi  que  ja  rcn  non  fassa 
Que  monsegnor  nos  teng'a  joc, 

Gar  s'o  fas,  metra  m'en  un  fuec  (5557 — 60)        p.  144 
Furcht  vor  Strafe  wegen  Ehebruchs  zitiert  als  unter  Einwirkung 
christlichen   Spiritualismus  stehend! 

Kurz  darauf  heißt  es,  daß  die  Minne  als  Kardinaltugend 
alle  anderen  Tugenden  beherrsche.  In  diesem  Sinne  sei  der  immer 
wiederkehrende  Gedanke  von  der  Macht  des  Minnegottes  zu 
verstehen,  ein  Gedanke,  der  seinen  schönsten  Ausdruck  im  Fla- 
mencaromane  finde: 

Amors  non  a  seinor  ni  par, 
E  per  so  pot  far  a  sa  guisa; 

Aissi  cos  vol  home  deguisa.    (3716 — 18)  p.  146  f. 

Minne  =  Kardinaltugend  =  Macht  des  Liebesgottes  ist  natürlich 
keine  Gleichung.  Die  unvollständig  zitierte  Stelle  im  Flamenca- 
romane  will  folgendes  besagen:  Der  Ritter  verkleidet  sich  als 
Meßdiener,  aus  Liebe.  Man  könnte  Amor  tadeln,  daß  er  einen 
Menschen  veranlaßt,  sich  zu  verstellen.  Aber  Amor  ist  Herr, 
er  kann  machen,  was  er  will.  Der  Sinn  ist  also  ein  ganz  anderer 
als  der,  den  der  Verfasser  vermutet. 

Alle  diese  Fehler  und  Mißverständnisse  stammen  aus  der- 
selben Quelle.  Man  betrachtet  die  Dichtungen  nicht  um  ihrer 
selbst  willen,  sondern  man  reißt  Verse  willkürlich  aus  dem  Zu- 
sammenhang los,  liest  in  oberflächlicher  Betrachtung  nur  Worte, 
immer  nur  Worte.  Dichtungen  sind  Zitatensammlungen. 
Charakteristisch  ist  eine  Äußerung  des  Verfassers  über  Plan  und 
Anlage  der  Flamenca:  ,,die  äußere  Handlung  dient  gleichsam 
nur  der  Verbindung  der  einzelnen  Motive".  Auf  Grund  einer 
solchen  Illusion  kann  man  die  Handlung  vernachlässigen  und 
nur  die  einzelnen   Motive   zitieren.     Aber  mit  welchem  Erfolg! 

Das  mechanische  Herausschreiben  von  Zitaten,  das  sich 
um  Handlung,  Personen,  Bedeutung  nicht  kümmert,  führt  noch 
zu  einer  letzten  Reihe  von  anscheinend  kleinen,  aber  doch  höchst 
bezeichnenden  Versehen. 

Der  Verfasser  spricht  von  der  Zurückhaltung  der  Frau  und 
gibt  an,  daß  D  i  d  o  im  Eneasroman  diese  Zurückhaltung  nicht 
kenne.     Die  zitierten  Verse  beziehen  sich  auf  L  a  v  i  n  i  e. 


Heyl,  Karl.  Die  Theorie d.  Minne  i.  d.  alt.  Minnerom.  Frankr.    43 

Auf  S.  125  sagt  er  „Soredamors  lobt  es,  daß  Fenice  und 
Cliges  nicht  mit  Gewalt  die  Liebe  suchen".  In  Wirklichkeit 
lobt  die  Gattin  des  König  Artus  das  Verhalten  von  Soredamors 
und  Alexandre.  Wer  einen  Satz,  wie  den  angeführten,  nieder- 
schreiben kann,  zeigt,  daß  er  den  Inhalt  des  „Cliges"  nicht  kennt. 
Um  die  knechtische  Ergebenheit  des  Mannes  unter 
den  Willen  der  Geliebten  zu  schildern,  werden  S.  U9  folgende 
Verse  aus  dem  Eneasroman  zitiert: 

mielz  voil  morir,  que  ge  li  mente 

ne  qu'en  altro  mete  m'entente; 

guarder  li  voil  et  tenir  fei. 

Diese  Verse  spricht  ein  von  Liebe  ergriffenes  Weib,  Dido, 
zu  ihrer  Schwester. 

S.  167  werden  zwei  Verse  aus  dem  Trojaroman  als  auf 
M  e  d  e  a  bezüglich  angeführt,  w^ährend  schon  nach  der  Vers- 
zahl ohne  weiteres  ersichthch  ist,  daß  es  sich  nicht  um  Medea 
handeln  kann.     Tatsächlich  handelt  es  sich  um  B  r  i  s  e  i  d  a. 

S.  177:  ,,Von  einem  Liebenden  wird  behauptet,  daß  er 
töricht  handle:  En.  1408: 

Amors  l'a  fait  de  sage  fole." 

Wie  schon  aus  der  Femininform  hervorgeht,  ist  eine  Liebende, 
nämlich  Dido,  gemeint. 

S.  191:  „Parthenopeus  preist  im  Trojaroman  seine  Geliebte 
mit  folgenden  Worten",  (folgt  Zitat).  Partheonopeus  tritt  nicht 
im  Trojaroman,  sondern  im  Thebenroman  auf;  nicht  er  preist, 
sondern  Achilles. 

S.  200.  Im  Zusammenhange  mit  Äußerungen,  welche  be- 
weisen sollen,  daß  der  Liebende  der  Herrin  göttliche  Verehrung 
erweise,  steht  folgendes  Zitat  aus  dem  Eneasroman,  in  dem  der 
Ritter   um  das  Mitleid  seiner  Dame  flehe. 

Preier  vos  voil  por  toz  les  deus, 

ki  envers  mei  sont  trop  crueus, 

par  l'amistiö,  par  Taliance, 

ki  est  entre  nos  par  fiance, 

quo  vos  aicz  de  mei  pitie. 

Nicht  ein  Ritter  fleht,  sondern  Dido  bescl\wört  den  Eneas, 
doch  nicht  von  ihr  zu  gehen. 

S.  201:  „Im  Dienste  der  Minne  wurden  Mut  und  Ent- 
schlossenheit, die  einst  als  Haupttugenden  des  Ritters  gegolten 
hatten,  in  das  direkte  Gegenteil  verwandelt,"  denn  im  Eneasroman 
ist  von  Vers  1662 — 64  zu  lesen: 

car  ki  aimo  toz  tens  mescreit; 
en  dotance  est  et  en  peor, 
ja  n'ert  seürs  ne  nuit  ne  jor. 


44  Referate  und  Rezensionen.     Jlugues   Vaganatj. 

So  schreibt  der  Dichter  von  D  i  d  o  ,  die  trotz  der  beruhi- 
genden Versicherungen  des  Eneas  mit  Recht  nicht  an  seine  Ver- 
sprechungen glaubt. 

Und  so  könnten  noch  viele  Beispiele  angeführt  werden 
als  Zeugnis  für  jene  unglaubliche  Fahrlässigkeit,  um  nicht  zu 
sagen  Gewissenlosigkeit,  mit  der  bhndlings,  ins  Blaue  hinein, 
zitiert  und  bewiesen  wird. 


Man  soll  einer  Anfängerarbeit  gegenüber  im  allgemeinen, 
so  weit  es  geht,  Nachsicht  üben.  So  weit  es  geht.  Aber  wenn 
in  einem  Falle,  wie  dem  vorUegenden,  eine  solche  Unfähigkeit, 
ein  so  bodenloser  Leichtsinn  zutage  treten,  so  hat  die  Kritik 
die  Pflicht  rücksichtslos  einzuschreiten.    Aus  mehreren  Gründen. 

1.  Dem  Buch  ist  die  Auszeichnung  zuteil  geworden  in  eine 
Sammlung  von  Universitätsschriften  aufgenommen  zu  werden. 
Es  hat  die  Aussicht,  leichter  und  zu  einem  nicht  unerheblichen 
Preise  gekauft  zu  werden.  Es  kostet  ungebunden  5.50  Mk.  Käu- 
fer und  Leser  dürfen  mit  gewissen  Erwartungen  an  die  Lektüre 
herangehen.    Aber  was  sie  erhalten,  ist  gleich  Null. 

2.  Das  Buch  gehört  zu  einer  Reihe  von  Veröffentlichungen 
die  auf  Grund  einer  völlig  unzureichenden  Methode  sehr  wichtige 
Fragen  der  Literatur-  und  Geistesgeschichte  behandeln.  Diese  Me- 
thode hat  sich  als  die  Arbeitsweise  eines  groben,  unwissenschaft- 
lichen Dilettantismus  herausgestellt.  Desungeachtet  arbeitet  sie 
mit  hochtrabenden  Worten:  Weltanschauung,  Christentum,  Askese, 
Mystik,  Spiritualismus  usw.,  ohne  sich  über  die  Bedeutung  dieser 
Begriffe  hinreichend  klar  zu  sein  und  ohne  ihre  Bedeutungsinhalte 
da  nachweisen  zu  können,  wo  sie  als  vorhanden  bezeichnet  werden. 

3.  Auf  Grund  dieser  nichtssagenden  Arbeit  ist  dem  Ver- 
fasser der  höchste  akademische  Ehrentitel,  der  Doktorgrad, 
verliehen  worden.  Gewiß  sind  von  unseren  jungen  Doktoranden 
nicht  immer  Musterleistungen  zu  erwarten.  Häufig  genug  muß 
mittelmäßiges  Gut  durchgehen  und  wird  wohl  immer  durch- 
gehen. Aber  eine  Arbeit,  die  tief  unter  dem  allerbescheidendsten 
Mittelmaß  steht,  die  ein  Hohn  auf  alle  wissenschaftUche  For- 
schung ist,  die  sollte  doch  unter  allen  Umständen  für  zu  leicht 
befunden  werden. 

In  der  Hoffnung,  daß  solcher  Arbeiten  in  Zukunft  immer 
weniger  werden,  habe  ich  mich  das  undankbare  Geschäft  pein- 
lichen Nachprüfens  und  freimütiger,  ungeschminkter  Kritik 
und  Warnung  nicht  verdrießen  lassen. 

Würzburg.  Walther  KtlCHLER. 

liOngnon,  Henri.  Pierre  de  Ronsard.  Essai  de  biographie. 
Les  a ncetres  —  la  jeu nesse.  Avec  un  portrait  hors  texte.  Paris, 
Librairie   Honore  Champion,   editeur.      1912.   —  In-8  [185 


Longnon,  Henri.      Pierre  de  Ronsard.  45 

X  120  mm]  de  XII— 512  pp.    Prix:  8  francs.     Bibliotheque 
litteraire  du  XVP  siecle. 

La  publication  du  present  livre,  ecrit  dejä  depuis  tantöt 
huit  ans,  est  due  en  notable  partie  ä  la  soutenance  des  theses 
de  Monsieur  Laumonier,  theses  que  nous  avons  dejä  presentees 
aux  lecteurs  de  cette  Revue. ^)  Les  dites  theses  nous  paraissaient 
un  travail  hätif :  nous  deplorons  aujourd'hui  que  M.  Henri  Longnon 
ait  refuse  ä  son  tres  regrette  perc  le  plaisir  de  voir  imprime 
le  volume  qu'il  ecrivit  en  1904.  A  cette  date,  ses  renseignements 
eussent  eu  le  merite  de  la  nouveaute:  en  1912,  ils  ne  presentent 
plus  que  celui  d'une  redaction  plus  claire  et  d'une  typographie 
moins  broussailleuse   que  celle   du   Ronsard  poete   lyrique. 

Monsieur  Longnon  a  deux  autres  merites  vrais:  il  a  su  limiter 
ses  recherches  et  il  a  reconnu  loyalement  ce  qu'il  devait  ä  ceux 
qui  Tavaient  precede  ou  qui,  de  1904  ä  1911,  ont  ecrit  sur  ou 
autour  de  son  sujet.  II  n'en  est  que  plus  fächeux  —  aux  lecteurs 
de  juger  s'il  ne  faut  pas  ajouter:  regrettable  —  qu'il  n'ait  pas 
cru  devoir  ouvrir  le  volume  qui  parut  chez  son  libraire,  ä  la  fin 
de  1909,  et  qu'il  mentionne,  au  bas  de  la  page  458,  comme,  «venant 
d'etre  public»!,  alors  que  deux  fois  douze  mois  se  sont  ecoules 
depuis  sa  mise  en  vente.  II  ne  s'agit  pas,  en  cffet,  d'enterrer 
un  auteur  en  qualifiant  teile  ou  teile  de  ses  oeuvres,  en  l'espece 
le  premier  volume  de  l'edition  de  Ronsard  suivant  le  texte  de 
1578,  —  le  seul  ä  suivre  —  de  «monumentale»,  il  est  plus  juste  de 
mettre  en  oeuvre  les  materiaux  qu'il  fournit  et  d'user  des  facilites 
qu'il  procure. 

De  divers  cotes  l'on  a  reproche  au  provincial  impenitent 
qu'est  l'editeur  du  Ronsard  de  1910,  de  n'avoir  pas  use  des  ressour- 
ces  des  bibliotheques  parisiennes  en  collationnant  les  textes  de 
1560  et  de  1584,  qu'il  cstime  avoir  ete  de  pures  speculations 
de  librairie:  comment  faut-il  juger  le  Parisien  qui,  en  1912,  etudi- 
ant  la  Jeunesse  de  Ronsard,  ose  encore  nous  renvoycr  au  texte 
qu'a  donne  Blanchemain,  poete  estimable,  mais  editeur  trop 
fantaisiste  pour  que  ses  affirinalions  puissent  encore  etre  suivies  ? 
Doit-on  croiro  que  les  hibliolhequos  sont  fcrmees  ou  que  les 
travailleurs  domeurant  ä  Paris  n'ont  pas  le  tomps  d'y  aller  ? 
Depuis  au  moins  deux  ans  le  texte  primitif  des  Amours  de  Cassan- 
dre,  1552,  se  lit  dans  les  variantes  de  la  nouvelle  edition  de  Ron- 
sard; depuis  la  mcme  epoque,  le  commentaire  de  Muret  —  veri- 
dique  ou  inexact,  peu  importc  ici,  —  est  accessible  i\  tous  et  rondu 
lisible  aux  yeux  l(>s  plus  myopes!  Et  M.  L.  se  refere  a  Blanche- 
main! Voyons  donc  d'iin  piu  pres  ce  que  nous  a  di>nne  Blanche- 
main et  essayons  de  faire  le  travail  par  KmiucI  M.  L.  aurait  du 
commencer. 


M  Voir  t.  XXXVII2,  p.  215. 


46  Referate  und  Rezensionen.     Hugues  Vaganay. 

Entro  un  auteur  et  son  lecteur,  il  ne  doit  se  placor  aucun 
intermediairc:  la  vraie  täche  de  Teditcur  est  de  presenter  les 
textes  iels  qu'ils  furent  composes,  en  signalant  avec  soin  les 
variantes  —  s'il  y  en  a,  et  les  dates  auxqucUes  elles  apparaissent. 
Blanchemain  a-t-il  suivi  ce  programme  ?  Au  lecteur  de  repondre 
quand  il  aura  lu  un  sonnet  et  unc  Ode  pris  au  Hasard  comme 
specimens,  Le  sonnet  est  le  prcmicr  du  sccond  livre  des  Amours, 
QU  Amours  de  Marie:  le  texte  de  1578  est  suivi  de  Tindication 
de  quelques  editions  feuilletecs  et  des  Variantes  de  1555,  1557, 
1560,  1567,  1571,  1584  et  1587. 

Tyard,  on  me  blasmoit  ä  mon  commencement, 
Que  j'estois  trop  obscur  au  simple  populaire: 
Mais  on  dit  aujourd'huy  que  je  suis  au  contraire, 
4  Et  que  je  me  demens,  parlant  trop  bassement. 
Toy,  de  qui  le  labeur  enfante  doctement 
Des  livres  immortels,  dy-moy,  que  doy-je  faire? 
Dy-moy  (car  tu  s^ais  tout)  comme  doy-je  complaire 
8  A  ce  monstre  testu,  divers  en  jugement? 

Quand  je  brave  en  mes  vers,  il  a  peur  de  me  lire: 
Quand  ma  voix  se  desenfle,  il  ne  fait  que  mesdire. 
11  Dy  moy  de  quels  liens,  et  de  quel  rang  de  clous 

Tiendray-je  ce  Prothe,  qui  se  change  ä  tous  coups? 
Tyard,  je  t'enten  bien,  il  le  faut  laisser  dire, 
14  Et  nous  rire  de  luy,  comme  il  se  rit  de  nous. 

BIBLIOGRAPHIE.  Continuation  des  Amours  (1555),  3;  Ronen 
(1557),  2.  Amours  (1560),  11,  9;  (1567),  11,  86;  (1571),  1572,  314; 
(1578),  290;  (1587),  251;  1592,  255;  1604,  1610,  1629,  265.  (Euvres. 
(1584),  120;  1609,  128.  Blanchemain.  I,  147.  Marty-Laveaux.  I, 
131. 

VARIANTES.  Sonnets  en  vers  heroiques.  1555.  1557.  1560. 
1567.  1571.  —  1.  Thiard,  chacun  disoit  ä  m.  c.  1555.  1557.  —  1.  Mon 
Tyard,  on  disoit  ä  m.  c.  1560.  1567.  1571.  Blanchemain.  —  1.  Ma 
muse  estoit  blasmee  ä  m.  c.  1587.  —  2.  Dequoy  j'estois  o.  au  s.  p.  1584. 

—  2.  D'apparoistre  trop  haulte  au  s.  p.  1587.  —  3.  Aujourd'hui,  chacun 
dit  q.  je  s.  au  c.  1555.  1557.  —  3.  M.  aujourd'huy  l'on  dit  q.  je  s.  au  c. 
1560.  1567.  1571.  Blanchemain.  —  3.  Maintenant  des-enflee  on  la 
blasme  au  c.  1587.  —  4.  Et  qu'elle  se  desment  p.  t.  b.  1587.  —  5.  — 7. 
T.,  q.  as  endurö  presqu'un  pareil  torment  Di  moi,  je  je  suppli,  di  m. 
q.  d.-je  f.  Di  m.,  si  tu  le  sgais,  c.  d.-je  c.  1555.  1557.  —  9.  Q.  j'escry 
hautement  il  ne  veut  pas  me  1.  1555.  1557.  1560.  1567.  1571.  Blanche- 
main. —  9.  Q.  je  tonne  en  m.  v.  il  a.  p.  de  me  1.  1584.  1587.  —  10.  Q. 
j'escry  bassement  il  ne  f.  qu'en  m.  1555.  1557.  1560.  1567.  1571.  Blan- 
chemain a  le  Premier  hemistiche  de  1555—1571  et  le  second  de  1578! 

—  10.  Q.  ma  V.  se  d.  il  ne  f.  qu'en  m.  1584.  —  10.  Q.  ma  v.  se  rabaisse 
il  ne  f.  qu'en  m.  1587.  —  11.  De  quels  liens  serrez  ou  de  q.  r.  de  c.  1560. 
1567.  1571.  Blanchemain.  —  11.  Dy  m.  de  quel  lien,  force,  tenaille 
ou  c.  1584.  1587.  —  13.  Paix  paix,  je  t'e.  b.,  il  le  f.  1.  d.  1555.  1557. 
1560.  1567.  1571. 

Essayons  de  degager  quelques  faits  precis  de  cette  longue 
liste  de  variantes.  Trois  vers  seulement:  8,  12  et  14  n'ont  subi 
aucun  changement.  Six  vers:  1,  3,  9,  10,  11  et  13  presentent 
en  1560  un  texte  different  de  celui  de  1578;  mais  pour  9,  10  et 


Longnon,  Henri.     Pierre  de  Ronsard.  H 

13  le  texte  de  1560  est  aussi  celui  de  1555  et  1557,  de  1567  et 
1571.  Blanchemain  qui  nous  dit  (T.  I,  p.  X  i  j)  «C'est  cette 
edition  type  de  1560  que  j'ai  prise  pour  point  de  depart  et  au 
texte  de  laquelle  je  me  suis  conforme»,  nous  donne  bien  pour 
quatre  vers:  1,  3,  9  et  11  le  texte  de  1560,  mais  pour  10  il  melange 
1555—1571  avec  1578  et  pour  13  il  donne  le  texte  de  1578  qui 
fut  reproduit  en  1584  et  1587!  Le  style  composite  peut  etre 
acceptable  en  architecture :  il  est  hors  de  mise  dans  une  edition 
de  textes.  Et  M.  L.  eüt  ete  bien  inspire  s'il  avait  verifie:  la 
besogne  lui  etait  facile  pour  les  Amours  de  Cassandre:  l'exemple 
ci-dessus  montre  qu'il  en  est  de  meme  pour  les  Amours  de  Marie. 
Employons  le  meme  procede  avec  l'Ode  V  du  deuxieme 
livre:  apres  le  texte  de  1578,  viendront  les  indications  biblio- 
graphiques  pour  permettre  le  contröle,  et  les  variantes  de  1550, 
1555,  1560,  1567,  1571,  1584  et  1587. 

A  CASSANDRE. 
ODE  V. 
La  Lune  est  coustumiere  Celebroit  jusqu'aux  cieux, 

De  naistre  tous  les  mois,  Ne  faisant  l'air  sinon 

3  Mais  quand  nostre  lumiere  24  Bruire  de  vostre  nom? 
Est  esteinte  une  fois,  De  vostre  belle  face 

Longuement  sans  veiller  Le  beau  logis  d'Amour, 

6  II  nous  faul  somnieiller.  27  Oü  Venus  et  la  Grace 
Tandis  que  vivons  ores,  Ont  choisi  leur  sejour, 

Un  baiser  donnez-moy,  Et  de  vostre  cell  qui  fait 

9  Donnez-m'en  mille  encores,  30  Le  Soleil  moins  parfait. 
Amour  n'a  point  de  loy:  De  vostre  sein  d'yvou-e 

A  sa  Divinite  Par  deux  ondes  secous 

12  Convient  l'infinite.  33  Elle  chantoit  la  gloire, 

En  vous  baisant  Maistresse,  Ne  chantant  rien  que  vous: 

Vous  m'avez  entam6  Maintenant  en  saignant, 

15  La  langue  chanteresse,  36  De  vous  se  va  plaignant. 
De  vostre  nom  aim6.  Las!  de  petite  chose 

Quov?  est-ce  lä  le  pris  Je  me  deuls  sans  raison: 

18  Du  labeur  qu'elle  a  pris?  39  La    flache  au  coeur  enclose 
Elle  par  qui  vous  estes  Me  tu'  sans  guerison, 

Dresse  entre  les  Dieux,  Que  TAroher  ocieux 

21   Qui  voz  beautez  parfaites  42  M'y  tira  de  voz  yeux. 

BIBLIOGRAPHIE.  Ödes.  (1550),  46b;  1553,  44;  (1555),  38; 
(1560),  64;  (1567),  71;  (1571),  1573,  145;  (1578),  128;  (1587),  121; 
1592,  139;  1604,  1617,  248;  1630,  300.  (Eiwres.  (1584),  307;  1609, 
1623,  402.     Blanchemain.    II,  141.     Marty-Laveaux.  II,  192. 

VARIANTES.  Titre.  A  sa  Maistresse  1584.  1587.  —  2.  Renaistre 
t.  1.  m.  1555.  1560.  1567.  1571.  Blanchemain.  —  4.  Sera  mortc  u.  f. 
1555.  1560.  1567.  1571.  Blaiuhemain.  —  5.  Long  Ions  s.  s'evoiller 
1550.  _  5.  Long  tans  s.  reveiller  1555.  1560.  1567.  1571.  Blanchemain. 

—  5.  Sans  nos  yeux  resveiller  1587.  —  6.  Nous  famlra  s.  1550.  1555. 
1560.  1567.  1571.  Blanchemain.  —  6.  Faut  long  tomps  s.  1587.  — 
7.  8.  D'un  baiser  lium'de,  o.  Los  levres  pressez  m.  1550.  —  8.  9.  ... 
donne  ...  donne  1555.  1560.  1571.  Blanchemain.  —  11.  A  sa  grand' 
deitö  1550.  1555.  1560.  1567.  1571.  Blanchemain.  —  13.  14.  A,  vous 
m'av(^s  m.     De  la  dent  e.  1550.  1555.  1560.  1567.  1571.  Blanchemain. 

—  18.  Du  travail  (\n\\  a  p.  1584.  1587.  —  19.  E.  qui  vos  louangcs  1550. 


48  Referate  und  Rezensionen.     Ilngues   Vaganay. 

1555.  1560.  1567.  1571.  Blanchemain.  —  20.  Mignonnement  vantoit 
1550.  —  20.  De  nur  lo  lue  vantoit  1555.  1560.  1567.  1571.  Blanchemain. 
■ —  21.  22.  Et  aus  peuples  Stranges  Vos  niorites  chantoit  1550.  1555. 
1560.  1567.  1571.  Blanchemain.  —  (25—30  n'exi.stcnt  pas  en  1550. 
1555.  1560.  1567.  1571.)  —  31.  De  vos  telins  d'i.  1550.  1555.  1560. 
1567.  1571.  Blanchemain.  —  32.  Reliques  d'Ürient  1550.  —  32.  ( Joyaus 
de  l'O.)  1555.  1560.  1567.  1571.  Blanchemain.  —  33.  Eternisoit  la  g. 
1550.  1555.  1560.  1567.  1571.  —  34.  Et  de  vostre  oeil  rient  1550.  Blanche- 
main. —  34.  Et  de  vostre  oeil  friant  1555.  1560.  1567.  1571.  —  35.  Pour 
la  recompenser  1550.  1555.  1560.  1567.  1571.  Blanchemain.  —  36.  On 
la  vient  offenser?  1550.  —  36.  La  faut-il  offenser?  1555.  1560.  1567. 
1571.  Blanchemain.  —  38.  Je  me  piain  durement  1550.  1555.  1560. 
1567.  1571.  Blanchemain.  —  38.  Je  me  plains  s.  r.  1587.  —  39.  La  plaie 
au  c.  e.  1550.  1584.  —  39.  La  plaie  en  l'ame  e.  1555.  1560.  1567.  1571. 
Blanchemain.  —  39.  Non  de  la  playe  e.  1587.  —  40.  Me  cuist  bien 
autrement  1550.  1555.  1560.  1567.  1571.  Blanchemain.  —  40.  Me 
cuist  s.  g.  1584.  —  40.  Au  coeur  s.  g.  1587.  —  41.  42.  Qu'en  traison 
il  receut  Quand  vostre  oeil  le  deceut  1550.  —  41.  42.  Que  ton  oeil  m'y 
laissa  Le  jour  qu'il  me  hlaissa.  1555.  1560.  1567.  1571.  Blanchemain. 

Sur  ces  42  vers,  six,  25  ä  30,  clonnes  en  note  par  Blanche- 
main comme  variantes  de  1587,  se  lisent  sans  changement  en 
1578,  1584  et  1587. 

Sur  les  36  autres,  24  :  2,  4,  5,  6,  8,  9,  11,  13,  14,  19,  20,  21, 
22,  31,  32,  33,  34,  35,  36,  38,  39,  40,  41,  42  presentent  en  1560 
un  texte  different  de  1578,  mais  toiites  ces  variantes  se  lisaient 
dejä  en  1550  oii  1555  et  sont  conservees  en  1567  et  1571.  Blan- 
chemain en  reproduit  22;  au  vers  33,  il  donne  le  texte  de  1578, 
au  vers  34,  celui  de  1550!!! 

Ne  faut-il  pas  conclure  que  Blanchemain  est  un  guide  peu 
sür  ?  que  l'edition  de  1560  est  en  roccurrence  sans  interet  ?  et 
que  le  seul  texte  dans  lequel  on  doive  lire  cette  Ode  est  celui  de 
1578?  qui  nous  donne  une  Ode  de  42  vers  dont  10  :  1,  3,  10,  12, 
15,  16,  17,  23,  24,  31  n'ont  subi  aucun  changement  de  1550  ä 
1587,  dont  2  autres:  7  et  27  sont  demeures  de  1555  ä  1587;  Seul 
le  vers  18  a  ete  modifie  en  1584.  L'edition  de  1587  reste  hors 
du  debat,  car  nous  ne  savons  avec  quelle  fidelite  Galland  a  repro- 
duit les  corrections  que  Ronsard  apporta  au  texte  de  1584. 

Notons  ici,  au  passage,  que  sur  les  56  vers  de  l'Ode  II  du 
premier  livre,  25  se  lisent  de  1550  ä  1587  sans  changement,  qu'au- 
cune  Variante  n'est  particuliere  ä  1560  ou  1584  mais  que  1587 
en  offre  5.  —  Sur  les  104  vers  de  FOde  VI  du  meme  livre,  50 
sont  restes  tels  que  Ronsard  les  ecrivit  en  1550,  1560  nous  presente 
une  seule  Variante  particuliere,  1584  nous  en  offre  11  et  1587, 
neuf  autres;  cette  derniere  edition  est  la  seule  oü  la  premiere 
Epode  ait  12  vers,  comme  les  deux  autres  epodes,    &c. 

Mais  nous  entendons  le  lecteur  s'ecrier:  A  quoi  bon  cette 
profusion  de  chiffres  et  que  nous  voilä  loin  de  M.  Longnon  et 
de  son  livre!  Point  du  tout:  ayant  frequente  les  editions  origi- 
nales, M.  L.  se  füt  souvenu  qu'il  y  a  dix  ans,  il  nous  avait  revele 
Gassandre  et  il  n'eut  point  —  ä  la  suite  de  tant  d'auteurs  apres 


Longnon,  Henri.     Pierre  de  Ronsard.  49 

Blanchemain,  repet^  la  legende  de  Marie  D  u  p  i  n.  Gette  trop 
ingönieuse  trouvaille  eut  une  merveilleuse  fortune:  M.  Pierre 
Louys  ne  l'a-t-il  pas  consacree  en  publiant  les  Amours  de  Marie 
Dupin  ?  II  serait  trop  long  de  donner  ici  la  liste  des  poetes  du 
XVI®  siecle  qui  fönt  figurer  lo  pin  ä  tort  et  ä  travers  dans  leurs 
vers,  sans  qu'un  Blanchemain  sc  soit  avis6  que  leur  belle  dissi- 
mulait  son  nom  sous  ce  monosyllabe  commode  ä  introduire  dans 
un  hemistiche,  et  qui  s'offre  dans  l'art  des  jardins  comme  un 
bei  arbre  d'ornementation.  Ouvrons  plutöt  Ics  Amours  de  Marie 
et  relisons  le  Voyage  de  Tours,  nous  nous  arreterons  aux  vers 
303—306: 

La  parmy  tes  sablons  Angevin  de  venu, 
Je  veux  vivre  sans  nom  comme  un  pauvre  incognu, 
Et  des  l'aube  du  jour  avecq'toy  mener  paistre 
Aupres  du  port  Guiet  nostre  tropeau  champestre. 

Blanchemain  a  cru  bon  de  faire  suivre  «port  Guyet»  d'un 
renvoi  (1)  ä  une  note  au  bas  de  la  page  «1.  G'est  une  maison  qui 
appartient  ä  Marie»  et  Marty-Laveaux  (t.  I.,  p.  417)  d  pieusement 
reproduit  la  dite  note. 

Oü  Blanchemain,  qui  ne  cite  point  sa  source,  a-t-il  puise  ? 
Au  commentaire  de  Belleau  ?    Mais  Belleau  fut  cnterre  le  6  mars 

1577,  et  ce  n'est  quo  dans  des  editions  posthumes  de  son  commen- 
taire, editions  revisees  par  des  anonymes,  en  1584,  1587,  1604, 
1609,  etc.  que  nous  lisons  le  texte  donne  par  Blanchemain.    En 

1578,  la  note  est  ainsi  redigee:  «G'est  une  maison  qui  appartient  ä 
s'amie,  ainsinommee».  Notonsla  presence  de  la  virgule,  absente 
du  texte  de  1571  (t.  I,  p.  406)  public  du  vivant  de  Belleau  et 
venons  en  au  tout  premier  texte,  celui  de  1560:  nous  y  lirons  au  v^ 
du  f.  56  «C'est  une  maison  qui  appartient  d  sa  mie  ainsi  nomm^e» 
Pourquoi  Marie  ne  se   serait-ellc   pas   appelee    Marie  Guiet  ? 

Ge  compte-rendu  n'est  pas  un  simple  plaidoyer  pro  domo 
mea  mais  un  expose  des  principcs  qui  ont  guiJe  l'editeur  de  1910: 
. .  terminons  le  par  un  apergu  de  la  Table  des  matieres  du  livre 
de  M.  L.  Deux  parties:  les  Ancetres,  la  Jounessc,  se  partagent 
in^galement  lo  gros  du  volume,  soit  410  pages.  Dans  la  premiere, 
deux  chapitres  nous  presentent  les  ancetres  de  Ronsard  avec 
les  diverses  hypotheses  sur  leurs  origines,  le  pere  et  la  mere  de 
Ronsard.  Dans  la  seconde,  cinq  cliapiln>s :  les  «enfances»,  premieres 
ötudes  et  premiers  vers,  les  luimanites,  la  Brigade,  les  Amours 
de  jeunesse,  ne  nous  laissent  rien  ignorer  de  ce  qui  a  öte  ecrit 
ex  professo  sur  cette  periode  de  la  vie  de  Ronsard.  M.  L.  n'accepto 
pas  toujours  les  opinions  emises  avant  lui,  et  souvent,  le  lecteur 
qui  l'aura  suivi  attentivement,  so  rendra  ä  ses  raisons  toujours 
clairement  exposöes  et  soutenues  avec  une  attrayant»^  mode- 
ration.  Les  cent  dernieres  pages  sont  a  peu  pres  egalement 
partagces  entre  XIII  Appondices:  documents  litteraires  et  XXX 
Pikees  justificatives:   documents   d'arcliives. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX'/'-  4 


50  Referate  und  Rezensionen.     Josef  Frank. 

Nous  ne  doutons  point  qu'un  franc  succes  accueille  le  livro 
place  par  un  fils  rcspectucux  et  reconnaissant  sous  les  auspices 
d'un  pere  dont  la  memoire  reste  en  veneration  parmi  los  Iravailleurs 
de  la  pensee  et  nous  esperons  que  ce  succes  encouragera  l'auteur 
ä  rameliorer  et  ä  le  rendre  plus  digne  et  du  nom  paternel  et  du 
nom  de  Ronsard. 

Lyon.  IluGUEs  Vaganay. 

iüffagne,  Emile.   Voiture  et  les  origines  de  V Hotel  de  Rambouillet. 
1597 — 1635.      Portraits  et   documents   inedits.      Paris. 
Mercure  de  France.     1911.     320  S.     8^. 
Das  17.  Jahrhundert  in  Frankreich  mit  seiner  satten,  ellen- 
dicken Selbstzufriedenheit  jagt  nicht  rastlos  nach  neuen,  hohen 
Idealen,  sondern  sucht  auch  in  der  Kunst  nur  nach  neuen  Mitteln 
zur  äußeren  Verfeinerung  und  Erhöhung  der  Lebensreize.     So 
fehlen  auch  in  seiner  Dichtung  große,  von  der  Sehnsucht  nach 
fernen   Zielen  erfüllte    Gedanken,   es   fehlen   die   hochfUegenden 
Träume    vom    Menschenglück    kommender    besserer    Tage    und 
man  späht  bloß  nach  neuen  Formen,  die  oft  nur  die  Leerheit  des 
Inhalts   verdecken    und    eine    töLlich   gelangweilte    Gesellschaft, 
die  ihren  Müßiggang  so   dehkat  in  ihrem   Zeitvertreib   macht, 
in  Atem  halten  sollen.     Vincent  Voiture  ist  der  König 
der  ,,Alkovisten",  die  an  Stelle  einer  poetischen  Naturkraft  oder 
einer  erhabenen  Leidenschaft  den  flüchtigen  und  farblosen  Affekt 
setzen  und  anstatt  allen  Tiefsinns  nur  die  Spielereien  eines  be- 
weglichen Esprit  zu  bieten  haben;  er  ist  der  unbestrittene  Führer, 
nach  dem  die  andren  Mode-  und  Salondichter  (Benserade,  Malle- 
ville,    Sarasin,    Gombauld,    Cotin  und   andere)   gravitieren,   die 
später  der  boshaften  Spottsucht  eines  Boileau  einen  so  ergiebigen 
Stoff  lieferten.     Nie  ist  Voiture  ein  großer  Wurf  gelungen;  er 
hat  einen  solchen   allerdings   auch  nie   ernstlich   versucht.     V. 
besaß  nämhch  Selbsterkenntnis  genug,  zu  wissen,  daß  sein  kurz- 
atmiges Talent  und  seine  geringe  Arbeitskraft  zur  Bewältigung 
ernster,  größerer  poetischer  Aufgeben  nicht  ausreiche,  daß   es 
ihm  hierzu  am  Gestaltungsvermögen,  an  der  Kraft  der  Intuition 
und  der  lodernden   Glut  der  Begeisterung  gebreche.     Als  ihm 
Julie  d'Angennes  einmal  den  von  ihr  im   Geschmack  der  Zeit 
erfundenen  Stoff  der  Histoire  d'Alcidalis  et  deZelide  zur  Bearbeitung 
übergab,   konnte   er   diese    Dichtung,    trotzdem   die    ,, Prinzessin 
Julie"    seinen    Ehrgeiz    immer   von    neuem    aufpeitschte,    nicht 
vollenden,  so  daß  sie  erst  1677  ein  gewisser  Des  Barres  zu  Ende 
führen  mußte.    V.s  kleines  Talent  zerflattert  in  leichten  Chansons, 
Stanzen  und  Rondeaux,  deren  aussei  heßhches  Thema,  die  Liebe, 
immer  wieder  variiert  wird.    Aber  nicht  jene  Liebe,  die  den    anzen 
Menschen  in  Gährung  bringt,  die  in  ihm  ungeahnte  Quollen  auf- 
springen läßt,  und  ihn  mit  elementarer  Gewalt  in  seinen  innersten 


Magne,  Emile.  Voiture  et  les  origines  de  V Hotel  de  Rambouillet.  5 1 

Tiefen  aufwühlt,  die  ihn  die  seUgsten  Wonnen  und  qualvollsten 
Schmerzen  auskosten  läßt;  sondern  jene  winzigen  Gefühlchen, 
die  in  einigen  zierlich  gedrechselten  galanten,  oder  übermütig 
ausgelassenen  Gelegenheitsversen  verpuffen  und  nur  bezwecken, 
seinen  eigenen  Geist  leuchten  zu  lassen  und  das  Gemüt  einiger 
Schönen,  deren  Herz  eine  Bude  auf  dem  Eitelkeitsmarkte  ist, 
zu  verwirren  und  zu  verführen.  Wie  die  männhchen  Paradiesvögel 
zur  Zeit  der  Paarung  ihre  Schönheit  vor  den  Weibchen  wett- 
eifernd zur  Schau  tragen  und  wie  selbst  das  des  bunten  Gefieders 
entbehrende  Nachtigallenweibchen  durch  die  rührende  Klage 
seines  schmelzenden  Gesangs  um  Liebe  wirbt,  so  will  auch  Voiture 
durch  geistvolle  Schmeicheleien  oder  durch  herzbewegendes 
Wimmern  und  Winseln  sein  Ziel  erreichen.  Er  ist  aber  nicht  ernst 
und  vielleicht  auch  nicht  heuchlerisch  genug,  um  nicht  zuweilen 
seine  Seufzer  und  Klagen  plötzlich  durch  eine  schrille  Selbst- 
persiflage abzudrehen.  So  sagte  er  einmal  in  einem  seiner  Liebes- 
briefe, nachdem  er  sich  wegen  der  Abwesenheit  einer  seiner 
Geliebten  von  Paris  als  namenlos  verlassen  und  von  Seelen- 
schmerzen ganz  zermürbt  hingestellt  hat,  schließHch,  er  wisse 
nicht  recht,  ob  seine  tiefe  seelische  Depression  von  seiner  un- 
glücklichen Liebe  oder  von  —  seinem  Schnupfen  herrühre  ? 
Es  entschuldigt  ihn  und  er  unterscheidet  sich  darin  sehr  vorteilhaft 
von  vielen  seiner  dichtenden  Zeitgenossen,  daß  er  nicht  nur 
kein  bettlerischer  Parasit  ist,  sondern  den  Druck  seiner  Werke 
mehr  fürchtete,  als  ihn  suchte.  ,,Sie  werden  sehen",  sagte  er  eines 
Tages  zu  Frau  von  Rambouillet,  ,,es  wird  genug  dumme  Leute 
geben,  die  sich  dieses  und  jenes  holen  lassen,  das  ich  verfaßt 
habe,  um  es  in  Druck  zu  geben;  diese  Voraussetzung  könnte 
mich  veranlassen,  meine  Arbeiten  zu  korrigieren."  ,,Er  war  ein 
Mann  der  Geselligkeit,  liebte  das  Spiel  und  die  Frauen.  Seine  Werke 
zu  veröffentlichen,  wäre  ihm  nie  in  den  Sinn  gekommen."  (G.  Rah- 
stede:  Vincent  Voiture^  Oppeln  1891  S.  171).  Er  ist  ein  wesentlich 
stilistisches  Talent,  das  sich  zu  leicht  in  die  Arabeske  verliert, 
besonders  in  seinen  Briefen,  wo  ihn  kein  einhcitliclier  Stoff  sich  zu 
bescheiden  zwingt.  Scinom  Dichten  fehlt  die  eclite  Naivität  und 
die  duftige,  absichtslose  Unmittelbarkeit  hat  sich  durch  das 
Kokettieren  mit  schöner  SeclenhafLigkeit  in  ein  aufdringliches 
Parfüm  verwandelt.  In  dem  Bestreben,  das  Gemeine  und  Ge- 
wöhnliche zu  V(M-m(>iden,  wird  er  leicht  unnatürlich,  in  der  Ab- 
sicht, den  feinen  Ton  zu  bewahren,  büßt  er  oft  das  Gefühl  für  die 
wahre  Sehönlieit  ein.  Seine  ganze  Dichtkunst  jagt  nur  nach 
den  Drohnenerfulgeii  in  den  Salons  der  Zeitgenossen  und  St.  Beuve 
sagt  von  ihm,  er  habe  alles  auf  eine  Leibrente  gesetzt,  er  wollte 
gefallen  und  erreichte  sein  Ziel,  aber  er  hat  sich  damit  ganz 
verzehrt.  Zweifellos  ist  seine  ganze  literarische  Persönlichkeit 
tief  und  fest  im  Motel  de  Rambouillet  V(>rankert.  Ab(>r  g(M'ade 
über  diesen  Zusammenhang  hat  das  vorliegende  Biicli  E.  Magnes 

4* 


52  Referate  und  Rezensionen.     Josef   Frank. 

m 

neues  Licht  verbreitet  und  manche  herrschende  Auffassung 
wesentlich  berichtigt.    Wir  werden  darauf  noch  zurückkommen. 

Die  Art  E.  Magnes  literar-  und  kulturhistorische  Stoffe  zu 
behandeln  haben  wir  in  diesen  Blättern  bereits  bei  einer  anderen 
Gelegenheit  charakterisiert  und  seine  Gewandtheit  der  Form, 
seine  souveräne  Beherrschung  des  Materials  und  seine  überlegf-ne 
Beurteilung  des  Helden  hervorgehoben.  Er  versteht  es  vorzüglich, 
die  Quellen  zum  Reden  zu  bringen  und  selbst  aus  spärlichen 
Berichten  eine  Zeit  und  ihre  Gestalten  zu  rekonstruieren.  Es 
sprüht  alles  von  Leben  und  Zeitkolorit.  Hinter  diese  sehr  schätzens- 
werte Gabe  tritt  die  von  ihm  geübte  Quellenkritik  beträchtlich 
zurück.  Seine  besondere  Vorliebe  für  die  historische  Anekdote 
erregt  oft  Bedenken  und  man  erinnert  sich  an  die  Worte  Voltaires: 
Je  doute  de  tout  et  surtout  des  anecdotes.  Magne  standen  zahlreiche 
bisher  unbekannte  oder  unbenutzte  Dokumente  zur  Benutzung, 
denen  er  eine  recht  ergiebige  Ausbeute  an  neuen  Ergebnissen 
verdankt.  Es  wird  wohl  nicht  unerwünscht  sein,  wenn  wir  einige 
derselben  in  aller  Kürze  an  dieser  Stelle  wiedergeben. 

Über  die  von  Magne  benutzten  neuen  Quellen  sei  hier  nur 
erwähnt,  daß  ihm  Gh.  Samaran  verschiedene  bisher  unedierte, 
V.  betreffende  Akten  zur  Verfügung  stellte,  darunter  besonders 
das  Inventar  von  V.s  Hinterlassenschaft.  Dagegen  hat  er,  wie 
er  mit  Bedauern  konstatiert,  ein  mit  allen  Randglossen  Tallemants 
versehenes  Exemplar  von  V.s  Werken  sich  nicht  verschaffen 
können.  Dieses  Buch,  dessen  Verschwinden  schon  Ubicini 
beklagt,  wurde  von  der  Buchhandlung  Emile-Paul  versteigert 
und  befindet  sich  jetzt  im  Besitz  eines  Notars  von  Aix.  Die  fran- 
zösischen Vorarbeiten  über  V.  beurteilt  Magne  recht  abfäUig 
und  räumt  nur  der  Biographie  des  Deutschen  Georg  Rahstede 
ein  hervorragendes  Verdienst  ein,  wenn  dieselbe  auch  sehr  lücken- 
haft sei.  Er  führt  auch  die  syntaktischen  Studien  über  Voiture 
von  W.  List  und  Max  Dembski  an.  —  Die  von  A.  Dubois  publi- 
zierten Dokumente  über  die  Familienverhältnisse  von  V.s  Vater 
haben  erst  durch  die  bis  jetzt  nicht  veröffentlichten  Akten  Samarans 
eine  Vervollständigung  erfahren.  Aus  diesen  geht  hervor,  daß 
V.  vier  Schwestern  hatte  (Barbe,  Jeanne,  Marguerite  und  Marie) 
und  einen  am  8.  Dezember  1591  geborenen  und  jung  verstorbenen 
Bruder,  Namens  Vincent.  Über  den  letztgeborenen,  Namens 
Fleurant,  berichtet  Pellisson,  daß  ihn  sein  Vater  besonders  zärthch 
liebte,  weil  er  nach  ihm  geraten  war  und  daß  er,  nachdem  er  in 
die  Dienste  des  Königs  von  Schweden  getreten  war,  sich  durch 
kriegerische  Taten  auszeichnete.  Er  dürfte  im  Jahre  1648  gestorben 
sein,  da  er  unter  den  Erbberechtigten  unseres  Dichters  nicht 
erwähnt  ist.  —  Unter  den  Männern,  die  die  Schwestern  V.s  ehe- 
lichten und  deren  Namen  uns  ebenfalls  überliefert  sind,  verdient 
besonders  der  Gemahl  Barbes,  Raoul  Martin,  Erwähnung,  da 
aus  dieser  Ehe  der  Dichter  Martin  de  Pinchesne  entstammte, 


Magne^  Emile.  Voiture  ei  les  origines  de  V Hotel  de  Rambouillet.   53 

der  unter  dem  Beistande  von  Conrart  und  Chapelain  alle  Manu- 
skripte  seines   verstorbenen    Onkels   sammelte    und    herausgab, 
wobei  er  aber  eine  solche  Ausmusterung  und  Kürzung  derselben 
veranlaßte,    daß    die    Briefe    stellenweise    ganz    unverständlich 
geworden    sind.    —    Der    Vater    V.s,    Wirt   und    Weinhändler, 
war,   wie   man  aus  einem  im  Anhang  bei  Magne  abgedruckten 
Notariatsakte  vom  18.  Jan.  1615  ersieht,  der  Lieferant  der  Königin- 
Mutter  Maria  v.  Medici,  der  sie  mit  Wein  versorgen  sollte  en 
quelque  cironstances  et  Heu  qu'elle  se  trouvät.  —  Das  Duell  V.s 
mit  Hameaux  wegen  eines  Liebeshandels,  bei  dem  V.  einige  Finger 
einbüßte,  soll  nach  einer  Angabe  Tallemants  während  des  Auf- 
enthaltes  V.s   im   College   von    Boncourt   stattgefunden   haben. 
Magne  hält  aber  den  Bericht  des  sehr  gut  informierten  Sarasin 
für  glaubwürdiger,  demzufolge  dieser  Zweikampf  erst  vor  sich 
ging,  als  V.  bereits  die  Universität  in  Orleans  bezogen  hatte.  — 
Hier  sei  gleich  eine  bezeichnende  Stelle  aus  Tallemants  Historiettes 
Bd.  II  S.  286  eingeschaltet,  die    M.  nicht  anführt  und  die    den 
Argwohn,  er  sei   feige   gewesen,  völlig  ausschließt:   ,,/Z  y  a   tel 
brave  qui  ne  s'est  pas  battu  tant  de  fois  que  lui,  aar  il  s'est  battu 
iusqu'ä  quatre  fois  de  jour  et  de  nuit,  ä  la  lune  et  aux  flambeaux.'' 
—  V.  hat  wirklich  in  Orleans  ernstliche,  juridische  Studien  be- 
trieben, denn  er  schreibt  nicht  nur  einmal  an  die  Sainctot:  Tout 
grand  jurisconsulte  que  je  sois  (was  man  als  Selbstironie  auffassen 
könnte),  sondern  auch  Tallemant  sagt  von  ihm:  //  avoit  estudie 
pour  estre  avocat.   V.  kam  übrigens  auch  später  noch  nach  Orleans 
und  hat  sogar  einem  dortigen   Krämer  seine   Kundschaft  treu 
bewahrt.  —  V.  unternahm  schon  früh  eine  Reise  nach  Spanien 
vor   seinem    späteren  längeren  Aufenthalte   in   diesem    Lande; 
Pinchesne,  der  diese  Mitteilung  macht,  läßt  es  ganz  unklar,  wann 
diese  erste  Reise  stattgefunden  habe  ?    Magne  \\\\\  in  einem  Briefe 
V.s  an  den  Marquis  von  Rambouillet  (Qiluvres,  1650  p.  10)  hierüber 
eine  aufklärende  Anspielung  gefunden  liaben.  —  Die  Erstlings- 
dichtung V.s  Hymnus  Virginis  seu  Astraeae  an  den  Pariser  Par- 
lamentspräsidenten Nicolas  de  Verdun,  die  1612  in  Paris  erschien, 
konnte  Magno  nicht  auffinden,     Sie  ist  nicht  (wie  Ubicini  angibt) 
in  der  Ausgabe  der  Werke  Wiitures  von  1734,  sondern  in  der  von 
1729  abgedruckt.     Magn(^  meint  ferner,  daß  das  nach  den  An- 
gaben  eines    Herausgebers    des    18.    Jahrh.   angegebene    Datum 
verfrüht  sein  dürfte.  —  Die  1615  erfolgte  Ernennung  eines  sieur 
Voiture  zum  contröleur  giniral  de  la  maison  de  Monsieur,  die  in 
den   Memoires  du  feu   M.  le  duc  d'Orleans  16S5  mitgeleilt  ist, 
wollte   Magne   zuerst    auf  den  Vater  unseres   Dichters  beziehen. 
Er  fand  aber  in  der  Bibl.  nat.  ein  Beamtenverzeichnis  des  Monsieur 
(ms.    n^   20614    f*^  95),    in  dem  als   contröleur  giniral  ein  Noel 
Voicture  genannt  ist.    Es  dürfte  also  ein  entfernterer  Verwandter 
unseres  Dichters  gemeint  sein.    Der  Großvater  V.s  hieß  allerdings 
Noel;  da  er  aber  schon  1571  starb,  kann  sich  die  Notiz  nicht  auf 


54  Referate  und  Rezensionen.     Josef  Frank. 

ihn  beziehen.  Ubicini  bezieht  die  Ernennung  ohne  Bedenken 
auf  unseren  Dichter,  der  aber  damals  erst  18  Jahre  alt  war.  Auch 
Rahstede  tut  dasselbe  skrupellos  (Vgl.  1.  c.  S.  307).  —  Das 
berühmte  Sonnet  V.s.  auf  Urania  stammt,  wie  man  aus  einer 
Stelle  bei  Balzac  ersieht,  aus  der  Jugendzeit  des  Dichters.  Der 
bekannte  Streit  zwischen  den  Uranisten  und  Jobisten  begann 
Ende  1648,  gleich  nach  dem  Tode  V.s.  Magne  sagt  in  anzuer- 
kennender Unbefangenheit,  daß  man,  wenn  man  sich  über  diesen 
Gegenstand  gründlich  unterrichten  wolle,  die  deutsche 
Gelehrsamkeit  in  Kontribution  setzen  müsse  und  zitiert  einen 
Aufsatz  von  Albert  Mennung:  Der  Sonnettenstreit  und  seine 
Quellen  in  der  Zeitschrift  f.  franz.  Spr.  u.  Lit.  1902  p.  275  ff.  Er 
bemerkt  allerdings,  daß  Mennung  nicht  alle  Quellenschriften 
benutzt  habe  und  vervollständigt  das  Verzeichnis  derselben.  Selt- 
sam ist,  daß  Victor  Cousin  meint,  daß  V.  das  Sonnet  über  ,,Job" 
gedichtet  habe,  wie  aus  seiner  Societe  frangaise  Bd.  II  S.  31 
hervorgeht.  (Wir  entnehmen  dieses  Zitat  G.  Rahstedes  er- 
wähntem Werke  S.  342.)  —  Die  natürliche  Tochter  V.s,  Madeleine 
La  Touche,  die  der  Dichter  in  einem  ganz  improvisierten  Stegreif- 
verhältnisse erzeugt  hatte,  oder  wenigstens  als  sein  Kind 
anerkennen  mußte,  trat  zunächst  in  die  Dienste  der  Sable  und 
der  Saint-Loup  und  wurde  dann  eine  Nonne.  Sie  hatte  in  ihrer 
Zelle  ein  Bild  ihres  als  der  heilige  Ludwig  gekleideten  Vaters 
hängen  und  dieses  Bild  soll  es  gewesen  sein,  das  Pinchesne  seiner 
Ausgabe  der  Werke  V.s  vorandrucken  ließ.  Magne  glaubt  dieser 
Angabe  Tallemants  nicht,  da  das  den  Werken  V.s  vorgedruckte 
Bild  1649  von  Nanteuil  graviert  wurde,  zu  einer  Zeit,  da  Madeleine 
(wie  man  aus  der  schon  öfter  angeführten  Nachlaßabhandlung 
ersieht)  sich  erst  anschickte,  ins  Kloster  zu  gehen.  Wir  sehen 
aber  nicht  ein,  warum  das  junge  Mädchen  nicht  schon  früher 
das  Bild  ihres  Vaters  besessen  und  Pinchesne  geliehen  haben 
könnte  ?  —  Auffallend  ist  es,  daß  Magne^)  das  Gedicht  V.s  auf  das 
Hinterteil  der  Fr.  von  Sainctot  und  den  gemeinsam  erlebten 
Wagenunfall,  der  es  hervorgerufen,  ganz  unerwähnt  läßt.  Ge- 
rade dieses  Gedicht  zeigt  drastisch,  was  von  dem  angebhch  strengen 
Anstand  und  den  feinen  Umgangsformen  der  Frequentanten  des 
Hotel  de  Rambouilles  zu  halten  ist.  Ubicini  meint  allerdings,  das 
Gedicht  sei  an  ein  gewisses  Frl.  von  Marolles  gerichtet,  doch 
erweist  sich  dies  als  nicht  richtig.  Wir  zitieren  aus  diesem  bei 
Ubicini,  CEuvres  de  Voiture  Bd.  II  S.  303—306  abgedruckten 
Gedichte  nur  eine  Strophe: 

La  rose  la  reine  des  fleurs, 

Perdit  ses  plus  vives  couleurs; 

^)  Wie  ich  aus  dem  inzwischen  erschienenen  zweiten 
Teile  von  E.  Magnes  „Voiture''  ersehe,  befaßt  er  sich  in  diesem  mit 
dem  in  Rede  stehenden  Gedichte  und  ich  werde  bei  der  Besprechung 
dieses  zweiten  Teils  darauf  zu.ückkommen. 


Mägne,  Emile.  Voitiire  et  les  origines  de  V Hotel  de  Fianibouület.  55 

De  crainte  Voeillet  devint  bleme, 
Et  Narcisse,  alors  convaincu, 
Oiihlia  l'amour  de  soi-mcme 
Pour  se  mirer  en  volre  cu. 
Das  Gedicht  ist  übrigens  eine  matte  Nachahmung  der  Slances 
P.  Scarrons  Pour  Mad.  de  Hautefort  (in  der  Ausgabe  A.  Seches, 
Paris,   Seite  58  f.)     Diese  Verse  Vs.  kHngen  übrigens  noch  sehr 
dezent,  wenn  man  sie  mit  den  folgenden  vergleicht,  in  denen  V. 
die  Sainctot  ansingt  (Magne  I.  S.  97) : 

Mais  laissez-moy  vous  toiicher  seulement 
Ou  voiis  scavez 
oder  wenn  er,  nachdem  sie  sich  ihm  hingegeben  hat,  ihre  geheimen 
Reize  schildert  (Magne,  ibid) : 

Parmi  tout  ce  qui  plus  ni'engage 
Est  un  certain  petit  passage 
Qui  vermeil  et  delicieux. . . . 
Mais  ce  secret  est  pour  les  dieux, 
Ma  plmne,  changeons  de  langage, 
Tout  heau ! . . . 

V.  schickt  der  Sainctot  die  von  Fr.  Rosset  übersetzte  Aus- 
gabe von  Ariosts  Orlando  furioso  und  läßt  anstatt  Rossets  Wid- 
mung einen  von  ihm  verfaßten  Brief  Vordrucken,  der  einen  un- 
geheuren Erfolg  hatte.  Dieser  Brief  verschafft  ihm  auch  die 
Bekanntschaft  mit  Chaudebonne,  der  ihm  zuredet,  sicli  in  das 
nahe  dem  Louvre  in  der  rue  Saint-Tliomas  gelegene  Hotel  de 
Rambouillet  einführen  zu  lassen.  —  Aus  dem  Ms.  No.  662  in  der 
Bibliothek  La  Rochelle  ersieht  man,  daß  die  Rambouillets  fort- 
während mit  Geldnot  zu  kämpfen  hatten  und  daß  der  Marquis 
sogar  von  einem  Guarini  (dem  Dichter  des  Pastor  Fido  ?)  Geld 
entlohnt  hatte.  Der  Tradition  zufolge  soll  die  Marquise  von 
Rambouillet,  von  den  Orgien  am  Hofe  Fleinrichs  IV.  angeekelt, 
sich  zurückgezogen  liaben.  Tatsächlich  hatte  sie  zu  jener  Zeit 
schon  siebenmal  Mutterfreuden  erlebt  und  war  sie  infolgedessen 
recht  kränklich  und  ruhebedürftig.  Sie  imponierte  tatsächlich 
durch  ilir  maß-  und  würdevolles  und  doch  von  Prüderie  ent- 
ferntes Wesen,  das  selbst  einen  Schwerenöter  \\\g  Malherbe  in 
angemessener  Distanz  zu  halten  verstand,  ohne  ihn  zu  be- 
leidigen. Hier  müssen  wir  einige  allgemeine  Bemerkungen 
über  das  Hotel  de  Rambouillet  einflechten.  Man  sieht  in  dem- 
selben gewöhnlich  den  Sitz  eines  subtilen,  alle  edlen  Herzens- 
regungen auf  die  Liebe  zurückführenden  Idealismus,  aber  auf 
eine  entsinnhchte  Liebe,  auf  einen  raffinierten  Piatonismus. 
der  nur  anspruchslos  seufzt  und  sclimachlol  und  wenigstens 
metaphorisch  am  gebrochenen  Herzen  stirbt. 

Es  ist  aber  ganz  zweifellos,  daß  das  Hotel  de  Rambouillet 
nicht  zu  allen  Zeiten  eine  Stätte  zur  ausschließlichen  Pflege 
literarischer  Interessen   gewesen   ist,    oder    auch  nur  jenen  Zug 


56  Referate  und  Rezensionen.     Josef  Frank. 

strenger  Zucht  und  frommer  Sitte  trug,  den  es  später  (aber  auch 
dann  nicht  in  dem  Maße,  wie  man  gewöhnlich  meint)  angenommen 
liat.  Anfänglich  herrschte  vielmehr  daselbst  noch  harmlose 
Heiterkeit  oder  gar  übermütige  Ausgelassenheit.  Die  zu  jener  Zeit 
noch  jungen  weiblichen  Berühmtheiten  desselben  spielen  mit 
Puppen,  die  ihnen  der  Kardinal  La  Valette  geschenkt  hat  und 
jagen  ihn  so  herum,  daß  man  ihn  oft  in  seiner  roten  Sutane 
unter  den  Betten  verschwinden  sieht.  V.  der  Tonangeber  und 
Abgott  des  Hotel  de  Rambouillet,  ist  nichts  weniger  als  ein 
liimmelnder,  ,,wie  der  Regenpfeifer  nur  von  Glaube  und  Hoffnung 
lebender"  Schwärmer,  sondern  ein  gemeiner  Schürzenjäger,  ein 
,,Sponsierer,  von  Haus  aus  ein  Verführer",  der  sich  rühmt, 
fünf  oder  sechs  Liebesverhältnisse  gleichzeitig  abtun  zu  können, 
der  sich  an  die  Frauen  heimtückisch  heranpürscht,  sie  durch 
Verleumdung  und  Intriguen  in  eine  schiefe  Lage  zu  bringen  und 
derart  zu  kompromittieren  sucht,  daß  sie  ihm  nicht  entrinnen 
können  und  der  dann,  öfter  auch  fälschlich,  mit  der  Gunst  der 
einen  renommiert,  um  dadurch  wieder  andere  zu  krebsen.  In 
diesem  Sinne  mißbraucht  er  besonders  die  Liebe  der  ihm  freilich 
willenlos  ergebenen  Sainctot  in  schnödester  Weise,  nachdem  er 
einmal  von  ihren  Brüdern  bei  einem  nächtlichen  Rendezvous 
in  dem  Zimmer  der  Schwester  überrascht  und  zum  Fenster 
hinausgeworfen  wurde.  Die  Marquise  de  Rambouillet  will  und 
kann  ihn  aber  in  ihrem  Salon  nicht  entbehren,  denn  er  versieht 
daselbst  zunächst  den  Courier-  und  Neuigkeitsdienst,  indem  er 
nicht  nur  die  Skandalchronik  in  mundgerecht  appretierter  Form 
sehr  wirksam,  scheinbar  ohne  jede  häusliche  Vorbereitung,  auf- 
tischt, sondern  er  ist  auch  ihr  lustiger  Rat  und  der  unentbehrliche 
Arrangeur  allen  möglichen  Ulks,  den  sie  so  wenig  wie  ihre  Gäste 
missen  kann  und  will.  Darum  gewährt  sie  ihm  einen  weiten 
Spielraum  und  ist  nicht  nur  sehr  duldsam  gegen  seine  Spielwut, 
sondern  auch  gegen  seine  sehr  bedenklichen  Liebesverhältnisse. 
Sie  gewährt  nicht  nur  seinem  Vater,  sondern  auch  der  Sainctot 
Einlaß  in  das  ,, blaue  Zimmer".  Sie  läßt  alles  passieren,  was  zum 
Lachen  Stoff  bieten  könnte  und  so  begegnet  man  daselbst  oft  gar 
sonderbaren  Schlafgesellen.  Schon  das  Bedientenzimmer  ist 
{wir  müssen  hier  auf  die  sehr  ergötzlichen  Details  in  dem  Buche 
Magnes,  Seite  100  ff.  verweisen)  ein  wahrer  Narrenturm  und  nicht 
minder  exzentrisch  sind  die  Sekretäre,  unter  denen  besonders 
wieder  ,,der  Narr  des  Äußeren",  Neufgermain  hervorsticht.  Wir 
begegnen  aber  unter  den  Besuchern  auch  einige  italienische, 
sexuell  sehr  anrüchige  Gäste,  und  die  in  dieser  Reunion  Vereinigten 
sind  durchaus  keine  gesellschaftliche  Auslese.  Hier  fühlt  sich 
V.  heimisch,  nach  diesen  Kreisen  sehnt  er  sich,  wenn  er  fern 
von  Paris  im  Dienste  Gastons  von  Orleans  so  weite  Kreuz-  und 
Querzüge  unternimmt,  daß  sich  seine  Muse  auf  diesen  diplo- 
matischen Reisen  so  erkältet,  daß  sie  gar  nicht  mehr  singt. 


Magne,  Emile.  Voiture  et  les  origines  de  l'Hölel  de  Rambouillet.  57 

Nach  dieser  kleinen  Diversion  nehmen  wir  wieder  den  fort- 
laufenden Faden  unseres  Referats  auf:  Das  blaue  Zimmer  war 
nicht,  wie  man  gewöhnhch  annimmt,  das  Privatzimmer  der  Mar- 
quise,  sondern  ein  Empfangssalon.  Ihr  Zimmer  mündete  ebenso 
wie  der  Empfangssalon  in  das  Vorzimmer.  —  Im  Laufe  eines 
Gesprächs  mit  Racan  gab  Malherbe  der  Marquise  von  Rambouillet 
den  Namen  Artkenice  (bekanntUch  das  Anagramm  aus  Catherine). 
Als  sich  aber  Racan  dieses  Anagramms  bemächtigt  und  es  auf 
seine  eigene  Mätresse  Catherine  Chabot,  anwendet,  verschmäht 
CS  Malherbe,  davon  weiteren  Gebrauch  zu  machen  und  besang 
fortan  die  Marquise  unter  dem  Namen  Rodante.  Wenn  also  in 
den  Werken  Racans  und  Malherbes  der  Name  Arthenice  vor- 
kommt, so  ist  damit  die  Chabot  gemeint.  Auch  Cotin  hat  eine 
Arthenice  besungen;  aber  auch  er  meinte  nicht  die  Marquise, 
sondern  Catherine  de  Champagne.  —  Im  Gegensatz  zu  der  ver- 
breiteten Meinung,  daß  die  Marquise  den  Spottgedichten  der 
Vaudevillisten  entging,  berichtet  Magne,  zwei  solche  Couplets 
in  der  Bibl.  Nat.  ms.  n®  12491  gefunden  zu  haben.  —  Über  das 
Äußere  der  Marquise  haben  wir  eigentlich  gar  keinen  anderen 
authentischen  Bericht  als  den  Tallemants,  der  mitteilt,  daß  sie 
ihre  Anmut  und  Schönheit  bis  ins  Greisenalter  erhalten  habe 
und  daß  sie  noch  im  Alter  von  70  Jahren  nichts  Abstoßendes 
hatte,  als  daß  sie  etwas  mit  dem  Kopfe  wackelte  und  sich  die 
von  einer  Krankheit  häßhch  gewordenen  Lippen  karminrot 
färbte.  —  V.  war  von  ausnehmend  kleinem  Wüchse,  hielt  dies 
aber  in  seiner  Selbstgefälligkeit  für  einen  neuen  Grund  seiner 
Unwiderstehlichkeit  und  vergleicht  sich  mit  den  kleinen  Gefäßen 
die  den  köstlichsten  Inhalt  bergen.  —  Über  V.s  oft  recht  läppische 
Briefe  sagt  M.,  sie  seien  icrites  pour  la  galerie.  Dieser  Vor- 
wurf aber  könnte  nicht  schwer  auf  ihm  lasten,  denn  im  17.  Jahr- 
hundert empfing  man  die  Briefe,  wie  man  heute  die  Zeitung 
entgegennimmt,  fast  als  Gemeingut,  sie  ersetzten  gewissermaßen 
die  Feuilletons  und  Plaudereien  der  modernen  Zeiten.  —  Sehr 
scharf  zeichnet  Magne  den  Gegensatz  zwischen  dem  Charakter 
Julie  d'Angennes  und  ihrer  Mutter  (S.  106  ff.).  Er  sagt  von  der 
ersteren,  auf  Grund  eingehender  Quellenstudien:  Frii>olil^,  ciipiiili, 
tels  sont  les  deiix  pölcs  de  son  caraddre.  Sie  liefert  sogar  (und  dies 
ist  wieder  ein  seltsamer  Beweis  für  die  Tugendfestigkeit  des 
Hotel  de  Rambouillet!)  Ludwig  XIV.  als  gewöhnliche  Kupplerin 
die  Menschenware  für  seinen  Harem,  wie  dies  aus  einem  (in  der 
B.  N.  ras.  nO  12816  p.  105;  Bibl.  de  la  Rochelle  ms.  n«  673  f«  153 
vorhandenen)   Couplet  hervorgeht: 

La  Montausier  est,  dit  on,  maqncrcllc 
De  nostrc  Roy  Icgrand  Louis  de  Bourbon 
Elle  voudroit  luy  fournir  des  pucelles 
Mais  en  ce  siicle  oii  diable  en  trouve-t-on  ? 


68  Referate  und   Rezensionen.      Josef   Frank. 

Magno  widerspricht  in  dczidiertester  Weise  der  Angabe  Talle- 
mants,  daß  V.  jemals  wegen  „unglücklicher  Liebe"  in  seinem Gemüto 
verstimmt  oder  gar  verdüstert  gewesen  sei  und  meint,  sein  teils 
geckenhaft  affektiertes,  teils  zynisches  und  perfides  Wesen  schließe 
das  völlig  aus  und  alles  an  ihm  sei  nur  Pose  gewesen.  Nur  Julie 
d'Angennes,  die  ihm  in  der  Taktik  des  Liebesgeplänkels  noch 
überlegen  war,  scheint  ihm  zuweilen  wirklich  den  Kopf  heiß 
gemacht  zu  haben.  Er  haßte  seinen  Nebenbuhler  Ghavaroche, 
den  Lehrer  von  Juliens  buckligem  Bruder  Pisani.  Die  Vaude- 
villisten  dichten  ihr  noch  einen  dritten  Verehrer  an,  Ghaude- 
bonne;  doch  scheint  dies  reine  Verleumdung.  Wie  brutal  Julie 
mit  V.  umging,  ersieht  man  daraus,  daß  sie  ihm  einmal  im  Winter 
das  Kaminfeuer  zu  ,, richten"  auftrug.  Er  hat  sich  aber  doch 
zu  solcher  Domestikenleistung  nicht  hergegeben.  Magne  hält 
es  auch  für  pure  Geckerei,  wenn  V.  in  einem  seiner  Briefe  der 
Mlle.  de  Bourbon  mit  der  ihm  eigenen,  geleckten  Grazie  erzählt, 
wie  an  ihm  auf  das  Geheiß  Juliens  und  der  Paule t  die  Strafe  des 
,,Fuchsprellens"  vollzogen  worden  sei  und  welche  Empfindungen 
ihn  dabei  erfüllt  haben,  denn  er  sei  höchstens  in  effigie  geprellt 
worden.  —  Den  Aufenthalt  der  Rambouillets  in  ihrem  Stamm- 
schlosse während  des  Jahres  1626  scheint  Lorin  nicht  gekannt 
zu  haben.  —  Die  Anekdote,  daß  auch  der  Kardinal  Richelieu 
im  Hotel  de  Rambouillet  empfangen  w^orden  sei  und  daselbst 
einen  Vortrag  über  die  Liebe  gehalten  habe,  bezeichnet  Magne 
aus  guten  Gründen  (S.  149  A.  1)  als  ganz  unglaubwürdig.  —  Die 
der  ungewöhnlichen  Trägheit  V.s  so  angepaßte  Stelle  eines  intro- 
ducteur  des  ambassadeurs  im  Hause  Gastons  von  Orleans  erhielt 
V.  Ende  1627  oder  anfangs  1628.  Er  verdankte  dies  besonders 
dem  Einflüsse  des  Kardinal  La  Vallette  (d'Epernon  nennt  ihn 
wegen  seines  servilen  Wesens  gegenüber  Richelieu  den  Cardinal 
Valet) ;  daß  auch  Chaudebonne  dabei  mitgewirkt  habe,  hält 
Magne  für  unwahrscheinlich,  da  gerade  damals  der  Einfluß 
Ghaudebonnes  im  Hause  Orleans  im  Sinken  war.  —  Sehr  er- 
wähnenswert ist  das  Verhalten  V.s,  als  ihn  sein  Vater  einmal 
mit  ganz  verstörter  Miene  besucht  und  ihm  mitteilt,  seine  Tochter 
habe  einen  Liebhaber,  der  überdies  ihn  und  sein  Metier  in  einem 
Spottgedichte  arg  verhöhnt  habe.  V.  rät  ihm,  am  besten  zur 
Vermeidung  allen  Skandals  stillschweigend  darüber  zur  Tages- 
ordnung überzugehen.  —  Das  Fräulein  Paulet,  daß  trotz  ihrer 
sehr  bemakelten  Vergangenheit  nach  einer  kurzen  Bußezeit  von 
der  Marquise  gnädig  in  ihren  Zirkel  aufgenommen  wurde,  zeigte 
sich  für  V.s  Liebesbewerbungen  ganz  unzugänglich,  obzwar  die 
Vaudevillisten  dichteten: 

La  Polette  se  revolte, 

Elle  n'est  a  present  devote, 

Car  le  tavernier  Voiture 

Luy  fait  de  bonne  couverture. 


Hartmann,  Hermann.    Die  literarische  Satire  bei  Moliere.      59 

Sie  verletzte  tief  seine  maßlose  Eitelkeit,  indem  sie  einem 
Wäschehändler,  der  ihr  eine  kostspielige  Galanterie  erwiesen 
hatte,  Aufmerksamkeit  bezeugte  und  sogar  seiner  Einladung 
zu  einem  Gastmahle  Folge  leistete,  nachdem  es  die  Marquise  gut- 
geheißen hattfj.  Magne  sagt,  in  den  Werken  V.s  gebe  es  fast 
keine  Seite,  auf  der  die  Faulet  nicht  erwähnt  sei.  —  Wir  schließen 
diese  Notizen  mit  dem  Inhalte  einer  Stelle  aus  V.s  Briefen,  die 
schlagend  beweist,  daß  dieser  Virtuos  der  gesuchten  und  ange- 
strichenen Schminke  der  Worte  zuweilen  in  seinem  Verkehr  mit 
Damen  auch  recht  schmutzig  und  gemein  sein  konnte.  Er  ist 
nämlich  so  liebenswürdig,  während  seines  Aufenthaltes  in  Spanien 
allen  näheren  Bekannten  des  Hotel  de  Rambouillet  bei  seiner 
Rückkehr  schöne  Geschenke  zu  versprechen,  so  der  M™®  d'Aubry 
eine  Partie  kastilianischer  Läuse,  die  eben  so  hochmütig  seien, 
wie  die  von  ihnen  besetzten  Hidalgos  und  die  sich  wieder  mit 
jenen  Läusen  gut  vertragen  werden,  die  man  eines  Tages  auf  ihr, 
trotz  ihrer  Reinlichkeit,  gefunden  habe.  Was  will  es  dagegen 
bedeuten,  daß  V.  sich  als  afrikanischer  Löwen jäger  proklamierte 
und  der  Faulet  verspracli,  ihr  ein  paar  junge  lebendige  Löwen 
mitzubringen,  w^ährend  sie  sich  schließlich  mit  solchen  aus  grünem 
Wachs  begnügen  mußte  ? 

Wien.  Josef  Frank. 


Hartmann,  Hermann.    Die  literarische  Satire  bei  Moliere. 
Tübingen,  Dissertation  1910.     73  Seiten.     8^. 

WecliNsler,  Eduard.     Molidre   als  Philosoph.      Marburg, 
1910.     86  Seiten.    8». 

Toldo,  Pietro.   U ceuvrede Molidre  etsafortnneen Italic.  Turin. 

Ermanno  Loeschcr  cditeur,  1910.    578  S.    8'\ 

Es  ist  eigentlich  zu  vorwundern,  daß,  obgleich  in  den 
letzten  Jahren  nicht  weniger  als  vier  Molierebiographien  erschienen 
sind  (neben  der  moinigen  vom  Jaliro  1902,  R  i  g  a  1  1908,  L  a  f  o  - 
n  e  s  t  r  e  1909,  Ma  x  J.  W  o  1  f  f  1910)  docii  fortwährend  Moliere- 
monographion  crsci)einen,  die  dem  Dichter  und  seinem  \Verke 
neue  Seiten  abzugewinnen  vermögen.  Die  Vielseitigkeit  und 
Tiefe  des  französischen  Komikers  ist  eben  nicht  zu  erschöpfen. 
Die  drei  oben  angeführten  Monographien  betrachten  unsern 
Dichter  einerseits  als  Satiriker  der  zeitgenössischen  Literatur 
und  Philosophen,  anderseits  in  seinen  Beziehungen  zu  Italien. 
Drei  recht  v(>rschiedene  Gesichtspunkte,  die  gewiß  der  Beachtung 
sehr  wohl  wert  sind. 

Auf  Molieres  Bedeutung  als  Satiriker  überhaupt  hatte  ich 
selbst  —  wie  Hartmann  auch  hervorliebt  —  sowohl  in  meinen 
Abhandlungen  Groteske  Satire  bei  Moliere?  1899,  Moliere  als 
Satiriker,  Beilage  zur  allgemeinen  Zeitung  1899,  als  in  meinem 


CO  Hejeralc  und  Rezensionen,      tleinricli  Schneegans. 

Müliere  1902  hingewiesen.  Doch  war  bisher  die  Rolle,  die  Moliöre 
speziell  als  Satiriker  der  Literatur  gespielt  hat,  noch  nicht  näher 
berücksichtigt  worden.  Diese  Lücke  hat  II  artmann  in 
seiner  verdienstvollen  Tübinger  Dissertation  ausgefüllt. 

Mit  Recht  macht  er  zunächst  auf  die  vielen   Stellen  auf- 
merksam, in  denen  Moliere  selbst  von  seiner  Komödie  als  von 
einer  Satire  spricht  (PrSf.  d.  pr.  rid.,  Crit.  de  VScole  des  jemmes 
sc.  5.  an  3  Stellen,  Impromptu  de  Versailles  sc.  5  an  3  Stellen, 
Prif.  du  Tartuffe)  und  auf  die  bekannte   Stelle  aus  dem  Vor- 
wort  zur   ersten    Moliere    Gesamtausgabe    von    1682     (von    La 
Grange  und    Vinot):     „Lorsqu'il   (MolUre)   a  raille  les  hommes 
sur  leurs  defauts,  il  leur  a  appris  ä  s'en  corriger.  .  .     Sa  raillerie 
etoit  delicate,  et  il  la  tournoit  d'une  maniire  si  fine,  que  quelque 
Satire   qu'il  fit,  les  intiressSs,  bien  loin  de  s'en  of fenser,  rioient 
eux-memes  du  ridicule  qu'il  leur  faisoit  remarquer  en  e«a:."     Er 
zeigt,  wie  in  dem  Kreise,  in  dem  Moliere  vorkehrte,  in  Gesellschaft 
von   Boileau,   Racine  und  Lafontaine  ein  angriffslustiger  Geist 
herrschte,  der  sich  gegen  die  zeitgenössische  Literatur  richtete; 
er  hebt  schließlich  mit  Recht  hervor,  daß  die  Satire  stets  natio- 
nales Erbgut  der  Franzosen  gewesen  ist  und  infolgedessen  ganz 
natürlicherweise  auch  der  Dichter,  der  den  französischen  Charakter 
am  besten  wäederspiegelt,  sich  nach  der  Seite  hervorzutun  be- 
rufen war.     In  einem  ersten  Abschnitt  untersucht  er  dann  die 
Objekte  der  satirischen  Polemik,     In  erster  Linie  ist  die  lite- 
rarische Produktion  im  Allgemeinen  insofern  oft  die  Zielscheibe 
von  Molieres  Witz  gewesen,  als  er  sich  lustig  macht  über  die 
Vielschreiberei  der  Dichter,  über  ihre   Sucht,  ihre  Werke  stets 
jedermann   vorlesen   zu   wollen,   über  ihre    Pedanterie   und   ihr 
affektiertes  Wesen,  sowie  ihre  eitle  EmpfindUchkeit.     Dann  hat 
aber  Moliere  namentlich  das  Preziösentum  in  allen  seinen  Formen 
an  den  Pranger  gestellt,  sowohl  in  literarischer  wie  auch  in  sozialer 
Hinsicht.     Ich  teile  durchaus  die  Ansicht  des  Verfassers,  daß 
Moliere  in  den  Pricieuses  ridicules  nicht  bloß  die  extremen  Aus- 
wüchse des  Preziösentums  hat  treffen  wollen.     Der  Unterschied 
zwischen  den  ,Jausses  precieuses"  und  den  „(^iritables  prScieuses" 
ist  nicht  ernst  zu  nehmen.     Molieres   Satire  ging  auch  höher. 
Das  Preziösentum  als  solches  war  ihm  verhaßt;  denn  allem  Un- 
natürlichem   und    Übertriebenem    war    er    abhold.      In   seinem 
literarischen  Kampfe  wird  aber  Mohere  auch  leicht  persönlich. 
Wenn  auch  Anspielungen  auf  den  Dichter   Benserade    in 
den  Amants  magnifiques  und  im  Misanthrope  und  auf  den  preziösen 
a  b  b  6  d'A  u  b  i  g  n  a  c  in  der  Critique  sc.  VI  und  im  Malade 
imaginaire  II  5  nicht  erweisbar  sind,  so  sind  versteckte  Nadel- 
stiche auf  den  großen  Corneille  und  Parodien  seiner  Verse 
im  Impromptu  5,  im  Misanthrope  IV  1,  im  Tartuffe  y.  966,  in 
der  Ecole desfemmesU  5, im  Medecin  volant sc.  4,  in  den  Fächeux  I  1, 
in  der  Critique  VI  unverkennbar.    Noch  deutlicher  ist  die  Satire 


Toldo,  Pietro.    U  mivre  de.  Moliere.  et  sa  forlune  en  Italie.     61 

auf  T  h  0  m  a  s  C  o  r  n  e  i  1 1  e  {Ecole  des  femines  175,  Critique  sc.  6) 
und  namentlich  auf  M  m  e  de  S  c  u  d  e  r  y  in  den  bekannten 
gegen  ihre  Romane  gerichteten  Stellen  der  Precieuses  ridicules. 
Am  persönhchston  ist  aber  bekanntlich  Moliere  in  den  Femmes 
savantes  geworden,  wo  er  den  A  b  b  e  C  o  t  i  n  und  den  Gelehrten 
Menage  unter  der  Gestalt  Trissotin's  und  Vadius'  dem  Ge- 
lächter preisgab,  und  ein  Impromptu,  wo  er  den  Dichter  B  o  u  r  - 
s  a  u  1 1  schonungslos  angriff.  —  So  finden  wir  denn  in  den 
Komödien  Molieres  die  literarische  Satire  fast  immer  mit  der 
persönlichen  verquickt.  Und  zwar  gehören  die  Stücke,  in  denen 
sich  seine  Angriffslust  zeigt,  meist  seiner  Kampfperiode  an; 
es  sind  vor  allem  die  Precieuses  ridicules,  die  Ecole  des  femmes, 
die  Critique,  der  Impromptu,  der  Misanthrope  und  das  Stück, 
das  man  eine  Erweiterung  und  Vertiefung  der  Precieuses  nennen 
kann,  die  Femmes  savantes. 

In  einem  zweiten  Abschnitt  untersucht  V.  den  allgemeinen 
Charakter  der  literarischen  Satire  MoUeres.  Er  führt  aus,  daß 
bei  Moliöre  im  allgemeinen  die  Satire  nicht  Selbstzweck  ist, 
sondern  zur  Verstärkung  des  Komischen  in  den  meisten  Fällen 
beiträgt.  Ganz  besonders  ist  dies  der  Fall  in  den  allgemein  ge- 
haltenen satirischen  Bemerkungen  über  Literatur  und  das  Ver- 
halten der  Literaten.  Manchmal  gebraucht  aber  Moliöre  die 
Satire  aus  didaktischen  Gründen,  um  ein  nach  seiner  Ansicht 
Nichtseinsollendes  —  wenn  ich  mich  so  allgemein  ausdrücken 
kann  —  ad  absurdum  zu  führen.  Endlich  verwendet  er  die  Satire 
als  Angriffs-  oder  Verteidigungswaffe  gegen  persönliche  Feinde. 
Die  Mittel  und  Äußerungsformen  seiner  literarischen  Polemik 
sind  verschieden.  Am  ausgiebigsten  ist  die  Ironie.  Besonders 
gelungen  sind  ja  solche  Stellen,  wo  Personen  gerade  das  tun, 
was  sie  eben  getadelt  haben,  so  wenn  Vadius  im  Momente,  wo 
er  über  die  Thorheit  mancher  Schriftsteller  ihre  Verse  bewundern 
lassen  zu  wollen,  herfällt,  selbst  sein  Gedicht  Trissotin  vorzulesen 
sich  anschickt.  Neben  der  Selbstironie  wirken  auch  die  Stellen 
außerordentlich  komisch,  in  denen  Moliere  Dummköph^  als 
Verfechter  des  von  ilim  bekämpften  Standpunktes  auftreten 
läßt,  so  etwa  die  Lakeien  in  den  Pricieuses  ridicules.  Häufig 
ist  auch  die  Parodie  die  Trägerin  seiner  Satire;  wir  brauchen 
nur  an  das  Gedicht  Mascarilles  in  den  Precieuses,  an  das  Sonett 
Orontes  im  Misanthrope  zu  erinnern,  und  gleich  werden  sich 
eine  Menge  ähnlicher  Stellen  unserer  Erinnerung  aufdrängen. 
Weniger  häufig  ist  die  persönliche  Invektive,  am  sciiärfsten  im 
Impromptu  in  den  gegen  Boursault  gerichteten  Stellen  und  in  der 
Satire  des  abbe  Cotin  in  den  Femmes  savantes.  Freilich  sollte 
man  sich  hüten  in  lotzton-m  Stücke  jedes  Wort,  das  nui  Trissotin  zielt, 
auch  als  dem  Abbe  Cotin  geltend  anzusehen.  Der  abbe  bedeutet 
doch  nur  den  Ausgangspunkt  der  Satire,  Trissotin  ist  aber  eine 
dichterische  Gestalt,  die  an  und  für  sich  ihre  Daseinsberechtigung 


62  Referate  und  Rezensionen.     Heinrich  Schneegans. 

liat.  Verf.,  der  sonst  ein  sehr  gesundes  Urteil  hat,  ist  meines  Er- 
achtens  p.  58/9  auch  liier  zu  weit  gegangen.  Um  nur  ein  Beispiel 
anzufülircn:  Wenn  Glirysale  von  Trissotin  sagt:  ,.,Et  je  lui  crois, 
pour  moi,  le  timhre  un  peu  fSle'\  so  ist  damit  doch  noch  nicht 
gesagt,  daß  Moliere  den  abbe  Gotin  als  verrückt  liat  hinstellen 
wollen.  Diese  Meinung  bei  V.  ausgesprochen  zu  finden,  ist  um 
so  erstaunlicher  als  wir  ihn  doch  p.  62  sagen  hören:  ,, Darum 
dürfen  wir  doch  nicht  alle  und  jode  golegentUche  satirische  Be- 
merkung in  seinen  Stücken  als  unbedingten,  vollbewußten  und 
immer  sorgfältig  überlegten  Ausdruck  der  wirklichen  Überzeugung 
des  Dichters  ansehen."  Auch  würde  eine  solche  Auffassung 
die  im  letzten  Teile  der  Abhandlung  V's.  —  die  den  Motiven  der 
Satire  MoUeres  gewidmet  ist  —  ausgesprochene  Meinung,  Moliere's 
Satire  des  abbe  sei  nicht  so  sehr  zu  verwerfen,  wie  Abel  L  e  - 
franc  es  in  seinem  ,,f/n  procis  liUeraire  d  reviser.  Moliere 
et  l'abbi  Colin"  gesagt  hat  —  unterstützt  haben.  Sonst  stimme 
ich  V.  durchaus  bei,  daß  er  den  Motiven,  die  Moliere  gegenüber 
dem  Abb(§  Gotin  reizen  mußten,  seinen  Äußerungen  in  der  Critique 
desinteressee  sur  les  satires  du  temps"  gebührenden  Platz  ver- 
liehen hat.  Ich  begreife  nicht,  daß  L  e  f  r  a  n  c  darauf  nicht  ein- 
ging. Für  das  Verhalten  Molieres  ist  das  doch  außerordentlich 
wichtig.  Die  Frage,  warum  MoUere  Trissotin  philosophische 
und  naturwissenschaftliche  Anschauungen  unterschiebt,  die  denen 
des  Abbö  Gotin  diametral  entgegengesetzt  sind,  wird  schwer 
zu  entscheiden  sein.  BakanntUch  meint  L  e  f  r  a  n  c  ,  Moliere 
sei  schlecht  unterrichtet  gewesen,  vielleicht  durch  Feinde  des 
Abb^.  V.  scheint  eher  anzunehmen,  daß  Moliere  dadurch  seine 
Satire  habe  abschwächen  wollen,  damit  dem  Abbe  ,,ein  wirk- 
sames Mittel  gegen  die  Zulässigkeit  der  durchgängigen  Gleich- 
setzung Trissotin's  mit  seiner  Person  zu  remonstrieren"  gegeben 
sei.  Das  würde  zu  dem  stimmen,  was  ich  oben  ausführte.  Moliere 
gab  keine  Photographie  Gotin's,  sondern  zeichnete  einen  albernen 
Dichterhng,  dem  er  diese  oder  jene  Züge  beilegte.  Mochte  man 
sie  auf  Gotin  beziehen,  weil  er  sich  über  ähnliche  Dinge  —  wenn 
auch  anders  —  ausgesprochen  hatte,  nun  gut.  MoHere  hatte 
nichts  dagegen,  wenn  auch  mala  fides  bei  ihm  ausgeschlossen 
war.  Moliere  ließ  seine  Zuschauer  denken,  was  sie  wollten.  Trisso- 
tin war  eben  eine  dichterische  Gestalt,  wie  Madeion  und  Gathos 
dichterische  Gestalten  und  nicht  etwa  Personifikationen  der 
Madeleine  de  Scudery  und  Gatherine  de  Rambouillet.  Wenn 
gewisse  Leute  sie  darunter  vermuteten  —  Moheres  Suche  war 
es  weder  sie  in  dem  Glauben  zu  bestärken  noch  sie  eines  Besseren 
zu  belehren. 

Daß  die  Satire  Molieres  zu  ihrer  Zeit  nicht  so  sehr  kränkend 
wirkte,  sehen  wir  daraus,  daß  die  allermeisten  der  von  ihm  ange- 
griffenen Dichter  ihm  die  betreffenden  Stellen  nicht  nachtrugen. 
V.  führt  das  in  seinem  4.  Abschnitt  aus,  der  der  ,, Wirkung  der 


Toldo^  Pietro.    L'auvre  de  Moliere  et  sa  fortune  en  Italic.     63 

literarischen  Satire  Molieres"  gewidmet  ist.  Er  zeigt  auch, 
wie  in  sachlicher  Hinsicht  Molieres  Satire  die  weitere  Entwicke- 
lung  der  Preziosität  gehemmt  und  der  neuen  Schule  die  Wege 
geebnet  hat.  Die  Natürlichkeit  und  der  gesunde  Menschen- 
verstand, die  sich  in  der  Blüteperiode  der  französischen  Literatur 
im  17.  Jahrhundert  kundgaben,  sind  auch  die  charakteristischen 
Merkmale   von   Moliere's   literarischen   Ansichten. 

Sie  bilden  ebenso  den  Grundstock  seiner  Weltanschauung. 
In  der  an  zweiter  Stelle  angegebenen  Abhandlung  spricht  W  e  c  h  s  s- 
1er  die  Meinung  aus,  drei  Wertbegriffe  konstituierten  die  Welt- 
anschauung Moheres,  persönliche  Freiheit,  Natürlichkeit  und 
vernünftig  sittliches  Handeln.  Ihnen  ständen  drei  Negative 
oder  Unwerte  gegenüber,  Zwang,  Unnatur,  Unvernunft.  Das 
erste  Paar  gegensätzlicher  Lebensprinzipien  betreffe  bei  Moliere 
vorzugsweise  das  Erziehungsproblem,  das  zweite  das  Kultur- 
problem, das  dritte  das  ethische  Problem.  Aus  diesen  Aus- 
führungen geht  schon  hervor,  was  W.  unter  demTitel  ,,M  o  1  i  e  r  e 
als  Philosoph"  versteht.  Er  faßt  den  Begriff  Philosophie 
so  auf,  wie  ihn  im  Wesentlichen  die  Antike  und  die  Renaissance 
auffaßte,  ,,als  Lebensweisheit,  Anleitung  zu  zweckvoller  Lebens- 
führung". Natürlich  hat  Moliere  diese  seine  Anschauungen 
nicht  im  Zusammenhang,  als  System  vorgetragen.  Sie  finden 
sich  in  den  verschiedensten  Stücken  verstreut  und  im  allgemeinen 
mehr  negativ  wie  positi\\  Was  Moliere  als  Unnatur,  als  Zwang 
oder  Unvernunft  auffaßte,  wird  einem  sofort  klar;  dagegen 
ist  es  oft  sehr  schwer,  ,,die  positiven  Wertbegriffe  zu  erschließen, 
an  denen  er  jene  falschen  Werte  gemessen  hat."  Schon  Gerrens 
hatte  in  seinem  Buche  über  die  Lihertins  p.  352  auf  die  zwei 
Mittel  aufmerksam  gemacht,  deren  Moliere  sich  bediene,  um 
die  Sprache  der  Vernunft  zur  Geltung  kommen  zu  lassen.  Ent- 
weder lasse  er  seine  ,^raisonneurs"  auftreten,  dann  ist  seine  posi- 
tive Meinung  klarer,  oder  ,,il  le  fait  ressortir  des  exagirations 
contradictoires  de  deux  personnages,  lä  Philinte  etAlceste,  iciSgana- 
relle  et  Don  Juan.  La  verite  apparait  alors  comme  une  resultante. . ." 
Freilich  muß  auch  hier,  wie  W.  p.  11  richtig  bemerkt,  stets  Vor- 
sicht obwalten,  denn  Moliere  spricht  nicht  ohne  weiteres  immer 
selbst  durch  den  Mund  der  „raisonneurs"  und  ob  Molieres  Meinimg 
z.  B.  im  Misanthrope  mehr  auf  Seiten  Philinle's  oder  auf  Seiten 
Alceste's  zu  suchen  sein  wird,  hängt  immer  bis  zu  einem  gewissen 
Grade  vom  subjektiven  Ermessen  des  Lesers  ab. 

Besondere  Beachtung  verdient  meiner  Meinung  nach  die 
Ansicht  W.'s,  im  Mariage  forcS,  im  Misanthrope  und  im  George 
Dandin  lasse  sich  eine  Änderung  der  Lebensauffassung  des  Dich- 
ters erkennen.  Die  Schwenkung  besieht  darin,  daß  in  diesen 
Stücken  diejenigen  Personen,  denen  volle  Freiheit  gelassen 
wird,  wie  Dorimene,  Celimene  und  Angelique  diese  Freilieit 
schlecht  gebrauchen.     Es  sieht  demnach  so  aus,  als  ob  Molieres 


64  Hejcrate  und  Hezendonen.     Heinrich  Schneegans. 

heiterer  Optimismus,  den  er  in  der  Ecole  des  maris  und  in  der 
Ecole  des  femmes  ausgesprochen  hatte,  hier  geschwunden  sei. 
Die  Freiheit  kann  auch  zum  Verderben  führen,  scheint  der  Dichter 
anzunehmen.  Und  es  geschieht  das  zu  einer  Zeit,  wo  er  überhaupt 
mißgestimmt,  durch  allerlei  Unglück  tief  betrübt  war.  Auch  das 
dürfte  für  den  Subjektivismus  Molieres  sprechen.  Freilich, 
den  Acare  möchte  ich  nicht,  wie  W.  p.  38  ff.,  mit  hineinziehen. 
Denn  hier  zeigt  es  sich  ja  gerade  wieder,  daß  unter  dem  Drucke 
des  Zwanges  die  Kinder  Harpagon's  schlecht  w^erden.  Es  ist 
also  im  Grunde  wieder  dieselbe  Ansicht  wie  in  den  beiden  ,,  Schulen.'^ 
Woher  stammen  aber  Molieres  Ansichten  über  die  Auffassung 
des  Lebens  ?  Ist  er  ganz  originell  oder  von  wem  ist  er  beeinflußt  ? 
Diese  Frage  hat  W.  sehr  eingehend  untersucht.  Er  zeigt,  wie 
unser  Dichter  in  eine  Zeit  hineingeboren  wurde,  in  welcher  man 
besonders  den  Menschen  als  solchen  studierte.  Seit  dem  16.  Jhdt. 
war  die  Literatur  über  den  menschlichen  Charakter,  die  Leiden- 
schaften und  die  Temperamente  eine  außerordentlich  rege.  Be- 
kanntUch  war  Pierre  Gassendi  sein  Lehrer.  Doch  ist 
W.  der  Ansicht,  er  habe  ihn  mehr  durch  seine  Persönlichkeit 
wie  durch  seine  Werke  beeinflußt.  Seine  Schriften  hätte  Moliere 
wohl  schwerlich  gelesen;  durch  ihre  seltsam  schwülstige  Rheto- 
rik hätten  sie  wohl  eher  abschreckend  auf  ihn  gewirkt.  Nichts- 
destoweniger führt  W.  einige  sehr  interessante  Berührungs- 
punkte zwischen  Dichter  und  Philosoph  an  (p.  20,  21).  Nament- 
lich ist  seine  Ansicht  über  das  Wesen  der  Sünde,  die  vor  allem 
in  der  Unvernunft  bestehe,  und  über  den  Wert  der  Erfahrung, 
die  man  stets  befragen  müsse,  von  Wichtigkeit.  Gassendi  selbst 
stand  nun  unter  dem  Einfluß  G  h  a  r  r  o  n's  ,  des  Verfassers 
des  Buches  ,,c?e  la  Sagesse'\  welches  das  eigentliche  Lehr-  und 
Erbauungsbuch  der  französischen  Freidenker  in  den  Jahren 
1615 — 1635  w^ar.  Und  Charron  seinerseits  war  von  Montaigne 
stark  beeinflußt,  mit  dem  Moliere  eine  unleugbare  Geistesver- 
wandtschaft besitzt.  ,,Bei  Montaigne"  sagt  W.  p.  24,  ,, konnte 
der  Komiker  dieselbe  Begeisterung  für  die  Natur  finden,  für  den 
stoischen  ebensowohl  wie  für  den  epikuräischen  Naturbegriff, 
bei  ihm  denselben  ernst  gemeinten  Spott  über  ,,Ze  sidcle  corrompii 
ei  ignorant"  und  über  das  Schauspielertum  der  meisten  Menschen'"'. 
Auch  zu  La  Mothe  le  Vayer,  mit  dessen  Sohn  er  sehr 
befreundet  war,  und  zu  Frangois  Bernier,  mit  dem 
er  zusammen  bei  Gassendi  philosophischen  Unterricht 
erhielt,  hatte  Moliere  Beziehungen,  die  von  Einfluß  für  seine 
philosophischen  Anschauungen  gewesen  sein  mögen.  Im  Laufe 
seiner  Untersuchung  vermag  aber  W.  vor  allen  Dingen  den  Nach- 
weis zu  führen,  daß  zwischen  Charron's  und  Moheres  Ansichten 
ein  enger  Zusammenhang  besteht.  Wie  bei  Charron  ,Jaute  et 
folie^  vice  et  folie"  Synonyme  sind,  so  stehen  bei  Mohere  einander 
gegenüber    als    Gegensätze    sagesse — /o/i'e,    lumiire — aveuglemenl, 


Toldo,  Pietro.    L'ceucre  de  Moliere  et  sa  fortune  en  Italie.     65 

raison — opinion.  Wie  bei  ihm  —  und  nicht  minder  bei  Gassendi 
und  Bernier  das  höchste  Ziel  des  menschlichen  Lebens  die  Seelen- 
ruhe ist,  so  auch  bei  Moliere.  Die  Lehre  Epicurs  hatte  Gassendi 
durch  die  aristotelische  Lehre  des  (xeaov  ergänzt,  und  auch 
La  Mothe  le  Vayer  hatte  auf  dieses  Maßhalten  großes  Gewicht 
gelegt.  Nicht  minder  Moliere,  der  stets  seine  Weisen  die  gol- 
dene Mitte  empfehlen  läßt  und  vor  der  Maßlosigkeit  in  jeder 
Hinsicht  warnt.  Und  wer  maßvoll  lebt,  der  lebt  nach  den  Ge- 
boten der  Natur.  Die  Berührungspunkte,  die  W.  hier  aufdeckte, 
sind  alle  außerordentlich  interessant.  Wenn  man  das  Meiste 
auch  schon  längst  ahnte,  so  wird  es  hier  doch  zur  Gewißheit. 
Schließlich  kommt  W.  zu  folgendem  Resultat.  Die  drei  Lebens- 
werte Molieres  vereinigen  sich  im  Begriff  der  Persönlichkeit. 
Die  Freiheit  bedeutet  ihm,  daß  jeder  sich  selbst  sein  will,  unbe- 
hindert von  äußerem  Zwang,  den  man  sich  mit  oder  wider  Willen 
selber  auferlegt,  und  das  vernünftig  sittliche  Denken  und  Handeln 
läuft  auf  die  Forderung  hinaus  sich  selber  nachzuleben.  Molieres 
Weltanschauung  ist  nicht  die  des  Christentums;  sein  zentrales 
Lebensprinzip,  die  Natur  bedeutet  ihm  eine  Metaphysik,  Ethik 
und  Religion,  die  in  ihrer  Verbindung  den  christlichen  Glauben 
entbehrlich,  ja  unannehmbar  machen.  Die  Philosophen,  auf  die 
er  zurückgeht,  Charron  und  Gassendi,  hatten  das  Christentum 
damit  verbinden  wollen.  Sie  waren  ja  beide  Priester.  Moliere 
war  ein  zu  scharfer  Denker  oder  auch  ein  zu  ehrlicher  Charakter, 
um  diese  unmögliche  Verbindung  gewaltsam  herstellen  zu  wollen. 
Er  ist  und  bleibt  ein  Philosoph.  Daher  wohl  auch  im  letzten 
Grunde  die  Abneigung,  die  die  positive  Religion  stets  gegen  ihn 
empfunden  hat. 

Wenn  in  den  beiden  vorhergehenden  Abhandlungen  Moliere 
nur  nach  der  einen  oder  andern  Seite  —  als  Satiriker  oder  Philo- 
soph —  Gegenstand  der  Behandlung  gewesen  ist,  wird  dagegen 
in  dem  Buche  Toldo's  das  ganze  Werk  Molieres  einer  neuen 
Untersuchung  unterzogen.  Und  zwar  trennt  sich  das  Buch  in 
zwei  ganz  voneinander  verschiedene  Teile.  Verschieden  sowohl 
dem  Inhalte  als  auch  dem  Werte  nach.  Der  erste  Teil  „L'oeiwre 
p.  3 — 159"  bietet  eigentlich  kaum  etwas  neues.  Der  Stoff  ist 
auch  merkwürdig  ungleich  disponiert.  Im  ersten  Kapitel  s.  t. 
,,Le5  debüts  de  Moliere  et  le  d^veloppement  progressif  de  son  esprit 
comique"  wird  von  den  ersten  Versuclicn  des  Dichters  gesprochen, 
die  z.  T.  zu  andern  Komödien  umgestaltet  worden  sind,  wie 
z.  B.  die  Jalousie  da  Barboiiille  zu  George  Dandin.  Diese  ersten 
Stegreifkomödien  stehen  gewiß  unter  dem  Einfluß  der  Commedia 
dell'arte.  Dann  hat  aber  der  Titel  des  folgenden  Kapitels  ,Jmi- 
tations  de  la  ComHie  italienne'  in  dem  vom  Etonrdi  und  D&pit 
amoureiix  die  Rede  ist,  nur  einen  unvollständigen  Sinn.  Ebenso 
wundert  man  sicli,  daß  in  dem  Kapitel  ,,Snr  la  honne  voie"  von  den 
Preziösen  und  den  „Gelehrten  Frauen"   die   Rede  ist,  dagegen 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX'/*.  5 


66  Referate  und  Rezensionen.     Heinrich  Schneegans. 

in  dem  folgenden  ,,Le  genie  dans  son  epanouissement"  von  der 
Ecole  des  femmes.  Unwillkürlich  fragt  man  sich,  ob  einerseits 
nicht  die  Femmes  savantes  zum  epanouissement  gehören  und 
anderseits,  ob  der  Weg  von  den  Precieuses  zu  den  Femmes  savantes 
nicht  über  die  Ecole  des  femmes  führt.  Unter  dem  Kapitel  ,,Le 
rire"  wird  von  Monsieur  de  Pourceaugnac,  Mariage  force^  Medecin 
malgre  lui,  Bourgeois  gentilhomme,  Fourberies  de  Scapin,  Malade 
imaginaire  gesprochen.  Also  handelt  es  sich  eher  um  die  Possen 
Moliere's,  der  Titel  ,,/e  rire"  ist  viel  zu  weit  gefaßt,  denn  auch 
die  vorhergehenden  Stücke  rufen  Lachen  hervor.  Der  Etourdi 
z.  B.  ein  ganz  ähnliches  Lachen  wie  die  Fourberies.  Das  nächste 
Kapitel  trägt  den  Titel  ,,Emprunts  ä  la  comedie  classique".  Hier 
ist  also  die  Herkunft  plötzlich  Einteilungsprinzip,  während 
vorher  ein  ästhetisches  Moment  maßgebend  war.  Die  Fourberies 
gehören  aber  dann  ebensogut  zu  diesem  Kapitel,  da  sie  Terenz 
nachgeahmt  sind.  Im  letzten  Kapitel  ,,Levia  et  minima"  würd 
der  Impromptu  neben  der  Princesse  d'Elide  behandelt,  ein  Kampf- 
stück, das  in  die  Zeit  des  Streites  um  die  Frauenschule  hinein 
paßt,  also  auf  dem  Wege  ,,des  precieuses  aux  fenimes  savantes" 
zu  suchen  wäre,  neben  einem  zur  Unterhaltung  des  Hofes  ge- 
schaffenen Stück.  So  hinterläßt  denn  dieser  Teil  von  Toldos 
Buch  einen  ganz  schillernden  unsicheren  Eindruck.  In  seinen 
Ansichten  wechselt  V.  auch  sehr  häufig.  So  sagt  er  einerseits: 
,,0w  a  tort  de  supposer  un  Moliere  ä  l'humeur  morose"  p.  118  und 
p.  119  „Moliere  rit  parfois  d'un  rire  amer  ....  Le  poete  retombe 
alors  dans  cet  etat  de  tristesse  qui  augmente  ä  mesure  que  la  con- 
naissance  des  hommes  s'approfondit  en  lui".^)  Ist  da  ein  Unter- 
schied ?  Ebenso  sagt  er  p.  104:  ,,/e  vois  Moliere^  dans  le  Misan- 
thrope.,  bien  audessus  de  ses  personnages,  regardant  d'un  air  de 
compassion  cet  Alceste  qui  pretend  vivre  parmi  les  hommes  sans 
mentir"  . . .  usw.  und  p.  109:  „C'est  qu' Alceste,  dans  ce  cas,  devient 
Vinterprete  de  Moliere  et  c'est  avec  ses  sentiments  qu'il  bläme  les 
gens  de  bien''.  Einerseits  w-endet  sich  V.  gegen  die  in  der  Ecole 
des  femmes  gesuchten  Anspielungen  auf  Molieres  und  Armandes 
Verhältnis  p.  56,  57,  anderseits  nimmt  er  p.  60  an  ,,dans  la  Jalousie 
et  le  caractere  melancolique  du  seigneur  de  la  Souche,  nous  pouvons 
etudier  jusqu'ä  un  certain  point  la  psycologie  de  l'artiste." 

Hinsichtlich  des  Tartuffe  polemisiert  V.  gegen  V  o  1 1  h  a  r  d  t, 
der  die  Fabel  des  Stückes  bekanntlich  auf  ein  scenario  der  Com- 
media  delV  arte  zurückführte  und  sucht  eher  ein  Vorbild  in  Ser 
Ciappelletto,  aber  die  Beschreibung,  die  er  p.  80  selbst  von  ihm 


1)  V.  schiebt  mir  an  dieser  Stelle  unter,  ich  hätte  in  meiner  Ab- 
handlung ,, Groteske  Satire  bei  Moliere?  Ein  Beitrag  zur  Komik 
Molieres.  Halle,  Niemeyer,  1899,"  Mol.  ,,d  Vhumeur  morose"  geschildert. 
In  der  ganzen  Abhandlung  ist  aber  davon  nicht  die  Rede,  wie  der 
Titel  übrigens  schon  andeutet.  Es  handelt  sich  im  Gegenteil  vor 
allem  um  die  tollen  Possen  Molieres. 


Tokio,  Pietro.    L'oeuvre  de  Molicre  et  sa  fortiine  en  Italic.     67 

gibt,  zeigt  deutlich,  wie  sehr  dieser  Heuchler  von  Molieres  Tartuffe 
entfernt  ist.  Merkwürdig  schillernd  ist  auch  die  Ansicht  V.s 
über  Henriette  in  den  Femmes  savantes.  Einerseits  kritisiert 
er  Faguet  (p.  48),  der  sie  als  ,,un  peu  hardie  de  langage  et  d' allures''' 
bezeichnet,  anderseits  sagt  er  p.  51  selbst  von  Henriette:  ,,eZ/e 
lui  (Trissotin)  fait  voir  les  conseqiiences  possibles  de  la  violence 
usee  ä  une  femme;  ce  sont  des  conseqiiences  qu'une  demoiselle  qui 
sortirait  d'un  pensionnat  ne  devrait  pas  connaitre,  mais. ..."  Also  ? 
Spuren  eiHger  Arbeit  weist,  wie  wir  sehen  werden,  auch 
der  zweite  Teil  von  Toldo's  Buch  auf.  Aber  daneben  bietet  er 
doch  viel  Neues  und  Schätzenswertes.  Bis  jetzt  wußte  man 
nur  wenig  vom  Einfluß  Molieres  auf  Italien.  Toldo's  Verdienst 
ist  es  mit  großem  Fleiß  und  anerkennenswertem  Spürsinn  unsere 
Kenntnisse  darüber  außerordentUch  erweitert  zu  haben.  Der  bei 
weitem  größte  Teil  seines  Werkes  (p.  169 — 563)  ist  der  Erforschung 
der  Rolle  gewidmet,  die  Moliere  auf  der  apenninischen  Halbinsel 
vom  17.  Jahrhundort  bis  heutzutage  gespielt  hat.  Zuerst  weist 
er  auf  Grund  der  städtischen  Archive  und  zeitgenössischer  Kor- 
respondenzen nach,  daß  Molieres  Stücke  seit  dem  Ende  des 
17.  Jahrhunderts  in  Turin,  in  Genua,  in  mehreren  Städten  der 
Toscana,  in  Bologna,  Modena  und  Neapel  sehr  oft  aufgeführt 
wurden.  Während  der  Revolution  und  der  ersten  Jahre  des 
19.  Jahrhunderts  wuchs  sogar  noch  die  Beliebtheit  unseres 
Schriftstellers.  Ja,  selbst  w^ährend  der  Reaktionsjahre  wurde 
Tartuffe  aufgeführt.  Interessant  ist  es  zu  sehen,  wie  sich  die 
italienischen  Literarhistoriker  von  Anfang  an  Moliere  gegenüber 
verhalten.  Zuerst  ist  die  Stimmung  ihm  gegenüber  nicht  günstig. 
Crescimbeni,  Muratori,  Scipione  Maffei, 
Becelli,  Quadrio,  der  abbeChiari,  Carlo  Gozzi 
beurteilen  ihn  sehr  scharf.  Entweder  wird  ihm  vorgeworfen, 
er  habe  die  Italicner  plagiirt  oder  es  wird  über  seine  Unmoral 
geklagt.  So  findet  Muratori  z.  B.  in  ihm  dieselbe  ,,Pcst" 
wie  im  Dccameron.  Die  ersten,  welche  ihm  gegenüber  einen 
andern  Ton  einschlagen,  sind  Francesco  Algarotti 
1750  in  seinem  Saggio  sopra  la  lingiia  francese  und  Giuseppe 
B  a  r  e  1 1  i  in  der  F  r  u  sta.  Letzterer  spricht  seinen  Unmut 
darüber  aus,  daß  seinem  Vaterland  ,,M/m  testa  simile  a  qiiella 
di  Moliere"  felile;  mehr  als  irgend  ein  anderer  Schriftsteller 
hätte  Moliere  der  Kultur  seines  Landes  genützt.  Ebenso  lobt 
ihn  N  a  p  o  1  i  -  S  i  g  n  o  r  e  1 1  i  in  seiner  Storia  critica  de'  teatri 
anticki  e  moderni,  Neapel  1774  p.  306  ff.,  Niemand  hätte  bisher 
die  komische  Poesie  auf  eine  solche  Höhe  gebracht  wie  er  im 
Misanthrope,  in  den  Femmes  savantes,  im  Tartuffe.  Und  der 
Jesuit  Abbate  Andres  nimmt  sogar  Molieres  Moral  in 
Schutz  gegen  die  Angriffe  Fenelons  und  Rousseaus  [Dell'  origine, 
progressi  e  stato  atluale  d'ogni  letteratura,  Parma  1795,  II  vol. 
p.  317  ff.).     Auch  Stefano  Arteaga  aus  Madrid  {Le  rivo- 

5* 


fiH  Referate  und   Rezensionen.      Heinrich  Schnee^ans. 

luzioni  del  iealro  musicale  italiano  dalle  sue  origini  jino  al  preseiite, 
Bologna,  Trenti  1783),  zieht  Molierc  allen  Komikern  jeder  Zeit 
und  jedes  Volkes  vt»r.  Dagegen  ist  T  i  r  a  b  o  s  c  h  i  in  seiner 
Storia  della  letleralura  italiana,  Modena  1780  VIII  1.  3  p  329, 
Moliere  eher  wieder  ungünstig,  während  Francesco  Maria 
Z  a  n  o  1 1  i  {Dell'arte  poetica,  ragionamenli  cinqiie,  Bologna  1768) 
sich  ziemlicher  Objektivität  boileiBigt,  Molieres  Vorzüge  an- 
erkennt, aber  seine  Fehler  auch  nicht  übergeht. 

Sehr  wertvoll  ist  die  Liste  und  Besprechung  der  Übersetzungen 
Molieres  ins  Italienische,  die  V,  p.  200 — 230  folgen  läßt.  Manche 
dieser  Übersetzungen  sind  nur  handschiiftlich  vorhanden,  die 
meisten  betreffen  nur  das  eine  oder  andere  Stück,  einige  sind  im 
Dialekt.  Leider  drückt  sich  V.  nicht  immer  klar  aus,  so  daß 
man  über  das,  was  er  sagt,  im  Zweifel  sein  kann.  Wie  verhält 
es  sich  z.  B.  um  den  Truffaldino  medico  volante,  den  L  a  c  r  o  i  x 
in  das  Jahr  1669  versetzt,  V.  in  das  Jahr  1673  (p.  200  p.  259)  ? 
Unverständlich  ist  mir  namentlich,  was  V.  p.  215  von  einem 
dem  Ai'are  nachgebildeten  Stück  sagt.  Nachdem  er  ausgeführt 
hat,  daß  in  diesem  A<^aro  Ms.  n.  3783  der  Bologneser  Bibliothek 
nur  eine  Änderung  vorkommt  ,^celui  du  menu  du  diner  du  grip- 
pesou,  consistant  en  une  soupe  ä  la  lombarde,  de  la  laitue,  du  par- 
mesan  etc.",  fährt  er  unmittelbar  fort:  ,,Au  deuxieme  acte.,  Giordano 
prend  une  legon  du  maitre  de  philosophie  et  la  scene  est  tiree  tout 
entidre  du  texte  franQais:  mais  notre  anonyme  a  apporte  quelques 
modifications  dans  les  rapports  entre  le  Bourgeois  gentilhomme 
et  sa  femme,  devenus  si  mauvais  que  le  muri  veut  s'en  delii>rer  coüte 
que  coüte.  La  scene  finale  oü  Mme  Giordano  fait  un  tapage  endiable 
pour  chasser  Mme  Dorimdne  aboutit  ä  un  chceur  se  plaignant 
de  tant  de  desordre  ..  La  turquerie  ...usw."  Es  handelt  sich 
im  weitern  also  nur  um  den  Bourgeois  gentilhomme !  Sollte  Toldo 
hier  seine  Zettel  durcheinander  geworfen  haben  oder  wie  reimt 
sich  das  zusammen  ?^) 

Es  folgt  dann  ein  neues  Kapitel  über  ,,Premieres  imitations 
italiennes"  p.  240 — 285.  V.  geht  von  der  italienischen  Komödie 
in  Frankreich  aus,  macht  aber  mit  Recht  darauf  aufmerksam, 
daß  es  bei  dieser  älteren  Komödie  schwer  ist  zu  entscheiden, 
was  sie  Moliere  verdanke,  da  Moliere  selbst  seinerseits  viel  den 
Italienern  entnommen  hat.  Dann  geht  er  auf  die  ersten  Nach- 
ahmungen Molieres  in  Italien  über.  Während  dieses  Kapitel 
auf  solider  bibliographischer  Basis  beruht  und  viel  Interessantes 
bietet,  ist  dagegen  das  folgende  Kapitel:  Les  Toscans  p.  285 — 346 
feuilletonartig  gehalten.  So  gibt  er  z.  B.  nicht  einmal  an,  welche 
Ausgabe  F  a  g  i  u  o  1  i  s  er  benutzt,  sondern  setzt  sich  nur  mit 
B  e  n  c  i  n  i :  //  vero  Giovan  Battista  Fagiuoli  e  il  Teatro  in  Toscana 

2)  Eine  ähnliche  Verwechslung  kommt  p.  268  vor.  Da  spricht 
V.  vom  monologue  Cleantes  im  Malade  imaginaire  ,,Trois  et  deux  fönt 
cinq  .  .  .  ."   Und  doch  heißt  bekanntlich  der  Malade  imaginaire  Argan^ 


Toldo,  Pietro.    L' oeiivre  de  Moliere  et  sa  fortiine  en  Italie.     69 

a'  suoi  Tempi,  Turin,  Bocca  1884  hinsichtlich  der  ästhetischen 
Vorzüge  und  Nachteile  des  Dichters  im  Vergleich  zu  Moliere 
auseinander.  Wie  ungleich  V.  in  dieser  Hinsicht  arbeitet,  sehen 
wir  daraus,  daß  er  z.  B.  im  folgenden  Kapitel  ,,Aiitres  pHcurseurs 
de  Goldoni\  p.  346 — 371  die  Ausgabe  von  Carlo  Maria 
M  a  g  g  i  s  Werken  sehr  genau  anführt,  obgleich  von  ihm 
sonst  fast  gar  nicht  die  Rede  ist.  F  a  g  i  u  o  1  i  war  dagegen 
fast  ein  ganzer  Abschnitt  (p.  280 — 297)  ge\\-idmet. 

In  seinen  Ausführungen  über  G  o  1  d  o  n  i  (p.  372 — 400) 
befleißigt  sich  im  allgemeinen  V.  lobenswerter  Zurückhaltung. 
Er  sucht  nicht  um  jeden  Preis  Übereinstimmungen  mit  Moliere, 
sondern  kommt  zu  folgendem  Resultat,  das  wir  ganz  billigen 
werden:  ,,Le  Goldoni,  qiii  est  passe  d  la  posterite,  n'est  redevahle 
ä  Moliere  que  d'iine  vision  plus  large  de  l'art  comique,  de  la  verve 
du  dialogue,  de  V engouement  des  scenes  et  sourtout  de  cette  grande 
l  egon  de  verite  humaine  qui  ressort  des  pages  du  grand  maitre." 

Ein  weiteres  Kapitel  handelt  vom  Abbe  Ghiari  (p.  400 — 416), 
der  eingestandenermaßen  Moliere  als  Muster  benutzt.  Wie 
sehr  der  ästhetische  Standpunkt  beim  V.  maßgebend  ist,  sehen 
wir  aus  den  Eingangsworten  des  Kapitels,  in  denen  er  sagt: 
„Ce  n'est  pas  sans  regret  que  je  dedie  quelques  pages  au  theätre  de 
Chiari]  ses  martelliani  sont  fatigants  et  ennuyeux,  et  ce  n'est  pas 
une  grande  consolation  pour  nous  d'en  lire  plusieurs  milliers". 
Darum  handelt  es  sich  doch  nicht  in  der  Literaturgeschichte. 
Es  ist  gleichgültig,  ob  er  Herrn  Toldo  sympathisch  ist  oder  nicht. 
Er  gehört  eben  hierher,  weil  er  Moliere  ,,a  iniite,  copie  et  pilU". 
Übrigens  vermissen  wir  auch  hier  bibliographische  Angaben. 
In  welcher  Ausgabe  sind  z.  B.  die  Fanatici  erschienen? 

Nach  einem  kurzen  Kapitel  über  die  beiden  G  o  z  z  i  (p.  416 
bis  418)  geht  V.  zum  Melodrame  über,  das  er  sehr  ausführlich 
(p.  419 — 493)  behandelt.  Hier  finden  wir  wieder  reiclies  biblio- 
graphisches Material,  das  um  so  willkommener  ist,  als  die  Ge- 
schichte des  Einflusses  Molieres  auf  die  Oper  sonst  wenig  be- 
kannt ist.  Aus  der  historischen  Darlegung  sehen  wir,  daß  die 
Entlehnungien  aus  Moliere  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts 
noch  zunehmen.  Eigentümlich  ist  es  übrigens,  daß  V.  hier  seine 
Darstellung  bis  auf  unsere  Tage  weiter  führt,  während  er  bei 
der  Geschichte  der  Komödie  schon  frülier  abgebrochen  hat  und 
erst  im  letzten  Kapitel  darauf  zurückkommt.  Hier  dagegen 
hören  wir  am  Schluß,  wie  „/i  borghese  gentiluomo  in  3  atti  di 
Eugenio  Esposito,'''  das  im  Febr.  1905  in  Moskau  mit  großem 
Erfolg  aufgeführt  wurde,  in  Turin  dagegen  später  durchfiel. 
In  neuester  Zeit  steht  die  Komödie,  wie  Toldo  in  seinen 
letzten  Kapiteln  ,,Derniers  6chos  p.  494 — 526"  und  ,,Les  contem- 
porains  p.  526 — 545  "  ausführt,  weniger  unter  dem  Einfluß  Molieres 
als  unter  demjenigen  A  u  g  i  e  r's,  D  u  m  a  s',  S  c  r  i  b  c's,  S  a  r  - 
d  o  u's,  freilich  finden  sich  hier  und  da  doch  einige  Reminiszenzen 


70  /{eferale  und  Rezensionen,     /s.  Stemplinger. 

an  den  großen  Komiker.  Viel  lebenskräftiger  erwies  sich  Moliero 
am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts,  wo  Alberto  Nota  vor 
allem  seine  Reform  der  italienischen  Komödie  im  Hinblick  auf 
Moliere  durchzuführen  suchte,  was  ilim  freilich  nicht  gelang. 
Toldo  vergleicht  ihn  treffend  mit  dem  „dindon  de  la  fable,  ad- 
mirant  le  vol  de  l'aigle,  et  agiiant  piteusement  ses  pauvres  alles 
poiir  V atteindre" .  Gegen  Ende  des  19.  Jahrhunderts  sind  die 
Übersetzungen  und  Bearbeitungen  Molieres  häufiger  als  die 
Nachahmungen.  Ein  letztes  Kapitel  wirft  einen  Blick  auf  „Le 
Personnage  de  Moliere  siir  la  scene  italienne"  und  bespricht  alle 
Komödien,  welche  den  Dichter  selbst  auf  die  Bühne  gebracht 
haben.  Zum  letztenmal  ist  es  1909  in  dem  Stücke  R  o  v  e  1 1  a's 
über  Moliere  und  seine  Frau  der  Fall  gewesen. 

Aus  unserer  Darlegung  dürfte  wohl  hervorgehen,  daß  Toldo's 
Buch  sehr  viel  Material  vorbringt.  Zum  Teil  ist  es  auch  gut 
bearbeitet.  Aber  leider  ungleich.  Wenn  Toldo  größere  Strenge 
sich  selbst  gegenüber  hätte  obwalten  lassen,  hätte  er  uns  Besseres 
geboten.     Er  hätte  Boileau's  Wort  beachten  sollen: 

,,  Vingt  fois  sur  le  tnetier  remettez  votre  ouvrage, 

Polissez-le  sans  cesse  et  le  repolissez, 

Ajoiitez  quelquefois,  et  soiwent  efjacez''. 
Bonn.  Heinrich   Schnee gans. 


Dnbaiii,  Creorges.  Jacques  de  Tourreil,  traducteur  de 
Demostkene  (1656—1714).  These  Lvon,  Paris,  1910. 
H.  Champion.     1—274  S.     8*>. 

Eine  inhaltsreiche  Einleitung  ist  vorausgeschickt,  aus  der 
wir  den  elegischen  Satz  herausheben  wollen:  ,,Lrt  modernisation 
de  V enseignement  qui  repond  assurement  a  des  besoins  urgents, 
detröne  irremediablement  ces  vieilles  etudes  grecques  et  latines  qui 
ont  fait  pendant  trois  siecles  la  base  solide  et  brillante  de  notre  edu- 
cation  nationale'  (p.  7).  Da  die  Abnahme  der  griechischen  und 
lateinischen  Studien  unbedingt  ein  Sinken  der  Übersetzertätig- 
keit nach  sich  zieht  (p.  9),  will  der  Vf.  das  Ideal  eines  Übersetzers 
in  J.  de  Tourreil  zeigen. 

Weit  ausgreifend  werden  das  Leben,  die  Schicksale,  die 
literarische  Tätigkeit  und  der  Charakter  des  J.  de  T.  erörtert 
(1 — 59).  Der  2.  (spezielle)  Teil  behandelt  die  Demosthenes- 
Übersetzung.  Auch  hier  werden  zunächst  die  franz.  Versionen 
des  16.  und  17.  Jahrhunderts  durchbesprochen,  dann  die  Vor- 
lagen des  Übersetzers  behandelt  und  schUeßlich  die  3  Über- 
setzungen miteinander  und  die  letzte  mit  der  Philippikaversion 
des  Fr.  de  Maucroix  (1685)  verglichen.  Das  5.  Kapitel  bespricht 
die  französischen  Demosthenesübersetzer  des  18.  und  19.  Jahr- 
hunderts im  Vergleich  mit  Tourreil.  Schließhch  finden  der 
Kommentar  und  die  historische  Einleitung  von  Tourreil   noch 


Röchelte,  Auguste.      L' Alexandrin  chez  Victor  Hugo.       71 

eingehende  Würdigung.  Eine  reichhaltige  Bibliographie  schließt 
die  Arbeit  ab. 

Mit  großem  Fleiße  hat  sich  der  Verf.  seiner  Aufgabe  unter- 
zogen und  es  ist  ihm  gelungen  die  Tätigkeit  seines  Helden  nach 
allen  Seiten  hin  erschöpfend  zu  beleuchten  und  ihm  den  ge- 
bührenden Platz  in  der  Literatur  zuzuweisen.  Manches  hätte 
ja  knapper  gefaßt  werden  können;  indes  ist  das  Geschmackssache. 

M  ü  n  c  h  e  n.  E.   Stemplinger. 


Kochette,  Auguste.  L' Alexandrin  chez  Victor  Hugo.  Paris, 
Hachette  et  Cie.,  1911.     8^.     605  SS. 

Rochette  hat  schon  vor  Jahren  (1899)  eine  kleine  Studie 
über  Hugos  Alexandriner  veröffentUcht.  Nun  gibt  er  dieses 
umfangs-  und  inhaltsreiche  Buch,  das  in  6  Abschnitten  —  die 
Strophenbildung  ausgenommen  —  wohl  alle  Fragen  anschneidet, 
die  in  Betracht  kommen.  Ja,  das  Buch  bringt  sogar  mehr  als 
der  Titel  verheißt.  Denn  es  mußte  natürhch  auch  Prinzipielles 
erörtert  werden.  Und  was  z.  B.  über  die  Klangwirkungen  gesagt 
wird,  gilt  ebenso  wie  z.  T.  das  über  den  Reim  ausgeführte  für 
Hugos  Verskunst  überhaupt.  Man  müßte  diese  Doktordisser- 
tation also  um  so  freudiger  begrüßen,  als  seltsamerweise  die  Unter- 
suchungen über  Hugos  Vers  noch  so  überaus  dünn  gesät  sind. 
Leider  kann  man  sie  aber  nicht  ohne  Vorbehalt  begrüßen.  Denn 
manches  darin  gibt  zu  schweren  Bedenken  Anlaß. 

Im  L  Abschnitt  (Le  rythme  dans  V alexandrin  de  V.  H.) 
bewundere  ich  vor  allem  die  Kühnheit,  mit  der  Roch,  uns  mit 
Dogmen  über  den  Rythmus  beglückt,  die  er  willkürlich  aufstellt 
oder  höchstens  im  Vorübergehen  durch  vage  ästhetische  Wert- 
urteile zu  begründen  versuclit.  Die  Zeiten  für  solche  rein  speku- 
lative Metrik  sind  docii  wahrlich  vorüber,  man  darf  doch  heute 
nicht  mehr  aus  der  Tiefe  des  Gemüts  heraus  lustig  ins  Blaue 
hinein  fabulieren,  während  andere  Leute  (und  gerade  in  Frank- 
reich) sich  im  Scliweiß  ihres  Angesichts  mit  mühsamer,  positiver, 
exakter  Arbeit  über  denselben  Gegenstand  abplagen.  .\n  einigem 
wird,  fürchte  ich,  S  a  r  a  n  seine  helle  Freude  haben.  Denn 
wenn  Roch.  Lafontaines  uLa  cigale  aijant  chanti  .  .  .>>  ein  «theore- 
tisches>>  Schema  tamta-tdmta  unterlegt,  mit  dem  sich  die\'erteilnng 
der  Akzente  teils  deckt,  teils  nicht  deckt  und  den  Alexandriner 
definiert  als  «une  periode  de  deux  memhres  egaux  [G  +  6]  —  dans 
chaque  memhrc  six  temps  de  mesure  binaire  [Ol  Ol  Ol  =  XX 
XX  XX]  avec  trois  temps  forts  dont  l'un,  tombant  rigoureusement 
en  finale,  peut  servir  de  point  de  repero,  so  bedeutet  das  doch 
nichts  anderes  als  eine  verkappte  und  mit  Abschwächungen 
versehene  Neuauflage  der  Alternations-Theorie,  die  man  (wenig- 
stens für  Frankreich)  glücklich  auf  ewig  in  der  Versenkung  ver- 


72  Referate  und  Rezensionen.     H.  Heiss. 

schwundcn  glauben  durfte.  Man  könnte  ja  dies  ganze  einleitende 
Kapitel  überschlagen,  da  es  überhaupt  nicht  notwendig  war. 
Aber  natürlich  zieht  die  schiefe  Grundlage,  auf  der  Roch,  seine 
Arbeit  aufgebaut  hat,  noch  weitere  Irrtümer  und  willkürliche 
Umdeutungen  nach  sich.  — 

Sehr  viel  Interessantes  bringen  dagegen  der  II.  und  III.  Teil: 
Rapports  de  la  syntaxe  et  du  rythme.  Les  scMmas.  —  Rapp.  de 
la  syntaxe  et  du  rythme  consideres  comme  moyens  d'expression. 
Es  war  ein  glücklicher  Gedanke,  daß  Roch,  in  den  Mittelpunkt 
seiner  Untersuchungen  die  Frage  nach  dem  stabilen  oder  labilen 
Verhältnis  zwischen  rythmischer  und  syntaktischer  Gliederung 
gestellt  und  ihr  den  größton  Platz  eingeräumt  hat.  Das  ist  in 
der  Tat  ein  außerordentlich  wichtiger,  fruchtbarer,  aber  gewöhn- 
lich viel  zu  wenig  beachteter  Gesichtspunkt.  Er  gibt  das  erste 
und  entscheidende  Merkmal,  das  die  verschiedenen  Stadien  der 
französischen  Verstechnik  und  (m.  A.  sogar  schärfer  als  die 
Frage  nach  dem  silbenmessenden  oder  silbenzählenden  Prinzip) 
die  Verstechnik  verschiedener  Völker  gegeneinander  abhebt.  So 
zeichnen  sich  in  Frankreich  deutlich  3  große  Epochen  ab:  1.  Die 
altfranzösische,  die  noch  bis  ins  XVII.  Jahrh.  reicht.  Das  Gleich- 
gewicht zwischen  rythmischer  und  syntaktischer  Gliederung  wird 
noch  nicht  gefordert,  aber  nicht  aus  Abneigung  gegen  solche 
Symmetrie,  sondern  aus  dem  Mangel  an  einer  autoritativ-nor- 
mativen Metrik.  Denn  die  Tendenz  zur  StabiHsierung  ist  seit 
den  frühesten  Texten  unverkennbar  und  höchstens  in  der  chaoti- 
schen Unordnung  des  XVI.  Jahrh.  etwas  verschleiert.  (Ich 
spreche  natürhch  nur  vom  Zehn-  und  Zw^ölfsilbner.  In  kurz- 
atmigen Metren,  die  keine  Entfaltung  von  Sätzen  und  selb- 
ständigen Satzteilen  gestatten,  liegen  die  Verhältnisse  ja  bekannt- 
lich anders.)  —  2.  Die  klassische  Zeit,  in  der  absolutes  Gleich- 
gewicht gefordert  wird  —  und  3.  die  moderne  seit  der  Romantik, 
die  das  Gleichgewicht  nicht  mehr  fordert  und  die  im  Gegensatz 
zur  altfranzösischen  zweifellos  mehr  Vorliebe  für  Asymmetrie  als 
für  Symmetrie  der  beiden  Gliederungen  offenbart. 

Wenn  ein  festes  Schema  gegeben  ist,  z.  B.  das  binäre  Alexan- 
driner-Schema 6 -|- 6,  so  muß  jede  Störung  des  Gleichgewichts 
zwischen  Syntax  und  Rythmus  ihren  besonderen  Grund  haben, 
der  sie  erklärt  und  rechtfertigt.  Oder  wie  es  Roch.  (p.  219) 
treffend  ausdrückt:  «Dans  la  superposition  asymetrique  de  la 
syntaxe  sur  le  rythme,  ü  se  produit  comme  une  sorte  de  conflit 
entre  deux  dynamismes:  le  rnouvement  de  l'idee  et  celui  de  la 
mesure.  C'est  une  dissonnance  pour  Voreille  qui,  exigeant  im- 
p^rieusement  un  paralUlisme  entre  les  deux  cadences,  n'est  satis- 
faite  que  si  V Intervention  d'un  troisieme  element  ramine  la  dis- 
cordance  ä  l'accord  parfait.  Cet  element  nouveau  est  Vintention 
artistique  du  poHe.^y  Es  ist  klar,  daß  die  Bedeutung  dieser  Frage 
weit  über  den   Rahmen  der  Verstechnik  hinausgreift,  daß  sich 


Röchelte,  Aiigiiste.      L' Alexandrin  chez   Victor  Hugo.        73 

in  der  Symmetrie  bezw.  Asymmetrie  der  Gliederungen  zwei 
anders  geartete  ästhetische  Ideale  spiegeln  und  daß  ihre  Spiege- 
lung hier  im  Versbau  nicht  weniger  vielsagend  und  charakteristisch 
ist  als  etwa  der  Unterschied  zwischen  dem  dramatischen  Stil  der 
Andromaque  und  dem  von  Herfiani,  zwischen  den  Gedanken 
der  Art  Poetique  und  denen  der  Prejace  de  Cromwell.  Dem  ganzen 
Problem  nachzuspüren,  wird  gerade  bei  V.  Hugo  reizvoll  und 
ergiebig  sein.  Denn  durch  ihn  ist  die  Umwälzung  ermöglicht 
worden  und  sein  jedem  Klassiker  ebenbürtiges  Werk  kann  am 
besten  und  erschöpfendsten  zeigen,  welche  ästhetischen  Wir- 
kungen, die  der  klassischen  Dichtung  unbekannt  bUeben,  sich 
mit  der  neuen  Technik  der  Gleichge\\iclitsstörungen  erzielen 
lassen  und  welchem  neuen  Ideal  diese  Wirkungen  entsprechen. 

Im  II.  Teil  beschränkt  sich  Roch,  in  der  Hauptsache  darauf, 
sein  überaus  reiches,  mit  größtem  Fleiß  gesammeltes  Material 
vorzulegen  und  zu  sichten,  in  langen  Listen  Beispiele  für  die 
\'erwertung  der  Symmetrie  und  natürlich  besonders  für  die 
einzelnen  Arten  von  Asymmetrie  (par  cmticipation,  par  retard, 
par  anticipation  et  retard)  zu  geben.  Vielleicht  hätte  seine  Dar- 
stellung gewonnen,  wenn  er  dabei  weniger  geordnet,  w^eniger  Ver- 
gnügen am  Einteilen  und  Rubrizieren  empfunden  hätte.  War 
es  z.  B.  wirklich  notwendig,  die  Prolepsis-Fälle  so  subtil  nach 
den  Wortarten  auseinander  zu  halten  und  nicht  bloß  zwischen 
Präposition  und  attributivem  Adjektiv,  sondern  auch  zwischen 
attributivem  Adjektiv  und  Partizip,  also  zwischen  ganz  wesens- 
gleichen Erscheinungen  im  Contre-Rej'et  einen  Unterschied  zu 
machen  ?  War  es  nicht  überflüssig,  so  viel  Beispiele  für  Fälle  ganz 
leichter  Asymmetrie  anzuführen,  wie  sie  auch  in  klassischer  Zeit 
erlaubt  und  gang  und  gäbe  waren  ?  Es  wird  dadurch  der  Ein- 
druck einer  verwirrenden  Vielfältigkeit  erweckt,  der  über  der 
Fülle  der  Details  die  Zusammenhänge  vorkennen  läßt  und  die 
Kapitel  schwellen  zu  solcher  Seitenzahl  an,  daß  ähnlich  wie  in 
Roch. 's  älterer,  viel  knapperer  Studio  die  Übersichtlichkeit  ge- 
fährdet ist.  Freilich  sind  die  meisten  seiner  Listen,  besonders 
auch  die  im  letzten  Kapitel  (Les  scMmas  syntaxiqnes)  gegebenen 
sehr  lehrreich.  Sie  gewähren,  wenn  nicht  immer  neue,  so  doch 
vollständigere  und  präzisere  Einsichten  in  Hugos  Stil  und  zwar 
in  seinem  Stil  überhaupt  (denn  vieles  von  dem,  was  R.  bringt, 
ist  für  die  Prosa  ebenso  bezeichnend  wie  für  den  \'ers),  sie  be- 
stätigen die  Eindrücke,  die  wir  alle  von  unserer  Lektüre  hatten, 
und  sie  offenbaren  vor  allem  mit  auffallender  Sciiärfe,  wie  ein- 
förmig Hugos  Stil  bei  aller  Buntheit  und  Geschmeidigkeit  ist, 
da  gewisse  Stileigentümlichkeiten,  z.  B.  in  der  Wortstellung, 
immer  und  immer  wiederkehren,  bis  sie  zur  Gewohnheit  werden 
und  im  Lauf  der  Jahre  ganz  zur  Schablone  erstarren. 

Der  III.  Teil  bringt  die  Deutung  des  Materials  und  ergänzt 
es  zugleich  durch  Beispiele  von  breiterem  Umfang,  wie  man  sie 


74  Referate,   und  Rezensionen.      IL  Ileiss. 

im  vorhergohondcn  Abschnitt  ungern  vormißte.  Denn  die  aus 
dem  Zusammenhang  gerissenen,  mit  ihren  Anhängseln  isoliert 
abgedruckten  Alexandriner  können  nicht  immer  ein  richtiges 
Bild  von  der  Wirkung  des  Enjambements,  von  seiner  Stärke 
und  Fühlbarkeit  vermitteln.  Ja,  icli  hätte  solche  umfangreiche 
Beispiele  in  viel  höiierer  Anzahl  gewünscht  und  dafür  lieber  auf 
die  Anhäufung  von  unondUch  vielen  Einzelbelegen  für  ein  und 
denselben  Typus  verzichtet.  Durchaus  anzuerkennen  ist  die 
Sorgfalt,  mit  der  die  Beispiele  untersucht  sind.  Gemeinsam  ist 
allen  Gleichgewichtsstörungen  natürlich  der  Charakter  des  un- 
erwarteten, überraschenden,  momentan  verwirrenden  und  außer- 
dem dies,  daß  der  abgeschnittene  Redeteil  mit  ungewöhnhcher 
Energie  hervorgehoben  wird.  Aber  wie  vielerlei  ganz  verschiedene 
Effekte  sich  den  Störungen  abgewinnen  lassen,  das  rückt  Roch, 
ebenso  hell  ins  Licht  wie  die  unvergleichliche  Kunst,  mit  der 
V.  Hugo  sich  ihrer  als  eines  künstlerischen  Mittels  bedient,  eine 
sehr  raffinierte  Kunst,  die  allerdings  später  zur  Routine  und 
Fingerfertigkeit  wird.  Ästhetische  Versexegesen  in  solchem  Um- 
fang und  von  solcher  Gründlichkeit  sind  bisher  noch  nicht  durch- 
geführt worden  und  da  Roch,  mit  gutgeschultem  Geschmack 
und  feinsinnigem  Verständnis,  ferner  mit  der  nötigen  hebevollen, 
geduldigen,  vor  keiner  Schwierigkeit  zurückschreckenden  Ver- 
tiefung analysiert  und  urteilt,  da  er  endlich,  w^as  besonders  zu 
loben  ist,  überall  auf  die  Entwicklung  hinweist  und  sie  von  den 
Jugendversuchen  an  verfolgt  und  skizziert,  so  bedeutet  dieser 
Abschnitt  den  wertvollsten  Teil  seines  ganzen  Buches  und  zweifel- 
los eine  neue  und  außerordentlich  wichtige  Bereicherung  unseres 
Wissens  von  V.  Hugo. 

Ein  paar  Bedenken  drängen  sich  leider  auch  hier  auf.  Von 
den  zahlreichen,  irrtümlich  unter  die  Syllepsis-Beispiele  ge- 
schmuggelten Trimetern  will  ich  nicht  reden.  Auf  den  Trimeter 
muß  ich  gleich  nachher  eigens  zurückkommen.  Aber  ich  finde 
es  gefährlich  und  schief,  daß  Roch,  konsequent  die  Gleichge- 
wichtsstörungen am  Halbzeilenende  und  am  Zeilenende  zusammen- 
wirft und  als  gleichwertig  behandelt.  So  selbständig  wie  die 
ganze  Zeile  war  die  Halbzeile  seit  dem  Altfranzösischen  nie  mehr 
und  auch  wenn  man  geneigt  ist,  ihre  Selbständigkeit  für  die 
klassische  Dichtung  so  hoch  als  irgend  mögUch  anzuschlagen, 
so  spielt  doch  am  Zeilenende  ein  neues  Element  mit  herein,  das 
die  Verhältnisse  ändert  und  kompliziert:  nämlich  der  Reim, 
der  mit  dem  Enjambement  in  enger  Wechselbeziehung  steht, 
der  durch  das  Enjambement  je  nachdem  unterstrichen  oder 
abgeschwächt  und  fast  verwischt  werden  kann.  Enjambement 
im  Inneren  und  Enjambement  von  Vers  zu  Vers  sind  offenbar 
schon  ihrem  Wesen  nach  von  verschiedener  Stärke  und  Fühl- 
barkeit, gleichviel  wie  ihre  Stärke  auch  im  besonderen  Fall 
durch    den    besonderen  Bau,    die    syntaktische    Funktion,    den 


Röchelte,  Auguste.      L' Alexandrin  chez   Victor  Hugo.       75 

Gedankeninhalt  etc.  abgestuft  sein  mag.  Zwischen  zwei  solchen 
Enjambements  von  sonst  ganz  gleicher  Wirkung  besteht  immer 
noch  der  grundlegende  Unterschied,  daß  das  eine  nur  die  innere 
Struktur  eines  Verses  berührt,  den  Vers  selber  als  Ganzes,  als 
Einheit  aber  unangetastet  läßt,  während  das  andere  gerade  die 
Ganzheit  und  Einheit  des  Verses  zerstört,  indem  es  ihn  gewalt- 
sam abkürzt  oder  über  seinen  Rahmen  hinaus  noch  in  den  nächsten 
Vers  hinein  verlängert. 

Darin  liegt  aber  gerade  das,  was  modernen  Versen  im  Gegen- 
satz zu  klassischen  ihr  eigenartiges  Gepräge  verleiht.  Im  klassi- 
schen ist  immer  der  einzelne  Alexandriner  Einheit  und  aucii 
da  sofort  erkennbar,  wo  er  zu  Gruppen  von  2,  4  etc.  Zeilen  zu- 
sammengebunden wurde.  Die  moderne  Technik  des  Enjam- 
bierens  dagegen  löst  seine  Einheit  auf,  läßt  ihn  in  der  höheren 
Einheit  einer  Versreihe  untergehen.  Durch  Rejet  und  Contre-rejet 
verzahnen  sich  die  einzelnen  Verse  gleichsam  ineinander  und 
verwachsen  zu  einem  Ganzen.  Wenn  diese  Verzahnung  mehr 
als  zwei  Verse  zusammenfügt,  was  bei  V.  Hugo  noch  seltener 
ist  als  bei  neueren  Dichtern,  so  entstehen  als  neue  Einheiten 
strophische  Gebilde,  freie  Strophen  (im  weitesten  Sinn  des  Wortes), 
deren  Anfang  und  Schluß  deutlich  genug  markiert  ist,  deren 
einzelne  Teile  sich  aber  als  Alexandriner  nur  mclir  optisch  durch 
die  typographische  Anordnung  erkennen  lassen,  während  sie 
sich  für  unser  Gehör  nur  aus  vers  libres  von  schwankender  Aus- 
dehnung, manchmal  reimlos,  manchmal  gereimt,  manchmal  mit 
Endreimen,  manchmal  mit  Binnenreimen  zusammensetzen.  Welche 
Umwälzung  da  vor  sich  gegangen  ist,  läßt  sich  ahnen,  sobald 
man  den  Recit  du  Cid  oder  den  Recit  de  Theraniene  etwa  neben 
Hugos  Expiation  oder  noch  besser  neben  ein  Gedicht  in  platt- 
gereimten Alexandrinern  eines  jüngeren  Dichters  hält.  Die 
Einheit  des  Alexandriners  wie  der  anderen  durch  die  feste  Silben- 
zahl definierten  Versmasse,  die  ohnehin  nur  mehr  künstlich 
durch  eine  archaische  Aussprache  des  stummen  3  aufrocht  er- 
halten werden  kann,  ist  durch  die  MögUchkeit  des  Enjambierens 
noch  tiefer  bedroht  und  auf  die  durchsichtige  Architektonik 
klassischer  Versreihen  folgt  als  das  moderne  Ideal  die  freie  Strophe, 
in  der  kürzere  und  längere,  impressionistisch  aus  dem  Irdialt 
heraus  geborene,  jeder  Bewegung  der  Gedanken  sich  anschinii^- 
gendo  Verse  ineinander  überfließen.  — 

Im  II.  Teil  beschäftigt  sich  Roch,  in  ebenso  ausführhchon 
wie  anfechtbaren  Erörterungen  auch  mit  dem  «alexandrin  lernaire>>. 
Es  freut  mich,  das  wir  uns  in  einem  Gedanken  begegnen,  den  ich 
meinem  Vortrag  über  den  Ursprung  des  romantischen  Trimeters 
auf  dem  Posener  Philologentag^)  zugrunde  gelegt  habe.     Dieses 


')  Der  Vortra^i;  wird  im  Archiv  für  das  Sludiuni  d.  neueren  Sprac/icn 
u.  Literaturen  erscheinen. 


76  Referate  und  Rezensionen.     H.  Heiss. 

Zusammentreffen  bietet  mir  eine  willkommene  Bestätigung 
meiner  Ansicht.  Auch  Roch,  war  überrascht  davon,  welcli 
ungemein  wichtige  Rolle  in  Hugos  Stil  neben  der  Zweigliedrigkeit 
die  triadische  Form,  die  Dreigliedrigkeit  spielt.  Davon  gehe  ich 
aus,  um  im  Gegensatz  zu  den  Erklärungen  von  Becqde  Fou- 
q  u  i  e  r  e  und  Maurice  Grammont  den  Trimeter  als 
Schöpfung  Hugos  zu  betrachten,  entstanden  aus  innerer  Not- 
wendigkeit, aus  den  Bedürfnissen  seiner  Rhetorik,  da  drei- 
gliedrige Struktur  im  binären  Alexandriner  (6  -j-  6)  nicht  immer 
einen  passenden  Rahmen  findet.  Roch,  aber  macht  plötzlich, 
nachdem  er  diese  StileigentümUchkeit  konstatiert  hat,  an  der 
entscheidenden  Stelle  Kehrt  und  behauptet,  gestützt  auf  seinen 
Glaubensartikel  vom  unwandelbar  binären  Charakter  des  Alexan- 
driners: Es  gibt  bei  V.  Hugo  überhaupt  keine  Trimeter.  Was 
man  dafür  hält,  sind  binäre  Verse  mit  Asymmetrie  zwischen 
der  syntaktischen  und  der  rythmischen   Gliederung. 

Daß  durch  solche  Asymmetrie  Alexandriner  von  nur  schein- 
bar ternärem  Gepräge  entstehen  können,  leugne  ich  nicht.  Wenn 
z.  B.  Lafontaine  schreibt; 

Maudit  chäteau!  Maudit  amour!  Maiidit  voyage! 
so  kann  das  kein  Trimeter  sein,  einfach  deshalb,  weil  Lafontaine 
sich  ebensowenig  als  Racine  oder  Boileau  je  hätte  einfallen  lassen, 
einen  Alexandriner  anders  als  binär  zu  bauen.  Ich  muß  dabei- 
nicht  bloß  die  extra-vaganten  Trimeter-Beispiele  ablehnen,  die 
sich  S  o  u  r  i  a  u  seinerzeit  aus  den  Klassikern  holte,  sondern 
kann  mich  auch  mit  dem  vorsichtiger  abwägenden  und  ungleich 
verständigeren  Aufsatz  von  M.  G  r  a  m  m  o  n  t  über  den  Komödien- 
Trimeter  des  XVIL  Jahrhunderts  nicht  befreunden.^)  Solange, 
wie  im  XVIL  und  XVIII.  Jahrhundert  von  einer  autoritativen 
Metrik  ein  fest  normiertes  binäres  Schema  vorgeschrieben  und 
von  den  Dichtern  ohne  Widerspruch  angenommen  wird,  gibt 
es  keinen  Trimeter  und  Verse  wie  der  eben  zitierte  müssen  binär 
und  nicht  ternär  (4  -|-  4  -f  4)  gelesen  werden,  also  als  asym- 
metrische klassische  Verse. 

Das  wird  aber  im  XIX.  Jahrhundert  mit  der  Romantik 
anders.  Freilich  gibt  es  auch  dann  noch  genug  unechte  Trimeter 
und  ich  stimme  Roch,  vollkommen  bei,  wenn  er  gegen  R  e  n  o  u  - 
V  i  e  r's  Skandierungen  polemisiert.  Denn  wer  die  Verse  nur 
nach  der  syntaktischen  Gliederung  lesen  will,  läuft  in  der  Tat 
Gefahr,  die  Absichten  des  Dichters  ganz  zu  verwischen  und  alle 
die  feinen,  durch  Asymmetrie  erzielten  Wirkungen  zu  ignorieren 
Aber  Roch,  selbst  verfällt  in  das  andere  Extrem,  wenn  er  allen 
Alexandrinern  in  Bausch  und  Bogen  die  GUederung  aufzwingt, 
die  er  sich  in  seiner  Phantasie  als  die  einzig  mögliche  einbildet.^) 

2)  Revue  des  langues  romanes.     1903.     Bd.  XLVL 
^)  Roch,  spricht  so  gerne  von  dem  innerhchen  Metronom,  das  in 
V.   Hugo  zu  ticktacken  anfing,  sobald  er  sich  ans  Dichten  machte. 


Röchelte,  Auguste.      L' Alexandrin  chez   Victor  Hugo.        77 

Ob  Trimeter  oder  nicht  —  darüber  hat  von  Fall  zu  Fall 
eine  eingehende  Analyse  zu  entscheiden,  die  den  Vers  im  Zu- 
sammenhang betrachtet.  Schöne  vorbildUche  Beispiele  solcher 
Analyse  bietet  M.  Grammont  in  seinem  Buch  «Le  i^ers 
frangais>>. 

V.  Hugo  hat  Trimeter  gebaut,  zuerst  wohl  unbewußt  und 
(wie  ich  vermute)  angeregt  durch  die  Zerstückelung  des  Dialogs 
im  Cromvell,  dann  aber  bewußt  und  absichtlich,  als  er  fühlte, 
wie  sehr  ihm  diese  neue  Struktur  lag.  Was  Roch,  dagegen  vor- 
bringt, kann  nicht  überzeugen.  Denn:  1.  Ganze  Gedichte  in 
Trimetern  müßten  wir  nur  dann  haben,  wenn  sein  Dogma  von 
der  notwendigen  Gleichförmigkeit  der  rhythmischen  Bewegung 
in  einem  Versganzen  etwas  anderes  als  eine  willkürUche,  un- 
bewiesene Behauptung  wäre.  Ganze  Gedichte  in  Trimetern 
sind  auch  bei  den  jüngeren  Dichtern  außerordentUch  selten, 
wenn  es  überhaupt  einige  gibt.  Mir  wenigstens  ist  nur  das  eine 
bekannt,  das  Gl  a  i  r  T  i  s  s  e  u  r  in  seinen  «Modestes  ohservations 
sur  l'art  de  versifier»  (p.  86)  von  sich  selbst  zitiert.  —  2.  Die  bekannte 
Tatsache,  daß  V.  Hugo  es  vermied,  als  6.  Silbe  ein  tonloses  Wort 
(z.  B.  Artikel)  aufzuführen  oder  an  die  6.  und  7.  Stelle  im  Vers 
Silben  ein  und  desselben  Wortes  zu  rücken  und  daß  er  sofort 
korrigierte,  wenn  ihm  je  einmal  ein  solcher  Vers  entschlüpfte, 
beweist  nichts  gegen  die  Existenz  von  Trimetern.  Sie  zeigt  nur 
von  neuem,  daß  seine  revolutionäre  Kühnlieit  in  metrischen 
Dingen  ja  nicht  überschätzt  werden  darf.  Gewisse  klassizistische 
Gewohnheiten  bleiben  in  ihm  immer  lebendig.  Den  abergläubischen 
Respekt  vor  gewissen  Regeln  hat  er  nie  verlernt  und  sich  Heber 
zu  Kompromissen  verstanden,  als  mit  ihnen  offen  gebrochen. 
Genau,  wie  er  Zeit  seines  Lebens  die  sinnlose  Hiatusregol  beob- 
achtete und  sich  ebenso  peinlich  gewissen  sinnlosen  Reimregoln 
unterwarf,  so  macht  er  auch  hier  dem  an  den  klassischen  Alexan- 
driner gewöhnten  Ohr  des  Publikums  und  wohl  auch  seinem 
eigenen  Ohr  eine  Konzession,  gibt  oder  täuscht  wenigstens  die 
Möghchkeit  vor,  die  6.  Silbe  zu  betonen.  Man  kann  es  etwa  so 
fassen:  der  Trimeter  steht  bei  ihm  noch  im  Anfang  seiner  Ent- 
wicklung, ist  noch  nicht  ganz  aus  dem  klassischen  Typus  heraus- 
gesciiält.  Die  unmittelbar  um  die  Mittelachse  gelegenen  Silben- 
gruppen des  Tetrametors  sind  noch  nicht  wie  in  der  Verstechnik 
nach  V.  Hugo  zur  totalen  Einheit  verwachsen.  Noch  sind  die 
Spuren  der  alten  Naht  sichtbar.  —  3.  So  ersclieint  auch  die  von 
R.    Lese  li  de    überlieferte    Äußerung    des    Dichters,    auf    die 

Ich  halte  dieses  Bild  nicht  lür  glücklich.  Es  ist  7.\\av  anschaulich 
und  cum  grano  salis  vorstanden  aucli  nicht  unzulrollVnd.  Aber  es 
kann  zu  leicht  dazu  verführen,  sich  den  ganzen  Prozeß  des  Rhylmi- 
sirens  als  etwas  rein  Mcehanisch-Autoniiitisches  vorzustellen.  '  Und 
das  wdl  doch  R.  nicht,  ebenso  wie  er  sich  p.  319  mit  Recht  gegen 
falsche  Deutungen  seines  Ausdrucks  «superpositiom  wendet. 


78  liejciale  und  Rezensionen..     II.  Heiss. 

Rocli.  sogroßen  Nachdruck  legt/)  in  anderem  Licht.  Der  Trimeter: 
Dans  les  palais,  dans  les  [6]  chäleuux,  dans  les  chaumieres 
flößte  V.  Hugo  nur  deshalb  solches  Entsetzen  ein,  weil  in  der 
6.  Silbe  «les»  steht.  Aber  nicht  wegen  seiner  ternären  Struktur  an 
sich.  Sonst  hätte  V.  Hugo  noch  eine  Menge  anderer  Verse  umgießen 
müssen.  —  Und  endlich  4.  überrascht  es  mich,  daß  Roch,  eine 
andere  wichtige  Äußerung  V.  Hugos  übersehen  hat,  obwohl  sie 
sich  auf  den  Trimeter  bezieht.  1844  veröffentlichte  W.  T  e  n  i  n  t 
seine  «Prosodie  de  l'ecole  moderne»,  in  der  (meines  Wissens)  zum 
erstenmal  vom  Trimeter  die  Rede  ist.  T  e  n  i  n  t  unterscheidet 
zwei  Arten  von  Alexandrinern,  den  klassischen,  den  er  wers 
inlaci,  vers  chante»  nennt,  und  den  modernen  wers  brise,  cers 
parle»,  unter  dem  er  auch  den  Trimeter  begreift.  Charakteristisch 
für  den  «cers  brise»  ist  die  Verlegung  der  Hauptcäsur,  z.  B.  5  +  7 
oder  4+4-1-4.  Tenint  zitiert  eine  Reihe  von  Beispielen 
für  4  -f-  4  4-  4  aus  V.  Hugo,  dem  er  ausdrückUch  die  Ehre  der 
Entdeckung  zuschreibt,  und  aus  anderen  Romantikern.  Man 
findet  bei  ihm  einen  interessanten  Hinweis  auf  die  «privilegierte») 
Stellung,  die  V.  Hugo  auch  im  Trimeter  der  6.  Silbe  einräumt. 
Denn  Tenint  gibt  zweifellos  Hugos  Anschauung  wieder,  wenn 
er  vom  wers  brise»  behauptet:  «On  tient  encore  compte  de  sa 
cesure  primitive,  on  l'indique  imperceptiblement,  et  c'est  lä  une 
regle  qu'il  n'est  pas  loisible  de  violer.»  Das  charakterisiert  treffend 
die  Praxis,  der  V.  Hugo  immer  treu  gebUeben  ist.  Interessanter 
ist  aber,  was  Hugo  selbst  über  die  neue  Versform  denkt.  Er 
schreibt  in  einem  Brief,  der  T  e  n  i  n  t  s  Buch  einleitet,  neben 
den  üblichen  Schmeicheleien,  folgendes:  «Le  vers  brise  est  un 
peil  plus  difficile  d  faire  qiie  l'aiitre  vers;  poiis  deniontrez  qu'il 
y  a  une  foule  de  regles  dans  ceite  pretendue  violation  de  la  regle  .  .  . 
Le  vers  brise  est  en  particulier  un  besoin  du  drame;  du  tnoment 
oii  le  naturel  s'est  fait  jour  dans  le  langage  theätral,  il  lui  a  fallu 
un  vers  qui  put  se  parier.  Le  vers  brise  est  admirablement  fait 
pour  recevoir  la  dose  de  prose  que  la  poesie  dramatique  doit 
admettre.»  Das  ist  doch  ein  unzweideutiges  Zeugnis,  an  dem 
Roch,  nicht  vorübergehen  durfte,  um  so  schwerwiegender,  als 
V.  Hugo,  der  sonst  so  gerne  theoretisiert,  sich  gerade  über  vers- 
technische Fragen  nur  selten  äußert. 

Roch. 's  Unterscheidung  zwischen  dem  echten  «vers  ternaire» 
und  dem  «vers  tripartiie»,  der  nur  syntaktisch  in  3  Gruppen  zer- 
fällt und  dem  Rythmus  nach  binär  ist,  trifft  für  zahlreiche  Fälle 
zu.  Daß  aber  bei  V.  Hugo  nur  solche  «alexandrins  tripartites» 
und  keine  echten  Trimeter  vorkommen,  das  läßt  sich  nicht  auf- 
recht erhalten.  — 


*)  Das  Zitat  aus  dem  Buch  der  Brüder  G  1  a  c  h  a  n  t  beweist 
gar  nichts.  Denn  ihre  Behauptung  stützt  sich  nur  auf  den  Bericht 
von  Leschde,  auf  den  sie  verweisen. 


Rochetle,  Auguste.     L' Alexandrin  chez   Victor  Hugo.        79 

Der  IV.  Abschnitt  (Röle  des  elements  acoustiques  dans  le 
K>ers)  enthält  zwei  Teile,  einen  über  die  Silben,  3  muet^  Synärese 
und  Diärese,  der  natürlich  nichts  neues  bringen  kann  und  nur 
durch  neue  Beispiele  die  Willkür  illustriert,  mit  der  schheßlich 
jeder  Dichter  seine  Silben  zählt,  dann  einen  Teil  über  die  Akzente, 
gegen  den  sich  wiederum  schwere  Bedenken  erheben.  Roch, 
zitiert  hier  (p.  334),  was  A.  Thomas  über  die  Meinung  von 
G.  Paris  berichtet:  «G.  Paris  lui-meme  avait  fini  par  s'interdire 
taute  speculation  sur  ce  sujet  [die  Akzente],  attendant  avec  quelque 
scepticisme  que  la  phonetique  experimentale  eüt  prononce  en  dernier 
ressort.»  Hätte  nur  Roch,  ebenfalls  so  weise  Zurückhaltung 
geübt  und  auf  jede  Spekulation  verzichtet!  Ich  kann  mich  nicht 
dabei  aufhalten,  auch  dieses  Kapitel  eingehend  zu  diskutieren. 
Ich  kann  auch  nur  ganz  flüchtig  auf  den  V.  Abschnitt  (Röle 
des  elements  acoustiques  dans  le  vers.  Les  phonemes)  hinweisen, 
der  in  3  Teilen  (L'euphonie  —  Valeur  expressive  des  phonemes  — 
Harmonie)  geschmackvoll  und  sehr  geschickt  die  Klangwirkungen 
untersucht  und  eine  Fülle  feiner  Beobachtungen  und  Bemerkungen 
bringt,  überall  mit  Recht  in  enger  Anlehnung  an  M.  G  r  a  m  - 
m  0  n  t ,  der  auf  keinem  Gebiet  der  Versanalyse  wertvollere 
und  fruchtbarere  Anregungen  gegeben  hat  als  auf  diesem. 

Nur  noch  ein  Wort  über  den  letzten  VI.  Abschnitt,  der  den 
Reim  behandelt.  Auch  hier  ist  alles  Wichtige  bis  herab  zu  den 
kleinsten  Besonderheiten  und  Freiheiten  wenigstens  gestreift, 
überall  sind  zahlreiche  Beispiele  herangezogen  und  vor  allem 
wird  mit  Recht  betont  und  durch  Belegen  aus  den  Mss.  illustriert, 
welch  große  Suggestion  das  Schriftbild  auf  V.  Hugo  ausübt, 
mächtiger  als  bei  irgend  einem  anderen  Dichter,  wie  diese  Sug- 
gestion mit  dem  wachsenden  Alter  zunimmt  und  wie  stark  sich 
in  ihr  das  Vorwiegen  der  visuellen  Eindrücke  in  Hugos  künst- 
lerischem Temperament  spiegelt.  Die  graphische  Identität 
zwischen  zwei  Wörtern  fasziniert  ihn  geradezu,  so  daß  er,  der 
unerreichte  Reimsciimied  aller  Literaturen,  dem  Reim  fürs 
Auge  zulieb  ruhig  unvollständige  und  sogar  unreine  Reime 
duldet.  Ein  Kapitel  (La  rime  SUment  de  piquant  et  de  virtuosite) 
legt  den  unendHchen  Reichtum  an  Reimkombinationen  bloß, 
der  in  seinem  poetischen  Werk  aufgestapelt  ist  und  dessen  Mannig- 
faltigkeit bei  der  Lcktüi'c  ebenso  in  Erstaunen  versetzt  wie  die 
liäufige  Wiederkclu-  Ix^slimmter  Reimpaare,  die  V.  Hugo  offen- 
bar wegen  ihrer  lautmalerischen  Eigenschaften  oder  wegen  der 
in  ihnen  schlummernden  Ideenassoziation  bevorzugt.  Eine 
kritische  Äußerung  im  Conservateur  litteraire  beweist,  daß  er  schon 
in  frühester  Jugend  (li(>  Wichtigk(>i  des  Reims  erkannt  hat, 
als  er  noch  völlig  im  Bann  klassischer  Musler  stand  und  sich 
kaum  viel  von  seiner  späteren  Ästhetik  träumen  ließ.  Und  von 
den  Ödes  et  Ballades  an,  wo  ihm  noch  das  Können  fehlt,  um  sein 
Ideal  zu  vcrwirkliciien,  läßt  sich  verfolgen,  wie  er  in  langsamem 


80  Referate  ii/td   Rezensionen.     II.    Ileiss. 

Fortschritt  mehr  und  niohr  die  trostlose  iJanuUtüt  dos  uusg«-- 
leicrtcn  klassischen  Reims  zu  vermeiden  und  seinen  Reim  so- 
wohl durch  Klangfülle  als  Inhalt  möglichst  reicli,  selten  und 
glänzend  zu  gestalten  lernt,  bis  er  mit  den  Chäliments  und  der 
Ligende  die  höchste  Verfeinerung  und  Vervollkommnung  erreicht. 

Noch  interessanter  ist  Kap.  IV:  Genese  de  la  rime;  son  in- 
fluence  sur  la  pensSe.  Denn  was  darin  berührt  wird,  ist  eins 
der  wichtigsten  Probleme,  die  die  Versästhetik  überhaupt  stellt, 
ein  Problem,  dessen  Erforschung  vielleicht  einmal  mehr  Licht 
auf  den  geheimnisvollen  Prozeß  des  dichterischen  Schaffens 
werfen  kann.  Freilich  gehört  die  Frage  auch  zu  den  schwierigsten. 
Denn  wo  der  Einfluß  des  Reims  auf  den  Gedanken  offen  zutage 
liegt  und  mit  bloßem  Auge  erkennbar  ist,  wie  das  auch  bei  V.  Hugo 
oft  genug  geschieht,  verliert  die  Feststellung  ihren  Reiz,  da  es 
sich  um  Flickwörter  und  meist  um  mittelmäßige  oder  schlecht^ 
Verse  handelt.  In  Strophen  und  Gedichten  aber,  die  zu  organi- 
schen Einheiten  verwachsen  sind,  läßt  sich  der  Einfluß  heikel 
oder  unmöglich  konstatieren,  wenn  nicht  irgend  ein  Zufall  den 
Dichter  bei  der  Arbeit  zu  belauschen  und  in  seine  Werkstatt 
zu  blicken  gestattet.  Am  ergiebigsten  sind  noch  Übersetzungen 
oder  Gedichte,  die  treu  einer  bekannten  Vorlage  folgen,  wie 
z.  B.  die  «Trois  Cents>>.  Wertvolle  Aufschlüsse  bieten  natürlich 
auch  die  Manuskripte  und  zwar  um  so  wertvollere,  je  mehr 
sukzessive  Fassungen  sie  von  einem  Text  überliefern.  Wieviel 
aus  ihnen  herauszulesen  ist,  wie  sehr  bei  V.  Hugo  der  Reim 
dominiert,  fruchtbar  und  herrisch  zugleich  Einfälle  erzeugt,  zu 
Erweiterungen  veranlaßt,  Gedanken  abbiegt,  wie  reiche  An- 
regungen ihm  immer  entquellen  —  davon  gibt  Roch,  eine  An- 
zahl fesselnder  Proben,  die  ihn  seine  Vertrautheit  mit  den  Mss. 
gewiß  aus  den  bezeichnendsten  wählen  ließ.  Nur  schade,  daß 
er  hier  so  sparsam  ist.  Gerade  diese  Frage  hätte  ebenso  wie  die 
nach  dem  Verhältnis  zwischen  Syntax  und  Rythmus  eine  ein- 
gehende und  erschöpfende  Darstellung  verdient.  — 

Alles  in  allem:  Roch. 's  These  ist  ein  Buch,  dessen  einzelne 
Teile  sehr  ungleichwertig  sind,  in  dem  das  wertvolle  aber  ent- 
schieden überwiegt,  mit  dem  sich  deshalb  in  Zukunft  jeder  aus- 
einander setzen  muß  und  von  dem  jeder  lernen  kann,  der  V.  Hugos 
Vers  studieren  will.  Seine  Stärke  ruht  in  der  verständigen 
Ausbeutung  des  handschriftlichen  Materials  und  in  der  tief- 
schürfenden Versanalyse,  die  außerordentlich  viel  anregende  und 
manche  ganz  neue  Einsichten  und  Erkenntnisse  an  den  Tag 
fördern.  Ein  Buch,  das  häufig  zu  lebhaftem  Widerspruch  reizt, 
manchmal  sogar  durch  seinen  willkürlichen  Dogmatismus  ver- 
stimmt, das  man  aber  schließlich  doch  mit  einem  Gefühl  der 
Dankbarkeit  für  den  Verfasser  und  der  Achtung  vor  seiner  an- 
sehnlichen und  intelligenten  Arbeitsleistung  aus  der  Hand  legt. 

Bonn.  H.  Heiss. 


Conespondance  general  de  Chateaubriand  etc.  81 

Correspondance   general   de  Cliateaubriaiid 

publiee  avec  introduction,  indication  des  sources,  notes 
et  tables  doubles  par  Louis  Thomas.  Avec  un 
Portrait  inedit.  Tome  premier.  Paris,  Honore  et 
Edouard    Champion,   1912.     10  frcs. 

Von  der  mit  großem  Eifer  und  bemerkenswerter  Umsicht 
seit  einer  Reihe  von  Jahren  vorbereiteten  Ausgabe  des  Cone- 
spondance General  Chateaubriands,  liegt  hier  in  würdiger  Aus- 
stattung der  erste  Band  vor,  dem  vier  weitere  Bände  folgen 
sollen.  Ein  von  A.  Cassagne  vorbereitetes  Verzeichnis  der  Korre- 
spondenten des  Dichters  mit  Angabe  ihrer  Antworten  wird 
den  Abschluß  der  für  die  Geschichte  der  Literatur  und  der 
Politik  außerordentlich  wertvollen  Veröffentlichung  bilden,  von 
der  der  Herausgeber  mit  Recht  bemerkt  ,,on  y  connaitre  vite  un 
des  chefs-d'ceuvre  de  notre  litterature,  et  certainement  l'une  des 
Correspondances  les  plus  helles  qui  soient  dans  notre  langue 
digne   d'etre  classe  tout  de  suite  parmi  les  plus  celebres'". 

D.  Behrens. 


^eyer-I^ttbke,   W,     Romanisch  etymologisches    Wörterbuch. 
Lieferung  1 — 3.     Heidelberg,  Carl  Winters  Universitäts- 
buchhandlung.^)      [Sammlung  romanischer   Elementar- 
und    Handbücher.      Herausgegeben    von    Wilhelm 
M  e  y  e  r  -  L  ü  b  k  e.      IIL    Reihe:    Wörterbücher]. 
,,Das  vorliegende  Werk  setzt  sich  zum  Ziele,  die  ungemein 
zahlreichen  und  vielfach  weit  zerstreuten  etymologischen  Unter- 
suchungen auf  dem  Gebiete  der  romanischen  Sprachen  zu  sammeln, 
kritiscli  zu  sichten,  das  nach  dem  heutigen  Standpunkte  unsei'er 
Erkenntnisse  Unhaltbare  als  solches  zu  kennzeichnen  oder  ganz 
der   Vergessenheit    zu    überliefern,    einz(dne    Probleme    zu    lösen 
und  durch  richtige  Fragestellung  der  Lösung  näher  zu  bringen." 
Schon   die   drei   bis   jetzt  erschienenen    Lieferungen   lassen    zur 
Genüge  erkennen,  daß  es  dem  Verf.  gelungen  ist,  der  weitscliich- 
tigen  und  scliwierigen  Aufgabe,  wie  er  sie  in  vorstehenden  Sätzen 
selbst  formuliert  hat,   und  an  deren  Lösung  er  in  umsichtiger 
Weise,  nach  wohldurclidachtem  Plan  herangetreten  ist,  in  hohem 
Maße  gereciit  zu  werden,  ,, damit  weiterer  etymologischer  For- 
schung als  solclicr  und  all  den  anderen  Studien,  die  die  Etymologie 
als  Voraussetzung  haben,  eine  verläßliche   Grundlage   bietend.'" 
Ich  glaub(>  dem  Verf.  für  reiche   Belehrung  und  Anregung,  die 
ich  aus  seinem   Buche  geschöpft   habe,   niciit  besser  danken  zu 

^)  Nacli  einer  Ankündijjfung  des  Verlepers  wird  duvS  Werk  in  el\v;i 
11  Lieferunpen  im  l^infaiifi;  von  je  5  Bof^on  z\nn  Subskriptionspreis 
von  2  Mark  für  die  Lieferung  orsdieinon  und  innerhalb  2  Jahren  etwa 
zum  Abschluß  gelangen. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  w.  Lilt.  XXXIX'  '.  6 


82  Referate  und  Rezensionen.     JJ.   nehrens. 

können,  als  indem  ich  einige  Notizen,  die  ich  mir  bei  der  Durch- 
sicht desselben  machte,  hier  folgen  lasse,  dieselben  seiner  Be- 
achtung für  eine  gewiß  bald  nötig  werdende  zweite  Auflage  emp- 
fehlend: 110  acinus  ,, Traubenbeere" :  Vgl.  Rolland  Flore 
III,  218.  Hierher  gehört  auch  altfrz.  asneret  (On  ne  ticnt  compte 
des  raisins  cendrez,  ni  de  ceux  qu'on  appelle  asnerets  et  rabus- 
cules,  pour  ce  qu'ils  desplaisent  ä  l'oeil),  das  Godefroy  von  asinus 
ableiten  möchte.  Wegen  aize  s.  A.  Thomas  Romania  XL,  S.  105. 
—  128.  Beachte  altfrz.  agun  (Godefroy).  —  170.  a  d  j  e  c  t  u  m  : 
Füge  hinzu  afrz.  agect,  agit  (Godefr.)  und  aus  modernen 
Mundarten  u.  a.  vendom.  agis  (Martelliere  Gloss.)  ,,argent 
donn6  en  sus  du  pris  fixe  etc.,  arrhes,  denier  ä  Dieu"  und  norm, 
ö/^,  das  nach  Joret  (Pat.  du  Bessin  p.  43  und  183)  außer  in  der 
Bedeutung  ,, Türfalz"  in  verschiedenen  anderen  Bedeutungen 
begegnet.  —  944:  Statt  ,, verschiedene  Tannenarten"  1.  ,, ver- 
schiedene Arten  Taue".  —  958.  b  a  r  c  a  :  Die  Zugehörigkeit 
von  b.-manc.  har^  etc.  wird  mit  Recht  als  zweifelhaft  bezeichnet. 
Vgl.  wegen  des  gall. -romanischen  Wortes  auch  dtsch.  Bärge  in 
Grimm's  Wörterb.  und,  was  die  Verbreitung  betrifft,  Bl.  550 
(jenil)  im  Atl.  Ling.  —  1013.  b  e  c  c  u  s  :  Hinzuzufügen  ist  die 
Ableitung  becard,  w^ozu  Schuchardt  Z.  /.  rom.  Phil.  XXX,  718 
zu  vergleichen.  Beachte  noch  u.  a.  bacquar  und  becquatre  bei 
Godefroy.  —  1051,  Unter  *bersium  „Wiege"  stellt  Vf.  afrz. 
bers.,  lothr.  bye,  prov.  katal.  bres,  aspan.  brizo,  portg.  brego  nebst 
Ableitungen  zusammen  und  bemerkt  dazu  ,,die  Grundform 
kann  auch  bertium  oder  bercium  sein,  als  Grundbedeutung  wird 
durch  nprov.  bres.,  breso  Atl.  Ling.  965  ,,Korb"  nahe  gelegt". 
Ich  vermisse  einen  Hinweis  auf  Scheler  Dict.  d'etymol.  frang. 
und  auf  A.  Jeanroy,  der  Rev.  des  Univ^rsites  du  Midi  I,  No.  1 
{Janv.-Mars  1895),  S.  103  f.  altfrz.  berser  (tirer  de  l'arc)  und 
nfrz.  bercer  zum  Gegenstand  einer  besonderen  Untersuchung 
gemacht  hat  und  im  besonderen  auch  darauf  hinweist,  daß 
das  altfrz.  Wort  bercer  (nicht  bercier)  lautet.  Meinerseits  möchte 
ich  hier  auf  ältere  Versuche,  das  schwierige  Wort  zu  deuten, 
nicht  eingehen,  wohl  aber  mir  gestatten  einen  Einfall  wieder- 
zugeben, der  mir  vor  langer  Zeit  gekommen  ist  und  vielleicht  der 
Berücksichtigung  nicht  ganz  unwert  scheint.  Es  gibt  ein  ndd.  Subst. 
bridse,  brids  ,,ein  Brett,  welches  in  der  Mitte  auf  einer  Unterlage 
liegt  und  womit  man  etwas  in  die  Höhe  schnellt"  und  dazu  das 
VerhuTa  bridsen  „enen  Gegenstand  hart  an  od.  auf  etwas  schlagen 
stoßen,  schmettern  etc.;  ihn  in  die  Höhe  schnellen  oder  werfen 
und  niederfallen  lassen. . ."  In  der  Form  lassen  sich  d  ese  Wörter 
mit  den  genannten  romanischen  wohl  vereini  en.  Was  die  Be- 
deutung angeht,  so  äßt  sich  daran  erinnern,  daß  ndl  brids  (vgl. 
nhd.  Pritsche)  ein  ,, Feldbett,  bz.  Brettergerüst,  worauf  die  Sol- 
daten liegen"  bezeichnet.  Nahe  berührt  sich  frz.  berceau 
in   der   Bedeutung   ,,Bogenlaube"   mit   dtsch.   brids   (s.    Grimm 


Meyer-Lübke,  W.     Romanisch  etymologisches  Wörterbuch.     83 

Wtb.  unter  Britsche)  ,,scherm,  underslach,  absconsorium,  inter- 
stitium,  unbraculum;  lang  britz  of  want,  dair  winstock  of  anders 
längs  her  gepait  is,  maceria".  —  1078.  Statt  „Versuchsloch" 
1.  „Versenkloch",  genauer  „Versenkloch  zum  Aufsaugen  des 
Regenwassers"  (Sachs).  —  1089.  hier  (mhd.  nhd.)  „Bier": 
Beachte  schon  altfrz.  bancquehiere  „sedile  potorium"  bei  Godefroy. 
- —  1096.  *b  i  g  a  r  u  s  (fränk.)  „Bienemvärter":  Herr  Kollege 
Hörn  macht  mich  darauf  aufmerksam,  daß  biker  ,, Bienenzüchter" 
mundartlich  im  Niederländischen  nachge\^^esen  ist.  Vgl.  J. 
Franck.  Etym.  Nederlandsch  Woordenboek  2.  Aufl.,  unter  imker. 
—  1144.  blaar:  Bemerkt  sei,  daß  frz.  blaire  „Bläßhuhn" 
nur  einmal  von  Godefroy  aus  G.  de  la  Eigne  belegt  wird  und 
der  heutigen  Sprache  zu  fehlen  scheint.  Rolland  Faune  II, 
366  f.  kennt  ausschließlich  mundartl.  blarie,  blairie,  blery.  — 
Daß  bl^r  in  boul.  vak  bUr  ,,Kuh  mit  weißem  Fleck  auf  der 
Stirn"  auf  niederl.  blaar  beruht,  halte  ich  nicht  für  ausgemacht. 
Wie  verhält  sich  dazu  blär,  ,, weißer  Fleck,  oder  ein  weißes 
Abzeichen  am  Rindvieh  oder  sonstigen  Tieren",  das  heute 
im  Ostfriesischen  nach  Doornkaat  -  Koolman  Wörterbuch  d. 
ostfries.  Spr.  neben  blär  begegnet?  Beachte  ebenda  blär-henne 
„Bläss-  oder  Wasserhuhn  (Fuhca  atra),  sonst  auch  Blässe, 
Plärre,  Pfaff  etc.  genannt".  Es  scheint  hiernach,  daß  ?  in 
mundartl.  frz.  bler  bereits  der  abgebenden  Sprache  angehörte 
und  nicht  erst  im  Französ.  aus  älterem  s  sich  entwickelt  hat.  — 
1197.  b  o  1  w  e  r  k  :  Wegen  frz.  boulevard  vgl.  meine  Bemerkung 
in  dieser  Zeitschr.  XXXV^,  S.  21.  —  1225.  b  o  s  :  Vf.  fragt,  ob 
dazu  auch  norm,  bö  „Hagebutte"  gehöre  und  fügt  in  Klammern 
hinzu  ,,nach  der  Farbe".  Aus  Rolland  Flore  populaire  V,  S.  237 
läßt  sich  ersehen,  daß  norm,  bö  in  der  angegebenen  Bedeutung 
zweifellos  zu  bos  gehört.  Aus  dem  ebenda  und  Sprachatlas 
Bl.  452  mitgeteiltem  Material  ergibt  sich  weiter,  daß  die  vor- 
liegende Bedeutungsverschiebung  nicht  ausschließlich  im  Nor- 
mannischen anzutreffen  ist,  sondern  auf  weiterem  Gebiet  be- 
gegnet. Über  den  Grund  der  Bedeutungsübertragung  kann 
man  verschiedener  Ansicht  sein.  Rolland  bemerkt  1.  c.  zu  cochon, 
das  ebenfalls  die  Hagebutte  bezeichnet:  ,JL,es  enfants  rangent 
ces  fruits  sur  des  tables  et  disent  que  ce  sont  leurs  cochons,  leurs 
vaches  etc."  —  1225.  bos:  Zu  bouvrenil  ,, Dompfaff"  sei  auch 
auf  Rolland  Faune  populaire  II,  165  f.  verwiesen,  wo  unler  an- 
deren Benennungen  dieses  \'ogels  beruf  aufgefülirl  und  bouvreuil 
entgegen  der  Auffassung  von  G.  Paris  und  anderen  nicht  als 
„gardeur  de  bojuf",  sondern  (in  Übereinstimmung  mit  Littrö) 
als  „petit  bocuf"  (,\  cause  de  sa  grosse  tete  et  de  ses  formes  rainasses) 
gedeutet  wird.  —  1249.  b  o  w  s  p  r  i  t  :  Frz.  beanprc  stellt  laut- 
licli  me.  bouspret  (s.  Naw  Engl.  Dict.  s.  v.  boa'sprit)  oder  auch 
ndd.  bögspret  (s.  Doornkaat  Koolman  Wörterb.  d.  ostfries.  Sprache) 
näher  als  ne.  bowsprit.  —  1276.  Beachte  auch  von  Levinus  Hulsius 

6* 


84  lieferaLc  und  Rezensionen.      D.   Behrens. 

im  Dict.  frang.  allem,  erwähntes  bresil  „gereuchert  rotli  Oclisen- 
fleisch".  Ich  halte  es  nicht  für  ausgeschlossen,  daß  das  vom 
Vf.  unter  No.  1277  erwähnte  und  als  etymologisch  unaufgeklärt 
bezeichnete  bresil  „Rotholz,  Fernambukholz"  damit  identisch 
ist.  Die  umgekehrte  Namengebung  liegt  vor,  wenn  im  Ost- 
friesischen geräuchertes  Rindskeulenfleisch  als  Nagel-/io/i  be- 
zeichnet wird.  Vgl.  Doornkaat- Koolman  Wtb.  d.  ostfr.  Spr. 
nagel-hoU  und  auch  Deutsches  Wörterbuch:  Nagelholz.  —  1382. 
b  u  1  g  a  :  Auf  bulga  führt  Moisy  Dict.  du  pat.  norm,  auch  norm. 
bougie,  Harnblase,  zurück,  während  Zauner  Rom.  Forsch.  XIV, 
521  die  Herkunft  des  norm.  Wortes  als  nicht  bekannt  bezeichnet. 
—  1429.  Als  Ableitung  zu  beurre  konnte  beurette  (Littre  Supple- 
ment) erwähnt  werden.  Vgl.  dtsch.  Butterchen  in  Grimm's 
Wörterb.  —  1583.  *c  a  n  e  o  1  u  s  :  Beachte  auch  cagnotte  ,,Cor- 
beille  oü  les  joueurs  deposent  l'argent  qu'ils  doivent  payer  ä 
certains  coups  et  qu'on  laisse  s'amasser",  dann  auch  zur  Be- 
zeichnung des  Spieleinsatzes  selbst.  Nach  dem  Dict.  gener.  ist 
die  Herkunft  des  Wortes  unbekannt.  Wie  der  von  mir  hier 
vorausgesetzte  Bedeutungsübergang  zu  Schachtel,  Behälter  für 
den  Spieleinsatz  zu  erklären  ist,  bedarf  eingehender  Untersuchung 
an  der  Hand  eines  umfangreicheren  Materials  als  mir  im  Augen- 
blick zur  Verfügung  steht.  Bemerkt  sei,  daß  nach  Sachs  cagnotte 
mundartlich  in  Südfrankreich  auch  in  der  Bedeutung  ,, kleine 
Weinkiepe"  begegnet  und  daß  man  im  Französischen  im  Berg- 
bau einen  zweirädrigen  Laufkarren  als  chien  bezeichnet,  dem  in 
der  deutschen  Bergmannssprache  ,,Hund,  Grubenhund,  Förder- 
hund" entsprechen.  Zu  erinnern  ist  auch  daran,  daß  im  Baye- 
rischen hunt  den  ,, verborgenen  Schatz"  bedeutet,  wo  dann  nach 
dem  Deutschen  Wtb.  IV,  2  Sp.  1919  metonymisch  der  Hüter 
für  das  Gehütete  gesetzt  wäre  ,,mit  bezug  auf  den  Glauben,  daß 
Hunde  auf  unterirdischen  Schätzen,  sie  bewachend,  liegen." 
Über  im  Deutschen  seit  dem  18.  Jahrhundert  gebräuchliches 
{Ge\d-)Katze  vgl.  Deutsch.  Wtb.  V,  Sp.  290  f.  —  Ich  möchte 
dazu  auch  frz.  cagnard  ,, großes  Segeltuch  (zum  Schutz  der  Wache 
auf  der  Windseite)",  früher  auch  ,,coin  oü  Ton  peut  se  retirer" 
und  im  besonderen  ,,arche  de  pont  servant  d'abri  ä  des  gens  sans 
aveu,  mauvais  lieu"  stellen,  das  nach  dem  Dict.  general  vielleicht 
für  coignard  (älter  caignard)  eingetreten  und  somit  von  coin  abzu- 
leiten wäre.  Dazu  ist  zu  bemerken,  daß  der  für  cagnard  hier 
angenommene  Lautwandel  als  sehr  unwahrscheinlich  bezeichnet 
werden  muß.  Hinzukommt,  daß  nach  Schmidlin's  Catholicon 
u.  a.  cagnard  früher  auch  in  der  Bedeutung  ,,HundestaH"  im 
Gebrauch  war,  das  verächtlich  für  eine  geringe  Wohnung  ebenso 
im  Deutschen  begegnet.  Vgl.  Deutsches  Wörterb.  IV,  2  Sp.  1930: 
wohn  in  stolzer  pracht  des  Schlosses  und  verlass  den  hundestall! 
(Voss.  2,141).  —  Beachte  schließlich  noch  abgeleitetes  queignas 
in:  avoir  les  queignas  =  avoir  les  courbatures  (VavhQ  Recher ches 


Meyer-Lübke,  W.    Romanisch  etymologisches  Wörterbuch.     85 

II,  S.  111),  woneben  nach  A.  Perrault-Dabot  Le  patois  bour- 
guignon  p.  46  mundartl.  cägnias  (Morv.),  cägnats  (Yonne),  cägnärs 
ecagnärs  (Chal.),  ecagnärds  (Dijon)  vorkommen.  Unter  den  hier 
aufgeführten  Formen  sind  die  mit  e  anlautenden  durch  Ver- 
schmelzung des  Artikels  mit  dem  Substantiv  entstanden:  Ifes 
cagnärs  für  les  cagnärs.  Die  Zugehörigkeit  zu  canis  ergibt  sich 
daraus,  daß,  worauf  Perrault-Dabot  hinweist,  im  Departement 
Yonne  chien  im  Sinne  von  cagnats  begegnet:  ai^oir  les  chiens 
pour  (woir  les  cagnats.  Was  den  Bedeutungswandel  angeht, 
so  sei  deutsches  ,,Himdskramph"  (spasmus  cynicus,  da  einem 
der  Mund  gekrümmt  und  verzogen  wird.  S.  Deutsches  Wtb. 
s.  V.)  verglichen.  —  1621.  c  a  n  u  s  „grau" :  Vf.  stellt  dazu  auvergn., 
dauph.,  forez.  kano,  sano  „Kahm  auf  dem  Weine"  und  bemerkt 
,,das  prov.  Wort  stimmt  in  Form  und  Bedeutung  zu  nhd.  kahn, 
mild,  knn,  Nebenform  des  älteren  kam,  doch  scheint  das  Zusam- 
mentreffen ein  zufälliges  zu  sein,  da  bei  alter  Entlehnung  das 
-n-,  bei  junger  das  s  nicht  verständlich  wäre  und  zudem  die  beiden 
Wörter  im  Geschlecht  nicht  übereinstimmen."  Demgegenüber 
wäre  hinzuweisen  auf  gleich  bedeutendes  chame  im  Vendömois 
(Martelliere  Glossaire  p.  70),  das  sich  auf  canus  lautHch  nicht 
zurückführen  läßt,  wohl  aber  zu  dem  deutschen  Worte  stimmt. 
Auch  wäre  über  die  Herleitung  von  mundartlich  weit  verbrei- 
teten chamosi  (s.  Grandgagnage  Dict.),  chamusi  (Puitspelu  Dict.) 
etc.  hier  oder  zu  No.  1585  eine  Bemerkung  erwünscht  gewesen.  — 
1774.  coda:  Eine  beachtenswerte  Ableitung  ist  auch  das 
mundartl.  frz.  Subst.  coue  ,,casserole  de  terre",  nach  Hecart 
(Dict.  rouchi-jrang.  p.  128  f.)  sogenannt  ,,de  son  manche  qui  ressem- 
ble  ä  une  queue".  Littre  verzeichnet  im  Supplement  couet  ,,Nom 
d'une  Sorte  de  vase,  dans  le  departement  du  Nord"'  und  bei  Jouan- 
coux  Etudes  I,  131  liest  man  couel  ,,vaso  en  terre  cuite  qui  serl 
a  faire  le  pot  au  fou"  mit  der  Bemerkung,  daß  es  coue  gesprochen 
werde.  Auch  sonst  begegnet  man  dem  Wort,  das  doch  wohl 
lat.  codatus  entspricht,  in  Mundartwörterbüchern  in  der  Wieder- 
gabe couet,  cuet,  coue,  kewe  nicht  selten.  —  1807.  c  e  n  a  c  u  1  u  m  : 
Erwähnt  seien  noch  pic.  chenaire  und  chenardicu  bei  Corblet  im 
Closs.  äymol.  et  compar.  du  pat.  picard...  und  altfrz.  chenail 
„grenier"  aus  dem  14.  Jahrlmndert.  Über  die  heutige  Verbrei- 
tung orientiert  auch  Atlas  ling.  Bl.  550  (fenil).  —  1900.  cicer 
Ncutr.  „Kichererbse"':  Wegen  afrz.  Qoire  vgl.  Zs.  /.  frz.  Spr. 
XXXV^,  S.  23  f.  Gehört  hierher  auch  abgeleitetes  pic.  cherollc 
„vesce  sauvage"  bei  Jouancoux  ßtudes  p.  112?  Bezeichnungen 
für  Wicke  und  Erbse  gehen  öfter  ineinander  über.  —  1909.  c  i  c  u  t  a ; 
0  u  c  u  t  a  :  Über  die  Verbreitung  der  gallo-romanischen  Ent- 
sprechungen dieser  Wörter  hätten  sich  mit  Hülfe  von  Rolland, 
Flore  populaire  VI,  199  ff.  genauere  Angaben  machen  lassen. 
Wenn  Vf.  ein  durch  Vokalassimilation  aus  cicula  entstan- 
<lenes  cucuta  als  Grundwort  von  rumän.  cucuta,  saintong.  kukii, 


86  Referate  und  Rezensionen.     Elise  Richter. 

nprov.  kuküdo  ansetzt,  so  sei  dazu  bemerkt,  daß  das  neuproven- 
zalische  Wort  außer  Schierling  auch  Primel,  Narzisse  und  Bären- 
klau bedeutet  und  von  Mistral  in  allen  diesen  Bedeutungen  auf 
den  Namen  des  Kuckuks  (nprov.  coucu)  zurückgeführt  wird. 
Ohne  nun,  was  coucudo  ,, Schierling"  angeht,  der  Auffassung 
M.-L.'s  entgegentreten  zu  wollen,  möchte  ich  doch  nicht  unbe- 
merkt lassen,  daß  die  von  Rolland  /.  c.  pg.  203  verzeichnete  Be- 
nennung derselben  Pflanze  als  ,,herbe  ä  cocu"  in  Souge  (Indre) 
darauf  hinzuweisen  scheint,  daß  der  Kuckuk  nicht  ohne  Einfluß 
auf  die  Namengebung  auch  des  Schierlings  im  Galloroman.  ge- 
wesen ist.  Wieweit  dabei  volksetymologische  Zurechtlegung 
im  Spiel  gewesen,  bliebe  zu  untersuchen.  Nach  Rolland  /.  c. 
pg.  143  wurden  eine  Anzahl  Umbelliferen  nach  dem  Kuckuk 
deshalb  benannt,  weil  auf  ihnen  die  Schaumcicade  ihr  als  vom 
Kuckuk  herrührend  angenommenes  Sekret,  den  Kuckuks- 
speichel,  entwickelt.  —  2216.  coquus:  Nach  M.-L.  ist  die 
Herleitung  von  frz.  coquin  ,, Spitzbube"  aus  coquus  ,,Koch" 
von  Seiten  des  Lautes  wie  des  Begriffes  abzulehnen.  Ohne  für 
die  Zusammengehörigkeit  beider  Wörter  hier  eintreten  zu  wollen, 
möchte  ich  doch  darauf  hinweisen,  daß  nach  dem  deutschen  Wtb. 
oesterr.  Koch  einen  ,,Pfifficus"  bedeuten  kann,  w^as  von  ,, Spitz- 
bube" begrifflich  nicht  allzuweit  abliegt.  —  2218.  c  o  r  a  c  i  n  u  s 
(Umberfisch) :  Beachte  auch  franz.  entlehntes  coracin.  —  2395. 
c  u  n  e  0  1  u  s  ,, kleiner  Keil":  Einige  ältere  Belege  für  die  Gebild- 
brode  bezeichnenden  Wörter  s.  bei  Godefroy  unter  coignel,  cuignot, 
cuignole.  Daß  Sainean  Memoires  de  la  Soc.  de  Linguist.  XIV,  3 
p.  240  quignon  von  canis  ableitet,  sei  beiläufig  erwähnt. 
Wegen  deutsch  Keil  mit  der  Bedeutung  ,, keilförmiges  Brod" 
s.  Deutsches  Wörterb.  V,  Sp.  447.  —  Gehört  hierher  nicht  auch 
frz.  quignon,  ,,mit  Stroh  bedeckter  Flachshaufen",  das  die  Verf. 
des  Dict.  General  auf  quinionem  zurückführen  möchten  und 
das  Sainean  1.  c.  p.  246  zu  canis  stellt  ? 

D.  Behrens. 


Westerblad,  Carl,  Aug^nst.    Baro    et    ses    derives    dans 
les  langues  romanes.     These  pour  le  doctorat.     Upsala 
1910.     146  S. 
Vor  einem   Menschenalter  hätte  man  sich   gewundert,   ein 
recht  umfangreiches   Buch  über  ein  einzelnes  Wort  erscheinen 
zu   sehen.      Heutzutage    ist    die    gründliche    Erforschung   eines 
Wortes   nicht   nur   eine   selbstverständliche,   sondern   eine   not- 
wendige Arbeit.    Ist  es  doch  auch  kein  einzelnes  Wort;  wie  viele 
wirklich  einzelne  Wörter  gibt  es  tatsächlich  ?     Die   Geschichte 
der  Wortsippe  und  ihrer  Bedeutungsverzweigungen  gehört  jetzt 
zu  den  elementaren  Erfordernissen  für  linguistische  Einblicke.  Aus 
vielen  solchen  Wortgeschichten  erwächst  uns  erst  die  Fähigkeit. 


Westerblad,  Carl  A  iigust.   Baro  et  ses  derives  dans  les  lang.  rom.  87 

Sprachgeschichte  zu  erfassen.  Kommt  daher  jede  Wortgeschichte 
heute  als  eine  erwünschte  Gabe,  wird  das  umsomehr  der  Fall 
sein,  wenn  die  Arbeit  so  sauber  und  gründUch  durchgeführt  ist 
wie  in  dem  vorliegenden  Buche. 

In  der  Geschichte  von  baro  handelt  es  sich  übrigens  — 
und  das  zu  beweisen  war  die  Hauptaufgabe  des  Buches  —  gar 
nicht  um  e  i  n  Wort,  sondern  um  zwei.  Neben  dem  lateinischen 
b  ä  r  0  in  der  Bedeutung  ,, Tölpel,  Dummkopf"  steht  ein  ger- 
manisches b  ä  r  0  in  der  Bedeutung  ,,Mann",  das  in  sehr  früher 
Zeit  in  die  lateinische  Volkssprache  drang  und  dort  vir  verdrängte 
Das  vulgärlateinische  haro  =  Mann  wird  in  der  Bedeutung 
,, Soldat"  verwendet  (vgl.  unser  deutsches  ,,1000 Mann  Besatzung") ; 
so  daß  alle  weiteren  Bedeutungen,  die  wir  bei  baro  finden  (Mann 
im  allgemeinen,  Dienstmann,  Diener  [>  Sklave],  Mann  im 
Gegensatz  zum  Weibe  [  >  Gatte],  tapferer  Mann  [>  Edelmann]) 
nicht  aus  dem  lateinischen  Wort  für  Tölpel,  sondern  aus  dem 
germanischen  Wort  für  streitbarer  Mann  hervorgegangen  sind. 
Westerblad  hat  diese  Tatsache  zwar  nicht  ganz  selbständig 
aufgedeckt  (er  zitiert  alle  Phasen  der  gelehrten  Auseinander- 
setzungen über  das  Thema),  er  hat  aber  das  Verdienst,  alle 
Zusammenhänge  klar  nachgewiesen  und  an  der  Hand  von 
reichhchem  Beispielmaterial  überzeugend  vorgeführt  zu  haben. 
So  zeigt  er  uns  neben  baro  die  nur  im  Singular  belegte  Form 
barus,  die  zu  dem  im  ältesten  Französischen  vorhandenen  Sub- 
jektivus  bers  die  Erklärung  gibt.  Eigentümlich  ist,  daß  der  eine 
der  vorhandenen  Deklinationstypen  barons  —  baron  nach  W.s 
Beobachtung  ausschließlich  für  die  Bedeutung  , Ehemann'  vor- 
liegt. Auf  eine  im  VI.  .lahrhundert  gebrauchte  Form  borone 
stützt  W.  afranz.  beur  usw. 

Gegen  die  Anordnung  ließe  sich  manches  einwenden.  Eine 
gemeinromanische  Untersuchung  sollte  nicht  in  Einzeldar- 
stellungen gegeben  werden.  Der  Verfasser  beraubt  dadurch 
nicht  nur  den  Leser,  sondern  auch  sich  selbst  des  wesentlichen 
Vorteils,  eine  Übersicht  der  gesamten  Entwicklung  zu  gewinnen. 
Bei  allgemeinromanischer  Darstellung  des  Entwicklungsganges 
wäre  viel  unmittelbarer  zutage  getreten,  daß  nur  ein  ganz  kleiner 
Teil  der  Ableitungen  wirklich  vorromanisch,  also  in  lateinischer 
Form,  anzusetzen  ist.  Die  große  Mehrzahl  ist  einzelsprachlich, 
französisch,  und  stammt  aus  viel  späterer  Zeit,  als  VovL  anzu- 
nehmen scheint.  Soll  wirklich  ein  Typus  *baronalimente  baronaliu 
angenommen  werden  für  barnaill  Gar  nicht  zu  reden  von 
*baronalia  für  das  durch  die  Bewahrung  des  o  als  gelehrte  Bildung 
gekennzeichnete  baronaille.  Oder  gar  *baronitiare  für  baronisier, 
dessen  Bedeutung  ,,transformer  un  fief  en  baronnie"  doch  einen 
lateinischen  Ansatz  ganz  ausschließt.  Daß  barner,  berner  (S.  69) 
auf  -ariu  zurückgcfühi-t  werden,  ist  gewiss  nur  ein  lapsus  calami; 
aber  auch  -are  braucht  und  soll  man    nicht    ansetzen.     Sicher 


88  Referate  und  Rezensionen.     Frilz  Krüger. 

all  ist  seiner  Form  und  Bedeutung  nacli  embarnir  (jrsturken, 
in  mannbares  Alter  kommen;  und  auch  barnage  dürfte  eine  vor- 
JVanzösisclie  Bildung  sein.  Waren  nun  zwei  alte  Bildungstypen 
vorhanden,  so  konnten  alle  anderen  Ableitungen  nach  der  Pro- 
portion ber  —  baron  —  barnage  (bernagc)  —  embarnir  gebildet 
werden.  Sie  sind  wohl  sämtlich  französische  analogischc  Bil- 
dungen. Auch  die  Wanderung  der  französischen  Wörter  in  die 
übrigen  romanischen  Sprachen  wäre  bei  anderer  Gruppierung 
schärfer  hervorgetreten.     So  sp.  baronaje  (S.  119). 

Der  in  semantischer  Hinsicht  sehr  ansprechenden  Deutung 
des  picard.  coromharon  aus  ciiramus  baronem  steht  meines  Er- 
achtens  zweierlei  entgegen,  das  o  aus  ü  und  das  Fehlen  des  Artikels, 
der  in  einer  solchen  Bildung  doch  zu  erwarten  wäre;  denn  für  die 
Zeit,  die  in  so  einem  Falle  den  Artikel  noch  nicht  setzte,  kann 
die    Bedeutung    baron  —  ,,Herr"     kaum    angenommen    werden. 

W  i  e  n.  Elise  Richter. 

Togel,  E.      Taschenwörterbuch  der  katalanischen  und  deutschen 
Sprache.     Mit  Angabe  der  Aussprache  nach  dem  pho- 
netischen System  der  Methode  Toussaint-Langenscheidt. 
/.    Katalanisch- Deutsch.      Berlin- Schöneberg,    I.angen- 
scheidt.     1911. 
Wenn  der  deutsche  Interessent  für  das  moderne  katalanische 
Idiom  bisher  bei  dem  Versuche,  über  dessen  Wortschatz  Aufschluß 
zu  erhalten,   zu  katalanisch-kastilischen  Wörterbüchern  greifen 
mußte,  so  wird  er  es  entschieden  als  Erleichterung  und  Förderung 
seiner   Studien  empfinden,  in  einem  praktisch   angelegten  und 
der  Methode  nach  wohl  erprobten  Wörterbuch,  das  die  Bedeutung 
der  Fremdworte  in  unsrer  Muttersprache  ausdrückt,  Rat  holen 
zu  können.    Der  Wissenschaftler  wie  der  Praktiker  wird  freudigst 
Vogels  mühsame,  aber  erfolgreiche  Arbeitsleistung  anerkennen. 
Jahrelange  Studien  hat  der  Verf.  verwandt,  um  eine  mögUchst 
allen   zweckdienliche   Auslese    des    modernen    (z.   T.    auch    ver- 
alteten)  katalanischen  Wortschatzes   dem   deutschen   Publikum 
vorzulegen.    Geschöpft  ist  das  Wortmaterial  aus  den  bekanntesten 
katalan.  Autoren  jeder  Gattung.     Dabei  war  der  Verf.  beflissen, 
das  notwendigste  an  technischen  Ausdrücken  dem  Ratholenden 
nicht  vorzuenthalten.     Besonderen  Wert  erhält  das  Werkchen 
durch  die  gewissenhafte,  in  den   Hauptzügen  an   Schädel, 
Manual  de  fonkica  catalana  angelehnte  phonetische  Transkription 
zahlreicher    Wörter.      Zur    allgemeinen    Orientierung    wird    ein 
knapp  gehaltener  Bericht  über  den  —  vielleicht  doch  nicht  ganz 
so  einfachen  —  Lautstand  des  Katalanischen  in  im  allgemeinen 
einwandfreier  Form  gegeben.     Darauf  folgt  eine  längere  Reihe 
transkribierter   Musterwörter,    die    zur   Erkenntnis    der    Eigen- 
tümlichkeiten  der  katalanischen   Phonetik  anleiten  sollen,  iß» 


Neuere  Belletristik.  89 

ist  zu  beachten,  daß  der  Verf.  die  Aussprache  der  Zentrale  Bar- 
celona darstellt,  indessen  in  durch  die  Anlage  des  Werkes  wohl 
begreifUcher  Weise  darauf  verzichtet,  die  Charakteristika  der 
anderer  Verkehrszentren  (Valencia,  Perpignan)  mitzuteilen. 
Durch  eine  knappe  systematische  Darstellung  der  orthogra- 
phischen Eigentümlichkeiten  und  Schwankungen  des  Idioms 
und  insbesondere  der  im  Wörterbuche  selbst  befolgten  Schreib- 
weise hätte  der  Verf.  entschieden  den  Benutzer  verpflichtet. 
Vorausgeschickt  ist  dem  Wörterverzeichnis  endlich  eine  Über- 
sicht des  Wichtigsten  aus  der  verbalen  Flexionslehre. 

Jedenfalls  wird  philologischer  Fachmann  wie  Laie  dem 
Verfasser  herzhchen  Dank  für  seine  tüchtige  Arbeit  wissen  und 
ihn  mit  besten  Wünschen  bei  der  Bearbeitung  des  zweiten  (deutsch- 
katalanischen) Bandes  begleiten. 

H  a  m  b  u  r  g.  Fritz   Krüger. 


Xeuere  Belletristik. 

€waubei*t,  I^6o.  Hcloise  Bion.  Roman.  266  S.  Paris, 
Bernard  Grasset.     1911.     .3,50  frs. 

D'Ellivegop,  Pierre.  Un  Cri  dans  Vlnfini.  R<unan.  2.  Ed. 
340  S.     Ebenda.     1911.    3,50  frs. 

Aiiby,  Octave.  Soeiir  Anne.  315  S.  Paris,  Libr.  Plön 
NourriL  et  Cie.     Olme   Jahreszahl.     3,50  frs. 

fjienianx,  Cliarles.  Les  Deux  Chälelaines.  Roman.  3.  Ed. 
294  S.     Paris.     Bernard  Grasset.     1911. 

Bearn.  Andree.  Jean  Barette.  149  S.  Paris,  Eugene 
Figuiero  ol  Cie.     1912.     3,50  frs. 

Brydon,  Josepli.  Dans  l'Ombre  dn  Coeur.  Roman. 
242  S.    Paris,  Eugene  Figuiere  et  Cie.     1912.     3,50  frs. 

Willy.  Lelie.  Fumeuse  d'Opium.  Roman.  316  S.  Paris, 
Albin  Miciiel. 

Ein  paar  Proben  moderner  französischer  Erzählungsliteratur. 
Längst  nicht  zalilrcich  genug  und  viel  zu  sehr  zufällig  zusammen- 
ijestellt,  um  ein  Bild  der  in  ihr  lebendigen  Stimmung  zu  geben. 
Aber  doch  geeignet,  ein  paar  Schlaglichter  zu  werfen,  ein  paar 
RichtUnien  zu  zeigen.  Ich  sage  gleicli:  wir  finden  liier  weder  das 
Beste,  was  sich  heutzutage  im  französischen  Roman  bietet, 
noch  auch  das  Schlechteste.  Wir  bleiben  zwischen  den  Extremen. 
Ob  sehr  weit  von  dem  einen  oder  dem  anderen  ?  Eine  kurze 
Einzelcharakterislik   möge   antworten. 

Rangiere  ich  nach  dem  inneren  Gehall.  so  steht  G  a  u  b  e  r  t  s 
Heloise  Bion  obenan.  Auf  engem  Raum  ein  Kullurbild  von 
nicht  unbedeutendem  Wert.     Thema:  Wie  eine  moderne  Heilige 


90  Referate  und  Rezensionen.     M.  Schian. 

wird.  Oder  vielleicht  besser:  wie  sie  gemacht  wird. 
Eine  BauernfamiUc,  die  durch  allerhand  Umstände  degeneriert 
ist,  pflegt  die  Überlieferung,  daß  aus  ihr  eine  Heilige  hervor- 
gehen wird.  Das  untrügliche  Zeichen,  an  dem  sie  zu  erkennen 
sein  wird,  glaubt  Sagette  Bion  an  ihrer  Tochter  entdeckt  zu 
haben.  Die  Tochter  erfährt  davon;  kein  Wunder,  daß  sie  bald 
die  heilige  Jungfrau  sieht.  Fille,  soeur,  cousine  d'alcooliques, 
d'epileptiques,  de  demoniaques,  d'hydrocephales,  de  culs-de- 
jatte  et  de  cretins,  Heloise  Bion  etait  forcee  de  voir  la  Saintc 
Vierge.  Man  erwartet  von  ihr  alsbald  ein  Wunder:  die  Heilung 
emes  kranken  Brüderchens.  Aber  der  Kleine  stirbt,  und  Heloise 
wird  verrückt.  Wie  die  Verwandten,  die  Eltern,  der  ältere  Bruder, 
der  Arzt  geworden  ist,  wie  der  Pfarrer,  der  Ortsarzt,  der  Kammer- 
deputierte, das  Volk  sich  zu  diesem  Phänomen  stellen,  das  alles 
ist  in  knappen  Zügen,  mehr  in  der  Art  von  einzelnen  Bildern, 
jedoch  in  höchst  anschauHcher  Weise  ohne  unzeitig  sich  auf- 
drängende Kritik,  aber  in  richtiger  Beleuchtung  gezeichnet.  Die 
Darstellung  trägt  das  düstere  Gepräge,  das  zum  Inhalt  stimmt; 
sie  weiß,  ohne  besondere  Kunstmittel,  wirksam  die  Spannung  zu 
steigern.  Also  ein  Kultur-  oder  Unkulturbild,  das  zu  denken  gibt 
und  das    in  seiner   schlichten   Sachhchkeit  erschütternd  wirkt. 

Fehlt  in  Heloise  Bion  die  übliche  Liebesgeschichte  zwar 
nicht  ganz,  aber  doch  nahezu  ganz,  so  beansprucht  sie  in  D'E  11  i  - 
V  e  g  0  r's  Un  cri  dans  l'Injini  die  führende  Rolle.  Ein  Arzt 
aus  guter  Familie  wird  durch  eine  Allumeuse  in  Glut  versetzt 
und  ruiniert,  um  sie  zu  besitzen,  sein  Glück,  seine  Frau,  sich 
selbst.  Der  völlig  Verrannte  wird  durch  einen  verständigen  Freund 
vergebUch  gewarnt.  Also  durchaus  nicht  eine  Fabel  von  be- 
sonderer Tiefe.  Das  Besondere  hegt  in  der  Psychologie  der 
Allumeuse,  die  mit  großer  Genauigkeit  ausgearbeitet  ist,  und 
in  der  des  von  ihr  faszinierten  Mannes.  Man  liest  nicht  ohne 
Teilnahme  und  kann  doch  den  Mann,  der  gar  so  sinnlos  in  sein 
Verderben  rennt,  nicht  ohne  Kopfschütteln  betrachten.  Wert- 
voller als  dieser  Erzählungsgang  ist  die  vielfach  sehr  gelungene 
Schilderung  von  Land  und  Leuten,  von  Gegend  und  Stimmung. 
Von  Interesse  ist,  daß  eine  ganze  Reihe  interessanter  und  ak- 
tueller Momente  verwandt  werden:  das  Geschick  eines  exkom- 
munizierten Modernisten,  allerhand  Motive  der  PoUtik.  Dem 
ganzen  Buch  ist  Verve  der  Darstellung  und  psychologische  Energie 
nicht  abzusprechen. 

Noch  besser  innerlich  begründet  ist  der  Gang  der  Dinge  in 
Soeur  Anne  von  A  u  b  r  y.  Eine  junge  Witwe  unterhält  ein 
zartes  Verhältnis  mit  einem  gleichfalls  jungen  Advokaten. 
Während  er  unbeständig  und  oberflächUch  ist,  liebt  sie  ihn  mit 
einer  alles  andere  vergessenden  Liebe.  Seine  Untreue  führt  endlich 
zur  Katastrophe.  Was  dieser  Entwicklung  etwas  Besonderes 
gibt,   das  ist   zunächst   die   gute   Psychologisierung  einiger  der 


Neuere  Belletristik.  91 

handelnden  Personen,  besonders  der  liebenden  Frau.  Immerhin 
ragt  auch  sie  nicht  über  einen  guten  Durchschnitt  hinaus.  Wohl 
aber  wird  das  Buch  durch  einen  anderen  Umstand  zu  einer  Lektüre, 
die  sich  lohnt:  durch  die  Schilderung  der  Gesellschaft,  namentlich 
durch  den  starken  Einschlag  von  Beziehungen  zwischen  Ge- 
sellschaft und  PoUtik.  Mit  Rücksicht  darauf  darf  man,  wenn 
auch  ohne  dem  Wort  umfassende  Bedeutung  zu  geben,  von  einem 
Zeitbild  reden,  das  für  Pariser  Verhältnisse  recht  instruktiv  ist. 

Sehr  hübsch,  wenn  auch  im  Verhältnis  zu  dem  Gewicht 
des  Inhalts  reichlich  breit,  erzählt  Geniaux  in  Les  deiix 
Chätelaines  die  Erlebnisse  eines  berühmt  werdenden  genialen 
humoristischen  Zeichners,  der  sich  von  seinen  Einkünften  ein 
kleines  Landschloß  kauft.  Er  verliebt  sich  in  die  junge,  ver- 
witwete Vorbesitzerin,  die  ihr  Heim  ganz  in  der  Nähe  hat,  und 
vertieft  sich  gleichzeitig  in  den  geistigen  Verkehr  mit  einer 
Ahnfrau  dieser  Gräfin,  deren  Bild  in  seinem  mit  Inventar  neu- 
gekauften Haus  hängt  und  deren  Korrespondenz  er  in  einem 
Schubfach  entdeckt.  Aus  dem  Gegensatz  zwischen  dem  18.  Jahr- 
hundert, dem  diese  Ahnfrau  angehört,  und  der  außerordentlich 
modernen  lebenden  Geliebten,  aus  dem  Gegensatz  zwischen  dem 
an  Paris  gewöhnten  Künstler  und  dem  Landschloß,  endlich 
aus  dem  Tun  und  Treiben  der  vielseitigen,  für  Sport  und 
Landleben,  für  Kunst  und  Praxis  interessierten  Gräfin  ergeben 
sich  eine  ganze  Reihe  abwechslungsreicher  und  amüsanter 
Szenen,  die   Geniaux  recht  flott  zu  schildern  weiß. 

In  Jean  Darette  erzählt  B  e  a  r  n  gleichfalls  die  Geschichte 
einer  Liebe.  Einer  höclist  eigentümlichen.  Der  Stiefsohn, 
der  die  Stiefmutter  erst  als  Erwachsener  kennen  lernt,  faßt 
tiefe  Zuneigung  zu  ihr,  die  an  der  Seite  des  ganz  der  Wissenschaft 
lebenden  Gatten  eine  große  Sehnsucht  nacii  dem  Glück  in  sich 
trägt.  Über  die  Entdeckung  des  Geheimnisses  wird  die  junge 
Tochter  der  Stiefmutter  zur  Wissenden;  zugleich  endet  tlamit 
die  äußere  Entwicklung.  Das  Ganze  ist,  so  wenig  anmutend  der 
Gegenstand  ist,  mit  großer  Feinheit  erzählt,  mit  einem  reichlichen 
Aufwand  von  Gefühl  und  mit  einer  Art  von  tragischem  Grundion. 
Und  Bearn  iiat  es  verstanden,  in  die  Erzählung  allerlei  zu  ver- 
weben, was  ihr  größeren  Reiz  verleiht  als  diese  selbst.  Ich  liebe 
ganz  besonders  die  Schilderung  des  Eindrucks  hervor,  den  Paris 
auf  den  in  der  Provinz  erzogenen  jungen  Mann  macht.  Jean 
fait  la  decouverte  de  Paris.  II  part  chaque  jour  droit  devant 
lui,  les  yeux  et  le  cocur  en  fete. . .  Namentlich  in  diesen  Partien 
erhebt  sich  der  Erzähler  gar  nicht  selten  zu  poetischem  Schwung, 
zu  dichterischer  Kraft;  wir  sehen,  wir  erleben  unter  seiner  Führung 
Paris:  Mais  regardez  donc!  Que  ceux  qui  ont  des  yeux  les 
ouvrent!  l'histoire,  la  science,  la  poösie,  Tart...   tout  un  passe 

de  gloire,  tout  un  present  de  fievre  et  d'ölan  vers  le  mieux 

Um  dieser  Kapitel  willen  habe  ich^das  Buch  gern  gelesen. 


92  Referate  and  Rezensionen.     Augiisl  Sinrmfels. 

Eine  gewisse  Ähnlichkeit  mit  der  Fabel  dieses  Romans 
hat  die  des  Brydonschen  Werks  Dans  l'Ombre  du  Coeur. 
Auch  hier  handelt  es  sich  um  eine  höchst  seltsame  Neigung: 
nämlich  um  die  eines  jungen  Mädchens  zu  seinem  Onkel,  der 
in  Wirklichkeit  sein  Vater  ist.  Die  Sache  ist  aber  so  deUkat 
behandelt,  wie  bei  diesem  Stoff  nur  möglich  ist;  Charakteristik 
und  insbesondere  Psychologie  sind  mit  Feinheit  durchgeführt; 
die  Handlung  gewinnt  erst  ganz  zuletzt  etwas  Sensationelles. 
Der  Ausgang  ist  der  unter  solclien  Umständen  zu  erwartende: 
Das  Mädchen  geht  ins  Kloster.  \on  allgemeiner  Bedeutung 
ist  manches,  was  in  ziemlich  ausgeführten  Gesprächen  über 
Kunst,  Theater,   Schriftstellerei  gesagt  ist. 

W  i  1 1  y's  Lelie  grenzt  an  eine  Art  Literatur,  die  man 
ungern  zur  Hand  nimmt.  Auch  in  Un  cri  dans  l'infini,  auch 
in  Soeur  Anne  finden  sich  einige  zweifelhaft-unzweifelhafte 
Situationen.  Aber  Lelie  ist  ganz  auf  solchen  aufgebaut.  Die 
Handlung  hat  eben  deshalb  keine  irgend  tiefere  Bedeutung. 
Für  den,  der  die  belletristische  Literatur  nicht  liest,  um  zu  lesen, 
sondern  um  zu  lernen,  der  also  die  französisclien  Romane  benutzt, 
um  das  französische  Volk  zu  studieren,  hat  natürlich  auch  dieser 
Roman  seinen  Wert,  weil  er  die  Halbwelt  olme  allzu  große  Breite 
in  sehr  charakteristischen  Typen  auftreten  läßt  und  die  Pariser 
Opiumhöhlen  detaiUiert  beschreibt.  Wem  an  solcher  Kenntnis 
liegt,  der  mag  die  schwülen  Szenen  vielleicht  in  Kauf  nehmen. 
Zum  Ganzen  des  französischen  Volks  gehört  ohne  jeden  Zweifel 
auch  der  Teil,  der  in  diesem  Roman  vor  uns  erscheint. 

Das  scheint  mir  ja  überhaupt  der  Gesichtspunkt  zu  sein, 
unter  dem  wir  Deutschen  (nicht  nur,  aber  doch  sehr  stark)  den 
französischen  Roman  zu  betrachten  haben:  er  lehrt  uns  Volk 
und  Land  kennen,  er  hilft  französisches  Empfinden  und  Handeln 
verstehen.  Weil  und  insofern  ein  Roman  das  tut,  ist  er  dem  nütz- 
lich, der  ihn  rocht  zu  lesen  versteht. 

Gießen.  M.   Schian. 


FranzÖKiscbe  l.<ektüi*e  in  neuen  ^cliulansg^aben. 

1.  ^' 0  1  t  a  i  r  e  ,    Siede  de  Louis   XIV.      Im   Auszuge.      Erklärt  von 

Dr.  H.  G  a  d  e.  Berlin,  Weidmannsche  Buchhandlung,  1910. 
—  XXXI  -f  251  S.     Preis  2,40  Mk. 

2.  M  i  c  h  a  u  d  ,  Influence  et  Resultats  des  Croisades.     Für  den  Schul- 

gebrauch herausgegeben  von  Prof.  Dr.  Jade.  Leipzig  und 
Wien.  G.  Freytag  und  F.  Tempskv,  1911.  —  76  S.  Preis 
1  Mk.     Wörterbuch  17  S.    Preis  0,30  Mk. 

3.  Les  Memoires  frangais  du  XlXme  siede.    Moreeaux  choisis,  recueillis 

et  annotes  ä  l'usage  des  classes  par  M.  G  r  a  t  a  c  a  p  ,  prof. 
ä  l'acad^mie  consulaire  imp.  et  roy..  charg^  de  cours  ä  l'uni- 
versite  de  Vienne.  I.  L'Histoire.  Wien  und  Leipzig,  F. 
Temp.sky  und  G.  Freytag,  1911.  —  180  S.     Preis  1,70  Mk. 


Französische  Lektüre  in  neuen  Schulausgaben.  93 

4.  A  I  j)  h  0  n  s  e    Daudet,    Aventures   prodigieuses   de    Tartarin    de 

Tarascon.  Für  den  Schulgebrauch  herausgegeben  von  Dr. 
O.  H.  Brandt.  Leipzig  und  Wien,  G.  Frevtag  und  F. 
Tempsky,  1911.  —  125  S.     Preis  1,20  Mk. 

5.  C  y  p  r  i  e  n    F  r  a  n  c  i  1 1  o  n  ,     Un    mois    en    France.      Hannover- 

Berlin,  Carl  Meyer  (Gustav  Prior),  1910.  —  VII  +  210  8. 
Preis  brosch.  2,00  Mk.,  kart.  2,25  Mk. 

6.  Recueil  de  Poesies  fraiiQaises  du    19me  siede,    precede    d'un    choix 

de  fables  de  Lafontaine.  Für  den  Schulgebrauch  heraus- 
gegeben von  B.  R  ö  1 1  g  e  r  s.  Mit  19  Abbildungen.  Leipzig 
und  Wien,  G.  Freytag  und  F.  Tempsky,  1910.  —  309  S. 
Preis  geb.  2,50  Mk. 

1,  Dem  Siede  de  Louis  XIV  von  Voltaire  gebührt  trotz 
all  dem,  was  hie  und  da  dagegen  gesagt  worden  ist,  ein  Ehrenplatz 
im  Kanon  unsrer  französischen  Schullektüre;  ist  es  doch  eine  in  klassi- 
scher Sprache  geschriebene,  überaus  anschauliche  und  zugleich  kritische 
Darstellung  der  glänzendsten  Epoche  der  französischen  Geschichte 
aus  der  Feder  eines  der  scharfsinnigsten  und  anregendsten  Geister 
aller  Zeiten.  Über  die  Behandlung  dieses  Werkes  habe  ich  mich  an 
andrer  Stelle  (Fries  und  Menge,  Lehrproben  und  Lehrgänge,  Heft  65, 
Oktober  1900,  S.  52 — 79:  Die  französische  Lektüre  in  Obersekunda 
und  Prima  des  Realgymnasiums)  eingehender  ausgesprochen.  Die 
Schwierigkeit  der  Einführung  liegt  besonders  in  der  Verlegenheit  der 
Auswahl  aus  dem  umfangreichen  Werke,  die  sich  auch  in  den  ver- 
schiedenen Schulausgaben  widerspiegelt.  Die  ältere,  von  Pfundheller 
besorgte  Weidmannsche  Ausgabe,  sowie  die  von  Schmager  besorgte 
.\usgabe  bei  Velhagen  &  Klasing,  verteilten  den  Stoff  auf  zwei  Bänd- 
chen, von  denen  doch  immer  nur  das  eine  oder  das  andere  zur  Semester- 
lektüre gewählt  werden  kann.  Die  Ausgabe  von  O.  Kahler  (Leipzig, 
G.  Freytag)  umfaßt  die  Geschichte  Frankreichs  und  Europas  während 
des  spanischen  Erbfolgekrieges  und  die  Schilderung  der  Lage  der 
französischen  Monarchie  während  ihrer  größten  Machlentfaltung, 
enthält  also  nicht  die  schönen  Kapitel  über  Ludwigs  erste  Feldzüge  in 
Flandern,  Franche-Comte  und  Holland.  Die  vorliegende  neue  ein- 
bändige Bearbeitung  von  Gade  gibt  von  den  39  Kapiteln  des  Original- 
textes 23  in  mehr  oder  minder  starker  Kürzung,  indem  sie  auf  Voltaires 
Auseinandersetzung  mit  seinen  Quellen  und  auf  alles  dem  Gange  der 
großen  Ereignisse  Fernstehende  und  den  Schüler  nicht  Interessierende 
verzichtet  hat.  Es  sind  dies  folgende  Abschnitte:  die  Einleitung, 
18  Kapitel  Kriegsgeschichte  (Flandern,  Franche-Comte,  Holland, 
Kämpfe  von  1672—1678,  Raub  Straßburgs,  Pfälzischer  Erbschafls- 
krieg.  Spanischer  Erbfolgekrieg),  2  Kapitel  über  Handel  und  Finanzen, 
das  Kapitel  über  Schöne  Literatur  und  Künste  und  die  Geschichte 
der  Aufhebung  des  Edikts  von  Nantes.  Gade  schmeichelt  sich,  so 
einen  Auszug  geschaffen  zu  haben,  der  bei  teils  statarischer,  teils 
kursorischer  Lektüre  dem  Schüler  einen  Gesamtüberblick  über  die 
Zeit  Ludwigs  XIV.  in  einem  Semester  vorführen  könne.  Ich  kann 
seinen  Optimismus  nicht  teilen;  denn  das  Bändchen  ist  so  umfang- 
reich, daß  es  bei  statarischer  Lektüre  nicht  in  einem  Jahre,  bei  kur- 
sorischer Lektüre  nicht  in  einem  Semester  bewältigt  werden  kann; 
auch  spricht  der  hoho  Preis  gegen  die  Wahl  zur '  Semoslerlektüre. 
Warum  hat  Gade  sich  nicht  einfach  entschlossen,  auf  die  langweiligen 
Kapitel  über  die  vielen  Schlachten  des  spanischen  Erbfolgekrieges 
zu  verzichten,  dessen  Vorlauf  der  Lehrer  ja  in  kurzem  Rosunu^  geben 
kann?  Die  Streichung  dieser  Abschnitte  ist  in  jeder  Hinsicht  ge- 
rechtfertigt: die  Verfolgung  dieses  Kriegs  wirkt  nach  Behandlung 
der  vorhergehenden,  uns  Deutsche  näher  berührenden  Kämpfe  höchst 
ermüdend;  die  sprachliche  Seite  und  die  Art  der  Betrachtung  und 


94  Krjcnde  und  Rezensionen.     August  .Sturmfels. 

Kritik  bieten  niclits  neues  mehr.  Das  Bändchen  wäre  dann  um 
ca.  60  Seiten  kürzer  und  entsprechend  billiger  geworden  und  hätte 
entschieden  empfohlen  werden  können,  zumal  alle  übrigen  Abschnitte 
gut  gewählt  und  gekürzt  sind  und  der  Kommentar  im  allgemeinen 
die  richtige  Mitte  zwischen  Zuviel  und  Zuwenig  einhält.  —  Da  die 
bei  Renger  und  Teubner  erschienenen  und  von  Foß,  bezw.  Ellinger 
kommentierten  Auszüge  aus  Voltaires  Siede  de  Louis  XIV  nur  den 
spanischen  Erbfolgekrieg  behandeln,  der  wohl  ziemlich  allgemein 
als  Schullektüre  zurückgewiesen  wird,  so  ist  unter  den  obwaltenden 
Verhältnissen  die  Verbindung  des  ersten  Bändchens  der  Velhagenschen 
Ausgabe  mit  der  Ausgabe  von  Seidl  [les  Arts  et  les  Sciences  dans  le 
siede  de  Louis  XIV,  Leipzig,  B.  G.  Teubner,  1878;  0,30  Mk.  —  neu 
erschienen  ?)  immer  noch  am  meisten  zu  empfehlen. 

An  Einzelheiten  ist  für  die  Ausgabe  von  Gade  folgendes  zu  be- 
merken: Druckfehler:  S.  3,  22  grand  statt  grands,  S.  16,  2 
le  statt  de,  S.  18,  28  ei>ec  statt  aoec,  S.  27,  2  nourissait  statt  nourrissait, 
S.  32,  1  destait  statt  restait,  S.  44,  5  digerees  statt  dirigees,  S.  167,  18 
contraierent  statt  contrarierent.  —  Warum  ist  S.  47,  14  statt  der  falschen 
Form  Saltzbach  nicht  gleich  das  richtige  Sassbach  in  den  Text  gesetzt 
v/orden?  Wollte  docli  Voltaire  selbst  für  die  authentische  Form 
fremder  Eigennamen  keine  Gewähr  geben;  man  vergleiche  nur  Con- 
sarbruck  47,  23;  Donavert  117,  5;  Franckendal  71,  16;  Kins  52,  15; 
Pleintheim  123,  5.  —  Die  Lage  der  Plätze  Philipsbourg  42,  30,  Sins- 
heim 42,  31,    Tanu  43,  18  u.  a.  durfte  genauer  bestimmt  werden.  — 

2.  Dies  Bändchen,  eine  geschickt  getroffene  Auswahl  aus  dem 
22.  Buche  der  Histoire  des  Croisades  par  M  i  c  h  a  u  d  ,  verdient  wegen 
der  klaren  Sprache  und  des  kulturgeschichtlichen  Inhalts,  in  der  Prima 
unsrer  Vollanstalten  gelesen  zu  werden.  Es  gewährt  dem  jugend- 
lichen Leser  nicht  nur  einen  Blick  in  die  Lebensverhältnisse  des  Mittel- 
alters, sondern  weckt  in  ihm  auch  das  Interesse  und  Verständnis  für 
geschichtliche  Vorgänge  überhaupt,  indem  die  wechselseitigen  Be- 
ziehungen und  Zusammenhänge  der  politischen  Ereignisse  in  West- 
europa klar  dargelegt  werden.  Es  würde  also  dieselbe  Beachtung 
verdienen,  wie  das  entsprechende  Bändchen  von  Hummel  (Renger, 
Leipzig),  wenn  der  Text  nicht  durch  auffallend  viele  Druckfehler 
entstellt  wäre.  An  solchen  habe  ich  mir  angemerkt:  S.  17,  6  leur 
statt  leurs,  27,  26  äge  statt  äge,  31,  6  a  statt  la,  33,  24  chauque  statt 
chaque,  40,  5  cote  statt  cöte,  41,  26  des  statt  de,  72,  8  KaH  V.  statt 
VII.,  73  Mitte  traveserent  ohne  r,  le  lignes  statt  les  lignes,  74,  10  Tatares 
statt  Tartares,  76,  9  Amorique  statt  Armorique;  im  Wörterbuch  S.  3 
aieul  ohne  Trema,  S.  15  saintete  statt  saintete,  S.  16  sepulture  statt 
sepulture.  —  Im  Kommentar  mußten  französische  Wörter  und  Wen- 
dungen durchaus  durch  kursiven  Druck  von  dem  deutschen  Text 
unterschieden  werden.  Die  Anmerkungen  sind  im  allgemeinen  treffend 
und  an  richtiger  Stelle  gegeben;  nur  die  Erklärung  zu  7,  25  (la  langue 
des  Francs)  ist  weniger  gelungen,  indem  der  Kern  der  Sache  erst  am 
Ende  des  langatmigen  und  unnötigen  Überblicks  über  die  französische 
Geschichte  folgt.  —  Das  Wörterbuch  (bei  seinem  geringen  Umfang 
unverhältnismäßig  teuer  und  übrigens  unnötig,  da  der  Text  doch  nur 
für  Primaner  in  Betracht  kommt,  die  ein  größeres  Wörterbuch  be- 
sitzen müssen)  mußte  das  Prinzip  durchführen,  wonach  die  Bedeu- 
tungen in  der  Reihenfolge  ihrer  Entwicklung  aus  der  Grundbedeutung 
zu  geben  sind:  also  le  sexe  Geschlecht,  das  schöne  Geschlecht,  die 
Weiber.  Das  Wort  vilain  (38,  19)  fehlt  im  Kommentar  und  Wörter- 
buch. 

3.  Nachdem  Auszüge  aus  den  fesselnden  Memoiren  des  Generals 
M  a  r  b  0  t  rasch  nacheinander  in  verschiedenen  Schulausgaben  (die 
Velhagensche  Ausgabe,  von  Hanauer  besorgt,  gibt  die  Erlebnisse  des 
Jahres  1809,  ebenso  die  von  Steinbach  besorgte  Perthessche  Ausgabe; 


Französische  Lektüre,  in  neuen  Schulausgaben.  95 

die  bei  Renger  erschienene  Ausgabe  von  Stange  enthält  die  Abschnitte 
über  den  Rückzug  aus  Rußland  und  die  Schlacht  bei  Leipzig;  außer- 
dem gibt  es  einen  Auszug  von  Roeth  in  der  Sammlung  von  Klapperich, 
C.  Flemming-Glogau)  unseren  Schulen  zugänglich  gemacht  worden 
waren,  lag  es  nahe,  die  französische  Memoirenliteratur  des  19.  Jahr- 
hunderts überhaupt  auf  ihre  Verwendbarkeit  für  unsere  Oberklassen 
zu  prüfen  und  für  den  Unterricht  heranzuziehen.  Der  erste  mir  be- 
kannt gewordene  Versuch  in  dieser  Richtung,  das  vorliegende  Bändchen 
von  M.  Gratacap,  ist,  wenn  auch  nicht  durchaus  gelungen,  jedenfalls 
sehr  beachtenswert,  indem  der  Herausgeber  mit  Ernst  und  nicht  ohne 
Erfolg  sich  bemüht  hat,  in  chronologisch  geordneten  Auszügen  aus 
Memoiren  einen  Einblick  in  und  Überblick  über  die  wichtigsten  Er- 
eignisse der  französischen  Geschichte  des  19.  Jahrhunderts  zu  geben. 
Das  Bändchen  kann  somit  als  Parallele  zu  den  ,, Memoiren  der  Revo- 
lutionszeit", herausgegeben  von  W.  Hanauer,  Velhagen  &  Klasing, 
1904  (besprochen  von  mir  in  Behrens'  Zeitschr.  f.  frz.  Sprache  u.  Lit. 
Band  29)  angesehen  werden.  —  Die  Auszüge  aus  den  Memoiren  der 
Mme  de  R6musat  besprechen  die  Person  Napoleons,  seine  allgemeine 
Bildung,  sein  persönliches  Auftreten  und  seinen  literarischen  Geschmack. 
Aus  den  Memoires  d'un  Aide-de-Camp  de  Napoleon  von  S6gur,  dem 
Verfasser  der  bekannten  Histoire  de  Napoleon  et  de  la  Grande  Armee 
en  1812,  ist  eine  Episode  aus  der  Schilderung  des  Kampfes  bei  Somo- 
Sierra  in  Spanien  gewählt.  Marbot  ist  leider  nur  durch  einen  kurzen 
Bericht  über  seine  Erlebnisse  bei  Eylau  vertreten.  Nach  St.  Helena 
führt  uns  ein  Abschnitt  aus  Las  Gases,  Memorial  de  Sainte- Helene. 
Die  Zeit  der  Restauration  ist  in  Auszügen  aus  den  Memoires  de  la 
Comtesse  de  Boigne  (1.  Entree  ä  Paris  de  Louis  XVIII,  2.  Assassinat 
du  Duo  de  Berry,  3.  Mort  et  funerailles  de  Louis  XVIII,  4.  Sacre  de 
Charles  X)  vertreten.  Die  Revolutionen  der  Jahre  1830  und  1848 
sind  gut  gekennzeichnet  durch  Abschnitte  aus  den  Memoires  du  Chan- 
celier  Pasquier,  bezw.  aus  G  u  i  z  o  t,  Memoires  pour  servir  ä  Vhistoire 
de  mon  temps.  Die  Zeit  des  zweiten  Kaiserreichs  ist  durch  zwei  Ab- 
schnitte aus  d  u  B  a  r  a  i  1,  Mes  Souvenirs  vertreten,  den  minderwertigen 
,,A  la  table  de  V Empereur"  und  den  vorzüglichen  ,,les  Responsabilites 
de  la  guerre  de  1870 — 71".  Die  kolonialen  Kämpfe,  Arbeiten  und 
Hoffnungen  der  französischen  Expansion  in  Nordafrika  endlich  schildern 
sehr  anschaulich  la  prise  de  Zaatcha,  aus  Canrobert,  Souvenirs 
d^un  siede,  par  G.  B  a  p  s  t,  ausgewählt,  und  la  vie  exotique  au  Sahara 
aus  „le  Commandant  Lamy,  par  le  colonel  R  e  i  b  e  1 1".  —  Der  Kommen- 
tar, in  französischer  Sprache  verfaßt  mit  vereinzelten  deutschen  Über- 
setzungen, gibt  des  Guten  zu  viel,  zumal  das  Bändchen  ja  doch  nur 
für  Prima  und  für  Studenten  bestimmt  ist.  Im  besonderen  konnten 
alle  diejenigen  Stellen  wegfallen,  wo  trotz  der  französischen  Erklärung 
ohne  die  beigefügte  Verdeutscliung  für  den  Lernenden  keine  Klarheit 
geschaffen  worden  wäre.  Noch  weniger  als  im  Kommentar  konnte 
der  Herausgeber  in  den  den  Texten  selbst  vorausgeschickten  Ein- 
leitungen seiner  Erklärungssucht  Zügel  anlegen.  Wozu  die  lang- 
atmigen, mehr  oder  woniger  geistreichen  und  abstrakten  Plaudereien 
über  den  Stil  und  Charakter  der  verschiedenen  Memoiren  ?  Sie  nelimen 
etwa  15  Seiten  ein,  und  dieser  Platz  wäre  besser  einer  konkreten  Stelle 
aus  diesem  oder  jenem  Memoirenwerk,  etwa  aus  d'Hörisson, 
Journal  d'un  ojjicicr  d'ordonnance,  eingeräumt  worden.  —  Unverzeiiilich 
groß  ist  die  Zahl  der  Druckfehler:  S.  G,  11  fut  statt  /»/,  S.  16,  19  fehlt 
ne  vor  me,  S.  29,  11  frace  statt  trace,  30,  28  coüle  statt  coütc,  30,  32 
quatres  statt  qualre,  31,  4  mauvaise  statt  mauvais,  32,  14  morechall 
statt  marechal,  36,  21  me  statt  mes,  36,  36  fis  statt  fis,  39,  23  dilt  statt 
dut,  39,  29  rouvenirr  statt  Souvenirs,  39,  30  magments  statt  fragntcnts, 
29,  31  sele  statt  mele,  39,  32  jmphalique  statt  cmphatique,  40,  31  il 
statt  ils,  42,  7  lies  statt  lies,  43,  27  voulait  statt  voulais,  55,  26  avcnement 


96  /iefcrah'  und   Itezcnsioncii,     Anf^nsl   Slurnifels. 

statt  e,  58,  IIa  statt  ä,  60,  20  //  statt  üs,  61,  18  connaissance  statt  mit  i 
lind  dit  statt  dit,  61,  25  faissait  statt  faisais,  71,  30  /e  statt  /a,  71,  33 
/e  statt  la,  72,  23  tsoses  statt  isoles,  72,  24  /j/.st7/  statt  fusils,  72,  27  ter 
statt  les,  74,  15  fussillade  statt  Jusillade,  89,  12  aperQut  statt  apergut, 
89,  22  /a  statt  T,  96,  29  /«t  statt  /u<,  99,  18  quelqes  statt  quelques,  99,  27 
/?es  statt  /?e-,  99,  28  /j/u-  statt  plus,  103,  36  circonstantes  statt  circon- 
stances,  105,  25  bonhomie  statt  mit  mm,  111,  35  /e  statt  /es,  116,  11 
dates  statt  dattes,  131  Mitte  rfe  /a  statt  rfe  lä,  132  zu  22  /ewr  statt  leurs, 
147,  14  rfe  statt  du,  149,  14  pres  statt  pres,  152,  2  faissait  statt  faisait, 
166,  5  e^re  statt  e//-e,  166,  17  ä  statt  a,  170,  10  von  unten  an  statt  ou, 
175  france  statt  franco,  178,  4  joar  statt  poMr,  179,  2  von  unten  mon- 
lagueuse  statt  montagneuse,  181,  VI  /e  statt  la.  — 

4.  In  dieser  mit  Geschick  und  Folgerichtigkeit  gekürzten  Aus- 
gabe des  Tartarin  de  Taroscon  ist  die  ßaia-Episode  mit  Recht  voll- 
ständig gestrichen  worden  —  wie  Aymeric  es  in  seiner  Ausgabe  (Ren- 
gersche  Sammlung)  getan.  Was  die  Behandlung  dieses  Romans  in 
deutschen  Schulausgaben  überhaupt  anlangt,  so  verweise  ich  hier  auf 
meine  eingehenden  Ausführungen  in  Band  24,  S.  92  und  Band  27, 
S.  193  dieser  Zeitschrift.  —  In  der  etwas  lang  geratenen  Einführung 
(Daudets  Leben  und  Hauptwerke  behandelnd)  ist  der  Ausdruck 
,, Studienmeister"  (S.  9)  für  maitre  d'etudes  selir  nichtssagend.  Die 
Beigabe  des  Kapitels  über  die  Geschichte  des  Romans  aus  Daudets 
Trente  Ans  de  Paris  (Histoire  de  mes  livres)  ist  dankbar  zu  begrüßen. 
Der  Kommentar  gibt  zu  keinen  Ausstellungen  Anlaß;  bei  der  An- 
merkung zu  S.  38,  18 — 19  ist  außer  acht  gelassen,  daß  auch  charger 
doppelsinnig  gebraucht  ist;  Genaueres  darüber  in  dieser  Ztschr.  Bd.  27. 
S.  194.  —  Unverzeihlich  groß  ist  die  Zahl  der  Druckfehler:  S.  4,  6 
Beaulten  statt  Beaulieu,  Tunesie  statt  Tunisie,  18,  5  le  plain-pied 
statt  de  plain-pied,  21,  22  joine  statt  joijit,  25,  3  lourdes  apres-midi 
statt  lourds  apres-midis,  41,  20  des  statt  les,  41,  35  petit  statt  petite, 
43,  29  des  statt  de,  57,  31  ils  statt  i7,  69,  30  pres  statt  pres,  79,  23 
seulements  statt  seulement,  90,  16  fraiche  statt  fraiche,  98,  10  comme 
statt  connue,  102,  6  Part  statt  Port. 

5,  Statt,  wie  z.  B.  R.  Krön  dies  in  le  Petit  Parisien  und  in  ,,fran- 
zösische  Sprechübungen''''  getan,  den  Wortschatz  und  Tatbestand  der 
Vorgänge  und  Verhältnisse  des  alltäglichen  Lebens  in  trockenen  Zu- 
sammenstellungen nach  bestimmten  Gesichtspunkten  (Besuch,  Läden, 
Gasthäuser,  Mahlzeiten,  menschlicher  Körper,  Wohnung,  Wetter, 
Zeiteinteilung,  Reise,  Unterricht,  Handel,  Verwaltung,  Heer  u.sw.)  zu 
geben,  führt  uns  Un  mois  en  France  dies  alles  in  einer  Erzählung  vor. 
Sie  ist  zwar  nicht  reich  an  Handlung  —  ein  junger  Deutscher  reist 
nach  Grenoble  und  macht  mit  der  Familie  des  Professors,  bei  der  er 
in  Pension  lebt,  Ausflüge  in  die  nähere  und  weitere  Umgegend  der 
Stadt,  um  zum  Schluß  über  Paris  nach  Deutschland  zurückzukehren  — , 
auch  ist  die  in  Gesprächsform  erfolgende  Belehrung  über  die  ver- 
schiedenen französischen  Realien  oft  sehr  unvermittelt  und  gezwungen ; 
doch  dürfte  die  Form  der  Einkleidung  unsere  Schüler  immerhin  mehr 
ansprechen  als  die  oben  charakterisierte  Art.  Bei  all  dieser  Anerken- 
nung müssen  wir  jedoch  eine  Reihe  von  Ausstellungen  machen.  Der 
Verfasser  bringt  —  gewöhnlich  in  kursivem  Druck  und  damit  um  so 
aufdringlicher  und  unangenehmer  —  eine  Fülle  von  seltenen  und 
derberen  Wendungen  der  Umgangssprache,  die  man  unseren  Schülern 
neben  dem  vielen  Wichtigen  und  Unentbehrlichen  gern  erspart.  Hier 
einige  Beispiele:  etre  dans  sa  mauvaise  lune,  courbaturer,  tourner  en 
eau  de  boudin,  ingurgiter,  avoir  du  bagon,  ä  niine  de  fouine,  sentir  Vesto- 
mac  dans  les  talons,  jouer  des  mächoires,  un  bavardage  ä  bätons  rompus, 
mettre  les  bouchees  doubles.  Besonders  auf  derbere  Ausdrücke  für  die 
Arten  des  Essens  scheint  es  der  Verfasser  abgesehen  zu  haben,  ohne 
zu  fühlen,  daß  er  damit  dem  Geschmack  seiner  französischen  Lands. 


\Frunzösis('he  LeUiire  in  neuen  Schiilttusgaben.  97 

leute  kein  gutes  Zeugnis  ausstellt.  Noch  drolliger  wirkt  oft  die  im 
beigelugten  Vocabulaire  gegebene  Verdeutschung:  S.  164  coller  geben 
(ohne  die  Grundbedeutung  „kleben"  und  den  Übergang  „ankreiden"), 
S.  177  jaire  son  deuil  de  qc.  etwas  in  den  Schornstein  schreiben  (an 
der  betreffenden  Stelle  unpassend;  ohne  Angabe  von  le  deuil  Trauer), 
S.  210  faire  reläche  geschlossen!  (statt  schließen  und  ohne  Angabe 
von  la  reläche),  S.  181  sentir  son  estomac  dans  les  talons  sehr  hungrig 
sein  (ohne  Angabe  der  Grundbedeutungen!),  S.  150  mettre  les  bouchees 
doubles  große  Bissen  in  den  Hals  stecken,  S.  182  saute  aufschwitzen 
(statt  Ragout!).  Die  Charakteristik  des  Pariser  Lebens  (S.  151)  mit 
ihren  vagen  Redensarten  und  ihren  Anzüglichkeiten  wäre  besser  au.s 
diesem  doch  für  Schüler  bestimmten  Buche  weggeblieben.  Unver- 
zeihlich ist  auch  die  große  Zahl  der  Druckfehler:  S.  4  trainquille  statt 
tranquille,  S.  10  promanade  statt  promenade  xind  jojeux  statt  joyeux, 
S.  20,  5  V.  u.  failli  statt  faillit,  S.  24,  4  v.  o.  portrait  statt  portait, 
S.  40  inlerloculeur,  S.  41  aprocher  statt  mit  pp,  S.  62  portrait  statt. 
portait,  S.  64  remplissati  statt  remplissait,  S.  6,5  couter  statt  coüter, 
S.  76,  1  V.  u.  eu  statt  eut,  S.  115  j'aillais  statt  fallais,  S.  137,  9  v.  o. 
nouveaux  statt  nouveau,  S.  140,  9  v.  u.  le  statt  la,  S.  165  gut-edel 
statt  Gutedel,  S.  181  Herde  statt  Herd,  S.  182  saute  statt  sauter.  — ■ 
Die  Zeilenzählung  am  Rande  durfte  nicht  unterbleiben. 

6.  Zu  den  älteren  Sammlungen  französischer  Gedichte,  als  da 
sind  ,, Sammlung  französischer  Gedichte  für  deutsche  Schulen''  mit  Bio- 
graphien, Anmerkungen  und  Wörterbuch  von  E.  W  a  s  s  e  r  z  i  e  h  e  r 
(Leipzig,  R.  Gerhard,  1902),  Choix  de  Poesies  par  E.  B  u  r  t  i  n  (Berlin. 
F.  A.  Herbig,  1903)  und  besonders  Choix  de  Poesies  fran^aises,  Samm- 
lung französischer  Gedichte  von  T  h.  Eng  wer  (Bielefeld,  Velhagen 
&  Klasing,  1906),  sowie  Poesies  franQaises  von  F.  J.  W  e  r  s  h  o  v  e  n 
(Berlin,  Weidmann,  1908)  tritt  jetzt  diese  neue  Sammlung  von 
R  ö  1 1  g  e  r  s.  Abgesehen  von  Lafontaine,  dem  17  Seiten  eingeräumt 
sind,  und  von  A.  Chönier,  der  durch  drei  Gedichte  vertreten  ist,  be- 
schränkte sich  der  Herausgeber  so  wie  Engwer  und  Wershoven  auf 
Dichtungen  des  19.  Jahrhunderts.  Alle  nennenswerten  Dichter  sind 
durch  eine  oder  mehrere  Proben  vertreten.  Doch  sind  dabei  zwei 
Momente  außer  Acht  gelassen,  auf  die  es  bei  solchen  Sammlungen 
ankommt:  das  epische  Element  ist  zugunsten  des  lyrischen  zu  kurz 
gekommen,  und  die  Rücksicht  auf  den  Wunsch,  möglichst  viele  Dichter 
zu  Wort  kommen  zu  lassen,  hat  unwillkürlicii  zur  Vernachlässigung 
der  größten  Dichter  geführt.  Unsres  Erachlens  konnten  z.  B.  Sainte- 
ßeuve,  Bouilhet,  Grenier,  Merat,  Rollinat,  Guyan  und  Mme  Rostand 
vollständig  unberücksichtigt  bleiben,  um  Größen  wie  Beranger,  Victor 
Hugo  und  Coppee  größeren  Platz  zu  überla.ssen.  Der  jugendliche 
Leser  hätte  dann  ein  vielseitigeres  Bild  von  ihrer  Kunst  erlangt.  Von 
Böranger  felilen  z.  B.  die  charakteristi.sciien  Gedichte  Ma  Vocation, 
le  vieux  Menetrier,  les  Oiseaux;  von  V.  Hugo  fehlen  le  siede  avait  deux 
ans,  Lorsque  t Enfanl  parait,  f  Expialion  II.  und  III.,  Napoleon  IL,  — 
und  von  Copfx^e  fehlen  die  ergieifeiiden  Gedichte  la  Grrve  des  Forgerons 
und   la    Veillce. 

In  der  Ausstattung  ist  das  Bändchen  bescheidener  als  die  Samm- 
lung von  Engwer,  deren  Porträts  größer  und  schärfer  sind.  —  Der 
Kommentar,  in  deutscher  Sprache  verfaßt,  zeugt  durchaus  von  den» 
pädagogischen  Geschick  des  Herausgebers.  —  Die  wichtigsten  Regeln 
der  Metrik  sind  in  französischer  Sprache  gegeben,  wie  auch  die  alpha- 
betisch  geordneten    biographischen    Notizen. 


Ztsclir.  r.  frz.  .Si)r.  u.  Lill.  .\..K.\IX 


98  Hejcrale  und  Rezensionen.     AugnsL  Sliirmfels. 

Jfieue   I^elirbüclier    der   fVanxÖNiNcben    Npracbe. 

1.  .1.  E.  P  i  c  h  o  n    (officier  d'acad^mie,  charg6  de  cours  ä  l'universit^ 

tcheque  de  Prague),  Premieres  LeQons  de  Vocabulaire  et  (V Elo- 
cution.  Edition  orn^e  de  nombreuses  illustrations.  J.  Biele- 
felds Verlag,  Freiburg  in  Baden.    1911.  —  143  S.  Preis  2  Mk. 

2.  C.  Pilz,    Seminaroberlehrer  in  Zschopau,  E.  Moilenhauer, 

Mittelschullehrer  in  Cöpenick,  und  Mlle  Math.  Ph.  de 
B  e  a  u  p  r  6  ,  prof.  ä  Montpellier,  Lehr-  und  Übungsbuch 
der  französischen  Sprache,  Ausgabe  für  Mittelschulen.  Nach 
den   ministeriellen    Bestimmungen   vom    3.    Febr.    1910. 

Erster  Teil  (1.  u.  2.  Jahr).  Julius  Klinkhardt, 
Leipzig,  1911.     224  S.     Preis  2  Mk. 

Zweiter  Teil  (3.,  4.,  5.  Jahr).  Mit  Illustrationen 
und  einer  Karte  von  Frankreich.     215  S.     Preis  2  Mk. 

3.  Adolf    Mager    und    H.    Bornecque,     Lehrbuch  der  fran- 

zösischen Sprache  für  Realschulen,  Realgymnasien  und  ver- 
wandte höhere  Lehranstalten,  Unterstufe  (für  die  ersten  zwei 
Jahrgänge),  mit  8  Abbildungen  und  1  farbigen  Münztafel. 
Wien,  F.  Tempsky,  1911.     169  S.     Preis  2,20  Mk. 

1.  Die  praktischen  Ausführungen  dieses  Buches  zeigen  mit  großem 
Geschick,  wie  man  dem  Anfänger  den  konkreten  Wortschatz  des 
alltäglichen  Lebens  und  die  Elemente  der  Grammatik  ohne  Zuhilfe- 
nahme seiner  Muttersprache  vermitteln  kann  und  wie  er  im  regen 
Spiel  von  Frage  und  Antwort  zur  ausschließlichen  Verwendung  der 
fremden  Sprache  geführt  wird.  Methodisch  bietet  das  Buch  nichts 
Neues;  doch  sei  es  allen  denen,  die  die  Praxis  der  direkten  Methode 
in  konkreten   Beispielen  studieren  wollen,  warm   empfohlen. 

3.  Dieses  in  erster  Linie  für  Mädchenschulen  bestimmte  Lehr- 
und  Übungsbuch  zeichnet  sich  vor  allen  anderen,  mir  bekannt  ge- 
wordenen Werken  dieses  Gebietes  durch  eine  eingehende,  peinlich, 
ja  pedantisch  genaue  Gliederung  des  zu  behandelnden  Stoffes  aus. 
Da  ist  bei  jeder  Lektion  die  Aussprache-,  Schreib-,  Lese-,  Konversa- 
tions- und  häusliche  Übung  in  kleineren  und  größeren,  wohldurch- 
dachten Portionen  vorgeschrieben.  Nirgends  fehlt  es  an  allseitiger 
Behandlung  und  Wiederholung  des  Stoffes.  Das  Buch  wird  daher 
wohl  all  den  Lehrern  willkommen  sein,  die  sich  den  Gang  gern  vor- 
schreiben lassen  und  am  Gängelband  eines  bestimmten  Verfahrens 
wandeln.  Dieses  Verfahren  ist  das  der  neuen  Methode.  Im  ersten 
Teil  folgt  auf  einen  phonetischen  Kursus  die  Behandlung  und  Übung 
des  wichtigsten  Wortschatzes  und  grammatischen  Stoffes  im  An- 
schluß an  kurze  Lesestücke  über  die  Familie,  die  Schule,  den  mensch- 
lichen Körper,  die  Tiere  und  die  Jahreszeiten  nach  Hölzeis  Bildern. 
Die  Grammatik  ist  deutsch  abgefaßt.  Auch  fehlt  es  zur  Beruhigung 
für  Anhänger  der  alten  oder  vermittelnden  Methode  nicht  an  deutschen 
Stücken  zur  Übung  des  Übersetzens  ins  Französische.  —  An  Aus- 
stellungen möchte  ich  nur  folgende  machen:  Die  Darstellung  im  Druck 
ist  oft  recht  unübersichtlich;  z.  B.  mußte  S.  30  und  145  nicht  Les 
fruits  (les  prunes)  sont-ils  (-elles)  verts  (vertes)  ?  und  c'est  moi  qui  (moi, 
je)  me  suis  rendu(e)  ä  toi  gedruckt  werden,  sondern 

les  fruits  sont-ils  verts  ? 

les  prunes  sont-elles  vertes  ? 

Moi,  je  me  suis  rendu  ä  toi 

C^est  moi  qui  me  suis  rendu  ä  toi. 
Seite  53  konnte   zur  Veranschaulichung  des   Dativs  das  lange  und 
verhältnismäßig    seltene    Wort    indispensable    vermieden    werden    bei 
der  Fassung:  les  vetements  sont  au  garfon. 


Neue  Lehrbücher  der  französischen  Sprache.  99 

Der  zweite  Teil  des  Buches  ist  als  Lesebuch  gehalten.  Doch 
treten  in  jeder  Lektion  neben  die  eigentlichen  Lesestücke  erzählenden 
Charakters  Lesestücke,  welche,  nach  ministerieller  Bestimmung  einen 
besonderen  Weg  einhaltend,  das  Wichtigste  über  Hauswirtschaft  und 
Nahrungsmittel,  Frankreichs  Handel  und  Gewerbe,  Handwerk,  Ver- 
kehrswege, Häfen,  Post,  Kunst,  Verfassung  vermitteln.  Leider  sind 
diese  Stücke  alle  klein  gedruckt.  Auch  hier  ist  die  Grammatik  deutsch 
abgefaßt;  auch  hier  fehlt  es  nicht  an  deutschen  Übersetzungsstücken. 
Überall  ist  Gelegenheit  zu  allseitiger  Verarbeitung  und  Wiederholung 
gegeben.  —  Zu  beanstanden  ist  die  Unübersichtlichkeit  des  Druckes 
der  sachlich  geordneten  Wörterverzeichnisse. 

Den  Verfassern  gebührt  die  Anerkennung,  daß  sie  mit  Fleiß, 
Geschick  und  Umsicht  einen  reichen  Stoff  geordnet  und  allseitig 
verarbeitet  haben.  Wie  die  Bücher  sich  in  der  Schule  bewähren,  diese 
Frage  kann  erst  von  der  Praxis  beantwortet  werden. 

3.  Auch  dieses  neue  Lehrbuch  ist  streng  methodisch  geordnet. 
Auf  eine  Einführung  in  die  Lautlehre  folgen  die  verschiedenen  Lehr- 
einheiten in  folgender  Gruppierung:  Lesestück,  Conversation,  Exercice, 
grammaire.  Die  Lesestücke  sind  gut  gewählt  und  in  frischem  Tone 
abgefaßt.  Unter  conversation  stehen  Fragen  über  den  eben  gebotenen 
Stoff;  sie  werden  in  der  Schule  mündlich,  zu  Hause  schriftlich  beant- 
wortet. Die  exercices  geben  Hinweise  für  grammatische  oder  stilistische 
Verarbeitung.  Die  grammatische  Errungenschaft  gibt  Musterbeispiele 
und  Regeln  in  französischer  und  deutscher  Fassung,  während  die 
systematische  Zusammenfassung  der  Grammatik  auf  S.  123 — 145 
nur  die  französische  Fassung  gibt.  —  Den  Anhängern  der  alten  Methode 
ist  die  Konzession  gemacht,  daß  drei  Seiten  deutscher  Übersetzungs- 
stücke gegeben  sind.  —  Da  auch  die  Freunde  der  Vermittlung  ,,auf 
Grundlage  der  Anschauung"  zu  Wort  kommen  sollten,  hat  man  eine 
kurze  Behandlung  der  Bilder  le  printemps,  l'ete,  rautomne,  Vhiver, 
la  ferme,  la  ville  hinzugefügt. 

Scbenk,  Albert.  Kleine  französische  Sprechschule  für  Deutsch- 
schweizer.    Bern,  Stämpfli    &  Cie.,  1911.  —  24  S. 

Eine  gediegene  Charakteristik  aller  französischen  Laute  und 
Lautverbindungen  mit  vielen  Beispielen  zur  Einübung  und  besonderen 
Hinweisen  auf  die  Schwierigkeiten,  die  dem  Schweizer  bei  Erlernung 
der  phonetischen  Einzelheiten  im  Wege  stehen. 

Meyer,  F.,  Prof.  am  Johanneum  in  Lül)eck,  Grammatisches  Wörter- 
buch der  französischen  Sprache.  Hannover,  List  und  Berlin, 
Carl  Meyer  (Gustav  Prior)  1910.  —  334  S.     Preis  2,50  Mk. 

Dies  Buch  erinnert  sofort  an  Plattneis  Grammatisches  Lexikon 
der  französ.  Sprache  (Freiburg  in  Baden,  J.  Bielefeld,  1908),  das  in 
dieser  Ztschr.  Band  33,  S.  105  fg.  bosjiroohen  worden  ist.  Nach  häu- 
figem Gebrauch  desselben  und  vielen  Stichproben  kann  ich  dem  Ver- 
fasser bestätigen,  dal3  oi'  damit  ,,ein  Nachsclilagewerk  gescliaffen  hat, 
das  nicht  allein  für  die  Scliule  ausreicht,  sondern  auch  weilorgelionden 
Ansprüclion  genügt.  Angaben  über  die  Aussprache  fehlen.  Besonders 
berüc.ksicliligt  wutdon  die  Konstruktion  von  Verb  und  Adjektiv, 
der  Gebrauch  der  Modi,  der  Gebrauch  dos  Artikels  bei  ICigennamen 
und  Zusanunensotzungon,  die  Pluralbildung,  ohne  daß  jedocli  die 
übrigen  Gebiete  der  Grammatik  vernachlässigt  sind.  —  An  Einzel- 
heiten will  ich  bemerken:  expliquer  (das  von  Sciiülern  leicht  mit  dcclarer 
verwechselt  wird)  mußte  durch  ,, erklären  =  eingehender  auseinander- 
setzen", dcclarcr  durch  ,, erklären  —  sagen,  mitteilen"  übersetzt  werden. 
Faute  und  dcfaut  mußten  schärfer  verdeutscht  werden:  defaul  Felder, 
den  man  hat,  faute  Fehler,  den  man  macht.  —  Bei  „franc  frei"  mußte 


loo  h'c.ferülc  und  flezensioncn.      Theodor   Kalepky. 

„freimütig,  offenherzig"  hinzugefügt  werden.  —  Die  Stelking  der 
zusammengesetzten  Präpositionen  bei  Vun  Vautre  (S.  26)  muC  khirer 
veranschauhcht  werden,  etwa  durch  das  Beispiel:  ils  etaient  assis 
fun  ä  cöte  de  Vautre  —  ä  cöte  Vun  de  Vautre.  —  Bei  insister  fehlt  die 
sehr  beliebte  Konstruktion  ä  ce  que  +  Subj.  bei  ungleichem  Subjekt. 
—  Bei  egard  fehlt  neben  ä  cet  egard  das  häufige  ä  tous  egards.  —  Zu 
Japan,  Maroc,  Mexique  durften  die  Formen  au  Japon  etc.  hinzugefügt 
werden,  wie  es  z.  B.  bei  Tonkin  geschehen  ist.  —  Bei  connaitre  fehlt 
ü  connait,  bei  savoir  sachant  die  Bemerkung  savant  adj.  gelehrt,  bei 
pouvoir,  devoir,  vouloir  mußten  wegen  des  deutschen  Infinitivs  als 
Entsprechung  des  franz.  Partizips  Formen  wie  il  a  du  venir,  il  a  pu 
me  voir,  il  n'a  pas  voulu  le  regarder  gegeben  werden.  Doch  sei  ausdrück- 
lich bemerkt,  daß  diese  Einzelheiten  unser  oben  abgegebenes  günstiges 
Gesamturteil  in  keiner  Weise  abschwächen  sollen. 

Darmstadt.  August  Sturmfels. 


StroUllieyer,  Fritz,  Französische  Stilistik  für  die  oberen  Klassen 
höherer  Lehranstalten  mit  Übungen.  JBerlin,  Weidmannsche 
Buchhandlung,   1911.     8».     VII,    119   SS.     Preis:    1,50  Mk. 

Das  Büchlein,  dessen  Erscheinen  schon  in  dem  größeren,  hier 
(Bd.  XXXVIII,  H.  2/4,  SS.  64—101)  ausführlich  besprochenen  Werk 
desselben  Verfassers  Der  Stil  der  französischen  Sprache,  für  das 
Jahr  1911  in  Aussicht  gestellt  war,  ist,  wie  schon  der  Titel  angibt, 
lediglich  Unterrichtszwecken  gewidmet  und  läßt  sich  kurz  als  einen 
praktischen  Extrakt  aus  jenem  umfangreicheren,  rein 
wissenschaftlichen  Werke  charakterisieren.  Da  es  sich  diesem  nicht 
nur  in  der  Auffassung  und  Deutung  der  sprachlichen  Tatsachen,  son- 
dern auch  in  der  Anordnung  des  Stoffes  und  in  dem  Gange  der  Dar- 
stellung aufs  engste  anschließt,^)  so  erübrigt  sich  hier  eine  nochmalige 
Erörterung  und  Würdigung  der  den  stilistischen  , .Regeln"  zugrunde 
liegenden  oder  in  den  erläuternden  Ausführungen  zutage  tretenden 
Ansichten:  Das  uneingeschränkte  Lob,  das  Rezensent  bei  der  Anzeige 
jenes  Werkes  sowohl  dem  Fleiße  hinsichtlich  der  Materialiensamm- 
lung und  der  Berücksichtigung  der  wissenschaftlichen  Fachliteratur, 
als  auch  der  Gründlichkeit  und  Schärfe  der  Beurteilung  zu  zollen  in 
der  Lage  war,  behält  für  diese  praktische  Stilistik  nicht  minder  Gültig- 
keit als  die  bezüglich  verschiedener  Punkte  damals  geäußerten  Zweifel 
und  Bedenken.  Hinzuzufügen  wäre  höchstens,  daß  die  schon  an 
jenem  rein  theoretischen  Werke  gerühmte  ,, pädagogische"  Kunst  des 
Verfassers,  sein  Geschick,  die  Dinge  frisch,  anziehend  und  zugleich 
klar  zu  sagen,  in  diesem,  rein  praktischen  Unterrichtszwecken  dienenden 
Büchlein  natürlich  noch  deutlicher  hervortritt  und  ihm  bei  seinem 
Bemühen,  etwas  Brauchbares  für  die  Schule  zu  schaffen,  vortreffliche 
Dienste  geleistet  hat. 

Über  Ziel  und  Bestimmung  dieser  ,, Stilistik"  sagt  Verfasser  im 
Vorwort  (S.  II)  des  näheren,  daß  sie,  als  Hilfsmittel  für  die  drei  obersten 
Klassen  höherer  Lehranstalten  gedacht,  dem  Schüler  nicht  nur  eine 
Unterstützung  bei  der  Abfassung  französischer  Aufsätze  sein,  sondern 
ihm  auch  zu  einem  umfassenderen  Verständnis  für  die  Eigenarten 


^)  Sogar  einzelne  der  bei  der  Besprechung  des  ersterschienenen 
Buches  erwähnten  Druckfehler  finden  sich  wieder;  S.  46  Z.  14  z.  B. 
ist  disgracie  von  neuem  mit  "  gedruckt,  woraus  bei  der  sonstigen  Sorg- 
falt des  Verfassers  zu  schließen  ist,  daß  der  Druck  des  Büchleins  bereits 
im  wesentlichen  vollendet  war,  als  unsere  Besprechung  im  38.  Bd. 
dieser  Ztschr.  erschien. 


Strohmeyer,  Fritz.  Franz.  Stilist,  für  die  ober.  Klassen  etc.    101 

französischer  Ausdrucksweise  verhelfen,  und  schließlich,  wie  Verfasser 
es  etwas  befremdend  ausdrückt,  ,,ihm  Gelegenheit  geben  soll,  soweit 
das  der  Rahmen  der  Schule  gestattet,  über  einige 
Erscheinungen  der  französischen  Sprache  in  reiferer  Weise  nachzu- 
denken."-) Daher  ist  sie  denn  auch  nicht  eine  nach  grammatischen 
oder  lexikalischen  Gesichtspunkten  angeordnete  Gallizismensamm- 
lung  —  deren  Wert  Verfasser  unter  gewissen  Bedingungen  hinsicht- 
lich der  Art  der  Herstellung  und  der  Benutzung  gern  anerkennt  — 
sondern  eine  anschauliche  Vorführung,  eine  ,, Herausarbeitung  der 
großen  Charakterzüge  der  französischen  Sprache".  Wie  in  dem  Haupt- 
werke ist  der  Stoff  in  neun  Kapiteln  gruppiert:  I  Armut  oder  Reichtum 
in  bezug  auf  Wortbildung  und  Flexion,  II  Satzton  und  Wortstellung, 

III  Genauigkeit    und    Klarheit    der    französischen    Ausdrucksweise, 

IV  ihre  Knappheit  und  Gedrungenheit,  V  ihre  Schlichtheit  und  Natür- 
lichkeit, VI  ihre  Lebhaftigkeit,  VII  Neigung  ^u  konkreter  Ausdrucks- 
weise, VIII  der  Fluß  der  französischen  Rede,  IX  Wohlklang.  Bei 
der  Durchführung  dieser  Gesichtspunkte  geht  Verfasser  so  zu  werke, 
daß  er  —  der  heute  beliebten  Schulmethode  folgend  —  wenigstens, 
wo  das  möglich,  ein  oder  mehrere  Beispiele  an  die  Spitze  stellt  und 
im  Anschluß  daran,  sei  es  mit,  sei  es  ohne  weitere  Erläuterung  den 
Sachverhalt  in  knappen,  präzisen  Regeln  formuliert,  denen  jedesmal 
noch  einige  weitere  Beispiele  —  links  das  Deutsche,  rechts  das  Fran- 
zösische —  folgen  und  von  denen  er  die  allerwichtigsten  (16  an  der 
Zahl)  durch  fetten  Druck  hervorgehoben  hat,  ,, damit  sie,  jederzeit 
leicht  auffindbar,  den  Schüler  bei  der  Abfassung  eines  Aufsatzes  ge- 
wissermaßen wie  ein  ständiger  Führer  und  Warner  begleiten."  Dem. 
Übelstande,  daß  die  systematische  Darstellung  nach  sachlichen  Ge- 
sichtspunkten die  in  einem  für  mehrjährige  Benutzung  bestimmten 
Schulbuche  wünschenswerte  Gruppierung  der  ,, Regeln"  nach  dem 
Grade  der  Schwierigkeit  und  der  praktischen  Wichtigkeit  unmöglich 
machte,  hat  Verfasser  dadurch  abzuhelfen  gesucht,  daß  er  (auf  Grund 
eigener  Erfahrung)  die  für  Unterprima  geeigneten  Partien  mit  einem 
Sternchen  und  die  der  Oberprima  zu  überlassenden  mit  zwei  Sternchen 
markiert  hat,  so  daß  alles  ,, Ungestirnte"  den  Lehrstoff  der  Ober- 
sekunda zu  bilden  bestimmt  wäre. 

An  den  bisher  besprochenen  größeren  Teil  (SS.  1 — 87),  der  die 
eigentliche  Stilistik  umfaßt,  schließt  sich  dann  (SS.  88 — 119)  ein 
zweiter,  der  zusammenhängende  Übungsstücke  zu  den  im  ersten 
Teile  vorgeführten  Regeln  —  und  zwar  mit  gelegentlichen  Hinweisen 
auf  diese  —  bringt.     Es  sind  15  durch  Übersetzung  aus  dem  Fran- 


2)  Ich  habe  diese  Formulierung  als  befremdend  bezeichnen  zu 
sollen  geglaubt,  nicht  nur  weil  der  zum  Nachdenken  überhaupt  ge- 
neigte und  befälligte  Schüler  ,, Gelegenheit"  dazu  auch  ohne  ein  solches 
Hilfsbüchlein,  schon  bei  der  Beschäftigung  mit  der  Sprache  selbst, 
beim  Betrieb  der  Lektüre  oder  der  Grammatik  findet,  sondern  vor 
allem,  weil  das  ,, Nachdenken",  das  Forschen  nach  dem  tieferen  und 
tiefsten  Sinne  sprachlicher  —  und  auch  anderer  Dingo,  das  nach 
meinen  persönlichen  Erfahrungen  eine  nimmer  versiegende  Quelle 
reinster  und  edelster  Freude  ist,  glücklicherweise  völlig  unabhängig 
von  dem  Raiinien  der  Schule  ist  und  von  ihm  nicht  eingeengt  werden 
kann.  Wenn  man  an  alles  das  denkt,  was  man  beim  Abiturienlen- 
oxamen,  namentlich  in  der  Religionsprüfung,  die  Schüler  des  ihnen 
behördlich  Eingepaukten  gedankenlos  nachschwatzen  hört,  dann  über- 
läuft einen  ein  leiser  Schauer  bei  der  bloßen  Vorstellung,  daß  der  Staat 
durch  das  Organ  der  Schule  außer  der  äußeren,  auch  noch  die  innere 
Freiheit  der  Jugenii,  diejenige  des  eigenen  und  völlig  selbständigen 
Nachdenkens,  in  Fesseln  schlagen  könnte.,  j 


102  lU'ferale  und  Rezensionen.      Theodor  Kalepki/. 

zösischen  gewonnene  Texte  (S8.  88 — 105),  denen  ganz  am  Schlüsse 
(SS.  106 — 119)  die  französischen  Originale  (als  „Lösungen"  zu  den  in 
den  deutschen  Stücken  gestellten  „Aufgaben")  angefügt  sind.  Deut- 
licher konnte  dem  Schüler  nicht  zur  Empfindung  gebracht  werden, 
daß  das  Büchlein  ihm  nicht  ein  neuer  Qurtlgoist  —  zu  vielen  anderen, 
die  ihm  in  der  Schullaufbahn  mit  mehr  oder  minder  unerbittlichen 
Forderungen  entgegentreten  —  sondern  ein  Freund,  ein  Helfer  und 
Berater  sein  will.  Die  Jugend  pflegt  für  diesen  Unterschied  Ver- 
ständnis zu  haben,  und  so  darf  gehofft  werden,  daß  —  abgesehen 
von  denen,  deren  unzureichende  Kraft  unter  der  Last  der  Schul- 
forderungen zusammenbricht  —  die  Schüler  sich  das  ihnen  Gebotene 
mit  verdoppeltem  Eifer  und  Interesse  zunutze  zu  machen  suchen 
werden.  Besondere  Anerkennung  verdient  die  Sorgfalt,  mit  der  der 
Verfasser  bei  der  Formung  der  deutschen  Texte  zu  Werke  gegangen 
ist.  Was  er  sich  dabei  zugemutet,  sich  zum  Ziele  gesetzt  hat,  scheint 
mir  bei  Ü  b  u  n  g  s  stücken  fast  über  das  Maß  des  Möglichen  hinaus- 
zugehen, eine  Art  philologischer  Quadratur  des  Zirkels  zu  sein: 
,,Kein  1-ehndeutsch  und  zugleich  in  möglichst  großer  Zahl  Wendungen 
und  Konstruktionen,  die  deutsch  besonders  beliebt,  französisch  aber 
unmöglich  oder  ungebräuchlich  sind!"  Fremdsprachliche  Texte  in 
wirklich  echtem  Deutsch  wiederzugeben,  erscheint  mir  an  sich  schon 
als  eine  schwierige,  als  eine  die  ganze  Kraft,  das  ganze  Denken  und 
Fühlen  so  sehr  in  Anspruch  nehmende  Aufgabe,  daß  dabei  für  das 
Suchen  nach  besonderen,  den  Übungszwecken  förderlichen  Wendungen 
kein  Raum  mehr  bleibt.  So  wird  man  denn,  wo  das  letztere  Bemühen 
erfolgreich  gewesen,  manchmal  im  Zweifel  sein  dürfen,  ob  wirklich 
der  ersten  Forderung,  der  eines  ganz  echten  ,, Deutsch",  völlig  Genüge 
geschehen  sei.  Um  z.  B.  den  Anfang  des  letzten,  ,, Legende  und  Wissen- 
schaft" betitelten  Stückes  zu  wählen  —  kann  man  wohl  sagen,  daß 
„Nicht  ohne  Rührung  wird  der  Flug  der  Legenden  aufgehalten", 
eine  von  Lehndeutsch  freie  Wiedergabe  des  französischen  Ce  n'est 
pas  Sans  emotion  qu'on  arrete  le  vol  des  legendes  ist?  Müßte  es  in  gutem, 
echtem  Deutsch  nicht  etwa  heißen:  ,,Wer  möchte  wohl  kalten  Blutes 
der  leichtbeschwingten  Legende  ein  rauhes  Halt  entgegenrufen?"  — 
oder  doch  so  ähnlich.^)  Nicht  nur  scheint  mir  „ohne  Rührung"  hier 
eine  zu  ,, wörtliche"  Übersetzung  von  sans  emotion,  sondern  es  wirkt 
auch  befremdend,  wenn  gar  keine  Person,  die  die  Rührung  empfinden 
könnte,  angedeutet  wird  (wie  dies  doch  im  französischen  Originaltext 
durch  on  geschieht).  Aber  dafür  hat  die  von  dem  Verfasser  gewählte 
Form  den  nicht  zu  unterschätzenden  praktischen  Vorteil,  daß  sie  dem 
Schüler  zur  Verwendung  des  ,, umschreibenden"  ce  n'est  pas  que  und 
der  aktiven  Satzform  an  Stelle  der  deutschen  passivischen  Gelegen- 
heit gibt.  Und  darin  liegt  denn  auch  ihre  Rechtfertigung.  Deutsche 
Texte  ohne  ein  gewisses  Maß  von  Lehndeutsch  hören  eben  auf  schul- 
mäßige Übungsstücke  zu  sein;  dann  könnte  man  an  ihrer  Stelle  gleich 
fertige  Prosastücke  moderner  deutscher  Autoren  setzen.  Und  zwischen 
Lehndeutsch  und  Undeutsch  ist  ja  immer  noch  eine  gewisse  Grenze.*) 

^)  Wörtlicher:  ,, Niemand  wird  es  ohne  inneren  Kampf  über  sich 
gewinnen,  sich  d.  1.  L.  [vol  heißt  übrigens  auch  Schwärm)  also:  der 
1.  Legendenschar  in  den  Weg  zu  stellen." 

*)  Da  ich  einmal  von  Stück  15  zu  sprechen  angefangen  habe,  so 
seien  noch  die  weiteren  Fragen  gestattet:  Hat  Nous  aussi  nous  en 
connümes  la  douceur  wirklich  den  Sinn:  ,,Auch  wir  lernten  einst  ihre 
holde  Weise  kennen"  und  nicht  vielmehr  den:  ,,Auch  wir  emp- 
fanden einst  ihren  holden  Zauber  (ihren  süßen  Reiz)"?  —  Ist 
für  cette  heure  enchantee  qui  marque  la  limite  de  la  veille  et  du  reve 
absichtlich  ,,zu  jener  Zauberstunde  auf  der  Grenze  zwischen 
Schlaf  und  Wachen"  (statt  „zwischen  Wachen  und  Träume  n") 


Sirohmeyer,  Fritz.   Franz.  Stilist,  für  die  ober.  Klassen  etc.    103 

—  Ist  es  übrigens  nicht  auch  „Lehnfranzösisch"  (nämlich  Schiil- 
französisch,  Schulsprechweise),  auf  die  Frage  Qui  as-tu  rencontre  au 
theätre  ?  mit  Tai  rencontre  au  theätre  ton  ami  Robert  (statt  einfach 
mit  ,,Ton  ami  Robert")  zu  antworten?  Mir  scheint,  daß  die  echte, 
d.  h.  nicht  durch  schulmeisterliche  Pedanterie  verfälschte  Ausdrucks- 
weise in  solchem  Falle  als  Antwort  einfach  ,,Ton  ami  Robert'^  sagt. 
Ist  doch  durch  das  ,, Fragewort"  qui  klipp  und  klar  zum  Ausdruck 
gebracht,  daß  der  Fragende  nichts  anderes  zu  vernehmen  wünscht, 
als  die  Bezeichnung  der  Person,  die  der  Angeredete  im  Theater  ge- 
troffen.^) —  Der  ,,r  e  f  1  e  k  t  i  e  r  e  n  d  e  n"  Ausdrucksweise  (zum 
Unterschiede  von  der  ,, affektvollen",  die  Aie!  Imbecile!  sagt)  die 
Worte  in  den  Mund  zu  legen:  Vous  m'avez  marche  sur  le  pied  ce 
qui  m  e  f  a  it  mal.  Prenez  donc  garde !  heißt  m.  E.  sie  absicht- 
lich diskreditieren,  sie  unverdient  dem  Vorwurf  der  imhecillite  aus- 
setzen. Mindestens  der  hier  durch  den  Druck  hervorgehobene  Teil 
wird  fortzulassen  sein. 

Darf  ich  sonst  noch   Einzelheiten,  die  mir  aufgefallen  sind,  er- 
wähnen, so  würde  ich  S.  4  als  Übersetzung  von  Son  merite  le  fit  distinguer 


gesetzt?  —  Warum  steht  für  O  vieilles  legendes  harmonieuses  et  par- 
Jumees  nur  ,,Ihr  alten  harmonischen  Legenden"  (statt  ,,0h, 
ihr  alten  Märchen  voller  Duft  und  Klang")?  —  Bei  Nous  ne  cher- 
chons  pas  ä  vous  detruire;  nous  ne  voulons  que  vous  ecarter  de  notre 
chemin  scheint  mir  ,,wir  wollen  euch  nicht  zerstören,  wir  wollen  euch 
nur  beiseite  schieben"  zu  vage,  ich  würde  setzen:  ,,.  .  .  ihr 
sollt  nur  unsre  Bahn  (nämlich  die  der  Wissenschaft)  nicht  kreuzen." 
—  Für  Quel  poete  de  genie  imagina  jamais  ce  qu'elle  realise  ist  ,,Was 
sind  die  kühnsten  Phantasien  eines  genialen  Dichters  gegen  das,  was 
sie  (d.  h.  die  Wissenschaft)  zur  Wirklichkeit  macht?"  doch  wohl  des 
Guten  etwas  zu  viel.  Mir  scheint,  ,,0b  wohl  die  Phantasie  eines  genialen 
Dichters  das  zu  ersinnen  vermag,  was  sie  usw."  würde  genügen.  —  Bei 
der  Übersetzung  von  Mieux  que  les  sorciers  et  les  thaumaturges,  eile 
guerit  d'un  geste  les  maladies  sacrees  vermisse  ich  im  deutschen  Text 
die  Wiedergabe  von  sacrees  (,,  .  .  heilt  sie  mit  einer  Handbewegung  die 
Krankheiten").  Gemeint  sind  mit  maladies  sacrees  wohl  ,, Krank- 
heiten, auf  die  das  Volk  mit  abergläubischer  Scheu  blickt,  in  denen 
es  Schickungen,  namentlich  Strafen  des  Himmels,  ein  göttliches  Straf- 
gericht sieht".  —  Von  sonstigen  Übersetzungen  ist  mir  aufgefallen: 
S.  32  ,,Die  Nachricht  traf  uns  am  4.  August"  (statt  ,,traf  b  e  i 
uns  ...ei  n");  S.  36  ,,Er  machte  aus  seiner  Absicht  ...nicht  Hehl'" 
(statt  ,,k  e  i  n  Hehl");  S.  58  ,,  Einspruch  erheben"  für  sc  recrier  (statt 
,,laut,  energisch  Einspruch  erheben"). 

^)  Die  gleiche  Ausstellung  wäre  an  (Oü  as-iu  rencontre  man  ami 
Robert  ?  — )  J'a  i  rencontre  Ion  ami  Robert  au  t  h  e  a  tr  >• 
und  (Qui  a  decouvert  VAmbrique?  — )  Cest  Christophe  Co- 
la mb  qui  a  decouvert  VA  m  e  r  i  q  u  e  oder  U  A  m  e  r  i  q  u  e  a 
ete  decouverie  par  Christophe  Cotomb  (S.  14)  zu 
machen.  Nun  könnte  man  ein  solches  Verfahren  im  fremdspraciiliclien 
Unterricht  mit  der  Nolwciuiigkoil  der  (Ibuiig  im  zusammoiiliängcndon 
Sprechen  einigermaßen  entschuldigen,  obgloicli  ich  zu  der  Meinung  hin- 
neige, daß  sich  auch  hierfür  sinngemäßeres  und  natürliciieres  Material 
finden  ließe.  Unbegreiflich  aber  darf  es  ersolieinon,  daß  —  trotz 
Goethes  Mahnung  in  botreff  des  ,,schcllenhuiten  Toren"  —  amh  in 
der  Muttersprache  diese  Art  des  Antwortens  (nämlich  ,,in  voUstäniligen 
Sätzen")  im  Schulgebrauche  vielfach  gefordert  wird.  In  der  ganz 
ungerechtfertigten  Ansicht,  daß  nur  ein  ,, vollständiger"  Satz  (mit 
Subjekt,  Prädikat  usw.)  als  korrekte  Aiisdruckswoiso  geduldet  werden 
dürfe,  hat  denn  auch  die  berüchtigte  Ellipsonthooi'io  ihren  Ursprung. 


lo.^  Hejcidlc  und  liczensionen.      Theodor  Kalephij. 

partout  (statt  des  mir  etwas  zu  matt  erscheinenden  „Durch  seine 
Tüchtigkeit  zeichnete  er  sich  überall  aus")  das  etwas  stärkere  „tat 
er  sich  überall  hervor",  sowie  (a.  a.  O.)  für  Gel  evenement  jit  cesser 
lautes  les  hesitations  du  roi  (statt  „Vor  diesem  Ereignisse  mußten 
alle  Bedenken  des  Königs  schwinden"):  „B  e  i  diesem  Ereignisse  .  .  .", 
ferner  (S.  6)  für  On  capitula  (statt  des,  wie  mir  scheint,  unüblichen 
,,Es  wurde  kapituliert"  etwa:  ,,Die  Stadt  (die  Festung,  das  Heer  usw.) 
kapitulierte."  vorschlagen.  —  Inmitten  der  meist  wohlgelungenen, 
teilweise  sogar  vortrefflichen  Verdeutlichungen  von  franz.  Imparfait 
und  Pass^  defini  durch  adverbiale  Zusätze  oder  Umschreibungen 
usw.  lassen  mich  folgende  drei  unbefriedigt:  Für  Cette  i>oix  la  pressa 
ä  plusieurs  reprises,  mais  eile  hesitait  steht  als  Übersetzung  auf  der 
linken  Seite:  ,, Diese  Stimme  drängte  sie  (=  Johanna)  wiederholt, 
aber  sie  zögerte  immer  wieder."  Das  müßte  m.  E.  französisch 
durchaus:  mais  eile  hesita  heißen.  In  dem  Imparfait  hesitait  emp- 
finde ich  ein  ,,aber  i  m  m  e  r  n  o  c  h  zögerte  sie".  —  Das  Passe  d(^fini 
in  Voilä  ce  que  vit  et  sentit  le  jeune  poete  ist  nach  der  Meinung  unseres 
Verfassers  durch  ,, damals"  (,, Das  war  es,  was  der  junge  Dichter  damals 
sah  und  fühlte")  deutlich  zum  Ausdruck  gebracht.  Ich  kann  ihm 
liierin  nicht  beipflichten.  Ein  ,, damals"  würde  für  Voilä  ce  que  voyaii 
et  sentait  le  jeune  poete  genau  ebensogut  passen.  (=  ,,Zu  jener 
Zeit  sah  und  fühlte  er  .  .  .")  Ich  würde  vorschlagen:  ,,Das  w^ar  es, 
was  dem  jungen  Dichter  (damals)  zur  Erkenntnis  und  zur  Empfindung 
k  a  m"  oder  —  je  nach  dem  Zusammenhange,  den  ich  nicht  kenne  — : 
,,Das  waren  (bei  jener  Gelegenheit)  die  Wahrnehmungen  und  Emp- 
findungen des  jungen  Dichters."  Schließlich  vermag  ich  nicht  recht 
einzusehen,  inwiefern  in  ...  les  institutions  nouvelles  que  la  France 
se  donnait  (S.  11)  das  Imperfektum  donnait  durch  ,,die  Frankreich 
sich  zu  geben  im  B  e  g  r  i  f  f  e  w  a  r"  (und  nicht  vielmehr  durch  ,,sich 
zu  geben  i  m  Z  u  g  e  w  a  r"  oder  ,,mit  deren  Einführung  (Herstellung) 
Frankreich  beschäftigt  w  a  r")  verdeutlicht  sein  soll.  Ein 
donnait  besagt  doch,  daß  Frankreich  damit  schon  am  Werke, 
daß  es  schon  ,, dabei"  war,  während  „im  Begriff  war"  (allait  se 
donner)  doch  erst  die  Absicht  oder  die  Nähe  der  Verwirklichung  aus- 
drückt. 

Hinsichtlich  der  französischen  Wiedergaben  deutscher 
Wendungen  möchte  ich  mir  folgende  kleine  Zusätze  zu  machen  ge- 
statten: Zu  Qa  manque  d'animation  ici  für  ,,Es  fehlt  hier  an  Stim- 
mung" (S.  50)  das  vielfach  selbstgehörte:  //  n'y  a  pas  d'entrain,  de 
verve  aujourd'hui  [cc  soir  etc.);  und  ebenda  bei  ,, Heimweh"  (zu 
regret  de  la  patrie,  mal  du  pays)  nostalgie  —  neben  heimweh  (auch 
heimwe  und  heimve),  das  der  Franzose,  wie  alle  spezifischen  Wörter 
fremder  Sprachen  (vgl.  englisch  leader.  home,  cake  etc.)  gern  ver- 
wendet. 

Zum  Wegbleiben  des  reflexiven  Pronomens  im  Französischen, 
z.  B.  ,,s  i  c  h  ein  Beispiel  nehmen"  —  wo  vielleicht  noch  ,,a  n  jemand" 
s  ur  qn.  zuzufügen  wäre  —  S,  54)  auch  ,,s  i  c  h  die  Freiheit  nehmen": 
prendre  la  liberte,  das  ja  als  häufige  Briefeingangsformel  —  neben 
avoir  Vhonneur  ...  —  eine  gewisse,  nicht  zu  bestreitende  praktische 
Wichtigkeit  hat.  —  Für  ,,Sie  stand  am  Fenster"  (Elle  etait,  se  trouvait, 
se  tenait  ä  la  fenetre)  hört  und  liest  man  wohl  auch  manchmal:  eile 
s'appuyait  contre  la  fenetre  (eigentlich  ,, lehnte  am  Fenster").  —  Be- 
züglich des  Wortes  assister  (S.  25  ,,Man  hilft  bei  einer  Arbeit  On  aide, 
assiste  dans  un  travaiV)  scheint  Vorsicht  geboten.  Ich  erinnere 
mich,  daß  mir  vor  einigen  Jahren  ein  höfliches  Permettriez-vous ,  mes- 
dames,  que  je  vous  y  assiste?,  womit  ich  einigen  älteren  Pensionsge- 
nossinnen bei  einer  etwas  mühsamen  Ai'beit  meine  Hilfe  anbot,  Lächeln 
erregte  und  mir  die  Belehrung  eintrug,  daß  man  assister  nur  im  Sinne 
einer  Aushilfe  mit  Geld  usw.  (also  von  der  Armenunterstützung)  oder 


Strohmeyer,  Fritz.  Franz.  Stilist,  für  die  ober.  Klassen  etc.    105 

höchstens  noch  von  der  Unterstützung  mit  Rat  gebraucht.^)  —  Zum 
Schluß  möchte  ich  noch  zur  Aussprache  von  Beifort,  die  der  Verfasser 
in  Übereinstimmung  mit  sämtlichen  mir  bekannten  orthoepistischen 
Büchern  S.  67  in  Parenthese  als  „Beffort"  angibt,  erwähnen,  daß  ich 
merkwürdigerweise  in  jener  Stadt  sowohl  wie  in  ihrer  näheren  und 
ferneren  Umgegend  —  durch  die  ich  seit  ca.  6  Jahren  in  jedem  Sommer 
gekommen  bin  —  sowohl  von  den  unteren  Eisenbahnbeamten  als 
auch  von  Gebildeten  nie  eine  andere  als  die  genau  der  Schreibung 
entsprechende  Aussprache  (also  mit  1)  gehört  habe.  Hat  sich  nicht 
im  Laufe  der  Jahre  eine  phonetische  Umwandlung  bezüglich  dieses 
Wortes  vollzogen,  dann  hätte  ich  für  diesen  seltsamen  Widerspruch 
nur  die  eine  Erklärung,  daß,  was  ich  gehört,  eine  ,, Fremdenaussprache", 
eine  Sprechweise  ,,in  usum  extraneorum"  ist.  So  habe  ich  in  Berlin 
bei  literarischen  Vorträgen  aus  dem  Munde  von  Franzosen  immer  nur 
Claretie  mit  «-Laut  gehört.  Der  eine  der  ,, Conferenciers",  den  ich 
darüber  zu  interpellieren  Gelegenheit  hatte,  gestand  —  mit  fast  ver- 
legenem Lächeln  — ,  daß  er  in  Frankreich,  sowie  seinen  Landsleuten 
gegenüber  immer  nur  ,,klarßi"  sage,  daß  aber  hier,  in  Berlin,  vor 
Fremden,  ihm  die  orthographisierende  Aussprache  mit  t  —  er  wisse 
selbst  nicht,  wie  —  in  den  Mund  gekommen  sei.  So  wäre  denn  ja  auch 
die  ^Aussp^ache  von  Beifort  seitens  der  Eisenbahnbeamten  durch  die 
—  bewußte  oder  unwillkürliche  —  Rücksicht  auf  die  vielen  durch- 
reisenden Fremden  begreiflich,  aber  in  der  Unterhaltung  glaube  ich 
diese  Aussprache  nicht  nur  m  i  r  gegenüber,  sondern  auch  wenn  Fran- 
zosen miteinander  sprachen,  gehört  zu  haben.') 

Der  Druck  des  Büchleins  ist  ebenso  sorgsam  und  korrekt,  wie  es 
von  dem  des  Hauptwerks  gerühmt  werden  konnte.  Abgesehen  von 
dem  schon  erwähnten  disgracie  (S.  46  Z.  14),  dem  unter  dem  Einfluß 
etymologischer  Erwägungen  ein  irriger  '  (das  a  ist  kurz!)  gegeben 
worden,  bestehen  alle  mir  aufgestoßenen  Druckversehen  entweder  in 


^)  Eine  ähnliche  Berichtigung  ward  mir  einmal  seitens  eines 
freundlichen  Pensionswirtes  zuteil,  der,  als  ich  vor  einem  Spaziergange 
sagte:  J^espere  y  rencontrer  quelques-unes  de  mes  connaissances,  mit 
vielsagenden  Augenzwinkern  fragte:  Oh,  oh!  monsieur  K.,  vous  avez 
des  <iconnaissances'> !  und  mir  dann  dafür  die  Zusammensetzung  per- 
sonnes  de  connaissance,  gens  de  connaissance  empfahl.  Natürlich  liegt 
in  solchen  Beanstandungen  viel  Subjektives,  Vergängliches,  Modisches, 
aber  immerhin  wird  es  ganz  nützlich  sein  zu  wissen,  d  a  ß  bei  diesem 
oder  jenem  Wort  Vorsicht  geboten  ist. 

')  Eine  weitere  Möglichkeit  wäre  die,  daß  sich  (trotz 'der 
Sprechweise  der  Bewohner  der  Stadt  selbst)  in  den  übrigen  Teilen 
Frankreichs  (auf  Grund  der  Nebenform  Bcfort)  die  dieser  Orthographie 
entsprechende  Aussprache  so  festgesetzt  hätte,  daß  sie  auf  die  Schrei- 
bung Beifort  übertragen  und  in  den  Lehrbüchern  als  einzig  richtige 
angegeben  worden  wäre.  Ähnlich  ist  es  ja  mit  dem  deutschen  ,, Stral- 
sund" gegangen,  das  im  Reiche  überall  mit  dem  Ton  auf  der  zweiten 
Silbe  (vielleicht  auf  Grund  des  Schillerschen:  ,,Er  müsse  haben  die 
Stadt  Stralsund"),  von  den  Einwohnern  und  Umwohnern  dagegen 
stets  Stralsund  gesprochen  wird.  —  Nicht  ohne  eine  gewisse  Komik 
ist  die  ängstliche  Gewissenhaftigkeit,  mit  der  in  Berlin  und  Vororten 
die  mehrfach  auftretende  Belfort(er)  Straße  von  den  ,, Gebildelen" 
.,Befforl(er)  Straße"  gesprochen  wird.  Freilich  ist  in  Deutschland  ,,ein 
bißchen  Französisch"  ja  die  Hauptbedingung  für  die  Anerkennung  als 
Gebildeter,  daher  heißt  es,  die  Anwartschaft  auf  diese  hohe  Ehren- 
stellung nur  ja  nicht  durch  eine  eventuelle  Aussprache-Ungenauigkeit 
verscherzen ! 


lOfj  Referate  und  liezensionen.      Theodor   Kalcpkij. 

Letternverschiebung  (S.  23  Z.  1:  qu  eis  statt  quels,  S.  104  Z.  6  v.  u.: 
„unsmit"  statt  „uns  mit")  oder  in  Letternausfail  (S.  6  Z.  11  „der  elbe" 
statt  „derselbe",  S.  53  Z.  21  „  ie"  statt  sie),  oder,  was  ja  fast  dasselbe 
ist  in  Akzentausfall,  wie  bei  deja  (S.  13  Z.  12  v.  u.  statt  dejä)  und 
perils  (S.  61,  15  statt  perils).  —  S.  36  Z.  7  v.  u.  „Ersatz"?  Nicht 
vielmehr  ,, Entsatz"? 

Schlachtensee  bei  Berlin.  Theodor  Kalepky. 


Miszellen. 


Zn  französisch  Isk, 

Meine  Auffassung  des  lä  in  je  m'endors,  mais  lä  je  dors.  .  .  (Heft 5/7, 
S.  276 ff.  dieser  Ztschr.)  weicht  von  derTobler's  (Verm.  Beitr.  III,  154  ff.) 
ab,  auf  die  mich  Herr  Th.  Kalepky  zu  verweisen  die  Güte  hat.  Tobler 
geht  von  dem  lä  aus,  das  am  Schhisse  von  Behauptungssätzen  steht  und 
einem  deutschen  „Punktum !"  ,,So,  jetzt  hab  ich'sgesagt!"  gleichkommt : 
aus  der  Bedeutung  des  Entfernten  hätte  sich  die  des  endgültig  Abge- 
schlossenen entwickelt.^)  Er  fährt  nun  fort:  ,, Bemerkenswert  ist  hier 
besonders  noch ,  daß  dieses  lä  auch  in  Fragen  (Bestätigungsfragen )  hinein- 
gezogen wird ;  der  Fragende  wünscht  eine  abschließende,  endgültige  Ant- 
wort zu  bekommen  und  bringt  darum  das  lä,  das  er  gerne  hören  möchte, 
schon  in  der  Frage  an;  in  der  Antwort  braucht  es  dann  nicht  wiederholt 
zu  werden  (vgl.  ,auf  Ehre',  , gewiß'  in  der  Frage)"  —  eine  Erklärung, 
welche  an  Toblers  Deutung  des  dejä  in  Fragesätzen  erinnert.  Für 
mich  bedeutet  nun  1.  das  /a  nicht  ,kurz  und  gut',  .endgültig',  also  den 
Abschluß  eines  längeren  Raisonnements,  sondern  , siehe!',  also 
die  Vorbereitung  auf  das,  was  kommt;  bildlich  gesprochen, 
keinen  Schluß-,  sondern  einen  Doppelpunkt.  2.  ist  für  mich  das  lä 
in  Fragesätzen  keine  sekundäre  Übertragung,  keine  Vorausnahme 
eines  ,, endgültig",  das  der  Fragende  in  der  Antwort  hören  möchte, 
sondern,  ebenso  wie  im  Behauptungssatz  und  wirksamer  im  Fragesatz 
als  im  Behauptungssatz,  eine  die  Aufmerksamkeit  des  Partners  weckende 
Ausrufspartikel. 

Rom.  L.  Spitzer. 


Da  Herr  L.  Spitzer,  den  ich  gelegentlich  auf  A.  Toblers  kurze 
Erörterung  des  lä  aufmerksam  machen  konnte,  mir  seine  Ergänzungs- 
äußerung noch  vor  ihrer  Drucklegung  freundlichst  zugesandt  hat, 
so  bin  ich  in  der  Lage,  meine  etwas  abweichende  Auffassung  hier 
gleichzeitig  mit  der  seinigen  zum  Ausdruck  zu  bringen. 

In  zwei  Punkten  bieten  seine  ursprünglichen  Ausführungen  (H.  5/7, 
S.  276  ff.  dieser  Ztschr.)  eine  willkommene  Ergänzung  zu  Toblers 
Darlegungen:  einmal  in  der  S.  277  f.  von  ihm  gegebenen  Veransohau- 
lichung  der  größeren  ,, rhythmischen  Tragkraft  und  Eindrucksintensif  ät" 
des  frz.  lä  gegenüber  deutschem  ,,da",  die,  mit  feinsinnigen  psycho- 
logischen —  hier  und  da  vielleicht  allzu  subtilen  —  Seitenblicken 
durchsetzt,  für  unseren  Gegenstand  um  so  wertvoller  ist,  als  A.  Tobler 
den  uns  beschäftigenden  Fall  —  zusammen  mit  mehreren  anderen  — 
nur  ziemlich  kurz  und  ohne  alle  weiteren  Ausblicke  oder  Erläuterungen 
behandelt   hat;    zweitens   darin,    daß    er    die    Aufmerksamkeit   seiner 

^)  Ob  nicht  auch  Wendungen  wie  iranrhons  lä,  brisons  lä,  planter 
lä  (,in  diesem  Punkte  abbrechen'  etc.,  dann  durch  \'erlegung  des 
Schwergewichts  auf  das  Verb  einfach  =  »abbrechen'  etc.)  auf  die 
Bedeulungsenlwicklung  von  lä  ,da'  >  ,PunktumI'  , Schluß!*  , end- 
gültig' eingewirkt  haben? 


108  Miszellen. 

Leser  vor  allein  auf  diejenige  Verwendung  unseres  lä  lenkt,  die  — 
dem  Typus  ('est  bon,  mais  ires  hon  entsprect  end  —  sich  als  Intensitats- 
\erstarkung  gegenüber  einer  voi;:ngehendcn  Behauf>tung  charak- 
terisieren l.'ißt  und  die  mir  eine  weitere  Stufe  in  dem  von  A.  Tobler 
angesetzten  Entwickelungsgange  zu  repräsentieren  scheint.  Nicht  als 
ob  dieser  eine  solche  Verwendung  noch  gar  niclit  gekannt  hätte.  Unter 
seinen  Beispielen  finden  sich  (V.  B.  III,  155)  schon  zwei  mit  dem 
modifizierenden  —  hier  in  der  Richtung  einer  Verstärkung  modi- 
fizierenden —  mais,  aber  beide  Male  nur  in  der  Frage,  nur  als  Beleg 
für  den  (in  den  vorstehenden  Zeilen  von  Spitzer  erwähnten)  Fall,  daß 
der  Fragende  das  ,, abschließende,  endgültige"  lä,  das  er  in  der  Antwort 
zu  hören  wünscht  (wie  wir  gelegentlich  ,,auf  Ehre",  ,, gewiß"  brauchen, 
z.  B.  ,,hast  du  es  auf  Ehre  nicht  getan?")  schon  antizipierend  in  der 
Frage  anbringt.  Es  sind:  Le  prince  d'Oppenheim  est-il  prince  sou- 
verain?  —  Ahsolument,  monsieur !  —  Mais  lä,  ayant  des  etats ?  — 
Sans  do Ute  (Fcuillet,  Un  hourgeois  de  Borne,  Sc.  3).  Sodann:  Sais-tu 
ton  livret  (Einmaleins)  et  les  guntre  re.gles,  mais  lä,  solidement? 
(Huguenin,  Le  Solitaire  263). 

Der  Fortschritt  von  Spitzers  Darlegungen  besteht  nun  darin, 
daß  er  uns  dieses  mais  lä  auch  außerhalb  der  Frage  als  ganz 
geläufige  Berichtigungsformel  im  Sinne  einer  Verstärkung  zeigt: 
Et  puis,  pouf,  je  m'endors,  m  a  i  s  l  d'-')  je  dors  ä  n'pas  entendre  gueuler 
fange  du  jugement  dernier  (Aus  Maupassant  Mlle  Fifi)  usw.  (s.  S.  276). 
Was  aber  die  Frage  nach  dem  eigentlichen  Sinne  dieses  lä,  nach  der 
Grundbedeutung  betrifft,  aus  welcher  eine  solche  Verwendung 
des  Wortes  sich  herausgebildet  hat  (und  für  deren  Feststellung 
die  Heranziehung  der  im  gleichen  Falle  im  Deutschen  üblichen  Aus- 
drucksweise —  ich  würde  zu  ,,na,  weißt  du"  usw.  auch  noch  ,,na,  ich 
sag  dir!"  fügen  —  immer  eine  gefährliche,  weil  leicht  irreführende  Sache 
ist)  so  scheint  mir  die  Erklärung  Toblers,  oder  genauer:  die  sich 
aus  seinen  Darlegungen  ergebende  Erklärung  doch  einfacher  und 
ansprechender,  als  die  Auffassung  des  lä  im  Sinne  von:  ,,da,  paß  mal 
auf",  „na  weißt  du  [—  ich  kann  es  dir  nicht  schildern]".  Ein  solcher 
Appell  an  die  Aufmerksamkeit  oder  vielmehr  an  eine  gesteigerte  Auf- 
nahmetätigkeit des  Hörers,  der  dadurch  zur  genaueren  Ausmalung 
der  Sachlage  ermuntert  werden  soll,  könnte  eines  mais  vollkommen 
en traten.  In  dem  Satze:  ,,TJnd  dann,  plumps,  schlafe  ich  ein,  dal 
(—  mal's  dir  mal  aus)  ich  schlafe  so,  daß"  läßt  sich  doch  ein  ,,aber" 
vor  ,,da",  auch  nach  dem  von  dem  Herrn  Verfasser  angezogenen 
Typus  c'esl  bon,  mais  ires  bon,  kaum  unterbringen.  Hingegen  erscheint 
es  völlig  am  Platze,  wenn  man,  an  Toblers  Feststellung  eines  lä  im 
Sinne  von  ,,so,  da  hast  du's,  fertig,  Punktum,  nun  ist  die  Sache  end- 
gültig abgetan"  und  ähnliche,  anknüpfend,  dies  Wörtchen  in  der  nur 
einen  Schritt  weitergehenden  Bedeutung  faßt:  ,,so,  daß  man  sagen 
kann:  /  ä"  oder  „so,  daß  ein  läJ  am  Platze  ist",  d.  h.  also  in  der  Be- 
deutung ,, endgültig,  gründlich,  gehörig,  ordentlich"  u.  ähnl.  Tobler 
führt  in  dem  ersten  seiner  Beispiele  den  Fall  vor,  daß  der  die  Stube 
ausfegende  Junge  am  Ende  seiner  Arbeit  ,,mit  dem  Tone  der  Be- 
friedigung" ausruft:  „Ld!"    Von  diesem  —  isolierten  —  La],  mittels 


2)  Fehlt  das  —  dem  Sinne  nach  unentbehrliche  —  Komma  hinter 
^d  schon  im  Original  oder  liegt  nur  ein  Druckversehen  bei  der  Wiedergabe 
vor?  —  Es  sei  aus  diesem  Anlaß  gestattet,  an  den  Herrn  Verfasser 
die  Bitte  zu  richten,  bei  zukünftigen  Stellenaufzeichnungen  die  Seiten- 
zahl mit  zu  notieren.  Das  ist  —  auch  bei  neufranzösischen  Zitaten  — 
keine  müßige  Verbrämung,  kein  bloßer  Zierrat,  wie  es  auf  den  ersten 
Blick  scheinen  kann.  Ich  habe  in  Toblers  Verm.  Beitr.  mindestens 
ein  Dutzend  Mal  die  betreffende  Stelle  nachgeschlagen. 


Miszellen.  109 

dessen  er  die  gründliche,  endgültige  Erledigung  der  ihm  obliegenden 
Arbeit  ausdrückt  (sie  gleichsam  anderen  zur  bestätigenden  Gutachtung 
präsentierend,  vorweisend)  ist  es  nur  ein  kleiner  Schritt  zu  unserem 
mais  lä,  wenn  wir  dies  dem  Jungen  in  den  Mund  legen,  während  er  sich 
zu  andern  der  vollbrachten  Arbeit  rühmt:  Oh,  ce  que  Pai  pioche  ce 
matin  !  pai  nettoye  toute  la  maison,  m  a  i  s  l  ä  ,  fai  balaye,  lave  les  plan- 
chers etc.  (=  ,,aber  gründlich!",  nämlich  ,,so,  daß  man  lä!  sagen 
könnte"  —  jenes  lä!,  das  er  in  dem  Toblerschen  Satze  mit  Genugtuung 
zu  sich  selber  spricht).  Wie  leicht  solche,  eigentlich  nur  einem  anderen, 
einem  Beurteiler,  Begutachter,  Zuhörer  zukommenden  Wörtchen, 
schon  dem  Sprechenden  selbst  in  den  Mund  kommen,  von  ihm  — 
natürlich  nur  in  lebhafter  Ausdrucksweise  —  seiner  Rede  einverleibt 
werden,  das  zeigt  A.  Tobler  im  weiteren  Verlaufe  seiner  Darlegungen 
noch  an  pcut-etre  (Mais  je  ne  pouvais  pas  leur  refuser,  peut-etre,  ...  im 
Greve  des  Forgerons),  an  dcjä,  nicht  in  Fragesätzen,  wie  es  in  der  vor- 
stehenden Ergänzung  Spitzers  aus  Versehen  heißt,  sondern  in  negativen 
Sätzen,  z.  B.  Je  ne  suis  pas  dejä  sifaible),^)  sowie  auch  noch  in  manchem 
anderen  Artikel  seiner   Vermischten  Beiträge. 

Solilachtensot^  bei  Berlin.  Theodor  Kalepky. 


IDin  analog;iächc»i  Imperfekt  des  Konjuiikliv». 

Die  französischen  Grammatiken  behaupten,  das  Verb  traire  und 
seine  Zusammensetzungen  hätten  kein  Passe  defini  und  somit  kein 
Imperfekt  des  Konjunktivs.  Littre  sagt,  daß  diese  Formen  früher 
vorhanden  gewesen  seien,  und  bedauert  ihr  Verschwinden,  fügt  aber 
hinzu,  man  könnte  sie  wieder  aufnehmen:  je  distrayis,  que  je  distrayisse. 
Indessen  hat  man  hier  und  da  versucht,  analogische  Formen  zu  bilden. 
So  hat  Rousseau  ein  Praesens  distraisent  und  ein  Partizip  distraisant 
in  Anologie  mit  plaire  geschaffen.  Das  sind  große  Fehler,  sagt  Littre; 
sie  sollten  distraient  und  distrayant  lauten.  Wenn  nun  der  Infinitiv 
traire  den  Gedanken  an  plaire  ieicht  hervorruft,  so  darf  man  nicht 
erstaunt  sein,  wenn  sich  das  Partizip  trayant  dem  Partizip  payatu 
ebenso  leicht  anpaßt.  Die  Form,  die  aus  dieser  Anologie  hervorgeht, 
muß  im  Imperfekt  des  Konjunktivs  trayassc  lauten.  —  So  schreibt 
auch  Frödöric  Masson  in  Napoleon  etlesfemmes,  S.  112:  die  avait, 
dans  sa  nature  de  creole,  un  singulier  besoin  de  s'entourer  de  complaisantes 
qui  ne  fussent  ni  tout  ä  fait  du  vionde  ni  tout  ä  fait  de  la  domcsticitc, 
qui  lui  plussent  par  leur  jolie  figure,  Camusassent  par  leurs  rcparties, 
la  distrayasscnt  par  leurs  talents,  peuplassent  cnfin  gentiment  ce  palais 
„triste  comme  la  grandeur''  donl  eile  ne  sortait  janiais.  Es  war  ihm  un\ 
so  natürlicher  das  Verb  disiraire  in  die  ei'ste  Konjugation  hinübergleiten 
zu  lassen,  als  die  das  Imperfekt  des  Konjunktivs  umgebenden  Verben 
in  die  erste   Konjugation  gehörten. 

Norrköj)ing.  Alfred  .STENI[.\GK^f. 


^)  Die  übliche  deutsche  Ausdrucksweise  für  diesen  Gedanken 
,,So  schwach  bin  ich  denn  doch  noch  niclit"  verhilft  uns  bei 
ihrer  gänzlichen  Verschiedenheit  auch  hier  nicht  zum  richtigen  Ver- 
ständnis des  französischen  Ausdrucks,  der,  wie  Tobler  S.  155)  erkliirt, 
,,Da  denken  nun  manche  s  c  li  o  n  ,  ich  sei  so  schwach;  aber  nein!" 
(man  könnte  auch  kürzer  sagen:  ,.Da  halten  mich  manche  schon 
für  so  schwach,  aber  nein!")  bedeutet. 


Novitätenverzeichnis. 

(Abgeschlossen  am  20.  März  1912.) 


1.  Bibliographie  nnd  Handschriftenknnde. 

Bibliographie  annuelle  des  travaux  historiques  et  arch^ologiques  publiös 

par  les  societ^s  savantes  de  la  France,  dressee  sous  les  auspices 

du   ministere   de   l'instruction   publique;   par   Robert  de  Lasteyrie. 

Avec   la    coUaboration    d.^ Alexandre    Vidier.      1907 — 1908.      Paris, 

E.  Leroux.     1910.     In-4  ä  2  col.,  211  p. 
Boell,  C.  et  A.  Gillot.   Catalogue  des  incunables   de   la   bibliotheque 

publique   d'Autun.      1911.      In. -8,    199   p.    Extrait   des   Mömoires 

de   la    Societe   eduenne.      [Nouvelle   s4rie,T.  39.     Annee  1911.] 
Catalogue  general  des  livres  imprim^s   de   la   Bibliotheque   nationale. 

Auteurs.     T.  46:  Du  Toict-Elbs.     Paris,  Impr.  nationale.     1911. 

In-8  ä  2  col.,  col.  1  ä  1254.    [Ministere  de  l'instruction  publique  et 

des  beaux-arts.] 
Federn,   Bob.     Repertoire  bibliographique  de   la  litterature   frangaise 

des  origines  ä  1911  avec  un  index  analytique,  pr6ced6  d'un  tableau 

de  la  litterature  frangaise  aux  19.  et  20.  siecles,  present^e  par  ^coles. 

2.  Lfg.     XXXIII-XLIV  u.  S.  65— 148.     Nebst:   Bourrelier,  Henri: 

Le  livre  frangais  ä  travers   le   monde.      16  S.     gr.  8*^.     Leipzig,  F. 

Volckmar,  1911.    Mk.  4.—. 
Lanson,  G.    Manuel  bibliographique  de  la  litterature  frangaise  moderne, 

1500 — 1900.     I.   Seizieme  siecle.     2e  edition,  revue  et  compl^t^e. 

Paris,  Hachette  et  Cie.     1911.     In-8,  XVI-271  p.  4  fr. 
Bochatnbeau,  le  Comte  de,  Bibliographie  des   ceuvres  de   Jean  de  La 

Fontaine.     Paris,  A.  Rouquette.     25  fr. 
Wahlund,   C.   W.     Bibliographie  der  französ.   Straßburger  Eide  vom 

Jahre  842.     Herrn  Prof.  P.  A.  Geiger  zur  Feier  seines  siebzigsten 

Geburtstages  zugeeignet.     Upsala,  A.-B.  Akademiska  Bokhandeln. 

Paris,  H.  Champion.     1911.    54  S. 


Jordan,  L.     Die  Münchener  Voltairehandschriften   II   [In:   Arch.   für 

neuere  Sprachen  CXXVII,  336—370]. 
Meyer,   P.     Notice  du  ms.   Sloane   1611   du  Musee  britannique  [In: 

Romania  XL,  532—558]. 
Omont,  H.    Bibliotheque  nationale.    Nouvelles  acquisitions  du  departe- 

ment  des  manuscrits,  pendant  les  annees  1891 — 1910.     Repertoire 

alphab^tique  des  manuscrits  latins  et  frangais.     Paris,  E.  Leroux. 

1912.     In-8,  CXXXIX-304  p. 
Thomas,  A.    Les  manuscrits  fran^ais  et  provengaus  des  ducs  de  Milan 

au  chäteau  de  Pavie  [In:  Romania  XL,  571 — 609]. 


Novitätenverzeichnis.  1 1 1 

2.  Enzyklopädie,  ISaninielwerke,  Gelehi'tengeschichte. 

Annales  de  la  Societe  Jean-Jacques  Rousseau.  VII.  1911.  Geneve, 
A.  Jullien.  Paris,  H.  Champion.  Leipzig,  K.  W.  Hiersemann 
[Table  des  Matieres:  La  Crise  de  Vincennes,  p.  G.  Gran.  Corre- 
spondance  de  J.-J.  Rousseau  et  du  medecin  Tissot,  par  A.  Frangois. 
Les  Cendres  de  J.  J.  Rousseau  au  jardin  des  Tuileries,  p.  H.  Buffe- 
noir.  Lettres  in^dites  et  dispersees  de  J.-J.  Rousseau  publiees 
d'apres  les  originaux.  Documents  polonais  sur  J.-J.  Rousseau 
et  Th^rese  Levasseur,  par  V.  Olszewics.  J.-J.  Rousseau,  notes 
diverses,  par  Eugene  Ritter.  Lettres  de  Rousseau  aux  libraires 
Neanne  et  Duchesne,  par  Pauline  Long  et  A.  Frangois.  Quelques 
documents  des  Archives  Girardin,  p.  A.  Frangois.  J.-J.  Rousseau 
dans  la  litterature  hongroise,  par  Louis  Racz.  Bibliographie. 
Chronique]. 

Bulletin  de  la  Societe  de  litterature  wallonne.  T.  53.  2me  Partie.  Liege, 
H.  Vaillant-Carmanne,   1911. 

Matzke  Memorial  Volume  containing  two  unpublished  papers  by  John 
E.  Matzke  and  contribution  in  bis  memory  by  his  Colleagues. 
(With  Portrait.)  Standford  University,  California.  Published  by 
the  University  1911  [Darin  u.  a.:  Gaston  Paris  by  /.  E.  Matzke; 
The  development  and  present  status  of  Romanic  Dialectology  by 
J.  E.  Matzke.  The  doctrine  of  verisimilitude  in  French  and  English 
Criticisme  of  the  seventeenth  Century  by  R.  M.  Alden;  The 
relation  of  the  German  "Gregorius  auf  dem  Stein"  to  the  Old 
French  poem  "La  vie  de  Saint  Gregoire"  by  Clifjord  G.  Allen; 
Old  French  ne  —  se  —  non  in  other  Romance  Languages  by  Aurelio 
M.  Espinosa;  Origin  of  the  Legend  of  Floire  and  Blancheflor  by 
Oliver  M.  Johnston;  A  commentary  on  verses  36 — 52  of  the  "Excuse 
ä  Ariste"  by  Colbert  Searles]. 

Revue  des  Etudes  Rabelaisiennes  IX,  4:  [Sommaire:  Notes  sur  quelques 
farces  de  la  Renaissance,  par  Emmanuel  Philipot.  P.  365.  —  L'ßcri- 
ture  sainte  et  la  litterature  scripturaire  dans  l'oeuvre  de  Rabelais 
(additions  et  corrections),  par  Jean  Plattard.  P.  423.  —  Un  lecteur 
de  Rabelais  au  XVIle  siecle:  Charles  Coypeau  d'Assoucy,  par 
L.  Sainean.  P.  437.  —  Pantagruel  lu  au  Louvre,  devant  le  roi 
Charles  IX,  en  1563,  par  Jean  Plattard.  P.  442.  —  Rabelais  et 
Tallemant  des  Reaux,  par  Leo  Desaivre.  P.  444.  —  Notes  pour  le 
Commentaire,  par  L.  Sainean,  R.  Blanchard,  J.  Plattard.  P.  447. 
—  Conjectures  sur  «Medamothi»,  ))ar  Henri  Clouzot.  P.  456.  —  La 
prötendue  visite  de  Rabelais  au  chäteau  de  Bury,  par  Henri  Clouzot 
P.  462.  —  La  Cl^opätre  captive  de  Jodelle,  par  Gustave  Cohen. 
P.  465.  —  Chronique.  P.  468]. 

Gröber.  —  E.  Hoepffner,  Nachruf  auf  Herrn  Geh.  Regierungsrat  Prof. 

Dr.  Gustav  Gröber  mit  Portrait  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXVI,  1]. 
JVizier  du  Puitspelu  lyonnais.  Essai  sur  la  vie  et  l'ceuvre  deClair  Tisseur; 

par  Fernand  Robert.    Lyon,  impr.  A.  Rey.  1911.     In- 18  j^sus,  291  p. 

[Extrait  d'un  Mt^moire  couronnö  par  l'Academie  des  sciences,  belles- 

lettres  et  arts  de  Lyon,   1910]. 
Paris,  G.     S.  oben.     Matzke  Memorial  ]'olumi\ 
Rniinaud,  Gaston  (1850 — 1911).     Discours  de  M.  Eugene  Lelong.    1911. 

In-8,   16  p.  [Extrait  de  la  «Bibliotheque  de  l'Ecole  des  chartes*, 

t.  72,   1911]. 

!t.  Spraclisreschlclite,  Oraiiiuiatlk,  IjCxikos;rap1ilo. 

Lhermite,  J.  Quelques  aj)er(;'us  granimaticaux  .sur  los  languos  romanes, 
le  provenval  et  le  franc^ais.  Avignon,  F.  Seguin.  1911.  In-8,  11  p. 
[Extrait  des  «Memoires  de  l'Academie  de  Vaucluse>>,  1911]. 


1 12  \ouiläleiwerzeichnis. 

Schuchardi,  H.    Romano-baskisches  [In:  Zs.  1'.  loin.  Pliil.  XXXVI,  l]. 

Febvre.  L.  Hisloiro  et  linguistique  [In:  Rev.  de  synthese  historique, 
octobre  1911]. 

Jensen,  Kr.  Sandfeld.  Notes  sur  les  calques  linguistiques  [In:  Festschr. 
Vilhelm  Thomsen .  .  .  dargebracht  von  Freunden  und  Schülern. 
Leipzig,  O.  Harrassowitz,  1912]. 

Morgenroth,  K.  Vorläufige  Aufgaben  der  Sprachpsychologie  im  Über- 
blick [In:  Germanisch-romanische  Monatsschrift  1912.  P.  1 — 17. 
65—74]. 

Dauzat,  A.  La  philosophie  du  langage.  Paris,  E.  Flammarion.  3  fr.  50 
[P)ilili()th6que  de  Philos.  scientifique]. 


l.eroux,   A.    De  Tintroduction  du   francais  en  Limousin,   du  XIV^  au 

XVIe  siecle.     Notes  el  documents.    Paris,  Impr.  nationale.   1911. 

In-8,  80  p.  [Extrait  du  <'Bulletin  historique  et  philolcgique»,   1910.) 
Morf,  H.     Zur  sprachlichen   Gliederung  Frankreichs.     Mit  4  Tafeln. 

Berlin  1911  [Aus  den  Abhandlungen  der  Königl.  Preuß.  Akademie 

der  Wissenschaften  vom  Jahre   1911]. 


Balcke,  Curi.  Der  anorganische  Nasallaut  im  Französischen  vom  laut- 
phvsiologischen  Standpunkte  betrachtet.  Halle,  M.  Niemeyer 
[Beiheft  XXXIX  der  Zs.  f.  rom.  Phil.]. 

Espinosa,  Aurelio  M.  Old  French  ne  —  se  —  non  in  other  Romance 
Languages  (S.  oben  p.  111  Matzke  Memorial  Volume). 

Schuchordt,  H.    Zum  Nasaleinschub  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXVI,  1]. 


Baldenspcrger,  F.    "'UArt  pour  V Arf'  [In:  Mod.  Lang.  Notes  XXVII,  3]. 
Basielaer,  Rene  van,  L'origine  et  Tapplication  «gueux'>  aux  signataires 

du  Compromis  des  Nobles  [In:  Ac.  Royale  d'Arch^ol.  de  Belgique. 

Bulletin  1911.     IV.     S.  317—323]. 
Berthon,  H.  E.    Mettre  au  rancart  [In:  The  Mod.  Lang.  Review  VII,  1. 

S.   101]. 
Blondheim,  D.  S.     Provencal  aib,  ab,  aiba;  Portuguese  eiva  [In:  Mod. 

Lang.  Notes  XXVII,  1]. 
Braune,  Th.     Über  afr.  gibe,  fr.  gibet,  gibelot,  gihelet,  gable,  gäbet,  gabre, 

gober  und  gofje  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXVI,  1]. 
Dauzat,  A.     Les  emprunts  dans  l'argot  ffin)  [In:  Rev.  de  phil.  frans- 
et de  litt.  XXV,  4]. 
Delaruelle,  L.     Encore  ., Romantique''  [In:   Rev.   d'Hist.   litter.   de  la 

France  XVIII,  4]. 
Kaspers,  W.     Beitrag  zur  Etvmologie  von  französisch  aller  [In:  Zs.  f. 

rom.  Phil.  XXXVI,  1]. 
Lancaster,  H.  Carringion,  Crinesius  on  French  Pronunciation  [In:  Mod. 

Lang.  Notes  XXVII,  3]. 
Nicollet,  F.-N.     Etymologie  et  origine  du  mot  bori  [In:  Annales  de 

Provence  IX,  1]  (Vgl.  il).  D.  Martin  Les  boris  de  Provence). 
Nyrop,   Kr.     Quelques  remarques  sur  l'evolution  passive,     fitude  de 

semantique  Offerte  k  Hugo  Schuchardt  ä  l'occasion  de  son  soixante- 

dixieme  anniversaire,  le  4  fevrier  1912,  en  temoignage  d'admiration 

et  d'amitie.     Copenhague  1912. 
Premier  emploi   connu   du   mot  „Bonapartisme"'  [In:   La  Revolution 

frangaise.    14  dec.   1911]. 
Schuchardt,   H.     Rom.    ,, Katze"  =  ,, Rausch"   [In:    Zs.    f.   rom.   Phil. 

XXXV    737  f  1 
Schultz-Gora,  O.     Zu  afrz.  partir  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.   XXXVI,   1]. 
—  Afrz.  haut  tondu  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXVI,  1]. 


Xovitütenverzeichnis.  113 

—  Afrz.  a  moi  ,reichlich'  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.   XXXV,   733—736]. 
Thomas,  A.     Sur  l'expression  la  Sent  Johan  Mostoza  dans  une  Charte 

gasconne  (1262)  [In:  Romania  XL,  621—624]. 
Vaganay,  H.     Pour  l'histoire  du  Frangais  Moderne  [In:  Rom.  Forsch. 

XXXII,  1—184]. 
Walberg,  E.     Anc.  franc.  estovoir  [In:  Romania  XL,  610 — 617]. 
Wartburg,  W.  v.     Die  Ausdrücke  für  die  Fehler  des  Gesichtsorgans  in 

den  romanischen  Sprachen  und  Dialekten  [In:  Rev.    de  dialectol. 

rom.   III,  402—503]. 

Duprat,  E.     Note  sur  le  mot  Thor  ou  Tor  [\n:  Annales  de  Provence 

VIII,  4]. 
Duranti  la  Calade,  J.  de,  Notes  sur  les  rues  d'Aix  au  XlVe  et  au  XVe 

siecle  (suite)  [In:  Annales  de  Provence  VIII,  4]. 
Poisson,  G.    Note  sur  l'etymologie  du  nom  de  Jaude  [In:  Rev.  d'Au- 

vergne  XXVII  (1910),  S.  233—240]. 
Philippon,     E.       Dictionnaire     topographique    du    departement    de 

l'Ain,  comprenant  les  noms  de  lieu  anciens  et  modernes.    Paris, 

E.   Leroux.   1911.     In-4  ä  2  col.,  LXXXIII-533  p.  [Dictionnaire 

topographique  de  la  France,  public  par  ordre  du  ministre  de  l'in- 

struction   publique   et   sous  la  direction   du   Comit^   des   travaux 

historiques]. 
^'orrieu,  B.     Persistance  de  radicaux  celtiberiens  (noms  d'hommes  et 

de  divinites)  dans  quelques  noms  de  lieux  de  Gascogne  [In:  Bull. 

de  la  Soc.  archeol.  du  Gers,  1910.    S.  203—211]. 

Baldensperger,  F.  Notes  lexicologiques,  2e  serie  [In:  Rev.  de  phil. 
frang.  et  de  litt.  XXV,  4]. 

Bayer,  H.  Die  Negation  ne  nach  positivem  Komparativ  [In:  Casopis 
pro  Mod.  Filol.  II,  2]. 

Heise,  W.  Zur  historischen  Syntax  des  adverbial  gebrauchten  Ad- 
jektivs im  Französischen.  Göttinger  Dissertation  1911  [Sonder- 
abdruck aus  ,, Romanische  Forschungen"  XXXI,  3]. 

Henning,  Geo  N.  The  use  of  the  French  past  definite  in  sj-Clauses 
[In:  Mod.  Lang.  Notes  XXVII,  2]. 

Schultz-Gora,  O.  Afrz.  ausiconi  (que)  ,fast'  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXV 
732  f.]. 

Staacke,  E.  Die  Verwendung  von  Plusqueparfait  und  Passe-Anterieur 
im  Französischen.     Dissertation,  Göttingen  1912.     117  S.    8". 


Schinz,  A.  Les  accents  dans  l'ecriture  frangaise  (ä  suivre)  [In:  Rev 
de  philol.  frang.  et  de  litt^r.  XXV,  3.  4.] 

Ferrari,  G.  Nouveau  Dictionnaire  italien-frangais  et  fran^ais-italien 
contenant  tout  le  vocabulaire  de  la  langue  usuelle  et  donnant  la 
prononciation  figuree  des  mots  Italiens  et  teile  des  mots  frangais 
dans  les  cas  doutcux  et  diffiiiles.  Soigneusement  corrig»'\  revue 
et  augmente  de  plus  de  4000  mots  par  Arturo  Angcli.  Paris,  libr. 
Garnier  freres.     In-16  ä  2  col.,   XI-441   p. 

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u.  den  Schulgebrauch.  kl.  8".  Rerlin-Schönebeig,  Langenschoidfs 
Verlag.  Schellcns,  Jac.  Taschenwörterbuch  der  französischen  und 
deutschen  Sprache.  Mit  Angabe  der  Aussprache  nach  dem  |)lionct. 
System  der  Methode  Toussaint-Langenscheidt.  2  Tic.  XLVIIl, 
512  u.  XLVIIl,  552  S.     1911.     Geb.  in  Leinw.  je  2  Mk. 

Marcoff,  N.  Dictionnaire  de  poche  bulgarc-fram^ais  ot  frant^ais-bulgare. 
(En  2  vols.)  1.  vol.  Bulgare-frangais.  \'II,  551S.  kl.  8^  Leipzig, 
O.  Holtze's  Nachf.,   1912.     5  Mk. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX'/'.  « 


1 J  4  Nouüätenverzeichnis, 

Sanneg,  J .  I  »ictioimairo  t'tyinol.  de  l;i  laii^,'ui' fraii^'.  5.  Ik'fl.  Ilaiinovor, 
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berj;:,  Lanf^ensclieidtsclie  Verhi}.jsbucliiiandinng  (Prof.  G.  Langen- 
scheid t).     Preis  2  Mk. 

—    Dasselbe.    Zweiter  Teil,    i  )ciils(li-]''ran'/.i)sisch.    lOluia.    Preis  2  Mk. 

4.  9Iotrik,  SilÜHtlk,  Poetik,  Kliotorik. 

liujjum,  Douglas  L.     The  Refrains  of  Ihe  Cour  de  Paradies  and  of  a 

Salut  d'Amour  [In:  Mod.  Lang.  Notes  XXV!,  1]. 
Ernault,  E.     L'an(;ien  vcrs  bi'eton.     Expose  sonunaire,  avec  Exemples 

ol  Pioces  en  vers  bi'etons  anciens  et  niodei'nes.    Paris,  IL  Champion, 

1912.     2  fr. 
Fourrnann,  J.     tU>er  die  tlberlieferung  und  den  Versbau  des  Mvstöre 

de   S.   Hernard  de   Mentlion.      Diss.   Strasburg,    1<»11.     37   S'.     8". 
Jburg,  C.     tlber  Metrum  und  Sprache  der  Dichtungen  Nicole  de  Mar- 

givals  nebst  einer  kritischen  Ausgabe  des  Ordre  d'amom'  von  Nicole 

und  einer  IJnlersucliung  über  den  Verfasser  des  Gedichtes.     Diss. 

Rostock   191 L     IX,  87  S.     8». 
Martinon,    Ph.     Les  sirophes.     fitude   liistoiitpie  et  crilique  sur  les 

formes  de  la  poi^sie  lyrique  en  France  de|)uis  la  Renaissance  avec 

une  bibliographie  chronologique  et   un  röpertoire  göneral.     Paris, 

II.  Champion,   1912.     XVl'l,  (ilf)  S.     8».     15  fr. 
Souza,  Roh.  de.    Du  Rythme  en  Fran(,'ais.    Paris,  H.  Welter.    103  S.   8". 

5.  Modonu»  lHalckte  und  Volkskuiido. 

lioillol,   F.     Phonologie   patoise  [In:   Bulletin   de  dialectol.    rom.    III, 

97—100]. 
Brod,  /?.     Die  Mundart  der  Kantone  Cliateau-Salins  und  Vic  in  Loth- 
ringen [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXV,  041—682]. 
Panicl,  ./.     Clements  de  grammaire  pei'igonrdine.     Perigueux,  impri- 

merie  Ribes,  rue  Antoine   Gadaud    1911.     III,   114  S.     8". 
J)esormau:r,  J.     Les  Parlers  de  Savoie.     Annecy,  J.  Abry,  1911.    In-8, 

32  p.  [h]xtrait  de  la  ^>Hevue  savoisienne>s  ann^e  1911.     Fascicules 

3  et  4]. 
Diederich,  W.     Die  lexikographisclien  Eigentümlichkeilen  des  Franko- 

provenzalischen  nach  dem  Atlas  linguislique  de  la  France  (Karte 

1-1421).     Bonner  Dissert.   1911. 
Caurhat,  L.     Les  noms  des  vents  dans  la  Suisse  romande  (suite).    III. 

ruilyo;   IV.   i'audaire  [In:   Bull,   du   Gloss.   des  pat.   de  la   Suisse 

Romande  X,  2 — 3]. 
Glossaire  des  patois  de  la  A'»/.s\st  lioniandr.     Treizieme  rappovt  annuel 

de  la  r(!!daction   1911.     Neuchatel  1912. 
Cuerlin  de  Guer,  Ch.     MatiViaus  pour  \\n  lexique  du  parier  populaire 

de  Mons-la-Tour  (Haute-Loire)   (lin)  [In:   Rev.  de  Phil.  fran?.  et 

de  litter.   XXV,  3]. 
Jabcrg,  K.     Notes  siu'  Vs  final  libre  dans  les  patois  franco-provenQaux 

et  proven^aux  du  Piemont  [In:  Bull,  du  Gloss.  des  patois  de  la 

Suisse  Romande  X,  4]. 
Krüger,   F.     S})i'acligeogi'aphische  ITntersuchungen  in  Languedoc  und 

Boussillon.    II  [In:  Rev.  de  dialectol.  romane  III  3/4.    S.  287—338]. 
Luch.<irii;t'r,    Chr.      Die    schweizerische    Alpwirtschaft    im    Spiegel    der 

Mundart.     Vortrag,  gehalten  im   Ilistor.   Verein  des   Kantons  St. 

Gallen.     Zürich,  Druckerei  der  „Neuen  Züricher  Zeitung".     47  S. 


Novitätenverzeichnis.  1 15 

Matzke,  J.  E.    The  development  and  present  status  of  Romanic  Dia- 

lectology.     S.  oben  p.  111  Matzke  Memorial  Volume. 
Maze,  Abbe  C.    Etüde  sur  le  langage  de  la  banlieue  du  Havre.   Ouvrage 

posthurne  publik  par  les  soins  et  aux  frais  de  la  soci^tö.    Le  Havre, 

.1.  Gonfreville.     Ronen,  A.  Lestringant.     Paris,  E.  Dumont,  1903. 

In-8,  XII-226  p.    7  fr.  [Society  havrai,se  d'etudes  diverses]. 
—  Supplement  ä  l'Etude  sur  le  langage  de  la  banlieue  du   Havre. 

Publiee  en  1903  par  les  soins  et  aux  frais  de  la  soci^tc.     Le  Havre, 

J.  Gonfreville.    Ronen,  A.  Lestringant.     Paris,  E.  Dumont,  1904. 

In-8,  18  p.  [Societe  havraise  d'etudes  diverses]. 
Morf,  Heinr.     Zur  sprachlichen  Gliederung  Frankreichs.     [Aus:  ,,Ab- 

handlgn.  d.  kgl.  preuß.  Akad.  d.  Wiss."].     37  S.  m.  4  färb.  Taf. 

Lex.  8«.     Berlin,  G.  Reimer,   1911.     Geb.  3,öO  Mk. 
Tappelet,  E.    Le  regain  et  la  päture  d'automne  dans  les  patois  romands 

[In:  Bull,  du  Gloss.  des  pat.  de  la  Suisse  Romande  X,  2 — 3]. 
van  Gennep,  A.     La  Decadence  et  la  Persistance  des  patois.     Poitiers, 

bureaux  de  la  «Revue  des  idees'>,  26,  rue  de  Conde.   1911.     In-8, 

15  p.  [Extrait  de  la  «Revue  des  idees>>  du  15  juin  1911]. 
Vey,  E.     Le  Dialecte  de  Saint-Etienne  au  XVI le  siede.     Paris,  H. 

"Champion,   1911.     In-8,   XXXI-579  p.  avec  cartes. 
Weinmann,  W.     Beiträge  zur  Syntax  des  Wallonischen:  Artikel  und 

Pronomina.     Gießener  Disseft.  1911.     87  S.     8". 


Pitollet,  C.  Correspondance  de  Reboul  et  Roumanille  [In:  Rev.  d.  1. 
rom.  LIV,  381—518]. 

Armanac  de  Louzero  per  lou  bei  on  de  Dieu  1912.  58^  annado  del 
felibrige,  marco  las  fieiros,  las  festos,  las  lunos,  las  sesous.  I  o  de 
contes,  de  prouverbis,  de  chansons,  de  fargos,  per  la  passa  lou 
tems  al  brabe  mounde  de  nostre  pavs.  Mende,  impr.  C.  Pauc. 
1912.    Petit  in-8,  63  p.    25  cent. 

Armana  prouvengau  [)er  lou  bei  an  de  Dieu  e  dou  bissest  1912.  Adouba 
e  publica  de  la  man  di  Felibre.  Porto  Joio,  soulas  e  passo-tems  en 
tout  lou  pople  döu  Miejour.  Au  cinquanto-vuechen  döu  Felibrige. 
Avignon,  J.  Roumanille.  Paris,  Fontemoing;  A.  Taride;  Flamma- 
rion et  Vaillant.     Petit  in-8,  96  p.  avec  musique. 

Armana  döu  Ventour  e  dis  Au])iho,  en  prouvengau  (14co  annado), 
espeli  eme  l'ajudo  di  mestre  dou  felibrige  por  estruire  e  amusa 
lou  brave  pople  miejournau,  jtcr  l'an  1912.  Avignon,  impr.  Roche 
et  Rulliere.  Cabannes  (Bouches-du-Rh6ne),  L.  Vidau,  directeur 
de  r«Armana  dou  Ventour->.  1912.  Petit  in-8,  112  p.  avec  grav. 
50  cent. 

Audier,  C.  La  Destreuctiou  dö  Cabestang  pel  Deleuch6.  200  ans 
abant  la  naissen^o  de  las  gragnottos.  Narbonne,  impr.  V^  L. 
Fenateu.  1911.    Petit  in-16,  16  p. 

Bariaveu  (lou).  Armana  poupuläri,  per  lou  bei  an  de  Dieu,  1912. 
Voungenco  annado.  Villc-Dieu-Vaison,  impr.  Macabet  freres  et 
Jacomet.     1912.     In-16,  80  p.  avec  grav.  et  annonces.     4  sou. 

Dubut,  A.  Din  la  doublo.  Lou  Doublaou  MIlou,  count6  patois. 
Rib^rac,  impr.   G.  Langaret.   1911.    In-16,  47  p. 

Reichlen,  J.  Deux  chansons  populaires  fribourgeoises  [In:  Bull,  du 
Gloss.  des  pat.  de  la  Sui.sse  Romande.    X,  2 — 3]. 

Fe?/,  E.  Le  Ballet  fer^sien  de  1605,  en  dialecte  de  Saint-Etienne, 
suivi  d'extraits  en  prose  de  la  «Gazzette  frangoise>.  Thöse  com- 
pl6mentairc  prt''senti''e  ä  la  Facultö  des  lettres  de  Lyon.  Paris, 
H.  Champi(ui,   19M.     In-8,  118  p. 

Boillot,  F.  Tradilions  i)opulaires  de  Franche-Comti^  [In:  l?ulletin  de 
dialectol.  rom.  III,  87—96]. 

8* 


I  1(5  N  ovilälcnverzcirltitis. 

Doucltor    M.     Nouveaiix  Conles  populuiies,  Iranscrits  et  rinies  d'aprös 

la  trädilion.     Paris,  C.   Delagrave,  1911.     In-18,  108  p.    Net.  2  fr. 
Brisson  (Doctcur).    En  mont.agnebourbonnai.se.    Moeur.s  et  Coulurnes. 

Super.stitions  et  Soiriers.     Roanne,  inipr.  M.  Soucliier,  1911.    In- 10, 

267  |).    3  fr.  50. 
Conles  populaires  sur  les  ogres,   recueillis  a   Blida   et   traduil.s   par'   ./. 

Desparmel.     T.  2.     Paris,  E.  Loroux,   1910.     In-18,  ö40  p.  [Collec- 

tion  de  ronles  et  de  chansons  populaires]. 
Cosquin,  E.     Le  Conte  du  Chat  et  de  la  Chandelle  dans  l'Europe  du 

moyen  äge  et  en  Orient  (fin)  [In:  Romania  XL,  481 — ö31]. 
Gagnier,  G.     Survivance  du  culte  solaire  dans  les  coiffures  feminines  en 

Bretagne,   Auvergne,    .Savoie,    Bourbonnais,    etc.      St.    Brieux,    E. 

Hamonic.     Paris,  Champion.     1   fr.  50. 
La  Chesnaye.  J.  de.     Le  Vieux  Bocage  qui  s'en  va  (Notes  de  Folklore 

et  de  Traditionnisme).     1911.     202  S.  [Aus:  Revue  du  Ras-Poitou]. 
Vesly,  L.  de.     Legendes  et  Vieilles  Coutumes.     Rouen,  impr.  L.  Gy, 

1911.     In-8,  10  p.  [Extrait  du  «Bulletin  de  la  Soeiete  libre  d'emu- 

lation  du  commerce  et  de  Industrie  de  la  Seine-Inferieure»  (exer- 

cices   1910.  p.   311   ä  318)]. 

«.  Ijiteratnrgeschichte. 

a)  Gesamtdarstellungen. 

Faguet,  E.     La  prose  fran^aise  des  origines  ä  nos  jours.     Librairie  des 

Annales  Politiques  et  Litteraires,  rue  Bonaparte  26,  Fans.  830  S.  16**. 
Leroux,  A.     La  legende  de  saint  Martial  dans  la  litterature  et  l'art 

anciens  [In:  Bulletin  de  la  Soc.  archeol.  et  histor.  du  Limousin  LX 

(1910-11),  S.  64—85,  353—366]. 
Neubaur,  L.     Zur  Geschichte  der  Sage  vom  ewigen  Juden  [In:  Zs.  d. 

Vereins  f.  Volkskunde  1912.     S.  33—54]. 
Pagani-Gina,  Cortese.     II  <.Bertoldo>>  di  G.  C.  Croce  ed  i  suoi  fonti  [In: 

Studi  medievali  III,  4]. 
Pschmadt,  C.    Die  Sage  von  der  verfolgten  Hinde.     Dissert.  Greifswald 

1911.     134  S.     8». 
Remond,  A.  et  P.  Voivenel.     Le  Genie  litteraire.    Paris,  F.  Alcan,  1912. 

In-8,  308  p. 
Söderhjelm,    W.      Oculus-Linteus.      Zwei    Geschichten   von   Weiberlist 

[In:  Neuphilol.  Mitteilungen  1912,  Nr.  1/4], 
Stefanovic,    Stef.      Ein    Beitrag    zur    angelsächsischen    Offa-sage    [In: 

Anglia  XXXV,  4]. 
Wallensköld,  A.     L'origine  et  Tevolution  du  Conte  de  la  femme  chaste 

convoitee  par  son  beau-frere  (Legende  de  Crescential  [In:  Neuphil. 

Mitteilungen   1912,  Nr.   1/4]. 


Sedier,  J.     La  ,,Chronique  de  Turpin"  et  le  pelerinage  de  Compostelle 

(fin)  [In:  Annales  du  Midi  Janvier  1912]. 
Brockstedt,  Gust.     Von   mittelhochdeutschen   Volksepen   französischen 

Ursprungs.     IL  Tl.     III,  163  S.     Lex.  8».     Kiel,  R.  Cordes,  1912. 

8  Mk. 
Counson,   A.     La  pensee  romane.     Essai  sur  Tesprit  des  litteratures 

dans  les  nations  latines.     Livre  1.     Louvain,  A.  Uystpruyst-Dieu- 

donne,  Paris,  Gabriel  Beauchesne  &  Cie.,  1911.    371  S.    8»  [Biblio- 

theque  de  la  Societe  d'Etudes  morales  et  juridiques  2]. 
Creizenach,  Wilh.     Geschichte  des  neueren  Dramas.     1.  Bd.  Mittelalter 

u.  Frührenaissance.     2.,  verm.  u.  verb.  Aufl.     XV,  628  S.    gr.  8". 

Halle,  M.  Niemeyer,  1911.     16  Mk. 
Delavaud,  H.     Les  Frangais  dans  le  Nord.    Notes  sur  les  premieres 

relations  de  la  France  avec  les  royaumes  scandinaves  et  la  Russie 


.\  oi>i'  ätenverzeichnis- .  117 

septentrionale   depuis   Tantiquite   jusqu'ä   la   fin   du    XVle   siecle. 

Rouen,  Impr.  L.   Gy,   1911.     110  S.     4«. 
Gazier,  A.     Les  moralistes  du  iiioyen  äge  [In:  Rev.  des  cours  et  Con- 
ferences XX,   10]. 
Galpin,  St.  L.     Dangiers  li  ^^ilains  [In:   Tlie  Romanic  Review  II,  3. 

S.  320—322]. 
Hamilton,   Th.   E.     The  cyclic  relations  of  the  Chanson  de  Willame. 

Published  by  the  University  of  Missouri.    July,  1911  [University  of 

Missouri  Studies  ed.  by  \^'.  G.  Brown.     IT.  Literary  and  linguistic 

series]. 
Langfors,  A.     Les  traductions  et  paraphrases  du  Pater  en  vers  fran- 

cais  du  moyen  äge  [In:  Neuphil.  Mitteilungen  1912,  Nr.  1/4]. 
Langlois,  Ch.-V .    La  Connaissance  de  la  nature  et  du  monde  au  moyen 

age,   d'apres   quelques   ecrits   francais   ä  Tusage   des  laics.     Paris, 

Hachette,  1911.     XXIV,  400  S.     16». 
Nitze,  W.  A.     The  sister's  son  and  the  Conte  del  Graal  [Aus:  Modern 

Philol.  IX,  Nr.  3,   January  1912]. 
Parducci,  A.     Couleur  de  livree.     Roma.  Unione  editrice    1911.     [Per 

nozze  Luiso-Mangani]. 
Peebles,  R.  J .    The  Legend  of  Longinus  in  Ecclesiastical  Tradition  and 

in  English  Literature,  and  its  connection  with  the  Grail.     Dissert. 
Baltimore,   J.   H.   Fürst  Company  1911   [Bryn  Mawr  College  Mo- 

uographs.    Monograph  Series  IX]. 
ViUeiard,  H .     Remarques  sur  la  fete  des  fous,  au  moven  äge,  ä  propos 

d'un  livre  recent.    Paris,  A.  Picard  et  fils,  1911.    In-8,  28  p.  [Extrait 

du  «Bulletin  de  la  Societe  des  sciences  historiques  et  naturelles  de 

r  Yonne»,  2e  semestre,  1910]. 
Wendt,  H.     Die  Oliviersage  im  altfranzösischen  Epos.     Diss.  Kiel  1911. 
Zenker,  R.    Zum  Ursprung  der  Tristansage  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXV, 

715—731]. 
Zonta,  Giuseppe.    .\rl)ilr;iti  rcaii  d  (piestioni  giocose  [In  :  Studi  medievali 
III,   4]. 

Alden,  R.  M.     The  doctrine  of  verisimilitude  in  Frencli  and  English 

Criticisme   of   the   seventeenth    Century   (s.    oben    p.    111    Malzke 

Memorial  Volume). 
Cherbuliez,  V.     L'Ideal  romanesque  en  France  de  1610  ä  1816.     Paris, 

Hachette  et  Cie..   1911.     ln-16.  VI-301   p.    3  fr.   50  [Bibliotheque 

vari6e]. 
Cohen,  G.     La   renaissancc  tlu   Theätre   l)reton   et   FCEuvro   de  Tabbe 

Le  Bayon  [In:  Mercure  de  France  16  dec.   1911]. 
('oleridge,  G.     Montaigne  and  La  Boetie  as  friends  and  husbands  [In: 

The  Fortnightly  Review.     December   1911]. 
Gourbet,   E.      Deux    poeles   professeui'S  d'ecriture   au    XVic  siede:    ./. 

Lemoyne,  P.  Habert  [In:  Bulletin  du  Bibliophile  1911]. 
Dejuste,  L.-H.     Le  nn^decin  dans  le  tla^ätre  conlemporain.     Tiu'se  pour 

le  doctorat  en  m^decine.     Paris,  Ollier-Henry  1910. 
bierks,  O.     Die  dramatische  Bearbeitung  nationaler  Stoffe  in  Frank- 
reich.    127  S.     8".     Hannover  1911.    Münster,  A.  Greve.     1,25  Mk. 
Eiilcnbcrg,   H.      Schattenbildei'.      Eine    Fibel    für    Kulturbediirftige   in 

Deulscldand.      Siebenle  Aul'lage.      Berlin,     P.runo    Cassirer,     \\)\\. 

(Darin  u.  a. :  Ztu' Würdigung  Molieres,  Emile  Zola,  Graf  Gobineau, 

.Maupassant). 
Fnguct,    E.      La    tragedic   a\i    XVP'  siecle.      Nnuvelle   edition.      Paris, 

Fontemoing.     Fi'.   7.50. 
Gazier,  A.     Les  moralistes  frangais  du  X\'l''  et  WIK  siecle  [In:  Rev. 

des  cours  et  Conferences  XX,  7]. 


118  N  ovitätenverzeiclin  is. 

—  Les  moralistes  frangais  du  XVI^  au  XVII I«  siöcle.  Les  moralisles 
de  la  renaissance:  Erasme,  Amyot  [In:  Rev.  des  cours  et  Con- 
ferences XX,  11]. 

Griselle,  E.    La  Bruyere  et  Bossuet  [In:  Bulletin  du  Bibliophile  15  avril 

1911]. 
Jakob,  G.     L'illusion  et  la  desillusion  dans  le  roman  realiste  frangai.s 

(1851  ä  1890).     Paris,  Jouve  &  Cie.,  1912.     143  S.     8». 
Lefranc,  A.    Fran^ois  I  [In:  Rev.  des  cours  et  Conferences  XX,  7.  8]. 
Legouis,  E.     Les  poetes  royalistes  pieux  sous  Charles  I^r  [In:  Rev. 

des  cours  et  Conferences  XX,  6]. 

—  Les  poötes  royalistes  pieux  du  XVIIe  siecle  [ib.  XX,  7]. 
Mansuy,  A.    Le  monde  slave  et  les  classiques  frangais  aux  XVI-XVIIe 

siecles.    Pröface  de  Ch.  Diehl.     Paris.    500  S.     8«.     10  fr. 
Mercereau,  A.    La  litterature  et  les  idees  nouvelles.    Paris,  E.  Figui^re 

&  Cie.     3  fr.  50. 
Mignon,  M.     Les  influences  italiennes  dans  la  com^die  frangaise  de  la 

Renaissance  [In:  Rev.  des  cours  et  Conferences  XX,  8]. 
Mille,    P.     La   litterature   humoristique   en   France   au   dix-neuvieme 

siecle  [In:  Wissen  und  Leben,  Zürich.  V,  6]. 
Morel,  L.     L'influence  germanique  chez  Mme  de  Charriere  et  chez 

Benjamin  Constant  [In:  Rev.  d'Hist.  litter.  de  la  Fr.  XVIII,  4]. 
Moulhiade,  H.    Verlaine  et  Mallarme.    Le  Symbolisme  et  sa  floraison 

poetique,  de  1860  k  1910.    Conference  faite,  le  3  fevrier  1911,  aux 

«vendredis»  de  la  Societe  scientifique  et  agricole  de  la  Haute-Loire. 

Le  Puy,  impr.  Peyriller,  Rouchon  et  Gamon.     1911.     In-8,  35  p. 

[Extrait  du  «Bulletin  historique  de  la  Societe  scientifique  et  agricole 

de  la  Haute-Loire»). 
Neumann,    A.      Bauernfelds    Verhältnis    zur    französischen    Lustspiel- 
Literatur.     Progr.  Steyn   1911.     32  S.     8«. 
Pellissier,  G.     Le  realisme  du  romantisme.     Paris,   Hache tte  et  Cie. 

3  fr.  50. 
Pellisson,  M.    Les  Homnies  de  lettres  au  XVIIIe  siecle.    Les  Hommes 

de  lettres  et  la  loi.     Les  Hommes  de  lettres  et  le  pouvoir.     Les 

Hommes  de  lettres  et  les  libraires.     Les  Hommes  de  lettres  et  les 

comediens.     La  Vie   priv^e   des  hommes  de   lettres,   etc.     Paris, 

A.  Colin,  1911.     Petit  in-8,  315  p.    3  fr.  50. 
Schröder,  Thdr.     Die  dramatischen  Bearbeitungen  der  Don  Juan-Sage 

in  Spanien,  Italien  und  Frankreich  bis  auf  Moliere  einschUeßlich. 

Halle,  M.  Niemeyer  [Beiheft  der  Zs.   f.  rom.  Phil.]. 
Seignobos,  Ch.     La  politique  de  Lamartine  et  de  Cavaignac  [In:  Rev. 

des  cours  et  Conferences  XX,  10]. 
Sirowski,  F.    La  litterature  frangaise  au  XI Xe  siecle.    Paris,  P.  Dela- 

plane.     3  fr.  50. 
■ —  Le  mouvement  poetique    en  France,  dans   la  premiere  moitie  du 

XIXe  siecle.     I:  L'etat  de  poesie  en  France  au  commencement  du 

XIXe  siecle  [In:  Rev.  des  cours  et  Conferences  XX,  6]. 
Toldo,  P.     La  Fontaine  et  Moliere  [In:  Rev.  d'Hist.  litter.  de  la  Fr. 

XVIII,  4]. 
van  Tieghem,  P.  Le  mouvement  romantique.  Paris,  Hachette  et  Cie.  2  fr. 
Trettin,  A.     Darstellung  des  Familienlebens  in  der  ,,comedie  larmoy- 

ante"   und   im   ernsten   bürgerlichen  Schauspiele   Frankreichs   im 

18.  Jahrhundert.     Diss.  Kiel  1911. 
Wechssler,  E.     Weltanschauung  und   Kunstschaffen  im  Hinblick  auf 

Moliere  und  Victor  Hugo.    Marburg  a.  L.  1911.    Verlag  von  Adolf 

Ebel  [Marburger  Beiträge  zur  romanischen  Philologie  IX]. 
Wedderkop,  M.  v.    Neue  Wege  zur  französischen  Literatur  des  17.  und 

18.  Jahrh.     Berlin,  K.  Curtius.     3,50  Mk. 
Ziegler,   E.     Das   Drama   der   Revolution.     Berlin    1911.     Wiegandt 
^&  Grieben  (G.  K.  Sarasin). 


Novitätenverzeichnis.  119 

b)  Einzelne  Autoren. 

Banville,  Th.  de,  1823—1891,  p.  Max.  Fuchs.  Paris,  Ed.  Cornölv  et  Cie. 
10  fr. 

Baudelaire.  —  F.  Caussy.  La  jeunesse  de  Baudelaire  [In:  Annales 
Romantiques  VIII,  5]. 

Boileau,  Longin  et  Perrault  p.  A.  Gazier  [In:  Rev.  des  cours  et  Confe- 
rences 20,  1]. 

—  Boileau  et  la  poesie  frangaise  apres  1674  p.  A.  Gazier  [In:  Rev.  des 
cours  et  Conferences  XX,  4]. 

—  Boileau,  Port-Royal  et  les  Jesuites  p.  A.  Gazier  [In:  Rev.  des  cours 
et  Conferences  XX,  5]. 

—  Boileau  et  son  temps.  Conclusion.  Par  A.  Gazier  [In:  Rev.  des 
cours  et  Conferences  XX,  6]. 

Bossuet  s.  oben  p.  118  Griselle. 

Bude,  G.  p.  A.  Lejranc  [In:  Rev.  des  cours  et  Conferences  XX,  1.  2.  4.] 
Chapelain,  J.  Un  poete  protecteur  des  lettres  au  XVI le  siecle  p. 
G.  Callas.     Paris,  Perrin  et  Cie.     7  fr.  50. 

Chateaubriand  et  Napoleon  p.  Lanzac  de  Laborie  [In:  Le  Correspondant 
10  janv.   1912]. 

—  Chateaubriand  et  les  prix  decennaux,  d'apres  des  documents  inMits 
p.  C.  Latreille  [In:  Revue  d'Hist.  litter.  de  la  Fr.  XVIII,  4]. 

—  V.  Giraud.  Nouvelles  etudes  sur  Chateaubriand.  Paris,  Hachette 
et  Cie.     3  fr.  50. 

—  G.  Pailhes.  La  duchesse  de  Duras  et  Chateaubriand  d'apres  des 
documents  inedits.     Paris,  Perrin  et  Cie.     7  fr.  50. 

Chenier,   M.-J.   als    Kritiker   und   satirischer   Dichter   von    E.    Peters. 

Diss.  Leipzig  1911.     210  S.     8«. 
Condillac  par  Jean  Didier.     Paris,  Blond  et  Cie.     1911.     In-16,  64  p. 

60  Cent  [Philosophes  et  Penseurs.     Science  et  Religion,  no  627]. 
Cousin,   V.  —  P.  B.     L'arrestation  de  Victor  Cousin  en  Allemagne. 

Lettres  et  documents  inedits  [In:   Rev.  d'Hist.  litter.   de  la  Fr. 

XVIII,  4]. 
Daudet,  A.  —  B.  Bonnet.     Un  paysan  du  Midi.     Le  "Baile"  Alphonse 

Daudet.     Souvenirs.    Traduits  p.  /.  Loubet.    Paris,  E.  Flammarion. 

(Un  fort  volume  in- 18  avec  le  texte  proven^al  en  regard  du  texte 

frauQais). 
Des  Autels.  —  J.  Madeleine.     Guillaume  des  Autels  et  les  «Jeux  de 

Romans»  [In:  Revue  d'Histoire  littör.  de  la  Fr.  XVIII,  4]. 
Erckmann-Chatrian  p.  Paul  Acker  [In:  Revue  de  Paris  XIX,  6]. 
Genlis,   Madame  de,  et  la   Grande-Duchesse   Elisa   (1811 — 1813);   par 

Paul   Marmottan.      Lettres    inedites   suivies    de  l'ouvrage    sur    les 

«Moeurs   de    l'ancienne   cour».      Paris,    Emile-Paul.      1912.      In-8, 

100  p.  et  Portrait.     4  fr. 
Gautier,  Theophile,  p.  Laurent  Tailhade  [In:  La  Nouvelle  Revue  10  nov.]. 

—  ä  Compicgne  [In:  Annales  Romantiques  VIII,  5]  (Aus:  Le  Temps. 
10  octobre  1911). 

Gobineau.     S.  oben  p.   117  Eulenburg. 

Les  Goncourl  et  la  M^decine  p.  Duplessis  de  Ponzilhac.  'riiese  1910 
[Universite  de  Montpellier.     Facultö  de  M^decine]. 

Habert,  P.     S.  oben  p.  117  Courbet. 

Hugo,   V.     S.  üben  j).  118  Mcchs.sler. 

Jehan  de  Vignay  and  liis  influoiice  on  Eai'ly  Eiiglisli  IJtorature  by 
Gay  E.  Snavely  [In:  The  Romanic  Review  II,  3]. 

Judith,  Mme.  Mömoires  de  Madame  Judith,  de  la  Com^die-Fran^aise, 
et  Souvenirs  sur  ses  contemporains,  rt^digc^s  par  Paul  Gsell.  Illustra- 
tions  de  Laurent  Gsell.  Paris,  J.  Tallandier.  1911.  In-18  j^sus, 
318  p.  3  fr.  50  [La  Vie  d'une  grande  com6dienne]. 

La  Boetie.     S.  oben  p.  117  Coleridgc. 

La  Bruyere.     S.  oben  p.  118  Griselle. 


120  \oi>i!iileni>erzeichnis. 

La  Fontaine.     8.  oben  ]».  118  Toldo  und  ]>.  110  Rochambeaii. 
Lamartine  et  Bartliölcniy  [In:  Annales  Roniantiques  VIII,  ö.     S.  38» 
(kurze  Notiz)]. 

—  La  jeunesse  de,  p.  M.  Strowski  [In:  Hev.  des  cours  et  Conferences 
XX,  10]. 

—  Strowski,  La  pröparation  po6tique  de  Lamartine  [In:  Revue 
des  cours  et  conförences  XX,  12]. 

jMinennais.   —   Aug.    Boucher.      Berryer   et   Lamennais   d'apres    une 

correspondance  inedite  [In:  Le  Correspondant  10  janv.   1912]. 
Latouche,  H.  de,  et  la  Camaraderie  litteraire  p.  L.  Seche  [In:  Annales 

Romantiques  VIII,   5]. 
Leconte  de  Liste  et  Robespierre  p.  Fr.  Vermale.    [In  :  Aniiales  revolution- 

naires.     1911,  mai-juin]. 
Lemoyne,  J.     S.  oben  p.  117  Courbel. 
Longin.     S.   Boileau. 
Lucas,    Hyppolite.    —    J.    de   la    Rou:ciere.      Les    papiers   d'Hyppolite 

Lucas  [In:  Annales  Roniantiques  VIII,  5.     S.  383]. 
Maeterlinck,  M.  p.  L.  Maury  [In:  Revue  bleue.     IC  decembrc  1911]. 
Malebranche  par  J.  Martin.     Paris,  Bloud  et  Cie.     1912.     In-16,  64  p. 

[Philosophes  et  Penseurs.     Science  et  Religion,  n^*  626]. 
Maupassant.     S.  oben  p.  117  Eulenburg. 

Mercier.  —  Ä.  de  Bersancourt.     Louis  Mercier.     Paris,  Jouve. 
Moliere.     S.  oben  p.  117  Eulenburg,  p.  118  Toldo,  p.  118  Wechssler. 

—  G.  Ransohoff.  Zu  Moliere  [In:  Das  literarische  Echo.  1.  Januar  1912]. 
Montaigne.     S.  oben  p.  117  Coleridge. 

—  Von  Guido  Dinkgraeve  [In:  Deutsche  Monatshefte,  Düsseldorf. 
XI,   12]. 

—  Cancalen.  L'Esprit  positif  et  scientifique  de  Montaigne.  Paris, 
Pelletan.     1911. 

Montesquieu  et  Machiavelli  p.  E.  Levi-Malvano.  144  S.  8".  Paris, 
H.  Champion  [Bibliotheque  de  l'Institut  frangais  de  Florence  II]. 

Musset.  —  Ed.  Leterrier.  La  critique  et  les  debuts  de  Musset  [In: 
Revue  du  Temps  präsent,  2  decembre  1911]. 

—  Chr.  Beck.  Alfred  de  Musset  und  das  Germanentum  (Schluß) 
[In:  Zs.  f.  franz.  und  engl.  Unterricht  X,  6]. 

Panard,  Ch.  Fr.  von  E.  Junge.     Leipziger  Dissert.  1911.     194  S.     8*^. 

Pascal,  Blaise.  Etudes  d'histoire  morale;  par  Victor  Giraud.  La 
Philosophie  de  Pascal.  Une  legende  de  la  vie  de  Pascal:  l'accident 
du  pont  de  Neuilly.  Pascal  et  nos  contemporains.  Pascal  et  les 
«pensees'>.  Pascal  a-t-il  6te  amoureux?  Un  nouveau  manuscrit 
du  «discours  sur  les  passions  de  l'amour».  Une  heroine  cornelienne : 
Jacqueline  Pascal.  L'Evolution  religieuse  de  Pascal.  Ouvrage 
orne  d'un  portrait  de  Jacqueline  Pascal.  2«  edition,  revue  et 
corrigee.    Paris,  Hachette  et  Cie.     1911.     In-16,  VI-336  p.  3  fr.  50. 

—  Pascal,  Blaise,  et  les  premiers  omnibus  parisiens  p.  Charles  Samaran 
[In:  Journal   des   Debats  1912.     Mardi  2    et   mercredi  3  janvier]. 

Perrault.     S.   Boileau. 

Rabelais.     S.  oben  p.   Hl. 

Regnier,  H.  de,  p.  Constantin  Photiades  [In:  Rev.  de  Paris  XIX,  3]. 

—  Le  poete  et  le  romancier  p.  Henry  Berton.    Paris,  B.  Grasset.    2  fr. 
Ronsard.     Pierre  de  Ronsard.     Essai  de  biographie.    Les  Ancetres  — 

La  Jeunesse.     Par  Henri  Longnon.     Avec  un  portrait  hors  texte. 
Paris,  H.  Champion.     1912.     XII,  512  S.  [Bibliotheque  litteraire 
du  XVle  siecle]. 
Rousseau,  J.-J.     S.  oben  p.  Hl. 

—  Fr.  Kanzler.  Die  Ermitage-Zeit  als  ein  Markstein  in  Rousseaus 
Leben.     Züricher  Diss.  1911.     139  S.     8». 

Sainte-Beuve,  l'homme  et  l'oeuvre.  Etüde  m^dico-psychologique  (these) ; 
par  Francis  Voizard.  Lvon.  A.  Rey,  1911.  In-8,  III-113  p.  et  grav. 


Novilätenverzeirhnis.  121 

4Sales.  —  George  Fonsegrive.     Saint  Frangois  de  Sales  et  Sainte  Chantal 

[In:  Rev.  de  Paris  XIX,   1]. 
Sand,  G.    Sa  vie  et  ses  oeuvres  III  1838 — 1848,  p.  W.  Karenine.    Paris, 

Plon-Nourrit  et  Cie.     7  fr.  50  (früher  erschienen  I:   1804 — 1833; 

II:   1833—1838). 
Sender y,   G.    de.    als   Epikei-   von    R.    Reumann.      Diss.    Leipzig    1911. 

VIII,  86  S.     8». 
Sorel,  Albert,  Conteui'  et  romancipi-  p.  A.-E.  Sorel  [In:  Rev.  de  Paris 

XIX,  4.  5]. 

Stendhal  et  ses   conimentateurs   j).    Jean    Melia.      Paris,    Mercure   de 

France.     3  fr.  50. 
—  Stendhal  au  Palais-Royal  [In:  Le  Gaulois,  2  janvier  1912]. 
Stael,  Mme  de.  —  Sofia  Rui'asi.     Leopardi  et  Mme  de  Stael.     Milano, 

Tipografia  Sociale  1910.     Paris.  H.  Champion.     113  S.     8".     Preis 

2  fr.  50. 
Saint-Simon.  —  Alfred  Pereire.     Autour  de  Saint-Simun.     Documents 

originaux.     Saint-Simon,  Auguste  Comte  et  les  deux  lettres  dites 

'«Anonymes».      Saint-Simon    et   l'entente   cordiale.      Un   secretaire 

inconnu  de  Saint-Simon.     Saint-Simon  et  les  freres  Pereire.     Paris 

H.  Champion,   1912.     Prix:  3  fr.  50. 
Spire,  Andre,  von   H.  Guilbeaux  [In:  Das  literarische  Echo  XIV,  8]. 
Sully-Prudhomnie  \\.  .Jean  Canora  [In:  Rev.  des  cours  et  Conferences 

XX,  9]. 

Verlaine.  —  E.    Raynaud.      Consid6rations    sur    Paul    Verlaine    [In: 

Mercure  de  France.     16  janv.   1912]. 
Viau,  Th.  de.  — Laehevre,  F.    Un  memoire  inedit  de  Franc^ois  Garassus 

adresse  ä  Mathieu  Mole,  procureur  general.  pendant  le  proces  de 

Theophile  [In:  Rev.  d'Hist.  litter.  de  la  Fr.  XVIII,  4]. 
Vigny,    Alfr.   de.      Contribution    ä   sa   biographie   intellectuelle   p.    F. 

Baldensperger.     Paris,  Machet te  et  Cie.     3  fr.  50. 
Voltaire  et  la  Hollande  p.  Georges  Bengesco  [In:  Revue  de  Paris  XIX,  4]. 
Voiture  et  les  annees  de  gloire  de  l'Hotel  de  Rambouillet,  1636 — 1648. 

Portraits  et  documents  inedits  p.  E.  Magne.     3  fr.  50. 
Voltaire.     S.  oben  p.  110  Jordan. 
■ —  La  Jeunesse  de  Voltaire.    Conference  faite  ä  Limoges,  le  6  juin  1911 ; 

par  M.   Prevot-Leygonic.     Limoges,   Impr.  nouvelle.  9.  place  Fon- 

taine-des-Barres.     1911.     Pelil  ni-8,  38  p. 
■ —    Voltaire  au  pays  de   Gex   p.    F.   Cnussi/  [In:    Morcuro  de   France 

16  Uvr.  1912]. 
Zola.     S.  oben  p.   117  Eulenburg. 

7.  Aasgabeu.    £rlänteriiug;s8cliriltcu.    C'bersetziiuscn. 

Bertoni,  Giulio.  Duc  notc  ])rovenzali  [In:  Studi  mediovali  111.  4| 
(I.  Marcabruno;   11.   Sul  canzoniere  di  Lanfancro  Cigala). 

f'ollectanea  Friburgensia.  Veröffentlichungen  der  Universität  Freiburg 
(Schweiz).  Publications  de  l'universitö  de  Fribourg  (Suisse).  Neue 
Folge.  Lex.  8".  Freiburg  (Schweiz).  Universitäts-Buchh.  Fase. 
XL  (XX  der  ganzen  Reihe).  Anioros,  Bernart:  11  canzoniere  i)ro- 
venzale.  (CompkMuento  Campori.)  Ed.  diplomalic;»  preceduta  da 
un'introduzione  a  cui-a  di  Giulio  Bertoni.  XXXI,  489  S.  m.  1  Fksni.- 
Tafel.  Friburgo  1911.  10  Mk.  Fase.  XIl.  (XXI  der  ganzen 
Reihe.)  Dasselbe.  (Sezione  Riccardiana)  a  cvn-a  di  Giulio  Bertoni. 
181  S.  m.  2  Fksm.-Taf.     Friburgo   1911.     4  Mk. 

La  grande  inondation  de  V Arno  en  MCCCXXXlll.  Aiuiius  poemes 
populaires  italiens.  ßdites  et  traduils  en  fran^ai.'^  par  les  soins 
de  MM.  S.  Morpurgo  et  J.  Luehairc.  Paris:  IL  (,liam|uon.  Florence: 
R.  Bemporad  &  F<*.  1911.  (  Cet  opscule  est  exclusivement  vendu 
au  bönefice  des  Bouquinistes  victimes  des  inondations  de  la  Seine 
1910     Prix:   1,50). 


]  22  Noi>il(ileni>erzeichm's. 

La  Solle  de  Bochemaure,  (Duo  de).  Les  Troubadours  cantaliens. 
Xlie-XXe  siecles.  T.  icr  et  2.  Texte  des  oeuvres  des  troubadours 
revus,  corrig^s,  traduits  et  annotös  par  Rene  Lavaud,  agr6g6  des 
lettres.  1910.  2  vol.  in-16  avec  vignettcs,  planches  et  musique. 
T.   ler,  651  p.;  t.  2,  608-XX  p. 

Leblond  (Docleur  V.).  Quatre  inventaires  et  testaments  beauvaisins 
(1397—1451).  Paris,  Impr.  nationale.  1911.  In-8,  46  p.  [Extrait 
du  «Bulletin  archeologique»,   1911]. 

Sammlung  mittellateinischer  Texte,  hrsg.  v.  Alfons  Hilka.  8°.  Heidel- 
berg, Carl  Winter.  1.  Des  Petrus  Alfonsi  Disciplina  clericalis 
(das  älteste  Novellenbuch  des  Mittelalters),  nach  allen  bekannten 
Handschriften  hrsg.  v.  Alfons  Hilka  u.  Wern.  Söderhjelm.  Kleine 
Ausg.  XV,  50  S.  1911.  1.20  Mk.  2.  Klapper,  Jos.,  Exempla 
aus  Handschriften  des  Mittelalters.     X,  87  S.     1911.     2  Mk. 


Adam  le  Bossu,  trouvere  artesien  du  Xllle  siecle.  Le  Jeu  de  la  Feuill^e 
ödite  par  Ernest  Langlois.  Paris,  H.  Champion  [Les  Classiques 
fran§ais  du  Moyen-Age]. 

Äucassin  et  Nicolette.  Edite  par  Georges  A.  Tournoux.  63  u.  14  S. 
8".     Leipzig,  E.  Rowohlt,  1912.     Kart.  28  Mk.,  geb.  38  Mk. 

—  Äucassin  u.  Nicolette.  Altfranzösische  Liebesmär.  Deutsch  von 
F.  V.  Oppeln-Bronikowski.  71  S.,  kl.  8".  Leipzig,  C.  F.  Amelang, 
1911.     Geb.  1  Mk. 

—  S.  Aschner.  Zu  ,, Äucassin  und  Nicolette"  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil. 
XXXV,  741—743]. 

Boi>o  d' Antone.  —  J.  Beinhold.  Die  franko-italienische  Version  des 
Bovo  d'Antone  (Nach  dem  Codex  Marcianus  XIII.)  (Schluß)  [In: 
Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXVI,  1]. 

Carmina  burana.  —  G.  Bertoni.  Intorno  ai  ,,Carmina  burana"  [In: 
Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXVI,  1]. 

Chretien.  —  C.  Strucks.  Der  junge  Parzival  in  Wolframs  von  E.schen- 
bach  ,, Parzival",  Crestiens  von  Troyes  ,,conte  del  gral"  im  eng- 
lischen ,,Syr  Percyvelle"  und  italienischen  ,,Carduino".  Dissert. 
Münster  1910.     75  S.     8^. 

—  George  L.  Hamilton.  Storm-making  Springs:  Studies  on  the  sources 
of  Yvain  [In:  The  Romanic  Review  II,  4  (to  be  continued)]. 

Cour  de  Paradies.     S.  oben  p.  114  Bufjum. 

Li  Despisemens  du  cors  p.  p.  A.  Langfors  [In:  Romania  XL,  566 — 570]. 

Eide.  —  C.  W.  Wahlund.    Bibliographie  der  französischen  Straßburger 

Eide  vom   Jahre   842.     Upsala,   Akademiska  Bokhandeln,   Paris, 

Champion,  1911.     54  S.     8». 
Eustorg  de  Beaulieu.  —  Gestes  des  solliciteurs.     A  sixteenth  Century 

metrical   account  of   the   abuses  of  Law  Courts,   by  Eustorg  de 

Beaulieu  p.  by  Helen  Harvitt  [In:   The  Romanic  Review  II,   3]. 
Floire  et  Blancheflor.  —  C.   Crocioni.     Quando    penetrö    in    Italia  la 

leggenda  di   Fiorio  e  Biancofiorio   [In:    Bullettino    della    Societä 

filologica  romana.     N.  S.  2]. 
- —  Flore  et  Blanchefleur.    Berthe  aux  grands  pieds.     Texte  adapte  par 

Marie  Butts.     4  planches  hors  texte  en  couleurs  et  28  dessins  de 

Fernand  Fau.     Paris,  Larousse,  1911.     Petit  in-8,  142  p.    2  fr.  50 

[Contes  heroiques  de  Douce  France]. 
Le  Gargon  et  V Aveugle.     Jeu  du  XIII^  siecle  edite  p.  Mario  Roques. 

Paris,  H.  Champion  [Les  Classiques  frangais  du  Moyen  Age]. 
Gesta  Romanorum.  —  M.  Krepinsky.     Quelques  remarques  relatives 

ä  l'histoire  des  Gesta  Romanorum  (ler  article)    [In:  Moyen  Age 

XXIV,  277—306]. 
Guilhem  Figueira.  —  Giulio  Bertoni.     Su  Guilhem  Figueira  [In:  Zs.  f. 

rom.  Phil.  XXXVI,  1]. 


Novüätenverzeichnis.  1 23 

Guillaume  le  Marechal.  —  H.  Winter.  Das  Kriegswesen  in  der  alt- 
französischen  „Histoire  de  Guillaume  le  Marechal".  Gießener 
Dissert.  1911. 

Hilarius.  —  Ph.  Seh.  Allen.  Notes  on  Mediseval  lyrics:  Paul  von 
Winterfeld's  conjectural  emendations  to  the  text  of  Hilarii  Versus 
et  Ludi  [In:  Mod.  Phil.  IX,  3]. 

Jehan  de  le  Mote.  —  K.  A.  Nyman.  Quelques  observations  sur  le 
cycle  poetique  des  visions  et  la  Voie  d'infer  et  de  paradis  de  J.  de 
le  Mote  [In:  Neuphilol.  Mitteilungen  1911.     Nr.  7/8]. 

Lanfranc  Cigala.     S.  oben  p.  121  Bertoni. 

Mainet.  —  J.  Reinhold.  Eine  verkannte  Episode  der  ital.  Mainet- 
version [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXV,  742  f.]. 

Marcahrun.     S.  oben  p.  121  Bertoni. 

Marie  de  France.  Three  Lays  of  Marie  de  France  retold  in  English 
Verse  by  Frederik  Bliss  Luquiens.  Henry  Holt  &  Company. 
New  York  1911. 

Miracles  of  the  Virgin  p.  by  T.  F.  Crane  [In:  The  Romanic  Review 
11,3]. 

Mystere  de  S.  Bernard  de  Menthon.     S.  oben  p.  114  Fourmann. 

Nicol  de  Margival.     S.  oben  p.  114  Ihurg. 

The  Oak  Book  of  Southampton  ed.  by  P.  Studer.  Vol.  II,  including 
a  fourteenth  Century  version  of  the  Mediaeval  sea-laws  known  as 
the  Rolls  of  Oleron.  Southampton.  Cox  &  Sharland.  1911  [Publi- 
cations  of  the  Southampton  Record  Society]. 

—  Supplement  to  the  Oak  Book  of  Southampton.  Containing  Notes 
on  the  Anglo-French  dialect  of  Southampton  (Early  Fourteenth 
Century).  Glossary  and  Indexes.  Southampton,  Cox  &  Shar- 
land.    1911. 

Ogier.     S.  oben  p.  117  Wendt. 

Pathelin.  • —  J.  Schumacher.  Studien  zur  Farce  Pathelin.  Dissert. 
Berlin   1911.     96  S.     8«. 

Peregrinatio  Aetheriae.  —  Löfstedt,  Einar.  Philologischer  Kommentar 
zur  Peregrinatio  Aetheriae.  Untersuchungen  zur  Geschichte  der 
latein.  Sprache.  Hrsg.  m.  Unterstützung  des  Villi.  Ekmanschen 
Universitätsfonds.  (Arbeten  utgifna  med  understöd  af  Vilhelm 
Ekmans  universitetsfond,  Uppsala.)  III,  360  S.  Lex.  8".  Uppsala 
1911.     Leipzig,  O.  Harrassowitz.     Mk.  10. — . 

Perrin  La  Tour  Du  Mesdisant  p.  p.  A.  Ldngfors  [In:  Romania  XL, 
559—565]. 

Petri  Alfonsi  Disciplina  Clericalis  von  Alfons  Hilka  und  Werner 
Söderhjelm.  I.  Lateinischer  Text.  Helsingfors  1911  [Acta  Socie- 
tatis  Scientiarum  Fennicae  XXXVIII,  4]. 

Philippe  de  Thaon.  —  Vising,  J.  La  rime  met:  bec  dans  le  Bestiaire 
de  Philippe  de  Thaon  [In:  Romania  XL,  617—618]. 

Reichenauer  Glossen.  —  W.  Foerster.  Noch  einmal  die  Reichenauer 
Glossen  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXVI,  1]. 

Le  roman  de  taute  chevalerie.  Die  altfranzösische  Alexanderdichtung 
„Le  roman  de  toule  chevalerie"  des  Thomas  von  Kent  und  die 
mittelenglische  Romanze  ,,Kyng  Alisaunder"  in  iiirem  Verhältnis 
zu  einander  von   Th.  Hildenbrand.     Bonner  Dissertation   1911. 

Sainte-Maure,  B.  de.  Le  Roman  de  Troie.  Public  d'apres  tous  ies 
manuscrits  connus  par  Leopold  Constans.  T.  5:  Table  analytique  des 
noms  propres.  Notes.  Glossaire.  Additions  et  corrocfions.  Paris, 
Firmin-Didot  et  Cie.  1909.  In-8,  343  p.  [Societö  des  ancions 
textes  fran^ais]. 
Saint-Osith.  —  Baker,  A.  T.  An  Anglo-French  life  of  Saint  Ositli. 
Language  and  versification  [In:  The  Mod.  Lang.  Review  VII,  i. 
S.  74—93  (To  he  concluded)]. 
Salut  d'Amour.     S.  oben  p.  114  Buffum.' 


1 2 1  Novitäten  Verzeichnis. 

Servcri  de  Girone.  —  A.  Jeanroy.     Un  ,,planh"  de  S.  de  0.  (1276)  [In: 

Annales  du  Midi  Janvier  1912]. 
Tristan.     S.  oben  p.   117  Zenker. 
—   Thomas,  A.    Galerox  dans  La  Folie  Tristan  de  Berne  [In:  Romania 

XL,  618—621]. 
Vie  de  Saint  Gregoire.     S.  oben  p.  111   Matzke  Memorial  Volume. 
Wilhelm  IX  von  Poitou.  —  Giulio  Bertoni.      Intorno  a  una  poesia  di 

Guglielmo  IX  di  Poitiers  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXVI,  1]. 
Willame.     S.  oben  p.  117  Hamilton. 

Anthologie   des   prosateurs   jraneais   contemporains.      IL    Ilistoriens    et 

m^morialistes,  ecrivains  et  oiateurs  politiques,  journalistes,  ecrivains 
scientifiques    (1850    ä    nos   jours);    par   Georges    Pellissier.      Paris, 

C.  Delagrave.     1911.     In-18,  564  p.  3  fr.  50. 
Egger,  M.     Les  lettres  de  Maurice  de  Guörin  ä  Barbey  d'Aurevilly: 

temoignage   et  fragmenls   in(klits  [In:  Rev.  d'Hist.  litt,  de  la  Fr. 

XVIII,  4]. 
Gazier,  A.     La  Correspondance  de  Boileau  et  de  Racine  [In:  Rev.  des 

cours  et  Conferences  XX,  3]. 
Marot,    Ronsard,    Du    Bellay,    d'    Auhigne,    Regnier.      Chefs-d'oeuvre 

po^tiques,    avec    notices    biographiques,    etudes    litteraires,    com- 

mentaire    philologique,    litteraire    et    grammatical;    par    Maxime 

Lanu.'tse.     Saint-Cloud,  impr.  Belin  freres.     Paris,  libr.  de  la  meme 

maison.     1911.     In-12,  280  p.  1  fr.  40. 
Michelet  et  Beranger,  lettres  inödites  [In:  La  Revue,      ler  nov.  1911]. 
Mille,  P.     Anthologie  des  humoristes  francais  contemporains.     Paris, 

Ch.  Delagrave.     3  fr.  50. 
Pellissier,  G.     Le   XVI Ile  siecle  par  les  textes.     Morceaux  choisies. 

Paris,  Ch.  Delagrave.     5  fr. 
Rudier,  G.     Deux  lettres  d'Edgar  Quinet  ä  Benjamin  Constant  et  une 

lettre  sur  Benjamin  Constant   [In:   Rev.   d'Hist.   litt^r.   de  la  Fr. 

XVIII,  4]. 
Vaganay,  H.     Un  sonnet  italien  peu  connu.     Quatre  traductions  du 

"Stabat  Mater"  au  XVle  siecle.     Paris,  H.  Champion  1911    [Estrait 

de  la   Revue   des   Bibliotheques,   nos   10 — 12.     Octobre-Decembre 

1911].  

Balzac.  —  G.  Thouvenin.  La  genese  d'un  roman  de  Balzac.  La  Re- 
cherche de  FAbsolu  [In:  Rev.  d'Hist.  litter.  de  la  France  XVIII,  4]. 

—  Eug^nie  Grandet.  Illustrations  de  Bigot- Valentin.  Paris,  E.  Flam- 
marion.    1911.     In-8,  303  p.  4  fr.  50. 

—  Ergötzliche  Geschichten,  in  den  Abteien  des  guten  Lebens  gesammelt 
und  zur  Freude  pantagruel.  Kumpane,  nicht  auch  der  Neidbolde, 
an  Tag  gebracht  durch  Herrn  v.  B.  Verdeutscht  durch  Paul  Wiegler. 
3.  Aufl.  480  S.  mit  einem  eingeklebten  Bildnis.  8".  München, 
R.  Piper   &  Co.     1912.    Mk.  7.—. 

Baudelaire,  Charles.  Les  fleurs  du  mal.  Ed.  par  Georges  A.  Tournoux. 
VIII,  282  S.  gr.  8".  Leipzig.  E.  Rowohlt.  1911.  geb.  in  Pappbd. 
Mk.  8.—. 

Beranger.  —  /.  Strohsehneider.  Kulturgeschichtliches  in  den  Liedern 
Berangers.    Progr.  Salzburg  1911.    23  S.     8». 

Bossuet.  Correspondance.  Nouvelle  fidition  augmentee  de  lettres 
inedites  et  publice  avec  des  notes  et  des  appendices  sous  le  patro- 
nage  de  l'Acadömie  Frangaise  p.  Ch.  Urbain  et  E.  Levesque.  V. 
Paris,  Hachette  et  Cie.     7  fr.  50. 

Brasse.  —  G.  Bahinger.  Wanderungen  und  Wandelungen  der  Novelle 
von  Cervantes  ,,E1  curioso  impertinente"  mit  spezieller  Unter- 
suchung von  Brosse's  ,,Le  curieux  impertinent".  Diss.  München 
1911.     VIII,  61   S.     8». 


Novitäleiwerzeichnis.  125 

Chateaubriand.  —  Correspondance  generale  de  Chateaubriand,  publiee 
avec  introduction,  indication  des  sources,  notes  et  tables  doubles; 
par  Louis  Thomas.  T.  ler.  Paris,  H.  et  E.  Champion,  1912. 
In-8,  XI-404  p.  et  un  portrait  inedit. 

—  Lettres  inedites  sur  la  Guerre  d'Espagne  p.  p.  Louis  Thomas  [In: 
Mercure  de  France.    16  fevrier  1912]. 

—  Lettres  au  Prince  de  Polignac  [In:  Rev.  de  Paris  XIX,  3]. 

—  Memoires  d'outre-tombe.  Pages  choisies,  avec  une  introduction 
et  des  noiGS  ]}di.v  Victor  Giraud.  Paris,  Hachette  et  Cie.  1911.  In-16, 
XXVI 1-278  p.    3  fr.  50  [Bibliotheque  variee]. 

—  Un  dernier  amour  de  Rene.  Correspondance  de  Chateaubriand 
avec  la  Marquise  de  V  .  .  .  Avec  une  introduction  et  des  notes 
par  T.  de  Wyzewa.    Paris,  Perrin   &  Cie.     3  fr.  50. 

Corneille''?)  allusion  to  the  Astree  in  his  Suite  du  Menteur  [In:  Mod. 
Lang.  Notes  XXVII,  3]. 

—  Les  Sentimens  de  l'Academie  frangoise  sur  la  tragi-comedie  du 
Cid,  d'apres  le  manuscrit  de  la  niain  de  Chapelain  conserve  ä  la 
Bibliotheque  nationale  avec  les  corrections,  une  introduction  et  des 
notes  (these  complementaire);  par  Georges  Collas.  Paris,  A.  Picard 
et  fils.   1912.     In-8,  XI-92  p. 

—  G.  Bernard.  Le  Cid  espagnol  et  le  Cid  frangais.  Essai  de  critique 
et  d'analyse  litteraire.     Lille  1911.     32  S.     16». 

—  S.   oben  p.    111   Matzke  Memorial    Volume. 

—  Theätre  choisi  illustre.  Notices,  annotations;  par  Henri  Clouard. 
T.  3.  Paris,  Larousse.  1911.  Petit  in-8,  223  p.  1  fr.  [Bibliotheque 
Larousse]. 

— •  Corneille  und  die  deutsche  Literatur.     Ein  Beitrag  zur  Geschichte 

der  deutschen  Corneilleübersetzungen  von  K.  H.  Schmid.     Progr. 

Eßlingen.    1911.     32  S.     4». 
Daudet,  A.     Les  amoureuses.     Metrisch  übersetzt  von  Prof.  Dr.  Fritz 

Meyer.     Gustav  Fock,  Leipzig.     VII,  54  S.     8". 
Dierx,  Leon.  —  H.  Derieux.     L'ffiuvre  de  Leon  Dierx  [In :  Mercure 

de  France.    16  janv.  1912]. 
Dumas,  A.  —  Leo  Mouton.    Bussy  d'Amboise  et  Madame  de  Montsoreau 

d'apres  des  documents  inedifs.     Paris,  Hachette  et  Cie.     7  fr.  50. 
Fenelon.  —  A.  Cherel.     L'idee  du  «naturel>>  et  le  sentiment  de  la  nature 

chez  Fenelon  [In:   Revue  d'Hist.  litter.  de  la  France   XVIII,  4]. 

—  Les  Aventures  de  Telemaque,  suivies  des  Aventures  d'Aristonoüs. 
Edition  revue  sur  les  meilleurs  textes  et  accompagnee  de  notes 
g^ographiques.  Paris,  Hachette  et  Cie.,  1911.  Petit  in-16,  XV- 
368  p.    1   fr.  25  [Classiques  fran^^ais]. 

Flaubert.  —  Paysages  de  Grece,  exlraits  inedits  des  notes  de  voyage 
de  Gustave"  Flaubert  (1850 — 1851)  [In:  Annales  Romantiques 
VIII,  5]. 

Fontaine,  Ch.  —  C.  Ruutz-Rees.  Charles  Fontaine's  Fontaine  d'Amonr 
and  Sannazaro  [In:  Mod.  Lang.  Notes  XX\'II,  3]. 

Friedrich  der  Große.  —  Briefe  Friedrichs  des  Großen  an  Thieriot, 
herausgegeben  von  Emil  Jacobs.  Berlin  1912.  \\'oiilmannsche 
Buchhandlung  [Mitteilungen  aus  der  Königlichen  Bibliothek, 
hrsgb.   von   der   General  Verwaltung].     3  Mk. 

—  W.  Mangold.  Eine  ungediuckto  Epistel  F'riedrichs  des  Großen. 
Zum  zweihundert jiihrigen  Geburlstag  des  Dichters  [In:  Arch.  f.  n. 
Sprachen   CXXVII,   S.   399—403]. 

—  W.  Mangold.  Friedrichs  des  Großen  Odo  Le  Ronouvellement  de 
l'Acadc^mie  des  Sciences  [In:  Die  neueren  Sprachen  XIX,  9]. 

Garnier,   R.  —   Rolland,   J.     La   Tragedie   fran(^aise  au   XVI^  siecle. 

«Les  Juifves).     Paris,  E.  Sansot  et  Cie.,  1911.     In-8,  136  p. 
Grcsset.   —    Donald   Clive   Stuart.      The   source    of    Gresset's    Mechant 

[In:  Mod.  Lang'  Notes  XXVII,  2]. 


i  20  ISovitälenverzeichnis. 

Hugo    V.  —  Virgilc  Pinot.     L'tiisloirc  daris  l'^I^xpiation'';  la  retraite 

de  Jinssio  [In:  Rev.  d'Hist.  Iitl6r.  XVIII,  4]. 
—  L.  Seche.     Le  „Ronsard"  do  Victor  Hugo  [In:  Mercure  de  France. 

1«  janv.   1912]. 
La  Fontaine.     Fables  illustr6es.     Notices  et  annotations  par  Maurice 

Morel.      T.   ler,   17  grav.  dont  2  liors  texte;  t.  2,   11  grav.,  dont 

2  hors  texte.     Paris,   Larousse,   1911.     2  vol.  petit  in-8.     T.   l^r, 
152  p.;  t.  2,   174  p.    Chaque,   1  fr. 

Lamartine.  —  J.   Marsan.     Encore  des  variantes  de  Lamartine  [In: 

Rev.  d'Hist.  littör.  de  la  Fr.   XVIII,  4]. 
Lamartine,    A.    de.      Reciieillements    po6tiques.      Epltres    et    Poösies 

diverses.     Paris,  Hachette  et  Cie.,   1911.     In-16,   XXXVI-375  p. 

3  fr.  50. 

Im  Morvannais,  H.  de.  Oeuvres  choisies,  poösie  et  prose,  avec  des 
notes  explicalivos;  par  l'abbe  E.  Fleury,  docteur  es  lettres.  Paris, 
H.  Champion,  1911.     In-8,  157  p.     2  fr.  50. 

Le  Franc,  Thomas.  —  Nouveaux  docunients  sur  Thomas  Le  Franc, 
mödecin  de  Charles  VII,  prolecteur  de  l'humanisme,  p.  Antoine 
Thomas  [In:  Ac.  des  inscript.  &  belles-lettres.  Comptes  Rendus 
1911.     S.  671—676]. 

Maeterlinck.  —  G.  Cohen.  Le  conflit  de  l'homme  et  du  destin  dans 
le  thMtre  de  Maeterlinck  [In:  La  Revue  du  mois  1912.  10  janv.]. 

Marot.  ■ —  CEuvres  de  Clement  Marot,  revues  et  annotöes  p.  i'eu  G. 
Guijfrey  et  mises  au  jour  p.  R.  Yve-Plessis.  T.  l^r.  Vie  de  Clement 
Marot  (Bd.  II  u.  III  sind  früher  erschienen.  Die  vollständige 
Publikation  wird  5  Bände  umfassen). 

Maupassant,  G.  de.  ffiuvres  choisies,  pof^sies,  contes,  romans  et  nou- 
velles,  th^ätre.  Preface  et  analvses;  par  F.  Dernot.  Paris,  C. 
Delagrave,  1911.    In-18,  408  p.    3  fr.  50  [Collection  Pallas]. 

Merimee.  —  H.  Monod.  Les  Lettres  de  Mörimöe  ä  Panizzi  [In:  Annales 
Romantiques  VIII,  5]. 

Moliere'&  sämtliche  Werke  in  sechs  Bänden.  Übersetzt  von  Wolf 
Grafen  Baudissin.  (Durch  neue  Übersetzungen  ergän.zt.)  Heraus- 
gegeben von  Prof.  Dr.  Philipp  August  Becker.  Mit  einem  Bilde, 
einer  Karte  und  einem  Faksimile.  Erster  Band.  Molieres  Leben 
und  Wirken.     Leipzig,  Hesse  &  Becker.     131   S.     8**. 

- —  Le  Bourgeois  gentilhomme,  com^die-ballet,  publiee  conform^ment 
au  texte  de  l'ödition  des  Grands  Ecrivains  de  la  France,  avec  une 
vie  de  Moliere,  une  notice,  une  analyse  et  des  notes,  par  MM.  G. 
Lanson  et  D.  Mornet.  Paris,  Hachette  et  Cie.,  1911.  In-16,  175  p. 
Cartonn6,    1  fr.  [Classiques  frangais]. 

Montaigne.  Extraits  d'apres  le  dernier  texte  public  par  l'auteur 
(Edition  de  1588)  avec  une  Instruction  et  des  notes  philosophiques, 
litteraires,  grammaticales.  Nouvelle  edition,  revue  par  l'abbö 
Felix  Klein.     Paris,  J.  de  Gigord,  1911.     In-18,  388  p.    2  fr.  40. 

Muret.  —  Franck- Belage.  Marc-Antoine  de  Muret,  poete  frangais 
[In:  Bull,  de  la  Soc.  arch^ol.  et  bist,  du  Limonsin  LX  (1910—1911), 
S.   163—190]. 

Nerval,  Gerard  de,  Correspondance  1830 — 1855,  introd.  et  notes  p. 
J.  Marsan.     Paris,  Mercure  de  France  1911.     3.50. 

Pascal  inc^dit.  IV.  La  Pauvresse  de  Pascal;  par  Ernest  Jovy.  Poitiers, 
Society  fran^aise  d'impr.  et  de  libr.  Vitrv-le-Frangois  41,  rue  Pav^e 
1911.     In-8,   130  p. 

Perrault,  C.  et  Mme  d'Aulnoy.  —  Contes  en  vers  et  en  prose.  Paris, 
E.  Flammarion,  1911.  In-18  j^sus,  394  p.  95  cent  [Les  Meilleurs 
auteurs  classiques  frangais  et  ^trangers]. 

Perrault.  —  Les  Contes  de  Perrault,  precedes  d'une  preface  par  J.  T. 
de  Saint- Germain.  Paris,  E.  Guf^rin.  Grand  in-8,  226  p.  avec 
illustrations. 


Novitäteiwerzeichnis.  127 

—  Les  Contes  des  f^es.    Paris,  E.  Gu^rin,  1911.    In-18,  216  p.  avec  grav. 
Precosi,  Abbe.    Histoire  de  Manon  Lescaut  et  du  Chevalier  Des  Grieux. 

Edite  par  Georges  A.  Tournoux.    298  S.    S^.    Leipzig,  E.  Rowohlt. 

1911.  Kart.  6.50  Mk. 

Regnier,  M.  QEuvres  completes.  Revues  sur  les  editions  originales, 
avec  preface,  notes  et  glossaire,  par  Pierre  Jannet.  Paris,  E.  Flam- 
marion, 1911.  In-18  Jesus,  304  p.  95  cent  [Les  meilleurs  auteurs 
classiques  frangais  et  ^trangers]. 

Regnier,  H.  de.  Discours  de  reception  ä  l'Academie  fran^aise  pro- 
noncö  le  18  janvier  1912.  Paris,  «Mercure  de  France»,  26,  rue  de 
Cond6.    1912.    In-16,  43  p. 

Sainte-Beuve.  —  Lettres  inedites  de  Sainte-Beuve  ä  Charles  Labitte 
(1834 — 1845)  avec  une  introduction  et  des  notes  par  Georges  Sanguier. 
Paris,  H.  Champion,  1912.     78  S.     8".     Prix:  2  fr.  50. 

Stendhal.  —  Henri  Beyle  de  Stendhal.  Zuviel  Gunst  tötet.  Novelle. 
Erste  Veröffentlichung  nach  dem  Manuskript  von  Friedrich  von 
Oppeln-Bronikowski  [In:   Die  neue  Rundschau.     Dezember   1911]. 

—  Le  Rouge  et  le  Noir.  Introduction  par  Casimir  Stryienski.  T.  l^r 
et  2.  Paris,  Larousse.  2  vol.  petit  in-8  avec  4  grav.  dont  2  hors 
texte.  T.  ler,  197  p.;  t.  2,  232  p.  Chaque  volume,  1  fr.  [Biblio- 
theque  Larousse]. 

Sully  Prudhomme  Lettres  ä  une  amie  (1865 — 1880)  [In:  Rev.  des 
deux  mondes  15  dec.   1911]. 

—  Lettres  ä  une  amie  (1865—1881).  T.  ler  et  2.  Paris,  Impr.  na- 
tionale; le  Livre  contemporain.  1911.  2  vol.  in-4  avec  vignettes 
et  portraits.     T.   ler,    XXIV-261  p.;  t.  2,  321  p. 

Tristan  VHermite.  —  Ch.  Vincent.  «Le  Parasite»  de  Tristan  l'Hermite 
comme  source  et  comme  Imitation  [In:  Studi  critici  di  filologia 
e  glottologia  (Napoli)  1,  1]. 

—  A'^.  M.  Bernardin.  I^a  'Mort  de  Seneque'  de  Tristan  L'Hermite 
[Rev.  des  cours  et  Conferences  XX,  1]. 

Vigny,  A.  de.  —  Ch.  Lesans.     Notes  sur  deux  poemes  de  Vignv  [In: 

Rev.  d'Hist.  litter.  de  la  Fr.  XVIII,  4]. 
■ —  A.   Desvoyes.     Deux  lettres  inedits  d'Alfred  de  Vigny  [In:  Bull. 

du  Bibliopliile  15  mars  1911]. 
Villedieu,  Madame  de,  inconnue;  par  le  capitaine   Derome.     Mamers, 

impr.  Fleury,  1911.    In-8,  16  p.  et  grav. 
Villiers  de  VIsle,  Adam.    Isis.    Deutsch  v.  Hanns  Heinz  Ewers.     Der 

gesammelten  Werke  4.  Bd.     II,  342  S.     8^.    München,  G.  Müller, 

1912.  4  Mk. 

Voltaire.  —  Ein  Schreiben  Voltaires  und  drei  Briefe  Melch.  Grimms 
an  den  Fürsten  Wenzel  Kounic  von  Vlad.  Helfert  [In:  Casopis 
pro  Moderni  Filologii  II,  1]. 

—  Hanicka-Zula(vska,  C.  Les  femmes  dans  le  theätre  de  Voltaire. 
Diss.  Bern   1911.     102  S.    S». 

—  Price,  W.  R.  The  symbolismc  of  Voltaire's  Novels  with  special 
reforonce  to  Zadig.  New- York,  The  Columbia  University  Press 
1911.  VI,  265  S.  8"  [Columbia  University.  Studios  in  RoFuance 
Phiiology  and  Litorature]. 

—  A.  Terracher.  Nole  sur  le  Pour  et  le  Contre  de  Voltaire  [In:  Mod. 
Lang.  Notes  XXVII,  2]. 

—  Q^.uvres  completes.  T.  40.  Paris,  Hachette  et  Cie.,  1911.  In-16, 
423  p.     1   fr.  25. 

8.  GeHchlcIiio  und  Tlieorlo  dos  Uuterrlclilsi. 

Collischonn,  G.  A.  O.  Ilands  ol'f!  vVutwort  auf  lleiiii  Prof.  Vietors 
Frage:  ,,Das  F,n(le  dci'  Scluilreform  ?"  [In:  Neue  .lahi-bücher  1912. 
II.    S.  57—85]. 


128  .  \<>i>U((leiiveizrirluiis. 

Söderhjelm,  W .  VAn  Wort  ül)or  iinscie  rioupliilologisclifeii  .Studien  umi 
Prüfungen  [In:   Neupliilol.  Milteilungen    1912,   Nr.   1/4]. 

Petzold.  Die  Irarizösisclio  und  enKÜsche  Lektüre  an  den  höheren 
Knaben.sehnlen  J*rouf.»ens  im  Sehuljalir  Ifl09/I0.  A.  Die  IVanzö.sisctie 
Lektüre  (Schluß)  [In:  Zs.  f.  franz.  u.  engl.  Unterricht  X,  (i]. 

Jioustan,  M.    I'röcis  d'oxplication  francaise.    (Methode  et  application.s 
Paris,  Librairie  CJassique  Paul  Delaplane. 

Schneegans,  H.     Bonn.     1818  —  W.-.S.   1910/11.     Erlangen    1911   [.S< 
parat-Abdruck  aus  Band   XI,  4  des  Romanischen   Jahresberichts 
hrsgb.  von   Karl  Voilmöller]. 

—  Grenoble,    üniversile   du   Tonrisme   [In:   Hev.   de   Paris   XIX,   ä] 
Walter,  Max.     Zur  Metiiodik  des  neusprachlichen   Unterrichts.     Vor 

träge,  walirend  der  Marburger  Ferienkurse  1906  u.  1908  gefi 
2.  Aufl.  VIII,  f)8  S.  gr.  8».  Marburg,  N.  fi.  Elwert's  Verl.,  1012 
1.70  Mk. 

—  Die  Reform  des  neusprachlichen  Lnterrichts  auf  Schule  und  Uni 
versität.  2.  verm.  Aufl.,  ni.  e.  Anh.  v.  Wilh.  Vietor.  X,  26  S 
gr.  80.     Marburg,  N.   G.   Elwert's  Verl.,   1912.     Tii  Pfg. 

Waterstradt.     Zur  Frage  des  französ.  Aufsatzes  [In:  Zs.  f.  französ.  und 

engl.  Unterricht  X,  6]. 
Wetterling,   H.      Der    französische    l'nterricht    in    den    Lehrerbildung.<- 

anstalten.       Methodische     Beiträge     nebst     Unterrichtsbeispielen. 

117  S.     8".     Gotha,  E.  F.  Thienemann,  1911.     2.50  Mk. 

9.  liehrniiltel  für  den  frauzösischen  Unterricht. 

a)  Grammatiken,  Übungsbücher  etc. 

Auge,  C.     Grammaire.    Cours  elementaire;  par  Claude  Auge.    Regles. 

Exceptions.     Remarques.     Syntaxe.     Exemples.      Questionnaires. 

600  exercices.    300  dictees  ou  poesies.    Analyse  du  mot,  de  la  pro- 

position,   de  la  phrase.     Synonymes.     Antonymes.      Homonymes. 

Derivation.    Periphrases.    Proverbes,  etc.    Narrations.    Redactions 

d'apres  l'image.     Lettres.     Livre  du  maitre  illustre  de  180  grav. 

Conforme   ä  la   nouvelle   nomenclature  grammaticale.     Paris,   La- 

rousse.     In- 12,  396  p.    2  fr. 
Baconnet,  G.  et  C.  Grillet.  —  Petite  Grammaire  frangaise,  claire,  courte, 

compiete,  conforme  aux  arretes  ministeriels  des  26  fevrier  1901  et 

25  juillet  1910.     Lyon,  E.  Vitte.     Paris,  libr.  de  la  meme  maison. 

In- 16,  191  p.  avec  grav.  [Certificat  d'etudes  primaires]. 
Boerner,  O.  u.   R.   Dinkler.     Lehrbuch  der  französischen  Sprache  für 

Mittelschulen.     Oberstufe.     Hrsgb.  v.  D.    Livre  du  maitre.     35  S. 

kl.  80.    Leipzig,  B.   G.  Teubner.   1912.     1.80  Mk.     [Nur  direkt  an 

Lehrer.] 

—  u.  M.  Mitlell.  Lehrbuch  der  französischen  Sprache  für  höhere 
Mädchenschulen.  Livre  du  maitre.  kl.  8".  Leipzig,  B.  G.  Teubner 
1.  Tl.  Klasse  VII.  Hrsg.  v.  M.  18  S.  1912.  80  Pfg.  ^4.  Tl.  Klasse  IV. 
Hrsg.  V.  M.    20  S.     1912.    1  Mk.     [Nur  direkt  an  Lehrer.] 

- —  u.G.Werr.  Lehrbuch  der  französischen  Sprache.  I.  Abtlg.  2.  Aufl. 
Livre  du  maitre.  30  S.  kl.  8«.  Leipzig,  B.  G.  Teubner,  1912. 
1.50  Mk.     [Nur  direkt  an  Lehrer.] 

Boerner,  Otto,  dem.  Pilz  u.  Max  Rosenthal.  Lehi'buch  der  französischen 
Sprache  für  preußische  Präparandenanstalten  und  Seminare  nach 
den  Bestimmgn.  vom  1.  7.  1901.  (Boerners  neusprachl.  Unterrichts- 
werk.) III.  Tl.:  Übungsbuch  f.  Seminare.  Mit  dem  Hölzelschen 
Bilde  V.  Paris,  11  Taf.,  17  iVbbildgn.  im  Text,  1  Kartenskizze, 
1  (färb.)  Plane  v.  Paris  u.  1  (färb.)  Karte  v.  Frankreich.  2.,  voll- 
ständig umgearb.  Aufl.  XII,  181  S.  8».  Leipzig,  B.  G.  Teubner, 
1912.     Geb.  2.10  Mk. 


Xovitäienverzeichnis.  129 

Bouüliez,  H.  et  Lefebvre,  D.  Nouveau  Cours  de  langue  frangalse 
conforme  aux  programmes  officiels  et  ä  l'arrete  ministeriel  du 
25  juillet  1910,  relatif  ä  la  nouvelle  nomenclature  grammaticale. 
Cours  moyen.  54  grav.  730  exercices  d'observation,  de  reflexion, 
d'application  de  regles  grammaticales,  61  lectures  choisies  et  dictees 
de  certificat  d'etudes,  avec  plan  et  questions;  21  recitations  en 
prose  et  en  vers;  160  exercices  de  vocabulaire,  famille  de  mots, 
association  d'idees;  160  exercices  de  composition  frangaise.  Paris, 
Gedalge  et  Cie.,  1911.     In-8,  368  p.  avec  grav. 

Breuil,  E.  Legons  illustrees  de  frangais.  Methode  active  et  experi- 
mentale.  Vocabulaire  en  action.  Grammaire  pratique.  Ortho- 
graphe  d'usage  et  d'accord.  Preparation  ä  la  composition  frangaise. 
Education  generale.  Cours  el^mentaire  (sept  ä  neuf  ans).  120 
tableaux.  Paris,  Larousse.  Petit  in-8,  192  p.  1  fr.  20  [Methode 
Larousse  illustree]. 

Breymann,  H.  Französisches  Elementarbuch  f.  Gj-mnasien  u.  Pro- 
gymnasien. 5.  Aufl.  Überarb.  v.  Dr.  K.  Manger.  VII,  135  S.  S**. 
München,  R.  Oldenbourg,  1911.     1.60  Mk. 

—  Französisches  Elementarbuch  f.  Pvealschulen  u.  Oberrealschulen. 
14.  Aufl.  Überarb.  v.  Dr.  K.  Manger.  136  S.  8^.  München, 
R.  Oldenbourg,   1911.     1.60  Mk. 

Chambrot,  Victoria.  Mode  d'enseignement  pratique  et  nouveau.  Neue 
prakt.  Methode  f.  die  franz.  Sprache.  Methode  Chambrot.  1.  livre. 
VII,  128  S.  m.  Abbildgn.  u.  2  Taf.  8".  Wien.  M.  Perles,  1911. 
3.50  Mk. 

Dubislav,  Geo  u.  Paul  Boek.  Methodischer  Lehrgang  der  französischen 
Sprache  für  höhere  Lehranstalten.  Ausg.  A,  B  u.  C.  Elementar- 
buch u.  Übungsbucli.  Schlüssel.  2.  Aufl.  XI,  167  S.  8«.  Berlin, 
Weidmann,  1911.     Geb.  3  Mk. 

Duval,  P.,  E.  Bremond  et  D.  Moustier.  Grammaire  et  Composition 
frangaise.  Cours  moyen  et  superieur.  Paris,  E.  Andre  fils.  In-8. 
288  p.     1  fr.  50    [Le  Frangais  ä  l'ecole  primaire]. 

Enderlein,  Emil  u.  Camille  Cury.  ,,En  France".  Methodisches  Lehr- 
buch der  französ.  Sprache  f.  höhere  Mädchenschulen.  Auf  Grund 
der  Bestimmgn.  zur  Neuordng.  des  höheren  Mädchenschuhvesens 
vom  J.  1908  bearb.  II.  Tl.  5.  u.  4.  Klasse.  Mit  1  (färb.)  Münz-  u. 
4  Bildertaf.  IX,  355  S.  8«.  Leipzig,  Quelle  &  Mever,  1911. 
Geb.  2.80  Mk. 

Fetter,  Joh.  u.  Karl  Ullrich.  La  France  et  les  Frangais.  Lehrgang 
der  französ.  Sprache  f.  Mädchenlyzeen  u.  verwandte  Lehranstalten. 
II.  Tl.  Mit  10  Abbildgn.  u.  1  färb.  Karte  v.  Frankreich.  4.,  umgearb. 
Aufl.  V,  178  S.  gr.  8».  Wien,  A.  Pichler's  Wwe.  &  Sohn.  1911. 
2  Mk. 

Französische   Sprachschule   für   Bürgerschulen   und   verwandte 

Lehranstalten.  Wien,  A.  Pichlers  Witwe  &  Sohn.  1.  Teil.  Achte 
Auflage.  Mit  6  .Vbbildungon.  Preis:  geb.  1  Krone.  II.  Teil. 
Fünfte  Auflage.     .Mit  8  Abbildungen.     Preis:  geb.  1  Krone. 

GoldschniidCs,  Thora,  Bildertafeln  f.  den  Unterricht  im  Französischen. 
31  Anschauungsbilder  m.  erläut.  Text,  Übungsbeispielen  u.  e.  syste- 
matisch geordneten  Wörterverzeichnis.  (Thora  Goldschmidt's 
Sprachunterricht  auf  Grundlage  der  Anschauimg.)  7.,  erweit.  Aufl. 
IV,  78  S.     Lex.  8".     Leipzig,  F.  Hirt  &  Sohn,'l912.     Geb.  3  Mk. 

Jansen,  P.  Wortschatz  f.  die  französischen  Sprechübungen  in  der 
Mittelschule.  Unter  Mitwirkg.  v.  W.  Nieland  zusammengestellt. 
IV,  43  S.    80.    Bielefeld,  Volhagen  Sc  Klasing,  1912.     Geb.  50  Pfg. 

Kehr,  Jos.  u.  Gisb.  van  Moll.  Lehrgang  der  französischen  Sprache  für 
Knaben-  und  Madchen-Mittelschulon.  Schlüssel  zum  Elementar- 
buch u.  zum  Lehrbuch  der  französ.  Sprache.  64  S.  8**.  Bielefeld. 
Velhagen  &  Klasing,  1911.     1  Mk.    [Nur  direkt  an  Lehrer.] 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX'/'.  J) 


1 3ü  Novitätenverzeichnis. 

Kühn   K  u.  li.  Diehl.    Französisches  Elementarbiuli  für  lateinlose  und 

Reforrnsclmlen.    Schlüssel.    Hrsg.  v.  D.    42  S.    8».    Bielefeld,  Vel- 

hagen   &  Klasing,   1911.     80  Pfg.     [Nur  an  Lehrer.] 
Lclirbuch  der  französischen  Sprache.    Schlüssel.   Hrsg.  v.  I).  III, 

55  S.  8".  Bielefeld,  Velhagen&  Klasing,  1911.  l.Mk.  [Nur  an  Lehrer.J 
Kühn,   Diehl  u.   Schwarzhaupt.     Lehrbuch  der  französischen   Sprache 

f    Mittelschulen.     2  Tle.     Schlüssel.     Hrsg.  v.  Dr.  R.  Diehl.     8". 

Bielefeld,  Velhagen  &  Klasing,  1912.     Geb.  1.75  Mk.     1.  Tl.    31  S. 

geb.  75  Pfg.     2.  Tl.  57  S.  geb.   1  Mk. 
Maschnerova,  Marie.     Francouzskä  konversa^ni  mluvnice  (grammaire 

franQaise  a  l'usage  des  Tcheques)  pro  potrebu  äkolni  i  soukromou. 

VIII,  410  S.  m.  1  färb.  Karte  u.  1  färb.  Plan.  8"^.  Heidelberg,  J.  Groos, 

1911.  Geb.  in  Leinw.  5  Mk. ;  klic.  50  S.    Geb.  in  Halbleinw.  1.60  Mk. 
Maquet,  C.  et  L.  Flot.     Cours  de  langue  franpaises.     Analyse.     Voca- 

bulaire.  Grammaire  et  exercices.  Compositions  frangaises.  Redig6 
conform^ment  aux  programmes  du  20  juillet  1909  et  ä  l'arrete 
ministeriel  du  25  juillet  1910  relatif  ä  la  nomenclature  grammaticale. 
Avec  la  collaboration  de  E.  Jolivet.  Paris,  Hachette  et  Cie.,  1911. 
Petit  in-8,  254  p.    1  fr.  50  [Enseignement  primaire  superieur]. 

Cours  de  langue  frangaise.  Redige  conformement  aux  pro- 
grammes du  31  mai  1902  et  ä  l'arrete  ministeriel  du  25  juillet  1910 
relatif  ä  la  nouvelle  nomenclature  grammaticale.  Exercices.  Avec 
la  collaboration  de  M.  Rousselle.  3e  degre.  Gargons.  Classe  de  6^, 
jeunes  filles.  3e  annee  secondaire.  Paris,  Hachette  et  Cie.,  1911. 
Petit  in-8,  180  p.  avec  grav.    1  fr.  50. 

Cours  de  langue  frangaise.     Grammaire  et  Exercices.     Redige 

conformement  aux  programmes  du  31  mai  1902,  aux  dernieres 
Instructions  ministerielles  et  ä  l'arrete  ministeriel  du  25  juillet  1910 
relatif  ä  la  nouvelle  nomenclature  grammaticale.  ler  degre  comple- 
mentaire,  gargons.  Classe  de  8e,  jeunes  filles.  3e  annee  primaire. 
Paris,  Hachette  et  Cie.,  1911.    Petit  in-8,  144  p.  avec  grav.  1  fr.  25. 

Mitteilungen  der  deutschen  Zentralstelle  f.  internationalen  Briefwechsel. 
Nr.  20.  Der  Rundschreiben  der  deutschen  Zentralstelle  neue  Folge. 
Von  K.  A.  Mart.  Hartmann.  [Aus:  „Die  neueren  Sprachen."] 
28  S.     8".     Marburg,  N.  G.  Elwert's  Verl.,  1911.     20  Pfg. 

Oberländer,  Siegm.  u.  Alex.  Werner.  Lehrbuch  der  französischen  Sprache 
f.  Realschulen  u.  Realgymnasien.  3.  Tl.  III.  u.  IV.  Jahrg.  Mit 
30  Abbildgn.,  1  Karte  v. "Frankreich  u.  1  Plane  v.  Paris.  3.,  nach  den 
neuen  Lehrplänen  umgearb.  Aufl.    224  S.    8".    Wien,  F.  Tempsky, 

1912.  3.20  Mk. 

Peltier,  C.  et  P.  H.  Gay.  Cours  de  langue  frangaise,  ä  l'usage  des 
6coles  primaires  ^lementaires.  Cours  pr^paratoire.  Grammaire  et 
exercices  preparatoires  ä  la  composition  frangaise.  Lectures,  dictöes 
et  recitations.  Sujets  de  composition  et  descriptions  sur  images. 
17  recitations.  40  legons.  Conforme  ä  la  nouvelle  nomenclature 
grammaticale.  Paris,  C.  Delagrave,  1911.  In-8,  96  p.  avec  87  grav. 
Cartonnö,  60  cent. 

Ploetz,  Gust.  u.  Otto  Kares.  Kurzer  Lehrgang  der  französischen  Sprache. 
Elementarbuch.  Verf.  v.  Dr.  Gust.  Ploetz.  Ausg.  J.  Neue  Ausg.  f. 
höhere  Mädchenschulen.  Nach  den  Bestimmgn.  vom  12.  12.  1908 
bearb.  V.  Max  Schröer.  I.  Tl.:  7.  Klasse.  XII,  114  S.  m.  2  Taf.  8». 
Berlin,  F.  A.  Herbig,  1912.     Geb.  1.40  Mk. 

Pommeret,  Leon.  Methode  Pommeret.  Enseignement  direct  du  Frangais 
par  la  conversation  et  la  grammaire.  1.  partie.  2.  ed.  Re\'ue  et 
augmentee.    XIV,  92  S.     8».     Berlin,  L.  Pommeret,  1911.     2  Mk. 

Prückner,  H.  Französische  Grammatik  auf  phonetischer  Grundlage. 
Nach  den  neuesten  Lehrplänen  ausgearb.  8".  Heilbronn,  E.  Salzer. 
1.  Tl.  99  S.  m.  Abbildgn.  1911.  geb.  1.30  Mk.  2.  Tl.  108  S.  m.  Abb. 
1911.  geb.  1.30  Mk. 


Novilätenverzeichnis.  131 

Heho,  Viel.  A.  Les  quatres  Saisons.  Ein  Übungs-  u.  Hilfsbuch  f.  den 
Unterricht  in  der  französ.  Sprache  unter  Zugrundelegg.  der  Hölzel- 
schen  Jahreszeitenbiider  u.  des  Textes  der  Gourdiatschen  Sprech- 
maschinenplatten. 3.,  durchges.  u.  verb.  Aufl.  27  S.  gr.  8".  Stutt- 
gart, W.  Violet,   1912.     40  Pfg. 

Mecueil  de  416  epreuves  ecrites  donnees  dans  le  departement  de  l'Orne 
aux  examens  du  certificat  d'etudes  primaires  et  comprenant  48  dic- 
tees,  suivies  de  155  questions  formant  48  devoirs;  48  sujets  de 
redaction;  96  problemes  d'arithmetique,  de  Systeme  metrique  et  de. 
calcul  mental,  avec  reponses;  40  sujets  de  dessin;  102  questions 
d'agriculture  et  34  epreuves  de  couture,  pulie  par  L.  Lorel.  20^  ann^e. 
La  Ferte-Mace  (Orne),  Potel.  1911.    Petit  in-8,  52  p. 

Sokoll  u.  Wyplel.  Lehrbuch  der  französischen  Sprache.  Ausg.  für 
Realgymnasien,  bearb.  v.  Dr.  Rieh.  Weinert.  3.  Tl.  V,  152  S.  m. 
10  Abbildgn.  u.  1  färb.  Karte,  gr.  8».  Wien,  F.  Deuticke,  1911. 
Geb.  2  Mk. 
.  Strohmeyer,  Fritz.  Französische  Stilistik  f.  die  oberen  Klassen  höherer 
Lehranstalten.  Mit  Übgn.  VIII,  119  S.  8«.  Berlin,  Weidmann, 
1911.     1.60  Mk. 

Sujets  des  compositions  donnees  dans  les  examens  et  concours  de  l'en- 
seignement  primaire  dans  le  departement  du  Lot.  Certificat  d'etudes 
primaires.  Bourses  d'enseignement  primaire  superieur.  Bourses  des 
lycees  et  Colleges.  Brevet  elementaire.  Concours  aux  ecoles  nor- 
males. Annee  1911.  Publies  par  L.  Saint-Marty.  Cahors.  impr. 
A.  Coueslant,   1911.     Petit  in-8,  48  p. 

b)  Literaturgeschichte,  Schulausgaben,  Lesebücher. 

Anthologie  des  ecrivains  jrangais.  Prose  (XVII^  siecle)  publiee  sous  la 
direction  de  Gauthier-Ferrieres.  Paris,  Larousse,  1911.  Petit  in-8, 
176  p.  avec  23  portraits,  dont  4  hors  texte  et  25  autographes.  1  fr. 
[Bibliotheque  Larousse]. 

Bechtel,  A.  Eine  fremdsprachliche  patriotische  Lektüre  für  die  öster- 
reichisch-ungarische Mittelschuljugend  [In:  Zs.  f.  d.  Realschulwesen 
XXXVII,  3]. 

Bouchor,  M.  Contes  transcrits;  d'apres  la  tradition  franfaise.  Paris, 
A.  Colin,  1911.  Petit  in-16,  XXIV-213  p.  avec  grav.  1  fr.  25  [Les 
plus  belles  histoires  ä  lire  ou  ä  faire  lire  aux  enfants]. 

Bouillot,  V.  Le  Frangais  par  les  textes.  Lecture  expliquee,  R^citation, 
Grammaire,  Orthographe,  Vocabulaire,  Composition  frangaise.  Cours 
moyen,  certificat  d'etudes  primaires.  Livre  du  maitre.  Pai'is, 
Hachette  et  Cie.,  1911.  In-16,  IV-723  p.  avec  grav.  4  fr.  [Nouveau 
Cours  d'enseignement  primaire  redigö  conform^ment  aux  program- 
mes  officiels]. 
■  Collection  Teubner.  Publice  ä  l'usage  de  l'enseignement  secondaire  par 
F.  Doerr,  L.  Petry.  8".  Leipzig,  B.  G.  Teubner.  8.  Delhast,  Bene: 
Paris  et  les  Parisiens  I.  Morcoaux  choisis  et  annotes  en  collaboration 
avec  L.  Petrv.  Texte.  VIII,  127  S.  m.  Abbildgn.  auf  7  Taf.  u. 
1  färb.  Plan.'    1912.     Geb.  1.50  Mk.;  notes.  72  S.  60  Pfg. 

Duhamel,  E.  Morceaux  choisis  de  rt^citation,  pi'ose,  po^sie,  avec 
analyses,  exfilicalions  et  maximes.  Cours  moyen.  Paris,  Hachette  et 
Cie.,  1911.  In-16,  64  p.  avec  grav.  öOconl  (XouveauCours  d'enseigne- 
ment   primaire    redigt^    conformöment   aux    programme    officiels). 

.Eidenschenk- Patin,  Mm.  Les  Promieres  Lectures  des  petites  fiiles. 
Paris.  C.  Delagrave.  1911.  In-18,  176  p.  avec  grav.  et  musique. 
Cartonn^  80  cent. 
.Freytags  Sammlung  französischer  und  englischer  Schriftsteller.  MiManges 
de  prose  moderne  (Histoire.  Philosophie.  ßionomie  politique. 
Vovages)  publiös  et  annot(^s  par  //.  Gassner.  Vienne  F.  Tempskv, 
Leipzic  G.  Freytag  1912.    Prix  1  Mk.  20  Pfg.  =  1  K.  50  h. 

9* 


132  .\ovi  tüten  verzeicknis. 

Inner,  K.  Lesebucli  der  französischen  Spraclie  I'.  Mittelschulen  und 
verwandte  Anstalten.  Nach  den  Beslimmgn.  über  die  Neuordnung 
des  Mittelschulwesens  in  Preußen  vom  3.  2.  1910  abgefaßt.  Ausg.  A  : 
Französisch  als  erste  Fremds|»rache.  II.  Tl.:  Klassen  III — I.  Einbd.: 
Oberstufe.  Mit  4  kolor.  Vollbildern,  vielen  Scluvarzdr.  u.  I  (färb.) 
Münztaf.    XV,  318  S.    8«.    Flensburg,  A.  Weslphalen,  1911.    3  Mk. 

Pelissier-Maurier,  Mme  M.     La  Morale  poetique  ä  l'öcole.    Recueil  de 

39  po6sies  enfantines  ä  l'usage  des  classes  enfantines  primaires  et 
maternelles.  Preface  de  FranQois  Fabie.  Paiis,  A.  Jeande.  In- 18 
jösus,  88  p. 

Sammlung  englischer  und  französischer  Autoren.  Hrsg.  v.  Frz.  Eigl  u. 
Rieh.  Lederer.  kl.  8*^.  Troppau,  Buchholz  &  iJiebel.  5.  Heft. 
Flaubert,  Gustave.  La  lögende  de  Saint  Julien  l'Hospitalier. 
IV,  48  S.  1911.  30  Pfg.  11.  Heft.  Moliere.  L'Avare.  Eingeleitet 
u.  m.  Anmerkgn.  versehen  v.  Prof.  Rieh.  Goldreich.    112  S.    1911. 

40  Pfg.  13.  Heft.  Erckmann-Chatrian.  Contes.  Eingeleitet  u.  m. 
Anmerkgn.  versehen  v.  Prof.  Gust.  Guth.     39  S.     1911.     20  Pfg. 

Schriftsteller,  Französische,  aus  dem  Gebiete  der  Philosophie,  Kultur- 
geschichte u.  Naturwissenschaft.  Hrsg.  v.  J.  Ruska.  8".  Heidel- 
berg, Carl  Winter.  Geb.  1.60  Mk.  5.  (T Alenibert.  Discours  preli- 
minaire  de  l'encvclopedie.  Mit  Einleitg.  u.  Anmerkgn.  hrsg.  v.  Heinr. 
Wieleitner.     128  S.     1911. 

Schulhibliothek  französischer  u.  englischer  Prosaschriften  aus  der  neueren 
Zeit.  Mit  besond.  Berücksicht.  der  Fordergn,  der  neuen  Lehrpläne 
hrsg.  V.  L.  Bahlsen  u.  J.  Hengesbach.  I.  Abtlg. :  Französische 
Schriften.  8".  Berlin,  Weidmann.  27.  Bdchn.  Hugo,  Vict.  La 
preface  de  ,,CromweU".  Für  die  Zwecke  des  Unterrichts  verkürzt 
u.  erklärt  v.  O.  Weissenfeis.  2.  verm.  u.  verb.  Aufl.  v.  Alb.  Sleumer. 
VII,  101  S.  1911.  Geb.  IMk.;  Wörterbuch  29  S.  30  Pfg.  58.  Bdchn. 
Chalamet,  A.  A  travers  la  France.  In  gekürzter  Fassg.  u.  m.  Kom- 
mentar hrsg.  V.  Max.  Pflänzel.  3.  Aufl.  VIII,  111  S.  m.  12  Abbildgn. 
u.  1  färb.  Karte.  1911.  Geb.  1.40  Mk.  62.  Bdchn.  Sandeau,  Jules. 
La  röche  aux  mouettes.  Gekürzt  f.  den  Schulgebrauch  hrsg.  und 
erklärt  v.  H.  Bretschneider.    VI,  82  S.    1911.    Geb.  1  Mk. 

Schulbibliothek,  Französische  u.  englische.  Hrsg.  v.  Otto  E.  A.  Dick- 
mann. Reihe  A.  Wörterbücher.  8".  Leipzig,  Renger.  165.  Bd. 
Sand,  George.  La  mare  au  diable.  Wörterbuch.  Bearb.  v.  K.  Roos. 
25  S.    1911.    25  Pfg. 

Schulhibliothek,  Französische  u.  englische.  Hrsg.  v.  Otto  E.  A.  Dick- 
mann. Neue  Aufl.  Reihe  A.  8".  Leipzig,  Renger.  69.  Bd.  Con- 
teurs  modernes.  Simon,  Theuriet,  Revillon,  Morel,  Richebourg. 
Avec  un  choix  de  notes  ä  l'usage  de  l'enseignement  par  Jos. -Vict. 
Sarrazin.  3.  ed.  Reform-Ausg.  m.  fremdsprachl.  Anmerkgn.  V, 
73  u.  16  S.     1911.     Geb.  1  Mk. 

• —  dasselbe.  Neue  Aufl.  Reihe  C  (f.  Mädchenschulen),  kl.  8°.  Ebda. 
35.  Bd.  Lotsch,  Fr.  Livre  de  lecture  pour  les  enfants  de  dix  ä  douze 
ans.  Für  den  Schulgebrauch  bearb.  2.  Aufl.  V,  59  S.  1912.  Ge- 
bunden 70  Pfg. 

Sprachenpflege,  System  August  Scherl.  kl.  8".  Berlin,  A.  Scherl. 
Französisch.  (Französisch  u.  deutsch.)  2.  Bd.  Merimee,  Prosper. 
Mosaik.  (Mosaique.)  Auswahl.  2.  Bd.  III  u.  S.  102—203.  1911. 
Geb.  50  Pfg.  3.  Bd.  Sand,  George.  Die  kleine  Fadette.  (La  petita 
Fadette.)     111  S.     1911.     Geb.  50  Pfg. 

VioleVs  Sammlung  v.  Sprachplatten-Texten  zum  Unterricht  m.  Hilfe 
der  Sprechmaschine.  Stuttgart,  W.  Violet,  1912.  1  Mk.;  einzelne 
Texte  4  Pfg. 


Referate  und  Rezensionen. 


]Vort]iiip,  Clark  S,  The  present  bibliographical  Status  of 
modern  phüology  [reprinted  from  the  Papers  of  the  Biblio- 
graphical Society  of  America].  The  University  of  Chicago 
Press.  Chicago  1911.  (Für  Deutschland:  Th.  Stauffer, 
Leipzig.)  42  S.  8<^. 

Die  Frage  der  bibliographischen  Hülfsmittel  der  moder- 
nen Philologie  wurde  in  einer  Sitzung  der  Bibliographical  Society 
of  America  nach  einer  Einleitungsrede  unter  vorstehendem 
Titel  von  Professor  Northup  (Cornell  University)  erörtert.  Bei 
dieser  Gelegenhej,t  lag  auch  ein  Beitrag  von  Mr.  J.  Christian  Bay 
(of  the  John  Crear  Library) :  "Survey  of  periodical  bibliography" 
vor  nebst  Mitteilungen  von  vierzehn  Fachmännern  verschiedener 
Gebiete  der  Sprachwissenschaft,  welches  alles  jetzt  zusammen 
veröffentlicht  wurde.  In  seiner  Übersicht  hat  Mr.  Bay  darauf 
hingewiesen,  daß  periodische  Fachbibliographien  nach  Materien 
ein  immer  unentbehrlicheres  Hülfsmittel  der  Forschung  geworden 
sind,  aber  "there  is  too  much  duplication  and  too  many  gaps". 
Viele  von  diesen  Bibliographien  werden  zu  spät  publiziert.  Ein- 
zelne Gebiete  leiden  an  bibliographischer  Überproduktion,  eine 
Verschwendung  von  Arbeit  und  Geld,  ohne  daß  man  doch  sagen 
kann,  daß  ein  wirklich  vollständiges  und  zuverlässiges  Reper- 
torium  für  diese  Disziplinen  existiert. 

Der  Fehler,  so  scheint  es  Mr.  Bay,  liegt  in  einer  unbefrie- 
digenden Organisation  und  er  schlägt  deshalb  vor  eine  Kommission 
einzusetzen,  die  die  Organisation  und  die  Nützlichkeit  der  existie- 
renden Bibliographien,  Jahresberichte  und  Reviews,  sowie  die 
Frage  der  unnötigen  Duplikation  näher  untersuchen  und  Vor- 
schläge zur  Verbesserung  der  Verhältnisse  vorlegen  soll.  Es 
wurde  beschlossen,  daß  die  Kommission  mit  der  modernen  Philo- 
logie anfangen  solle. 

Dieselben  Gesichtspunkte  suclit  nun  Northup  in  seiner 
Darstellung  des  gegenwärtigen  Status  der  modern  philologischen 
Bibliographie  darzulegen.  Er  motiviert  seine  Sciilußsälze  mit 
einer  Krilik  dessen,  was  bisher  hinsichtlich  der  bibliographischen 
Bearbeitung    älterer   und    neuerer   literarischer    Produktion    ge- 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.   ii.  Litt.  XXXIX«/«.  10 


134  Heferate  und  Rezensionen.     P.  Högherg. 

leistet  wurde.    Dieses  Resume  scheint  mir  an  Unvollständigkoit 
und   einer  gewissen    Einseitigkeit   zu   leiden   und    darum    unsere 
jetzige    lebhafte    bibliographische    Produktion    nicht    völlig    zu 
ihrem  Recht  zu  kommen.     Unter  der  Kategorie  ,.t  h  e    p  a  s  t" 
erwähnt  er  nur  " Completed  bibliographical  undertakings" 
und    darunter   Werke    wie    Goedeke's    Geschichte   der   deutschen 
Dichtung,  Kayser's    Index   locupletissmus,  Allibone's   Dictionary, 
Brunet's  Manuel,  Graesse's  Tresor  des  livres  und  den  neulich  von 
Lanson  herausgegebenen  Manuel  bihl.  de  la  litt.  franQ.,  desgleichen 
einige    amerikanische    und     englische    Bibliographien    (Lownde, 
Haslitt,  Greg,  Courtney).     Es  können  aber  hier  wohl  auch  mit 
ebenso  gutem   Rechte  erwähnt  werden:  Heinsius  Bücherlexikon 
(1812  bis  1894)  und  seine  Fortsetzung  in  Hinrichs  Fünfjährigem 
Bücherkataloge,  E.  G.  Gersdorf,  Repertorium  der  gesamten  deutschen 
Literatur,  Lpz.  1834 — 42  und  J.  S.  Fisch,  Handbuch  d.  deutschen 
Literatur,  der  von  C.  Georg  und  E.  Ost  zusammengesetzte  Schlag- 
wortkatalog, weiter  neben  Allibone  und  Lownde   The  term  Cata- 
logues  1668 — 1709  by  E.  Arber,  American  Catalogue  von  1875, 
C.   Evans,  American  bibliography    (1639 — 1820,  noch  nicht  be- 
endet), neben  Lanson  der  Guide  bibliogr.  de  la  litt.  fran^.  de  1800 
ä  1906,  Paris  1907,  von  Northups  Kollegen  H.  P.  Thieme,  Brink- 
manns   Lijst,     Lorenz     Catalogue    general,    \'icaire,    Manuel  de 
l'amateur  des  livres  du  19e  siede,  Catalogo  generale  della  libreria 
italiana  (1847 — 99)  compilato  da  A.  PagUaini  u.  s.  w.    Auch  wird 
nicht  einmal  auf  die  Standard  works  hingedeutet  (Monographien, 
Realkataloge  und  einen  alphabetischen  Katalog),  die  vom  British 
Museum    herausgegeben    wurden,    der    vortrefflichen  Standorts- 
kataloge der  Bibliotheken  von  Berlin,  Paris,  Florenz,  Brüssel  etc. 
zu  geschweigen.     Grundlegende  Werke  wie   Gröbers  und  Pauls 
Grundriss   verdienen    auch    einen    hervorragenden    Platz.      Carl 
Voretzsch  gibt  in  seiner  Einführung  in  d.  St.  d.  altfranz.  Literatur 
gute  bibliographische  Notizen  und  eine  gute  Übersicht  der  Er- 
scheinungen auf  dem  Gebiete  der  germanischen  Philologie  bietet 
G.   Manacorda,  Germania   Filologica,   Cremona   1909,   mit   zirka 
20  000  ,,indicazioni".     In  den  von  Manacorda  dirigierten  'Studi 
di  filologia  moderna'  besitzen  wir  übrigens  eine  jährHche '  Bibliografia 
sistematica    internazionale' ,    ebenso    nach    Ländern    geordnet    ein 
.,,Spoglio  internazionale  e  sistematico  delle  Reviste".     Zum  Schluß 
seien  noch   zwei  Vorgänger  in  der  internationalen   periodischen 
Bibliographie   erwähnt:    W.    u.    L.    Ruprecht,    die   die    zwischen 
1848 — 98  erschienene  "Bibliotheca  philologica"  begründeten.   — 
Zu  Northups  "few  bibliographies  of  individual  writers"  sind  u.  a. 
hinzuzufügen:   Ch.  Asselineau,  Bibliographie  romantique.     Paris 
1892—94,  V.  Verlaque,  Bibl.  de  Bossuet,  Paris  1908,  die  durch 
die    Deutsche   bibliographische    Gesellschaft   von    Wütsche    her- 
ausgegebene  Hebbel- Bibliographie,   die    Delisle- Bibliographie  etc. 
Unter    Spezialbibliographien   können   weiter   angeführt   werden: 


Northiip,  Clark  S.     The  present  bibliographical.  135 

H.  Trübner,  Catalogue  oj  dictionaries  und  grammars  2.  Aufl.  1882, 
ein  Nachfolger  von  Literatur  der  Grammatiken,  Lexika  . .  von 
J.  S.  Vater  1847,  F.  H.  Chase,  Bibl.  guide  to  old  english  syntax, 
Leipzig  1896,  F.  Mentz,  Bibl.  d.  deutschen  Mundartenforschung, 
Leipzig  1893,  die  von  einem  scliwedischen  Gelehrten,  Professor 
G.  Wahlund,  verfaßte  Bibliographie  der  Straßburger  Eide,  P.  Horluc 
et  G.  Marinet  Bibliographie  de  la  Syntaxe  du  Frangais  (1840  bis 
1905),  D.  Behrens,  Bibliographie  des  patois  gallo-romans,  2.  Aufl. 
1893  u.  a. 

Eine  Art  Literatur,  an  die  Northup  nicht  denkt,  sind  Ab- 
handlungen und  Programme,  von  denen  SpezialVerzeichnisse 
in  verschiedenen  Ländern  (Deutschland,  Frankreich,  Schweiz) 
existieren.  Hier  muß  Varnhagens  der  romanischen  und  eng- 
lischen Philologie  gewidmetes,  von  Martin  bis  1893  fortgeführtes 
Systematisches  Verzeichnis  fortgesetzt  werden,  ebenso  das  von 
Klussman  (Verlag  Trübner)  herausgegebene  (1876 — 85).  Mit 
Hülfe  der  erwähnten  jährUchen  Verzeichnisse  ließe  sich  ein 
solches  unumgänglich  notwendiges,  zusammenfassendes  Ver- 
zeichnis leicht  herstellen.  Zu  den  von  Northup  erwähnten  Indices 
zu  Herrigs  Archiv,  Paul  u.  Braunes  Beiträgen,  den  Englischen 
Studien  und  der  Romania  ist  nun  auch  das  im  ganzen  verdienst- 
volle, von  Lucien  Beszard  im  Jahre  1900  herausgegebene  Register 
zur  Zeitschrift  f.  rom.  Philol.  (Bd.  1 — XX)  hinzuzufügen.  Leider 
gibt  es  noch  viele  Zeitschriften,  die  dieses  wichtigen  Hülfsmittels 
entbehren. 

Im  allgemeinen  glaube  ich  hiernach  hinsichtlich  der  soge- 
nannten Inventarisierungs-Bibliographie  Nor- 
thup nicht  beistimmen  zu  können,  daß  "there  has  been  some 
scorn  of  such  work,  as  beneath  thc  dignity  of  real  scholars." 
Es  ist  eine  anerkennenswerte  Arbeit,  die  geleistet  wurde  und 
geleistet  wird. 

In  bezug  auf  die  aktuelle,  periodische  Biblio- 
graphie, die  den  Zweck  haben  soll,  den  Fachmann  in  stand 
zu  setzen  der  immer  mehr  steigenden  literarischen  Produktion 
seiner  Disziplin  zu  folgen,  stellt  sich  die  Sache  etwas  anders. 
Hier  kommt  es  sehr  auf  rasche  Information  an.  In  der  Haupt- 
sache hat  nur  der  Buchhandel  wirkliche  periodische  Biblio- 
graphien (wöclientliche,  monatliche,  jährliche,  ja  tägliche)  ge- 
schaffen, natürlich  aus  geschäftlichem  Interesse  und  ohne  auf 
Zeitschriftenliteratui'  Uücksiclit  zu  nehmen.  \'on  unseren  fiu^h- 
mäßigen  Bibliographien  verdienen  nicht  viele  die  Bezeichnung 
periodisch.  So  ist  die  als  Supplement  zur  Zeitschrift  Gröbers 
herausgegebene  „Bibliographie  1907"  erst  im  Jahre  1911  erschie- 
nen, allzuspät  trotz  der  willkonmienen  Angaben  über  Bespre- 
chungen der  einzelnim  in  der  Bibliograpliie  verzeichneten  Werke. 
Die  von  A.  PcHri  zusammengestellte  t'bersicht  der  im  Jahre 
1904    auf   dorn    Gebiete    der   englischen    Philologie    erschienenen 

10* 


136  lieferale  and  Rezensionen.     P.   fJögberg. 

Bücher  kam  erst  im  Jahre  1911  zur  Ausgabe,  Streilbergs  An- 
zeiger für  1907  im  Jahn;  1910  usw.  Es  gibt,  sagt  Northup,  keinen 
wirklichen  Grund,  weshalb  nicht  die  Bibliographien  eines  gegebenen 
Jahres  im  Mai  oder  Juni  des  folgenden  zur  Drucklegung  vor- 
liegen könnten  und  hier  liegt  der  Schwerpunkt  seiner  Kritik. 
Dazu  wäre  zu  bemerken,  daß  die  Ausgabe  von  Jahresbänden, 
doch  wohl  naturgemäß  nicht  der  Forderung  schneller  Infor- 
mation über  die  Neuerscheinungen  entsprechen  kann.  r)ie 
Lücken  auszufüllen,  die  zwischen  den  Erscheinungsjahren  und 
den  Berichtsjahren  derartiger  Jahresbände  klaffen,  muß  aber 
das  Ziel  der  periodischen  Bibhographie  sein. 

Hier  darf  man  nun  nicht,  wie  Northup  es  tut,  übersehen, 
daß  der  Mangel  an  ungefähr  gleichzeitigen  Repertorien,  von  den 
buchhändlerischen  Organen  abgesehen,  durch  Literaturangaben 
der  Fachzeitschriften  vermindert  wird.  So  fügt  diese  Zeitschrift 
ihren  kritischen  Heften  ein  Novitätenverzeichnis  bei,  desgleichen 
orientieren  über  Neuerscheinungen:  The  modern  language  review, 
Leuvensche  Bijdragen^  Liter aturhlatt  f.  germ.  u.  rom.  Philologie^ 
Museum.  Maanhlad  voor  Philologie,  Deutsche  Literaturzeitung, 
Literarisches  Zentralblatt  mit  Beilage:  Wöchentliches  Verzeichnis 
und  andere  periodische  Publikationen,  die  ein  Forscher,  der  auf 
die  Entwicklung  seiner  Wissenschaft  achtgeben  will,  nicht  unter- 
lassen kann,  zu  Rate  zu  ziehen. 

Als  einen  Fehler  der  periodischen  Bibliographie  führt  auch 
Northup  den  Umstand  an,  daß  nicht  selten  die  Bibliographie 
derselben  Disziplin  mehrfach  zur  Bearbeitung  gelangt.  So 
korrespondiere  Petris  Übersicht  mit  dem  englischen  Teile  vom 
Jahresbericht  für  germ.  Philol.,  letzterer  in  seinem  linguistischen 
Teil  mit  Streitbergs  Anzeiger  und  in  seinem  literarischen  Teil 
mit  dem  Jahresberichte  f.  deutsche  Literaturgeschichte.  Die  Ver- 
gleichung  von  Vollmöllers  Krit.  Jahresbericht  der  rom.  Philol. 
und  der  Bibliographie  der  Zeitschrift  /.  rom.  Phil,  halte  ich  nicht 
für  zutreffend.  Ersterer  ist  ja  eine  ,, bibhographie  raisonnee." 
Im  allgemeinen  bemerkt  Northup,  daß  die  kontinentalen  Biblio- 
graphien die  amerikanischen  Publikationen  weniger  vollständig 
als  z.  B.  die  englischen  behandeln,  und  er  richtet  diese  Anklage 
im  Besonderen  gegen  den  von  der  Gesellschaft  für  deutsche 
Philologie   herausgegebenen    Jahresbericht. 

Auch  an  der  systematischen  Anordnung  der  existierenden 
Bibliographien  hat  Northup  Ausstellungen  zu  machen.  Der 
Jahresbericht  für  germ.  Philol.  scheint  ihm  "not  well  classified". 
Man  muß  ihm  hierin  beistimmen.  Es  fehlt  diesem  Jahresberichte 
an  Übersichtlichkeit  wegen  der  zu  vielen  und  w^enig  zutreffenden 
Subdivisionen.  Daß  die  Namen  der  Verfasser  oder  die  Titel 
der  unter  einer  Rubrik  zusammen  aufgeführten  Werke  nicht 
alphabetisch  geordnet  sind,  erleichtert  natürlich  nicht  die  Be- 
nutzung.    Rezensionen  sollten  unter  den  besprochenen  Werken 


Northup,   Clark  S.      The  present  bibliographical.         137 

und  nicht  am  Ende  der  einzelnen  Abteilungen  notiert  werden. 
Die  Anlage  dieses  Jahresberichts,  die  eine  Mischung  vom  alpha- 
betischem Klassenkatalog  oder  Schlagwortkatalog  und  syste- 
matischem Realkatalog  darstellt,  kann  nie  befriedigend  werden. 
Vgl.  außerdem  solche  nichtssagenden  Rubriken  wie:  Verschiedenes: 
Gothisch:  Abhandl.  und  Etymologisches  (Jahrg.  31.  1909).  Dasselbe 
gilt  auch  von  der  von  Northup  als  "badly  arranged  and  unscho- 
larly"  bezeichneten  Literaturübersicht  der  engl.  Philol.  in  den 
Supplementheften  zur  "Anglia".  Die  "Sprache"  bildet  da  z.  B. 
ein  einziges  Kapitel,  in  dessen  Autorenverzeichnis  die  Stich- 
wörter: Aussprache,  Metrik,  Dialekte,  Grammatik  usw.  in 
alphabetischer  Ordnung  einrangiert  sind  und  darunter  nur  Hin- 
weise auf  die  hergehörigen  Verfassernamen.  Zusammengehörende 
Spezies  wie:  "Wortforschung",  " Namens forschung",  '"EtjTnolo- 
gien"  w^erden  auf  dieselbe  Weise  getrennt,  sowohl  von  einander 
als  nach  folgender  ganz  zweckwidriger  Anordnung:  Etymologien 
im  Archiv,  in  den  Engl.  Studien,  in  Modern  Lang.  Notes  usw., 
während  einschlägige  selbständige  Werke  in  der  Namenfolge 
stehen.  Die  letzte  "Bücherschau"  (1904)  unterscheidet  nicht 
Literaturgeschichte  von  Literatur,  sondern  verzeichnet  sie  als 
Stichwort  mit  Unterabteilungen  in  dem  Kapitel:  Literatur. 
Allgemeines.  Man  sollte  doch  Ausgaben  (Sammlungen,  einzelne 
Autoren,  inklusive  Übersetzungen)  und  Literaturgeschichte  im 
allgemeinen,  einzelne  Gattungen  usw.  auseinanderhalten.  Das 
einzige  richtige  System  einer  wissenschaftlichen  Bibliographie 
scheint  mir  das  eines  Realkatalogs  zu  sein,  wie  wir  es  schon  in 
Streitbergs  Anzeiger  und  in  der  Gröbers  Zeitschrift  beigegebenen, 
die  romanische  Piülologie  umfassenden  "Bibliographie"  beob- 
achtet finden. 

"If  we  are  to  make",  so  beschließt  Northup  seine  Kritik, 
,,in  modern  philology,  progress  commensurate  with  our  progress 
in  other  branchos  of  science,  the  present  largerly  unsatisfactory 
bibliographical  conditions  cannot  continue.  Our  defective 
current  bibliographies  must  be  reconstructed  or  rcplaced  by 
better  ones;  and  our  good  current  bibliograplües  must  if  possible 
be  brougliL  more  noarly  up  to  date."  Und  er  bringt  ein  neues 
bibliograpliisches  Unternehmen  in  Vorschlag,  das  das  ganze 
Gebiet  der  europäischen  Sprachen  und  Literaturen  umfassen 
solle,  die  Gründung  also  eines  internationalen  Instituts  größten 
Stiles,  was  schon  der  als  hervorragender  Bibliograph  anerkannte 
Bibliothekar  der  John  Crear  Library  in  Chicago,  Herr  .\ksel 
G.  S.  Jüsephson,  1905  in  einer  Broschüre  vorgeschlagen  iiat. 
Nach  Northuj)  soll  das  Unternehmen  seinen  Sitz  in  einem  größe- 
ren geographischen  Zentrum  haben,  lieber  in  Amerika  als  in 
England  oder  Deutschland  und  in  Amerika  lieber  in  Chicago 
als  in  New  York.  Die  Details  sollten  von  einei"  aus  der  Biblio- 
graphical Societu  und  dtM"  Modern  Lnngua^e  Association  zu'^ainnion- 


138  Hcferale  nini  Rezensionen.     P.  I/ögberg. 

gesetzten  Kommission  ausgearbeitet  wfiden.  Der  Verfasser  selbst 
empfiehlt  die  Angaben  mit  Linotype  auf  Cards,  den  von  der 
Library  of  Gongress  distribuicrten  ähnlich,  drucken  zu  lassen, 
einen  Teil  auf  dünnerem  Papiere  zum  privaten  Gebrauch  und 
einen  anderen  auf  festerem  für  die  Zwecke  der  Bibliotheken. 
Möglicherweise  könnten  die  Typen  zur  Drucklegung  eines  allge- 
meinen Jahresbandes  oder  von  Spezialbibliographien  der  ver- 
sciiiedenen  Fächer  aufbewahrt  werden. 

Es  läßt  sich  vom  europäischen  Standpunkt  aus  (wie  vice 
versa)  anführen,  daß  wegen  der  räumlichen  Entfernung  ein 
solches  die  gesamte  Arbeit  leistendes  Zentralinstitut  immer  einen 
Kontinent  vernachlässigen  würde.  Man  darf  dabei  nicht  über, 
sehen,  daß  der  europäische  Kontinent,  besonders  Deutschland, 
hinsichtlich  der  wissenschaftlichen  Produktion,  nicht  zum  min- 
destens der  philologischen,  wenigstens  bisher  im  Vordergrunde 
steht.  Man  wird  ferner  nicht  klar  darüber,  ob  nach  der  Meinung 
Northups  ein  Zettelkatalog  (cards),  den  er  als  die  haupt- 
sächliche Aufgabe  des  Unternehmens  (zunächst  also  eine  Aus- 
kunftsstelle oder  ein  Zentralreservoir,  möglicherweise  eine  Buch- 
ausgabe) in  Aussicht  stellt,  unsere  mangelhaften  Bibliographien 
ersetzen  könnte.  Der  Zettelkatalog  (wie  der  von  der  Card  distri- 
bution  of  the  Library  of  Gongress  gelieferte)  hat  doch  nur  lokalen 
(nationalen)  oder  bibliothektechnischen  Wert  und  muß  die 
internationale  Benutzung  erschweren,  wenn  derselbe  nicht  den 
einzelnen  Forschern  im  Drucke  zugänglich  wird.  Kann  es  denn 
als  ausgemacht  gelten,  daß  man  mit  einem  derartigen  Gesamt- 
kataloge der  Philologie  die  von  Northup  gepriesene  Vollständig- 
keit erreicht  ?  Diese  "cards"  sind,  wenn  sie  auch  die  Arbeit 
in  hohem  Grade  erleichtern,  nicht  ohne  weiteres,  wie  Northup 
sagt,  "the  Chief  desideratum".  Es  gilt  nicht  nur  die  Titel  zu 
sammeln  und  unter  gewissen  Stichwörtern  vorzuführen.  Eine 
Analyse  der  wissenschafthchen  Aufsätze  und  Werke  ist  nur 
möghch,  wenn  jedes  Fach  von  einem  mit  dem  Gegenstande  bis 
ins  einzelne  vertrauten  Fachgelehrten  übernommen  wird.  Es 
geschieht  leicht,  daß  man  bei  der  von  Tag  zu  Tag  anschwellenden 
literarischen  Produktion  des  Stoffes  nicht  Herr  bleibt.  In  diesem 
Zusammenhange  kann  ich  einen  Versuch  in  Erinnerung  bringen, 
den  Dr.  H.  Hungerland  machte,  eine  Bibliographie  neuer  Er- 
scheinungen aller  Länder  aus  der  Sprachwissenschaft  zu  schaffen: 
die  Philologise  Novitates  (dem  noch  bestehenden  Repertorium 
"Naturse  Novitates"  entsprechend),  die  hauptsächUch  wegen 
übergroßer  Arbeitshäufung  und  der  zu  geringen  Anzahl  Mit- 
arbeiter nur  drei  Jahrgänge  erlebten.  Northup  erwähnt  nicht, 
daß  sich  zu  Brüssel  schon  ein  "Institut  international  de  hiblio- 
graphie"  befindet,  und  daß  das  Deweysche  Dezimalklassifikations- 
System,  auf  dem  sich  die  gesamten  Arbeiten  des  Instituts  mehr 
oder  weniger   aufbauen  und   gegenüber  welchen   die   deutschen 


Norlhiip,  Clark  S.      The  presenl  bibliographical.         139 

Bibliothekare  mit  Recht  sich  durchaus  ablehnend  verhalten, 
zur  Illustrierung  der  unbefriedigenden  Organisation  eines  solchen 
Unternehmens  dienen  kann.  Eine  Bibliographie  wie  der  "Inter- 
national Catalogue  of  scientific  liierature"  wäre  für  die  philologische 
Forschung  zweifellos  wünschenswert,  aber  die  natürliche  Basis 
müßten  bezüglich  der  Ausführbarkeit,  Vollständigkeit  und 
Zuverlässigkeit  die  nationalen  Bibliographien  bilden,  ein  Grund- 
satz, den  diese  internationale  Bibhographie  der  Naturwissen- 
schaften durch  ihre  selbständigen,  bestimmte  Länder  um- 
fassenden Regionalbureaux  zu  verwirkUchen  gesucht  hat. 

Es  \\ird  demnach  nicht  außer  Frage  sein,  ob  ein  Gesamt- 
katalog der  Philologie,  besonders  in  der  von  Northup  vorge- 
schlagenen Zettelform,  wenn  derselbe  auf  schnelle  periodische 
Information  eingerichtet  sein  soll,  wenigstens  im  Gebrauch 
"more  nearly  up  to  date"  gebracht  werden  könnte,  was  doch 
in  erster  Linie  zu  wünschen  wäre.  Die  Aufgabe  desselben  scheint 
mir  vielmehr  nur  eine  retrospektive  werden  zu  können.  Wegen 
der  Übersichtlichkeit  und  der  Möglichkeit  den  Umfang  der  Pro- 
duktion auf  größeren  Gebieten  zu  überblicken,  muß,  wie  schon 
gesagt,  die  Form  eines  solchen  Repertoriums  systematisch  sein,  ein 
Realkatalog,  nicht  ein  Schlagwortkatalog  mit  mehr  oder  weniger 
zutreffenden  Stichwörtern,  der  in  Amerika  und  England  die 
Sachbibhographie  beherrscht.  Im  Interesse  der  Wissenschaft 
können  nur  Fachbibliographien  eine  solche  Aufgabe  erfüllen 
und  eine  natürhche  Arbeitsteilung  des  philologischen  Gebietes 
würde,  wie  sie  schon  besteht,  die  Voraussetzung  sein.  Und  da 
man  überhaupt  in  betreff  der  Lage  der  jetzigen  philologischen 
Bibliographie  nicht  so  pessimistisch  zu  sein  braucht  (wenigstens 
wird  man  nicht  durch  die  Auseinandersetzungen  Northups  über- 
zeugt, und  die  in  der  Sitzung  gemachten  Aussagen  von  amei-ika- 
nischen  Fachgelelu'lon  gehen  im  ganzen  in  die  gleiche  Richtung), 
gilt  es  zu  verbessern,  was  wir  schon  besitzen  und  das  wir  deutscher 
Initiative  verdanken.  Übrigens  darf  man  nicht  den  Einsatz 
übersehen,  den  Deutschland  gemacht  hat  und  immer  fort,  zuletzt 
durch  die  groß  angelegte  Bibliographie  der  fremdsprachigen 
Zeitschriftenliteratur,  macht. 

Auf  dem  Gebiete  der  romanischen  Philologie  entspricht 
<lie  als  Supplement  zur  Zeitschrift  für  rom.  Philologie  heraus- 
gegebene Bibliographie  im  allgemeinen  berechtigten  Anforde- 
rungen. Die  Übersicht  in  der  Anglia  umfaßt  englische,  resp. 
amerikanische  Philologie  und  deshalb  könnte  sieli  der  von  der 
Gesellschaft  für  deutsche  Piiilologie  lierausgegebene  Jahres- 
bericht auf  die  Behandlung  der  übrigen  germanischen  Philologie 
beschränken.  Für  die  übrigen  Spraclien  sorgt  Streitbergs  Aii- 
zeiger.  Sie  erscheinen  also  [Jahresbericht  ausgenommen)  als 
Supplement  zu  den  Fachzeilschriften  und  auf  diese  Tatsache 
gründe  ich  di'*  Möglichkeit  einer  successive  fortlaufenden  biblio- 


140  Referate  und  Rezensionen.     K.   Meisler. 

graphischen  Arbeit.  Nun  denke  ich  mir,  diese  einzelnen 
Zeitschriften  würden  in  jedem  Hefte  ein  vollständiges  syste- 
matisches Verzeichnis  der  Neuerscheinungen  (selbständige  Werke, 
Abhandlungen,  Programme,  Zeitscliriftenliteratur)  veröffent- 
lichen. Diese  Novitäten  Verzeichnisse  würden  zugleich  als  \'^or- 
arbeit  zu  den  Jahresbänden  dienen  können.  Die  Zusammen- 
stellung derselben  ließe  sich  technisch  dadurch  erleichtern,  daß 
die  Titel  z.  B.  mit  Linotype  gedruckt  würden.  Damit  würde  man 
den  Anforderungen  auf  schnelle  Information  nach  Möglichkeit 
gerecht,  und  praktisch  würde  eine  Trennung  der  Arbeit  der 
Inventarisierung  und  der  periodischen  Information  hergestellt. 
So  wäre  es  auch  möglich  die  Lücken,  die  zur  zeit  zwischen  Er- 
scheinungsjahren und  Berichtsjahren  bestehen,  zu  beseitigen. 
Um  eine  noch  vollständigere  retrospektive  Übersicht  zu  ge- 
winnen, könnten  die  Jahresbände  z.  B.  fünfjährlich  zusammen- 
gefaßt werden.  Damit  entstehen  natürlich  höhere  Kosten  der 
doppelten  oder  dreifachen  Drucklegung.  Schließlich  müßte 
vor  allem  eine  einheitliche  Methode  der  systematischen  Einteilung 
in  Anwendung  kommen.  Daneben  sollten  die  zusammenfassen- 
den Verzeichnisse  der  Abhandlungen  und  Programme  fortgesetzt 
werden,  ebenso  die  Register  der  Zeitschriften.  Auch  sollte,  was 
noch  nicht  bemerkt  wurde,  ein  systematisches  Verzeichnis  aller 
bekannten  Handschriften  hergestellt  werden.  Die  bibUographische 
Behandlung  einzelner  Teilgebiete  und  Autoren  bietet  ein  weiteres 
Arbeitsgebiet,  dem  die  retrospektive,  nationale  oder  internationale 
Bibliographie  sich  zuzuwenden  hat,  bevor  wir  uns  mit  der  un- 
geheuer mülisamen  Ausarbeitung  einer  im  gev.issen  Sinne  luxuri- 
ösen bibUographischen  Enzyklopädie  der  Philologie  werden 
zuwenden  können. 

U  p  p  s  a  l|a.  x'.  HöGBERG. 

Tnigärlateinisclie  Inscliriften,  herausgegeben  von 
Ernst  Die  h-1.  Bonn,  A.  Marcus  und  E.  Weber's 
Verlag.  1910.  "  8  .  .  176  S.,  brosch.  4,50  Mk.,  geb. 
5,—  Mk. 

Die  Sammlung  schließt  sich  an  die  lateinischen  christlichen, 
pompeianischen  und  altlateinischen  Inschriften  an,  die  E.  Diehl 
ebenfalls  in  Lietzmanns  kleinen  Texten  herausgegeben  hat.  Sie 
enthält  in  der  Hauptsache  Inschriften  von  Privatpersonen,  die 
nicht  imstande  waren,  ein  schulgerechtes  Latein  der  Mit-  und 
Nachwelt  zu  überliefern,  beigegeben  sind  einige  offizielle  Doku- 
mente mit  vulgärem  Einschlag.  D.  hat  diese  Sammlung  auf  die 
Tier  ersten  nachchristlichen  Jahrhunderte  beschränkt. 

Die  Anordnung  der  einzelnen  Inschriften  ist  weder  nach 
dem  Fundort  noch  nach  der  Abfassungszeit  gemacht,  sondern 
nach    grammatischen    Gesichtspunkten.      Da    ja    fast    alle    Ab- 


Vulgärlateinische  Inschriften.  141 

weichungen  der  Vulgärsprache,  die  bisher  erkannt  worden  sind, 
über  einen  größeren  Teil  des  lateinischen  Sprachgebiets,  vielfach 
über  die  ganze  lateinische  Hälfte  des  alten  Imperiums  sich  aus- 
gebreitet haben,  und  da  wir  sehr  viele  der  Steine  nur  ganz  un- 
gefähr datieren  können,  wird  der  Benutzer  mit  diesem  Prinzip 
der  Anordnung  ge^^^ß  einverstanden  sein.  Er  wird  es  auch  sehr 
willkommen  heißen,  daß  D.  sich  nicht  damit  begnügt  hat,  die 
Texte  abzudrucken,  wie  sie  im  Corpus  stehen,  sondern  ihnen 
kurze  erläuternde  Anmerkungen  und  Verweise  beigefügt  hat. 
Der  Grammatiker  kann  freilich  nicht  überall  beistimmen,  codiugi 
(174)  für  coniiigi  ist  nicht  mit  coluci  (CILXII  427)  zu  vergleichen, 
denn  jene  Zeichen  sind  das  Abbild  einer  Sprachform,  diese  sind 
niemals  gesprochen  worden,  sondern  durch  Verwechslung  der 
ähnlichen  Schriftzeichen  entstanden,  wie  umgekehrt  iebris  für 
libens  (270) ;  hinc  sita  (753)  gehört  weniger  mit  vinxeit  für  vixit 
zusammen  als  mit  unde  für  uhi;  trigitta  statt  triginta  (686) 
steht  auf  einem  anderen  Brett  als  covviva  statt  conviva\  ab  hortu 
nov.  (32)  braucht  kein  Verstoß  gegen  die  Syntax  zu  sein.  Über 
anderes  sei  auf  die  eindringende  Rezension  von  M.  Niedermann, 
Berl.  Philol.  Wochenschr.  1911,  1431  ff.  verwiesen.  Aber  das 
sind  Einzelheiten  inmitten  einer  Fülle  sachkundiger  und  treffender 
Erklärungen. 

Auch  die  Register  sind  eine  dankenswerte  Beigabe.  Nur 
würde  man  wünschen,  daß  im  grammatischen  Index  die  Gesichts- 
punkte zur  Geltung  gelangten,  die  bei  der  Gruppierung  der 
Inschriften  nicht  berücksichtigt  worden  sind.  So  findet  z.  B. 
der  Leser  weder  im  Text  noch  im  Register  Belege  für  die  Synkope 
oder  die  Wiedergabe  der  gedehnten  Konsonanten  bei- 
sammen. 

Ein  weiterer  Wunsch  wäre,  die  selteneren  Abkürzungen 
noch  häufiger  als  es  geschehen,  aufzulösen.  Ist  doch  dem  Büchlein 
niclit  nur  Verbreitung  bei  den  Latinistcn,  sondern  auch  bei  den 
Romanisten  zu  wünschen.  Um  ins  Dunkel  der  den  romanischen 
Sprachdenkmälern  vorausliegenden  Sprachperiode  zu  dringen, 
ist  gewiß  die  Verglcichung  der  romanischen  Mundarten  und 
Sprachen  unter  sich  das  hauptsächliche  Hilfsmittel.  Aber  sie 
allein  könnte  nur  zur  Erkenntnis  eines  mit  dem  Urromanischen 
identischen  Vulgärlateins  füliren,  wenn  es  feststände,  daß  die 
romanischen  S[)i'achen  aus  einem  einlieitliclien  Sprachstamm 
in  freier  durch  nichts  unterbrochener  Entwicklung  erwachsen 
sind.  Wer  das  nicht  von  vornherein  zu  wissen  glaubt,  wird 
gern  die  Zeugen  aus  dem  Altertum,  und  wenn  es  auch  nur  Steine 
sind,  reden  hören. 

B  ('  r  1  i  n.  K.   Mkisteu. 


142  Referate  und  Rezensionen.     Hans  Medert. 

Proben  au»  der  sogfenannteii  Mulomedicina 
Cliironii»  (liucli  11  und  111),  licrausgegcbfn  von  M  a  x 
Nieder  mann,  C.  Winter,  Heidelberg  1910.  X  und 
68  S.      Kartoniert  1.20  Mk. 

Als  drittes  Bändchen  der  besonders  als  Grundlage  für 
latinistische  und  romanistisclie  Sominarübungon  gedachten 
Sammlung  vulgärlateinisclier  Texte,  lierausgogobcn  von  W.  Heraus 
und  H.  Morf  (Verlag  Carl  Winter,  Heidelberg),  hat  Niedermann 
zwei  Bücher  des  in  letzter  Zeit  häufig  genannten  veterinärmedi- 
zinischen Werkes  des  sog.  Chiron  —  die  erste  und  bis  jetzt  einzige 
Gesamtausgabe  veranstaltete  bekanntlich  Eugen  Oder  1901  — 
neu  herausgegeben.  In  der  Einleitung  gibt  N.  zunäciist  einen 
literargeschichtlichen  Überblick.  Die  sog.  Mulomedicina  Chironis 
ist  eine  Kompilation,  eine  lateinische  Bearbeitung  zweier  grie- 
chischer Veterinärmediziner,  die  auch  Vegetius  in  einem  Atem 
nennt,  Apsyrtus  (4.  Jahrh.  n.  Chr.)  und  Chiron.  Über  die  Person 
des  letzteren  wissen  wir  gar  nichts.  In  Subskriptionen  zu  einigen 
der  10  Bücher  der  Kompilation  wird  er  öfter  Chiron  Centaurus 
genannt,  in  der  Unterschrift  zum  letzten  Buch  taucht  plötzlich 
ein  Claudius  Hermeros  veterinarius  auf.  Mit  der  Annahme, 
daß  Chiron  der  wirkliche  Name  eines  Vorgängers  des  Apsyrtus 
gewesen  und  der  Zusatz  Centaurus,  der  sich  bei  Vegetius  nicht 
findet,  als  mittelalterUche  Interpolation  zu  erklären  sei,  hat 
Oder  keinen  Beifall  gefunden.  Nach  Niedermanns  Vermutung 
handelt  es  sich  vielmehr  um  ein  im  Hinblick  auf  die  Arznei- 
kunde und  Pferdenatur  des  mythischen  Kentauren  von  irgend 
einem  Veterinärschriftsteller  gewähltes  Pseudonym,  eine  Hypo- 
these, die  er  durch  Analogien  aus  der  Literaturgeschichte  zu 
stützen  vermag.  Den  Claudius  Hermeros  möchte  Oder  für  den 
Übersetzer  und  Redaktor  der  Kompilation  halten.  Des  Vegetius 
Mulomedicina  ist  einfach  eine  stilistische  Aufarbeitung  der  ersten 
6  Bücher  der  Kompilation,  von  deren  Verfassern  Vegetius  zu- 
treffend sagt,  daß  sie  ^,eloquentiae  inopia  ac  sermonis  ipsius  vili- 
taie  sordesciint" .  Dieses  Verhältnis  zwischen  Vegetius  und  seiner 
Vorlage  ergibt  für  die  sprachliche  Vergleichung  vieles  Interessante. 
N.  hat  daher  in  einem  Anhang  (S.  64 — 66)  einige  Stellen  des  Vege- 
tius abgedruckt,  die  dessen  Arbeitsweise  und  sprachhches  Ver- 
hältnis zu  , Chiron'  veranschauhchen  sollen  (vgl.  auch  Lom- 
matzsch,  Arch.  f.  lat.  Lexikogr.  XII  401 — 410  u.  551—559); 
auch  weisen  die  fontes  und  testimonia  unter  dem  Text  stets  auf 
die  entsprechenden  Stellen  des  Vegetius  hin.  Die  Zeit  der  Ab- 
fassung kann  nur  ganz  ungefähr  auf  die  zweite  Hälfte  des  4.  Jahr- 
hunderts angegeben  werden. 

Der  Herausgeber  widerlegt  dann  einige  neuerdings  aufge- 
tauchte Bedenken  gegen  die  Bewertung  der  Mulomedicina  Chiro- 
nis als  eine  der  wichtigsten  Quellen  für  die  Kenntnis  des  späteren 
Volkslateins,   indem   er  scharfsinnig  n=ichweist,   daß   man   nicht 


Proben  aus  der  sogenannten  Miilomedicina  Chironis.     143 

einmal  für  die  Orthographie,  geschweige  denn  für  die  Syntax 
und  Lexikologie,  die  Vulgarismen  kurzerhand  auf  Rechnung 
der  Abschreiber  setzen  dürfe,  sondern  im  Gegenteil  eine  Tendenz 
Vulgärformen  auszumerzen  konstatieren  müsse.  Demgemäß 
gibt  er  hinsichtlich  der  Orthographie  eine  ,, diplomatisch  treue 
Wiedergabe"  des  überHeferten  Textes,  darin  sicherlich  konse- 
quenter als  Oder,  der,  im  allgemeinen  sehr  konservativ  verfahrend, 
bisweilen  doch  am  unrechten  Ort  korrigiert  hat  (z.  B.  die  von 
N.  gegen  Oder  beibehaltene  Schreibung  quagulare  =  coagulare, 
heute  italienisch  quagliare,  kann  auch  aus  anderen  späten  Autoren, 
aus  dem  Hebammenkatechismus  des  Mustio,  aus  Palladius, 
Dioscurides  latin.,  Vcgetius,  Ps.-Phnius,  Theodorus  Priscianus, 
Cassius  FeUx,  Marcellus  Empiricus  und  Inschriften  belegt  werden, 
vgl.  meine  Dissertation  Quaestiones  criticae  et  grammaticae  ad 
Gynaecia  Miistionis  pertinentes  S.  37  f.).  N.  glaubt  so  weit  gehen 
zu  müssen,  daß  er  selbst  bis  zur  Unkennthchkeit  entstellende 
Schreibungen  Heber  im  kritischen  Apparat  glossenartig  erklärt 
als  im  Text  verbessert,  z.  B.  dilacio  =^  düatatio  p.  3,29  u.  11,26. 
provocabitur  =  profocabitur  8,29.  dencionis  =  dentitionis  9,25. 
diote  =  idiotae  11,14.  quod  =  qiiot  11,16.  ali  bero  =  alii  vero  3,19. 
bibunt  =  vinint  31,19  (30,5),  usf.  Für  die  Textgestaltung  hat 
er  die  Münchener  Handschrift  neu  verglichen  (die  dem  ersten 
Herausgeber  unterlaufenen  Irrtümer  werden  S.  68  mitgeteilt) 
und  außer  den  seither  veröffenthchten  auch  eine  Anzahl  unedierter 
Emendationen  von  Heraus  und  Riemann  benutzt,  seine  eignen 
Konjekturen  im  Philologus  (1910)  näher  begründet.  Daß  Prof. 
Riemann  in  Le  Mans,  wie  der  Herausgeber  mitzuteilen  er- 
mächtigt ist,  schon  seit  mehreren  Jahren  eine  größere  Ab- 
handlung übei-  Wortschatz  und  Syntax  der  Mul.  Chironis  voi-- 
bereitet,  wird  im  Kreise  der  Fachgenossen  mit  Freude  begrüßt 
werden. 

Ein  Blick  in  den  Text  genügt,  uns  den  vulgären  Charakter 
der  Sclii'ift  hinsichtlieh  der  Formenlehre,  der  Lexikologie  und 
Syntax  wie  des  Stils  zu  zeigen.  Eine  der  auffallenderen  Erschei- 
nungen ist  der  ziemlich  häufige  Gebrauch  transitiver  Verben  als 
Intrt nsitiva,  nicht  selten  finden  wir  bereits  auch  den  Obliquus 
für  d(n  Nominativ  gesetzt.  Indessen  glaube  ich  mir  ein  näheres 
Eingehen  auf  die  sprachlichen  Eigentümlichkeiten  an  dieser  Stelle 
ersparen  und  dafür  auf  die  sorgfältigen  Zusammenstellungen 
Oders  in  seinen  vielgelobten  Indices  —  bei  deren  Benutzung 
natürlich  die  später  gemachten  Emendationen  zu  berücksichtigen 
sind  —  sowie  natürlich  auf  die  sonstigen  auf  S.  IX  namliaft  ge- 
machten sprachlichen  Arbeiten  zur  Mulomedicina  vorweisen 
zu  können. 

Gießen.  Hans   Medert. 


144  Referate  und  Rezensionen.      Paul  Marchot. 

marichal,  J.  J.  Die  Mundart  von  Gueuzaine-Weismes 
(phonetiscli  behandelt).  Dissertation  de  Bonn,  brochure 
in-8  de  68  p.     Georgi,  Bonn,  1911. 

Une  Morphologie  du  parier  de  Faymonville  (}Veismes)  a  ete 
publiee  par  M.  Bastin  dans  le  tome  51  du  Bulletin  de  la  Societe 
Liegeoise  de  Litterature  Wallonne  (Liege,  1909)  et  cette  Plionetique 
se  presente  comme  un  complement  (p.  62),  de  sorte  que  l'on 
possede,  tout  au  moins  en  ce  qui  regarde  les  materiaux,  une 
petite  grammaire  des  parlers  de  la  Wallonnie  prussienne,  qui 
comprend  environ  10.000  Romans  (p.  8)  et  a  Malmedy  pour 
centre.  Et  de  ce  patois  l'on  avait  dejä  une  grammaire  plus  reduite 
de  M.  Zeliqzon  dans  la  Zeitschrift  de  Gröber,  XVII,  augmentee 
apres  d'un  glossaire,   XVIII. 

Ces  parlers  se  rattachent  plutöt  etroitement  au  Liegeois; 
le  pays  a  surtout  des  rapports  avec  la  ville  beige  de  la  frontiere, 
Stavelot  (p.  7) ;  la  population  wallonne,  en  face  du  germanisme 
mena§ant,  reste,  de  fagon  touchante,  profondement  attachee 
au  patois,  heritage  et  souvenir  de  la  nationalite  abolie. 

Ce  patois  est  le  parier  natal  de  l'auteur;  mais  il  n'est  pas 
bon  romaniste,  ou  plutöt  n'est  encore  qu'un  debutant  inexpert 
et  son  travail  n'a  guere  de  valeur  que  par  l'apport  de  materiaux 
de  premiere  main.  M.  M.  a  fait  ses  etudes  en  etant  maitre  dans 
des  pensionnats  prives  (voir  Lebenslauf)  et  cela  doit  incliner 
ä  l'indulgence:  ses  loisirs  lui  auront  ete  plus  que  parcimonieuse- 
ment  mesures. 

J'ai  parcouru  sa  monographie  avec  agrement,  mon  oreille 
de  Walion,  dont  l'adolescence  sut  parier  un  patois,  caressee 
par  la  chanson  imaginaire  des  mots  encore  familiers  ä  la  memoire 
(en  depit  de  la  graphie  hirsute  et  phonetique),  mais  avec  un  agre- 
ment trop  souvent  gäte  par  les  lacunes,  les  defauts  et  les  tares 
de  l'etude. 

Je  ne  veux  pas  entrer  ici  dans  les  details  d'une  critique  fati- 
gante  et  inutile  pour  les  specialistes  avertis,  qui  cherchent  gene- 
ralement  dans  cette  sorte  de  travaux  des  faits,  des  materiaux, 
et  non  des  explications,  qu'ils  sont  en  etat  de  donner,  et  donnent, 
avec  infiniment  plus  d'autorite,  de  competence  et  de  science 
que  le  debutant  qui  tätonne  et  parfois,  comme  ici,  sait  plutöt 
mal  sa  «matiere».  Mon  intention  est,  prenant  occasion  de  cette 
recente  these  universitaire  allemande  sur  la  phonetique  du  wallon, 
en  faisant,  pour  les  faits,  dans  les  cas  qui  le  reclament, 
les  renvois  appropries,  de  consacrer  au  dialecte  wallon,  en  tant 
que  dialecte,  me  limitant  ä  la  phonetique,  une  petite  etude 
d'e  n  s  e  m  b  1  e  ,  que  j'estime  neuve,  et  qui  aura  pour  fin  de 
montrer  la  genese,  les  origines  du  wallon.  Cela 
revient  ä  dire  que  je  l'envisagerai  (pour  la  phonetique)  de  l'an 
500  ä  800  environ,  car  c'est  vraiment  dans  ce  laps  de  temps,  on 
le  verra,  quo,  sortant  du  latin  vnlgnir!^,  il  sn  rnnstitne  deia  avec 


Marichal,  J.  J.     Die  Mundart  von  Gueuzaine-W eismes.    145 

ses  principaux  caracteres  phonetiques  distinctifs.  Du  IX^  siecle 
(des  premieres  decades  vraisemblablement),  Ton  possede  en  effet 
en  wallon  (c'est  du  moins  ma  conviction  profonde,  et  on  la  verra 
se  justifiant  toujours  davantage  dans  le  cours  de  Tetude),  un 
texte,  les  gloses  de  Reichenaii,  qui,  bien  qu'outrageusement  lati- 
nise,  n'en  reste  pas  moins  de  la  plus  considerable  importance, 
lequel  nous  permot  de  constater  notre  dialecte  constitue  ä  cette 
epoque  avec  les  principaux  de  ses  caracteres,  notamment  le& 
traits  releves  plus  loin  aux  n°^  5,  6  (et  aussi  8  indirectcment). 

Pour  etre  plus  bref,  c'est  donc  la  phonetique  du  wallon 
prelitteraire  ou,  si  Ton  veut,  prehistorique 
(500  ä  800)  qu'il  me  plait  d'esquisser.  Et  c'est  par  la  voie  c  h  r  o  - 
n  o  1  0  g  i  q  u  e  que  je  procederai,  qui  me  parait  la  plus  lurai- 
neuse,  avan§ant  siecle  par  siecle,  montrant  les  evolutions  phone- 
tiques s'accomplissant  successivement  et  differenciant  peu  ä 
peu  ce  qui  deviendra  un  jour  l'aire  wallonne  de  ce  qui  l'entoure. 
Je  laisse  bien  entendu  de  cote  les  evolutions  qui  s'accomplissent 
en  commun  avec  le  francien  et  qui  sont  naturellement  censees 
connues  du  romaniste  qui  veut  bien  me  lire.  En  d'autres  termes, 
en  meme  temps  que  je  suis  l'ordre  chronologique,  je 
procede   par  voie     differenciative,     si  l'on   peut   dire. 

Les  principaux  traits  phonetiques  du 
wallon    prelitteraire    ou    prehistorique    (500    ä  800): 

Dejä  pour  l'epoque  gallo-romaine,  on  peut  rassembler,  en 
cherchant,  pour  le  latin  de  la  region  qui  sera  plus  tard  la  Wallon- 
nie,  quelques  particularites  phonetiques  interessantes,  dont 
l'aire  plus  ou  moins  considerable  va  parfois  bien  au  delä  de  la 
region,  mais  qui  sont  dejä  nettement  distinctives  par 
rapport  au  latin  de  l'Ile-de-France:  par  ex.  crassiis  pour  grassus 
(wall,  c/-«),  *cambita  pour  *gambita  (wall,  t^äm),  *plQvia  pour 
*plQia  V.  plus  loin  n*^  9,  etc.  Au  VF  siecle,  lorsque  s'elabore, 
sortant  du  latin  vulgaire,  le  francescu  ou  langue  des 
Francs,  plusieurs  traits  du  wallon,  qu'il  a  en  commun  avec 
d'autres  dialectes  du  reste,  apparaissent  dejä. 

1)  C'est  tout  d'abord  la  conservation  integrale  du  \v  germani- 
que  initial.  Tout  le  long  de  la  frontiere  linguistique,  les  Gallo- 
Romains  adoptent  ce  phoneme  tel  quel  (cf.  en  picard,  wallon, 
lorrain).     Wallon  du  VF  siecle:  wardare,  wespa. 

2,  3,  4)  Au  VF  siecle  et  aux  alentours,  avant  et  apres  (car 
les  deux  phenomenes  empietent  sur  los  sieclos  environnants), 
lors  de  la  syncope  de  la  voyelle  penultieme  et  de  la  voyolle  con- 
trefinale,  le  wallon  se  differencio  du  frangais  en  conservant  intacts 
blusieurs  groupes  nouveaux  de  consonnes  qui  apparaissent.  D'a- 
pord,  dans  le  groupo  m-U  il  n'opere  pas  l'inlorcalation  d'un  h 
adventice  (de  mome  quo  lo  lorrain  et  le  picard).  Wallon  de  700: 
semlat  semlarc,  tremlat  iremlare.  De  memo,  plus  tard,  quand 
agit  la   loi   dos  voyelles  finales   (chute   ou   voyelle   d'appui),   au 


14G  lieferalc  and  Rezensionen,     Paul  Marc/iol. 

VHP  siecle  sans  doulo,  wallon  ensemle  d'insimul.  En  co  qui 
conccrne  le  groupe  m-r,  le  wallon,  on  le  sait,  evolue  comme  Ic 
fran^ais:  tMp  chambrc.  II  s'cn  separe  toutefois  dans  le  cas  uniquo 
marm  marbre  (Graiulgagnago),  qui  offre  cette  particularite 
du  groupe  m-r  appuye  sur  consonno.  —  En  second  lieu,  le  wallon 
gardc  intacts  les  groupes  n-r,  l-r,  oü  le  fran^ais  opere  Tinsorlion 
d'un  d  (encore  comme  le  lorrain  et  le  picard).  Wallon  de  700: 
tenru^  cenre,  ponre  ponrat,  venrat,  tenrat,  venredie  <  Vener e  die 
med.  v^rdi  Jamals  *v^risdi\  iolre  tolrat,  molre  molrat  (molere), 
volral.  Et  comme  /-/•  evolue  Iv-r,  qui  laisse  choir  son  v:  polre 
pour  pulvere  et  solre  solrat  pour  solvere.  Pour  les  faits  en  moderne, 
V.  Marichal,  p.  59;  pür^  donne  comme  savant  p.  42,  est  une  de  ces 
«enormites»  qui  lui  sont  familieres.  —  Enfin,  dans  le  groupe  s-r^  oü 
le  frangais  insere  t  ou  d,  selon  que  1'^  etait  sourde  ou  sonore,  le 
wallon  ne  pratique  pas  non  plus  l'epenthese  et  garde  le  groupe. 
Wallon  de  700:  esre  mod.  ^s  i^s,  ancesre,  cres^re  cresVat  mod. 
kr^s  Ar^X  kr^^ra  kr^yra  selon  regions,  conos^re  conos^rat  mod. 
kinQs  kinQx  kinQsra  kin(i'/ra\  cosre  cosrat  mod.  koßs  kcezra.  II  est 
vrai  de  dire  qu'un  eslre  peut  avoir  ete  reconstruit  sur  est  estes 
estant  eslel,  comme  le  prouve  astreiet  astreient  dans  Jonas  et 
comme  distrent  dans  ce  texte  est  refait  sur  dist.  Dans  tout 
rOuest  il  regne  un  kcel  part.  koedii  subj.  kcet  ou  kut  (Grignard,  Dial. 
de  l'O.  wall.),  mais  dire  qu'il  vient  d'un  phonetique  *keusdre 
(§  73)  est  une  heresie  (plus  exactement  de  *kozdre).  Gar  en 
wallon,  il  ne  faut  pas  s'y  tromper,  z  subsiste  dans  zd  comme 
s  dans  5/.  Grandg.^)  a  brosder  et  hisdeü  hisdeure  II  537;  Grignard 
§  48  donne  lui-meme  Boustaine,  lieu-dit,  deformation  de  Bous 
d'Haine,  Bois  d'Haine.  Si  le  wallon  dit  toujours  i'grdi  et 
dSiidi,  c'est  parce  que  c'est  Venere  Jove  die  et  s'il  a  /<?f/i,  c'est 
parce  que  c'est  phonetique:  totosdies  (l  mot)  donne  totfsjdis  avec 
chute  d's  comme  culcita  >  coUfsJta  >  colte  et  comme  halfsjberg  > 
halbere.  Du  reste  la  regle  consuere  >  cosre  est  prouvee  par 
fisient  et  permessient  de  Jonas,  oü  Ton  peut  voir  fisrent  et 
permesrent,  en  voie  d'alteration  vers  les  posterieurs  fisent 
(per)mesent  (Poeme  Moral:  fisent,  prisent,  misent,  etc,  «Eigen- 
tümlichkeit des  W^allonischen»,  Cloetta,  p.  115 — 6),  mais  jamais, 
en  tout  cas,  fisdrent  et  permesdrent.  Le  kqet  koedii  de  l'Ouest 
doit  donc  s'expliquer  par  une  roformation  sur  les  tres  nombreux 
verbes  en  -/  part.  -du  (fr.  -dre  -du). 

5)  Aux  environs  de  700,  b  (ou  br)  intervocal  passe,  en  fran- 
^ais,  ä  V  (vr).  Ce  b  (br )  existait  dans  les  mots  hereditaires  ayant 
br  intervocal  comme  fabru  {b  simple  intervocal,  type  faba,  ayant 
passe  ä  p  au  P^  siecle  en  latin),  dans  des  mots  hereditaires  oü 
il  provenait  de  p  (pr)  comme  lupa  [capra),  dans  des  mots  savants 
tels  que  ebureu  et  ab  oculis  et  dans  des  mots  d'origine  germanique 

^)  Bastin,  pour  Faymonville,  his  effroi  Bull.  Soc.  Litt.  w.  51, 
p.  325);  Haust,  pour  Stavelot,  his  et  ehisder  ibid.  44,  p.  511  et  505. 


Marichal,  J.  J.    Die  Mundart  von  Gaeuzaine-Weismes.    147 

oü  il  provenait  soit  de  b  (bh)  etymologique,  soit  de  p  etymolo- 
gique  (sonorise)  comme  striban,  tibher,  skapin  (estriver,  toivre, 
eschenn),  voir  ma  Phonet.  du  frauQ.  prelitt.  §  47.  D 'apres  Bour- 
ciez,  Elem.  de  lingu.  romane  p.  180,  le  plus  ancien  exemple  attes- 
tant  cette  evolution  b  (br)  >  v  (vr)  serait  <<sevis  pour  saepes, 
Form.  And.  33.»  C'est,  selon  moi,  lors  de  cette  evolution  que 
le  wallon  (ainsi  que  d'autres  dialectes),  la  pratiquant  sur  une 
base  plus  large,  fit  passer  aussi  bl  intervocal  (etymologique  ou 
pl  sonorise)  ä  wl,  vi  (ce  que  ne  fait  pas  le  francien).  Donc  wallon 
d'apres  700:  taula  mod.  läf  töf  et  tH  /ö/,  stoula  mod.  stcel, 
criulus  mod.  kr^  krül  selon  region.  Le  glossaire  de  Reichenau 
a  stipulam:  stulus  1097,  crebro:  criuolus  879,  v.  Hetzer,  Reich. 
Glossen  p.  94,  qu'il  faut  lire  stQul-üyeQ  diphtongue  et  criulus  avec 
elision  d'o.  Francien  table,  estoblc,  crible.  II  y  a  lieu  de  faire 
remarquer  que  le  domaine  wallon  n'est  qu'une  partie  de  l'aire 
tres  considerablc  sur  laquelle  s'accomplit  le  phenomene  bl  >wl 
(ul,  vi).  Sur  bi  qui  donne  vi  (vers  700?),  voir  aussi  plus  loin, 
n*'  9.  Sur  les  foits  ä  Weismes,  Marichal  p.  61:  manüy^  (pas  de 
sens)  ne  saurait  etre  manipulu,  saviö  <  savlone  est  modele  par 
pavelione  päviö  papillon  et  les  noms  en  -io. 

6)  Aux  environs  de  700  encore,  selon  moi,  intervient  une 
autre  differenciation  entre  le  frangais  et  le  wallon,  qui  est  tres 
importante  et  embrasse  une  nombreuse  categorie  de  vocables. 
Vers  cette  epoque  sans  doute,  en  frangais,  le  yod  semi-consonne, 
soit  etymologique,  soit  provenant  d'evolution  romane,  escalade 
dans  de  nombreux  cas  la  consonne  ou  les  consonnes  qui  precedent 
pour  venir  s'accoler  ä  la  voyelle  (comme  dans  coriu  ou  bien  nuce> 
nodüe>  noidze).  Dans  les  quatre  cas  du  tableau  suivant  (dont 
je  me  dispensc  de  faire  l'explication  et  l'enumeration,  parce 
qu'ils  parlent  assez  d'eux-memes  ä  l'oeil  et  ä  l'esprit  du  lecteur), 
le  wallon  s'est  nettement  separe  et  fortement  distingue  du  francien, 
en  ne  pratiquant  pas  le  deplacement  du  yod: 

wallon  moderne 

basiare  bäzT,  bäyj 

crassia  kr<i^,  kräy^ 

uudzielhi         uzc,  uye 
dedzie  di(z),  df(x) 

pessione  )P?«ö,  p^xö 

radzione  räzö,  rä^ö  (Grandg.) 

frossiare  frQ^',  f'VyJ 

ussiu  üs,  //X  "X 

Le  wallon  va  plus  loin.  En  frangais  le  traitement  des  groupes 
X  et  sc  est  -is-  et  des  types  comme  coxa  (cocsa)  cresco  donnent 
avant  le  VHP  siecle  coisa  avec  s  sourde,  creiso  avec  s  sourde. 
II  est  admis,  en  effet,  en  gramniairo  liistorique  fran^aise,  quo  le 
groupe  sc  (cresco,  *vascellu)  etait  devenu  partout  es  dejä  en  latin 


francien 

1. 

basiare 

baisare 

*crassia 

graissa 

2. 

aucellu 

auidzellu 

dece 

deidze 

3. 

*piscione 

peissone 

4. 

ratione 

raidzone 

*jrustiare 

froissare 

*üstiu 

uissu 

148  Hffcrate  und  Rezensionen.      Paul  Marchol. 

vulgaire  de  Gaule,  excepte  devant  a  (musca),  et  excepte  aussi, 
on  peiil  l'ajouler.,  ä  l'enlree  du  mot,  parte  que  lä,  naturollement, 
il  provonait  d'un  compose  avec  ex-  (es-)  ou  en  donnait  plus 
ou  moins  rimpression  (comme  dans  excutere  (escglerej,  escopare; 
*escollare).  On  a  raison  d'admettre  cette  metathese  de  sc  en  es, 
car,  ä  y  reflechir,  des  mots  comme  cresco  jasce  donneraiont  cresc 
*fasz  faz^  puisqu'on  a  porc  falz  de  porcu  jalce;  il  faut  donc  partir 
de  crecso  jacse.  Le  wallon  va  plus  loin,  ai-je  dit,  et  il  se  differencie 
ici  du  francien,  en  ce  que,  dans  les  types  coxa  crecso^  pousse  sans 
deute  par  un  besoin  d'egalisation,  il  fait  une  transposition  de 
Vi  d'avant  on  arriere  par  dessus  la  consonne  et  dit  cosia  cresio 
{s  sourde).    Ainsi,  dans  les  deux  cas  suivants,  il  dit: 

francien  wallon  moderne 

5.  coxa  coisa  cosia  ä;<?^,  kQy^ 
sex                     seis                     sesi  s^(s)^  Si(x) 

6.  *vacsellii  vaisellii  vasiellu  va^c^  vaye 
crecso                 creiso                   cresio  kr^^,  kr^x 

Et  meme  mieux.  Le  latin  vulgaire  de  Wallonnie  a  fait, 
il  faut  bien  l'admettre,  la  transposition  de  sc  en  es  meme  devant 
a  et  meme  partout  ä  l'entree  du  mot,  lä  oü  Ton  avait  composition 
par  ex-,  apparence  de  composition  ou  bien  non.  Et  Ton  a  ä 
aj outer  aux  six  cas  dejä  vus  les  deux  suivants,  dans  lesquels 
le  wallon  s'est  ecarte  radicalement  du  traitement  en  francien  et 
par  lesquels  il  s'est  differencie  de  lui  d'une  fagon  des  plus  manifestes : 
francien  wallon  moderne 

7.  musca        mosca  mocsa> moisa> mosia  7nQs^  tnQy 
scamnii       (ejscamnu  (e)csafnna,  (e)siamnii         sani,  y^am 

8.  escptere       (e)scodre     (e)csgtere,    (e)siodre  sqer,  y^oer 
scopare       (e)scovare    (e)csovare,  (e)siovare  ^P^c,  yS^? 
*escgltare   (e)scoltare  (e)csgltare,  (e)sioltare         sute,  yute 
*scuma      (e)scuma     (e)csuma,     (e)siuma           «um,  yum 

Pour  toute  cette  evolution,  si  curieuse  en  wallon,  de  toutes 
ces  series  de  mots,  l'etape  (s)si  est  attestee  au  IX^  siecle  par  le 
glossaire  de  Reichenau  qui  a  823  axis:  ascialis  <axalis,  986 
lena:  toxa=  lat.  vulg.  tgsca  <  lat.  tüsca  (Hetzer,  op.  cit.  p.  118) 
et  1057  passer:  musco  velomnes  minute  aues  <C*muscio  (wall.  mod. 
musö  mQyö  a.  fr.  moisson).  Hetzer  a  montre  p.  121  que  la  graphie 
sc  vaut  SS,  donc  s  sourde,  car  si  le  glossographe  ecrivait  asialis, 
on  lirait  z  [s  sonore),  puisqu'ä  cette  epoque  s  intervocale  (causa) 
est  sonorisee.     Quant  ä  loxa  pour  le  lat.  vulg.  tgsca^)  et  ä  musco 

2)  Le  sens  de  ce  mot  est  «rauher,  grober  Stoff»  «Mantel,  Decke 
aus  rauhem  Stoff»  (Hetzer  p.  51).  Je  le  retrouve,  mais  estropie  par 
l'editeur,  dans  des  chartes  liegeoises  du  XVIe  siecle;  «au  fait  des  draps 
qui  seront  drappes  de  vilaines  coxhes  et  pe'.lins  tondus  entre  le 
mois  de  may  et  St.  Remy»  (chez  Grandgagnage,  II  p.  571,  annee 
1627)  et  «pourpoint,  chausses,  henches  ( ?),  fohes,  cottreaux  (jupons)^ 
golliers  et  autres  habillements  d'hommes  et  de  femmes.»  (id.,  II 
p.  593,  annee  1575). 


Marichal,  J.  J.    Die  Mundart  von  Gueuzaine-Weismes.    1 49 

pour  le  vulg.  *muscio  (Hetzer,  p.  14),  ce  sont  des  latinisations 
erronees,  fautives  du  glossographe,  qui  prouvent  qua  x,  sc  (aussi 
bien  devant  aeto  qu'ailleurs)  et  sei  avaient  tous  les  trois  uniforme- 
ment  la  valeur  (sjsi-  II  relatinise  au  petit  bonheur  en  confondant 
toutes  ces  diverses  categories.  Le  Jonas  au  X®  siecle  constate 
encore  Tetape  (s)si,  en  ecrivant  pescion  poseiomes  et  escit  fesist.  Le 
wall,  ancien  a  pour  representer  l'etape  moderne  x  <  (sjsi  la  graphie 
X  on  xh  (ainsi  moxe  ou  moxhe  =  mQx  <  musea)^  graphie  encore 
employee  dans  des  noms  de  lieux  et  des  patronymes  d'ailleurs 
(Fexke,  Moxhon).  x  comme  graphie  est  etymologique,  puis- 
qu'on  a  a;  >  X  dans  le  cas  n^  5  coxa  >  Ar^X-  Quant  ä  A,  il  est 
phonetique;  tres  aspire,  il  est  equivalent  ä  X-  Enfin  xh  n'est 
que  Taccouplement  des  deux  graphies  concurrentes.  (Pour 
le  phenoniene  traite  sous  ce  n^,  nombreux  exemples  de  Weismes 
chez  Marichal  p.  53).  —  II  est  important  de  faire  remarquer 
que  tout  Textreme  Ouest  wallon,  qui  borde  la  frontiere  de  ca 
ga,  fait  exception  ä  la  loi  pour  tout  sc  initial  {mime  devant 
a),  qu'il  maintient  tel  quel,  voir  Grignard,  Dial.  de  l'O.  wall.  §  71. 

7)  Avant  le  miheu  du  VIII®  siecle  (j'ai  pose  comme  terminiis 
a  quo  la  date  de  la  conquete  de  la  Septimanie,  719,  dans  ma 
Phon,  du  fr.  prelitt.  §  50,  ä  cause  du  traitement  en  francien  de 
meschin  d'origine  arabe),  dans  la  plus  grande  partic  de  la  Gaule 
du  Nord,  c  et  g  devant  a,  e  et  i  s'alterent  pour  aboutir  ä  t^^  dz: 
vache,  jambe,  chose^  joie,  eschine,  giron,  etc.,  etc.  D'apres  moi, 
le  wallon  fit  participer  ä  cette  alteration  le  groupe  cc  devant 
0  final  et  dit  en  750  beche  bec,  sache  sac,  bache  bac,  seche  sec, 
flache  mou  <  flaccu  (mod.  b^t^,  sats  s^ts,  bat^,  s^ts,  flat^.  On  se 
rappelle  que  le  Jonas  dit:  cilg  eedre  fu  seche.  L'aire  du  phenomene 
s'etend  sur  le  domainc  lorrain,  mais  non  pas  picard.  En  guise 
d'explication,  j'imagine  unc  etape  anterieure  *becc9,  oü  en  wallon 
le  groupe  cc  aurait  determine  un  e  feminin  d'appui  lors  de  la 
chute  des  voyellcs  finales,  celle-ci  ayantlicu  alors  avant  l'alteration 
de  c,  g.  Ce  qui  est  curieux,  c'est  que  les  mots  venus  du  germanique, 
ä  part  bac,  nc  presentont  pas  ce  phenomene:  wallon  bQ(k)  bouc, 
stQfkJ  masc.souche,  blQfkJ  billot  (aussi dimin.  bl<ike),krQ{k);  ni  non 
plus  d'ailleurs  lo  mot  d'origine  arabe  m^skin  (servante).  Les  mots 
germains  n'etaient-ils  pas  encore  empruntes  lors  de  l'evolution 
ou  bien  est-ce  la  coexistcnce  comme  langue  parlee  du  tudesque 
k  c6t6  du  roman  qui  les  empecha  d'evoluer  ?  II  est  de  fait  que 
les  mots  germains  ont  bien  rarement  pratique  l'alteration  de 
c,  g,  \ix  oü  ils  auraiont  du  la  faire:  wall,  bläk  bläki,  fräk  afräki, 
tribukt,  klQk  (et  klqt^),  gät  chevre  gäd<i  chevrcau,  agäs  pie,  a^adlc 
parer,  gäj  bien  vetu,  etc.  Cependant  IQtk  boucle  de  cheveux 
(dimin.  d'un  *loche?). 

8)  Peu  apres  le  milieu  du  VIII*  siecle  eut  lieu  en  fran^ais 
la  monoplitongaison  de  au  en  (?,  les  plus  anciens  exemples  sont 
du  glossairo  de  Roichenau:  ros,  soma,  sora.    Le  wallon  s'est  diffe- 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX'/*.  U 


150  Referate  und  Rezensionen.     Paul  Marchot. 

renci^  ici  du  francien  en  ce  que,  en  hiatus  avec  a,  il  a  garde  la 
diphtongue  intacte  tant  ä  la  tonique  qu'ä  Tinitiale,  et  il  a  dit 
avant  la  fin  du  VIIF  sieclo:  chawe  a.fr.  choe  <  kawa^  hawe  houe 
<  *hawa  pour  hauwa,  dawar  clouer,  hawar  houer,  hawel  hoyau. 
Et  de  memo,  bicn  entendu,  awe  oie,  trawar  trouer,  rawar  <  *rau- 
care  (dans  lesquels  le  c  n'existait  plus  au  VIIF  siecle).  Wallon 
mod.:  t^aw^  haw,  klnwc^  hawe^  hawe,  äw  öw,  trawc,  row?  (Namur 
se  dit  du  cri  de  la  chatte  en  chaleur,  Grandgagnage  v.  räwe). 
Si  Vu  est  la  dhinence  de  declinaison,  le  wallon  s'est  aussi 
distingue  du  fran^ais  en  gardant  la  diphtongue  au  au  lieu  d'en 
faire  Qu;  mais  pour  au  en  hiatus  avec  li  il  a  dit  Qu  comme  lo 
frangais:  ainsi  wallon  d'apres  750  clau  clou  <  clau,  fau  a.  fr. 
fou  <  fau  (dimin.  fawel) ;  mais  trQu  trou  <  trauu,  pQu  peu  <  pauu 
(mod.  /d<^,  f(i{w)  dimin.  fawf^;  mais  tro,  po,  qui  n'existent 
jamais  et  sont  impossibles  ä  trouver  sous  la  forme  *trä  *pä). 
Sur  les  faits  ä  Weismes,  tout  ä  fait  conformes,  pp.  14  fin  et  21; 
corr.  la  coquille  fä  en  fä.  Le  moderne  fläw  faible  =  fr.  flou. 
surprenant  ä  premiere  vue,  s'explique  fort  simplement  comme 
un  feminin  originaire,  flawe  ayant  elimine  le  masculin.  Comme 
correspondant  de  bleu,  je  n'ai  retrouve  de  forme  indigene  en 
mod.  que  le  fem.  bW  ä  Haybes  {blgw?  bleuet  ä  Hanzinne), 
mais  blaw^t  etincelle  atteste  bien  l'ancien  feminin  blawe  {Atl. 
lingu.  138,  139  et  493).  Le  glossaire  de  Reichenau  a  838 
armilla:  baucus.  Comme  Ta.  fr.  dit  bQu,  il  faut  partir 
de  *baugu  qui  etait  au  VHP  siecle  *bauu,  car  baug  germ. 
Sans  finale  donnerait  *bQc  ou  *bQi.  Le  glossographe  pronon^ait 
donc  bQu  comme  trQu  et  pQu,  mais  il  «etymologise».  Si  Ton 
retrouve  le  mot  en  wallon,  il  sera  bo.  Feent  (de  Jonas,  par 
*faent),  une  des  formes  du  moderne,  qui  diverge  de  vont,  pour 
aire  (Marchot  Z.  de  Gröber,  XXII,  401)  et  explication,  va  ä  la 
flexion. 

9)  Avant  la  fin  du  VHP  siecle  probablement,  le  franQais 
change  le  groupe  pi  en  eh  en  passant  sans  doute  par  l'etape  pch 
(conservee  en  provengal).  Le  wallon  se  separe  du  frangais  en 
gardant  pi  intact;  ainsi  wallon  de  800:  api(;r  ou  apiier  (s'il  y  a  dejä 
diphtongaison)  a.fr.  achier  mod.  ap7,  apropiar  approcher  mod. 
apr^pi,  sapie  ssiche  mod.  säpsep,  hapie  hache  mod.  häp  h^p,  crepie 
creche  {AhA  krippja)  mod.  krqp,  clopiar  <*cloppi(c)are  mod.  kl^^p^, 
erpie  <  *hirpi{c)a  mod.  ^p  (Est).  En  meme  temps,  en  frangais,  les 
groupes  bi  vi  devenaient  d^.  Ici  encore,  le  wallon  se  distinguait  en 
ne  faisant  la  transformation  que  pour  hi  vi  apres  consonne,  main- 
tenant  entre  voyelles  les  deux  groupes  intacts,  si  ce  n'est  que 
correspondant  ä  öj  il  a  vi  (mais  c'est  parce  qu'il  avait  dejä 
chang6  ce  bi  etymologique  en  vi  soit  au  1®^  siecle  soit  vers  700, 
quand  tout  b  (br,  bl)  intervocal  passe  ä  p  en  vertu  de  la  loi  ex- 
posee  supra  au  n^  5).  Ainsi  on  a  vers  800  en  wallon:  apres  con- 
sonne chamjar  changer  mod.  kädzi  St.  Hubert  tsädz^,  lomge  <  lum- 


Marichal,  J.  J.    Die  Mundart  von  Gueuzaine-Weismes.    151 

bea  St.  Hubert  löt^  =  axe  de  chariot^),  serjant  mod.  sord^ä  (Grand- 
gagnage),  salge  sauge  mod.  säts  sU^\  mais  apres  voyelle  govion 
goujon,  roviole  ou  roviuole  (si  la  diphtongaison  est  faite)  <  *ruheola, 
pivion  pigeonneau  <  ^pibione  (prov.  pi/'on  non  pipchon),  chavie  < 
cavea,  plovie  ou  pluovie  <  *pl<ivia  avec  maintien  du  v,  naviar  < 
navifgjare,  nivie  <  nivea,  niviar  <  *niveare  —  les  ropresentants 
modernes  sont  goviö^  rQviül^  p^viö,  tsef  grande  cage  ä  volaille,  plüf 
(subsidiairement  /?/?/  ploßf  plüf  etc.),  ne^i,  mf,  niv^.  —  Toutefois, 
je  dois  faire  pour  hi  intervocal  >  w,  la  restriction  expresse,  tres 
importante,  que  ce  n'est  que  pour  hi  intervocal  avant  l'accent 
ionique  que  le  wallon  n'a  pas  fait  le  traitement  dz  du  francien.  Car, 
apres  l'accent,  hi  intervocal  fait  dz  comme  en  francien:  rQts  (d'oü 
r<idzi),  rats  (d'oü  aradzi),  tits,  gqts  gouge,  gQts  sorte  de  poisson 
(Grandg.)<cl.  gobius^säts  s^ts  <  *sabiu  (du  Jargon  des  clercs)  apres 
la  sonorisation  (un  s^f  de  Liege,  chez  Grandg.,  «en  son  plein  sens», 
est  plus  tardif  et  ne  passe  de  chez  les  clercs  ä  la  langue  commune 
qu'apres  avoir  atteint  l'etapo  *savin  vers  700).  Un  arape  de 
Liege  (Grandg.  I  p.  327),  forme  polie,  adoucie  d'ar^dzt,  est  ne, 
Selon  moi,  dans  la  formule  imprecatoire  *arrapiam-as-at  iarripere), 
atteuuation  pour  arrabiem  -es  -et.  Un  l^d^^r,  leger,  qui  est 
general,  au  Heu  de  *l^vi,  a,  il  laut  Tavouer,  de  quoi  deconcerter: 
y  a-t-il  eu  un  levis  autochtone  ?  —  H  y  a  lieu  de  faire  remarquer 
que  le  domaine  wallon  n'est  que  parlie  d'une  region  qui  n'a 
pas  effectue  l'evolution  de  pi  en  ts  et  de  hi  (devant  l'accent)  vi 
intervocaux  en  dz. 

10)  II  aurait  fallu  consacrer  un  paragraphe  au  traitement 
des  proparoxytons  en  wallon  prelitteraire,  question  ardue  et 
fort  complexe;  je  confesse  sans  detours  cotte  lacune  importante 
du  presont  essai.  Mais  ä  chaque  jour  suffit  sa  pcine  et,  ä  mon 
sens,  l'etude  serait  prematuree  et  inefficace,  parce  qu'incomplete, 
incertaine,  basee  sur  les  seuls  materiaux  dont  on  dispose  ä  l'heure 
presento.  Pour  determiner  ce  qui  est  traitement  general  wallon 
ou  particularite  de  zone  restreinte,  on  a  besoin  de  materiaux 
embrassant  tout  le  domaine  ou  ä  pou  de  chose  pres,  ce  qui  est 
general  devant  seul  etre  mis  en  oeuvre.  L'etude  ne  mc  parait 
pouvoir  etre  faite  avec  succes  et  resultats  sürs  que  par  l'ap- 
parition  d'un  vaste  Dictionnaire  geniral  de  la  langue  (!)  ivallonne, 
entrepris  par  A.  Doulrepont,  Feiler  et  Haust. 

Tous  los  plienomenes  precedents,  Iraites  sous  los  n°^  1 — 9, 
sont  des  plienomenes  generaux,  dont  les  aires  parfois  considerables 
depassent  toujours  la  zone  wallonne,  sur  laquelle  elles  viennent 
toutes  se  superposer,  et  c'est  precisemcnt  par  cet  cnsemble  d'aircs 

^)  Liege  a  IQii  longe  de  veau  et  fr  an  frange  (Grandg.)  et 
Stavelot  frän  {Bull.  Soc.  Litt.  w.  t.  44,  p.  507):  c'est  une  particularite 
de  zone  pour  laquelle  je  propose,  provisoireniont  et  jusqu'  ä  meilleur 
inforinö,  la  s^rie  hgne  et  lonne  •<  lornne  <^  *loni)iit'  <  *lomni!e 
<]  lombia. 

II* 


152  Referate  und  Rezensionen.     Paul  Marchot. 

se  superposant  quo  Ic  wallon  en  vient  ä  se  constituer  comme 
dialecte  de  500  ä  800  (pour  ce  qui  est  de  la  plionetique,  bien 
entendu,  seule  traitee  ici,  et  encore  avec  la  lacune  des  propar- 
oxytons).  Le  dialecte  wallon,  proprement  dit,  a,  ä  peu  pres, 
les  frontiercs  suivantos:  Au  Sud,  «rimmense  foret  qui  couvre 
la  Semois  au  nord»,  qui  constitue  une  zono  wallonne-lorraine, 
oü  regne  le  «hogais»  (Feiler,  Phon,  du  gaumet  et  du  wall.  Intr.), 
zone  qui  commence  ä  une  ligne  approximative  Martelange  (alle- 
mand)-Mellier-Hertrix  (Marchot,  Revue  de  Cledat,  V,  222)  et 
qui  conduit  au  vrai  lorrain,  dit  gaumais  (Sud  de  la  Semois, 
Feller).  Le  coin  qu'enfonce  la  France  en  Belgique  jusqu'ä 
Givet  est  wallon.  Au  Sud  de  Couvin  et  Chimay,  de  vastes 
forets,  ä  rares  villages,  qui  couvrent  la  frontiere,  marquent  la 
fin  du  domaine  wallon.  A  l'Ouest,  une  ligne  Beaumont-Thuin- 
La  Louvierc-Braine-le-Comte  indique,  en  gros,  l'entree  dans  le 
domaine  ca,  ga  [Melanges  wallons  et  Grignard,  op.  cit.  Inlr.) 
et  le  passage  ä  une  zone  wallonne-picarde,  qui  mene  au  tour- 
naisien  et  au  rouchi,  varietes  purement  picardes. 

Appendice:  Le  wallon  de  Charlemagne. 
Comme  appendice  ä  cet  essai  sur  le  wallon  prelitteraire,  il  m'a 
paru  piquant  de  condenser  en  une  breve  page  les  principaux 
«wallonnismes»  que  pouvait  faire  (pour  la  phonetique,  s'entend) 
un  Roman  de  Wallonnie  vivant  ä  la  fin  du  VIIF  siecle.  Je 
prends  le  personnage  le  plus  celebre,  Charlemagne,  dont  la  cour 
etait  ä  Aix  et  qui  parlait  certainement  le  roman  tout  proche.  Je 
l'imagine  se  promenant  par  une  journee  d'ete  dans  ses  domaines 
d'Aix-la-Chapelle  avec  un  serviteur  de  Wallonnie  et  je  me  plais  ä 
entendre  le  monarque  discourir  ainsi:  (mes  chiffres  renvoient 
aux  n°^  de  l'essai,  tout  «wallonnisme»  est  en  italique). 

S^olte  (6),  serjanz  (9),  basie  (6)  ma  man,  non  tremlar  (2). 

Apropie  (9)  de  cel  apifijer  (9)  si  tolras  (3)  delm(i)el  un  pou  (8) 
en  un  vas^el  (6,  s  sourde). 

eist  odz^el  (6)  semlent  (2)  estre  (4)  cliawes  (8),  eil  sont  pivion  (9) 
et  eil  vedz^m   (6),   cui  gros  est  ü  beches   (7),   sont  mossion   (6). 

Cist  pession  (6)  qui  vont  naviant  (9)  sont  govion  (9). 

Les  blankes  (7)  awes  (8)  vont  clopiant  (9)  en  les  estoules  (5), 
cres^ent  (6,  s  sourde)  fortment,  ont  molt  de  crassie  (6),  non  sont 
mais  at  conos^re  (4  et  6). 

Wurde  (1)!  Pas^ront  (4  et  6)  eil  boc  (7)  les  tiges  (9)  et  les 
cosies  (6,  s  sourde  =  branches)  ?  Non  il,  par  Deu !  Fai  eis 
tornar  en  lo  staule  (5),  dont  li  baclies  (7)  est  de  marmre  (2),  si 
clot  Yus^  (6),  non  es^ront  (4  et  6)  plus. 

Anoianz  (mod.  ön<?i*,  anoget  Reich.)  sont  les  mosHs  (6,  s 
sourde)  en  ceste  sadz^on  (6). 

Wurde  (1)  cel  estoc  (7),  ja  est  toz  seches  (7). 

Trenche  cel  fau  (8)  av(u)oc  hapie  (9),  ent  feras  une  crepie  (9) 
en  clawant  (8)  claus  (8). 


Des  Granges,  Ch.-M.    Histoire  de  la  litterature  frangaise.  153 

Prent  kawe  (8)  por  es^avar  (6,  s  sourde,  excavare)  un  trou  (8), 
ponras  (3)  la  terre  en  criiile  (5)  si  avras  polre  (3)  ot  savlion  (5). 

Ore  done  la  tos^e  (6,  s  sourde),  que  cosret  (4,  consuerat)  ma 
os^ofujr  (6,  s  sourde),  quar  c(h)amjerat  (9)  li  temps,  (vertrat  (3) 
pl(u)ovie  (9),  ja  sus  ndjeules  (5)  manacent  (mod.  manst, 
manatiat  Reich). 

Note:  Les  mots  traites  qui  sont  dans  «V Atlas  Linguistique^. 

1)  wardare  626,  wespa  672. 

2,  3,  4)  semlat  1153,  tremlare  1330,  ensemle  464;  tUp  224 
—  tenru  1055  B,  cenre  210,  ponre  1059,  venrat  1366,  venredie 
1359;  molre  879,  volrat  1418  et  1419,  polre  1069  —  esre  estre 
499,  cresire  362,  conos're  317;  cosre  331  et  332  iv^rdi  1359, 
dzildi  720,  tqdi  1318). 

5)  taula  1273,  criulus  354,  saviö  1176. 

6)  basiare  106,  crassia  463,  audziellu  938  et  939,  dedzie 
412  ä  415,  pessione  1052,  radzione  1130,  ussiu  1062  A  et  B, 
cosia  170,  sesi  1235,  mosia  876  et  877,  (e)siamnu  479,  (e)siovare 
109,  (e)sioltare  444,  (e)siuma  448  et  449;  ascialis  484,  *muscio 
«66  A  et  B. 

7)  beche  106,  sache  1178,  bache  70  et  348,  seche  1209  B; 
bq(k)  150;  m^skin  1226;  bläk  135,  jräk  610,  klqk  klQt^  302  et 
303,  gät  272,  gädq  273,   agas  lOlO  et  323. 

8)  ciawar  305,  awe  936,  trawar  1337;  clau  304,  fau  690 
et  691;  trou  1336  B,  pou  1007;  blawe  138  et  139  {blawU  493). 

9)  api(i)er  1174  B,  hapie  680,  crepie  348,  erpie  689; 
c(h)amjar  230 B,  salire  1195;  rovi(u)ole  1172,  pl(u)ovie  1039, 
naviar  894,  nivie  903,  iiiviar  904;  rQts  1171,  rats  1127,  sätS  s^tS 
1179;  mzlr  756. 

Saint-Hubert  (Belgique).  Paul  Marchot. 


Des  Orang^es,  Ch.-M.  Histoire  de  la  litterature  fran^aise. 
8».  XVI  +  927  S.  Preis  4  Mk.  Paris,  Librairie  A. 
Hatier;  Freiburg  (Baden),   J.  Bielefelds  Verlag,     o.   J. 

Der  Verfasser  dieses  Handbuches  gibt  in  einer  X'orrede  die 
Grundsätze  an,  die  ihn  bei  der  Abfassung  seines  Buches  geleitet 
haben.  Er  will  zwei  Hauptforderungen  der  modernen  Pädagogik 
befriedigen:  le  sens  historique  et  la  pricision.  Er  will  nicht  isolierte 
Meisterwerke  vorführen,  sondern  den  Gang  der  Literatur  in 
Verbindung  mit  der  allgemeinen  Entwicklung  der  Ideen  und 
Geschehnisse  darstellen,  auch  durch  die  Biographien  der  Autoren 
ihre  Werke  erklären.  Ferner  will  er  nicht  fertige  Urteile  über 
die  hterarischen  Schöpfungen  abgeben,  sondern  diese  aus  sorg- 
fältigen Analysen  der  Kunstwerke  selbst  heraus  wachsen  lassen. 

Man  kann  diesen  Grundsätzen  ohne  weiteres  zustimmen. 
Es  fragt  sich  nur,  wie  sie  in  die  Tat  umgesetzt  worden  sind.  Und 
da  muß  man  sagen,  in  ungleichmäßiger  Weise;  häufig  genug  gut 


154  Referate  und  Rezensionen.     Wallher  Küchler. 

und  riclitig,  aber  daneben  doch  auch  niclit  selten  in  ungeschickter, 
verbesserungsbedürftiger  Art.  Die  Darstellung  der  Literatur  des 
Mittelalters  ist  von  der  Anwendung  der  so  schönen  Prinzipien 
sicherlich  ganz  unberührt  geblieben.  Man  hat  hier  den  Eindruck, 
als  ob  der  Verfasser  ganz  unselbständig  sei  und  eben  nur  aus 
zusammenfassenden  Darstellungen  älterer  und  neuerer  Zeit,  aus 
Leitfäden  und  Chrestomatien  einige  dürftige  Bemerkungen  eilig 
und  wahllos  aneinanderreihe.  Der  Verfasser  hat  keine  deutliche 
Vorstellung  von  der  mittelalterlichen  Literatur  und  kann  daher 
auch  keine  deutliche  Anschauung  von  ihr  geben.  Die  Werke 
des  Mittelalters,  Epen,  Romane,  Satiren  usw.  sollen  neben  anderen, 
ihr  Wesen  ausmachenden  Eigenschaften,  enthalten  ,,rfe5  situations 
vraisemblables"  und  sich  auch  in  dieser  Hinsicht  der  Periode 
der  Renaissance  nähern!  Die  Anschauungen  vom  Epos  als 
einer  spontanen,  unliterarischen  Gattung  gegenüber  dem  lite- 
rarischen Roman,  sind  so,  wie  sie  vorgebracht  werden,  gänzlich 
veraltet  und  unrichtig.  Widerspruchsvoll  in  all  ihrer  Ober- 
flächlichkeit bleiben  die  Ausführungen  über  Herkunft  und  Wesen 
der  höfischen  Liebesauffassung.  Die  Inhaltsangaben  der  chansons 
de  gaste,  der  höfischen  und  antikisierenden  Romane  sind  manch- 
mal von  einer  verblüffenden  Dürftigkeit  und  Ungeschickhchkeit. 
Die  einzelnen,  oft  von  Grund  aus  verschiedenen  Werke  stehen 
häufig  ohne  Übergang  nebeneinander;  manche  wichtige  werden 
überhaupt  nicht  genannt,  dafür  dann  unwichtige.  Kurz,  typische 
Kompilationsarbeit  ist  diese  Darstellung  der  französischen  Lite- 
ratur des  Mittelalters.  Außerstande  auch  nur  eine  Ahnung  von 
ihren  wahren  Werten  zu  geben;  pädagogisch  höchst  gefährlich, 
weil  die  Genügsamkeit  des  Lehrenden  sich  auf  den  Lernenden 
überträgt. 

Pflege  des  historischen  Sinns  und  Präzision  erstrebt  der 
Verfasser.  Ein  typisches  Beispiel  dafür,  wie  wenig  innerlich  diese 
beiden  Forderungen  wirklich  erfaßt  sind,  gewährt  gleich  der  erste 
Satz  des  ersten  Kapitels.  Er  heißt:  Le  moyen  äge  comprend  la 
periode  qui  s' elend  de  842  (Serments  de  Strasbourg )  ä  1515  (ave- 
nement  de  FrauQois  I ).  Soll  hier  etwa  von  rein  historischem 
Standpunkte  aus  das  Mittelalter  mit  Geltung  für  Frankreich 
abgegrenzt  werden,  so  wäre  diese  Bestimmung  natürlich  will- 
kürlich und  unhistorisch.  Soll  gesagt  werden,  die  Geschichte 
der  Literatur  Frankreichs  im  Mittelalter  beginnt  im  Jahre  842 
und  endet  im  Jahre  1515,  so  wäre  eine  solche  .Annahme  absurd. 
Das  Jahr  842  gilt  dem  Verfasser  als  Datum  der  Abfassung  eines 
schriftlichen  Denkmals,  nicht  als  politisches  Ereignis  von  weit- 
tragender Bedeutung.  Das  Jahr  1515  bedeutet  ihm  den  An- 
bruch  einer  neuen  Zeit.  Faktoren  also  ganz  verschiedenen 
Charakters  und  Inhalts  sollen  Anfang  und  Ende  einer  Periode 
bezeichnen.  Abgesehen  von  dieser  Verworrenheit  ist  es  ganz 
unpräzis,  die  französische  Literatur  mit  den   Straßburger  Eiden. 


Der  festländische  Bueve  de  Hantone,  Fassung  I.        155 

beginnen  zu  lassen;  denn  diese  Eide  sind  kein  Literaturdenkmal, 
ebensowenig  wie  es  ein  Kochrezept  oder  eine  Schneiderrechnung 
oder  ein  Kaufvertrag  aus  dem  Jahre  842  sein  würden.  Die 
Straßburger  Eide  sind  sehr  wichtig  für  die  Sprachgeschichte, 
aber  bedeutungslos  für  die  Literaturgeschichte. 

Den  Verfasser  hat  ohne  Zweifel  der  Wunsch  nach  einer  kurzen, 
prägnanten  Formulierung  geleitet.  Präzision  aber  in  Dingen 
des  Geistes  ist  eine  sehr  schwierige  Sache,  sie  wird  unter  den 
Händen  des  Ungeschickten  leicht  Starrheit,  verleitet  ihn  zu 
Formeln,  die  so  spröde  sind,  daß  sie  zerbrechen,  sobald  man  sie 
nur  ein  wenig  hart  anschaut. 

Je  mehr  sich  der  Leser  der  neueren  Zeit  nähert,  um  so  er- 
freulicher gestaltet  sich  der  Eindruck;  mit  um  so  größerem 
Nutzen  kann  er  das  Handbuch  zu  Rate  ziehen.  Doch  bleibt 
mir  nicht  der  geringste  Zweifel  darüber,  daß  die  vortreffliche, 
gründliche,  vorzüglich  geschriebene,  persönliche  Darstellung  von 
Gustave  Lanson  unter  allen  Umständen  vorzuziehen  und  auch 
weiterhin  als  beste  Einführung  in  die  Geschichte  der  französischen 
Literatur  zu  empfehlen  sei. 

Würzburg.  Walther  Küchler« 


Der  feistländiscl&e  Baeve  de  Hantoue,  Fassangf  I, 

nach  allen  Handschriften  zum  ersten  Male  herausge- 
geben von  Albert  Stimming  (Gesellschaft  f. 
roman.  Lit.,  Bd.  25),  Dresden  19n.  LXI  +  536  S.  8^. 
In  meiner  Besprechung  von  Boje's  Untersuchungen  über 
den  Bueve  de  Hantone  in  dieser  Zeitschrift  Bd.  35  (p.  51)  (1909) 
schrieb  ich:  ,,Es  hat  nach  meiner  Meinung  nicht  viel  Zweck, 
daß  man  immer  neue  Untersuchungen  über  die  Überlieferung 
des  Bueve  anstellt,  ohne  daß  man  das  gesamte  Material  zur 
Verfügung  hat.  Und  es  wird  auch  nicht  genügen,  daß  der  betr. 
Forscher  allein  das  gesamte  Material  kennt:  es  muß  auch  dem 
Leser  die  Kontrolle  ermöglicht  werden.  Das  nächste  Ziel  der 
Bueve forschung  sollte  sein,  die  kontinent alfranzösischen  Hss. 
herauszugeben,  die  wichtigern  vollständig,  von  den  übrigen 
die  Abweichungen.  Dann  erst  kann  jedermann  für  sich  urteilen, 
ob  ihnen  die  große  Bedeutung  zukommt,  die  ihnen  Boje  zu- 
schreibt, oder  ob  sie  so  unwichtig  sind,  wie  Stimming  meint." 
Ich  erwartete  damals  nicht,  daß  die  große  und  mühsame  und 
etwas  undankbare  Arbeit  bald  unternommen  würde,  und  freue 
mich  um  so  mehr,  daß  nun  schon  der  erste  stattliche  Band  der 
wahrsclieinlich  auf  3  Bände  berechneten  Ausgabe  erschienen 
ist.  Der  Herausgeber  ist  gerade  derjenige,  der  den  Wert  der 
kontinentalfranzösischen  Fassungen  für  sehr  gering  achtete, 
aber  aucli  derjenige,  der  allein  Abscliriften  der  ganzen  Über- 
lieferung besaß  und  durch  seine  früheren  Arbeiten,  1.  die  Aus- 


156  Referate  und  Rezensionen.     E.  Brugger. 

gäbe  der  anglonormannischen  Version  mit  einer  langen  Einlei- 
tung über  ihr  Verhältnis  zu  den  Bearbeitungen  in  andern  Spra- 
chen, 2.  eine  Untersuchung  über  das  Verhältnis  der  kontinental- 
französischen Redaktionen  zu  einander  und  zur  anglonorman- 
nischen Version  (in  den  Tobler- Abhandlungen),  sich  am  meisten 
für  das  große  Unternehmen  eignete. 

In  dem  vorliegenden  Bande  geht  der  Herausgeber  auf  die 
strittigen  Probleme  noch  nicht  ein.  Mit  Recht  verspart  er  dies 
auf  den  Schlußband.  Wir  hoffen,  daß  er  dann  auch  ausführlich 
auf  die  Argumente  antworte,  die  Jordan  zu  Gunsten  der  italieni- 
schen Version  und  Boje  zu  Gunsten  der  kontinentalfranzösischen 
Redaktionen  vorbrachte.  St.  unterscheidet  drei  verschiedene 
kontinentalfranzösische  Redaktionen.  Von  Fassung  I  heißt 
es  in  der  Vorrede,  sie  sei  ,, hauptsächlich  in  der  Handschrift  der 
Pariser  Nationalbibliothek  fr.  25  519  überliefert,  Teile  derselben 
noch  in  vier  andern,  welche  in  der  Einleitung  mitgeteilt  werden." 
Gleich  am  Anfang  der  Einleitung  wird  dann  jene  Hs.,  mit  P^ 
bezeichnet,  kurz  beschrieben;^)  die  übrigen  4  Hss.,  Turin  (T), 
Carpentras  (C),  Venedig  (V)  und  Modena  (M)  werden  bloß  er- 
wähnt. Was  in  P^  allein  überliefert  ist,  nämhch  die  Verse  1 — 6199 
und  9541 — 10614,  wird  mit  A  bezeichnet,  das  Zwischenstück, 
das  P^  mit  jenen  andern  Hss.  gemein  hat,  mit  B.  Die  Hss.  CTV 
(von  M  sind  nur  304  Verse  übrig)  enthalten  Fassung  III  (vgl. 
Vorrede).  In  einem  besondern  Abschnitt  der  Einleitung  (p.  Lll 
bis  LIII)  wird  bewiesen,  daß  B  ,, nicht  von  demselben  Verfasser 
stammt  wie  A";  es  ist  nach  St.  aus  Fassung  III  entlehnt.  B  ist 
nun  aber  inhaltlich  nicht  etwa  ein  hors  d'ceuvre,  sondern  ein 
organischer  Teil  der  Erzählung;  durch  die  Auslassung  von  B 
entstünde  inhaltlich  eine  klaffende  Lücke.  Es  fragt  sich  nun: 
Hat  der  Redaktor  von  Fassung  I  plötzlich  für  längere  Zeit 
mit  der  selbständigen  Arbeit  inne  gehalten  und  dafür  ein  Stück 
aus  Fassung  III  abgeschrieben  (in  diesem  Fall  müßte  natürlich 
Fassung  III  älter  gewiesen  sein  als  Fassung  I,  und  die  Bezeich- 
nungen I  und  III  würden  dann  besser  vertauscht),  oder  hat  nur  der 
Kopist  von  Pi  Fassung  I  eine  Zeitlang  aufgegeben,  um  dafür 
Fassung  III,  welche  wenigstens  in  jener  Abteilung  weitschweifiger 
ist  (vgl.  p.  LII),  abzuschreiben  ?  Letztere  Annahme  hat  zweifellos 


^)  Die  Beschreibung  ist  aber  sehr  unvollständig.  Ja,  es  wird 
uns  wahrhaftig  nicht  einmal  das  Datum  dieser  Hs.,  welche  die  Grund- 
lage der  Ausgabe  bildet,  mitgeteilt!  Nach  W.  Förster  (Ausgabe ,, des 
Aiol),  Löseth  (Ausgabe  des  Robert  le  Diahle)  und  nach  Boje  (Über 
den  afz.  Roman  Beuve  de  Hamtone)  stammt  sie  aus  dem  13.  Jahrh. 
(2.  Hälfte  nach  Löseth).  Alle  diese  drei  Gelehrten,  dazu  Stengel 
{Mitteilungen  aus  frz.  Hss.  der  Turiner  Univ.  Bibl.  S.  31)  geben  die 
Nummer  der  Hs.  als  25516  an,  während  Stimming  nicht  nur  in  dem 
eben  zitierten  Passus,  sondern  auch  p.  XI  25519  schreibt.  Ein  recht 
unangenehmer  Fehler!  Warum  wird  übrigens  p.  XI  bei  der  Erwähnung 
des  Robert  le  Diable  nur  auf  die  alte  Ausgabe  von  Trebutien  verwiesen  ? 


Der  festländische  Biieve  de  Hantone,  Fassung  I.        157 

mehr  für  sich,  da  jenes  Verfahren  für  einen  Dichter  doch  zu 
seltsam  wäre.  Daß  der  Schreiber  von  P^  und  der  Dichter  von 
Fassung  I  nicht  etwa  ein  und  dieselbe  Person  sind,  ist  sicher; 
eine  sprachliche  Untersuchung  muß  zu  diesem  Ergebnis  führen. 
Es  ist  also  wahrscheinlich,  daß  uns  von  Fassung  I  ein  Abschnitt, 
der  ungefähr  denselben  Inhalt  wie  B  hatte,  verloren  gegangen 
ist.  Die  Frage,  ob  der  Dichter  oder  der  Kopist  den  Abschnitt  B 
aus  Fassung  III  entlehnte,  wird  von  St.  gar  nicht  aufgestellt. 
Er  drückt  sich  ganz  widerspruchsvoll  aus:  Nach  p.  XII  hat  der 
Abschnitt  B  ,,ursprüngUch  nicht  zu  unserer  Fassung  (I)  gehört" 
[d.  h.  er  wurde  vom  Kopisten  entlehnt];  aber  auf  derselben 
Seite  heißt  es,  daß  jenes  ,, Drittel  unserer  Fassung"  [nämlich  I] 
noch  in  TCV  vorliege  [d.  h.  B  gehörte  schon  zu  Fassung  I]; 
nach  p.  V  stimmt  ein  Abschnitt  von  III  ,,mit  dem  entsprechenden 
von  I"  überein  [B  geht  also  bis  auf  I  zurück];  und  nach  dem 
oben  zitierten  Satz  der  Vorrede  ist  Fassung  I  zwar  hauptsächlich 
in  P^,  aber  doch  zum  Teil  auch  in  4  andern  Hss.  überliefert.  Nach 
p.  XI  ist  P^  ,,die  einzige  Handschrift,  welche  unsere  Fassung 
vollständig  überhefert";  nach  p.  LII  ,,Uegt  der  größte  Teil  unseres 
Gedichtes  [Fassung  I]  nur  in  einer  Handschrift  P^  vor"  [also 
gehört  auch  der  kleinere  Teil  B  zu  Fassung  I];  p.  LIII  aber  heißt 
es  [und  dies  entspricht  wolil  St. 's  Ansicht,  da  es  gesperrt  gedrückt 
ist],  ,,daß  wir  von  der  Fassung  I  nur  einen  Teil  besitzen,  während 
fast  ein  Drittel  derselben  nicht  auf  uns  gekommen  ist."  Das 
ist  eine  Konfusion,  wie  man  sie  sich  schöner  nicht  ausmalen 
kann. 

Wenn  nun  aber  Hs.  P^  die  einzige  Repräsentantin  von 
Fassung  I  ist,  diese  Fassung  uns  nur  als  Torso  (A)  erhalten  ist, 
der  Teil  B  von  P^  aber,  der  ein  verlorenes  Stück  von  Fassung  I 
ersetzt  (daß  dasselbe  ,,fast  ein  Drittel"  von  Fassung  I  ausmachte, 
ist  nicht  wahrscheinlich,  da  dasselbe  wohl  ebenso  wie  A,  viel 
weniger  weitschweifig  als  B  war),  aus  Fassung  III  entlehnt  ist: 
warum  wird  denn  B  in  dem  der  Fassung  I  gewidmeten  Bande 
publiziert,  während  es  doch  von  Rechts  wegen  in  den  der  Fassung 
III  zu  widmenden  goliört  ?  Auch  Hs.  P^  ist  ja  nur  in  A  Repräsen- 
tantin von  Fassung  I.  Was  hätte  die  Auslassung  von  B  ge- 
schadet? Eine  Inlialtsangabe  (und  eine  solche  gibt  uns  ja  St.) 
hätte  doch  genügt,  um  die  inhaltliche  Lücke  auszufüllen.  Der 
Herausgeber  war  anderer  Ansicht,  und  seine  Ansicht  scheint 
für  ihn  so  selbstverständlich  zu  sein,  daß  er  eine  Begründung 
derselben  nicht  für  notwendig  hielt.  So  bekamen  wir  denn  im 
vorliegenden  Band  auch  das  zu  Fassung  III  gehörige  Stück  B, 
also  auf  einmal  einen  Text,  der  auf  4 — 5  Hss.  (P^GT\\M)  basiert. 
Da  aber  diese  Hss.,  außer  P^M,  auch  die  dem  viel  größeren  Teil  A 
entsprechenden  Abschnitte  enthalten,  so  fand  der  Herausgeber. 
,,das  Verhältnis  der  Hss.  CP^TV  zu  einander  werde  naturgemäß 
in  der  Ausgabe  der  Fassung  III  zu  behandeln  sein"  (p.  XII). 


158  Rejerale  und  Rezensionen.     E.  Brugger. 

Ja,  es  wurden  uns  nicht  einmal  vorläufig  das  Resultat  diesci 
Untersuchung,  das  Handschriftenverhältnis  und  die  bei  der  Her- 
stellung des  kritischen  Textes  maßgebenden  Prinzipien  mitgeteilt. 
Natürlich  braucht  P^,  wo  es  nicht  mehr  Fassung  I  repräsentiert, 
nicht  mehr  der  Gesamtlicit  der  Hss.  CTV  gegenüberzustehen; 
es  kann  sehr  wohl  mit  der  einen  näher  verwandt  sein  als  mit  der 
andern;  und  es  ist  also  a  priori  keineswegs  gegeben,  daß  dem 
kritischen  Texte  die  Hs.  P^  zugrunde  gelegt  werden  soll.  Ich 
bekam  den  Eindruck,  daß  dies  von  St.  getan  wurde.  Wenn  dem 
so  ist,  so  sclmldet  er  uns  eine  einleuchtende  Begründung.  Auch 
durch  die  Lektüre  von  St. 's  Tobler- Abhandlung  wird  man  über 
das  Verhältnis  jener  4  Hss.  zueinander  in  Teil  B  nicht  aufgeklärt 
(St.  scheint  damals  noch  nicht  erkannt  zu  haben,  daß  Teil  B 
in  P^  eine  Interpolation  ist).  Wir  haben  also  für  Teil  B  einen 
kritischen  Text  mit  Variantenapparat,  aber  nicht  die  Mittel, 
das  Verfahren  des  Herausgebers  zu  kontrolheren.  Der  Re- 
zensent muß  hier  einfach  Halt  machen.  Es  möchte  als  selbst- 
verständlich erscheinen,  daß,  da  wir  nun  einmal  Teil  B  im  ersten 
statt  im  dritten  Bande  bekamen,  der  dritte  hier  eine  Lücke 
haben  wird;  denn  wir  möchten  nicht  glauben,  daß  St.  dieselben 
3240  Verse,  vielleicht  gar  mit  demselben  Variantenapparat, 
nochmals  drucken  lassen  werde.  Aber  da  scheinen  wir  uns  zu 
täuschen.  Denn  in  einer  Anmerkung  (zu  v.  7770)  wird  uns  vor- 
ausgesagt, daß  ,,die  Fassung  von  T  und  C  [für  Abschnitt  B] 
später  auch  herausgegeben  werden  wird",  und  für  die  Mitteilung 
von  im  ganzen  sage  etwa  200  Plus-Versen  von  T  oder  C  werden 
wir  auf  Band  III  vertröstet!  Sollen  wir  da  den  Text  von  T  und 
G  erhalten,  trotzdem  schon  alle  Varianten  dieser  Hss.,  ausge- 
nommen jene  200  Verse,  im  ersten  Band  verzeichnet  sind  ?^) 
Oder  werden  wir  einen  neuen  kritischen  Text  bekommen  ?  Ich 
bin  gespannt  auf  des  Rätsels  Lösung. 

Außer  den  spärlichen  Mitteilungen  über  die  Hss.,  einer  aus- 
führlichen Inhaltsangabe  und  einer ,, Charakteristik"  der  Fassung  I, 
enthält  die  ,, Einleitung"  einen  längern  Abschnitt  betitelt  ,,die 
Sprache  und  Metrik  des  Gedichtes".  Richtiger  wäre  ,, Metrik 
und  Sprache",  da  St.  immer  von  der  Metrik  ausging,  um  die 
sprachlichen  Eigentümlichkeiten  zu  ermitteln.  Der  zweite 
Teil  des  Abschnitts  handelt  vom  Reim  und  den  aus  den  Reimen 
erschheßbaren  sprachhchen  Eigentümlichkeiten,  der  erste  Teil  von 
den  übrigen  Versregeln  und  den  hieraus  erschließbaren  sprach- 
lichen Eigentümlichkeiten.  Die  Sprache  des  Kopisten  von 
P^  wird  überhaupt  nicht  behandelt,  da  ein  Schüler  des  Heraus- 
gebers, Leopold  Behrens,  hierüber  in  einer  Dissertation  Aus- 
kunft geben  soll  (p.  XII,  XXIX).    Auch  über  Metrik  und  Sprache 

2)  Bei  Hs.  T  möchte  der  Umstand,  daß  sie  durch  den  Brand 
der  Turiner  Bibliothek  unbrauchbar  gemacht  wurde,  eine  Separat- 
ausgabe rechtfertigen;  aber  dann  nicht  bloß  für  Teil  B. 


Der  festländische  Biieve  de  Hantone,  Fassung  I.        159 

des  Dichters  wollte  sich  St.  „kurz  fassen",  mit  Rücksicht  darauf, 
daß  diese  Dissertation  auch  darüber  einläßhcher  berichten  soll. 
Es  ißt  klar,  daß  über  die  Metrik  und  Sprache  der  Teile  A  und  R, 
die  nach  St. 's  eigener  Aussage  von  zwei  verschiedenen  Dichtern 
stammen,  getrennt  gehandelt  werden  sollte.  Teil  R  hätte  erst 
in  Rand  III  untersucht  werden  sollen.  Etwaige  sprachliche 
und  metrische  Differenzen  z\\ischen  A  und  R  hätten  in  dem 
Abschnitt  erwähnt  werden  sollen,  in  welchem  be^^^esen  wird, 
daß  R  eine  Interpolation  ist  (also  p.  LH — LIII).  Der  Heraus- 
geber hielt  auch  in  dieser  Reziehung  nicht  auf  Ordnung.  In 
dem  Abschnitt  Metrik  und  Sprache  zitiert  er  Relege  im  allge- 
meinen nur  aus  A,  ohne  daß  jedoch  der  Leser  darauf  aufmerksam 
gemacht  wird;  in  demselben  Abschnitt  wird  aber  öfters  (p.  XIII, 
XIV,  XVI,  XVIII— XX)  auf  Differenzen  zwischen  A  und  R  hin- 
gewiesen, und  bisweilen  werden  Relege  aus  R  einfach  stillschweigend 
denen  aus  A  angereiht  (p.  XV,  XXIV). 

St.  zählt  p.  XII — XIII  über  20  lyrische  Cäsuren  auf,  die 
sich  in  Teil  A  finden.  Auf  über  7200  Verse  ist  dies  nicht  viel. 
Lyrische  Cäsuren  sind  im  Epos  sehr  selten,  ja,  man  kann  sagen, 
überhaupt  nicht  gesichert.  Daß  bei  der  Überlieferung  sehr  oft 
Verse  um  eine  Silbe  (oder  auch  mehr)  zu  kurz  kommen,  ist  be- 
kannt. So  ergeben  sich  ziemlich  leicht  auch  lyrische  Cäsuren. 
Rei  Texten,  die  nur  in  einer  Hs.  überliefert  sind  (wie  A), 
darf  man  Textverderbnis  annehmen,  falls  die  lyrischen  Cäsuren 
nicht  gar  zu  häufig  sind.  Ein  paar  der  von  St.  angeführten 
Cäsuren  sind  gewaltsam  hergestellt  (vgl.  die  Fußnoten).  Es 
ist  bemerkenswert,  daß  P^  auch  in  R  eine  lyrische  Cäsur  hat, 
aber  nicht  die   andern   Hss.!     Auch  dies  mahnt  zur  Vorsicht. 

Weniger  unsicher,  weil  viel  zahlreicher,  sind  die  Fälle  von 
Hiatus  zwischen  auslautendem  unbetontem  -e  und  anlautendem 
Vokal  (p.  XIII — XIV).  Gute  Dichter  scheinen  diese  Art  von 
Hiatus  nicht  zu  dulden  (vgl.  Tobler,  Versbau,  4.  A.  p.  6-i  ff.) ; 
aber  unser  Dichter  ist  so  nachlässig  (z.  R.  namenthch  in  den 
Reimen),  daß  man  ihm  auch  jene  Nachlässigkeit  (die  eben  sehr 
bequem  war)  wohl  zutrauen  kann.  Immerhin  ist  wieder  etwas 
verdächtig,  daß  P^  diesen  Hiatus  auch  in  R  hat,  aber  nicht 
die  andern  Hss.  Sj- 

S.  XV  werden  Rolege  aufgezählt  für  die  Einsilbigkeit  des 
ie  in  den  Verbalcndungen  -ies  und  -iemes.  Ich  hätte  lieber  Re- 
lege für  die  Zweisilbigkeit  des  ie  gewünscht.  Ich  zweifle,  ob  es 
in  dem  Texte  solche  gibt. 

Es  ist  klar,  daß,  wenn  Hiatus  oben  genannter  Art  für  den 
Dichter  zugelassen  wird,  das  nominalivische  s  durch  Relege 
wie  malades  ert  etc.  etc.  (p.  XVI)  und  (in  Eigennamen)  Bueves  ot 
(814,  vgl.  p.  XVII)  nicht  mehr  gesichert  ist.  Aber  was  sollen 
die  Relege  für  ,, analogisches  s"  in  leres,  empereres,  mieudres, 
jogleresjtra'itres,  glous,  compains^{p.[\XVl),  wozu   St.  selbst_  die 


160  Referate  und  Rezensionen.     E.  Brugger. 

richtige  Bemerkung  macht:  „nicht  durch  die  Silbenzählung 
gesichert"  (es  kommen  nämlich  in  den  angegebenen  Belegen 
nicht  einmal  Fälle  vor,  wo  jene  Art  Hiatus  in  Frage  käme)! 
Dieses  s  ist  docli  nur  für  den  Kopisten  gesichert.  Also  aus  der 
Sprache  des  Dichters,  die  ,,aus  der  Silbenzählung"  abgeleitet 
wird,  gelangt  man  auf  einmal  in  die  Sprache  des  Kopisten  hinein  1 

Wenn  St.  ,,sich  kurz  fassen"  wollte,  so  hätte  er  die  Erwäh- 
nung von  ganz  gewöhnlichen  Formen  wie  donra  etc.  (p.  XVIII) 
bleiben  lassen  können.  Viel  eher  wäre  die  Erwähnung  von  gar- 
dront  (v.  6824)  (vgl.  auch  doutriens  v.  6993  in  B)  hier  am  Platze 
gewesen,  wenn  denn  schon  solche  zweifelhafte  Formen  in  den 
Text  aufgenommen  wurden  (vgl.  unten!).  Sodann  hätten  er- 
wähnt werden  können  die  Kurzformen  nos,  no,  i>os,  vo  (häufig) 
(sogar  betont  le  vos  [zu  lesen  le  vo'\  statt  le  vostre:  2456),  die  Mas- 
kulinform des  Possessivs  vor  Subst.  fem.  mit  vokalischem  An- 
laut {sen  espaiile  117,  sen  espee  2169,  mon  orijlambe  5598;  aber 
m'oriflambe  in  Teil  B:  6352),  li  als  Artikel  Nom.  Fem.  vor  Vokal 
(li  espaule  3128):  alles  Erscheinungen,  die  für  die  Sprache  des 
Dichters  mindestens  ebenso  charakteristisch  sind  wie  die  von 
St.  aufgezählten,  und  auch  durch  die  Versregeln  gesichert  sind. 

Unter  dem  Titel  ,,Reim"  folgen  dann  zwei  Tiradentabellen 
(A  und  B  werden  hier  getrennt),  und  sodann  (nominell)  18  ,, Num- 
mern" oder  Paragraphen  mit  metrischen  und  grammatikalischen 
Bemerkungen,  die  auf  den  Reim  Bezug  haben  sollen.  Sie  sind 
von  sehr  ungleicher  Länge,  was  aber  nur  von  Unordnung  und 
Systemlosigkeit  herkommt;  überhaupt  ist  hier  alles  wie  Kraut 
und  Rüben  durcheinander.  Eine  Nr.  17  gibt  es  übrigens  nicht; 
dagegen  beginnt  in  der  Mitte  von  Nr.  16  ein  Absatz  mit  den 
Worten:  ,,Alle  unter  Nr.  17  aufgeführten  Erscheinungen". 
Aus  dem  Inhalt  geht  hervor,  daß  16  für  17  zu  lesen  ist.  Also 
ist  hier  von  allen  unter  Nr.  16  aufgeführten  Erscheinungen 
(gemeint  sind  die  vorausgehenden!)  die  Rede,  trotzdem  eine 
ganze  weitere  Reihe  von  Erscheinungen  immer  noch  unter  Nr.  16 
folgt!  Wo  Nr.  17  anzubringen  wäre,  wüßte  ich  nicht 
(vielleicht  p.  XXIV  Absatz  2?). 

Nach  p.  XVIII — XX  würde  man  meinen,  daß  unreine 
Reime  nur  in  B  vorkommen.  Doch  werden  unter  Nr.  16  und 
namentlich  18  (nachdem  inzwischen  lange  von  rein  gramma- 
tikalischen Erscheinungen  die  Rede  war!)  auch  aus  A 
sehr  zahlreiche  Reime  aufgezählt,  die,  an  guten  Reimtexten 
gemessen,  als  sehr  unrein  anzusehen  sind.  Einen  Teil  dieser 
vmreinen  Reime  findet  St.  in  anglonormannischen  Gedichten 
wieder  (aber  welche  unreinen  Reime  finden  sich  da  nicht  ?), 
und  schließt  daraus,  daß  der  Verfasser  eine  anglonormannische 
Vorlage  umarbeitete  (p.  XXIV).  Ich  halte  diese  Folgerung 
nicht  für  berechtigt.  In  dem  uns  erhaltenen  anglonormannischen 
Bueve,  mit  dem  doch  auch  die  nordische,  die  kymrische  und  die 


Der  festländische  Bueve  de  Hantone,  Fassung  I.         161 

englische    Bearbeitung  meistens   wörtlich   übereinstimmen,   sind 
die  Verse,  welche  nach  St.  aus  der  anglonormannischen  Vorlage 
beibehalten    wurden,    nicht   vorhanden,    wie    überhaupt   unsere 
Fassung  mit  dem  anglonormannischen  Bueve,  vom  Inhalt  abge- 
sehen, so  zu  sagen  nichts  gemein  hat.     Ein  Dichter,  der  wie  der 
unsrige,  seine  Vorlage  komplett  umdichtete,  wird,  wenn  er  in 
seinen   eigenen    Reimen   etwas   auf    Reinheit   hielt,    auch   keine 
unreinen  Reime  aus  der  Vorlage  übernommen  haben.    Ein  Dichter, 
der  in  -e-Tiraden  auch  -e/,  -er,  in  -er-Tiraden  auch  -e,  in  -ds-Tiraden 
auch  -e,  -e/,  -er,  in  le-Tiraden  auch  -ief,  -ien,  in  m-Tiraden  auch 
-w,  in  -i5-Tiraden  auch  -i,  -ir,   -in  und   dgl.  mehr  zuläßt,  legt 
eben  keinen  großen  Wert  auf  Reinheit  der  Reime.    Wir  können 
deshalb  sehr  wohl  auch  -ie-  in  -e-Tiraden  (übrigens  nur  in  Verbal- 
formen belegt),  die  Mißachtung  von  femininem  e  nach  betontem 
Vokal  (z.  B.  ee  in  -e-Tiraden,  und  -e  in  -ee-Tiraden),   die  Miß- 
achtung von   auslautendem   s,   nicht  nur  im   Nominativ    Sing, 
der   Nomina    (wo   man   ja  Aufhebung  der   alten   Deklimations- 
regeln  hätte  annehmen  können)  (z.  B.  verbales  -as  in  -a-Tiraden, 
asses  in  -e-Tiraden,  pris  in  -i-Tiraden  etc.,  aber  auch  -e  in  -es- 
Tiraden  etc.)  einfach  der  Nachlässigkeit  des  Dichters  zuschreiben, 
der  sich  mit  unvollständigen  Reimen  begnügte,  wenn  sich  ihm 
reine  nicht  gleich  boten.     Wir  brauchen  also  dabei  nicht  ans 
Anglonormannische  zu  denken.     Verstummung  von   femininem 
e  nach  betontem  Vokal  ist  übrigens  auch  fürs  Pikardische  schon 
ziemhch  früh  bezeugt  (vgl.  H.   Suchier  in  seiner  Ausgabe  von 
Aucassin  et  Nicolete).     Nicht  mehr  bloß  unrein  sind  zwei  Reim- 
wörter auf  -is  in  einer  -e^-Tirade  (567,  568),  ein  Reimwort  auf 
-US  in  einer  -w-Tirade   (4638)   und  wäre  -in  in  einer  -e-Tirade 
(4165).     Solches  kann  man  nicht  mehr  Reim  nennen,  und  wenn 
auch    derartiges    in    schlechten    anglonormannischen    Gedichten 
vorkommt,  in  welchen  man  überhaupt  alle  denkbaren  metrischen 
und    grammatikahschen    Ungeheuerlichkeiten    finden    kann,    so 
ist  es  doch  nicht  eine  gute  Methode,  in  einem  nur  in  einer  einzigen 
Hs.  überlieferten  Text  wegen  3 — 4  Fällen  gleich  an  Anglonor- 
mannismen  zu  denken.     Das  methodisch  korrekte  ist  vielmehr, 
Textverderbnis  anzunehmen  und  Besserungsvorschläge  zu  machon. 
Die  drei  ersten  Fälle  lassen  Korrekturen  zu;  das  -in  des  4.  Falles 
ist  nur  eine  Konjektur  St. 's,  die  zu  verwerfen  ist  (vgl.  unten). 
Nr.  1 — 3  betreffen   die   Phonetik,    Nr.  4   die  ^^■ortbildung, 
Nr.    5   wieder    die    Phonetik;    Nr.    6    {lui   in    i-Tiraden)    goliL 
in  erster  Linie  die  Metrik  an.  Nr.  7  {mi,  v'eir)  hat  auf  Flexion  und 
Wortbildung  Bezug  (denn  daß  hier  kein  Lautwandel  e>  i  vor- 
liegt, weiß  doch  St.  auch;  aber  ,,t  statt  gemeinfranzösischem  oi" 
hat  dann  keinen  Sinn.  Mit  Nr.  8—10  wird  die  Phonetik  fortgesetzt ; 
aber  der   zweite  Absatz    von   Nr.   9  betrifft  die   Flexionslehre. 
Nr.  11   behandelt  ein   phonetisches  Phänomen  (Ausfall  von  /), 
das  übrigens  m.  E.  durch  die  3  Belege  nicht  genügend  gesichert 


162  Referate  und  Rezensionen.     E.  Briigger. 

ist.  Es  könnte  sein,  daß  ein  so  nachlässiger  Dichter  wie  der 
unsrige  fus  mit  es  reimte;  und  der  Nom.  Sing,  zu  dem  Acc.  Plur. 
poitrds  und  fenestres  lautete  vielleiclit  poitre  und  fenestre  (Bil- 
dungen, die  durchaus  im  Bereich  des  Möglichen  liegen),  und  das 
Glossar  führt  denn  auch  nur  fenestre  an.  In  Teil  B  finden  wir 
poitrel  in  einer  -^/-Tirade  (175)  und  poitre  (wofür  man 
poitrel  setzen  kann)  in  einer  -e-Tirade  (143).  In  Nr.  12  und  13 
werden  unreine  Reime  (also  Metrisches)  erwähnt.  Nr.  14  ent- 
hält einen  Absatz  über  Wortbildung  und  einen  über  Metrik 
{-anc  in  -an^Tiraden).  Mit  Nr.  15  kommt  man  zur  Phonetik 
zurück.  Die  lange  Nr.  16  befaßt  sich  in  ihrer  ersten  Hälfte  mit 
Metrik  (mit  den  oben  besprochenen,  von  St.  als  anglonormannisch 
bezeichneten  Reimen),  während  in  der  zweiten  Hälfte  phonetische 
Erscheinungen  (Wort-Kontraktionen  infolge  Schwunds  von  s,  t, 
oder  i  (z.  B.  ditele,  enherhele,  voile,  voie  =  voi  je)  besprochen  wer- 
den. Diese  Erscheinungen  sind  aber  nicht  nur  nicht  aus  den 
Reimen  zu  erschließen,  gehören  also  nicht  in  einen  mit  ,,Reim" 
betitelten  Abschnitt,  sondern  sie  sind  auch  keineswegs  für  die 
Sprache  des  Dichters  gesichert,  hätten  also  von  St.  seinem  Schüler 
Behrens  überlassen  werden  sollen.  In  Nr.  18  wird  eine  Frage 
der  Flexionslehre,  nämlich  der  Lautwert  des  c  in  Verbalformen 
wie  commanc  etc.,  oc  etc.  besprochen.  Diese  Frage  wird  aber 
durchaus  nicht  mit  Rücksicht  auf  den  Reim  behandelt,  hat  also 
in  unserm  Abschnitt  keine  raison  d'etre.  Sie  betrifft  nicht  die 
Sprache  unseres  Dichters,  sondern  den  pikardischen  Dialekt 
überhaupt.  Soweit  die  Setzung  einer  Cedille  in  Betracht  kam, 
hätte  die  Besprechung  in  einen  Abschnitt  über  das  in  dem  Text 
befolgte  orthographische  System  (einen  solchen  Abschnitt  ver- 
mißt man)  gehört.  Nr.  18  steht  zudem  noch  im  Widerspruch 
mit  Nr.  14.  Während  sich  dort  St.  entscheidet,  „stets"  commang, 
demang  etc.  zu  schreiben,  behauptet  er  hier,  ,, statt  auslautendem 
t  finde  sich  hin  und  wieder  ein  c  in  Reimen  auf  -ant'\  und  zitiert 
comanc  6128,  creanc  6141.  Faßte  er  das  c  nur  als  eine  Eigen- 
tümhchkeit  des  Kopisten  auf,  so  wäre  der  Satz,  der  das  Vor- 
kommen des  c  im  Reim  betont,  unsinnig  und  ginge  die 
Sprache,  des  Dichters  nichts  an.  Aber  trotzdem  also  das  c  hier 
für  die  Sprache  des  Dichters  vindiziert  wdrd,  findet  man  —  was 
jetzt  schon  erwähnt  werden  mag  —  im  Text  an  den  zitierten 
Stellen  die  handschriftUche  Lesart  korrigiert  in  commant  und 
creant  (vgl.  zudem  v.  7591  in  B).  Im  Versinnern  aber  schreibt 
der  Herausgeber  cornmanQ  (160)  etc.,  und  auch  im  Reim  demang 
(7821),  commanQ  (7828).  Die  -onf-Tirade,  in  welcher  sich  diese 
beiden  Belege  finden,  gehört  allerdings  zu  B,  was  aber  bei  dieser 
Frage  gleichgiltig  ist  (St.  sagt  ja  auch  nirgends,  daß  hierin  B 
von  A  abweicht).  Die  Reime  unserer  Dichter  A  und  B  beweisen 
nichts  über  den  Ausgang  der  zitierten  Verben  und  ihresgleichen. 
Man  kann  commant,  demant  lesen  (denn  dies  sind  die  regelmäßigen 


Der  festländische  Bueve  de  Hantone,  Fassung  I.        163 

Formen)  und  bekommt  dann  reine  Reime.  Aber  da  unsere 
Dichter,  auch  A,  so  viele  unreine  Reime  haben,  so  hegt  kein 
Grund  vor,  um  im  Reim  mit  -ant  das  handschriftUche  commanc 
resp.  commanQ  aufzugeben. 

Der  letzte  Paragraph,  Nr.  19,  soll  die  ,, Flexionslehre"  be- 
treffen; doch  kommt  darin  auch  genug  rein  metrisches  vor, 
so  die  Aufzählung  aller  oben  besprochenen  Unregelmäßigkeiten 
in  den  Reimen,  soweit  sie  nicht  in  Nr.  16  aufgezählt  wurden. 
Streng  genommen  kann  man  nicht  behaupten,  daß  ,,das  s  durch 
den  Reim  im  Nom.  Sing,  gesichert"  sei,  da  ja,  wie  wir  sahen, 
in  Tiraden,  deren  Reimwörter  normal  auf  s  ausgehen,  auch  Reim- 
wörter ohne  dieses  s  vorkommen.  Immerhin  sind  die  unreinen 
Reime  doch  Ausnahmen,  die  im  Reime  stehenden  Nominal- 
formen aber  ungemein  häufig  und  geben  meistens  korrekte  Reime, 
so  daß  man  praktisch  wirklich  behaupten  kann,  unser  Dichter 
habe  im  allgemeinen  an  den  alten  Deklimationsregeln  festgehalten. 

In  einem  kurzen  Kapitel  werden,, Ort  und  Zeit  der  Entstehung" 
bestimmt.  Es  werden  7  charakteristische  Dialekteigentümlich- 
keiten aufgezählt  und  ihr  Verbreitungsgebiet  erwähnt  (die  vierte 
ist  aber  nicht  gesichert,  vgl.  oben  zu  Nr.  11).  Hierauf  heißt  es 
einfach:  ,, Demnach  müssen  wir  die  Heimat  des  Verfassers  in 
einem  Grenzgebiet  suchen  zwischen  dem  Picardischen,  dem 
Champagnischen  und  dem  Nordnormannischen,  d.  h.  etwa  in  der 
Gegend  von  Rheims."  So  einfach  und  ,,binig"  ist  es  denn  doch 
nicht,  den  Dialekt  eines  Uterarischen  Denkmals  so  bestimmt 
anzugeben.  Das  Nord  normannische  weist  übrigens  nach  St. 's 
eigenen  Angaben  nur  die  fünfte  Eigentümlichkeit  auf,  aber 
neben  dem  Champagnischen  und  (liätte  hinzugefügt  werden 
dürfen)  vereinzelt  dem  Pikardischen;  es  hätte  also  nicht  in  Be- 
tracht gezogen  werden  sollen.  Nicht  weniger  bestimmt  wird 
die  Entstehungszeit  festgesetzt:  ,,um  1200";  nicht  weniger 
elementar  ist  der  Beweis.  Ich  glaube,  daß  die  Dichtung  ziemlich 
jünger  ist  (die  von  St.  erwähnton  Züge  sprechen  nicht  dagegen). 
Dafür  scheint  das  Vorkommen  der  männlichen  Form  des  Possessiv- 
pronomens vor  vokalisch  anlautenden  Femininen  zu  sprechen, 
welche  Erscheinung  meines  Wissens  noch  nicht  für  so  frühe  Zeit 
belegt  wurde.  Ferner  glaube  ich  nicht,  daß  es  in  Frankreich 
schon  um  1200  metrisch  so  nachlässig  gebaute  Dichtungen  gab 
(eine  von  St.  nicht  orwälmte  Nacldässigktüt  ist  z.  B.  liio  liäufige 
Wiederholung  der  Reimwörter  in  denselben  Tiraden,  oline  Homo- 
nymie). Endlich  zeigt  der  Dichter  diejenigen  religiösen  An- 
schauungen, die  am  deutlichsten  in  den  Jüngern  Gralromanen 
zum  Ausdruck  kommen  und  die  man  vor  der  luilstehungszeit 
der  letztern  in  weltlichen  Dichtungen  niemals  findet.  Alle  Ge- 
schehnisse werden  auf  Gottes  Willen  zurückgeführt;  namentlich 
vollbringt  der  Held  seine  Taten  nicht  aus  eigener  Kraft,  sondern 
durcli   Gottes   Gnaile   (dieser  nuffällifre   Zug  hätte  unbedingt   in 


164  Referate  und  Rezensionen.     E.  Brugger. 

dem  Kapitel  „Cliaruktcristik  unserer  Fassung"  erwähnt  werden 
sollen).  Daß  der  Dichter  trotzdem  seinen  Helden  blasphemisch 
sagen  läßt  (v.  10237  ff.),  er  würde  um  seiner  Josiane  willen  selbst 
auf  das  Paradies  verzichten  (übrigens  ein  Gemeinplatz  der  alt- 
französischen Literatur),  ist  ein  Widerspruch,  der  den  modernen 
Leser  auffällt,  aber  dem  mittelalterlichen  Menschen  nicht  zum 
Bewußtsein  kam. 

So  viel  von  der  „Einleitung"»  Sie  ist  wahrhaftig  kein  Meister- 
stück und  keine  vorbildliche  Leistung,  sondern  eine  unordent- 
lich und  flüchtig  hingeworfene  Arbeit.  Auf  den  Text  —  und  er 
ist  ja  die  Hauptsache  —  ist  glücklicherweise  viel  größere  Sorgfalt 
verwendet  worden.  Die  häufig  etwas  entstellte  Fassung  der 
Hs.  P^  ist  oft  durch  glückliche  Konjekturen  verbessert  worden. 
Auch  die  Anmerkungen  sind  größtenteils  beachtenswert.  Aller- 
dings muß  mein  Lob  auf  Teil  A  eingeschränkt  werden.  Was 
Teil  B  betrifft,  so  enthalte  ich  mich  eines  allgemeinen  Urteils, 
so   lange   uns   der    Schlüssel   zur    Kontrolle   vorenthalten   wird. 

Außer  in  Tiraden  ist  der  Text  auch  in  Kapitel  eingeteilt. 
Links  vom  Rande  liest  man,  bei  konzentrierter  Aufmerksamkeit, 
in  winziger  Schrift  und  sehr  großen  Zwischenräumen:  Kap.  I, 
Kap.  II  etc.  (v.  1,  741,  1500,  2172  etc.).  Zwischen  7925  und 
7926  liest  man  sogar:  (Kap.  XVIII  fehlt).  Man  schlägt  sich  die 
Hand  an  die  Stirn:  Was  kann  er  nur  meinen  ?  Denn  der  Heraus- 
geber verliert  in  der  Einleitung  kein  Wort  über  diese  Einteilung. 
In  Wirklichkeit  bezieht  sich  dieselbe  auf  St's  Tobler-Abhandlung, 
wo  die  Inhaltsangabe  des  Bueve  in  Kapitel  eingeteilt  ist,  aber 
natürlich  noch  ohne  Angabe  von  Verszahlen.  Diese  Schrift 
wird  in  unserer  Ausgabe  niemals  erwähnt,  trotzdem  gerade 
sie  von  den  festländischen  Fassungen  des  Bueve  handelt.  Es 
wird  also  vorausgesetzt,  daß  jeder  Leser  sie  kenne  und  die  dortige 
Einteilung  in  Kapitel  in  Erinnerung  habe.  Wenn  man  ein 
bestimmtes  ,, Kapitel"  aufschlagen  wall,  so  muß  man  es  mit  der 
Laterne  suchen.  Denn  keine  Konkordanztabelle  von  Kapiteln 
und  Verszahlen  kommt  uns  zu  Hilfe  und  die  ausführliche  Inhalts- 
angabe unserer  Ausgabe  ist  zwar  mit  Verszahlen  versehen,  aber 
nicht  in  Kapitel  eingeteilt. 

Rechts  vom  Text  sieht  man  auch  von  Zeit  zu  Zeit  Hiero- 
glyphen. Es  sind  die  Foliozahlen.  Hätte  man  vor  die  erste, 
la,  das  Wörtchen  fol.  gesetzt,  so  wäre  auch  dem  Anfänger  ge- 
holfen gewesen. 

Wie  schon  gesagt,  vermißt  man  in  der  Einleitung  ein  Kapitel 
über  das  bei  der  Herstellung  des  Textes  beobachtete  orthographi- 
sche System.  Einzelne  Bemerkungen  darüber  sind  unter  dem 
Titel  „Reim"  zu  finden,  wo  sie  nicht  hingehören.  St.  hat  die 
Abbreviaturen  aufgelöst,  aber  durch  Kursivdruck  die  Auflösungen 
kenntlich  gemacht,  was  sehr  zu  begrüßen  ist,  jedoch  allerdings 
nur  durchzuführen  ist,  wo  man  einer  einzigen  Hs.  folgen  kann 


Der  festländische  Bueve  de  Hantone,  Fassung  I.        165 

(daß  für  Teil  B  dieser  günstige  Fall  vorlag,  bezweifle  ich  sehr, 
enthalte  mich  aber  einstweilen  der  Kritik).  Von  einer  muster- 
haften Ausgabe  verlangt  man,  daß  die  von  den  Kopisten  gewählten 
Abbreviaturen  aufgezälht  und  beschrieben,  namentlich  aber  die 
Auflösungen,  wo  mehr  als  eine  Möglichkeit  besteht,  begründet 
werden.  Dies  vermißt  man  in  St 's  Ausgabe.  Nicht  alles  ist 
ohne  weiteres  klar.  Man  darf  wohl  mit  Recht  fragen :  Wie  werden 
paie/i,  -psiiens,  paiene  abgekürzt  und  unterschieden  (vgl.  z.  B.  8421, 
8422,  8349)  ?  (pa.  ?)  Welches  ist  die  Abbreviatur  für  catre  (ganz 
kursiv  gedruckt),  das  nicht  4  bedeutet,  sondern  für  c'a[u]tre  steht 
(7136),  welches  diejenige  für  puis  (gewöhnhch,  aber  nicht  immer 
findet  man  in  den  Hss.  pi9,  welches  ja  eigentUch  pius  gelesen 
werden  müßte)  ?  Wird  die  Abbreviatur  9,  wenn  sie  allein  steht,  mit 
Recht  regelmäßig  in  com  aufgelöst  (z.  B.  28,  59)  ?  M.  E.  ist  vor 
Vokal  com  oder  gar  com'  zu  schreiben  (da  in  der  Liaison  das  m 
von  come  gewiß  nie  verloren  ging),  vor  Konsonant  (LabiaHs 
eventuell  ausgenommen)  con.  Der  Kopist  von  P^  schreibt  menbre, 
onbre,  ranpa,  tenprer,  tronpe  etc.,  allerdings  daneben  auch 
etwa  mb  und  mp;  St.  aber  schreibt  regelmäßig  cowbra,  com- 
paignons,  cowpera  etc.,  was  kaum  zu  bilhgen  ist.  Der  Buchstabe  f 
unterscheidet  sich  von  s  nur  durch  das  Vorhandensein  eines  kurzen 
Querstrichs;  bei  ff  ist  der  Horizontalstrich  normaler  Weise  eine 
Verbindungslinie  der  beiden  Vertikalstäbe,  die  noch  den  rechten, 
nicht  auch  den  linken  Vertikalstab  schneidet;  das  erste  f  be- 
kommt deshalb  die  Gestalt  eines  s.  Diese  Schreibart  ist  in  den 
Hss.  wohl  die  Regel.  Unsinnig  ist  es,  bei  der  Transkription  sf 
zu  schreiben,  wo  dies  in  der  gesprochenen  Sprache  gar  nicht 
möglich  war:  osfri  8713  etc.  (Text  und  Glossar),  osfrande  9651 
(Text  und  Glossar),  sasfree  9349  (im  Glossar  unter  safre,  aber 
ohne  Rückweis  von  sasfri)  etc.  Nur  in  Fällen  wie  desfaire-deffaire, 
esforcier-ef forcier  etc.  (die  aber  in  unserem  Text  nicht  vorkommen) 
kann  man  betr.  die  Transkription  im  Zweifel  sein.  St.  schreibt 
regelmäßig  del  herbe  2354,  3598  etc.,  al  huis  2521,  2571  etc.,  aber 
de  l'erbe  907  etc.,  l'uis  2584  etc.  In  afz.  Hss.  kommt  allerdings 
normaler  Weise  nie  de  Iherbe  neben  de  lerbe  vor  (immerhin  hat 
P^  einmal  khome  =  k'home,  vgl.  3066  und  Anmerkung!);  aber 
wenn  man  denn  schon  den  modernen  Apostroph  einführt,  so 
kann  man  doch  gewiß  auch,  der  heutigen  Sclireibung  entsprechend, 
de  l'herbe  und  a  l'hiiis  auflösen.  Vor  der  Konjunktion  si  (=  und, 
auch  etc.)  setzt  St.  nie  ein  Interpunktionszeichen  (z.  B.  534, 
585,  820,  898—99  und  sehr  häufig),  trotzdem  sie  doch  Sätze 
einleitet,  die  ganz  selbständig  sein  könnten.  Ich  halte  diese 
Neuerung  für  verwerflich.  Sie  ist  nicht  logisch  und  erschwert 
dem  Anfänger  das  Verständnis.  Lieber  verziclite  man  doch 
ganz  auf  Interpunktion! 

Hat  man  einen  Text  herauszugeben,  der  nur  in  einer  Hs. 
erhalten  ist,  so  verzichte  man  auf  den  Versuch  der  Herstellung 

Ztschr.  r.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XX XI XV'.  12 


166  Rejerale  und  Rezensionen.     E.   Brugger. 

eines  vollständig  kritischen  Textes,  d.  h.  der  genauen  Rekon- 
struktion des  Originals  nach  Inhalt  und  Form;  denn  eine  sichere 
Rekonstruktion  ist  unmöglich.  Der  Wissenschaft  ist  weit  mehr 
gedient,  wenn  man  die  Überlieferung  bewahrt  und,  wo  es  geht, 
Verbesserungsvorschläge  macht.  Ist  der  überlieferte  Text  gar 
zu  sehr  entstellt,  und  werden  die  Verbesserungsvorschläge  sehr 
zahlreich,  so  lasse  man  neben  dem  überlieferten  Text  einen  kor- 
rigierten abdrucken  (wie  z.  B.  Koschwitzin  seiner  Ausgabe  der  Karls- 
reise oder  Suchier  in  derjenigen  der  Changun  deGaillelmees  taten). 
Ist  dies  nicht  nötig,  so  gehören  nach  meiner  Meinung  die  Korrek- 
turen in  die  Fußnoten  und  in  auf  den  Text  folgende  Anmerkungen. 
An  und  für  sich  ist  es  unschädlich,  wenn  man  evidente  Versehen 
des  Kopisten,  also  Fehler,  die  dieser  selbst  bei  nochmaliger  Durch- 
sicht korrigiert  hätte  (lapsus  calami),  im  Text  selbst  korrigiert 
und  die  fehlerhaften  Lesarten  in  die  Fußnoten  verweist.  Korri- 
giert man  aber  im  Text  den  Kopisten  selbst,  also  seine  absicht- 
lichen oder  wenigstens  nicht  wider  seinen  Willen  unternommenen 
Entstellungen  des  Originals,  so  bekommt  man  einen  Text,  der 
nicht  mehr  der  Hs.,  aber  auch  nicht  dem  Original  entspricht. 
Und  wer  beschränkt  sich  auf  die  evidente  Verbesserung  evidenter 
Entstellungen  ?  Und  jedermann  hält  manches  für  evident,  was 
andern  nicht  evident  scheint.  Wenn  man  die  in  den  Text  auf- 
genommenen Korrekturen,  die,  streng  genommen,  immer  Kon- 
jekturen sind,  wenigstens  in  Klammern  setzt  oder  sonst  kenntlich 
macht,  so  ist  der  Schaden  nicht  groß.  Die  vorliegende  Ausgabe 
aber  ist  in  zwiefacher  Hinsicht  nicht  musterhaft:  St.  nahm  eine 
Menge  Korrekturen  in  den  Text  auf,  die  absolut  nicht  den  con- 
sensus  omnium  erlangen  können,  z.  T.  sogar  entschieden  verfehlt 
sind,  und  unterschied  sie  außerdem  in  keiner  Weise  von  dem 
handschriftlich  gesicherten  Text.  Wenn  die  vorsichtige  Aufnahme 
der  Korrekturen  in  den  Text  die  Lektüre  bequemer  machen 
kann,  so  zeitigt  St's  Verfahren  gerade  das  umgekehrte  Resultat: 
Da  der  Leser  nie  sicher  sein  kann,  ob  er  die  handschrifthche  Über- 
lieferung oder  aber  irgend  eine,  vielleicht  sehr  zweifelhafte, 
Konjektur  vor  sich  hat,  so  ist  er  genötigt,  bei  jedem  Verse  die 
Fußnoten  zu  konsultieren,  um  zu  wissen,  woran  er  ist.  Ja,  da 
St.  bisweilen  sogar  sehr  starke  und  dann  um  so  zweifelhaftere 
Korrekturen  in  den  Text  aufnimmt,  so  bleibt  jene  Arbeit  nicht 
einmal  dem  erspart,  der  den  Text  bloß  zu  literarhistorischen 
Zwecken  liest.  Wären  die  Korrekturen  unter  dem  Text,  so 
brauchte  der  Leser  nur  dann  seinen  Blick  vom  Text  abzuwenden, 
wenn  er  auf  eine  verderbte  Stelle  stieße. 

St.  gibt  uns,  abgesehen  von  einigen  auf  die  Reime  bezüg- 
lichen Änderungen,  nirgends  an,  nach  welchen  Prinzipien  er 
von  der  handschriftlichen  Überlieferung  abwich;  und  der  Re- 
zensent hat  darum  das  Vergnügen,  die  Prinzipien  durch  Ver- 
gleichung  aller  Fußnoten  mit  dem  Text  zu  erschließen.     Unter 


Der  festländische  Buei>e  de  Hantone,  Fassung  I.        167 

Nr.  16  und  19  des  Abschnitts  ,,Reim"  bespricht  St.  eine  größere 
Zahl  von  Reimen,  in  welchen  entweder  feminines  e  und  flexi- 
visches  s  von  Nomina  durch  den  Dichter  ignoriert  wurden  oder 
aber  Nomina,  denen  jenes  e  oder  s  nicht  zukommt,  in  Tiraden 
erscheinen,  deren  Reim  auf  e  oder  s  ausgeht.  Was  von  e  und  s, 
gilt  auch  von  der  Verbindung  es.  Der  Kopist  hat  da  in  zahl- 
reichen, aber  nicht  in  allen  Fällen,  die  Reime  ausgeglichen, 
die  unreinen  für's  Auge  korrekt  gemacht,  indem  er  die  Grammatik 
dem  Reime  opferte.  Was  tat  nun  der  Herausgeber?  Unter 
Nr.  19,  wo  von  dem  flexivischen  s  die  Rede  ist,  bemerkt  er: 
,, Wegen  der  angeführten  Gründe  habe  ich  stets  die  durch  die 
Grammatik  erforderten  Formen  eingeführt"  [aber  voloirs  in 
711  wurde  nicht  korrigiert].  Wenn,  was  wahrscheinlich  ist, 
angenommen  werden  darf,  daß  der  Dichter  die  alten  Deklinations- 
regeln noch  befolgte,  und  wenn  denn  schon  überhaupt  Korrek- 
turen im  Text  angebracht  werden,  so  ist  gegen  St's  Verfahren 
nichts  einzuwenden,  obschon  ich  es  lieber  gesehen  hätte,  wenn 
für  diese  Korrekturen  eckige  und  runde  Klammern  verwendet 
worden  wären.  Aber  warum  werden  die  in  Nr.  16  aufgezählten 
Fälle,  bei  denen  feminines  e  und  es  in  Betracht  kommen,  anders 
beiiandelt  ?  Warum  werden  da  nicht  vom  Herausgeber  die 
grammatikalisch  korrekten  Formen  hergestellt  (vgl.  auch  St's 
Anmerkung  zu  v.^  2296)  P^)  Auch  sonst  finden  wir  Inkonse- 
quenzen in  der  Schreibung  der  Reimwörter.  Nach  Nr.  16  b 
wäre  ,, durch  die  Schreibung  Yvore  der  korrekte  Reim  [vom 
Kopisten]  gewaltsam  hergestellt"  [was  ich  zwar  bestreite;  vgl. 
unten].  Warum  läßt  ihn  denn  St.  stehen  ?  In  v.  3640  wird 
handschriftliches  quiderent  zu  quidierent  verbessert  (Tiraden- 
reim:  -erent),  und  doch  gehört  quidier  nach  Nr.  16a  zu  der  Gruppe 
von  Wörtern,  bei  denen  ,, neben  den  Formen  mit  ie  auch  solche 
mit  e  vorkommen".  Derselbe  Widerspruch  bei  c'a'irier  (statt 
handschr.  cairer)  3788,  und  consirier  (statt  consirer)  3790,  die 
dann  allerdings  in  den  Corrigenda  (p.  535)  berichtigt  werden. 
Wenn  St.,  um  eine  überzählige  Silbe  los  zu  werden,  el  für 
ele  (1086,  2727,  4824),  arier  für  ariere  (5380),  encor  für  encore 
(10113),  or  für  ore  (1768)  u.  dgl.  einsetzt,  so  kann  man  nichts 
dagegen  einwenden,  obsclion  man  lieber  Schreibungen  wie  elfejelc. 
sähe.  Warum  scheut  er  sich  aber,  in  dem  unmöglichen  le  aime 
(1763)  das  überzählige  e  zu  tilgen?  Auch  que  il  ev.  se  il  (1026, 
2903),  que  encor  {llSl),  je  os  (7786)  u.  dgl.  wurden  zweifellos  bewußt 
nur  geschrieben,   wenn   man   das    ,,e  muet"    wirklich    aussprach, 


•'')  Ev  tut  es  in  einem  einzigen  Fall  (v.  4412),  wo  übrigens  amencs 
jedenialls  eher  zu  amenees  nls  zu  awcne  korrigiert  worden  sollte,  wenn 
auch  letztere  F'orni  ebenfalls  denkbar  ist.  St.  korrigiert  auch  ai  in  a, 
wenn  sich  Verbalfornion  auf  ai  (so  in  der  Hs.),  also  1.  Sg.  Praes.  von 
ai'oir,  savoir,  1.  Sg.  Praet.  und  1.  Sg.  Fut.,  in  a-Tiraden  finden  (vgl. 
die  unter  Reim  Nr.  1  aufgezählten  Fülle). 

12* 


168  Referate  und  Rezensionen.     E.   Brügge r. 

andornfiills  schrioh  man  früher  wie  noch  heute  immer  qu',  s\  j' 
(natürlich  ohne  Apostroph).  Wenn  also,  wie  in  den  obigen  Bei- 
spielen eine  überzählige  Silbe  vorhanden  ist,  so  lasse  man  das  e  weg 
oder  setze  es  in  Klammern.  St.  kann  allerdings  sagen,  daß  er  das 
„e  muet"  vor  Vokal  mit  einem  Trema  zu  versehen  pflegt,  wenn  es 
gesprochen  werden  soll  (ein  Verfahren,  dessen  Vorteile  mir  übrigens 
zweifelhaft  scheinen) ;  aber  er  setzt  sich  immerhin  zu  der  alt- 
und  neufranzösischen  Schreibweise  in  Widerspruch;  und  gar 
keine  Entschuldigung  hat  er,  wenn  er  in  v.  6149  qui  i  [+  1] 
nicht  zu  qii'i  kontrahiert.  Daß  in  3149  handschriftliches  aport 
on  (oder  etwa  aporton?)  in  aporte  on  korrigiert  wird,  ist  eine 
Ungerechtigkeit  gegenüber  dem  Kopisten,  dessen  Eigenart 
nicht  respektiert  wird.  Solche  Schreibungen  sind  in  den  Hss. 
sehr  häufig.  Man  schreibe  aport'on!  St.  selbst  schreibt  ja  2186 
s'asöel'on.  Wenn  Jherusalem  (3029)  dreisilbig  zu  sprechen  ist, 
sollte  es  denn  nicht  auch  entsprechend  geschrieben  werden  ? 
Man  liest  gewöhnlich  Jiirsalem,  und  so  schreiben  auch  einzelne 
Hss.  (vgl.  z.  B.  Blancandin  v.  2801:  Jiirsalem;  dementsprechend 
hieß  die  Stadt  auch  im  Altnordischen  Jorsalir  und  Jorsalaborg). 
Am  häufigsten  wird  von  St.  die  Hs.  korrigiert,  wenn  daselbst 
die  Deklinationsregeln  verletzt  sind.  St.  hat  es  sich  zur  Regel 
gemacht,  die  Deklination  überall  korrekt  zu  gestalten,  so  weit 
nicht  etwa  Abweichungen  durch  das  Versmaß  gesichert  sind. 
Daß  er  die  die  Grammatik  verletzenden  Änderungen,  die  der 
Kopist  dem  Reim  zu  Liebe  unternahm,  mißachtete  und  wieder 
aufhob  (s.  oben),  kann  man  ja  gelten  lassen.  Aber  auch  im 
Innern  des  Verses  sind  die  Verletzungen  der  Deklinationsregeln 
so  ungemein  häufig,  daß  man  sie  nicht  mehr  als  Versehen  beur- 
teilen darf.  Die  Zerrüttung  der  Deklination  ist  vielmehr  ein 
Charakteristikum  der  Sprache  des  Kopisten,  und  dieses  Charak- 
teristikum wird  von  St.  eigenmächtig  aufgehoben,  was  ganz 
zwecklos  ist,  da  ja  die  Sprache  des  Originals  doch  nicht  rekon- 
struiert werden  kann.  Es  ist  allerdings  für  den  Leser  angenehm, 
wenn  der  Text  von  der  Verwirrung,  die  der  Kopist  angerichtet 
hat,  rein  gefegt  ist;  aber  St.  nimmt  doch  sonst  auf  den  Leser 
keine  Rücksicht,  so  wenn  er  das  sehr  störende  a  im  Auslaut  der 
1.  Sg.  von  Verben  nicht  nur  stehen  läßt  (8672,  9913),  sondern 
sogar  a  für  handschriftliches  ai  einführt  (vgl.  die  unter  Reim 
Nr.  1  erwähnten  Fälle),  also  die  1.  Sg.  die  Form  der  3.  Sg.  haben 
läßt.  Es  scheint  sogar  Fälle  zu  geben,  in  denen  mit  einer  gewissen 
Regelmäßigkeit  die  Deklinationsregeln  verletzt  werden,  so  bei 
Viin  (oder  li  un)  l'autre,  l'un  a  l'autre  (739,  3562,  5800,  9860  [in 
3459  steht  die  Abbreviatur  .1.]),  bei  tout-jors  (2829,  2850,  2966, 
3026,  9660,  9724,  etc.)  (auch  in  andern  Texten  ist  tout-jors  und 
tout-dis  sehr  gewöhnlich).  In  v.  2969  ist  fol  nicht  in  fols  (fous) 
korrigiert,  vielleicht  weil  com{e)  auch  etwa  wie  eine  Präposition 
den  Akkusativ  regiert;  wenigstens  \\ird  in  v.  7407  auf  Grund 


Der  festländische  Bue\>e  de  Hantone^  Fassung  I.        169 

dessen  die  Akkusativform  or  fin  in  den  Text  aufgenommen  (vgl. 
die  Anmerkung  dazu);  aber  jene  Konstruktion  ist  denn  doch 
die  Ausnahme,  nicht  die  Regel,  und  in  einem  Text,  in  welchem 
so  ungemein  oft  in  inkorrekter  Weise  Akkusativ  für  Nominativ 
gesetzt  wird,  sollte  man  sich  nicht  an  die  Ausnahme  klammern 
(in  V.  7407,  welcher  zu  Teil  B  gehört,  ist  übrigens  die  Akkusativ- 
form or  fin  nur  durch  Hs.  P^  bezeugt).  In  v.  5786  wurde  diables 
als  Casus  Obliquus  Sing,  in  den  Text  aufgenommen:  auch  dies 
halte  ich  für  inkonsequent,  obschon  ich  weiß,  daß  bei  Eigen- 
namen (und  diable  wurde  auch  als  solcher  betrachtet)  die  Dekli- 
nation früher  als  bei  andern  Nomina  in  Verwirrung  geriet.  Im 
Obl.  Sing,  wird  vos  statt  vo  geduldet  (2456,  6915,  8703,  9090), 
im  Nom.  Sing.  fem.  nos  statt  no  (9035),  im  Nom.  Sing.  masc. 
no  statt  nos  (9466)  (diese  Belege  finden  sich  in  B,  mit  Aus- 
nahme des  ersten,  bei  welchen  es  sich  um  ein  s  a  t  z  - 
betontes  Possessiv  handelt).  In  soies  tous  fis  (2849)  korri- 
giert St.  vielleicht  mit  Unrecht  tout\  denn  tout  fu  overte  (v.  2915) 
scheint  darauf  hinzudeuten,  daß  tout  in  solchen  Fällen  bisweilen 
indeklinabel  geworden  ist  (doch  vgl.  tout{e'\  haitie  10251).  Nur 
scheinbar  liegt  Unsicherheit  gegenüber  den  DekUnationsregeln 
vor,  wenn  in  unsern  Texten  sehr  oft  que  an  Stelle  des  viel  weniger 
häufig  verwendeten  qui  sich  findet,  wofür  auch  Hs.  P^  Beispiele 
genug  aufweist  (231,  671  [vgl.  dazu  120 etc.],  1585,  1763,  1811  etc.; 
das  Umgekehrte  ist  selten,  oder  kommt  überhaupt  nicht  vor.) 
Qui  und  que  sind  sowohl  als  Interrogativ-  wie  als  Relativ-pro- 
nomina  von  Anfang  bis  auf  heute  in  der  gesprochenen  Sprache 
streng  geschieden  worden.  Bei  der  Konfusion  handelt  es  sich 
also  wirklich  nur  um  graphische  Versehen;  und  dieselben  sind 
deshalb  häufig,  weil  die  beiden  Wörter,  besonders  in  ihren  Abbre- 
viaturen {q  mit  überschriebenem  i  resp.  Apostroph),  einander 
graphisch  sehr  ähnlich  sind.  Hier  ist  es  also  am  Platz  zu  korri- 
gieren, wenn  liandschriftliche  Lesarten  überhaupt  korrigiert 
werden  sollen.  Aber  gerade  in  diesem  Punkte  ist  nun  St.  konser- 
vativ und  korrigiert  nicht,  trotzdem  die  Konfusion  bei  der  Lek- 
türe sehr  störend  ist  (in  v.  1811  und  4883  wird  immerhin  eine 
Ausnahme  gemacht). 

Ungemein  häufig  ist  in  Hs.  P^  der  Schwund  auslautender 
Konsonanten  (besonders  s  und  f),  namentlich  vor  konsonantisch 
beginnenden  Wörtern,  aber  auch  sonst:  poru[t]  685,  t>alu[t] 
*5905,  *6095,  coru*  5942,  wt[«]  2987,  trai[t]  2437,  lai[t]  3039, 
canten[t]  904,  ces[t]  2783,  3525,  quiver[t]  *331,  *5666,  *9590,  brui[t] 
*3630,  confor[tl  2720,  escri[t]  *10083,  connoi[s]  3702,  tou  [=  tous 
oder  tout]  2849,  trestou  4876,  i>er[s]  10052,  t(in[t]  9704,  secor[s] 
4540,  4635,  tierls]  5356,  for[s]  3534,  n[f]  *  101 13  etc.  etc.  Es 
ist  ganz  offenbar,  daß  in  der  Sprache  des  Kopisten  Konsonanten 
im  Auslaut,  besonders  t  und  5,  stumm  zu  worden  beginnen.  Dies 
erhellt  auch  noch  daraus,  daß  or  etwa  solche  Konsonanten  an- 


170  Referate  und  Rezensionen.      E.   Brugger. 

hängte,  wo  sie  nicht  hingehörten;  z.  B.  chestui(t)  5007,  pm{t) 
674,  aubor{c)  3618.  Gewiß  erklären  sich  auch  viele  von  den 
Unregelmäßigkeiten  in  der  Deklination  aus  dieser  Unsicherheit 
in  bczug  auf  den  Endkonsonanten.  St.  hat  auch  diese  Eigenart 
des  Kopisten  durch  Korrektur  zu  tilgen  gesucht:  wo  dies  nicht 
geschah  (nämlich  in  den  oben  mit  Sternchen  versehenen  Be- 
legen, bei  coru,  escri  und  vi^)  nicht  einmal  im  Reim),  lag  wohl 
keine  Absichtlichkeit  vor,  ausgenommen  in  den  Fällen,  die  er 
selbst  unter  ,,Reim  Nr.  16"  aufzählt,  wie  wenn  sie  durch  Reime 
für  die  Sprache  des  Diciiters  gesichert  wären.  Er  sagt  nicht, 
weshalb  diese  Fälle  von  den  soeben  erwähnten  verschieden  sein 
und  anders  behandelt  werden  sollen.  Verschieden  sind  sie  nur, 
insofern  sie  auch  schon  in  Texten  vorkommen,  welche  sonst 
den  Schwund  auslautender  Konsonanten  noch  nicht  oder  kaum 
kennen,  folglich  altern  Datums  sind,  so  daß  also  hier  vielleicht 
noch  nicht  Apokope,  sondern  Assimilation  vorliegt.  Es  handelt 
sich  nämhch  da  immer  um  Verlust  eines  Endkonsonanten  [t  oder  s) 
vor  enklitischen  Wörtern.  Immerhin  frage  ich  mich, 
ob  man  vom  Standpunkt  unseres  Textes  aus  noch  das  Recht 
hat,  einen  Unterschied  zu  machen,  z.  B.  zwischen  voi[t]  le  (li 
dus)  (96)  und  lai[t\  le  (ceval)  (3039):  im  ersteren  Fall  ist  le  Pro- 
nomen, also  enkUtisch,  im  letztern  Artikel,  also  prokhtisch; 
aber  ich  bezweifle,  ob  beim  Sprechen  die  Verbindung  des  le  mit 
dem  Verbum  im  ersten  Fall  eine  engere  war  als  im  zweiten;  im 
Neufranzösischen  wäre  dies  meines  Wissens  nicht  der  Fall.  Bei 
lai[t]  le  wie  auch  in  allen  oben  aufgezählten  Fällen  wäre  eine 
Kontraktion  des  um  den  Schlußkonsonanten  verkürzten  Wortes 
mit  dem  folgenden  undenkbar.  Darum  würde  ich  es  für  besser 
finden,  wenn  auch  Wortgruppen  vom  Typus  voi{t]  le  nicht  kon- 
trahiert würden  (So  schreibt  z.  B.  Förster  in  seiner  Rigomer- 
Ausgabe  este  vos,  dite  le  110^ — 6,  etc.)  Allerdings  kommt  neben 
voile  in  unserer  Hs.  auch  die  Schreibung  voille  (5809),  neben 
vaisent  (6756)  auch  vaissent  (9824)  vor.  Trotzdem  würde  ich 
nicht  anstehen,  auch  voi  lle  und  pai  ss'ent,  ev.  voi-lle.,  vai-ss'ent 
zu  schreiben  (im  Alt-itahenischen  z.  B.  ist  man  sich  an  initiale 
Doppelkonsonanz  gewöhnt).  Die  altfranzösische  Schreibge- 
wohnheit braucht  für  uns  in  bezug  auf  Worttrennung  nicht 
maßgebend  zu  sein.  Unser  Kopist  schreibt  auch  traisoi  (2437), 
wofür  St.  trait  soi  setzt.  Eine  Schreibung  traissoi  würde  auch 
nicht  auffallen.  Unser  Kopist  hat  nämUch  (übrigens  nicht  er 
allein)  die  Gewohnheit,  inlautende  einfache  Konsonanz  zu  ver- 
doppeln und  doppelte  zu  vereinfachen,  gerade  wie  der  ungebildete 
Engländer  initiales  aspiriertes  h  ignoriert,  dafür  vokahsch  an- 
lautende Wörter  mit  harter  Aspiration  beginnt.  Für  den  Kopisten, 
der  traisoi  oder  voile  schreibt,  sind  5  und  l  inlautend. 

*)  Warum  nicht  corut  :  u,  escrit  :  i,  vif  :  i  ebensogut  wie  pris  :  i, 
soef  :e  etc.  (p.   XXVII)? 


Der  festländische  Biieve  de  Hantone,  Fassung  1.        171 

Einen  Fall  von  Vereinfachung  von  Doppelkonsonanz,  die 
nur  für  den  Kopisten  inlautend  war,  finden  wir  in  v.  457:  // 
ont  =  /[/]  l'ont  (ähnlich  v.  3898).  So  bedeutet  aber  auch  nelaissa 
in  V.  9954  nicht,  wie  St.  schreibt,  ne  laissa,  sondern  ne[/]  laissa. 
Umgekehrt  ist  v.  3018  für  handschriftliches  Sil  le  [nicht  eher 
Sille?]  zu  schreiben:  Si  lle  (nicht  Si  le),  v.  1391  für  handschrift- 
liches ellonhre  nicht  el  l'onbre,  sondern  eil'  onhre  oder  e'll'onbre). 
Ahnlich  wie  bei  l  auch  bei  s\  St.  schreibt  mit  der  Hs.  (die  aber 
vielleicht  kontrahiert?)  se  sire  (124),  me  sire  (9735);  doch  korri- 
giert er  ^^biaulß]  sire  (9878),  trotzdem  der  Fall  derselbe  ist. 

Charakteristische  Schreibungen  unseres^  Kopisten,  nicht 
bloße  Versehen,  sind  lestres  2425,  bestee  4090,  briiist  5165,  vaist 
1049,  consieust  5366  etc.  (in  denen  St.  das  allerdings  unechte 
s  tilgt),  choi  2119,  9620  (St.  tilgt  /?),  de-pertir  2658  (St.  setzt 
-ar-),  sestent  (St.  setzt  s'atent),  del  Hure  635  (St.  schreibt  delivre) 
u.  a.  mehr,  die  alle  St 's  Korrigiersucht  zum  Opfer  gefallen  sind. 

Vokalische  Kontraktionen  liegen  vor  in  gaig  744,  gaignera 
1026  u.  dgl.,  bailla  3616,  baillier  2639,  feute  197,  6627  etc.  In 
diesen  Fällen  verlangt  das  Metrum,  daß  die  Vokalgruppe  ai 
resp.  eu  zwei  Silben  repräsentiere.  St.  setzt  ein  Trema  auf  den 
ersten  Komponenten,  was  zweifellos  falsch  ist.  Die  altern 
Formen  haben  hier  aai  resp.  eeu.  Regelmäßig  geht  in  solchen  Fällen 
der  schwache  erste  Vokal  in  dem  vollen  zweiten  Vokal  oder  Diph- 
thongen auf;  nie  wird  der  zweite  Vokal  oder  Diphthong,  der 
sogar  wie  in  gaaig  den  Hochton  haben  kann,  verkürzt  (dem 
Übergang  ai>i  müßte  dann  noch  erst  ein  Akzentwechsel  vor- 
ausgehen!). Für  die  Sprache  des  Originals  ist  also  la]ai  resp. 
[e]eu  zu  lesen.  Richtig  ist  gräillier  472,  falsch  graalier  3148 
(Hs.  im  letztern  Fall  gralier  mit  a  statt  ai). 

Ein  so  fehlerreicher  kritischer  Text  wie  der  uns  vorliegemle 
(die  stärkeren  Abwciclmngen  des  Herausgebers  von  der  Über- 
lieferung habe  ich  zudem  noch  nicht  besprochen)  wird  denjenigen 
Wasser  auf  die  Mühle  sein,  welche  von  den  Herausgebern  mög- 
lichst genauen  Anschluß  an  die  Überlieferung  verlangen.  Als 
Vorbild  für  Ausgaben  nach  einer  einzigen  Hs.  dürfte  Försters 
Rigomer- Ausgabe  gewählt  werden. 

Ich  lasse  nun  noch  eine  Anzahl  Bemerkungen  folgen,  die 
sich  auf  einzelne  Stellen  des  Textes  beziehen  und  besonders  auch 
die  Anmerkungen  des  Herausgebers  berücksichtigen.  Auch 
in  diesen  Bemerkungen  muß  ich  meistens  gegen  St's  K  o  r  r  o  k  - 
t  u  r  e  n    protestieren  und  die  Überlieferung  in  Schutz  nehmen. 

301.  Heißt  es  in  der  Hs.  wirkHch  luine  lusant  für  lune  liiisant? 

347.  servirent  statt  sevirent  (Druckfehler). 

363.  Um  das  handschriftUche  esclairis  zu  bewahren  und  reinen 
Reim  zu  bekommen,  kann  man  jors  i'ür  it  einfüliren  (vgl.  v.  371). 

387,  Daß  unser  Kopist  öfters  a  tans  und  par  tans  mit  a  tant  und 
par  tant  konfundiert  und  überhaupt  für  tans  (tenipus)  tant  schreibt 


172  Referate  und  Rezensionen.     E.  Brugger. 

(vgl.  Anmerkung),  erklärt  sich  aus  der  Verstummung  des  Endkon- 
sonanten. 

402.  Konstruktion  und  Bedeutung  von  pensa  sind  sehr  eigen- 
tümlich und  hätten  eine  Anmerkung  verdient.  Ich  vermute  Text- 
verderbnis. 

436.  Die  in  der  Anmerkung  vorgeschlagene  Korrektur  ist  zweifellos 
nicht  nur  fakultativ,  sondern  notwendig. 

ö28.  In  der  Anmerkung  wurde  offenbar  aus  Versehen  baillies 
für  laissies  geschrieben. 

Ö67 — 668.  baillis  und  mis  als  Reimwörter  in  einer  es-Tirade  setzen 
zweifellos  Textverderbnis  voraus  (so  weit  geht  denn  doch  die  Unrein- 
heit des  Reimes  nie):  baillis  mag  durch  livres  ersetzt  werden;  in  v.  568 
mag  man  lesen:  qu'en  la  crois  fu  penes  (vgl.  v.  523)  oder  mit  stärkerer 
Abweichung:  qui  de  vierge  fu  nes. 

1300.  se  statt  lc\  repuist  (wie  St.  selbst  in  der  Anmerkung  vor- 
schlägt) statt  repuis  [kein  Fehler;   nur  Verstummung   des  Auslauts]. 

1376.  antin,  sonst  wohl  kaum  zu  belegen.  Der  Dichter  mag  sehr 
wohl  aniif  oder  antiu  geschrieben  haben,  da  er  solche  unreinen  Reime 
zuließ  (vgl.  z.  B.  das  Reimwort  pis  in  dieser  m-Tirade). 

1498.  Das  auch  Stimming  auffallende  il  könnte  mit  Vorteil  durch 
(graphisch  ähnliches)  ./.   [=  ans]  ersetzt  werden. 

2111.  Warum  wird  hier  engera  in  engenra  geändert,  während  in 
v.  2136  covera  [=  coce/ira]  blieb?  Auch  v.  344  wurde  ierre  der  Hs. 
nicht  in  terra,  sondern  in  tenra  geändert. 

2189.  raison  wird  im  Glossar  mit  ,,Rede"  übersetzt.  Also  nach 
St.:  Niemand  ist,  der  eine  Rede  besser  sagte.  Die  Konstruktion  ist 
seltsam;  doch  vgl.  3206,  3632. 

2219 — 20.  Nach  meiner  Meinung  steht  hier  oie  für  oi;  denn  ver- 
nünftigerweise kann  der  lauschende  König  nur  annehmen,  daß  er  selbst 
nicht  gehört  wurde,  nicht  seine  Tochter,  die  ja  so  laut  geschrien  hatte, 
daß  Kammer  und  Saal  davon  erdröhnten  (der  König  ist  auch  Subjekt 
der  vorausgehenden  Sätze).  Da  unser  Dichter  e  und  ee  reimt  (vgl. 
p.  XXIII  d  und  e,  und  Anmerkung  zu  v.  2234),  so  konnte  offenbar 
auch  Ol  in  einer  Je-Tirade  vorkommen;  der  Kopist  pflegte  die  Gram- 
matik dem  Reim  zu  opfern.  Subjekt  der  folgenden  Verben,  Qint  und 
iorna,  ist  dann  wieder  der  König;  nur  so  bekommt  man  einen  guten 
Sinn.  St. 's  Übersetzung:  ,,Sie  verfiel  dort  in  Torheit,  auf  Törichtes" 
muß  unrichtig  sein.  Nicht  das  Mädchen,  sondern  der  König  benahm 
sich  töricht  oder  verrückt,  wie  das  folgende  zeigt;  si  wird  nicht  in 
s'i  zu  korrigieren  sein. 

2254.  Die  eigentümliche  Wortstellung  hätte  wohl  eine  Anmerkung 
verdient. 

2421 — 22.  M.  E.  ist  hier  nichts  ,, auffällig".  Als  Bueve  in  die 
Stadt  Damas  eintrat,  ging  er  in  der  Richtung  des  königlichen  Palastes 
(vers  le  palais),  suchte  sich  dann  ein  Absteigequartier  aus  (natürlich 
noch  in  der  Stadt,  aber  in  der  Nähe  des  Palastes;  vermutlich  mußte 
hier  noch  etwas  Toilette  gemacht  werden),  und  stieg  hierauf  in  den 
Palast  (sus  el  palais),  um  den  Brief  dem  König  abzugeben. 

2450.  Zu  lesen:  tant  com  statt  tant  c'om.  Ersteres  hat  für  unsern 
Dichter  dieselbe  Bedeutung  wie  tant  que  (hier:  so  daß). 

2471.  Das  handschriftliche  a  p/i  [nicht  a  on,  wie  in  der  Anmerkung 
steht],  braucht  kein  Schreibfehler  zu  sein:  B.  stieg  auf  eine  Bank  und 
lehnte  sich  an  eine  andere  an  [die  er  vielleicht  aufgestellt  hatte]. 

2758.  puis  que,  welches  St.  (s.  Anmerkung)  durch  por  qm 
(,, vorausgesetzt  daß")  ersetzt  wissen  möchte,  finde  ich  richtig. 
Josiane  hat  ihrem  Vater  erklärt,  daß  sie  einen  Mann  liebe;  worauf 
jener  sagt:  ich  gebe  ihn  dir  zum  Gatten,  da  er  doch  einmal  (puis  que) 
der  deinige  ist  [tes,  die  satzunbetonte  Form,  steht  offenbar  für  tuens; 
unser  Kopist  hat  übrigens  ue  öfters  durch  e  ersetzt  z.  B.  treve  von 


Der  festländische  Bueve  de  Hantone,  Fassung  I.        173 

troverl,  d.  h.  da  du  ihm  schon  dein  Herz  geschenkt  hast;  puis  que  hat 
hier  wie  auch  sonst  oft,  bereits  dieselbe  Bedeutung  wie  in  der  heutigen 
Sprache;  „vorausgesetzt  daß"  würde  mir  hier  unsinnig  vorkommen. 

2783.  Das  handschriftliche  ces  ist  nicht,  wie  St.  glaubt  (vgl.  An- 
merkung), eine  Pluralform,  sondern  cest  mit  Schwund  des  auslautenden 
Konsonanten  (vgl.  oben).  Der  Sinn  verlangt  durchaus  ein  Verbum 
im  Futurum;  entra  ist  unmöglich  Futurform;  es  muß  also  in  enterra 
oder  (der  Orthographie  des  Kopisten  gemäß)  entera  korrigiert  werden. 
Die  Plussilbe  erheischt  dann  eine  weitere  Korrektur,  z.  B. :  En  cest 
pais  por  m'amor  entera  (Kontraktion  in  dem  Worte  pais,  die  nicht 
einmal  im  Nfz.  eingetreten  ist,  darf  kaum  angenommen  werden). 
Besser  als  entera  wäre  noch  rentera. 

2784  ist  für  mich  nicht  unklar.  Freie  Übersetzung:  ,,so  fern  er 
auch  sein  mag",  parfont,  adverbial,  in  der  Bedeutung  „loin",  ist  doch 
wohl  erklärlich,  da  sich  Bueve  in  die  Wüste  begeben  hatte;  wir  sagen 
auch:  tief  in  der  Wüste.  Ich  möchte  nicht  mit  St.  an  Identität  mit 
en  terre  (im  Grabe)  glauben;  devant  Diu  zeigt  im  Gegenteil,  daß  er 
immer  noch  als  auf  der  Welt,  vor  Gottes  Angesicht  (unser  Dichter 
war  ein  sehr  frommer  Mann),  befindlich  gedacht  wurde. 

2801.  Das  handschriftliche  guit  (zu  gesir,  ebenso  10  013,  sonst 
gut  und  jut)  hat  in  der  gesprochenen  Sprache  nie  existiert  und  ist  in 
giut  zu  korrigieren,  wobei  entweder  i  palatale  Aussprache  des  g  an- 
deuten soll  oder  aber  der  wallonische  Diphthong  iu  vorliegt.  Die 
gewöhnliche  Abbreviatur  von/)  JUS  ist  ja  auch  in  buchstäblicher  Transkrip- 
tion pius,  und  St.  korrigirt  v.  127  recuitin  reciut  und  1330,  5365  suiant 
in  sivant. 

2862.  Warum  wird  ore  in  ores  korrigiert,  wenn  doch  nach  St. 
Hiatus  derselben  Art  wie  hier  bei  unserm  Dichter  ganz  gewöhnlich  ist? 

2937.  Wozu  wurde  li  in  si ,, korrigiert"  ?  li  hurta  le  ceval  (er  sprengte 
das  Pferd  gegen  ihn)  geht  doch  sehr  gut  (vgl.  z.  B.  3134:  li  saut  [springt 
auf  ihn  zu]  und  li  ala  de  pres;  3641 :  lor  saut). 

2945.  Der  Satz  ist  für  mich  unklar.  Klar  würde  er  mir,  wenn 
man  ne  m'  für  n'en  einsetzte. 

2987,  Besser  als  U  wäre  //  (Schreibung  ähnlich). 

3016.  Nach  meiner  Ansicht  bedeutet  passions  hier,  wie  auch 
sonst  gewöhnlich,  ,, Leiden"  (gemeint  sind  die  von  den  Wunden  her- 
rührenden Schmerzen:  sie  sollen  ihn  töten!),  nicht,  wie  im  Glossar 
angegeben  ist,  ,, Leidenschaften". 

3018.  Mir  ist  dieser  Vers  in  der  überlieferten  Form  verständlich: 
,,er  fühlt,  daß  das  Pferd  stark  genug  ist,  gegen  wen  [das  handschriftliche 
qui  =  cui  ist  nicht  in  se  zu  ändern]  er  es  auch  gehen  lassen  mag." 
Die  Annahme,  daß  ein  Vers  ausgefallen  sei,  erscheint  mir  also  über- 
flüssig. 

3027.  le  sollte  in  se  geändert  werden. 

3206.  Auf  die  eigentümliche  Wortstellung  (Subjekt  des  Relativ- 
satzes vor  dem  Relativpronomen)  hätte  in  einer  Anmerkung  auf- 
merksam gemacht  werden  dürfen. 

3388.  Man  lese  arive  statt  arivent;  denn  das  grammatikalische 
Subjekt  t7  ist  unpersönlich. 

3417.  Es  ist  inkonsequent,  daß  hier  der  Anglonormannismus  (  ?) 
jel  n^os  geduldet  wird,  in  v.  859  aber  quel  naies  in  que  n'aies  korrigiert, 
wird  (vgl.  Anmerkung).  Das  /  ist  in  beiden  Fällen  unpassend  und 
zu  streichen. 

3468.  Daß  mollier  auch  ,, Ehemann"  bedeuten  konnte,  ist  un- 
glaublich. Man  wird  wohl  korrigieren  dürfen:  La  nie  prendrois  a  per 
et  a  mollier. 

3472.  St's  tjbersetzung:  ,,Er  werde  nie  bei  mir  liegen,  bis  ich 
ihn  zu  mir  zulassen  wolle"  ist  unmöglich.  Daß  eine  sympathische 
Königin  (die  Geliebte  des  Helden  des  Romans!)  einem  treuen  Diener, 


174  Referate  und  Rezensionen.     E.    Rrugger. 

der  gar  noch  den  Namen  Bonefoi  hat,  das  Versprechen  abnehme, 
nie  wider  ihren  Willen  ihr  heizuliegen,  und  daß  sie  überhaupt  die 
Möglichkeit  des  „Zulassens"  in  Betracht  zieht,  ist  für  jeden,  der  die 
Anschauungen  der  mittelalterlichen  Dichter  kennt,  ganz  undenkbar. 
Aber  auch  grammatikalisch  ist  die  Übersetzung  unmöglich:  i  kann 
doch  nicht  auf  die  erste  Person  bezogen  werden!  —  Ich  verstehe  die 
Stelle  nicht  und  möchte  Textverderbnis  annehmen.  Josiane  mochte 
etwa  gesagt  haben:  sie  habe  den  Diener  von  Anfang  an  in  den  Flucht- 
plan  [den  sie  eben  Bueve  mitteilte,  den  sie  aber  schon  lange  ausge- 
sonnen haben  mag]  eingeweiht  (v.  3471),  und  er  werde  ihr  seine  Unter- 
stützung oder  Begleitung  nicht  versagen,  wenn  sie  ihn  darum  ersuchen 
werde  (v.  3472).  Eine  Korrektur  des  Textes  in  diesem  Sinne  dürfte 
das  richtige  treffen. 

3548.  Wozu  wurde  dem  handschriftlichen  aumoine  ein  s  angehängt  ? 

3631 — 32.  Die  Verwendung  von  qui  im  Plurul  ohne  Beziehungs- 
wort ist  doch  wohl  so  ungewöhnlich,  daß  St.,  wenn  sie  ihm  bekannt 
ist,  Beispiele  hätte  anführen  sollen. 

3633.  Dieser  Vers  wurde  vom  Herausgeber  mit  Unrecht  versetzt. 
Er  paßt  besser,  da,  wo  er  in  der  Hs.  steht. 

3656.  se  ü  la  estranlerent  ist  zweifellos  unmöglich.  St.  selbst 
scheint  dies  nachher  gefühlt  zu  haben  (vgl.  Anmerkung);  il  la  Ve. 
gefällt  mir  auch  nicht;  il  puls  V  oder  eher  puis  il  /'  würde  passen. 

3688.  Es  ist  doch  fraglich,  ob  es  den  Herausgebern  von  Texten 
zusteht,  Korrekturen,  die  zwar  passend,  aber,  wenn  es  andere  Korrektur- 
möglichkeiten gibt,  keineswegs  sicher  sind,  einfach  in  den  Text  auf- 
zunehmen, ohne  sie  durch  Klammern  oder  den  Druck  kenntlich  zu 
machen.  Ein  solcher  Fall  liegt  z.  B.  hier  vor,  wo  pour  moi  eingeführt 
wird.  St.  bemerkt  dazu:  „pour  moi  ist  in  der  Hs.  ausgelassen,  wird 
aber  durch  den  Sinn  und  das  Metrum  gefordert".  Das  Metrum  fordert 
aber  nicht  pour  moi,  sondern  einfach  zwei  Silben,  und  der  Sinn  fordert 
gar  nichts,  da  das  mit  pour  moi  gleichbedeutende  pour  rrüamor  aus 
dem  vorausgehenden  Verse  ergänzt  werden  kann.  Man  könnte  dem 
Postulat  des  Metrums  auch  genügen,  wenn  man  z.  B.  jort  et  oder  etwas 
ähnliches  vor  puissant  einführte. 

3704.  Man  vermißt  das  Dativ-objekt.  Man  lese  entweder  Dieu 
statt  Dieus  (mit  Streichung  des  Kommas)  oder  te  commant  statt  re- 
commant. 

3762.  Tout  scheint  sinnlos  zu  sein.  Man  könnte  dafür  leicht 
z.  B.Puis  einsetzen;  aber  v.  3782  finden  wir  tout  wieder  in  derselben 
seltsamen  Verwendung.  Anmerkungen  und  Glossar  geben  keine 
Auskunft  darüber.     Steht  es  etwa  für  tost? 

3818.  St.  führt  für  eure  soign  ein  (kein  Druckfehler;  denn  vgl. 
auch  p.  534).  Finales  gn  kommt  zwar  vor,  aber  sicher  nicht  in 
unserer  Hs.  An  den  4  im  Glossar  zitierten  Stellen  hat  die  Hs.  soing. 
Der  Kopist  hat  sogar  die  Tendenz,  im  Inlaut  ng  zu  schreiben: 
z.  B.  engrangera  2728  {=  engraignera),  poi?igeis  7681,  ensengier  8653, 
mahaingier  8665,  pingon  7616,  Colonge  4763,  sogar  espar(e)ngeres  5059. 

3881.  St.  scheint  la  als  Adverb  aufzufassen,  da  er  sonst  wohl 
das  pikardische  le  beibehalten  hätte.  Ich  halte  diese  Ansicht  und 
deshalb  auch  die  Korrektur  für  falsch  und  übersetze:  er  setzt  sie 
hinauf,  läßt  sie  aufsitzen. 

3903.  Ich  halte  es  für  unnötig,  sor  les  ieus  (auf  die  Augen,  also: 
mit  dem  Gesicht  nach  unten,  auf  den  Bauch)  zu  korrigieren. 

3916.  Die  Umstellung,  die  sich  St.  erlaubte,  halte  ich  für  eine 
Verschlimmbesserung.  Den  Ausdruck  plaine  grant  paume  dürfte  er 
nirgends  belegen  können.  Als  Maß  galt  die  Hand,  der  Fuß  etc.,  aber 
nicht  die  große  Hand,  der  große  Fuß  etc.  Man  kann  die  handschrift- 
liche Fassung  beibehalten  (grant  steht  dann  für  gra7is  wie  so  häufig 
bei  unserm  Kopisten);  nur  hat  man  dann  Enjambement  in  der  Cäsur, 


Der  festländische  Bueve  de  Hantone^  Fassung  I.         175 

was  aber  nicht  so  selten  ist  (vgl.  z.  B.  v.  3954,  4211,  5736,  9223).  Will 
man  korrigieren,  so  setze  man  das  Et  an  den  Anfang  der  zweiten  Vers- 
hälfte (die  Konstruktion  ist  dann  ähnlich  wie  in  v.  3920).  Klarer 
wäre:  Li  sorcieus  grant,  \de  le\  (oder:  de  Innc?)  plaine  paume  a. 

3921.    Man  lese  le  für  se  > 

3972.    Warum  s'i  für  si  F 

3986  fl.  li  ist  nicht  in  Vi  aufzulösen.  Der  Akkusativ  /'  gibt  keinen 
Sinn,  während  der  Dativ  paßt.  Die  Infinitive  hoketer,  bauloier  etc. 
sind  m.  E.  als  transitiv  aufzufassen  (nach  dem  Glossar  wären  sie  in- 
transitiv). Dann  ist  die  Konstruktion  in  all  den  koordinierten  Sätzen 
parallel  (vgl.  mostrer,  welches  ja  überhaupt  nicht  intransitiv 
sein  kann). 

3991  If.  Das  Ausrufungszeichen  ist  nicht  am  Platze;  es  sollte  ein 
Komma  gesetzt  werden,  da  der  ganze  Vers  zum  folgenden  gehört 
{qui  =  wenn  einer).  Die  Konstruktion  ist  allerdings  etwas  anako- 
luthisch :  denn  der  mit  bieti  eingeleitete  Nachsatz  hat  zum  Vordersatz 
einerseits  qui  .  .  .  aler,  anderseits  si  fort  s'esmeut  (letzteres  kann  auch 
als  Parenthese  aufgefaßt  werden).  Quant  .  . .  cans  sollte,  rein  logisch, 
nach  qui  .  .  .  aler  stehen,  wovon  es  abhängig  ist.  Qui  Ven  veist  aler  ist 
parallel  zu  Qui  Vi  veist...  hoketer  von  v.  3986;  aber  im  Nachsatz 
wurde  der  Parallelismus  aufgehoben.  Ähnliche  verworrene  Konstruk- 
tionen finden  sich  in  diesem  Text  öfters,  so  v.  4003 — 4,  wo  wohl 
auch  zwei  Konstruktionen  dem  Dichter  durcheinander  gekommen 
sind,  nämlich  qui  plus  est  blance  que  nule  autre  und  la  plus  blance 
qui  soit  au  mont  (etwas  anders  nach  St's  Ansicht;  vgl.  Anmerkung), 
auch  5290,  5423,  5434,  5942  (vgl.  die  Anmerkungen). 

4146.  Das  handschriftliche  qui  ist  besser  als  St's  que.  Dagegen 
ist  soumier[s'\  zu  lesen. 

4166.  Yvore  (statt  gewöhnlichem  Yvorin)  im  Reim  auf  e  ist  m.  E. 
kein  Fehler.  Daß  dem  Reim  zulieb  bei  fremdartigen  Eigennamen 
der  Ausgang  geändert  wird,  kommt  bisweilen  vor,  wenn  auch  nicht 
bei  guten  Dichtern.  Vgl.  z.  B.  in  Gauchers  Perceval  14  326  (Carador 
:  or,  sonst  Carados  14  588  und  öfter,  auch  Caradous  ( :  cous)  13  512  und 
Caraduec  (oder  -oc)  (:  iluec)  12  777,  in  Berols  Tristan  Frocin, 
Frocine,  beide  im  Reim.  Bei  deutschen  Dichtern  ist  dasselbe  zu  be- 
obachten, z.  B.  bei  Wisse  und  Colin  (mehrmals),  bei  Ulrich  von 
Zatzikhoven  (Iblis,  Ihle).  Im  Bei  Desconeu  findet  man  neben  dem 
Stadtnamen  Vale{n)don  (5209,  5441  etc.)  auch  einmal  Valede:  5211 
(letztere  Form  begegnet  allerdings  nicht  im  Reim  und  die  Aus- 
gabe ist  unzuverlässig).  Vgl.  auch  meine  Bemerkungen  in  dieser 
Zs.  27  p.  104.  Eine  zweite  Nebenform  von  Yvorin  ist  m.  E. 
Yvoire  (vgl.  unten  die  Bemerkung  zu  v.  9964 — 65).  In  Teil  B  findet 
man  im  Reim  neben  Escorfant  auch  Escorfal  (vgl.  unten  die  Bemerkung 
zu  V.  8234),  und  neben  Hantone  (oft  durch  das  Versmaß  gesichert) 
auch  Hanton  (v.  8755),  als  Reimwort  in  einer  -on-Tirade.  Auch  in 
V.  5848  wird  man  Wegendes  Versmaßes  7/«/i<on  lesen  müssen.  Da  Dichter 
im  Reim  (oder  in  der  Assonanz)  Nebenformen  wie  Guillaume  und 
Guillelme  zu  verwenden  sich  erlaubten  (so  z.  B.  in  Moniage  Guillaume  II ; 
vgl.  Cloetta  t.  II  p.  209,  245,  248),  so  brauchte  man  nur  einen  Schritt 
weiter   zu  gehen,   um   derartige    Nebenformen   zu   e  r  f  i  n  d  e  n. 

4188.  St.  schreibt  Ven  (man)  für  handschriftlichos  leu  und  be- 
merkt, daß  diese  Form  sonst  in  dem  Text  nicht  vorzukommen  scheine. 
Nach  meiner  Meinung  ist  leu  nicht  zu  ändern;  es  paßt  sehr  gut  in  der 
Bedeutung  ,,WoIf".  Akkusativ  für  Nominativ  ist  bei  unserm  Schreiber 
ganz  gewöhnlich. 

4328.   cevaus  Druckfehler  für  ccveus  (richtig  im  Glossar). 

4385.  Der  Sinn  ist  wohl  der:  „Tut  eure  Pflicht  wohl!  Ihr  werdet 
es  auch  [bei  uns]  finden"  [nämlich  daß  wir  unsere  Pflicht  tun  werden). 
Das  re-  hat  den  Sinn  von  ,,auch". 


176  Referate  und  Rezensionen.     E.  Brugger. 

4439.  Es  ist  gewiß  nicht  gerechtfertigt,  Mes  boins  sire  statt  des 
handschriftlichen  Mon  bon  signor  einzuführen,  bloß  damit  die  Gramma- 
tik gerettet  werde.  In  einem  Text,  der  fei  und  gloul  auch  als  Akkusativ 
verwendet,  darf  man  nicht  mehr  so  strenge  Befolgung  der  grammati- 
kalischen Regeln  erwarten.  Bekanntlich  tritt  Akkusativ  für  Nomi- 
nativ am  frühesten  ein,  wenn  das  Subjekt  nach  dem  Verbum  steht, 
und  dieser  Fall  liegt  hier  vor;  obiger  Ausdruck  ist  sogar  durch  4  Worte 
mit  7  Silben  vom  vorangehenden  Verbum  getrennt.  Er  ist  Apposition 
zu  Bueves,  wofür  aber  in  der  Hs.  nur  B.  geschrieben  steht,  welches 
auch  in  Bueve  aufgelöst  werden  kann,  und  letztere  Form  kommt  in 
unserm  Text  sehr  häufig  (Beispiele  v.  p.  XVII)  als  Akkusativ  vor 
(statt  Bovon).  Zudem  ist  der  Fall  bei  se  che  ri'est  {—  fors)  ähnlich 
wie  bei  come,  das  wie  eine  Präposition  den  Accusativ  regieren 
kann.  Es  ist  auch  zu  bemerken,  daß  St's  Korrektur  eine 
IjTische  Cäsur  ergibt,  die  für  unsern  Dichter  nicht  absolut  ge- 
sichert ist. 

463S.  quenus  in  einer  -ts-Tirade  ist  unmöglich.  Schon  die  bloße 
Umstellung  li  quenus  et  li  vius  wäre  eine  Verbesserung.  Man  lese 
etwa:  li  vieus  loiaus  amis  oder  li  quenus  al  fier  vis  (vgl.  6937)  oder  setze 
einfach  [h]ardis  für  quenus  ein;  wenn  man  dann  das  ardis  des  folgenden 
Verses  nicht  dulden  will  (solche  Wiederholungen  von  Reimwörtern 
kommen  übrigens  in  unserer  Dichtung  vor),  so  setze  man  dafür  z.  B. 
de  pris  (vgl.  6944). 

4904.  Das  handschriftliche  Un  Agopart  wurde  mit  Unrecht  in 
Et  A.  geändert.  Agopart  ist  bekanntlich  in  den  Chansons  de  geste 
der  Name  eines  heidnischen  Volkes  und  kommt  sehr  häufig  vor  (vgl. 
Langlois,  Table  des  noms  propres).  St.  wendet  ein,  der  Name  werde 
in  unserer  Dichtung  nicht  mehr  appellativisch  gebraucht.  Dies  ist 
nicht  richtig.  V.  3955  heißt  es,  daß  König  Yvorin  ,,son  Agopart"  herbei- 
rief. Man  könnte  afz.  niemals  sagen,  Bueve  habe  son  Soibaut  oder 
gar  sa  Josiane  herbeigerufen.  V.  4295  bedauert  Bueve,  daß  er  son 
Agopart  nicht  bei  sich  habe.  Aber  auch  in  unserm  Vers  4904  ist  das 
Appellativ  durchaus  notwendig.  Denn  der  Bürger,  welcher  dem 
Bueve  (den  er  nicht  kennt!)  Bericht  erstattet,  kann  nicht  einfach  sagen, 
Agopart  habe  die  Dame  bewachen  müssen  etc.:  konnte  er  doch  nicht 
ahnen,  daß  sein  interlocuteur  wußte,  wer  Agopart  war;  aber  auf 
Verständnis  konnte  er  rechnen,  wenn  er  sagte,  un  Agopart  habe  die 
Dame  bewachen  müssen.  Außer  diesen  drei  Fällen  allerdings  wird 
Agopart  nicht  mehr  appellativisch  verwendet.  Jene  beruhen  eben 
wahrscheinlich  auf  Reminiszenzen  älterer  Stadien  der  Dichtung.  Im 
anglonormannischen  Bueve  ist  die  appellativische  Verwendung  noch 
die  normale;  denn  es  heißt  fast  immer  li  Escopart  und  V Escopart; 
und  doch  finden  wir  schon  hier  (v.  1780 — 1):  Jeo  sui .  .  .  un  fere  pu- 
blicant  E  ay  a  non  Escopart  fort  e  combatant.  Daß  Acopart  mit  Cedille 
versehen  wurde,  hätte  St.  begründen  sollen.  In  den  Chansons  de  geste 
haben  wir  allerdings  neben  Acopart  auch  die  häufige  Nebenform 
Achopart  und  ein  Chronist,  der  die  französische  Form  in  seinen  lateini- 
schen Bericht  aufnimmt,  schreibt  Azopart.  Es  ist  also  wohl  möglich, 
daß  die  palatale  Aussprache  des  c  die  ursprüngliche  war.  In  den 
Chansons  de  geste  begegnet  man  aber  auch  den  Schreibungen  Aquo- 
part,  Ascopart  und  Escopart,  in  welch  letztern  die  Cedille  kaum  am 
Platze  ist,  und  welche  wohl  beweisen,  daß  unter  dem  Einfluß  der 
Schrift,  welche  die  Cedille  noch  nicht  kannte,  auch  die  gutturale  Aus- 
sprache des  c  aufkam.  Im  anglonormannischen  Bueve  findet  man 
regelmäßig  Escopart,  Escoupart,  ebenso  in  der  nordischen  Version, 
in  der  kymrischen  Version  Copart,  in  der  englischen  Ascopard^  und 
Scopard.  "  Alles  spricht  also  dafür,  daß  in  der  ganzen  Bueve-Über- 
lieferung  die  palatalen  Formen  nicht  vorhanden  waren.  Man  vgl. 
über  den  Namen  P.  Meyer  in  Rom.  VII  437 — 40. 


Der  festländische  Bueve  de  Hantone,  Fassung  I.        177 

4961.  St's  Korrektur  Tant  que  seust  statt  Tant  seusent  mag  den 
Sinn  des  Verses  verbessern;  aber  klar  ist  doch  nicht,  warum  A^opart 
so  sehr  bestrebt  sein  sollte,  nach  allen  Richtungen  frei  sich  umsehen  zu 
können.  Ich  möchte  vorschlagen,  Tantseusentsiehen  zu  lassen  und  dafür 
regarder  durch  asambler  (oder  auch  ariver  in  der  heutigen  Bedeutung) 
zu  ersetzen:  ,,so  sehr  es  ihnen  [den  Lebenden]  auch  gelingen  mochte, 
von  allen  Seiten  her  wieder  sich  zu  sammeln  (wieder  heranzukommen)". 
Die  lyrische  Cäsur  wäre  leicht  zu  vermeiden  durch  Einführung  von 
Ja  am  Anfang  des  Verses  (vgl.  Beispiele  bei  Tobler,  Verm.  Beitr.  I 
Nr.  19).     Eine  andere  Erklärung  gibt  St.  in  der  Einleitung  p.  XIII. 

4965.  Mit  Unrecht  wurde  Qui  in  Que  geändert.  Wir  haben  hier 
die  Konstruktion,  die  St.  p.  LVII  als  charakteristisch  für  unsern 
Dichter  ausgibt. 

6165.  Die  Versetzung  des  Verses  scheint  mir  unnötig  und  unvor- 
teilhaft.    St.  vergaß,  tout  in  tous  zu  korrigieren. 

5290.  Das  von  St.  eingesetzte  Conc  für  Com  ist  zweifellos  un- 
passend. Eher  geht  das  von  ihm  auch  vorgeschlagene  Que.  Vielleicht 
liegt  aber  eine  Vermengung  von  zwei  verschiedenen  Konstruktionen 
vor:  par  si  grant  alenee  com  arondele  (Schluß  des  Satzes)  und  p.  s.  g.  a. 
Que  arondele  . .  .  ne  (>ait  si  tost  (vgl.  oben  Bemerkung  zu  v.  3990  ff.). 
Endlich  darf  man  vielleicht  annehmen,  daß  com  hier  einfach  die  Be- 
deutung von  que  hat,  gerade  wie  tant  com  =  tant  que,  oder  wie  bei 
Vergleichungen :  blans  que  noif,  etc.  (vgl.  v.  8364  und  St's  Anmer- 
kung dazu). 

5330.  //  soll  nach  St.  in  der  Hs.  durch  eine  Abbreviatur  ,, ähnlich 
wie  die  von  et"  (wofür  ^-^s  übrigens  verschiedene  Abbreviaturen  gibt) 
bezeichnet  sein.  Weiß  er  denn,  daß  sie  il  bedeutet?  Sonst  wird  il 
nie  abgekürzt.  Die  Abbreviatur  wird  also  wohl  et  bedeuten.  Dieses 
ist  annehmbar,  wenn  man  in  v.  5328  kein  Semikolon,  in  v,  5329  kein 
Komma  setzt. 

5365.  Das  Bild  ist  allerdings,  wie  St.  richtig  bemerkt,  schief. 
Man  darf  doch  wohl  ruhig  lievrier  in  lievre  korrigieren;  dann  ist  das 
Bild  normal. 

5461.    Besser  wäre  n''en. 

5540.  M.  E.  bedeutet  ot  hier  nicht  ,, bekam"  (vgl.  Anmerkung), 
sondern  ,,hört".  Das  Präsens  unterbräche  hier  allerdings  eine  Er- 
zählung im  Präteritum,  was  aber  im  Afz.  nicht  unstatthaft  und  nicht 
ungewöhnlich  sein  dürfte.  Eventuell  kann  man  auch,  anstatt  mit 
St.  in  len  das  l  zu  streichen,  das  n  in  s  ändern  und  le  sot  lesen, 
was  auch  gut  paßt. 

5544.  Es  ist  grammatikalisch  unmöglich,  daß  ma  mere  (Akkusativ- 
Objekt  in  V.  5543),  und  nicht  Dos,  Subjekt  zu  sot  [und  jist}  ist,  wie 
St.  meint.  Vielmehr  liegt  hier  ein  Widerspruch  zum  früheren  Bericht 
vor  (solche  Widersprüche  sind  in  den  Romanen  sehr  häufig  [vgl. 
z.  B.  Meliador  I  p.  LXII]  und  bedingen  durchaus  noch  nicht  Quellen- 
mischung oder  verschiedene  Autorschaft),  indem  der  Dichter  sich  jetzt 
nicht  mehr  erinnert,  daß  er  früher  berichtete,  die  Mutter  (nicht  Do!) 
habe  den  Bueve  verkauft  (der  Unterschied  ist  gleichgültig,  da  die  Mutter 
und  Do  ein  Herz  und  eine  Seele  waren  und  zusammen  komplotierten). 
Daß  wirklich  Dos  Subjekt  von  sot  und  jist  ist,  geht  auch  aus  v.  5547 
deutlich  hervor. 

5554.  Der  Sinn  von  Si  estes  vous  ist  mir  nicht  klar.  St.  hielt 
eine  Erklärung  nicht  für  nötig.  Wenn  der  Ausdruck  unbefriedigend 
ist,  so  möchte  ich  als  Korrektur  vorschlagen:  Soies  en  pais  (seid  ruhig!): 
(denn  vgl.  5553 — 54  mit  5845 — 47  und  meine  Bemerkung  zu  diesen 
Versen!),  oder  Si  vous  taisies  oder  Si  taisies  [auch  iesics]  i'o(/.<. 

5555.  Der  eigentümliche  Gebrauch  von  quel  in  der  Wendung  quel 
le  feres  hätte  vielleicht  in  einer  Anmerkung  erwähnt  werden  dürfen; 
zum  mindesten  hätte  er   im   Glossar  nicht   fehlen  sollen   (über  den- 


178  Referate  und  Rezensionen.      E.    Rrugqer. 

selben  vgl.  H.  Suchier,  Ausgabe  der  Ckan^un  de  Guillelme,  An- 
merkung zu  V.  562),  wo  auf  weitere  Litteratur  vorwiesen  wird. 

5670.  Den  Satz  vous  —  hues  als  parentlietiscii  aufzufassen,  geht 
nicht  an.  Wenn  man  sich  an  der  Zugehörigkeit  von  Lors  zu  diesem 
Satz  stößt,  ersetze  man  Lors  durch  ein  anderes  Wort,  z.   B.  Or. 

Ö717  mostera  als  Passe  defini  aufzufassen:  daran  sollte  man  auch 
nicht  einen  Augenblick  denken.  Ein  derartiges  ,,Svarabhakti"  hat 
es  nie  gegeben.  Man  korrigiere  etwa:  se  vanta  Que  devant  vous  el  camp 
mel  mostera  (Futurum),  vgl.  auch  5746;  /  in  mel  bezieht  sich  auf  die 
vorher  erwähnte  Anklage  des  Verrats  {mostrer  =  beweisen,  vgl.  5746). 

5747.    Man  lese  la  . . .  se  statt  sa  . . .  le ! 

5845 — 47.  Ich  würde  nach  troves  ein  Komma,  nach  crei's  einen 
Punkt  setzen.  Se  vous  le  commandes  ist  mir  unverständlich  (keine 
Erklärung  des  Herausgebers).  Man  könnte  z.  B.  wie  in  v.  5554  (vgl. 
meine  Bemerkung  dazu)  se  man  conseil  crees  lesen.  Unser  Dichter 
gebraucht  gern  dieselben  Wendungen  mehrmals. 

5886.    Eine  Änderung  von  il  in  eil  würde  genügen. 

6200.  Hier  beginnt  der  aus  Fassung  III  entlehnte  Abschnitt. 
Auf  die  Textkritik  dieses  Abschnittes,  soweit  sie  durch  Kenntnis  des 
Hss.-Verhältnisses  bedingt  ist,  muß  ich  aus  oben  genannten  Gründen 
verzichten.  Dagegen  geben  mir  die  Anmerkungen  des  Herausgebers 
zu  einigen  Bemerkungen  Anlaß. 

6339.  Es  ist  klar,  daß  hier  eine  neue  Laisse  anfängt:  Übergang 
von  es  zu  er.  Hiergegen  kann  nicht  etwa  geltend  gemacht  werden, 
daß  die  Ausgänge  es  und  er  bisweilen  auch  gebunden  werden.  Wenn 
die  Hss.  keinen  Abschnitt  machen,  so  hätte  ein  solcher  in  einer  kritischen 
Ausgabe  dennoch  gemacht  werden  sollen. 

6371.  St.  sagt,  es  lasse  sich  nicht  entscheiden,  ob  le  Pohier  zu 
Rnhart  oder  Hertaut  gehöre.  Wenn  auf  die  handschriftliche  Über- 
lieferung etwas  zu  geben  und  nicht  unnötigerweise  ein  unreiner  Reim 
anzunehmen  ist,  gehört  die  Apposition  offenbar  zu  dem  Akkusativ 
Hertaut;  denn  sonst  müßte  es  li  Pohiers  heißen,  da  nach  avoir  non 
der  Nominativ  steht  und  Rohart  also  Nominativ  ist  (der  Kopist  von 
P^  führte  sehr  oft  das  (  des  Akkusativs  für  nominativisches  s  ein; 
Hs.  C  hat  übrigens  s).  Auch  der  Stellung  nach  gehört  le  Pohier  natür- 
licherweise zu  Hertaut. 

6671.  Statt  des  unmöglichen  tor  möchte  ich  vorschlagen  zu  lesen 
cors  (vgl.  auch  v.  8223);  c  und  t  werden  bekanntlich  graphisch  be- 
ständig verwechselt;  finales  s,  zumal  vor  s,  wird  von  den  Kopisten 
häufig  abgestoßen. 

6768,  St's  Korrekturvorschlag,  la  statt  li  zu  lesen,  ist  mir  un- 
verständlich.    Worauf  sollte  sich  la  beziehen? 

6824.  Daß  eine  Form  gardront  existierte,  ist  für  mich  sehr  zweifel- 
haft.   Dem  Metrum  wäre  durch  Streichung  von  Si  leicht  zu  genügen. 

6861.  Was  St.  betr.  das  Plus  der  Hss.  TCMV  gegenüber  P»  sagt, 
ist  m.  E.  wertlos.  Er  behauptet,  das  Plus  dieser  Hss.  stehe  im  Wider- 
spruch zu  dem  [in  Fassung  I]  früher  erzählten.  Da  aber  der  ganze 
Abschnitt  B  eine  Interpolation  aus  der  dritten  Fassung  ist,  es  sich  also 
hier  um  eine  Rekonstruktion  dieser  Fassung  handelt,  so  kommt 
es  allein  darauf  an,  ob  jenes  Plus  zu  dem  in  der  dritten  Fassung 
früher  erzählten  in  Widerspruch  stehe.  Darüber  gibt  St.  keine 
Auskunft. 

6884.  Was  soll  mer  hier  bedeuten  ?  Das  Glossar  gibt  keine  Aus- 
kunft hierüber.     Es  wird  doch  wohl  mit  T  mur  zu  lesen  sein. 

6905.  Hier  sind  wieder  eine  er-  und  eine  es-Tirade  zusammen- 
gezogen. Daß  der  Kopist  des  Archetypus  dies  tat,  wurde  wohl  nament- 
lich durch  das  Reimwort  reverres  (v.  6904)  verursacht,  welches  in  der 
ersten,  der  er-Tirade,  einen  unreinen  Reim  bildet,  der  zufällig  mit 
dem  Reim  der  folgenden  Tirade  übereinstimmt. 


Der  festländische  Bueve  de  Hantone,  Fassung  I.        179 

6960.  Der  kritische  Text  scheint  mir  etwas  zweifelhaft;  auffallend 
ist  wenigstens  die  Wortstellung  fu  Buevon  (doch  vgl.  unten  8917  und 
meine  Bemerkung  dazu).  Aus  der  Varia  Lectio  werde  ich  nicht  klug. 
Welchem  Worte  des  kritischen  Textes  soll  z.  B.  estoit  in  M  entsprechen  ? 
Doch  nicht  bloß  dem  ju;  sonst  hätte  konsequenterweise  (+1)  hinzu- 
gesetzt werden  müssen.  Die  Benutzung  der  Varia  Lectio  ist  überhaupt 
nicht  gerade  leicht  gemacht  worden. 

6993.  Durch  Streichung  des  unnötigen  Puis  könnte  die  zweifel- 
hafte Form  doutriens  leicht  vermieden  werden  {Puis  fehlt  in  V;  M 
und  G  haben  die  richtige  dreisilbige  Form;  hat  hier  der  Vers  eine  Silbe 
zuviel?    St.  schreibt  nicht  [+  1]). 

7089.  Der  von  St.  angegebene  Grund  für  die  Nichtaufnahme 
des  hier  in  P^  folgenden  Verses  ist  nicht  stichhaltig.  Natürlich  war 
ein  eine  Wallfahrt  erforderndes  Gebet  in  Jerusalem  (welcher  Ort  nach 
der  Darstellung  unseres  Verfassers  nicht  sehr  weit  entfernt  war)  mehr 
wert,  als  ein  Gebet  an  dem  Ort,  wo  Bueve  sich  gerade  befand.  Und 
wenn  der  Kopist  von  P^  den  Vers  vernünftig  fand,  warum  sollte  ihn 
der  Redaktor  von  Fassung  IIT  nicht  haben  dichten  können?  Bestand 
denn  notwendig  ein  intellektueller  Unterschied  zwischen  diesem  und 
jenem  ? 

7168.  Die  Gründe,  welche  St.  gegen  Zulassung  des  Plusverses 
von  CTV  geltend  macht,  sind  wertlos:  1.  es  würden  zwei  aufeinander 
folgende  Verse  mit  DusqiCa  beginnen  (aber  derartige  Kakophonien 
finden  sich  in  unserm  Text  haufenweise:  vgl.  z.  B.  St's  Anmerkung 
7275);  2.  der  Inhalt  passe  nicht,  da  nicht  Fleisch,  sondern  Hafer  geholt 
worden  sei  (aber  unter  viande  versteht  man  doch  nicht  bloß  Fleisch!). 

7178.  Der  bestimmte  Artikel  bedeutet  hier  einfach,  daß  der 
König  von  Monbranc,  wenigstens  in  dem  betr.  Walde,  im  ganzen  nur 
4  Hüter  hatte  (vgl.  auch  7249  und  namentlich  7315).  Er  ist  also  nicht 
auffallend. 

7408.  or  im  Plural  dürfte  doch  zweifelhaft  sein.  Bezeugt  ist  der 
Plural  nur  durch  P^ 

7577.    avanl  bedeutet  hier  nicht   ,,vorn",  sondern   ,,vor  allem". 

7732 — 37.  Nach  der  Varia  Lectio  ist  v.  7733  nur  in  T  an  dieser 
Stelle,  dagegen  in  VP^  der  letzte  der  Gruppe,  während  er  in  C  fehlt. 
Der  Herausgeber  war  unter  der  Bedingung  berechtigt,  T  zu  folgen, 
daß  die  andern  Hss.,  wenigstens  VP^,  gegenüber  T  eine  Gruppe  bilden. 
Die  Gruppierung  der  Hss.  scheint  aber  nicht  diese  zu  sein. 

7760.  In  P^TV,  d.  h.  allen  Hss.  außer  C  (welches  gerne  Verse 
ausläßt)  folgt  hier  ein  Vers,  den  St.  ausscheidet,  weil  der  Tod  des 
Heiden  erst  v.  7753  berichtet  werde.  Es  wird  aber  in  diesem  Vers 
nur  gesagt,  daß  der  Arm  des  Heiden  ins  Gras  fiel.  In  der  Form, 
wie  ihn  T  hat,  wäre  der  Vers  annehmbar. 

7789.  por  vo  vie  garant  hätte  eine  grammatikalische  Anmerkung 
verdient. 

7803,  7816.    Ich  halte  St's  Ansicht  für  falsch. 

7863  ff.  Warum  wird  die  Fassung  von  P*  in  den  kritischen  Text 
eingesetzt,  wenn  sie  ,,z.  T.  unklar  und  lückenhaft"  ist?  Übrigens 
weiß  ich  niclil,  was  darin  unklar  ist,  wenn  erzählt  wird,  wie  Tieri  samt 
seinem  Pferde  zu  Boden  geworfen  wird,  wie  er  dann  sein  Pferd  wieder 
aufrichtet  und  nachher  wieder  als  beritten  erscheint.  Wie  kann  hier 
nach  dem  Glossar  n  estal  ,,an  derselben  Stelle",  und  nach  der  An- 
merkung torner  a  estal  ,, wieder  aufrichten"  bedeuten? 

7901.    In  der  Anmerkung  ist  V5  Druckfehler  für  T  5. 

8184 — 85.  Die  Ansicht,  daß  ursprünglich  rostes  für  Tieri.<  stand, 
ist  nicht  so  selbstverständlich.  Als  der  Wirt  mit  Buove  sprach,  stand 
Tiori  dabei,  konnte  sich  also  auch  am  Gespräch  beteiligen.  Die  Auf- 
forderung, nach  dem  Sclilos-se  zu  gelien,  braucht  nicht  vom  Wirt 
auszugehen;  denn  es  ist  nicht  sein  Schloß. 


180  Referate  und  Rezensionen.     E.  Brugger. 

8234.  Escorfaut  in  einer  -a«<-Tirade  (ebenso  8521)  gibt  keinen 
Reim.  Ich  glaube,  daß  für  das  Original  Eacorfanl  zu  lesen  ist  und  die 
obige  Schreibung,  die  in  P'  auch  im  Innern  des  Verses  überall  durch- 
geführt und  von  St.  angenommen  worden  ist,  vom  Kopisten  herrührt. 
In  V.  8459  findet  man  Escorjal  als  Reimwort  in  einer  -a/-Tirade.  Dies 
wird  eine  dem  Reim  zulieb  gemachte  Nebenform  von  Escorjant  sein 
(vgl.  auch  meine  Bemerkung  zu  4165). 

8354.    Zur  Anmerkung:  nicht  aigle,  sondern  taute  (Druckfehler)! 

8507,  8520.  Die  Reihenfolge  der  hierzu  gehörigen  Anmerkungen 
ist  verkehrt. 

8562 — 63.  Inwiefern  sich  aus  drechast  von  v.  8554  ergeben  soll, 
daß  die  Lesart  von  P^  die  schlechtere  sei,  ist  mir  nicht  klar  geworden; 
man  kann  sich  doch  vom  Boden  auch  ,, aufrichten". 

8596  ff.  Nach  St.  hat  T  hier  ,,die  einfachste,  daher  wohl  auch 
ursprünglichste  Fassung".  Warum  wurde  sie  denn  nicht  dem  kritischen 
Texte  zugrunde  gelegt  ?  Da  aber  die  Verse  8598 — 99  und  nach  8560 
noch  ein  weiterer  Vers  durch  P*CV  und  noch  einer  durch  P^V  belegt 
sind,  so  fragt  es  sich  einfach,  ob  diese  3  Hss.  gegenüber  T  eine  Gruppe 
bilden;  ist  dies  nicht  der  Fall,  so  ist  die  Lesart  von  T  unursprünglich, 
mag  sie  auch  noch  so  einfach  sein. 

8610 — 12.  Daß  diese  Verse  in  T  fehlen,  sei  , .zweifellos  das  ur- 
sprüngliche". Auch  hier  muß  man  fragen:  Warum  wurden  sie  denn 
in  den  kritischen  Text  aufgenommen?  Auch  hier  entscheidet  über  die 
Ursprünglichkeit  in  erster  Linie  das  Handschriftenverhältnis,  welches 
nicht  zugunsten  der  Lesart  von  T  zu  sprechen  scheint  (man  kann 
sich  beständig  darüber  ärgern,  daß  St.  nicht  mitteilte,  nach  welchem 
Prinzip  er  den  Text  herstellte).  —  Auch  das  übrige  Raisonnement 
des  Herausgebers  halte  ich  für  ganz  falsch.  Die  Königin  ist  von  der 
grant  tor  (dem  deutschen  Berchfrit),  von  dessen  Zimmer  aus  sie  der 
Schlacht  zugesehen  hatte,  herabgestiegen,  um  sich  in  die  sale  zu  be- 
geben, wo  großer  Empfang  war.  Die  sale,  im  gewöhnlichen  Sinn  des 
Wortes,  befand  sich  [was  St.  nicht  beachtet  zu  haben  scheint]  nicht 
in  der  grant  tor,  sondern  im  palais,  der  in  der  Regel  mit  der  grant  tor 
nicht  zusammengebaut  war.  Daß  sie  ,,in  die  Stadt  ging",  wird  nicht 
gesagt;  denn  parmi  Siviele  (wofür  übrigens  C  und  P^  eine  andere, 
auch  annehmbare  Lesart  haben)  in  v.  8609  gehört  natürlich  zu  sa  gent: 
sie  hat  sa  gent  aus  ganz  Siviele  zu  sich  berufen.  Da  die  sale  in  der 
Regel  im  ersten  Stockwerk  sich  befand,  so  mußte  die  gent  in  die  sale 
monier,  nachdem  die  Königin  bereits  vorher  hinaufgestiegen  war. 
Auch  zwischen  8609  und  8610  besteht  kein  Widerspruch:  Zu  einer 
Ratsversammlung  wurden  zur  Zeit  unseres  Dichters  vom  Souverän 
nur  les  plus  haus  homes  de  toute  sa  contree,  die  Vasallen,  berufen,  nie- 
mals das  gemeine  Landvolk  oder  die  Städter;  die  Vasallen  sind  folglich 
sa  gent  im  engern  Sinn  des  Wortes.  Die  Verse  8919 — 20,  auf  welche  der 
Herausgeber  verweist  und  welche  auch  in  T  vorhanden  sind,  beweisen 
gerade  die  Korrektheit  der  Verse  8610 — 12;  denn  durch  sie  wird  be- 
stätigt, daß  die  Versammlung  aus  den  gentieus  homes  tenant  de  sa 
contree  bestand  und  daß  der  Versammlungsort  nicht  la  tor,  sondern 
la  sale  war  (im  palais  wird  nachher  z.  B.  auch  Bueve  empfangen: 
V.  8796  und  wird  die  Hochzeit  gehalten:  v.  9653;  Josiane  empfängt 
ihre  Vasallen  im  palais:  9830).  In  v.  8633 — 34  spricht  die  Königin 
von  cele  tor;  sie  hätte  ceste  tor  sagen  müssen,  wenn  sie  noch  drin  ge- 
wesen wäre  (vgl.  auch  unten  zu  8937  und  9463). 

8617.  Qui  wird  nicht  im  Sinn  von  ,,wenn  ich"  gebraucht,  sondern 
in  der  Bedeutung  ,,wer",  ev.  „wenn  man",  und  das  Feminin  ist  in- 
sofern bemerkenswert,  als  die  Königin,  indem  sie  allgemein  von  ,,wer" 
oder  ,,man"  spricht,  doch  in  erster  Linie  an  Frauen  denkt,  weil  sie 
selbst   eine    Frau   ist.      Vom    Standpunkt   des   Feminismus   übrigens 


Der  festländische  Bueve  de  Hantone,  Fassung  I.        181 

ganz  konsequent!  Immerhin  kann  man  natürlich  auch  die  Masculin- 
form  einsetzen  und  ungenauen  Reim  annehmen. 

Statt  8634  sq.  sollte  es  in  der  Anmerkung  heißen:  8635  sq. 

8663.  Auch  hier  muß  in  erster  Linie  das  Handschriftenverhältnis 
entscheiden,  ob  vous  estes  messagier  oder  nobile  Chevalier  zu  lesen  ist. 

8687  ff.  Auch  hier  kommt  es  nicht  in  erster  Linie  darauf  an, 
welcher  Text  „am  einfachsten"  und  „am  klarsten"  ist;  maßgebend 
ist  wieder  der  Stammbaum  der  Hss.  Vor  der  Hand  können  wir  zu 
dem  kritischen  Text  kein  Vertrauen  haben. 

8698.  Warum  wird  eingerückt,  ohne  daß  eine  neue  Laisse  beginnt? 
Wenn  eine  Hs.  fälschlich  einrückt,  so  braucht  ihr  eine  kritische  Aus- 
gabe nicht  zu  folgen;  dagegen  ist  dann  eine  Bemerkung  in  der  Varia 
Lectio  am  Platz. 

8724.  Die  ,, Rücksicht  auf  V"  ist  sicher  kein  Grund,  um  das  que 
von  P^  zu  streichen;  denn  V  hat  an  entsprechender  Stelle  ki;  que 
und  qui  aber  wechseln  in  unsern  Hss.  sehr  oft.  Metrum  und  Bedeutung 
sprechen  allerdings  für  Streichung  des  que.  Del  baron  gäbe  keinen 
vernünftigen  Sinn;  eher  lese  man  de  baron. 

8726.  ( —  1)  vor  C  in  der  Varia  Lectio  ist  nicht  berechtigt;  denn 
deur  kann  gelesen  werden:  d'eur. 

8726 — 27.  Text  und  Interpretation  in  der  Anmerkung  sind  etwas 
unsicher;  doch  ist  zur  etwaigen  Korrektur  die  Kenntnis  des  Hand- 
schriftenverhältnisses nötig. 

8757 — 64.  Ich  sehe  nicht  ein,  weshalb  die  Fassung  von  CTV  in- 
haltlich unzweifelhaft  besser  als  diejenige  von  P^  sein  soll.  Wird 
letztere  vorgezogen,  so  fallen  die  Widersprüche  in  v.  8761  (vgl.  St's 
Anmerkung  dazu)  weg,  weil  dieser  Vers  in  P^  nicht  vorkommt. 

8862.  Dieser  Vers,  der  in  P^T  fehlt  und,  wenn  es  der  Stammbaum 
erlaubt,  m.  E.  auch  im  kritischen  Text  fehlen  sollte,  ist  mir  unver- 
ständlich (trotz  St's  Interpretation). 

8917 — 18.  Diese  Stelle  wird  von  St.  nach  meiner  Meinung  ganz 
unrichtig  aufgefaßt.  Wenn  er  sagt  „Also  braucht  ihr  [der  Königin] 
der  Beschluß  nicht  erst  mitgeteilt  zu  werden",  so  deutet  dies  darauf 
hin,  daß  nach  seiner  Ansicht  la  dame  Da"tiv-Objekt  zu  contee  resp. 
graee  ist,  was  zweifellos  falsch  ist,  da  sonst  bei  graee  der  Ausdruck 
Des  gentius  homes  beziehungslos  würde,  bei  contee  aber  ein  inhaltlicher 
Widerspruch  zum  Vorausgehenden  entstünde.  Vielmehr  ist  la  dame 
Genitiv  und  gehört  zu  la  parnlle  (vgl.  dieselbe  eigentümliche  Wort- 
stellung oben  6950);  C.  schreibt  denn  auch  mit  klarer  Wortstellung: 
la  dame  fu.  Man  übersetze  also:  Als  die  Rede  der  Dame  von  den  vor- 
nehmen Vasallen  ihres  Landes  gebilligt  worden  war.  Im  Vorher- 
gehenden werden  in  der  Tat  gleich  nach  der  Rede  der  Dame  die  Zu- 
stimmung des  Disdier,  der  im  Namen  der  Barone  spricht,  und  dann 
auch  diejenige  der  Barone  selbst  erwähnt.  Ebenso  wie  auf  graee  Des 
folgen  muß,  so  verlangt  contee  selbstredend  As.  Was  St.  über  As  und 
Des  schreibt,  ist  durch  jenen  Irrtum  bedingt. 

8937.  La  tor  ist  zweifellos  falsch,  denn  in  v.  8920  heißt  es,  daß  die 
Königin,  als  die  Vasallen  sie  verließen,  noch  in  der  sale,  d.  h.  wie  oben 
(zu  8610 — 12)  gezeigt  wurde,  im  palais,  nicht  in  der  lor,  blieb.  Daß 
St.  das  nur  von  P^  bezeugte  la  tor  boibehiell,  erklärt  sich  wohl  aus 
seiner  irrtümlichen  Auffassung,  daß  sich  die  sale  in  der  tor  befand. 
Statt  tor  kann  man,  ohne  das  Metrum  zu  ändern,  sale  einsetzen.  CTV 
haben  sor  les  (resp.  as)  murs  montee  (resp.  alee).  Dies  scheint  aber  zum 
folgenden  nicht  zu  passen.  Daher  wird  die  Änderung  von  tor  in  sale 
in  P'  nötig  sein. 

8939.  Der  Plusvers,  den  P*  hier  hat,  braucht  nicht  ein  Zusatz  zu 
sein,  jedenfalls  nicht  aus  dem  von  St.  angegebenen  Grunde:  ,,da  die 
Königin  unzweifelhaft  schon  im  Sattel  war".  Dies  wird  weder  gesagt 
noch  ist  es  zu  erschließen. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX«/'.  13 


182  Referate  and  Rezensionen.      E.   Rrugger. 

9025 — 26.  Aul'  jeden  von  diesen  Veisen  folgt  in  P'  ein  Plusvers. 
St.  hat  die  Plusverse  mit  Recht  ausgeschieden,  aber  aus  unrichtigen 
oder  ungenügenden  Gründen.  Molt  richement  könnte  ganz  gut  zu 
venoä  gehören,  und  Reimwörter  wiederholen  sich  in  unserm  Texte  oft. 
Aber  der  erste  Plusvers  spricht  ganz  dasselbe  aus  wie  9027  und  zwar 
in  der  Hauptsache  in  denselben  Worten  (Nach  9025  sollte  ein  Semi- 
kolon gesetzt  werden,  damit  man  erkenne,  daß  9026  zu  9027  gehört ; 
Bedeutung:  Alis  war  von  der  Schwester  des  Esc.  zum  Ritter  geschlagen 
worden;  ,,ol"  bedeutet  , .erhielt".  Hat  etwa  St.  eine  andere  Auf- 
fassung?). Der  zweite  Plusvers  würde  die  zusammengehörenden 
Verse  9026  und  9027  trennen,  so  daß  sie  einzeln  unverständlich  würden. 

9139.  Nach  der  Varia  Lectio  fehlt  dieser  Vers  in  CTV,  nach  d-is 
Anmerkung  in  CTP^.    Welches  gilt?     Er  ist  entbehrlich. 

9188,.  Die  dazu  gehörige  Anmerkung  ist  falsch  numeriert:  9198 
(Druckfehler). 

9223.  Solche  ,, mangelhafte  Cäsuren"  (Enjambement)  wie  hier 
in  P^  finden  sich  genug  (vgl.  z.  B.  oben  zu  3916)  und  brauchen  daher 
wohl  nicht  beanstandet  zu  werden. 

94:63.  Statt  tor  en  hat  C  sale.  Letzteres  Wort  paßt  in  der  Tat 
besser.  Denn  wenn  auch  während  der  vorhergehenden  Schlacht  die 
Königin  in  der  tor  gewesen  war,  so  fand  doch  die  nun  folgende  Rats- 
versammlung, an  welcher  grant  plente  von  Baronen  (v.  9486)  teilnahm, 
gewiß  richtiger  in  der  sale  des  palais  statt.  Man  kann  sich  eine  große 
Versammlung  im  Turm  kaum  denken.  In  9524  wird  denn  auch  die 
sale  als  Versammlungsort  genannt,  ohne  daß  inzwischen  von  einer 
Ortsveränderung  die  Rede  gewesen  wäre.  In  9624  wird  zu  Mittag 
gegessen,  auch  ohne  Erwähnung  einer  Ortsveränderung;  es  hatte 
keinen  Sinn,  nach  Beendigung  einer  Schlacht  im  Turm  zu  tafeln.  Wenn 
£  im  Stammbaum  nicht  allen  andern  Hss.  gegenübersteht,  so  ist  seine 
Lesart  allerdings  nicht  maßgebend.  Aber  dann  müssen  wir  annehmen, 
daß  schon  der  Archetypus  hier  einen  Fehler  enthielt,  den  der  Kopist 
-von  C,  in  richtiger  Erkenntnis  des  Unpassenden,  verbesserte  (vgl. 
auch  oben  zu  8610—12  und  8937). 

9541.  Hier  beginnt  das  zweite  Stück  von  Teil  A. 

9593.  lai>es,  Druckfehler  für  Caves. 

9626.  Ich  halte  die  Änderung  von  eine  in  trois  nicht  für  nötig. 
Wenn  auch  vorher  nur  von  3  ,, Königen"  einzeln  berichtet  wurde, 
daß  sie  gefangen  genommen  wurden,  so  folgt  daraus  nicht  notwendig, 
daß  diese  3  die  einzigen  waren.  Widersprüche  in  Zahlen  sind  übrigens 
nicht  nur  den  Kopisten,  sondern  auch  den  Dichtern  eigentümlich. 
Zudem  würde  es  sich  hier  nur  um  einen  Widerspruch  zwischen  A  und 
B,  also  zwischen  Fassung  I  und  III  handeln. 

9634.  In  der  Anmerkung  wird  Yosiane  irrtümlich  an  Stelle  der 
Königin  von  Siviele  erwähnt.  Ich  glaube,  daß  li  in  le  zu  korrigieren 
ist.  Andernfalls  müßte  man  allerdings  St's  Interpretation  annehmen; 
aber  diese  scheint  mir  unnatürlich. 

9649.  Das  handschriftliche  Saint-Germain  ist  natürlich  falsch; 
aber  Saint  Omer  ist  eine  Korrektur  in's  Blaue ;  v.  3808  beweist  nichts. 

9964 — 65.  Es  ist  fraglich,  ob  St's  Korrektur  notwendig  ist.  Er 
stieß  sich  wohl  an  der  Form  Yvoire  statt  gewöhnlichem  Yvorin.  Ich 
glaube,  daß  unser  Dichter,  so  gut  wie  er  dem  Reim  zu  lieb  einmal 
Yvore  schrieb,  auch  der  Cäsur  zu  lieb  Yvoire  schreiben  konnte.  Wir 
haben  schon  gesehen,  daß  man  nicht  Anstand  nahm,  fremde  Eigen- 
namen so  ziemlich  nach  Belieben  zu  ändern  (vgl.  oben  zu  v.  4165). 
Vgl.  auch  die  Nebenform  Ysoire  zu  Ysore,  die  allerdings  nur  in  späten 
Zeugnissen  zu  belegen  ist  (Cloetta's  Ausgabe  des  Moniage  Guillaume, 
t.  II  p.  178—180).  Ob  nun  die  handschriftliche  Lesart  beibehalten 
oder  St's  Korrektur  akzeptiert  wird,  so  dürfte  es  notwendig  sein,  in 
9964  cid  statt  de  einzusetzen,  da  ein  Substantiv  oluie  Artikel  weder 


Der  festländische  Bueve  de  Hantone,  Fassung  I.        183 

■den  Genitiv  regieren,  noch  ein  Determinativpronomen  (hier  in  der 
Form  des  bestimmten  Artikels)  darauf  bezogen  werden  kann. 

9972.  une  statt  une. 

10120.  Nur  aus  der  Anmerkung,  aber  nicht  aus  der  Varia  Lectio 
ist  zu  entnehmen,  daß  die  Hs.  principel  hat  (vgl.  auch  10496). 

10144 — 45.  „Nie  hörte  ich  jemand  so  erzählen,  wie  sie  singt 
(d.  h.  singend  erzählt):  gut  versteht  sie  sich  darauf,  es  (d.  h.  wie  alles 
sich  zugetragen  hat)  (divinatorisch)  zu  erraten"  (vgl.  auch  10177). 
Ich  sehe  da  keine  eigentliche  Unklarheit,  welche  mangelhafte  Über- 
lieferung zur  Voraussetzung  hätte.  Immerhin  wäre  es  vielleicht  besser, 
das  unbestimmte,  fast  beziehungslose  le  dem  deviner  voranzustellen 
und  als  Artikel  aufzufassen;  vielleicht  würde  auch  hom£  mit  Vorteil 
durch  ferne  ersetzt. 

Den  Schluß  des  Bandes  bilden  100  Seiten  Glossar  und  Namen- 
verzeichnis. Das  Glossar  ist  m.  E.  viel  zu  ausführlich  für  eine 
Ausgabe,  die  kaum  als  Schulbuch  verwendet  werden  wird.  Wozu 
soll  uns  mitgeteilt  werden,  daß  z.  B.  cheval  Pferd,  cinquante 
fünfzig,  porte  Türe,  paradis  Paradies,  demi  halb  bedeutet  ?  Für 
die  Wissenschaft  wäre  eine  Zusammenstellung  des  wirklich  Be- 
merkenswerten zweckmäßiger  gewesen.  Übrigens  werden  im 
Glossar  keineswegs  sämtliche  Belege  angeführt;  aber  bei  keinem 
Artikel  ist  zu  erkennen,  ob  man  sämtliche  Belege  vor  sich  hat 
oder  nicht;  wo  nur  auf  einen  Teil  der  Belege  verwiesen  wird, 
hätte  dies  durch  ,,etc."  angedeutet  werden  sollen.  Eingehend 
habe  ich  das  Glossar  nicht  geprüft.  Einzelne  Fehler,  die  mir 
auffielen,  und  nicht  schon  gelegentlich  erwähnt  \\'urden,  will 
ich  hier  nicht  anführen.  Nur  das  möchte  ich  noch  sagen,  daß 
der  Sprachschatz  zweier  Dichter  nicht  in  einem  einzigen  Glossar 
untergebracht  werden  sollte.  Daß  die  Anlegung  zweier  Glossare 
etwas  unpraktisch  gewesen  wäre,  will  ich  immerhin  gern  zu- 
geben. Der  Kapitalfehler  der  Ausgabe  ist  eben,  daß  sie  sich  nicht 
auf  Teil  A  beschränkte.  Noch  viel  notwendiger,  aber  auch  viel 
leichter  durchführbar  als  beim  Glossar  wäre  eine  Sciieidung 
von  A  und  B  beim  Namenverzeichnis  gewesen.  Es  ist  durchaus 
nicht  gleichgiltig,  welches  Onomastikon  dem  einen,  welches 
dem  andern  Dichter  eigen  ist.  Sehr  zu  tadeln  ist  auch,  daß 
die  Varianten  der  Eigennamen  (solche  gibt  es,  wie  begreiflich,  nur 
in  Teil  B)  nicht  ins  Verzeichnis  aufgenommen  wurden  (St.  ist 
allerdings  nicht  der  einzige  Herausgeber,  dem  dies  vorzuwerfen 
ist).  Bei  Eigennamen  ist  es  häufig  nicht  möglich,  unter  den 
Varianten  die  richtige  Form  auszulesen;  so  kann  denn  ganz 
leicht  eine  falsche  als  einzige  ins  Onomastikon  aufgenommen 
werden  {Widesore,  Hiiidesore  kommen  z.  B.  der  ursprünglichen 
Form  näher  als  die  durch  P^  überlieferte  und  in  <ien  Text  und 
das  Verzeichnis  aufgenommene  Form  Ondresore;  gemeint  ist 
Windsor).  Aber  auch  die  sicher  falschen  Formen  können  für 
die  Namenforschung  von  Wichtigkeit  sein,  indem  sie  uns  charak- 
terische Möglichkeiten  der  Entstellung  vorweisen,  die  für  Ana- 
Jogieschlüsse   verwendet  werden  können.     Man  sehe   z.   B.  wie 

13* 


184  Rejerate  und  Rezensionen.     Walther  S achter. 

aus  Colecestre  (Golchester)  (v.  6298,  6395,  6406)  einerseits  Cloen- 
cestre  (T)  (d.  h.  jedenfalls  G/oecesire  =  Gloucester),  anderseits 
tour  celiestre  (V)  wurde.  Mit  Connimhre  (in  ,, Spanien")  (v.  3511) 
wird  Goimbra  (in  Portugal)  gemeint  sein;  Ysores  de  Connimbre 
ist  eine  Entlehnung  aus  dem  Montage  Guillaume  II,  wie  auch  der 
kurz  vorher  (3508)  erwähnte  Synados  (statt  Synagons)  de  Palerne. 

E.  Brugger. 


Le  I<ai  du  Conseil,  ein  aüjranzösisches  Minnegedicht.     Kri- 
tischer Text  mit  Einleitung  und  Anmerkungen  [heraus- 
gegeben von]  Albert  Barth.    Züricher  Dissertation. 
Erlangen  1911.    75  S.    [Sonderabdruck  aus  Vollmöllers 
Romanischen  Forschungen.] 
Von  dem  Lat  du  Conseil,  der  bisher  nur  in  der  Ausgabe  von 
Francisque  MicheP)  aus  dem   Jahre  1836  gedruckt  vorlag,  gibt 
B.  eine  neue,  kritische  Ausgabe.    Außer  den  bereits  von  Michel 
benutzten  drei  Handschriften  (B.  nennt  sie  ^,  B  und  D)  hat  B. 
auch   die  seitdem  hinzugekommene  dritte   Pariser  Handschrift 
{C  bei  B.)  mit  herangezogen;  von  D,  das  inzwischen  verschollen 
ist,  standen  ihm  allerdings  nur  die  unzuverlässigen  Varianten 
bei  Michel  zur  Verfügung.^) 

In  der  Einleitung  zu  seiner  Ausgabe  bespricht  B. 
zunächst  kurz  die  Handschriften,  um  dann  ausführhch  auf  deren 
Verw^andtschaftsverhältnisse  einzugehen.  Das  Resultat  B.s, 
der  A  und  C  einerseits,  B  und  D  andererseits  zu  einer  Gruppe 
{x  resp.  y)  zusammenfaßt,  scheint  auch  mir  das  wahrscheinlichste 
zu  sein;  zur  Aufstellung  einer  absolut  sicheren  Gruppierung 
reicht  das  Variantenmaterial  nicht  aus.  Bei  einem  anderen, 
nicht  so  wesentlichen  Punkte  seiner  Klassifikation  kann  ich  ihm 
aber  nicht  zustimmen,  nämlich  wenn  er  (S.  15)  die  Gruppen 
X  und  y  nicht  direkt,  sondern  erst  durch  Vermittelung  einer 
gemeinsamen  Zwischenvorlage  o  auf  das  Original  0  zurückführen 
will.  Die  von  ihm  für  verderbt  gehaltene  Textstelle  (V.  637 — 638), 
die  ihm  als  hauptsächhches  Argument  zur  Begründung  dieser 
Zwischenstufe  dient,  scheint  mir  ganz  korrekt  zu  sein;  ich  würde 
die  Verse  632^640  folgendermaßen  interpungieren: 
Mout  seroit  sire  et  damoisiaus; 
Je  ne  sai  veoir  ne  pensser 
Comment  nus  paust  plus  doner 

^)  Lais  inedits  des  Alle  et  Xllle  siecles,  publies  pour  la  premiere 
fois,  d'apres  les  manuscrits  de  France  et  d'Angleterre,  par  Fran- 
cisque Michel.  Paris,  Joseph  Techener,  1836,  S.  85—121; 
dazu   Variantes  S.  128 — 145. 

2)  In  einer  Korrekturnote  kann  ich  gerade  noch  darauf  hinweisen, 
daß  nach  einer  Notiz  W.  v.  Wartburgs  im  neuesten  Heft  der  Romania 
(Bd.  XLI  S.  289)  die  Hs.  D  doch  noch  vorhanden  ist,  und  zwar  als  Hs. 
2800  der  Rothschildschen  Bibliothek  in  Paris;  v.  Wartburg  weist  sogar 
noch  eine  fünfte  Hs.  (L.  V.  32  der  Turiner  Universitätsbibliothek)  nach. 


Le  Lai  du  Conseil,  ein  altfranzösisches  Minnegedicht.    185 

635  Ne  souhaidier  a  .i.  seul  homme  — 

Quar  tout  est  dos  a  la  parsomme  — 

Fors  vie  parmenablement 

(Et  ce  ait  bien  a  son  talent) 

Et  amors,  que  je  ne  vueil  mie 
640   Que  ja  en  ait  joie  en  sa  vie  .  .  . 

Die  beiden  anderen  Stellen,  auf  die  B.  noch  hinweist,  um 
jene  Gruppierung  zu  stützen,  haben  (wie  er  selbst  zugeben  muß) 
auch  keine  rechte  Beweiskraft.  —  Ich  sehe  also  kein  Bedenken, 
sowohl  X  wie  y  direkt  von  0  herzuleiten. 

Von  dem  eben  berührten  Punkte  abgesehen,  kann  man  also 
den  in  sorgfältiger  Arbeit  gewonnenen  Resultaten  B.s  nur  zu- 
stimmen; dabei  kann  ich  allerdings  nicht  umhin,  einige  Stellen 
seiner  Ausdrucksweise  zu  korrigieren,  aus  denen  hervorzugehen 
scheint,  daß  ihm  die  methodische  Beurteilung  der  Sachlage 
bei  Handschriftenverwandtschaft  doch  nicht  immer  ganz  klar 
gewesen  ist.  So  sagt  B.  Seite  4:  ,,Die  beiden  Hss.  [A  und  C] 
gehen  fast  stets  zusammen.  Das  beweist  zwar  ihre  enge  Verwandt- 
schaft; indessen  könnten  beide  direkt  auf  das  Original  zurück- 
gehen." Man  wäre  versucht  dem  Herausgeber  zu  sagen,  daß 
gleiche  Lesarten  absolut  keine  ,, Verwandtschaft"  der  betreffenden 
Handschriften  bew^eisen,  sondern  daß  dies  nur  gemeinsame 
Fehler  tun  —  wenn  B.  nicht  in  seiner  Untersuchung  selbst 
die  richtige  Methode  befolgte.  Oder  auf  S.  9  soll  in  V.  815  ein 
gemeinsamer  Fehler  von  A  C  (die  maint  jor  a  jornee,  mit  einer 
seltenen,  aber  von  B.  noch  anderweitig  belegten  Redensart, 
lesen)  „ausgeschlossen"  sein.  Warum  ?  Allerdings  ist  kein 
besonderer  Grund  zu  der  Annahme  vorhanden,  daß  die  Lesart 
von  A  C  unursprünglich  ist,  aber  an  und  für  sich  könnte  gerade 
so  gut  die  Lesart  von  B.  [et  mainte  jornee)  richtig  und  der  Wort- 
laut von  A  C  erst  in  deren  gemeinsamer  Vorlage  x  eingeführt 
sein;  doch  gebe  ich  gern  zu,  daß  diese  MögHchkeit  viel  un- 
wahrscheinlicher ist.  —  Auch  eine  Bemerkung  auf 
S.  13  gibt  zur  Kritik  Anlaß.  B.  sagt  da:  ,,Daß  innerhalb  der 
angenommenen  Familien  x  und  y  die  Hss.  einander  neben- 
nicht  unter  geordnet  sind,  daß  z.  B.  innerhalb  x  nicht  etwa 
A  die  Kopie  von  C  ist  oder  umgekehrt,  wird  bewiesen  durch  die 
Tatsache,  daß  A  -\-  B,  gegen  C,  und  C  -\-  B  gegen  A  stets  den 
Text  orgeben ;  das  gleiche  gilt  für  y."'  Schon  daran,  daß  der  Heraus- 
geber gelegentlich  (z.  B.  V.  72  dame  im  Text  nach  yl,  gegen  amie 
BC,  oder  V.  116  devoit  nach  A,  gegen  li  doit  B  C)  doch,  und  nicht 
ohne  Grund,  geg(^n  dies  sein  Prinzip  handelt,  kann  er  sehen, 
daß  (las  ,,Erg(>l)(m  dos  Textes"  kein  einwandfreies  Argument  ist; 
überdies  setzt  doch  eine  wissonscliaftliehe  Toxtrokdnstruktion 
bereits  voraus,  daß  man  über  die  Stellung  der  Handi-.chriften 
zu  einander  orientiert  ist.  Es  handelt  sich  wohl  auch  in  diesem 
Falle  bei  B.  nur  um  eine  mangelhafte  Formulierung:  der  Heraus- 
geber meint  ofHuibar,  daß  eine  direklo  Abliänirigkeit  der  Hand- 


t 

186  Beferale  und  Rezensionen.     Walther  Sachter. 

Schriften  A  und  C  von  einander  darum  als  ausgeschlossen  gelten 
muß,  weil  jede  der  beiden  einige  Fehler  aufweist,  die  die  andere 
vermeidet. 

An  die  Klassifikation  der  Handschriften  schließt  sich  eine 
Untersuchung  der  Mundart.  Sie  ergibt  als  gesichertes  Resultat, 
daß  das  Gedicht  in  der  Pikardie  entstanden  ist,  nicht  weit  von 
der  franzischen  Grenze,  und  zwar  im  ersten  Viertel  des  13.  Jahr- 
hunderts (was  bereits  Gröber  im  Grundriß  Bd.  II,  1.  Abt.,  S.  602 
angegeben  hatte).  Zu  diesem  Teil  von  B.s  Einleitung  habe  ich 
kaum  etwas  zu  bemerken,  möchte  aber  doch  sagen,  daß  ich 
das  e  in  seoir,  peust  etc.  nicht  als  ,, anlautend"  bezeichnen  würde, 
wie  dies  B.  S.  21  tut.  —  Ein  vierter  Teil  bringt  dann  noch  eine 
„Charakteristik  des  Gedichtes",  die  vor  allem  eine  ausführhche 
Analyse  unseres  Lais  bietet;  interessant  sind  die  Berührungen 
einzelner  im  Verlaufe  der  Dichtung  gestellten,  die  Liebe  betreffen- 
den Fragen  mit  den  jetzt  von  A.  Klein  gesammelt  herausgegebenen 
Minnefragen,    worauf    B.    an    den    geeigneten    Stellen    hinweist. 

Der  eigenthche  Text  (S.  33—62  der  Dissertation  um- 
fassend) ist  mit  Sorgfalt  bearbeitet;  der  Herausgeber  hat  sich 
ernstlich  bemüht,  über  den  durchaus  nicht  immer  einfach  ver- 
ständlichen V^ortlaut  klar  zu  werden.  Davon  zeugen  auch  die 
Anmerkungen  (S.  63 — 74),  die  eine  anerkennenswerte 
altfranzösische  Sprachkenntnis  und  Belesenheit  verraten.  Diesem 
Urteil  sollen  die  folgenden  Bemerkungen,  in  denen  ich  einiges 
glaube  berichtigen  zu  können,  keinen  Eintrag  tun. 

In  V.  34 — 35  ist  die  Interpunktion  B.s  nicht  das  Nächst- 
liegende: 

„Sire,  entendez!    Ma  volente," 
Fet  la  dame,  „je  vous  dirai,  .  .  . 

da  in  dem  durch  das  Objekt  eingeleiteten^  Satz  Inversion  des 
Subjekts  im  Altfranzösischen  das  Gewöhnliche  ist  (also  i>ous 
dirai  je).    Es  wäre  besser  zu  lesen: 

„Sire,  entendez  ma  volente!" 

Fet  la  dame,  ,,Je  vous  dirai,  .... 

wobei  la  vor  vous  zu  ergänzen  ist. 

In  V.  66  hätte  bei  toutes  eures,  im  Sinne  von  „gleichwohl", 
auf  Toblers  Verm.  Beitr.  Bd.  P  S.  184  verwiesen  werden  können. 

Auch  V.  99  (Que  teus  en  a  .iii.  tans  de  lui)  hätte  einer  An- 
merkung wohl  bedurft,  indem  hier  hinter  teus  das  Relativpro- 
nomen ausgefallen  zu  sein  scheint,  das  gewöhnhch  (vgl.  Diez, 
Grammatik  Bd.  III^  S.  381)  nur  nach  gewissen  verneinenden 
Formeln  fehlen  darf,  wenn  zugleich  das  Verbum  des  abhängigen 
Satzes  im  Konjunktiv  steht.  Für  den  an  unserer  Stelle  vor- 
liegenden Gebrauch  und  einige  ähnlichen  Fälle  gibt  Ad.  Tobler 
weitere  Beispiele  (Bruchstück  aus  dem  Chevalier  au  lijon  nach 
der  vaticanischen  Handschrift.  Beilage  zum  Programm  der  Kan- 
tonsschule von  Solothurn  für  das  Schuljahr  1861/62,  S.  14). 


Le  Lai  du  Conseil^  ein  altfranzösisches  Minnegedicht.    187 

In  V.  136  ist  das  beim  Feueranmaehen  gebrauchte  esche 
natürlich  nicht  mit  „Lockspeise,  Köder"  (wie  B.  in  der  Anm. 
S.  65  will),  sondern  mit  ,, Zunder"  zu  übersetzen;  Belege  für  diesen 
Gebrauch  des  Wortes  gibt  Godefroy,  Dictionnaire  Bd.  III  S.  379. 

Zu  V.  147:  In  der  von  B.  gegebenen  Übersetzung  dieses 
Verses  scheint  mir  die  Bedeutung  von  adeviner  nicht  richtig 
wiedergegeben  zu  sein;  ich  würde  übersetzen:  ,, (mancher. . .) 
der  nicht  die  Folgen  einer  solchen  Handlungsweise  vorauszusehen 
vermag." 

V.  169.  Zu  dem  Partizipium  Perfecti  ,, aktiven  Sinnes" 
ajoarpwz  =  ,,überlegt,  aufmerksam"  vgl.  Toblers  Verm.  Beitr. 
Bd.  12  S.  147. 

V.  248.  Die  in  diesem  Verse  enthaltenen  adverbialen  Be- 
stimmungen scheinen  mir  zum  Nachsatz  zu  gehören,  also  wäre 
das  Komma  hinter  paine  zu  streichen. 

V.  495.  Was  mit  den  Worten  a  tel  esperance  gemeint  ist, 
ist  mir  nicht  klar  geworden. 

V.  589.  Der  Herausgeber  weist  (S.  8 — 9)  mit  Recht  darauf 
hin,  daß  der  Vers  in  seiner  überlieferten  Gestalt  (Et  loa  pais 
environ  lez)  nicht  ohne  weiteres  verständlich  ist,  und  will  darum 
ändern  Et  les  pais  environ  lez  und  übersetzen  ,,und  die  Länder 
weit  in  der  Runde",  indem  er  lez  als  den  Plural  des  Adjektivs 
le  ,, breit,  weit"  auffaßt.  Diese  Emendation  anzunehmen  habe 
ich  Bedenken,  einmal  weil  auch  in  ^  C  der  Singular  des  Sub- 
stantivs steht  (Tollte  la  terre),  und  außerdem  weil  eine  Trennung 
des  attributiven  Adjektivs  (lez)  von  dem  zugehörigen  Substantiv 
durch  ein  Adverbium  {environ)  nicht  dem  altfranzösischen 
Sprachgebrauch  entsprechen  würde.  Ich  würde  daher  vorziehen, 
den  Wortlaut  von  B  beizubehalten;  lez  würde  dann  als  das  la- 
teinische Substantiv  latus  anzusehen,  an  unserer  vorliegenden 
Stelle  aber  adverbial  gebraucht  sein  [,, daneben"],  wie  anderwärts 
etwa  die  Verbindung  delez.^)  Diesen  adverbialen  Gebrauch 
von  lez  vermag  ich  zwar  sonst  nicht  im  Altfranzösischen  nach- 
zuweisen, doch  möclite  ich  die  Verbindung  environ  lez  gleichwohl 
unangetastet  lassen  wegen  der  Ähnlichkeit  mit  (k>r  Redensart 
environ  et  en  lez.,  die  z.  B.  in  den  Narbonnais*)  V.  3271  und  3395 
belegt  ist  und  etwa  ,,weit  und  breit  umher"  bedeutet;  ob  environ 
lez,  das  (aus  unserer  Stelle  zu  schließen)  doch  wohl  den  gleichen 
Sinn  haben  würde,   nicht  eine  Verkürzung  daraus  sein   kann  ? 

Zu  V.  637  liabe  ich  bereits  oben  (S.  184)  eine  Beriolitigimg 
vorgeschlagen. 


^)  Es  gäbe  noch  eine  andere  Möghchkeit:  environ  als  I'rapositiüu 
aufzufassen  und  lez,  als  den  Plural  des  Substantivs,  davon  abhängen 
zu  lassen. 

*)  Les  Narbonnais.  Chanson  de  geste  publice  pour  la  premiere 
fois  par  Hermann  S  u  c  h  i  e  r.  Paris  1898  (Societe  des  anciens 
textes  tVanvais). 


188  Heferale  und  Rezensionen.      Ph.  Aug.   Becker. 

V.  865.  HifT  tritt  das  in  V.  399  belegte  und  in  der  An- 
merkung dazu  besprochene  Substantiv  bee  zum  zweitenmal  auf; 
B.  hätte  in  der  Anmerkung  zu  V.  399  auf  diese  zweite  Stelle 
verweisen  können. 

Zum  Schluß  noch  eine  Bemerkung  zur  äußeren  Einrichtung 
des  ganzen  Textes.  B.  hat  sich  bei  seiner  Textbearbeitung  nicht 
den  sonst  üblichen  Gepflogenheiten  der  Herausgeber  ange- 
schlossen, sondern  auf  die  Verwendung ^er  meisten  diakritischen 
Zeichen  verzichtet:  er  setzt  zwar  moderne  Interpunktion  und 
Apostrophe  (diese  sogar  in  den  Varianten),  vermeidet  aber  den 
Gebrauch  des  Akzentes  auf  betontem  auslautendem  e,  die  Setzung 
der  Zedille,  die  Regelung  von  i  und  /,  u  und  p  in  modernem  Sinne. 
Ich  vermag  nicht  einzusehen,  was  die  von  B.  beliebte  halbe 
Maßnahme^)  für  einen  Vorteil  bieten  soll  gegenüber  dem  sons 
üblichen  etwas  weitergehenden  Verfahren,  das  doch  das  Ver- 
ständnis des  Textes  wesentlich  erleichtert;  ich  würde  verstehen 
können,  daß  man  philologische  Bedenken  hätte,  die  überlieferte 
mittelalterliche  Schreibweise  selbst  in  solchen  Kleinigkeiten 
anzutasten,  dann  wäre  aber  das  einzig  Folgerichtige  ein  streng 
diplomatischer  Abdruck. 

Im  übrigen  ist  durchaus  anzuerkennen,  daß  der  Heraus- 
geber (worauf  er  selbst  S.  25  hinweist)  die  Orthographie  nicht 
normahsiert  hat. 

Göttingen.  Walther  Suchier, 


Sclierpingf,  IValther.  Die  Prosafassungen  des  „Aymeri 
de  Narbonne"  und  der  „Narbonnais."  Diss.  Halle  1911. 
192  S.    8. 

Castedello,    If^'illieliii.       Die    Prosafassung    der    Bataille 
Loquifer  und  des  Moniage  Renouart.     Diss.  Halle  1912. 
196  S.     8. 
Von  dem  in  zwei  Handschriften  (BN.  1497  und  796)  auf  uns 
gekommenen    Prosaroman    der    Aimeri-Wilhelmgeste    erscheinen 
hier  zwei  Abschnitte  in  sorgfältigem  Abdruck.    Über  die  Quellen- 
frage steht  nach  den  früheren  und  den  von  den  Verff.  vorge- 
nommenen Untersuchungen  folgendes  fest:  der  Prosakorapilator 
hat  keine  anderen  Lieder  gekannt  und  benutzt  als  die  in  unseren 
Aimeri-    und    Wilhelmzykeln    vorliegenden    Gesänge.      Für    die 
Aimeriepen  verwendete  er  eine  zyklische  Hs.,  die  mit  Hs.  Brit. 
Mus.  Harl  1321  und  Bibl.  Nat.  n.  acq.  6298  verwandt  scheint, 
für    die  Wilhelmepen    nicht   wie  man  früher  glaubte  eine  zur 
d- Gruppe  stehende  Hs.,  sondern  eine,  die  eher  mit  der  Berner 


^)  In  seiner  Ausgabe  des  Fabliau  du  bujfet  (Festschrift  zur  49.  Ver- 
sammlung deutscher  Philologen  und  Schulmänner,  Basel  1907,  S.  148  bis 
180)  hat  er  es  ebenso  gehalten. 


Oiilmont,   Charles.     La  poesie  morale,  poliUque.  189 

und  \'ielleiclit  mit  der  c-Gruppe  übereinstimmt;  leider  reicht 
hier  das  Material,  das  bisher  zugrunde  gelegt  werden  konnte, 
zu  einer  definitiven  Entscheidung  nicht  aus.  Beide  Dissertationen 
beschäftigen  sich  eingehend  mit  den  Veränderungen,  die  der 
Prosakompilator  mit  bewußter  Absicht  seiner  Vorlage  gegen- 
über an  der  Erzählung  vornahm.  Die  Fortsetzung  dieser  Text- 
publikationen kann  nur  erwünscht  sein.  Der  Prüfung  wert 
wäre  das  Verhältnis  dieses  Prosaromans  zu  den  entsprechenden 
Partien  der  Hs.  Arsenal  3351,  besonders  hinsichtlich  der  Krönung 
Ludwigs. 

W  i  e  n.  Ph.  Aug.  Becker. 


Onlmont,  Cliarles.  La  poesie  morale,  polüique  et  drama- 
tique  ä  la  veille  de  la  Renaissance.  Pierre  Gringore. 
Paris,  H.  Champion,  1911.  (Bibhothequc  du  XV^ 
siecle,   tome   XIV.)     XXXII  +  383   S.     8. 

Nachdem  Gringore  ohne  sein  Zutun  als  Romanfigur  berühmt 
geworden  ist,  konnte  es  nicht  ausbleiben,  daß  die  literarische 
Forschung  sich  seiner  annahm  und  das  entstellte  Phantasie- 
gemälde durch  die  schlichte  Zeichnung  seiner  wahren  Züge  zu 
ersetzen  suchte.  Es  ist  ein  nüchternes  Bild,  spießbürgerlieh 
und  poesielos,  doch  nicht  einförmig  und  nicht  ohne  zeitgeschicht- 
liches Interesse. 

Die  Gringores  stammen  aus  der  Normandie,  wie  auch  die 
Lautform  ihres  aus  einem  Taufnahmen  (Gregor)  entstandenen 
Familiennamens  zeigt.  Im  15.  Jahrhundert  finden  wir  sie  in 
Thury  an  der  Orne,  südlich  von  Caen,  (arr.  Falaise,  dep.  du 
Calvados)  als  wohlhabende  Bürger  ansässig  und  als  Justiz-  und 
Verwaltungsbeamte  im  Dienste  der  Barone  von  Ferrieres,  Herrn 
von  Preaulx,  Dangu  und  Thury,  tätig.  Wer  unseres  Dichters 
Eltern  waren,  wann  er  geboren  wurde,  wo  seine  Wiege  stand 
und  wie  er  seine  Kinddeit  verbrachte,  erfahren  wir  nicht;  1499 
taucht  er  plötzlich  mit  seinem  ersten  Werke  auf.  Er  dürfte 
demnach  um  1475  oder  um  1480  geboren  worden  sein.  Für  den 
H(MTendienst  bestimmt,  wie  er  in  der  Widmung  seiner  'Folles 
entreprises'    (1505)    an   Pierre   de   Ferrieres   bekennt,   weil   seine 

predecesseurs 

De  sa  maison  ont  este  serviteurs, 
Lesquels  je  vueil  ensuivir,  si  je  puis, 
Car  son  subject  et  son  serviteur  suis.,. 

empfing  ei'  wohl  die  entsprechende  Schulbildung  und  kam  ver- 
mutlich der  R(>clitsstu(lien  halber  nach  Paris;  zu  einem  akade- 
mischen Grad  brachte  er  es  jedoch  nicht,  wie  er  eben  dort  gesteht, 
nicht  einmal  zu  d(^m  eines  maistre  es  nrls. 


190  Rejeralc  und  Rezensionen.      Ph.  Aug.    Becker. 

Piorrc  Gringores  orstos  poetisches  \\'(;rk  'Le  chasteau  de 
Labour'  wurde  am  26.  Oktober  1499  vollendet;^)  es  umfaßt  an 
2500  Verse,  erlebte  14  Auflagen  und  wurde  von  AI.  Barelay 
(1506)  ins  Englische  übersetzt;  es  ist  keine  selbständige  Arbeit, 
sondern  ]edigli(;li  eine  Umsetzung  des  'Chemin  de  Povrete  e 
de  Richesse'  des  königlichen  Notars  Jean  Bruyant  (1342)^)  aus 
der  ursprünglielien  Form  der  gepaarten  Achtsilber  in  achtzeilige 
Achtsilberstrophen  ababbcbc:  es  schildert  den  Besuch  eines 
verarmten  Menschen  in  der  allegorischen  Burg  der  Arbeit.  Das 
Jahr  darauf  (am  20.  Dezember  1500)  ließ  der  Dichter  den  fast 
ebenso  umfangreichen  'Chasieau  d'Amoiir'  folgen,  von  dem 
vier  Drucke  bekannt  sind;  er  ist  in  derselben  Stroplie  gesclirieben 
mit  eingestreuten  Balladen  und  schildert,  wie  ein  junger  Mann 
trotz  der  Warnung  eines  entblößt  vom  Schlosse  Kommenden, 
sich  dorthin  begibt,  den  Damen  gefällt,  bis  ihn  De  Quoy  verläßt 
und  Congnoissance  ihn  wieder  auf  den  Weg  der  Tugend  zurück- 
leitet; das  Schloß  der  Liebe,  dessen  SchHeßerin  Richesse  ist, 
kommt  schon  im  Rosenroman  vor.^)  Zu  gleicher  Zeit  ergreift 
Gringore  auch  das  Wort  zu  den  Tagesereignissen;  die  Gefangen- 
nahme Ludovico  Sforzas  feiert  er  in  den  'Lettres  de  Milan  avec 
les  Regretz  du  seigneur  Liidovic'  (April  1500,  323  Verse),  und  in 
der  'Complainte  de  la  Terre  sainte'  (240  Verse,  zweiter  Druck 
von  1532)  gibt  er  der  neu  erwachten  Kreuzzugstimmung  Aus- 
druck.'*) 

Inzv^•ischen  findet  Gringores  Tätigkeit  ein  neues  Wirkungs- 
feld. Am  25.  November  1501  sehen  wir  ihn  im  Verein  mit  dem 
Zimmermeister  Jean  Marchand  die  Festaufführungen  für  den 
Empfang  des  Erzherzogs  Philipp  von  Österreich  unternehmen  ;^) 
desgleichen  im  Februar  1502  für  den  Einzug  des  Legaten  und 
im  November  1504  für  die  Königin  Anna  von  Bretagne.  Um 
diese  Zeit  tritt  er  auch  in  die  Pariser  Narrengesellschaft  der  En- 
fants  sans  souci  ein,  wo  er  bald  als  Mere  Sötte  eine  hervorragende 

^)  Das  Datum  ist  durch  den  Einsturz  der  Notre- Dame- Brücke 
bestimmt. 

^)  Herausgegeben  vom  Baron  J.  Pichon  als  Einlage  des  um  139.3 
verfaßten  'Menasier  de  Paris''  (1847);  fehlt  in  Gröbers  Grundriß. 

^)  Einer  der  Drucke  ( J.  Trepperei  s.  a.)  bietet  eine  kürzere  Fassung, 
und  außerdem  existiert  ein  alter  Druck  eines  'Dit  de  Vallant  et  du 
venant  du  Chasteau  d' Amour' .  Ich  würde  beide  als  buchhändlerische 
Spekulationen  (Plagiate,  Imitationen)  ansehen.  Zu  den  Dichtungen, 
die  sich  mit  dem  Kastell  der  Liebe  befassen,  gehört  auch  das  Frage- 
spiel  Zs.   f.  rom.    Phil.    XXXIII,   703  ff. 

*)  Ich  würde  diese  Schrift  dem  Jahre  1501  zuweisen;  denn  in 
diesem  Jahr  wurde  von  Karfreitag  bis  Johannis  ein  Kreuzzugsjubiläum 
gepredigt,  und  es  fuhr  auch  ein  Geschwader  unter  Pregent  de  Bidoulx 
und  Phil,  von  Ravenstein  aus,  das  im  Oktober  vor  Lesbos  scheiterte. 
Vgl.   Lavisse,  Hist.  de  France,   V,   1,  57. 

^)  Es  handelte  sich  um  tnysteres  mimes,  bei  denen  auch  eine 
Ballade  zum  Vortrng  kam ;  wahrscheinlich  dürfte  Gringore  deren  Ver- 
fasser gewesen  sein.    Vgl.  U Entree  faicie  a  Paris,  etc.  BNRes.  Lb.  29,  24.. 


Oulmont,  Charles.     La  poesie  morale,  polüique.  191 

Rolle  spielte;  vielleicht  hat  er  diese  Bühnenmaske  geschaffen, 
jedenfalls  erhielt  sie  erst  durch  ihn  ihre  besondere  Bedeutung. 
Darüber  vernachlässigt  er  aber  die  Dichtkunst  nicht,  vielmehr 
wendet  er  sich  jetzt  entschieden  der  moraUschen  Satire  zu,  wie 
sie  einem  Würdenträger  der  Narrenzunft  wohlansteht.  In  den 
'Folles  entreprises' ,  die  am  25.  Dezember  1505  im  Selbstverlag 
erschienen  (Pres  du  bout  du  pont  Nostre  Dame  A  l'enseigne 
de  Mere  Sötte)  und  Pierre  de  Ferneres  gewidmet  sind,  geißelt; 
er  die  eiteln  Unternehmungen  ehrgeiziger  Eroberer  (Ludwig  XI I^ 
hatte  von  1503  auf  1504  Neapel  erobert  und  verloren),  der  ver- 
weltlichten Geistlichkeit,  der  bibeldeutenden  Frauen,  der  reform- 
bedürftigen Klosterreformatoren  (der  Kardinal  von  Amboise 
lag  wegen  der  Reform  mit  Dominikanern  und  Franziskanern 
in  Konflikt),  usw.;  das  höchst  zeitgemäße  Gedicht,  das  in  bunten 
und  kunstvollen  Versformen  verfaßt  ist,  fand  Anklang  und 
erlebte  9  Drucke  rasch  hintereinander.  Eine  weitere  Satire- 
auf die  verschiedenen  Stände  'Les  Abus  du  monde'  erschien  am 
10.  Oktober  1509;  sie  ist  dem  Herrn  von  Estouteville  gewidmet,^) 
umfaßt  3411  meist  zehnsilbige  Verse  und  ist  in  5  Drucken  be- 
kannt. 

Mit  dem  Abschluß  des  Vertrags  von  Cambrai  sind  aber  neuer- 
dings bewegte  Zeiten  für  die  französische  Politik  angebrochen;, 
der  König  hat  sich  mit  dem  Kaiser,  dem  Papst  und  mit  Aragon 
gegen  Venedig  verbündet.  Gringore,  der  zu  den  Ereignissen  der 
letzten  Jahre  geschwiegen  hatte,  ergreift  jetzt  die  Feder  und 
fordert  in  einer  kleinen  Flugschrift  'U  Union  des  princes'  (287  Verse, 
Ende  1508?)  die  Fürsten  zum  gemeinsamen  Vorgehen  gegen 
das  mit  den  Türken  verbündete  Venedig  auf;  in  einer  zweiten, 
von  der  4  Drucke  vorliegen,  ' L' Entreprise  de  Venise,  avec  les 
villes,  citez  etc.  que  detiennent  les  ditz  Veniciens  des  roys,  ducz, 
princes  et  scigneurs  crestiens'  (233  Verse)  vertritt  er  die  An- 
sprüche der  Liga  gegen  die  Seestadt,  wohl  um  die  Zeit,  wo  die 
Kriegserklärung  erfolgte  (13.  April  1509).  Am  14.  Mai  erfochten 
die  Franzosen  den  glänzenden  Sieg  von  Agnadello,  dessen  Folge 
war,  (laß  Julius  II.  sich  von  der  Liga  trennt,  sich  mit  Venedig 
versöhnt  und  nacheinander  die  Schweizer,  Aragon  und  England 
auf  seine  Seite  zieht.  Ludwig,  der  den  Sturm  kommen  sieht, 
beruft  seinen  Klerus  nach  Tours  und  läßt  durcli  ihn  erklären, 
daß  die  gegen  den  König  gerichteten  kirchlichen  Zensuren  aus 
Anlaß  dieses  Konfliktes  unwiiksam  wären  und  daß  die  christ- 
lichen Fürsten  ein  Konzil  einberufen  müßten,  wenn  der  Papst 
unversöhnlich  bliebe.  In  dieser  gespannten  Stimmung  schreibt 
Gringore   ein    neues    Flugblatt    'L'Espoir   de    pai.v'    (3(50   Verse, 

*)  Ja  l>otra<]it  kitnimt  Jean  III  ti'Esloutevillo,  s.  de  \'alloinont, 
etc.,  der  in  diesoni  Jahre  seine  Cousine  Iieirafote,  und  Jacques  d'Estou- 
teville,  s.  de  Beyno  et  Blainville,  clianibellan  ein  r^i,  i)rt''vöt  de  Paris. 
und  Jean  II  d'F'stouteville,  s.  de  Villebnn. 


192  Referate  and  Rezensionen.      I'h.  Aug.   liecker. 

B.  Februar  1510),  um  zu  zeigen,  wie  der  weltliche  Besitz  viele 
Päpste  ihre  geistliche  Mission  vergessen  ließ.  Als  dann  die  Feind- 
seligkeiten zum  Ausbruch  kommen  und  der  Papst  sich  vor  den 
siegreich  vordringenden  Franzosen  zurückziehen  muß  und  sich 
im  Juni  1511  in  Rom  einscliließt  und  gegen  die  in  Lyon  (März 
1511)  beschlossene  Einberufung  eines  allgemeinen  Konzils  seiner- 
seits die  Kirche  zur  allgemeinen  Versammlung  entbietet,  da 
schildert  Gringore  in  einer  durchsichtigen  Allegorie  'La  Chasse 
du  cerf  des  cerfs'  (260  Verse),  wie  der  verschlagene  Hirsch  (servus 
servorum),  der  mit  den  Cerfs  ruraux  (Schweizern)  und  marins 
(Venezianern)  gegen  die  Francs  veneurs  verbündet  ist  (genau 
die  Situation  Mitte  1511,  denn  die  heilige  Liga  zwischen  Papst, 
Spanien  und  Venedig  kam  erst  am  4.  Oktober  zustande,  und 
England  schloß  sich  ihr  erst  am  13.  November  an),  sich  tot  stellt 
(das  Gerücht  ging  tatsächlich,  daß  der  Papst  gestorben  sei)  und 
sich  in  seinem  Versteck  verbirgt  (Rückzug  nach  Rom,  Juni  1511); 
aber,  wenn  er  sich  nicht  eines  besseren  besinnt,  so  solle  jetzt  die 
gemeinsame  Jagd  auf  ihn  besprochen  werden  (auf  dem  Konzil 
zu  Pisa).'^) 

Julius  IL  dachte  an  kein  Nachgeben.  Immer  enger  zog 
er  die  Maschen  der  Umkreisung  um  Frankreich,  das  sich  selten 
in  einer  so  bedrohlichen  Lage  befunden  hatte.  Unter  diesen 
Zeitverhältnissen  kam  am  24.  Februar  1512  die  bekannte  drama- 
tische Trilogie  Gringores  'Le  Jeu  du  Prince  des  Sotz  et  Mere  Sötte, 
joue  aux  halles  de  Paris  le  mardy  gras,  l'an  mil  cinq  cens  et  unze' 
zur  Aufführung.  Sie  bestellt  außer  dem  Gry,  durch  den  alle 
Arten  von  Narren  zur  Festvorstellung  geladen  werden,  aus  einer 
Sotie,  eine  MoraUte  und  einer  Farce.  Im  Narrenspiel,  mit  dem 
die  Vorstellung  begann,  vertritt  der  Prince  des  sotz  den  König 
von  Frankreich,  um  den  sich  seine  Getreuen  scharen,  während 
Sötte  commune  murrt;  Mere  Sötte  aber  erscheint  im  Anzug  von 
Mere  sainte  Eglise,  zum  Aufruhr  aufreizend,  bis  sie  erkannt 
und  verjagt  wird.  In  der  Moralität  treten  Peuple  frangois  und 
Peuple  ytalique  auf,  die  vom  Papst,  l'Homme  obstine,  verhetzt 
w-erden,  aber  Punition  divine  kommt  als  Warnerin  dazwischen 
und  hält  mit  Demerites  communes  an  alle  eine  eindringliche 
Mahnrede.  Die  angehängte  Posse  hat  mit  der  poUtischen  Tendenz 
nichts  zu  tun,  sie  will  nur  erheitern:  sie  stellt  eine  Familien- 
szene zwischen  Raoullet  Ployard  und  seiner  Frau  Doublette 
dar,  diese  findet  bei  ihrem  Manne  keine  Befriedigung  mehr  und 
sucht  sich  Ersatz  bei  Dire  und  bei  Faire;  ihr  Treiben  findet  bei 
dem  als  Schiedsrichter  angerufenen  Stellvertreter  des  Narren- 
königs Bilhgung. 

')  Vgl.  Lavisse,  Hist.  de  France  V,  1,  99.  Die  Deuthchkeit  der 
Anspielungen  veranlaßt  mich,  für  dieses  Gedicht  und  für  die  ganze 
Gruppe  eine  andere  Reihenfolge  und  Datierung  vorzuschlagen.  Die 
'Chasse'  ist  dem  Bischof  von  Cahors  gewidmet. 


Oulmont^  Charles.     La  poesie  morale,  politigue.  193 

Unveröffentlicht  blieb  ein  weiteres  politisches  Gedicht, 
das  in  diese  Jahre  fällt,  ' L'Obstinacion  des  Suysses'  (Hs.  B.  N.  fr. 
1690,  134  Zehnsilber);  wenigstens  ist  kein  Druck  bekannt.  Sonst 
verfaßte  Gringore  in  diesen  aufregenden  Kriegsjahren  nur  ein 
harmloses  Gelegenheitsgedicht  über  die  damals  ausgebrochene 
Influenzaepidemie:  'La  Coqueluche'  (240  Achtsilber,  14.  August 
1510).  Fraglich  bleibt  es,  ob  die  ' Complainte  de  Trop  tard  marie' 
(215  Verse),  von  der  6  Drucke  bekannt  sind  (die  ungefähr  datier- 
baren um  1525)  in  diesen  Abschnitt  seines  Lebens  fällt  oder 
nicht  erst  in  die  Zeit,  wo  er  selber  verheiratet  war.^)  Am  miß- 
lichsten ist  es  für  Gringores  Biographie,  daß  wir  bei  seinem  großen 
Mysterium  'La  vie  de  Monseignexir  sainct  Loys'  (Hs.  B.  N.  fr. 
17511,  6572  Verse)  nicht  feststellen  können,  in  welchem  Jahr 
es  verfaßt  wurde.  Diese  schätzbare  Dichtung,  die  vom  ano- 
nymen ' Mystere  de  s.  Louis'  des  15.  Jahrhunderts  (hgg.  v.  Fran- 
cisque  Michel,  London  1871)  unabhängig  zu  sein  scheint,  wurde 
auf  Bestellung  für  die  Maurer-  und  Zimmerleutbrüderschaft  in 
Paris  geschrieben.  Gringore  hat  darin  das  Leben  Ludwigs  IX. 
nach  den  'Grandes  chroniques  de  Saint- Denis'  dramatisch  auf- 
gearbeitet, verhältnismäßig  gedrängt,  ziemlich  lebendig  und 
mit  gutem  Bühnenverständnis  im  Sinne  der  mittelalterhchen 
Kunst;  da  es  sich  um  die  VerherrUchung  des  Schutzheiligen  der 
Korporation  handelte,  so  hat  er  mehr  die  Herrschertugenden 
des  Königs  und  seine  Wunder  in  den  Vordergrund  gerückt  als 
seine  Kriegstaten. 

Hatten  die  bewegten  Zeiten  von  1509  bis  1512  unsern  Dichter 
in  den  Strudel  der  Tagespolitik  hineingezogen  und  ihn  in  ernster 
Stunde  in  Form  einer  Narrenposse  ein  gewichtiges  und,  soweit 
wir  es  aus  der  Entfernung  beurteilen  können,  wohl  auch  wirk- 
sames Wort  sprechen  lassen,  so  führen  ihn  die  ruhigeren  Jahre, 
die  auf  den  Zusammenbruch  der  Eroberungen  Ludwigs  XII. 
folgen  und  die  Marignan  wie  die  Morgenröte  einer  hoffnungs- 
reicheren Zukunft  umstraiilt,  wieder  zu  seiner  früheren  Tätigkeit 
als  Festspielunternehmer  zurück.  Im  Dezember  1514  leitet  er 
die  Festvorstellungen  für  den  Einzug  Marias  von  England,  der 
neuen  Königin;  im  Februar  1515  arbeitet  er  mit  Jean  Marchand 
für  den  Empfang  Franz  I.;  im  Mai  1517  sind  es  Darbietungen 
zu  Ehren  der  Königin  Klaudia,  die  Gringore  und  Marchand 
nach  Entwürfen  des  Lieutenant  criminel  ausführen.  Bei  diesem 
Anlaß  verfaßt  er  auch  eine  schrifthche  Schilderung  der  Krönung 
und  des  Einzugs  der  Königin,  die  er  ihr  selber  widmet  (Hs.  Nantes 
1537).  Den  Regierungswechsel  begrüßt  er  außerdem  im  Mai 
1515   mit  einer  dramatischen    Gelegenheitsdichtung   'Sotie  nou- 

^)  Auch  diesem  Gedicht  steht  ein  yeitgenössisches  anonymes 
gegenüber  'Les  diiz  et  cornplaintes  de  Trop  tard  marie  (um  1540),  vgl. 
S.  111  ff.  Auch  dieses  würde  ich  für  ein  Rifacimento  von  Gringores- 
Dichtung  halten. 


194  Referate  und  Rezensionen.     Ph.  Aug.  Becker. 

i>elle  des  Chroniqueurs'  (Hs.  B,  N.  Ir.  17527,  von  Picot  als  sein 
Werk  erwiesen),  ein  buntes  üurclieinander  von  zeitgeschicht- 
lichen Anspielungen,  die  er  mit  Vorlitibe  in  heraldische  Allegorien 
kleidet,  und  von  zahmen  Bosheiten  im  Munde  der  Narrengesell- 
schaft. Und  endlich  erschien  auch  wieder  ein  nicht  politisches 
Werkchen  von  ihm  'Les  Faniaisies  de  la  Mere  Sotte\  abermals 
im  Selbstverlag  (on  les  vend  ä  l'clephant  sur  le  pont  Nostn; 
Dame  ä  Paris);  diese  Phantasien  sind  freie  Nacherzählungen 
von  27  bekannten  Geschichten  aus  den  'Gesta  Romanorum\ 
an  die  sich  allgemeine  moralische  Betrachtungen  in  Reimen  zu 
einer  jeden  anschließen  (2500  Verse);  sie  waren  wahrsclieinlich 
für  den  mündlichen  Vortrag  auf  der  Narrenbühne  bestimmt; 
das  Büchlein  erlebte  10  Auflagen  bis  1551. 

In  diesen  Jahren  nun  vollzieht  sich  eine  groüe  Änderung 
in  Gringores  Leben.  Es  war  Zeit,  daß  der  Dichter,  der  an  der 
Schwelle  der  Vierziger  stand,  sich  nach  einer  festen  Anstellung 
umsah.  Diese  fand  er  am  Hof  des  Herzogs  Anton  von  Lothringen.^, 
Am  5.  April  1518  wurde  er  als  compositeur  de  livres,  moralites) 
dictiers,  notables  en  rime  in  dessen  Dienst  aufgenommen.  Der 
Herzog  war  ein  großer  Theater-  und  Musikliebhaber,  sein  Hof 
lockte  auch  die  Pariser  Schauspieler  an.  1515  spielte  Gringores 
Kollege,  Jean  du  Pont-Allais,  vor  ihm  in  Neufchäteau  und  1519 
abermals  in  Nancy;  am  4.  März  1517  (d.  h.  1518  n.  St.)  erhielt 
Mere  Sötte,  composeur  de  farces,  in  Saint-Mihiel  eine  Belohnung 
von  zehn  Gulden  angewiesen.  Das  war  kurz  vor  seiner  Anstellung. 
In  den  herzoglichen  Rechnungsprotokollen  erscheint  Gringore 
von  1518  bis  zu  seinem  letzten  Lebensjahre  1538  zuerst  abwech- 
selnd als  huissier  und  herault  d'armes,  bald  aber  nur  in  letzter 
Eigenschaft  unter  dem  Namen  Vaudemont.  In  dieser  offiziellen 
Stellung  ist  er  an  allen  Hoffestlichkeiten  und  an  verschiedenen 
Staatshandlungen  beteiligt  und  sehr  oft  mit  Aufträgen  auf  Reisen; 
<laneben  setzt  er  seine  Tätigkeit  als  Festarrangeur  fort  und  übt 
natürhch  auch  seine  Schriftstellerkunst  weiter  aus.  So  kommt 
es,  daß  er  häufig  genannt  wird  und  wir  sein  Leben  ziemlich  genau 
verfolgen  können.     1518,  am  4.  März,  führt  er  in  Saint-Mihiel 

^)  Anton  von  Lothringen,  1490  geboren,  regierte  seit  1508  und 
war  seit  1515  mit  Renee  de  Bourbon,  der  Schwester  des  Konnetabels, 
verheiratet;  seine  Brüder  waren  Claude,  der  Stammvater  der  Guisen, 
und  Jean,  der  eben  mit  20  Jahren  Kardinal  wurde.  Wie  Gringore 
zu  seinem  neuen  Herrn  kam,  wissen  wir  nicht.  Die  Vermutung,  daß 
er  Franz  1.  zur  Taufe  des  erstgeborenen  Sohnes  des  Herzogs  nach 
Bar  begleitete  und  dabei  seines  Amtes  als  composeur  de  Farces  waltete, 
scheint  mir  auf  einer  unrichtigen  Datierung  zu  beruhen;  die  in  Saint- 
Mihiel  am  4.  März  1517  ausgestellte  Anweisung  gehört  in  das  Jahr 
1518  neuen  Stils.  Gringore  wird  also  aus  einem  anderen  Anlaß,  spontan 
■oder  auf  eine  Einladung  hin,  nach  Lothringen  gekommen  sein.  Die 
Widmungen  seiner  Werke  an  P.  de  Ferrieres  (1505),  J.  d'Estouteville 
(1509),  den  Bischof  von  Cahors  (1511)  sind  wohl  schon  Bemühungen, 
um  eine  Anstellung  zu  finden. 


Oulmont,  Charles:     La  poesie  morale,  politique.  195 

seine  Spiele  vor  dem  Herzog  auf;  am  5.  April  erfolgt  seine  An- 
stellung; am  24.  Mai  verlobt  er  sich  in  Paris  mit  Catherine  Roger, 
die  er  am  30.  Mai  heiratet.  1519,  am  24.  Februar,  werden  ihm 
in  Luneville  20  Fr.  angewiesen  pour  despence  qu'il  ä  soustenuz 
en  accoustremens  pour  jouer  farces  devant  le  duc;  1519  oder 
1520,  im  Februar,  muß  er  wegen  eines  Pestfalls  seine  Wohnung 
in  Luneville  verlassen.  Im  Juni  1520  wohnt  er  im  Gefolge  des 
Herzogs  der  Zusammenkunft  zwischen  Franz  I.  und  Heinrich  VIII. 
von  England  bei  und  sieht  die  Herrlichkeit  des  Camp  du  Drap- 
d'or.  1521,  am  18.  November,  erhält  er  50  Fr.  für  eine  Reise 
nach  Paris  und  benutzt  wohl  diese  Gelegenheit,  um  einen  Ver- 
leger für  seine  'Menüs  propos'  zu  finden,  die  am  21.  Dezember 
erscheinen.  1523,  am  23.  März,  überreicht  er  dem  Herzog  seine 
'Heures  de  la  sainte  Vierge',  und  am  10.  April  ist  er  in  Valence, 
wohin  ihn  die  Kommissäre  der  Spielunternehmung  berufen  haben, 
um  das  Mysterium  der  heiUgen  Severinus,  Exuperius  und  Feli- 
cianus,  das  am  25.  Mai  1526  aufgeführt  wurde,  einer  Revision  zu 
unterziehen.^*^)  1524  ist  er  wieder  auf  Reisen,  im  November  bei  der 
Tauffeier  des  zweiten  Sohns  des  Herzogs,  und  am  21.  Dezember 
läßt  er  seinen  ' Blazon  des  hereticqiies'  erscheinen.  1525  folgt  er  dem 
Herzog  auf  seinem  Zug  gegen  die  aufständigen  elsässischen  Bauern, 
und  am  16.  Mai,  wie  er  den  Bauernfülirer  Erasmus  Gerber  von 
Molsheim  zur  Übergabe  von  Zabern  auffordern  soll,  wird  er  mit 
Schüssen  empfangen  und  der  Trompeter  an  seiner  Seite  fällt 
zu  Tode  getroffen;  im  gleichen  Jahr  will  er  seine  'Heures  de  la 
Vierge'  in  Druck  geben;  das  Parlament  legt  aber  die  Frage,  ob 
die  Veröffentlichung  zulässig  sei,  dem  Theologieprofessor  Guillel- 
mus  de  Queren  vor,  der  am  26.  August  der  Fakultät  darüber 
berichtet  und  einen  einstimmigen  ablehnenden  Bescheid  erzielt: 
neque  expediens  est  neque  utile  reipublicae  christianae,  ymo, 
visa  hujus  temporis  condicione,  potius  perniciosum,  non  solum 
illam  translationem  llorarum,  sed  etiam  alias  translationes 
Bibliae  aut  partium  ejus,  prout  jam  passim  fieri  videntur,  admitti. 
Gleichwolil  erschien  das  Buch  mit  einem  königlichen  Druck- 
privileg, gegeben  in  Lyon  den  10.  Oktober  1525.  Am  1.  Februar 
1527  erscheint  eine  neue  Schrift  von  Gringore  in  Paris  'Notables, 
enseignemens,  adages  et  proverbes.'  Im  Jahre  1530  und  im  Sommer 
1537  war  der  Wappenherold  wohl  mit  seinem  Herrn  in  Frankreich, 
da  ihm  sein  Gehalt  liier  ausbezahlt  wird.  1534  soll  er  noch  ein- 
mal als  Spielunternehmer  gemeint  sein,  und  1538  erschien  noch 
ein  kleines  Druckwerk  von  ihm  'Mariage  de  Roger  et  Trefi>e,  en- 
fants  de  Bontemps.'     Das  letzte  Lebenszeichen,  das  wir  von  ihm 


*•*)  Myst^re  des  trois  Doms,  ed.  S.  Giraiul  »H  El.  l.lievalier.  Lyon 
1897.  —  Am  10.  Apiil  des  gleichen  Jahres  wurden  Gringore  in  Nancy 
13  Goldtaler  angewiesen  als  Ersatz  für  das  Pferd,  daÜ  er  auf  Befehl 
des  Herzogs  dem  Fastenprediger  gegeben  hatte.  Diese  Anwei.sung 
muß  (Jemnaeh  wold  in  seiner  Abwesenheit  »M'lassen  worden  sein. 


196  Rej ernte  und  Rezensionen.     Ph.  Aug.   Becker. 

besitzen,   ist  eine    Quittung  vom    11.    November    1538.      Nach 
Sauval  soll  er  in  Notre-Dame  in  Paris  begraben  liegen. 

Wenn  wir  Gringores  litterarische  Tätigkeit  in  seinen  lolli- 
ringer  Jahren  überblicken,  so  erkennen  wir,  daß  er  sich  in  seiner 
ersten  Manier,  der  moralphilosophischen  Dichtung,  schon  ziemhch 
ausgegeben  hatte;  nur  zwei  seiner  letzten  Werke  gehören  noch 
in  diese  Kategorie.  Die  'Menüs  propos'  von  1521,  in  6  Drucken 
bekannt,  bestehen  aus  mehreren  selbständigen  Stücken,  einer 
Schilderung  des  Elendes  des  Hoflebens,  Betrachtungen  über  die 
Psalmen,  Allegorien  über  die  Liebenden  nach  einem  'Bestiaire 
d'amour  moralise  des  15.  Jalirhunderts  (B.  N.  Res.  Ye  247),  einem 
der  letzten  Ausläufer  von  Richard  de  Fournival  (gepaarte  Zehn- 
silber mit  Reimgeschlechtswechsel  statt  der  Achtsilber),  und 
Gedanken  über  Krieg  und  Frieden;  angehängt  ist  ein  ,Testament 
de  Lucifer',  das  auch  einzeln  aufgelegt  %vurde  und  ein  bekanntes 
Thema  behandelt,  wie  Lucifer  seine  neun  Töchter,  die  Todsünden, 
an  verschiedene  Stände  verheiratet  und  nur  Luxuria  allen  ge- 
mein bleibt.  Die  'Notables^  enseignemens,  adages  et  proverbes' 
von  1527,  etwa  2500  Verse  und  in  der  zweiten  Ausgabe  fast  auf 
das  Doppelte  angeschwollen,  liegen  in  7  Drucken  vor  und  bieten 
einen  Schatz  freigebig  gespendeter  Spruchweisheit  in  Vierzeilen 
abba.  Aber  auch  die  zeitgeschichtliche  Gelegenheitsdichtung 
fließt  nicht  mehr  mit  der  alten  Frische.  Der  'Blazon  des  here- 
tiques'  von  1524  in  gepaarten  Zehnsilbern  setzt  sich  aus  einer 
trockenen  Aufzählung  der  früheren  Heresiarchen  und  aus  Ver- 
wünschungen gegen  Luther  zusammen,  und  ganz  unbedeutend 
scheint  'Le  mariage  de  Roger  et  de  Trejve,  enjants  de  Bon  Temps' 
von  1538  (130  Verse).  Dafür  verlegt  sich  aber  Gringore,  wohl 
vornehmlich  der  frommen  Herzogin  zuHebe,  auf  die  religiöse 
Dichtung  und  übersetzt  die  'Heures  de  Nostre  Dame',  die  er 
1523  dem  Herzog  überreichte  und  1525  in  Druck  gab  (6 — 7000 
Verse,  teils  gepaarte  Zehnsilber,  teils  Chants  royaux) ;  sie  erlebten 
8  Auflagen.  Außerdem  ließ  er  eine  ' Complainte  de  la  cite  cres- 
tienne,  faicte  sur  les  lamentations  Hieremie\  in  Nancy  geschrieben, 
dem  Herzog  gewidmet  und  dreimal  gedruckt,  und  eine  'Quenou- 
ille  spirituelle'  nach  einem  unbekannten  Gedicht  des  Kanonikus 
Johannes  de  Lacu  aus  Lille  (930  Verse)  erscheinen.  EndUch 
verfaßte  er  noch,  vermutlich  auf  Bestellung,  eine  Übersetzung 
der  Wallfahrtsgebete  für  die  Kalvarienstationen  von  Romans, 
von  denen  keine  alten  Drucke  bekannt  sind,  die  aber  in  eine  Reihe 
von  Diözesenbreviarien  aus  der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jahr- 
hunderts übergingen. 

So  erscheint  in  seinem  äußeren  Rahmen  das  Leben  und 
W'irken  dieses  letzten  typischen  Vertreters  der  mittelalterUchen 
Tradition,  der  in  seinen  moralischen  Satiren,  seinen  pohtischen 
Gelegenheitsdichtungen  und  seinen  dramatischen  Versuchen 
ohne   hohe   poetische   Begabung  und   ohne   tiefere   Originahtät^ 


Crisci,  Antoine,   Essai  sur  Louis  XIV.  197 

aber  mit  schlichter  Klarheit  und  in  einer  lebendig  treffenden 
Sprache,  abseits  von  aller  verzwickten  Künstelei  die  Sache  der 
bürgerlichen  Moral  und  des  patriotischen  Loyalismus  verfochten 
hat,  getreu  seinem  Wahlspruch:  Raison  par  tout,  Par  tout  raison. 
Tont  par  raison.  Die  Monographie,  deren  Ergebnisse  wir  im 
obigen  zusammengefaßt  haben,  findet  ihre  Ergänzung  in  einer 
Untersuchung  über  Gringores  Sprache,  die  mir  nicht  vorliegt, 
und  ist  selber  nur  Vorarbeit  für  eine  Gesamtausgabe  von  Grin- 
gores Werken,  der  wir  erwartungsvoll  entgegensehen.  Einzel- 
heiten, die  ich  mir  noch  angemerkt,  kann  ich  auf  eine  spätere 
Gelegenheit  versparen. 

Wien.  Ph.  Aug.  Becker. 


Crifsci,  Antoine.  Essai  sur  Louis  XIV  et  les  ecrivains 
de  son  siede,  i;  Naples,  Casa  editrice  poliglotta,  1911. 
48  S.^ 
Die  vorliegende  Schrift  von  Crisci  stellt  sich  nach  S.  5  die 
Aufgabe :  d'etudier  et  de  resumer  en  peu  de  pages  claires  et  simples 
les  causes  et  les  effets  de  cette  magnifique  efjlorescence  [nämlich 
der  französischen  Literatur  im  Zeitalter  Ludwigs  XIV.]  et  de 
dire  quelques  mots  sur  les  astres  principaux  qui  se  sont  mus  dans 
l'orhite  du  Roi-soleil.  Leider  wird  das  hiermit  gestellte  Thema 
nur  in  sehr  unvollkommener  Weise  behandelt.  Der  Vf.  gibt  im 
wesentlichen  nur  eine  Übersicht  über  die  wichtigsten  französischen 
Schriftsteller  aus  der  2.  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts  und  ihre 
Werke,  und  behandelt  so  nacheinander  Corneille,  Racine,  Mohere, 
La  Fontaine,  Bossuet,  Bourdaloue,  Massillon,  Flechier,  Fenelon, 
La  Rochefoucauld,  La  Bruyere,  Boileau,  Frau  von  Sevigne, 
Frau  von  Maintenon.  Seine  Angaben  beschränken  sich  auf  das 
auch  sonst  von  kleineren  Handbüchern  Gebotene  und  wenden 
sich  offenbar  an  ein  größeres  Pubhkum.  Über  Ludwig  XIV. 
finden  sich  nur  auf  den  ersten  Seiten  des  Heftes  einige  nicht  viel 
sagende  Bemerkungen;  gänzlich  fehlt  die  nach  den  oben  zitierten 
Worten  des  Vfs.  zu  erwartende  historisch-erklärende  Vertiefung, 
und  es  muß  besonders  gesagt  werden,  daß  das  interessante  Pro- 
blem der  Wechselwirkung  zwischen  Ludwig  XIV.  und  der  Kultur 
seiner  Zeit  einerseits  sowie  den  Literaten  andererseits  überhaupt 
nicht  gestreift  ist.  Die  Darstellung  selbst  ist  nicht  überall  korrekt, 
so  z.  B.  wenn  S.  33  (allerdings  in  Übereinstimmung  mit  den 
meisten  Handbüchern)  die  Milde  Fenelons  hervorgehoben  wird, 
mit  der  er  bei  der  Bekehrung  der  Protestanten  in  Saintonge 
und  Aunis  (1686 — 1687)  verfahren  sei;  das  von  0.  Douen,  L'in- 
tolerance  de  Fhielon,  Nouvellc  edition,  Paris  1875  (bes.  S.  103—200) 
zusammengestellte  Material  lehrt  aber,  daß  er  der  Anwendung 
von  Gewalt  durcliaus  nicht  immer  abhold  gewesen  ist,  wenn 
man  auch  zugeben  darf,  daß  er  im  Ganzen  doch  nicht  soviel 
Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX'/\  14 


198        Referate  und  Rezensionen.     Heinrich  Schneegans. 

Gebrauch  davon  gemacht  hat  wie  einige  andere  mit  ähniiciien 
Missionen  beauftragte  Geistliche  seiner  Zeit.  Eine  üble  Ent- 
gleisung ist  Crisci  S.  38  passiert,  wo  er  den  Boileau  gewidmeten 
Abschnitt  mit  den  Worten  einleitet:  ,,Enfin  Boileau  vint",  dil 
Malherbe  dans  un  vers  devenu  trop  banal. . .  —  Auch  die  sprach- 
liclie  Form  ist  nicht  überall  korrekt,  doch  darf  man  liier  dem 
Verfasser  zu  gute  halten,  daß  er  eben  Italiener  ist. 

Göttingen.  Walther  Suchier. 


Holieres   sämtliche    Werke    in    sechs   Bänden,    übersetzt   von 
Wolf,    Grafen  Baudissin    (durch  neue  Über- 
setzungen ergänzt),   herausgegeben   von  Prof.  Dr.    P  h. 
Aug.  Becker,    mit  einem  Bildnis,  einer  Karte  und 
einem   Faksimile.     Leipzig,   Hesse    &  Beckers  Verlag. 
Den    zahlreichen    in    letzter    Zeit    erschienenen    Molierebio- 
graphien  folgen  die  Moliere Übersetzungen  auf  dem  Fuße.     Der 
im  Verlage  von  Georg  Müller  in  München  schön  ausgestatteten 
Moliereübersetzung    von     Neeres  heimer,      von    der    bis 
jetzt  nur  der  5.  Band  mit  dem  Geizhals,  dem  Herrn  von  Pour- 
ceaugnac,  den  vornehmen  Liebhabern,  dem  bürgerlichen  Edelmann, 
vorliegt,   und  der  Übersetzung  von  0.  Hauser,  U.  Gaede 
und   E.   Meyer,    sowie   derjenigen   des    George    Dandin   von 
Karl  Vollmöller    (Inselverlag  Leipzig  1912)  tritt  die  von 
P  h.  A  u  g.  B  e  c  k  e  r  in  Wien  besorgte  Neuausgabe  der  Moliere- 
übersetzung  des    Grafen    Baudissin,     in    handlicher    Form 
an   die    Seite,    oder   richtiger   gesagt,    sie   kommt    den    anderen, 
die  ja  bis  jetzt  nur  Bruchstücke  gehefert  haben,  zuvor,  indem 
sie    die    erste     vollständige     Moliereübersetzung    bietet, 
die  wir  bis  jetzt  haben.     Den   Grundstock  bilden  die   1865/67 
in   vier   Bänden   erschienenenen   Übertragungen    (25   Lustspiele) 
Baudissins,  die  übrigen  6  Stücke  sind  von  Max  Moser    (Don 
Garcia  von  Navarra,  Prinzessin  von  Elis,  Melicerta,  die  pracht- 
liebenden Freier,  die  Eifersucht  des  Gros  Rene  und  der  fliegende 
Arzt),  sowie  von  Frl.  Maja  L  ö  h  r    (Psyche)  übersetzt.     Der 
Herausgeber  selbst  hat  die  Vorreden  Molieres,  seine  Widmungen, 
den  Korydon,  die  Zwischenspiele  zur  Prinzessin  von  Elis,  zu  George 
Dandin,  zu  den  prachtliebenden  Freiern,  das  Schlußballett  des 
bürgerlichen  Edelmanns,  die  beiden  Prologe  zum  eingebildeten 
Kranken  und  die  nicht  dramatischen  Gedichte  Molieres  übersetzt. 
Für  die  Bittgesuche  zu  Tartuffe  ist  die  Übertragung  von  Kreiten 
verwendet    worden.      Der    Übersetzung    geht    eine    Biographie 
Molieres,  sowie  den  einzelnen  Stücken  Notizen  des  Herausgebers 
voran.    Erklärende  Anmerkungen  folgen  auf  die  Stücke.     So  ist 
denn    diese    neue    Moliereausgabe    außerordenthch    reichhaltig. 
Bei  ihrer  handlichen  Form   (die  6  kleinen  Bände  sind  in  zwei 
größeren  Bänden  in  gewöhnlichem  Oktavformat  vereinigt)  und 


Molieres  sämtliche  Werke  in  sedis  Bänden.  199 

ihrem  mäßigen  Preis  (geb.  4  Mk.)  scheint  diese  Übersetzung 
besonders  geeignet  zu  sein,  den  Bedürfnissen  des  größeren 
Publikums  entgegenzukommen. 

Ob  die  Baudissinsche  Übertragung  der  Fulda'schen  in  künst- 
lerischer Beziehung  gleichwertig  ist,  wird  schwer  zu  entscheiden 
sein.  Nach  einigen  Proben  scheint  mir,  daß  die  Baudissin'sche 
sich  zwar  enger  an  den  Text  zu  halten  bemüht,  dafür  aber  doch 
nicht  ganz  und  immer  die  Eleganz  der  Fulda'schen  Übersetzung 
erreicht.  Man  vergleiche  folgende  Stelle  aus  den  Femmes  savantes, 
die  gewiß  schwer  wiederzugeben  ist;  es  handelt  sich  um  die  sprach- 
lichen Fehler  Martine's,  die  von  den  gelehrten  Damen  zurecht- 
gewiesen wird: 

Martine  : 
Mon  Dicu!   Je  n'avons  pas  etugue  comme  vous 
Et  je  parlons  tout  droit  comme  on  parle  cheux  nous. 
Baudissin  :  Mein  Gott,  ich  habe  ja  nie  g  e  studiert. 

Ich  rede  wie  man  auf  dem  Dorfe  spricht. 
Fulda  :  Auch  ich  bin  nicht  von  die  studierten  Damen, 

Ich  schwätz  halt  wie   man  schwätzt  bei   mich 

zu  Haus. 


ß  e  1  i  s  e  : 
Ton  esprit,  je  l'avoue,  est  bien  materiel, 
J  e  n'est  qu'un  singulier,  a  v  o  n  s  est  pluriol. 
Veux-tu  toute  ta  vie  offenser  la  grammaire  ? 
Baudissin  :  Schwer  von  Begriffen  seid  Ihr,  das  ist  wahr! 
Man  darf  ein  Zeitwort,  das  auf  ,,ieren"'  schließt 
Im  Partizip  mit  ,,ge"  nicht  reduplieren. 
Das  merkt  Euch,  wollt  Ihr  Euer  Leben  lang 
Versäumen  um  die  Analyse  Euch 
Der  Worte  zu  bekümmern. 

Fulda:  Welch  enges  Hirn!    —    Das    Wörtchen    ,,bei'' 

regiert 
Den  Dativ  stets:    ,,Bei    mir"    und    nicht    ,,bei 

mich". 
Du  kränkst  die  Philosophen  insgesamt. 
Martine  : 
Qui  parle  d'offenser  grand'mere  ni  grand'pere  ? 
Baudissin  :  Nichts  vor  ungut, 

Die  Anna  kenn  ich.  dotli  die  Lies(^  nidil. 
Fu  1  (1  a  :  Was  kann  drnn  ich  dafür,  wenn  sie  viel  saufen  ? 

Die  Mülierebiogra[)liie  Becker's  bietet  in  knappin-  gt^lrun- 
gener  Form  recht  viel  und  orientiert  vorzüglich  idicr  die  äußeren 
Lebensschicksale  des  Dichters  und  seine  Werke.  Dali  BeckcM' 
Moliere  anders  auffaßt  als  ich,  weiß  jeder,  der  die  Moliereliteratur 

U* 


200        Referate  and  Rezensionen.      Heinrich  Schneegans. 

der  letzten  Jahre  verfolgt  hat.')  Es  ist  unnötig  an  dieser  Stelle 
noch  einmal  darauf  zurückzukommen.  Becker  hält  eben  gar 
nichts  von  der  Fameuse  Comedienne  noch  von  Grimarets  Bio- 
graphie. Für  ihn  ist  alles,  was  sie  bieten,  Roman.  Auch  La 
Oranges  bekanntem  Ausspruch :  II  s'est  joue  le  premier  en  plusieurs 
endroits  sur  des  affaires  de  sa  famille  et  qui  regardaient  ce  qui  se 
passait  dans  son  domestique.  C'est  ce  qua  ses  plus  particuliers 
amis  ont  remarque  hien  des  fois"  mißt  er  kaum  Bedeutung  bei. 
Infolge  dessen  verhält  er  sich  allem,  was  Armandes  Verhältnis 
zu  ihrem  Mann  betrifft,  durchaus  skeptisch  gegenüber.  Ja, 
durch  die  starke  Hervorhebung  von  Armandes  Energie  am  Schluß 
p.  131,  die  nach  dem  Tode  Molieres  ,,die  Truppe  vor  der  ein- 
fachen Auflösung  bewahrt  und  so  einen  Teil  des  Lebenswerkes 
ihres  Mannes  gerettet",  sowäe  des  Umstandes,  daß  sie  die  erste 
vollständige  Moliereausgabe  herstellen  ließ,  scheint  Becker  wie 
eine  ,, Rettung"  ihres  Charakters  durchblicken  lassen  zu  wollen. 
Armande  kann  sich  noch  im  Grabe  freuen,  einen  „Chevalier  sans 
peur  et  sans  reproche"  gefunden  zu  haben.  Doch  schließen  wir 
die  Akten  darüber.^*)  Zwei  alte  Studienfreunde  wie  wir,  werden 
doch  nicht  ewig  um  eine  Schauspielerin  raufen!  0  Philipp 
August,  was  würden  unsere  Kinder  dazu  sagen  ? 

Bekanntlich  ist  auch  Becker  sonst  der  Betonung  des  per- 
sönlichen Elements  in  Molieres  Leben  nicht  gewogen.  Da  wundere 
ich  mich  aber  doch,  wenn  er  es  z.  B.  für  nötig  hält,  IV  p.  225 
bezüglich  des  Sizilianers  zu  sagen:  „Die  Idee,  die  Malerei  als 
Annäherungsmittel  zwischen  den  beiden  Liebenden  zu  wählen, 
kam  dem  Dichter  wohl  durch  seinen  freundschaftUchen  Umgang 
mit  dem  Maler  Mignard,  dessen  Kuppelfresken  im  Val  de  Gräce 
er  kurz  darauf  in  einem  langen  Gedichte  feierte."  Daß  dieses 
,,  Annäherungsmittel  zwischen  Verhebten"  von  einem  Maler 
eingegeben  sein  sollte,  kommt  mir  doch  etwas  papiern  vor.  MoUere 
kannte  das  menschliche  Herz  doch  genug.  Einen  Vermittler 
brauchte  er  doch  nicht  in  so  landläufigen  Dingen.  Merkwürdig, 
hier  ist  aber  Becker  nicht  skeptisch.  Dagegen  scheint  er  z.  B. 
nicht  zu  glauben,  daß,  als  Mohere  zweifachen  Anteil  von  den 
sonst  gleichmäßig  verteilten  Tageseinnahmen  bezog,  er  an  seine 
bevorstehende  Heirat  dachte.^)  Er  sagt  p.  45  nichts  davon.  Unter 


^)  Mein  Vortrag  und  Artikel:  Molieres  Subjectivistnus.  Zs.  f. 
vgl.  Literaturgeschichte,  Neue  Folge.  Bd.  XV,  H.  6.  —  Becker: 
Molieres  S üb jectivismus.  H.  S.  zur  Erwiderung  ib.  Bd.  XVI,  Heft  2/3. 
—  Meine  Rezension:  Literaturblatt  f.  germ.  u.  rom.  Ph.  1906  8/9, 
Aug.  Sept.  —  Mangold:  Zs.  f.  frz.  und  engl.  Unterricht.  1906. 
Der  neueste  Streit  Becker- Schneegans   über   M^s  Subjectivismus. 

2)  Ich  möchte  mir  nur  die  Frage  erlauben:  Warum  heiratet 
denn  diese  mustergültige  Witwe  schon  am  31.  März  1677?  Man 
sollte  doch  denken,  ein  Mann  wie  Meliere  ist  unvergeßlich. 

^)  Und  doch  heißt  es  im  Register:  ,,pour  lui  et  pour  sa  femme, 
s'i7  se  mariait.'' 


MolUres  sämtliche  Werke  in  sechs  Bänden.  201 

den  Anlässen  der  ,, Frauenschule'"  nennt  B.  wohl  ein  neues  Lust- 
spiel Dorimon's  ,,die  erfinderische  Frau",  wo  das  Novellenmotiv 
aus  Boccaccio  von  dem  als  unNsissentlichen  Liebesboten  miß- 
brauchten Eifersüchtigen  verwertet  wurde  —  und  die  Bear- 
beitung der  Scarron'schen  Novelle  von  der  fruchtlosen  Vorsicht. 
„Diese  Novelle  ging  Moliere  seither  nach  und  beschäftigte  ihn, 
bis  sie  dramatische  Gestalt  gewann."  Und  Gedanken  über 
seine  eigene  Ehe  sollten  da  gar  nicht  mitgewirkt  haben  ?  Freilich, 
an  anderer  Stelle,  in  der  Vorrede  zur  Übersetzung  der  Ecole  des 
Maris  sagt  B.:  ,,Für  M.  hatten  diese  Fragen  eine  ganz  besondere 
Aktualität,  wenn  er  sich,  wie  es  scheint,  bereits  mit  Heirats- 
absichten trug,  und  nach  der  von  ihm  getroffenen  Wahl  war  es 
nicht  zweifelhaft,  daß  er  sich  nicht  für  die  Bevormundung,  sondern 
für  das  freie  Gewährenlassen  aussprechen  w-ürde."  Ganz  recht, 
aber  warum  in  der  Biographie  nichts  davon  sagen  ?  B.  sagt 
p.  39:  ,,Es  ist  eine  auffällige  Tatsache,  daß  Moliere  gerade  die 
Leidenschaft  der  Eifersucht  mit  merkwürdiger  Vorhebe  behandelt 
hat;  eine  Art  seelischer  Wahlverwandtschaft  schien  ihn  zu  dem 
Studium  hinzuziehen."  Ganz  meine  Meinung.  Aber  sollen  \sir 
denn  nicht  den  kurzen  weiteren  Schritt  wagen  und  den  zeit- 
genössischen Zeugnissen  Glauben  schenken,  daß  er  eben  Grund 
zur  Eifersucht  hatte.  Auch  hinsichtlich  des  Misanthrope  räumt 
B.  —  ganz  nach  meiner  Ansicht  —  einige  persönliche  Momente 
ein.  So  lesen  wir  p.  90:  ,,Es  umweht  den  Misanthrope  ein  ge- 
heimnisvoller Zauber,  als  hörten  wir  aus  Alcestes  leidenschaft- 
lichen Klagen  ein  Echo  unmittelbar  aus  des  Dichters  gepreßtem 
Herzen,  nicht  bloß  den  Ausdruck  momentaner  Gereiztheit,  ob 
der  Sorge  um  den  immer  noch  verbotenen  Tartuffe  oder  aus 
Unmut  über  bittere  Erfahrungen,  wie  der  schnöde  Undank  des 
jungen  Racine...  oder  wegen  der  Gemeinheit  seiner  Neider, 
di<>  ihm  ein  gt^fährliches  politisches  Pamphlet  zuschrieben,  son- 
dern allgemein  das  Bekenntnis  seiner  innersten  Gemütsverfassung 
gegenüber  der  Unaufrichtigkeit  der  Welt  und  der  Falschheit 
der  Menschen..."  Und  unter  diesen  Menschen  spielte  seine 
eigene  Frau  keine  Rolle  ?  Ist  das  glaubhaft  ?  Können  wir  da 
nicht  auch  den  kleinen  weitern  Schritt  wagen,  um  so  mehr,  wenn 
die  zeitgenössisclien  Berichte  damit  übereinstimmen?  ...  Aber 
ich  sehe,  daß  micli  —  trotz  meines  eigenen  Warnungsrufes  — 
Armande  wieder  in  ihre  Schlingen  zieht  und  höre  Becker,  wie 
er,  mit  erhobenem  Zeigefinger  drohend  mich  erinnert  an  das, 
was  ich  eben  sagte  und  zuruft:  0  Heinrich,  Heini'ieh,  was  werden 
unsere  Kinder  sagen  ?  —  So  lassen  wir  denn  endlich  die  gefährliche 
Schauspielerin!  - 

B.  versteht  es  ausgczeiclinel,  hier  wie  in  seinem  Rousseau  auf 
beschränktestem  Räume  alle  wichtigen  Fragen  zu  berühren. 
Vorzüglich  ist,  was  er  über  Molieres  Stellung  zur  Religion  sagt. 
„Das  Christentum",  meint  er,  ,,sei  für  Moliere  mehr  eine  Frage 


202        Referate  and  Rezensionen.     Heinrich  Schneegans. 

(los  bürgerliclHm  Anstand»  und  Wolilverhallens  als  eino  Safhe 
der  inneren  Überzeugung  und  der  begeisterten  Hingabe.  Weder 
sein  Beruf  nocii  sein  Vorloben,  noch  aucii  seine  Erziehung  iiätten 
seine  Gedanken  vom  Irdisclien  liinwog  auf  das  Jenseitige  ge- 
richtet und  ihn  je  ernstl)aft  vor  die  Wahl  zwischen  Weltlust  und 
Weltflucht  gestellt;  asketische  Neigungen  seien  ihm  ebenso 
fremd  wie  der  Zwiespalt  zwischen  Gläubigkeit  und  Aufklärung; 
der  Religion  stände  er  nicht  feindlich  gegenüber,  sie  sei  nur  für 
ihn  keine  Macht  geworden,  die  das  Leben  bestimmt."  Wenn 
freilich  B.  weiter  fortfährt,  M.  liätte  die  Rehgion  niclit  als  einen 
Druck  empfunden,  gegen  den  er  sicli  mit  der  ganzen  Kraft  seines 
Wesens  aufgebäumt  hätte,  und  sagt,  es  sei  ein  irriges  Beginnen 
ihn  als  ein  Opfer  fanatischer  Bigotterie  und  den  Tartuffe  als 
einen  planmäßigen  Gegenangriff  gegen  die  Frömmelei  hinzu- 
stellen, so  meine  ich,  daß  man  dies  doch  etwas  einschränken 
müßte.  Zeitweilig  hat  gewiß  Moliere  die  Religion,  oder  sagen 
wir  besser,  die  Frömmelei  als  einen  Druck  empfunden.  Schon 
der  Umschwung  der  Stimmung  des  Prinzen  von  Conti, ^)  der  durch 
seine  Bekehrung  hervorgerufen  wurde,  dann  die  Stellung  der 
Frömmler  gegenüber  der  Ecole  des  femmes,  die  Haltung  der 
Kirche  dem  Schauspielerstand  gegenüber  muß  ihn  sehr  erbittert 
haben  und  ihn  die  Kirche  als  Tyrannei  haben  empfinden  lassen. 
Im  Tartuffe  und  im  Don  Juan  machte  er  seinem  gepreßten  Herzen 
Luft. 

Einen  Vorzug  der  Biographie  Beckers  erblicke  ich  in  der 
starken  Betonung  des  Milieu's,  aus  dem  der  große  Komiker 
hervorgegangen  ist.  Die  Skizze,  die  er  vom  Theater  zur  Zeit 
von  Molieres  Jugend  entwirft,  ebenso  wde  die  Schilderung  des 
spanischen  und  italienischen  Schauspiels,  das  in  Frankreich 
damals  großen  Einfluß  ausübte,  ist  sehr  belehrend  und  lichtvoll. 
Auf  manche  Einzelheiten  macht  B.  aufmerlcsam,  die  bisher 
weniger  beachtet  wurden.  Der  Grund  des  zwiespältigen  Eindrucks, 
den  der  ,,Avare"  hervorrufen  kann,  besteht  nach  B.  darin,  daß 
,,das  äußere  Intriguengewebe,  der  materielle  Stoff,  mit  der 
Charakterstudie,  dem  geistigen  Gehalt,  keine  Wesenseinheit  bildet. 
Und  auch  die  einzelnen  Szenen,  fährt  B.  fort,  sind  nicht  immer 
nach  ihrem  dramatischen  Eigengehalt  entwickelt,  sondern  mit 
Hilfe  wirksamer  Bühneneffekte,  drastischer  Mißverständnisse, 
burlesker  Übertreibungen"  (p.  102). 

Mit  Recht  weist  B.  auf  die  Vorliebe  Molieres  für  die  Oper 
hin,  und  zeigt,  wie  für  ihn  die  Entwickelung  der  Oper  nicht  nur 
Nebenzweck,  sondern  mehr  und  mehr  zur  wichtigsten  Lebens- 
aufgabe wurde,  daß  er  sich  im  Laufe  der  Zeit  berufen  fühlte,  in 

*)  Ich  glaube  nicht,  daß  B.  Recht  hat,  wenn  er  in  der  Einleitung 
zum  Tartuffe  p.  289  sagt,  ,,für  den  bedauernswerten  Prinzen  von 
Conde"  —  er  meint  wohl  Conti  —  ,, dürfte  Mol.  eher  Mitleid  als 
Groll  empfunden  haben." 


Molieres  sämtliche  Werke  in  secJis  Bänden.  203 

der  Geschichte  der  Oper  eine  führende  Rolle  zu  spielen.  Moliere 
liebte  die  Musik.  In  seinen  Adern,  sagt  B.,  floß  Musikerblut; 
sein  Urgroßvater  Mazuel  war  unter  Ludwig  XIII.  kgl.  Kammer- 
musiker gewesen  (p.  125).  Weniger  bekannt  dürfte  es  wohl  bis 
jetzt  gewesen  sein,  daß,  noch  bevor  Moliere  seine  Kritik  der  Frauen- 
schule schrieb,  ein  bekannter  Theaterliebhaber,  der  Abbe  du  Buis- 
son,  den  Gedanken  gehabt  hatte,  Molieres  Stück  in  dramatischer 
Form  zu  verteidigen  (p.  51).  Ebenso  war  bis  jetzt  die  lateinische 
Epistel  des  Jesuitenpaters  Jean  Maury  an  Moliere  wenig  beachtet 
worden,  in  welcher  dieser  Geistliche  dem  Dichter  —  nach  dem 
Tartuffe  —  seinen  Dank  abstattete  „für  so  viele  herrhche  Bühnen- 
vorstellungen, die  er  stets  erheitert  und  gebessert  verlassen  habe, 
so  fein  lehre  dieser  unübertroffene  Rivale  der  Griechen,  Römer, 
Italiener,  Spanier  und  aller  übrigen  Franzosen  die  Norm  des 
Guten  und  die  Grenzen  des  Anstands." 

Auch  in  den  Einleitungen  zu  den  einzelnen  Stücken  finden 
sich  manche  wertvolle  Bemerkungen.  Daß  Don  Garcia  noch 
vor  den  Preziösen  verfaßt  und  vor  deren  Aufführungen  in  Ge- 
sellschaften vorgelesen  wurde,  dürfte  weniger  bekannt  sein. 
Vor  dem  Misanthrope  und  auch  in  der  Biographie  weist  B.  mit 
großem  Nachdruck  auf  die  Stellen  des  Don  Garcia  hin,  die  M. 
später  in  den  Misanthrope  aufnahm.  Doch  dürfte  er  wohl  zu 
weit  gehen,  wenn  er  ,,den  Kern  der  Handlung"  des  Misanthrope 
als  schon  diesem  Stück  entlehnt  ansieht.  M.  entnahm  die  be- 
treffenden Stellen  aus  dem  Don  Garcia,  weil  sie  in  eine  ähnliche 
Situation  hineinpaßten,  aber  ich  glaube  kaum,  daß  bei  der  Kon- 
zeption des  Misanthropestoffes  der  Don  Garcia  stark  mitbe- 
stimmend eingewirkt  hat.  Für  das  größere  Lesepublikum  werden 
die  Bemerkungen  über  die  Rollen,  die  Moliere  in  Anlehnung  an 
die  Italiener  für  sich  scliaffte,  Mascarille  und  Sganarelle,  sowie 
die  Ausführungen  über  Moliere's  Truppe  von  großem  Werte  sein. 
WasB.  darunter  meint,  es  wirke  eigentümHch  im  Malade  imaginaire 
wenn  wir  Moliere  selber  von  sich  und  seinem  Kampfe  gegen 
die  Medizin  sprechen  hören,  ist  nicht  recht  klar.  Merk- 
würdig ist  es  nicht,  denn  er  spricht  gerne  von  sich  und  seiner 
Truppe.  Denken  wir  nur  an  den  Impromptu  de  Ver- 
sailles und  an  den  Nutzen,  den  er  aus  den  Eigentüm- 
lichkeiten der  Schauspieler  seiner  Truppe  für  diese  oder  jene 
Rolle  zog. 

Wir  können  die  Moliereübersetzung  mit  der  ausgezeichneten 
Lebensskizze  und  den  vorzüglich  orientierenden  Einleitungen 
und  Erläuterungen  allen  Gebildeten  wärmstens  empfehlen 
und  sind  sicher,  daß  das  Werk  alle  Eigenschaften  besitzt,  um 
dem  deutschen  Volke  Moliere  lieber  und  vertrauter  zu 
machen. 

Bonn.  Heinrich  Schneegans. 


204  Referate  und  Rezensionen.     Georges   J)outreponi. 

Abb^  Bonnet,  J.    Oeuvres  inconnues  de  Jean  Racine,  decou- 

verles  ä  la  Bibliotheque  Imperiale  de  Saint- Petersbourg: 

Pommes  SacrSs.    Buroaux  de  TArchevechö  d'Auch,  1911, 

317  p.,  prix:  10  fr. 

L'argumentation   de   M.   l'Abbe   Bonnet  ne   nous   convainc 

pas.      Nous   n'y   trouvons   pas   les   preuves   vraiment   serieuses 

qu'il  faudrait  pour  etablir  que  Jean  Racine  est  l'auteur  du  recueil 

de  Pommes  Sacräs  qui  ont  ete  decouverts  ä  la  Bibliotheque  de 

Saint-Petersbourg  et  qui,  comme  on  sait,  ne  portent  pas  sa  signa- 

ture.     Au  surplus,  quand  bien  meme  les  conjectures  de  M.  B. 

nous  paraitraient  plus  s^duisantes  qu'elles  ne  sont,  il  nous  man- 

querait  encore  l'argument  reellement  decisif:  c'est  de  sentir,  dans 

ces  Poemes,  le  «faire»  de  Racine.     Or,  pour  notre  part,  nous  ne 

l'y  sentons  pas. 

Georges  Doutrepont. 


Chatenet,  Henri,  E.  Le  roman  et  les  romans  d'une  femme 
de  lettres  au  dix-septieme  siecle.  Mme  de  Villedieu 
(1632—1683).     80.    276  S.     Paris,  H.  Champion,  1911. 

Das  Leben  der  Hortense  des  Jardins  oder  der  Mme  de  Ville- 
dieu, wie  sie  sich,  kaum  zu  Recht,  nannte,  hat  bereits  Emile 
Magne  im  Jahre  1909  in  seinem  Buche  ,, Madame  de  Villedieu" 
(erschienen  im  Verlage  des  Merciire  de  France)  erzählt.  Das 
Leben  einer  frohem  Lebensgenuß  liingegebenen  Frau,  deren 
Sinnlichkeit  und  lockeres  Wesen  nur  deshalb  in  nicht  gar  zu 
ungünstigem  Lichte  erscheinen,  weil  sie  ihrem  leichten  Hang 
mit  einer  gewissen  unbekümmerten  Natürlichkeit,  en  bonne 
femme,  ohne"  Hypokrisie  Folge  leistete.  Auf  eine  Würdigung 
ihres  schriftstellerischen  Werkes  hatte  sich  der  hier  und  da  etwas 
geziert  und  pikant  schreibende  Magne  nicht  eingelassen,  er  hatte 
sich  damit  begnügt,  ein  gut  dokumentiertes  Charakter-  und 
Sittenbild  zu  geben. 

Im  wesentlichen  nach  Magne,  erhebhch  kürzer  und  ein- 
facher, erzählt  nun  Chatenet  noch  einmal  den  ,,  Roman"  des  Lebens 
der  Mme  de  Villedieu,  ohne  irgend  Neues  oder  Selbständiges 
zu  bringen.  Im  Gegensatz  zu  seinem  Vorgänger  jedoch  geht  er 
näher  auf  die  Hterar^sche  Tätigkeit  seiner  Heldin  ein.  Wirklich 
Befriedigendes  leistet  er  leider  nicht.  Er  beschränkt  sioh  daraufs 
eine  Reihe  ihrer  Werke  mehr  oder  minder  ausführlich  zu  erzähleii 
und  an  die  Erzählimg  einige,  wenig  tiefgehende  Bemerkungen 
über  ihre  schriftstellerische  Bedeutung  anzuschheßen. 

Es  liätte  eines  viel  tiefdringenderen  Studiums  bedurft,  um  die 
Stellung  der  Frau  von  Villedieu  in  der  Entwicklungsgeschichte  des 
französischen  Romans  zu  bezeichnen.  Einmal  hätten  ihre  Werke 
einer  gründlicheren,  wirklich  analysierenden  Betrachtung  unter- 


Chatenet,   Henri,  F.     Le  roman  et  les  romans.  205 

worfen  werden  müssen,  und  sodann  hätte  sich  die  Untersuchung 
ihrer  Leistungen  auf  einer  viel  umfassenderen  Kenntnis  der  ihr 
voraufgehenden  oder  gleichzeitigen  Romanliteratur  aufbauen 
müssen.  Die  Besonderheit  und  das  Maß  des  Verdienstes  der 
Romanschreiberinnen  der  zweiten  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts 
kann  man  nicht  richtig  herausarbeiten,  ohne  sie  in  engste  Be- 
ziehung zu  MUe  de  Scudery  z.  B.  zu  setzen.  Von  dieser  heute 
mehr  genannten  als  gelesenen  Schriftstellerin  sind  sie  alle  so 
stark  abhängig,  daß  man  das  Neue,  das  sie  allenfalls  bringen, 
eben  nur  dann  bewerten  kann,  wenn  man  weiß,  was  sie  übernom- 
men haben. 

Eine  kritische  Untersuchung  über  Mme  de  Villedieu's  lite- 
rarisches Werk  wäre  also  nach  den  beiden  angeführten  Werken 
immer  noch  zu  schreiben. 

W  ü  r  z  b  u  r  g.  Walther  Küchler. 


l<ees,  Jobn.      The   Anacreontic    Poetry    of  Germany    in    the 
eighteenth  Century;   its  relation  to  French  and  classical 
poetry.     Aberdeen,   the   University  Press,   1911.     VIII 
-f  118  S. 
Das  Buch  ist  die  vervollständigte  Herausgabe  einer  .'Arbeit, 
die  vor  Jahren  von  der  Universität  Straßburg  mit  der  Hälfte 
eines  Preises  bedacht  wurde.     Es  behandelt  hauptsächlich  die 
Abhängigkeit  der  vier  sogenannten  Anakreontiker   Gleim,   Uz, 
Jacobi  und   Götz  von   französischen   Vorbildern.     Die   Absicht 
des  Verfassers,  die  deutschen  Dichter  auch  in  ihrer  selbständigen 
Eigenart  zu  würdigen,  kommt  nur  ganz  nebenbei  zur  Geltung; 
sie  erscheinen  hier  fast  nur  als  Nachahmer.     Und  in  der  Tat  hat 
Lees  noch  eine  große  Zahl  Beispiele   von  Anklängen  und  un- 
mittelbaren Entlehnungen  zu  den  bisher  schon  bekannton  hin- 
zugefügt.    Die  französischen  Schriftsteller,  die  den  gut  in  ihnen 
belesenen   deutschen   als    Führer   dienten,   sind   sehr   zahlreicli. 
Lees  nennt  im  ganzen   34.     Marot,    Ronsard,   du   BcUay,    Baif, 
Fresnaye,  Voiturc,  Corneille,  Racine,  Chaulicu,  La  Fare,  Gressot 
sind  die  bekanntesten.     Voltaii'o  wurde  als  Gast  Friedrichs  des 
Großen  mit  Götz  bekannt,  der  ihn  oft  übersetzte,  und  auch  sein 
großer  Gegner  Rousseau  übte  natürlich  Einfluß  auf  jene  Dichter. 
Das  Ergebnis  bestäligl,  im  ganzen  das  Urteil,  das  die  Literatur- 
geschichte über  die  Anakrcoiilikcr  gvfällt  hat.     Ihre  selbständig«' 
Bedeutung  ist   gering;    aber   sie    liaben    die    deutsche    Literatur 
befruchtet,  indem  sie  neue  Vorbilder  entdeckten,  neue   Gegen- 
stände   einführten   und    zuerst   eine    zierliche    Leichtigkeit    und 
Anmut  des  Stils  pflegten.     Sie  begannen  damit,  Anakreon  unil 
nebenbei    Horaz    nachzuahmen,    ließen    sich    dabei    jedoch    von 
vornherein  durch  ihre  französischen  Muster  leiten.     Diese  waren 
schließlich  häufig  ihre  einzige  Quelle.     S(>lten  ist  ein  unmittelbar 


206  Referate   und   liezensionen.      Wotfgani>   Murliiu. 

von  Anakroon  entlohntes  Motiv  zu  entdecken,  das  nicht  schon 
vorher  von  den  Franzosen  beliandclt  worden  wäre.  Dagegen 
linden  sich  viele,  die  nur  auf  die  französische  Lyrik  zurück- 
gehen. Gleim,  der  bedeutendste  dieser  Dichter,  blieb  Anakreon 
am  treuesten.  Bei  ilim,  dessim  Wert  schon  Lessing  in  den  Lite- 
raturbriei'en  hervorhob,  vermißt  man  am  meisten  eine  VVrirdigiing 
als  selbständiger  Dichter  im  vorliegenden  Buche.  .Seine  Über- 
setzungen sind  von  geringem  Werte,  seine  Bearbeitungen  haben 
stets  eine  eigene  Note,  lassen  aber  kalt.  Er  hat  mehr  Kopf  als 
Herz.  Uz,  der  ernsteste  jener  Poeten,  erhob  sich  von  anfänglicher 
Nachahmung  bald  zu  höheren  Gegenständen.  Jacobi  schliel.'.t 
sich  d(>r  französischen  Art  am  engsten  an,  vielleiclit,  weil  er  ilir 
innerlich  am  nächsten  steht.  Das  Schwelgen  in  mytliologischera 
Kleinkram,  das  seine  ersten  Schöpfungen  ungenießbar  maclit, 
hat  er  später  überwunden.  Götz  ist  der  geringste  der  Anakreon- 
liker.  Er  bleibt  häufig  nur  ein  recht  unvollkommener  Übersetzer, 
ohne  dabei  immer  seine  französische  Quelle  zu  nennen.  Alle 
sind  Anempfinder  fremden  Gutes,  ihnen  fehlt  die  Selbständigkeit 
und  Tiefe  der  Leidenschaft,  die  dem  echten  Lyriker  eignet. 
Aber  sie  haben  den  Klassikern  den  Weg  bereitet. 

Der  Verfasser  bringt  zahlreiche  Beispiele,  in  denen  er  die 
französische  oder  griechische  und  die  deutsche  Fassung  neben- 
einandersetzt. Dadurch  wird  die  Nachprüfung  sehr  erleichtert. 
In  seinem  Urteil  über  diese  Gleichungen  zeigt  er  ein  sicheres 
Gefühl  für  die  Feinheiten  und  Abschattungen  des  dichterischen 
Ausdrucks  im  Französischen  wie  im  Deutschen.  Mehrfach  stützt 
er  seine  Schlüsse  dadurch,  daß  er  die  Häufigkeit  der  einzelnen 
Motive  durch  Auszählen  bestimmt. 

In  dem,  was  Lees  über  die  Versform  sagt  (besonders  Kap.  I,  3) 
kann  ich  ihm  jedoch  nicht  beistimmen.  Er  findet  es  sehr  sonderbar, 
daß  die  deutschen  Dichter  nie  das  französische  Versmaß  über- 
nehmen, so  eng  sie  sich  'auch  inhaltlich  an  ihre  Vorlage  anzu- 
schließen pflegen.  Er  vergleicht  damit  Heines  auch  in  der  Form 
treue  Übersetzungen  von  Gedichten  Byrons  und  ferner  Über- 
tragungen aus  fremden  Sprachen  von  anderen  deutschen  Dichtern 
wie  Goethe,  Voß,  Stolberg,  Schlegel,  die  alle  auch  die  Versform 
beibehalten  (S.  22).  Nach  allerlei  Vermutungen  findet  er  als 
einzigen  Grund  den,  daß  die  französischen  Versformen  auf  die 
deutschen  Anakreontiker  keinen  großen  Eindruck  gemacht 
haben  können. 

Er  verkennt  hier  die  wesentHchen  Unterschiede,  die  zwischen 
französischen  und  deutschen  Versmaßen  bestehen.  Es  ist  nicht 
angängig,  im  Französischen  ohne  w^eiteres  von  Jamben,  Trochäen 
und  Anapästen  zu  reden.  Der  Franzose  zählt  die  Silben,  und 
die  daneben  wirksamen  rythmischen  Gesetze  sind  außerordent- 
lich verwickelt.  Sie  entsprechen  keineswegs  den  deutschen  und 
englischen,  bei  denen  es  sich  um  taktmäßigen  Wechsel  von  be- 


Faguet,  Emile,  Rousseau  contre  Moliere.  207 

tonten  und  unbetonten  Silben  handelt;  bei  diesen  kommt  es  nur 
auf  die  Gleichheit  der  Zeitmaße  an,  innerhalb  deren  die  Zahl  der 
Silben  wechseln  darf.  Ebensowenig  aber  entsprechen  beide 
den  griechischen  und  lateinischen  Versmaßen  mit  ihrem  Wechsel 
von  langen  und  kurzen  Silben.  Die  englischen  Maße  kann  man 
ohne  weiteres  ins  Deutsche  übertragen.  Diese  beiden  germani- 
schen Sprachen  haben  feste  dynamische  Wortbetonung  und  daher 
dieselbe  Metrik.  Die  antiken  Maße  lassen  sich  wenigstens  an- 
nähernd im  Deutschen  wiedergeben,  wenn  man  statt  langer  und 
kurzer  Silben  betonte  und  unbetonte  einsetzt.  Die  französischen 
dagegen  widerstreben  der  deutschen  Sprache  durchaus.  Das  haben 
die  Anakreontiker,  in  deren  Zeit  das  schon  von  Martin  Opitz  wieder 
entdeckte  Gefühl  für  deutsche  Verse  mächtig  aufzuleben  begann, 
deutlich  empfunden  und  darum  gar  nicht  versucht,  französische 
Verse  in  deutscher  Sprache  zu  bauen.  Die  Beispiele  von  treuen 
Übertragungen,  die  Lees  S.  22  anführt,  beziehen  sich  offenbar 
alle  nur  auf  Übersetzungen  aus  dem  Enghschen,  Griechischen 
und  Lateinischen.  Für  das  Französische  beweisen  sie  gar  nichts. 
Der  Alexandriner  ist  der  einzige  französische  Vers,  den  man  in 
einer  Zeit  schlummernden  Sprachgefühls  häufig  der  deutschen 
Sprache  aufgezwungen  hat.  Er  sieht  aber  seinem  französischen 
Vorbild  nur  äußerlich  ähnlich  und  ist  mit  seinen  klappernden  sechs 
Hebungen  im  Deutschen  ebenso  häßlich,  wie  er  im  Französischen, 
das  diese  Hebungen  nicht  kennt,  schön  sein  kann. 

Dresden.  Wolf  gang  Martini. 


Fagnet,  Emile,  de  Tacademie  frangaise,  Rousseau  contre 
Moliere.  Paris,  Societe  frangaise  d'imprimerie  et  de 
librairie  (1912).     345  S.     16.V|s|s>;i<.. 

Die  Causerie  ist  eine  eminent  französische  Kunst,  eine  natür- 
liche Gabe,  die  ihre  glückhchen  Besitzer  nicht  brach  hegen  lassen, 
sondern  immer  vollkommener  entwickeln.  Sainte-Beuve  schrieb 
Woche  für  Woche  ein  stattliches  Feuilleton,  und  es  war  eine 
Leistung.  Zur  zweihundertjälirigen  Wiederkehr  des  Geburts- 
tages Rousseaus  schreibt  Faguet  —  unbeschadet  seiner  sonstigen 
Leistungen  —  nicht  weniger  als  fünf  Bände:  Rousseaus  Leben, 
Rousseau  gegen  Moliere,  Rousseaus  Freundinnen,  Rousseau  als 
Denker  und  Rousseau  als  Künstler.  Der  Band,  der  uns  zur 
Besprechung  vorliegt,  zeigt  Faguet  als  einen  ganz  charmanten 
Causeur;  er  ist  der  ungehemmte  Ausfluß  aus  dem  unversiegbaren 
Born  unmittelbarer  Mitteilung,  mehr  gesprochen  als  gedacht, 
fesselnd  von  der  ersten  Seite  bis  zur  letzten.  Man  kennt  Rousseaus 
polemische  Äußerungen  über  Moliere  in  seinem  Briefe  an  d'Alem- 
bert;  sie  bilden  die  Grundlage  des  Buches,  und  zwar  im  ersten 
Kapitel  die  Einwendungen  gegen  den  Misanthropen,  im  zweiten 
die  gegen  andere  Stücke,  Bourgeois  genlilhomme,\George  Dandiii 


208  Referate  und  Rezensionen.      I'ielro  Tokio. 

und  Avarc;  im  dritten  Kapitel  erörtert  F.  die  Frage,  warum 
Rousseau  einige  andere  Stücke  in  seine  Kritik  nictit  einbezieht, 
im  vierten  beschäftigt  er  sich  mit  den  allgemeinen  Vorwürfen, 
die  Rousseau  gegen  Moliere  erhebt,  im  fünften  wirft  er  einen 
kurzen  Blick  auf  Molieres  Nachfolger;  im  sechsten  vergleicht 
er  dann  die  Grundideen  und  Lebensanschauungen  der  beiden 
Männer  miteinander,  und  im  siebenten  zeigt  er  ihre  große  Überein- 
stimmung in  der  Frauenfrage;  daran  schließen  sich  die  Schluß- 
betrachtungon,   die   das   Gesamtergebnis   zusammenfassen. 

Es  fällt  Faguet  nicht  schwer  zu  zeigen,  daß  Rousseau  Alceste 
nicht  verstanden  hat  und  von  Phihnte  ein  unechtes  Phantasie- 
bild entwirft,  das  durch  Collin  d'Harlevilles  'Optimiste'  auf  Fabre 
d'Eglantine  wirkte  und  ihm  ein  Stück  eingab,  das  eine  schlechte 
Entgegnung  auf  Molieres  Schöpfung  ist,  aber  an  sich  ein  gelun- 
genes Bühnenwerk  darstellt.  Es  gelingt  ihm  auch,  in  recht  an- 
sprechender Weise  die  Grundverschiedenheit  zwischen  Molieres 
und  Rousseaus  Weltauffassung  und  ihrer  Stellung  zur  Measch- 
lieit  und  zur  Natur  darzulegen.  Im  leichten  PlauderLon  wird 
<?ine  Fülle  beherzigenswerter  Gedanken  entwickelt,  die  zum 
eigenen  Nachdenken  anregen  und  im  wesentlichen  auch  die  Zu- 
stimmung verdienen.  Wer  über  Moliere  schreiben  will,  dürfte 
durch  die  Lektüre  dieser  Seiten  und  durch  die  dialektische  Aus- 
einandersetzung mit  Faguet  sicheren   Gewinn  finden. 

W  i  e  n.  Ph.  Aug.  Becker, 


Price,  William  Raleigfli.  The  symholism  oj  Voltaire's 
Novels.  With  special  reference  to  Zadig.  New  York, 
the  Columbia  University  Press,  lOlL     269  p.     8^. 

A  nessuno,  ch'io  mi  sappia,'  e  mai  venuto  in  mente  di  negare 
che  il  Voltaire,  nelle  sue  Noiivelles,  abbia  talora  alluso  a  uomini 
ed  a  fatti  del  tempo  in  cui  visse,  anzi  ogni  volta  che  in  esse  di- 
scorre  di  bonzi  fanatici  e  crudeli,  pensiamo  naturalmente  ai  preti 
e  pastori  del  cristianesimo,  contro  cui,  non  qui  solo  ma  in  infiniti 
altri  scritti  e  nelle  tragedie  soprattutto,  l'autore  di  Mahomet 
spezzo  tante  lance  ed  e  pure  indiscusso  che  il  Dott.  Pangloss 
di  Candide  personifica  i  filosofi  ottimisti,  il  Rousseau  partico- 
larmente. 

Parimenti  e  vero  che  rvoW'Ingenu  —  cito  a  caso  i  primi 
esempi  che  si  presentano  alla  mia  mente  —  le  allusioni  alla  corte 
di  Francia,  a  cattolici  ed  a  giansenisti,  sono  frequentissime  e  che 
la  Princesse  de  Babylone  e  tutta  pervasa  da  ricordi  personali 
dell'autore.  II  Price  ha  voluto  dimostrare  qualcosa  di  piü  e  cioe 
che  il  Voltaire  ha  espresso  costantemente,  sotto  immagini  sim- 
boliche  ed  allegoriche,  le  proprie  opinioni  in  politica,  in  religione 
ed  in  letteratura  e  che  i  nomi  orientali,  appioppati  ai  suoi  per- 
sonaggi,  Celano  quelli  di  parecchi  contemporanei. 


Price,  William  Raleigh.     The  symbolism.  209 

L'esame  di  Zadig  deve  provare  la  tesi.  II  "simbolismn'* 
—  e  suH'uso  di  questa  parola  ci  sarebbe  molto  da  discutere  — 
sarebbe  stato  consigliato  allo  scrittore  francese  dalle  abitudini 
del  tempo,  dal  concetto  ch'egli  ebbe  della  poesia  e  specialmente 
da  misure  di  prudenza.  Non  diversa  strada  seguiva  il  Montes- 
quieu facendo  discorrere  i  protagonisti  delle  sue  Lettres  persanes, 
che  di  persiano  altro  non  Hanno  che  il  nome.  Chiunque  abbia 
scorso  l'opera  meritoria  del  Martino  ammetterä  infatti  che  questo 
pseudo  "exotisme"  fu,  per  oltre  un  secolo,  rigoglioso  in  Francia 
e  che  mise  pure  vigorose  radici  anche  in  altre  terre.  Un  dissenso 
con  TA.  SU  tale  questione  non  ci  pare  possibile.  II  dissenso  co- 
mincia  invece  quando  trattasi  della  identificazione  dei  personaggi 
e  della  ricerca  quindi  dei  prototipi.  Indaga  TA  con  acuto  ingegno 
ma,  a  vero  dire,  non  spesso  ci  persuade.  "L'intention  perfide''' 
e  "rallusion  sournoise"  giä  furono  indicate  dal  Desnoiresterres, 
ma  altro  e  Fallusione  generica  ed  altro  l'allusione  personale  eretta 
a  sistema.  Certo  e,  per  servirci  d'un  diverso  esempio,  che  il 
Moliere  pingendo  Tartufe,  ha  avuto  presenti  vari  modelli  vivi 
o  trovati  in  altri  scrittori,  perö  con  questi  ha  creato  un  personaggio 
nuovo  ed  originale,  quantunque  in  talune  linee  del  volto  e  in  certe 
avventure  della  propria  vita  possa  ricordare  da  vicino  qualche 
conoscente  del  poeta. 

Zadig,  secondo  Tasserzione  di  Hammer,  vuol  significare^ 
con  ricordo  del  biblico  Giuseppe,  "colui  che  dice  il  vero"  e  l'A 
non  dubita  che  in  esso  il  Voltaire  incarni  se  stesso,  perche  egli 
fu  0  credette  di  essere,  secondo  ladefinizione  di  Federico  il  Grande^ 
"le  ministre  de  la  verite".  La  prova  non  pare  troppo  solida 
per  costruirci  su  un  edificio  di  ipotesi,  ne  tra  i  casi  di  Zadig  e  le 
memorie  biografiche  del  poeta  della  Henriade  so  trovare 
quei  messi  intimi  che  sono  indispensabili  per  suffragare  l'ipotesi. 

Comunque  sia,  se  Zadig  e  Voltaire,  s'ha,  come  corollario, 
e  qui  sta  il  peggio,  che  coloro  che  lo  circondano  sono  gli 
stessi  con  cui  il  filosofo  di  Ferney  ebbe  relazioni  e  lotte. 
Zadig  diventa  pcrtanto  una  autobiografia.  Setoc,  padrone 
di  Zadig,  caduto  in  sciiiavitü,  personifica  per  es.  il  guar- 
dasigilli  d'Agnesseau.  Con  la  finale  seau,  avrebbe  il  Voltaire 
formato  sot,  facendo  cosi  un  bisticcio  fra  "garde  des  sceaux" 
et  "garde  des  sots",  da  cui  sarebbe  stranamente  scaturito 
Setoc.  E  quando  mai  Voltaire  fu,  in  qualcho  modo,  schiavo 
di  d'Agnesseau?  Non  e  questo  Setoc,  sebbono  compratoro 
di  carnc  umana,  il  miglior  diavolo  di  questo  mondo,  pronto 
subito  ad  acccttare  ed  a  lodare  la  suporioritä  di  Zadig?  Perche 
non  riconoscere  piuttosto,  nei  casi  dell'amante  di  Astarte,  il 
ricordo  piü  semplice  delle  avventure  di  Esopo  e  di  quel  Xanthus 
che  il  La  Fontaine  aveva  reso  popolarissimo  ?  Non  niolto  sicuro 
sembra  del  resto  di  quanto  asserisce  lo  stesso  egregio  Price  perche. 
a  un  certo  momento,  discute  l'ipotesi  che  dichiara  meno  bui'na 


210  Referate  und  Rezensionen.      Pielro  Toldo. 

se  Zadig  non  rapprosenti  piuttosto  quol  poota  porsiano  Sadi 
o  Saadi  di  cui  il  pocta  prondo  il  nomc,  ndla  lottora  dodicaloria, 
sieche  si  avrebbc  un  singolar  trinomio  Saadi,  Voltaire  c  Zadig 
ancor  meno  convincentc. 

Moabdar,  re  di  Babilonia,  nasconde,  assicura  l'A,  nientemeno 
che  Luigi  XV^,  sovrano  della  Babilonia  modorna.  La  sua  pazzia 
e  la  sua  mortc  danno  luogo  infatti  a  una  gravf  guerra  di  suc- 
cessione  (quolla  d'Austria).  No  consegue  che  Missouf  dolla  no- 
volla  vuol  significarc  miss  Fou  ossia  la  fülle,  ossia  la  signora  di 
Chäteauroux.  Di  questo  passe,  Orcan,  il  cavaliere  che  contrasta 
gli  amori  di  Zadig  e  di  Somire,  trasformasi  nel  famoso  cavaliere 
di  Rolian  che  diede  tanto  filo  da  torcere  al  nostro  poeta;  quanto 
a  Semire,  essa  e  "forse"  Adriana  Lecouvreur  per  cui  lo  scrittore 
francese  nutri  sensi  di  vivo  affetto.  Ma  Zadig  sposa  Azora  e 
Voltaire  rimane  scapolo;  evvia,  questo  non  deve  confonderci; 
Azora  sarä,  in  questo  caso,  la  Livry,  che  fra  i  tanti  amori 
n'ebbe  pur  uno  pel  nostro  poeta  e  che  puö  benissimo  farsi 
passar  per  moglie  sua! 

Giü  per  questa  china  l'A.  sdrucciola  in  altre  e  non  meno 
dubbiose  identificazioni;  sino  ad  oggi  erasi  sempre  creduto  che 
l'episodio  d'Itobad,  l'usurpatore  degli  onori  che  spettano  al 
prode  Zadig,  fosse  attinto  al  Fiirioso.  Niente  affatto.  Itobad 
rappresenta  invece  gli  invidiosi  del  poeta,  usurpatori  della  sua 
gloria  e  piü  particolarmente  quel  Lefranc  di  Pompignan,  che 
avrebbe  rubato  a  Voltaire  l'argomento  di  Alzire.  II  Lefranc 
e  un  provinciale  come  Itobad,  mal  destro  nella  schermaglia  di 
Parnaso,  deriso  a  Corte  per  certe  sue  pretese,  assalito  da  Vol- 
taire senza  misericordia  e  via  dicendo.  Invano  cercate  qualche 
prova  sicura  che  vi  convinca. 

Seguendo  questo  sistema  si  potrebbe  provare  che  Cristoforo 
Colombo  altro  non  fu  che  un  mito;  il  colombo  infatti  e  simbolo 
di  cristianesimo  e  di  viaggiatore;  Cristoforo  significa  chi  porta 
e  quindi  onora  il  Cristo  e  la  fede  e  Tignoranza  del  luogo  di  nascita, 
certa  nebbia  diffusa  sui  primi  anni  dello  scopritore  dell'America 
possono  benissimo  avvalorare  l'allegra  ipotesi. 

II  critico  americano  aguzza  troppo  lo  sguardo  e  per  voler 
eccessivamente  indagare  finisce  per  confondersi.  Astarte,  di 
cui  s'e  giä  tenuto  parola,  simboleggia,  fra  l'altro,  varie  e  troppe 
cose.  Puö  essere  la  regina  di  Francia,  la  signora  di  Chätelet  o 
quella  di  Pompadour.  La  scelta  a  chi  legge.  E  quando  mai  s'e 
saputo  che  Voltaire  abbiasospirato  davvero  per  la  prima  o  la  terza 
di  queste  dame  ?  Ne  basta,  perche  l'A.  va  ancora  piü  oltre  e  finisce 
per  scorgere  nella  sovrana  di  Babilonia  la  sintesi  di  tutti  gli  amori 
del  poeta,  l'immagine  di  infinite  muliebri  bellezze  e  per  sopram- 
mercato  la  musa  stessa,  la  passione  per  la  letteratura,  nonche 
la  personificazione  della  libertä  del  pensiero.  Amare  Astarte 
e  trionfare  vuol  dire  per  Voltaire  amare  il  vero  e  liberamente 


Price^  William  Raleigh.      The  symholism.  211 

esporlo;  i  nemici  che  s'oppongono  sono  gli  stessi  che  invano 
cercarono  di  sbarrare  la  via  del  filosofo;  infine  le  nozze  della 
coppia  subhme  simboleggiano  la  vittoria  del  sole  sulle 
tenebre. 

Come  personaggio  allegorico  s'indica  pure  Arimaze  ossia 
l'invidioso;  il  suo  nome  discende  dal  mito  di  Zoroastro  e  il  suo 
livore  dalla  Corte  di  Francia.  Zadig,  in  questo  momento, 
trasformasi  in  Voltaire,  che  ritorna  dall'Inghilterra,  con  un 
mondo  nuovo  di  idee,  assalito  dai  gesuiti  e  dai  giansenisti, 
accusato  ingiustamente  e  per  invidia  messo  al  bando.  Ma 
Arimaze  e  particolarmente,  sempre  secondo  lo  spirito  maligno 
dell'autore,  Temulo  piü  accanito  del  poeta  c  precisamente 
J.  J.  Rousseau  il  quäle  avrebbe  cosi  fornito  al  suo  avversario, 
la  propria  personificazione,  pingendo  nella  allegoria  dell  "Opera 
de  Naples"  un  diavolo  ipocrito  che  sostiene  la  parte  di  poeta 
di  teatro.  La  relazione  e  difficile  scorgerla  e  credo  che  l'A. 
non  la  scorga  nemmeno  lui  molto  chiaramente  perche,  subito 
dopo,  il  suo  pensiero  si  rivolge  al  Desfontaines.  Perche  non 
piuttosto  costui,  perche  non  piuttosto  Freron,  aggiungiamo 
noi  ?  Ipotesi  per  ipotesi  tutto  puö  sostenersi  con  un  po'  di 
buon  volere. 

L'argomento  piü  forte  che  milita  in  favore  di  tale  identitä 
sarebbe  quello  che  Arimaze  vuol  rovinare  Zadig,  come  Rousseau 
cercö  la  rovina  di  Voltaire,  unicamente  perclie  piü  felice  di  lui ; 
s'aggiunga  che  Arimaze  e  impacciato  in  societä  ne  piü  ne  meno 
dello  scrittore  Ginevrino  e  del  Desfontaines  stesso.  Qui,  come 
altrove,  non  mancano  osservazioni  acute  cd  anche  giusti  rilievi, 
ma  la  mania  di  voler  tutto  personificare  fa  spesso  velo  al  sereno 
giudizio. 

Vedete  l'episodio  di  Arbogad.  "Gad"  in  ebraico,  il  Price 
c'insegna,  vuol  dire  "ladro"  ed  infatti  Arbogad  e  un  capo  di  bri- 
ganti,  bonaccione  e  burlone,  ciie  a  me  ricorda  mcsser  Ghino  di 
Tacco  del  Decameron,  anche  per  certa  guarigione  che  segue 
subito  per  opera  del  protagonista,  dovuta  alla  stessa  terapeutica  de! 
brigante  italiano.  "Ogul  est  un  liomme  voluptueux,  dice  il  Vol- 
taire, qui  ne  cherche  qu'ä  faire  grand'chere.  Jl  est  dun  embon- 
point  excessif,  qui  est  toujours  pret  ä  le  suffoquer."  Zadig  per 
guarirlo,  lo  costringe  a  far  molto  esercizio;  proprio  la  cura  che 
Ghino  impone  all'abate  di  Gligni. 

Arbogad  che  esclama:  "Cette  lerre  est  ä  moi  soul;  tt»ut  oe 
qui  vient  aur  mos  lorres  est  ä  moi"  rappresenta  invece,  pol  critico 
americano,  riutollei-anza  religiosa  e  polilica  del  W'IIP  sec.  e 
certa  immagine  del  granello  di  sabbia  che  si  trasforma  in  diamante, 
offre,  a  suo  credere,  il  simbolo  della  Chiesa,  clie  dall'umiltä  delle 
sue  origini  e  salita  a  tanto  splendore.  L'osservazione  ha  qualche 
pregio  e  puö  darsi  che  l'A.  colga,  questa  volta,  nel  segno.  Sen- 
nonche  Arbogad   deve    anche    lui,   come  Astarte,    avor   parecchi 


212  Referate  und  Rezensionen.     Pietro  Toldo. 

aspetti  e  scnsi  sia  qualc  pcrsonificazione  del  poterc  regale  sia 
quäl  rappresentante  della  plutocrazia,  sieche  e,  secondo  i  casi, 
ora  Fcderico  il  Grande,  ora  certi  "receveurs  generaux"  anzi  il 
Michel  stesso  in  carne  ed  ossa.  II  riavvicinamento  fra  il  brigante 
e  il  re  di  Prussia  e  specialmente  curioso  e  lusinghiero  per  quest' 
ultimo ! 

Zadig  e  invitato  a  rimanere  ospite  nel  castello  del  munifico 
ladro,  come  Voltaire  fu  trattenuto  alla  Corte  di  Prussia,  Vero 
e  che  Zadig  parte  subito  c  che  Voltaire  invecc  soggiorna  lunga- 
mente  nel  palazzo  di  Federico,  ne  pare  probabile  che  lo  scrittore 
francese,  ove  avesse  voluto  pingere  i  propri  casi,  dimenticasse 
di  bollare  gli  avversari  che  trovö  intorno  al  principe  filosofo; 
primo  fra  essi  il  Maupertuis.  E  poi  perche  mai  tutte  queste 
allegorie  avrebbero  dovuto  sfuggire  alla  malevolenza  dei  contem- 
poranei  del  Voltaire  che  d'altre  allusioni  trovarono  o  credettero 
di  trovar  subito  la  chiave  ? 

Intorno  alla  spiegazione  dell'episodio  dell'  "Ange  et  Termite" 
abbiamo  pure  da  fare  parecchie  riserve.  II  rimpianto  maestro 
Gaston  Paris  studio  le  origini  e  il  senso  di  questa  leggenda,  insieme 
Orientale  e  cristiana,  la  quäle  insegna  ai  mortali  esser  recondite 
le  vie  del  Signore  e  fallace  l'umano  giudizio  delle  azioni  divine. 
L'angelo  uccide  gli  innocenti,  ricompensa  i  furfanti,  fa  insomma 
l'opposto  di  quello  che  sembra  conforme  a  giustizia,  sieche  Zadig 
si  scandalizza  e  protesta,  ma  Tangelo  spiega  e  rivolgendosi  all'ardito 
mortale,  gli  impone  il  silenzio:  "Cesse  de  disputer  contre  ce 
qu'il  faut  adorer."  Ora  il  critico  americano  non  ha  dato  la  dovuta 
attenzione  a  quel  "mais"  con  cui  Zadig  accenna  una  risposta, 
un  "mais"  filosofico,  impertinente,  a  cui  chi  sa  quäl  diavoleria 
sarebbe  attaccata,  ove  all'autore  non  fosse  convenuto  di  non 
guastare,  con  troppi  ragionamenti,  lo  squisito  episodio.  II  "mais" 
basta  perö  ad  indicare  che  Fanimo  umano  non  e  pago  di  quella 
apologia  della  Provvidenza  e  si  ricordi  che  nello  stesso  capitolo, 
l'angelo  lesrad  sostiene  certa  teoria  del  male  che  ingenera  il  bene 
della  quäle  in  Cosi-Sancta,  ed  altrove,  si  beffa  allegramente  il 
filosofo  di  Ferney.  Non  qui  dunque  puö  credersi  lo  scetticismo 
del  Voltaire  abbassi  le  armi  per  guadagnare  alla  propria  causa 
i  geusiti  ed  indurli  ad  aprirgli  le  porte  deH'Accademia;  perö  il 
ragionamento  dell'A.  ha  pure  parte  di  vero  e  parecchie 
pagine  sue  sono  qui  degne  di  attento  esame  e  di  serena 
discussione. 

Concludendo,  questo  studio  sul  simbolismo  del  Voltaire 
merita  considerazione  anche  da  parte  di  coloro  che,  come  noi, 
non  sono  disposti  a  riconoscere  se  non  molto  relativamente  la 
bontä  della  tesi  in  esso  sostenuta  e  che  non  possono  a  meno 
d'accusarla  di  qualche  esagerazione. 

Pietro  Toldo. 


Rerrei,   Paul.     Le  Moyen  äge  dans  la  Legende.        213- 

Berret.,  Paul.  Le  Moyen  äge  dans  la  Legende  des  Siecles 
et  les  sources  de  Victor  Hugo.  Henry  Paulin  et  Cie., 
Paris  1911.     Preis  10  fr. 

Die  Quellenforschung  über  V.  Hugo  hat  eine  neue  wertvolle 
Bereicherung  erfahren.  Die  Arbeit  P.  Berrets  ist  sehr  ausführ- 
lich, obwohl  sie  nur  diejenigen  Gedichte  der  Legende  analysiert, 
die  dem  Titel  nach  das  Mittelalter  zum  Gegenstand  haben. 
Berret,  der  sich  seit  langen  Jahren  mit  V.  Hugos  Legende  be- 
schäftigt, von  der  er  eine  kritische  Ausgabe  plant,  und  der  auch 
über  die  philosophisch-mythologischen  Gedichte  in  diesem  Werke 
ein  Buch  publiziert  hat,^)  war  in  der  Lage,  ein  außerordentlich 
reiches  Material  zu  verwenden.  Er  hat  nicht  nur  die  Manuskripte 
des  Dichters  benützt,  er  hat  auch  einen  unter  dessen  Diktat 
entstandenen  Katalog  der  einst  in  Guernsey  vorhandenen 
Bücher  eingesehen  und  auf  der  Insel  selbst  die  jetzt  noch  er- 
haltenen Reste  der  BibHothek  Hugos  in  der  Hand  gehabt.  Durch 
die  Nachforschungen  Berrets  ist  ein  neuer  Beweis  der  ganz  un- 
gewöhnlichen Arbeitsweise  des  Dichters  erbracht  worden.  Hugo 
benutzte  historische  und  geographische  Quellen  in  nicht  ganz 
unbedeutender  Zahl,  aber  eigentlich  nur,  um  der  Geschichte 
und  Geographie  ein  Schnippchen  zu  schlagen,  in  der  Meinung, 
der  Legendendichter  stünde  über  Zeit  und  Raum.  Man  möchte 
sein  Werk  einem  Mosaikspiel  vergleichen,  in  dem  die  einzelnen 
Würfel  zwar  vorhanden,  jeder  aber  am  unrechten  Orte  ein- 
gefügt ist. 

Trotzdem  erscheinen  jetzt  durch  Berrets  Forschungen  die 
Hauptquellen  für  folgende  Gedichte  festzustehen.  LeMariage 
de  Roland  und  A  ymerillot  sind  einem  Artikel  von 
Jubinalim  Journal  du  Dimanche:  Quelques  romans 
chez  nos  a'ieux  entnommen.  (Nicht,  wie  man  für  Aymerillot 
zuerst  vermutet  hat,  einem  Artikel  desselben  Autors  im  Musee 
des  Famüles.)  Nächst  der  inneren  Evidenz  ist  hier  eine  zwin- 
gende äußere:  man  hat  die  Ränder  der  Seite  6  des  Journal 
mit  einzelnen  Versen  zum  Roland  von  V.  Hugos  Hand  versehen 
gefunden. 

L'Ä  igle  du  casque  ist  entweder  aus  demselben  Artikel 
geflossen  oder,  wie  eine  Stelle  darin  vermuten  läßt,  aus  Jubinals 
eigner  Quelle,  E.  L  o  g  1  a  y ,  Fragments  d'ßpopdcs  romancs  {Raoul 
de  Cambrai).  Die  schottische  Lokalfarbo  des  Gedichts  geht  zum 
Teil  auf  W.  Scott  zurück,  die  Namen  auf  D  e  b  r  e  t  t's  Peerage. 

In  manchen  Gedichten  werden  dem  Autor  eigene  Arbeiten 
zur  Haupt-  oder  Nebenquelle;  so  für  Montjaucon  die 
Schilderung  des  Gebäudes  in  Notre  Dame  de  Paris;  für  Eri- 
V  adnu  s  sein   Werk  le   Rhin  und   dessen    Quelle    P  f  e  f  f  e  1 , 


1)  La   Philosophie  de   V.  Hugo  et   dcux  Mythes  de  la  Legende  des 
Siecles. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX'/',  16 


214         Referate  und   Hezenaionen.     Lucieit- l'auL   Thomas 

Nouvel  abrege  chronologique  de  Vhisloire  .  .  d'AUemagne;  für. 
P  ar  r  i  cide  die  E  d  d  a  s  t  u  d  i  e  n  ,  die  er  aus  M  a  1 1  e  t , 
Histoire  du  Danemark  für  Hart  d'Islande  gemacht  hatte;  für 
zahlreiche  in  Spanien  spielende  Epen  die  Notizbücher, 
die  der  Dichter  auf  seiner  Reise  nach  Navarra  (1843)  ge- 
wissenhaft geführt  und  in  die  er  Auszüge  aus  Reisehandbüchern 
eingefügt  hatte. 

Endlich  wird  der  Dichter  sich  auch  selbst  zur  Quelle,  wenn 
er  seine  eigene  Person  zum  Mittelpunkt  des  Gedichtes  macht 
und  ihr  als  Gegner  Napoleon  II  I.  gegenüberstellt,  beide 
Gestalten  jedoch  unter  andern  Namen  in  eine  frühere  Zeit  zurück- 
versetzt, wie  es  im  Weif  und  in  den  italienischen 
Epen,  besonders  in  Confiance  du  m  ar  quis  Fa- 
hrice und  le  C  0  mte  Felibien,  der  Fall  ist.  Das  itaUe- 
nische  Mittelalter  ist  überhaupt  nur  eine  Verkleidung  zeitge- 
nössischer Ereignisse  in  alte  Prunkgewänder  mit  Hilfe  glänzender 
Titel,  die  zumeist  in  Hugos  Helfer  in  allen  Nöten,  M  o  r  e  r  i , 
Grand  Dictionnaire  historique  (1683),  zu  finden  sind. 

Auf  alle  Einzelheiten  von  Berrets  Forschung  einzugehen, 
ist  hier  natürlich  nicht  möglich.  Auch  nicht  auf  die  Gründe, 
warum  mir  hin  und  wieder  seine  Entscheidungen  in  dem  oder 
jenem  Punkt  nicht  ganz  einwandfrei  erscheinen.  Ein  so  großes, 
anscheinend  fast  lückenloses  Material  bedingte  eine  gewisse 
Einseitigkeit.  Berret  erkennt  an  Quellen  nur  an,  was  des  Dichters 
Bibliothek  in  Guernesey  nachweisbar  enthielt,  ferner  ältere 
Werke  Hugos  und  die  Kollektaneen  dazu,  sowie  zeitgenössische 
Ereignisse,  alles  andre  wird  von  ihm  verworfen  oder  angezweifelt, 
auch  wenn  eine  starke  innere  Evidenz  zu  dessen  Gunsten 
spricht.  Etwas  abweichende  Ansichten  habe  ich  —  allerdings 
ohne  ein  so  umfangreiches  Material  zur  Verfügung  zu  haben  — 
für  zwei  Gruppen  der  Legende,  die  Cid-Romanzen  und  die  Trönes 
d'Orient^  schon  früher  ausgesprochen.  Von  den  türkischen  — 
als  außerhalb  des  Mittelalters  stehend  —  analysiert  Berret 
übrigens  nur  den  Sultan  Mourad. 

Man  müßte  doch  außer  den  erwähnten  Faktoren  m.  E. 
noch  andere  berücksichtigen.  Ist  es  denn  sicher,  daß  ein 
Dichter  von  den  als  Quelle  in  Betracht  kommenden  Werken 
nur  dasjenige  benützt,  das  ihm  im  Augenblick  der  Abfassung 
am  leiclitesten  zur  Hand  war?     Es  ist  doch  nur  wahrscheinlich. 

Margarete  Rösler. 


£fi*er,  Hubert.  Beiträge  zur  Geschichte  der  französischen 
Literatur  in  Belgien.  8°.  66  pp.  Düsseldorf,  W.  Deiters' 
Verl.,  1909. 

Xiebrecltt,  Henri.  Histoire  de  la  Litter ature  Beige  d'ex- 
pression    frangaise,     avec     une     preface     d'E  d  m  o  n  d 


Liebrecht,  Henri.     Histoire  de  la  Liiterature  Beige.      215 

P  i  c  a  r  d  ,  Bruxelles,  librairie  Vanderlinden,  1910.    IX, 
472  p.     8». 

Des  livres  recents,  publies  en  Belgique,  ont  etudie  plus 
ionguement  les  questions  traitees  par  le  Professeur  E  f  f  e  r 
dans  son  interessant  essai.  / 

II  me  semble  cependant  que,  meme  aujourd'hui,  un  compte- 
rendu  du  premier  livre  allemand  qui  ait  explore,  dans  son  en- 
semble,  le  domaine  litteraire  des  ecrivains  beiges,  se  justifie 
pleinement. 

L'auteur  rappelle  d'abord,  de  facon  succincte,  comment 
s'opera  la  romanisation  du  pays  que  se  partageaient,  avant 
la  conquete  de  Cesar,  Tarriere-garde  des  Geltes  et  l'avant-garde 
des  germains;  il  montre  que  la  difference  de  culture  qui  devait 
caracteriser  plus  tard  les  Pays-Bas  du  Nord  et  les  Pays-Bas 
du  Sud,  provient  surtout  de  la  fondation  de  Teveche  d'Utrecht 
qui  possedait  une  metropole  purement  germanique,  tandis  que 
les  regions  du  sud,  incorporees  ä  des  dioceses  de  la  France  future, 
reunissaient  les  populations  sans  distinction  de  race;  les  Francs 
qui  vivaient  sur  ces  territoires  se  trouvaient  ainsi  separes  du 
monde  germanique  et  leurs  rapports  frequents  avec  les  popu- 
lations gauloises  les  preparaient  ä  subir  Tinfluence  latine. 

M.  Effer  parle  ensuite,  tres  brievement,  de  la  langue  vulgaire 
des  gallo-romains,  des  origines  de  la  poesie  populaire  et  heroique, 
de  la  culture  intellectuelle  des  Pays-Bas  au  temps  des  Caro- 
lingiens,  des  frontieres  linguistiques  ä  l'epoque  des  traites  de 
Verdun  et  de  Mersen.  II  montre  enfin  l'influence  grandissante 
du  Frangais  qui  se  repand  de  plus  en  plus  dans  les  Flandres  et 
dans  le  Brabant  et  devient  une  seconde  langue  maternelle  pour 
le  haut  clerge  tourne  vers  le  sud;  pour  les  nobles,  dont  les 
mceurs  sont  celles  de  la  chevalerie  francaise;  pour  les  marchands, 
continuellement  en  rapports  d'affaires  avec  la  Champagne;  et 
meme,  jusqu'ä  un  certain  point,  pour  les  petits  bourgeois  et 
les  artisans. 

M.  Effer  fait  tres  bien  ressortir  le  röle  considerable  joue 
par  les  Flandres  wallonnes,  lo  Hainaut,  le  Brabant  et  la  Prin- 
cipaute  de  Liege,  dans  la  vi(>ille  htterature  francaise,  parti- 
culierement  au  XI F  et  au  XIII®  siecles.  II  rappoUo  que  le  romau 
de  Renard  doit  surtout  son  developpement  aux  regions  flamaudes, 
mais  il  dissumule  sans  raison  la  contribution  notable  du  reste 
de  la  France.  Je  prefere  les  chapitres  oü  l'auteur  cite  et  appröcie 
les  Oeuvres  des  grands  poetes  lyriques  ou  epiques,  des  romanciers, 
dramaturges,  tradutteurs,  chrouiqueurs,  hisiorions  de  la  grande 
Belgique  d'antan,  tels  que  Gaiiti(>r  d'Arras,  Jehan  Bodel  et 
Adam  de  la  Halle  (egalement  d'Arras),  Tauleur  du  Poeme  moral 
(de  la  region  de  Liege),  Jehan  le  Bei  et  Desprez  d'Oultremeuse 
(de  Liege),  Adenet  le  roi  (du  pays  brabanc^mn),  Philippe  Mousquet 

15* 


216        Referate  und  Rezensionen.     Laden- Paul  Thomua. 

(de  Tournai),  Jean  Froissart  et  Jean  Molinet  (de  Valenciennes), 
Philippes  de  Commines  (de  Lille),  Jean  le  Maire  de  Beiges  (de 
Beiges,  Bavai),  et  tant  d'autrcs  ecrivains  de  haute  valeur. 

Cependant,  le  critique  n'a  pas  toujours  verifie  suffisamment 
ses  assertions:  c'est  ainsi  qu'il  ne  met  meme  pas  en  doute  Torigine 
beige  de  Raoul  de  Houdan  qu'il  fait  naitre  a  Houdenc,  pres 
Binches,  fait  depuis  longtemps  conteste.  II  lui  attribue  egale- 
ment  le  poeme  La  Voie  de  Paradis,  qu'il  n'a  probablement  pas 
ecrit.  Par  contre,  M.  Effer  ne  cito  ni  la  cantilene  d'Eulalie, 
ni  la  chantefable  d'Aucassm  et  de  Nicolette,  qui  auraient  du 
trouver  place  dans  son  etude. 

M.  Effer  semble  aussi  partager  l'erreur  de  nombre  de 
critiques  beiges  qui  croient  de  leur  devoir  d'affirmer 
l'independance  de  la  litterature  frangaise  des  Pays-Bas, 
vis-ä-vis  de  celle  de  la  France.  II  cite  un  passage 
de  Henri  Pirenne  oü  le  savant  historien  affirme  que  la  litte- 
rature romane  des  Flandres,  du  Brabant  et  du  Hainaut  est  un 
produit  autochtone;  qu'elle  n'a  pas  ete  importee  de  France, 
n'imite  pas  les  modeles  etrangers,  se  sert  du  dialecte  picard  et 
defend  hautement  son  originalite.  —  M.  Effer  cite  egalement 
Nautet  {Histoire  des  Lettres  beiges  d'expression  franQaise,  Bru- 
xelles,  1902,  t.  II,  p.  159):  «l'enseignement  rattache  volontiers 
cette  floraison  litteraire  nationale,  strictement  autochtone,  ä 
l'histoire  de  la  litterature  de  France.  Chacun  oublie  ainsi  que  la 
Belgique  . . .  fut  pourtant  le  berceau  glorieux  de  la  poesie  francaise. 

Par  son  silence,  M.  Effer  semble  approuver  ces  assertions; 
en  tout  cas,  il  ne  les  infirme  pas. 

C'est  une  erreur  de  penser  que  la  litterature  d'une  province 
linguistique  joue  un  röle  inferieur  quand  eile  se  rattache  aux 
mouvements  intellectuels,  aux  tendances  artistiques  du  reste 
du  pays.  II  est  certain  que  la  litterature  qui  se  developpa  sur 
le  territoire  de  l'ancienne  Belgique  possede  une  originalite  aussi 
grande  que  celle  des  provinces  les  plus  favorisees  du  domaine 
fran^ais.  Les  Wallons  des  Flandres,  du  Hainaut,  de  Liege  ou 
du  Brabant  n'avaient  pas  lieu  d'imiter  —  plus  que  les  ecrivains 
des  autres  regions  —  une  litterature  a  laquelle  ils  appartenaient; 
s  ur  plus  d'un  point,  ils  ont  meme  ete  les  devanciers  de  leurs 
freres  du  Sud.  Mais  cette  spontaneite  a-t-elle  depasse  celle  de 
rile  de  France,  de  la  Normandie  ou  de  la  Champagne  ?  C'est 
ce  qui  ne  me  parait  ni  etabli,  ni  meme  digne  d'etre  longuement 
discute.  On  peut  affirmer,  je  pense,  qu'aucun  mouvement 
litteraire  n'est  «strictement  autochtone»  et  qu'aucune  province 
en  particulier  n'a  ete  le  berceau  de  la  litterature  francaise. 

II  eüt  fallu,  pour  mettre  clairement  en  lumiere  la  contri- 
bution  artistique  des  Pays-Bas,  faire  ressortir  moins  negligem- 
ment  celle  des  autres  territoires,  montrer,  degager  davantage 
les  courants  generaux  et  les  reactions  reciproques. 


Liebrecht,  Henri.     Histoire  de  la  LiUeraliire  Beige.      217 

Ne  voit-on  pas  d'ailleurs,  ä  cöte  de  genies  tels  que  Philippe 
de  Commines  et  Jean  le  Maire  de  Beiges,  la  valeur  des  ecrivains 
baisser  aux  Pays-Bas,  lorsque  les  ducs  de  Bourgogne  fondent, 
ä  cote  de  la  grande  nation,  une  puissante  unite  rivale  ?  Et 
n'assistons-nous  pas  ä  une  decadence  ä  peu  pres  complete  quand 
vient  le  regne  de  la  Maison  d'Autriche,  au  moment  meme  oü 
les  lettres  frangaises  brillaient  d'un  si  vif  eclat? 

Un  simple  resume  liistorique  des  evenements  de  la  periode 
espagnole  ne  pouvait  cependant  suffire:  il  etait  necessaire  d'ac- 
corder  quelquc  attention  ä  Philippe  de  Marnix  de  Ste  Aldegonde, 
ne  ä  Bruxelles  en  1538,  mort  en  1598,  auteur  du  Tahleaii  des 
Biffercnts  de  la  Religion  et  d'autres  oouvres  colebres.^) 

M.  Effer  parle  ensuite  des  territoires  conquis  par  la  France. 
II  fait  l'historique  de  l'activite  intellectuelle  de  la  Belgique  sous 
les  dominations  autrichienne,  frangaise  et  hollandaise.  Au 
XVI IP  siecle,  le  Prince  de  Ligne  est  le  seul  ecrivain  vraiment 
digne  de  ce  nom.  Pour  la  periode  hollandaise,  on  ne  peut  guere 
nommer  que  des  poetes  peu  originaux,  imitateurs  de  Tabbe 
Delille  et  des  autres  classiques  attardes:  Lesbroussard,  de  Stassart, 
Rouveroy;  un  grand  poete  romantiquo:  Andre  Van  Hasselt; 
des  savants,  historiens,  critiques  tels  que  de  Reiffenberg,  de 
GerJache,  de  Potter,  Potvin. 

II  eüt  ete  desirable  de  parier  des  importantes  etudes  rythmi- 
ques  de  Van  Hasselt,^)  essais  d'assimilation  partielle  ä  la  metrique 
latine,  la  plus  scientifique  et  la  plus  remarquablc  que  Ton  ait 
tentee. 

II  fallait  egalement  citer  le  Liegeois  Edouard  Wacken  (1819 
—  1861),  l'auteur  des  H eures  d'Or,  Fantaisies,  Fleurs  d' Allemagne; 
ce  fut  peut-etre,  avant  l'epanouissement  du  genie  puissant  de 
Van  Hasselt,  le  poete  beige  le  plus  inspire,  le  plus  sincerement 
lyrique  de  son  temps. 

Pour  la  periode  comprise  entre  1830  et  1880,  le  critique 
cite  ä  bon  droit  Goster  et  Lemonnier,  mais  il  omet  le  moraliste, 


^)  (Euvres  de  Philippe  de  Marnix  de  Ste  Aldegonde,  Bruxelles, 
1857,  4  vol.  Sur  cet  auteur  qvii  joua  un  röle  considerable  dans  les 
lüttes  contre  l'Espagne  et  uida  a  la  fondation  de  la  Republique  des 
Provinces-Unies,  oa  peut  consultei-  entre  autres  etudes:  Edgard 
Quin  et,  Fnndation  de  la  Republique  des  Provinces-Unies.  Marnix 
de  Ste.   Aldegonde,  Paris  1854. 

-)  Poemes,  paraboles,  ödes  ct.  etudes  rhythmiques  (1862) ;  Les  Qitatre 
Incarnations  du  Christ,  poemo,  suivi  de  soixante-sopt  nouvelles  etudes 
rhythmiques  (18(57);  Les  Quatre  Incarnations  du  Christ,  po6me 
(2e  Edition),  suivi  de  plusieurs  poemes  inödits  et  de  quaranle-deux 
nouvelles  Etudes  rhythmiques  (1872).  Les  Quatre  Incarnations  du 
Christ,  avec  une  preface  de  G.  Rency,  Association  des  Ecrivains 
beiges,  Bruxelles  1908.  Cette  metrique  est  bas^e  sur  l'accent  ionique 
et  non  sur  la  quantit6  des  syllabes.  On  trouve  une  etude  interessante 
de  cette  question  chez  Louis  Alvin,  Andre  Van  Hasselt,  sn  i'ie 
■et  ses  truiuux,  Bruxelles  1877. 


218        Referale  und  Rezensioiwu.     Luden- J*(/nl   Thomas. 

penseur  ot  romancicr  Octave  Pirmez  (1832 — 1883),  qui  so  lit 
connaitre  par  ses  Pensees  et  Maximes  —  Jours  de  Solitudes  — 
FeuilUes  —  JI eures  de  Philosophie  —  liemo,  ocuvrcs  d'un  reveur, 
d'un  idealiste  dont  l'äme  elcvee  et  seroine,  la  iangue  liarmonieuse 
et  souple  fönt  oublier  la  langueur  un  peu  monotone.^) 

L'important  mouvement  litteraire  compris  entre  1880  et  nos 
jours,  est  depeint  brievement,  mais  generalement,  de  fagon  tres 
heureuse  par  M.  Effer.  II  est  bien  renseigne  et  ses  jugements 
sur  la  valeur  des  divers  ecrivains  sont  tres  avertis.  Comme  11 
s'en  est  tenu  aux  manifestations  les  plus  importantes  de  [la 
litteraturc  contemporaine ,  il  ne  faut  point  s'etonner  s'il 
neglige  quelques  hommes  de  Icttres  qui  ne  sont  point  denues 
de  talent;  j'aurais  cependant  aime  qu'il  cität  Remouchamps, 
poete  philosophe,  auteur  de  poemes  en  prose  d'une  grande  ele- 
vation ;  Jules  Destree,  styliste  et  conteur  exquis  et  Felix  Bodson, 
poete  lyrique  et  surtout,  poete  dramatique  plein  d'esprit,  de 
charme  et  d'emotion. 

Van  Lerberghe  (non  pas  Van  Leberghe  comme  Orthographie 
l'auteur  a  deux  reprises),  lo  ehantre  sublime  de  ia  Chanson  d'Eve 
et  d'autres  ocuvres  seduisantes,  meritait  uno  mention  uioins  brevc 
Albert  Mockel,  cite  comme  poete,  pouvait  l'etre  egalement  comme 
Fun  des  critiques  les  plus  penetrants  et  les  plus  notables  du 
symbolisme  moderne. 

Malgre  les  inevitables  erreurs  qu'elle  contient  et  des  lacunes 
parfois  regrettables,  Tetude  de  M.  Effer  est  des  plus  conscien- 
cieuses;  d'une  clarte  remarquable  et  d'une  louable  concision,  eile 
reste  utile  et  peut  aider  ä  de  plus  amples  recherches. 

II  convient  de  temperer  de  beaucoup  de  reserves  ies  eloges  que 
Ton  peut  adresser  ä  M.  L  i  e  b  r  e  c  h  t.  Les  questions  traitees 
par  M.  Effer  sont  etudiees  avec  des  developpements  beaucoup 
plus  considerables  par  le  jeune  auteur  qui  a  profite  de  nombreux 
travaux  anterieurs.  II  a  rattache,  mieux  peut-etre  que  ses 
devanciers,  la  litterature  des  regions  beiges  aux  grands  courants 
generaux  de  la  pensee  europeenne.  Pour  atteindre  ce  but,  il 
lui  a  suffi  d'appliquer  ä  la  Belgique  ce  que  l'on  savait  dejä 
de  la  France  et  des  autres  nations.  , 

La  documentation  est  souvent  serieuse,  parfois  meme  en- 
combrante,  quoiqu'elle  ne  paraisse  pas  toujours  de  premiere 
main,  ni  au  courant  des  dernieres  recherches.  En  tout  cas, 
l'auteur  a  fait  de  tres  grands  efforts  pour  concentrer  dans  son 


^)  On  peut  consulter  sur  cet  ecrivain :  Henry  Maubel  et 
James  Vandrunen,  Octave  Pirmez,  Impressions  et  Souvenirs, 
Bruxelles,  1897.  —  S  i  r  e  t ,  Vie  et  Correspondance  d'Octave  Pirmez, 
1888.  —  Maurice  Wilmotte,  Octave  Pirmez,  Preface,  choix, 
notes  et  table,  Bruxelles,  1904.  —  Dumont  Wilden,  Les 
Walions  et  Vesprit  europeen,  article  publie  dans  Les  Arts  anciens  du 
Hainaut,  Bruxelles,  van  Oest,  1911. 


Liebrecht,  Henri.     Hisioire  de  la  Litterature  Beige.      219 

etude  tout  co  qui  lui  semblait  devoir  faire  partie  d'une  histoire 
complete  des  lettres  fran^aises  en  Belgique.  II  a  reuni  un  grand 
nombre  de  faits  qui  se  trouvaient  jusque  lä  dissemines  un  peu 
partout.  Mais  ses  recherches,  qui  portent  sur  beaucoup  d'ecri- 
A^ains  des  plus  importants,  ne  donnent  pourtant  pas  Timpression 
d'un  travail  personnel  et  approfondi. 

Pour  les  periodes  de  decadence,  Tattention  qu'il  accorde  ä 
de  longues  theories  d'auteurs  sans  aucune  valeur,  les  jugements 
qu'il  croit  utile  de  porter  sur  leurs  oeuvres  creuses,  sur  leur 
style  sans  eclat  et  sans  art,  rendent  la  lecture  inutilement  fasti- 
dieuse  et  soporifique.  On  peut  se  demander  s'il  faut  louer  M. 
Liebrecht  du  courage  dont  il  a  fait  preuve  en  relevant  tant  de 
noms  qui  survivent,  on  ne  sait  trop  pourquoi,  ou  bien  s'il  faut 
regretter  qu'il  ait  rendu  son  livre  moins  lisible  et  moins  concentre 
gräce  ä  un  souci  d'historien  en  mal  de  bibliographie. 

On  trouve  cependant,  dans  les  premiers  chapitres,  des  erreurs 
(>u  lacunes  regrettables.  Gelui  des  origines  n'est  pas  excellent. 
II  neglige,  par  exemple,  l'influence  tres  appreciable,  de  la  geo- 
graphie  diocesaine  sur  la  culture  intellectuelle  et  litteraire  des 
F*ays-Bas,  influence  tres  bien  indiquee  dans  le  livre  d'Effer. 
M.  Liebrecht,  qui  n'est  pas  philologue,  confond  le  bas  latin  avec 
!e  latin  vulgaire  (p.  25).  II  pretend  que  le  Wallon  est  une  langue 
(i'origine  celtique.  Emploirait-il  indifferemment  les  mots 
celtique  et  frariQais  ?  Ce  serait  faire  un  usage  bien  peu  recom- 
inandable  de  la  synonymie. 

Les  pages  consacrees  au  theätre  du  Moyen  äge  et  a  ses 
origines  sont  des  plus  faibles:  l'auteur  parait  ignorer  toute  la 
litterature  scientifique  qui  touche  ä  ces  difficiles  questions;  il 
ne  parle  des  origines  religieuses  qu'en  fin  de  chapitre  et  acces- 
soirement;  la  marche  de  son  expose  est  peu  claire  et  on  le  sent 
visiblement  tres  embarrasse.  II  apporte  ici  peu  de  notions  connues, 
moins  encore  de  notions  nouvelles,  alors  que  Ton  pouvait  esperer, 
dans  un  livre  de  cette  etendue,  une  etude  courte  mais  substantielle, 
appliquee  au  territoire  beige. 

Les  chapitres  concernant  les  vieux  historiens  sont  meilleurs 
et  parfois,  tres  satisfaisants,  mais  ceux-ci  etaient  deja  bien  connus 
par  l'histoire  de  France,  et  l'auteur  n'y  ajoute  pas  de  decouvert»>s 
personnelles. 

A  mesure  que  Ton  se  rapproche  de  la  periode  nuxh'rne,  lu 
valeur  des  recherciies  augmente.  Les  pages  consacrees  au  Prince 
de  Ligne,  par  exemple,  sont  vraiment  heureuses.  Toute  la  periode 
comprise  entre  1830  et  nos  jours  est  d'une  tres  bonne  tenue; 
les  appreciations  touchant  les  ecrivains  secondaires  fatigu(>nt 
souvent  par  leur  banalitf»,  mais  les  eci'ivains  de  pnunier  ordre 
comme  Coster,  Gilkin,  et  surlout  Maeterlinck,  y  sont  presenles 
de  fa^on  agreable  et  penetrante  en  un  style  qui  ne  manque  ni 
d'elegance,  ni  de  charme. 


220        Referate  and  Rezensionen.     Luden- Paul  Tfiomas. 

Le  volume  de  H.  Liebrecht  contient  un  appondice  antlio- 
logique  et  un  appendice  bibliographique  qui  donne  une  idee  du 
grand  travail  quo  le  critique  a  du  s'imposer. 

En  depit  de  lacunes  et  de  defauts  serieux,  qui  obligeront  le 
lecteur  ä  s'en  servir  avec  une  prudence  avertie,  YHistoire  de  la 
LüUrature  beige  d' Expression  frangaise,  reste  un  repertoire  utile, 
dont  il  est  juste  d'apprecier  l'effort. 

Gi  essen.  Lucien- Paul  Thomas. 


Les  Arts  anciens  du  Hainaut.  Conferences  publiees 
sous  la  direction  de  M.  Jules  I>estr4?e.  Bruxolles, 
G.  Van  Oest  &  Cie.,  1911.     407  p,  in-12,  2  frcs. 

Cet  interessant  recueil  contient  un  ensemble  de  quinze 
Conferences  aussi  suggestives  que  savantes  touchant  l'architec- 
ture,  la  peinture,  la  scuplture,  la  gravure,  les  arts  industriels, 
la  litterature  et  la  musique  de  l'ancien  comte  —  et  parfois,  de 
la  province  moderne  —  de  Hainaut. 

Je  ne  rendrai  compte  ici  que  de  la  partie  litteraire: 

I.  Maurice  W  i  1  m  o  1 1  e  ,  L'Ancienne  Litterature  fran- 
gaise  du  Hainaut  (p.  249 — 272). 

Tout  d'abord,  M.  Maurice  Wilmotte  rappelle,  par  une  serie 
d'exemples,  combien  11  est  difficile  de  preciser  sans  erreurs  le 
lieu  de  naissance  des  vieux  auteurs  ou  les  influences  multiples 
qui  ont  agi  sur  leur  personnalite.  Souvent,  la  langue  des  ecri- 
vains  peut  seule  nous  offrir  des  renseignements,  faire  naitre  des 
presomptions  de  quelque  valeur.  Les  meandres  que  trace  la 
frontiere  dialectale  des  patois  wallon  et  picard  s'expliquent  par 
l'action  divergente  de  deux  centres  politiques,  de  deux  foyers 
artistiques  differents:  des  territoires  importants  du  Hainaut 
actuel,  notamnent  la  region  de  Charleroi  et  de  Thuin,  se  ratta- 
chaient  jadis  ä  la  principaute  de  Liege  dont  les  contours  etaient 
particulierement  sinueux. 

Tandis  que  la  litterature  de  la  Flandre  est  surtout  bourgeoise 
et  pieuse,  celle  qui  nous  occupe  est  essentiellement  profane  et 
aristocratique. 

Le  Hainaut  etait  bientöt  devenu  la  terre  classique  de  l'aris- 
tocratie  chevaleresque  et  des  elegances  courtoises.  Peut-etre 
meme,  comme  tendent  ä  l'etablir  les  presomptions  reunies  par 
M.  Schofield,  la  conception  des  devoirs  de  la  noblesse  teile  qu'elle 
apparait  dans  la  litterature  anglaise  du  temps  de  Chaucer,  doit- 
elle  se  rattacher  ä  cette  influence.  U  ne  faut  donc  pas  s'etonner 
si,  des  la  fin  du  XII®  siecle,  on  constate,  chez  les  Hennuyers,  une 
emulation  remarquable  et  constante  en  faveur  de  la  vulgarisation 
des  grands  faits  de  l'histoire  ainsi  qu'une  efflorescence  süperbe 
de  la  poesie  de  cour. 


Les  arts  anciens  du  Hainaut.  221 

M.  Wilmotte  qui  parle  aussi  brievement  des  romanciers, 
des  rhetoriqueurs  et  du  theätre,  parvient  ä  mettre  en  scene, 
dans  sa  courte  mais  concise  etude,  foule  d'ecrivains  de  valeur 
tels  que  Henri  de  Valenciennes,  Gillon  de  Muisit,  Gislebert  de 
Mons,  Jelian  de  le  Mote,  Baudouin  et  Jean  de  Conde,  Froissart, 
Molinet,  Philippe  Mousquet,  et  surtout,  Jean  le  Maire  de  Beiges, 
dont  r Oeuvre  importante  annonce  Marot,  sinon  la  Pleiade. 

M.  Wilmotte  a  eu  le  merite,  non  seulement  de  retracer  ä 
grands  traits  toute  la  vie  essentielle  du  Hainaut  litteraire,  mais 
il  Ta  fait  avec  une  prudence  tres  avertie,  entourant  ses  assertions 
de  restrictions  et  de  discussions  qui  mettent  en  lumiere  son 
erudition  et  son  seepticisme  heureux. 

II.  Louis  Dumont- Wilden,  Les  Walions  et  l'esprit 
europeen.     Le  prince  de  Ligne  et  Octave  Pirmez  (p.   273 — 295). 

M.  Dumont-Wilden  nous  parle  ici  de  deux  ecrivains  wallons, 
appartenant.  Tun  au  XVIIF,  l'autre  au  XIX^  siecle  et  qui  in- 
carnent  tous  deux  —  le  premier  surtout  —  l'esprit  frauQais  sous  sa 
orme  la  plus  cosmopolite. 

Le  prince  de  Ligne,  le  principal  ecrivain  beige  de  son  siecle, 
styliste  cite  comme  modele  par  les  salons  de  Paris,  represente 
admirablement  la  mentalite  legere,  subtile  et  frondeuse 
des  derniers  jours  de  l'ancien  regime,  tandis  qu'Octave  Pirmez 
(ne  ä  Chätelet  en  1832),  penseur  grave  et  melancolique  est  un 
,,enfant  du  siecle"  epris  de  la  nature  et  de  la  solitude,  un  delicat 
reveur  dont  ,,les  livres  ont  le  charme  d'une  fin  de  jour  en  Sep- 
tembre  au  pays  Wallon". 

M.  Dumont-Wilden  a  finement  caracterise  la  psychologie 
de  ces  deux  auteurs,  habilement  montre  leurs  attaches  au  sol 
natal,  ä  la  France,  aux  grands  courants  generaux  et  cos- 
mopolites. 

III.LouisDelattre.  Les  Ecrivains  jrariQais  de  Wallonie, 
de  1880  ä  1911  (p.  296—341). 

Malgre  les  reserves  que  j'ai  cru  devoir  faire  ä  diverses  re- 
prises  au  sujet  de  la  soi-disante  autonomie  des  ecrivains  beiges, 
je  reconnais  avec  plaisir  que  presque  toute  la  production  litteraire 
du  sol  wallon  dans  ces  trcnte  dernieres  annees  est  aussi  autochtone 
que  possible.  Sans  doute,  les  auteurs  se  sont  formes  surtout 
par  la  lecture  des  livres  frangais,  mais  ils  chanlent  la  region,  le 
village  natal,  la  petite  patrie,  avec  un  ensemble  extraordinaire. 
Ainsi  les  auteurs  wallons  ont  pu,  sans  imiter  personne,  exprimcr 
leurs  sentiments  propres,  les  mettre  en  action  dans  un  paysage 
connu,  au  miliou  d'une  population  dont  ils  connaissent  parfaite- 
ment  les  maurs  et  le  caractere. 

Si  ce  particularisme  presentait  de  grands  avantages  pour 
une  jeune  litterature,  il  nuisait  sans  doute  ä  la  creation  de  grandes 
ceuvres  universellement  liumaim^s;  mais  «1(^  Wallon   veut   tenir 


222        licfcrdlc  und   Hezensionen.     Luden-  /'mil    Thomas. 

(lans  ses  paumes  fermees  le  cocur  Loujours  cliaud,  Vkmc  de  son 
nid,  de  sa  race». 

La  Conference  de  Louis  Delattre,  eloquente  et  genereuse, 
contribuera  certainement  a  la  renaissance  des  lettres  au  pays 
wallon. 

J'ajouterai  que  Ic  volume  des  Arts  du  JJainaut,  precede 
d'une  jolie  preface  de  Jules  Destree,  contient  en  outre,  sur  chacun 
descollobarateurs,  une  courte,  mais  substantielle  notice  bio-biblio- 
graphique  due  aux  soins  du  meme  ecrivain. 

G  i  e  s  s  e  n.  Lucien-Paul  Thomas. 


JVI^lotte,  Paul.  Essai  sur  le  Theätre  Futur,  public  par 
rAssocialion  des  Ecrivains  beiges,  Paris,  libraiiit' 
generale  —  Bruxelles,  Dechenne  et  Cie,  1911,  in-12,  65  p. 

Dans  sa  consciencieuse  etude,  M.  Paul  Melotte  s'efforce  de 
predire  quelle  sera  la  forme  du  theätre  moderne  qui  triomphera 
demain  et  qui  se  maintiendra  sur  la  scene  future. 

Malgre  les  prudentes  restrictions  de  M.  Melotte,  je  pense 
qu'il  n'est  guere  possible  d'affirmer  quel  genre  de  spectacle 
tiendra  en  haieine  les  generations  prochaines;  mais  l'hypothese 
qui  nous  est  soumise  est  vraisemblable  et  les  developpements 
sur  lesquels  eile  s'appuie  presentent  en  eux-memes  un  tres  reel 
interet.  Les  pieces  privilegiees  seraient  celles  qui  s'attachent 
ä  resoudre  le  probleme  du  D  e  s  t  i  n  ,  qui  tendent  ä  denombrer, 
puis  ä  demasquer  les  forces  qui  se  cachent  sous  cet  intangible 
Symbole. 

Je  crois,  en  tout  cas,  que  les  oeuvres  qui  se  proposent  d'eclaircir 
un  peu  le  sublime  mystere  de  la  destinee  ont  plus  de  chances 
d'etre  grandes  et  profondes  que  celles  dont  la  seule  ambition 
est  d'amuser  les  foules.  Pourtant,  l'auteur  du  Theätre  futur  est 
d'avis  que  le  peu  durable  succes  des  productions  sceniques  ä  la 
mode  provient  de  ce  que  celles-ci  «correspondent  mal  aux  goüts 
actuels  des  foules».  Je  serais  plutot  d'avis  qu'elles  correspondent 
trop  bien  aux  caprices  d'un  jour  des  spectateurs  vulgaires;  uni- 
quement  soutenues  par  d'ephemeres  et  mesquines  preoccupations, 
olles  ne  contiennent  rien  de  stable,  rien  qui  les  fasse  vivre  au 
delä  de  l'inconstante  fantaisie  d'une  heure.  Et  voilä  pourquoi 
je  voudrais  que  M.  Melotte  s'appuyät  surtout  sur  la  moyenne 
des  spectateurs  eclaires,  lui  qui  a  si  bien  su  distinguer  les  prin- 
cipes  superieurs  qui  assurent  une  preerainence  durable  aux  CEuvres 
vraiment  fortes.  II  se  rend  d'ailleurs  tres  bien  compte  des 
causes  de  Tevolution  passee  du  theätre:  les  enquetes  successives 
des  auteurs  portant  sur  des  questions  toujours  plus  complexes. 

G'est  ainsi  que  la  comedie  de  caracteres  a  fait  place  ä  la 
comedie  de  moeurs;  ä  l'etude  d'un  seul  homme,   on  a  substitue 


Melotte,  Paul.     Essai  sur  le    Theälre  Futur.  222t 

Celle  du  choc  de  toutes  les  individualites.  Or,  les  rapports  des 
etres  entre  eux  «apparaissent  comme  formes,  domines  par  les 
apprehensions  fatalistes». 

Dans  la  Grece  antique,  le  Destin  etait  personnifie  par  un 
dieu  ou  divinise  sous  une  forme  abstraite.  Chez  Shakespeare, 
«les  forces  occultes  ont  depouille  leur  personnification  divine»; 
chez  Maeterlinck,  «les  victimes  de  la  fatalite  sont  des  t  y  p  e  s 
personnels,  agissant  par  eux-memes».  J'avoue  ne  pas  bien 
comprendre  cette  derniere  assertion  empruntee  au  livre  de  Gerard 
Harry  sur  le  meme  auteur.  II  eüt  mieux  valu  sans  doute  de 
citer  l'opinion  de  Maeterlinck  lui-meme  parlant  de  ses  premieres 
pieces:  «On  y  a  foi  ä  d'enormes  puissances  invisibles  et  fatales 
dont  nul  ne  sait  les  intentions,  mais  que  l'esprit  du  drame  suppose 
malveillantes  .  .  .  Au  fond,  on  y  trouve  l'idee  du  Dieu  chretien, 
melee  ä  celle  de  la  fatalite  antique,  refoulee  dans  la  nuit  im- 
penetrable  de  la  nature.»^) 

M.  Melotte  fait  ensuite  un  tres  interessant  parallele  entre 
Henry  Bataille  et  Maurice  Maeterhnck,  puis  il  montre  que  Tin- 
dividualisme  outrancie  d'Ibsen,  sa  haute  conception  de  la  per- 
sonnalite,  ne  sont  pas  la  negation  des  lois  incoercibles.  L'auteur 
de  Brand  et  des  Revenants  reconnait  l'existence  des  puissances 
inconnues,  combat  celles  qui  s'opposent  au  developpement  de 
notre  moi,  et  s'efforce  de  donner  la  victoire  ä  celles  qui  nous 
permettent  d'obeir  ä  notre  propre  nature. 

Le  theätre  de  Bernstein,  qui  depeint  avec  predilection  toutes 
les  turpitudes  d'un  monde  d'exception,  trouve  la  fatalite  toujours 
triomphante  devant  Thomme  faible  asservi  aux  passions:  aussi 
les  theories  qui  se  deduisent  tout  naturellement  de  ces  oeuvros 
deprimantes  seront-elles  vaincucs  par  d'autres  plus  profondes 
et  reellement  vitales. 

Chez  Hervieu,  les  austeres  legons  de  philosophie  raorale 
restent  sans  profit  pour  notre  courage.  Chez  Maeterlinck,  au 
contraire,  l'homme  d'abord  opprime  par  la  Destinee,  s'eleve  peu 
ä  peu  ä  la  comprehension  de  sa  propre  force  vis-ä-vis  du  monde 
exteriour  et  nous  donne  des  lecons  de  plus  en  plus  admirablos 
d'energie  et  d'independance. 

M.  Melotte  fait  egalement  des  reflexions  tres  judicieuses  et 
tres  concluantes  siir  la  question  du  denouement,  mais  sans  doute 
exagere-t-il  un  peu  lorsqu'il  emet  l'idee  qu'iine  issuo  banale  de 
l'action  est  en  tous  points  souhaitable. 

Viennent  ensuite  de  curieuscs  donneos  sur  la  theätromanie 
contemporaine,  sur  la  question  de  la  mise  en  scene  et  sur  le  role 
(i'educateur  —  qui,  pour  ma  part  me  semble  bien  dangereux 
poui-  l'art  —  que  devrait  s'imposer  le  dramaturge  moderne. 


')  Maurice    Maeterlinck,     Thvdirr,    pn^fare    du    T.    1er. 
chap.   II. 


224  lieferalc  und  Rezensionen.     M.  Scluan. 

M.  Melotle  aurail  pu  montror  commont  la  fatalite  antiquo 
s'est  transformec  sous  rinfluonco  du  chrisliunismo;  comment  la 
conception  nouvelle  s'et'f'ondre  ä  son  tour  clioz  la  plupart  des 
^crivains  influcnces  par  los  scionces  et  la  philosopliic  d'aujourd'liui. 
De  lä,  le  decouragement,  puis  la  reconquete  de  l'energie  par 
rhommc  qui  devient  un  dieu.  Je  voudrais  aussi  quo  l'auteur 
separat  davantage  le  domaine  de  Tart  de  celui  de  la  moralo, 
mais  CCS  legeres  critiques,  pas  plus  que  celles  que  j'ai  eu  Toccasion 
de  presenter  au  cours  de  cettc  analyse,  ne  diminuent  ä  mes  yeux 
la  valeur  de  ce  livre  concis,  ecrit  par  un  homme  qui  a  longuement 
reflechi  aux  questions  qu'il  traite,  et  qui  nous  fait  utilement 
penser  ä  notre  tour. 

G  i  e  s  s  e  n.  Lucien-Paul  Thomas. 


Haas,  J.     Frankreich,  Land  und  Staat.     Heidelberg,  Winter, 

1910.    XII  u.  659  S.    8». 
liCSCOPiir,   eil.      La    division   et   ['Organisation    da   territoire 

frangais.    Berlin,  Weidmann,  1910.    X  u.  230  S.    Gr.  8». 

4  Mark. 
Beide  Bücher  können  allen,  die  sich  über  die  Einrichtungen 
Frankreichs  unterrichten  wollen,  warm  empfohlen  werden.  Das 
iinifassendere  ist  das  deutsche  Werk;  es  enthält  eine  Übersicht 
über  Land  und  Leute,  eine  Darstellung  der  Verwaltung  in  allen 
ihren  bürgerlichen  und  militärischen  Zweigen,  einen  Überblick 
über  die  französische  Volkswirtschaft  und  die  Kolonien.  Einige 
Statistiken  über  die  Bevölkerung  und  mancherlei  kommerzielle 
Angelegenheiten  bereichern  die  Darstellung;  allen  Kapiteln  sind 
treffende  historische  Bemerkungen  vorausgeschickt.  —  Lescoeur 
beschränkt  sich  auf  die  Schilderung  der  rein  formalen  Verwaltung, 
die  er  ebenfalls  historisch  erläutert.  Er  verbindet  seine  Skizzen 
mit  theoretischen  Erörterungen  über  die  Vorzüge  und  Nachteile 
der  französischen  Organisation,  insbesondere  der  Zentralisation, 
die  nicht  gerade  in  die  Tiefe  führen,  aber  eine  Vorstellung  von 
den  im  französischen  Publikum  lebenden  politischen  Anschau- 
ungen geben. 

Gi  essen.  G.  Roloff. 


IVeuere  Belletristik. 

Ackei*9  Paul.     Les  deux  cahiers.    7.  Edition.    300  p.    Paris, 

Librairie  Plön.     3  fr.  50  c. 
De  Vismes,  Henriette.    Les  petites  ämes.    Roman.    279  p. 

Paris,  Librairie  Plön.    3  fr.  50  c. 
Jeandet,  Cliarles.   Qui  seme  le  Vent Roman.    3.  Ed. 

263  p.    Paris,  Eugene  Figuiere  et  Cie.    1912.    2  fr.  50  c. 


De  Regnier,  Henri.     L'Amphishene.  225 

I>e  Reg^ier,  Henri.     L'Amphisbene.     Roman    moderne. 

6.  Ed.     372  p.     Paris,  Mercure  de  France.     3  fr.  50  c. 
Barande«  Henri.    La  voie  mauvaise.    Roman.    1912.273  p. 

Paris,  R.  Roger  et  F.  Chernoviz.    3  fr.  50  c. 
Ramean,  Jean.    La   rouie  bleue.    299  p.    Paris,  Librairie 

Plön.  3  fr.  50  c. 
Wharton,  Edith.    Sous  la  neige.    2.  Ed.     272  p.     Paris, 

Librairie  Plön.    3  fr.  50  c. 
I^afagfe,  I^eon.    Le  bei  ecu  de  Jean  Clochepin.    314  p.    Paris, 

Bernard  Grasset.    1911.    3  fr.  50  c. 
Capillery,  Lionis.    Mais  Vamour  passa Roman.     1912. 

297  p.    Paris,  Bernard  Grasset.    3  fr.  50  c. 
Segre,  Adrien.     L'inceste  legitime.     1912.     200  p.     Paris, 

Eugene  Figuiere  et  Gie.  3  fr.  50  c. 
Der  anspruchsvolle,  feinschmeckerische  Romanleser  liebt 
Gedanken,  der  naive  geschmacksrobuste  will  Handlung.  Ge- 
danken und  Handlung  verbinden:  das  ist  eine  hohe  Kunst.  Ich 
freue  mich,  auf  einige  Neuerscheinungen  hinweisen  zu  können, 
die  beweisen,  daß  ihr  Autor  diese  Kunst  versteht.  Paul  Acker 
läßt  in  Les  deux  cahiers  eine  Frau  der  älteren  Generation  ihre 
Jugenderinnerungen  hervorsuchen  und  im  Zusammenhang  vvider- 
geben;  sie  wirken  doppelt  durch  den  Kontrast  zu  dem  Heft,  in 
dem  die  Tochter  der  Schreiberin  ihre  Erlebnisse  aufgezeichnet 
hat  und  aus  dem  wir  zwar  viel  weniger,  aber  doch  auch  manches 
Charakteristische  erfahren.  Zwei  Generationen  der  französischen 
Frau  stehen  vor  uns:  die  häusliche,  fleißige,  zurückgezogene, 
auf  eine  bescheidene  Bildung  gewiesene  Frau  der  alten  Art,  — 
und  die  selbständige,  weniger  Herz  als  Verstand  und  Umsicht 
zeigende,  von  allen  Elementen  neuester  Bildung  naschende, 
sportbegeisterte,  unruhig  die  Welt  durchmessende  Frau  modernen 
Stils.  Vielleicht  sind  die  Gegensätze  reiclilicli  scharf  gezeichnet ; 
vielleicht  muß  man  die  Schilderung  auf  einen  Teil  der  Glieder 
der  beschriebenen  Frauengenerationen  einschränken;  wir  haben 
doch  eine  sehr  interessante,  kulturhistorisch  beachtenswerte 
Darstellung  vor  uns,  die,  mit  Liebe  entworfen  und  mit  Feinheit 
durchgeführt,  aucli  der  nötigen  Frische  der  l^ntwiekhing  nicht 
entbehrend,  das  Interesse  dauernd  fesselt.  Daß  der  Verfasser 
die  Vertreterin  der  alten  Art  schließlich  auch  ein  Verständnis  für 
die  neue  Art  gewinnen  läßt,  ist  sachlich  wohl  begründet  und  in 
geschickter  Weise  zum  Abschluß  verwertet.  —  Unmittelbar  an 
die  Seite  dieses  Buches  gehört  Henriette  de  Vismes:  Les 
petites  änies.  Wie  dort  zwei  Frauenty]ien,  so  werden  hier  zwei 
Mädchentypen  einander  gegenübergestellt;  in  Tagebücliern  und 
Briefen  schütten  zwei  kleine  zwölfjährige  Pariserinnen  in  kind- 
licher Weise  ihr  Herz  aus.  W^as  der  Sache  Wert  gibt,  ist,  daß 
beide  in  ganz  verschiedenen  Umgebungen  leben  und  unter  ganz 


226  Referate  und  Rezensionen.     M.  Schian. 

verschiedenen  Erziehungsmethoden  aufwachsen.  iJie  eine  wird 
in  einem  überaus  modernen  Institut  unterrichtet,  die  andere 
durch  Klosterschwestorn.  Diese  letztere  tritt  stark  in  den  Vorder- 
grund; ihr  Schicksal  wird  am  genauesten  geschildert.  Aus  iliren 
kindlichen  Zeilen  lernen  wir  auch  ilire  Mutter  kennen  und  ahnen, 
was  ihr  das  Herz  bewegt;  schließlich  ist  es  die  Kleine,  die  der 
Mutter  über  eigene  Pfliclitversäumnis  die  Augen  öffnet.  Der 
Abschluß  ist  reichlich  dramatisch;  die  Detailschilderung  der 
Erziehungsmethoden  und  -Resultate  maclit  der  von  spannenden 
Familienercignisscn  Platz.  Aber  wenn  wir  auch  jenes  Thema 
noch  gern  genauer  ausgeführt  gesehen  hätten,  das  Buch  bleibt 
ein  hübsches  Dokument  aus  der  Geschichte  der  zeitgenössischen 
französischen  Erziehung.  Daß  die  Sympathien  der  Verfasserin 
auf  Seite  der  religiösen  Genossenschaften  zu  stehen  scheinen, 
kann  dies  Urteil  nicht  ändern. 

Von  ganz  anderer  Art  ist  der  doch  zur  gleichen  Gruppe  ge- 
hörige Roman  von  Gh.    Jeandet:   Qui  sdme  le  Vent Er 

gibt  nicht  mehr  und  nicht  weniger  als  eine  mit  zahllosen 
Details  ausgestattete,  düster  gehaltene,  anklagende  Schilderung 
der  französischen,  insbesondere  der  Pariser  Ecole  laique.  Sie 
knüpft  an  eine  einzelne  derartige  Schule  an,  die  ins  Quartier 
Saint-Labre  verlegt  und  als  von  Proletarierkindern,  ja  von 
Sprößlingen  von  ,, Apachen"  besucht  beschrieben  ist.  Alles, 
was  zur  Kenntnis  dieser  Schule  gehört,  kommt  unter  Jeandets 
Stift:  das  Lehrerkollegium,  dessen  eines  Mitglied  den  Mittel- 
punkt der  sehr  geringen  „Handlung"  bildet,  die  Inspektoren, 
das  Schulpersonal,  die  Kinder,  die  Eltern  der  Kinder.  Was 
wir  da  hören,  ist  freilich  erschütternd;  Jeandet  hält  es  für 
nötig,  vorauszuschicken:  Nous  ne  sommes  ni  chez  les  Botocudos 
ni  dans  les  anciens  Etats  pontificaux,  ni  dans  la  belliqueuse 
et  vertueuse  AUemagne;  mais  a  Paris,  capitale  de  la  Republique 
•francaise,  laique,  democratique  et  pacifique,  et  Lumiere  du 
Monde.  Man  glaube  übrigens  nicht  etwa,  daß  der  Autor  die 
Laienschule  zugunsten  der  klerikalen  Schule  bekämpft;  im 
Gegenteil,  die  erstere  hat  ihm  noch  nicht  genügend  energisch 
mit  der  Kirche  gebrochen;  ganze  Seiten  lang  ergeht  er  sich 
in  karikierenden,  ja  persiflierenden  Ausfällen  gegen  die  christ- 
liche (katholische)  Sittlichkeit.  Er  ist  darauf  gefaßt,  daß  man 
ihm  auf  seine  Anklage  antworten  wird:  G'est  du  pathos,  et  du 

plus  pitoyable.  Aber  er  warnt:   Qui  seme  le  Vent Jedenfalls 

ist  das  Buch  eine  ganz  außerordentlich  interessante,  und  (selbst 
wenn  man  manches  auf  das  Pathos  schiebt)  hervorragend  in- 
struktive Lektüre,  die  der  Erforscher  zeitgenössischen  Lebens 
zu  studieren  nicht  unterlassen  wird.  Daneben  sei  der  Sprach- 
forscher auf  die  große  Fülle  von  Parisismen  und  von  Sonder- 
ausdrücken aus  der  Schüler-  und  Proletariersprache  aufmerksam 
gemacht. 


Segre,  Adrien.     L'incesie  legitime.  227 

In  diesen  drei  Romanen  überwiegt  die  Gedankendarbietung 
weitaus  die  Handlung.  Eine  weitere  Gruppe  bringt  in  erster  Linie 
Handlung,  aber  in  der  Handlung  Gedanken.  Man  kann  sie  als 
„Gesellschaftsromane"  ansprechen.  Unter  den  diesmal  vor- 
liegenden, soweit  sie  hierher  gehören,  steht  Henri  d  e  R  e  g  n  i  e  r's 
L'Amphisbene  billig  voran;  es  zeigt  eine  feine  Kunst  der  Dar- 
stellung, minutiöse  psychologische  Arbeit,  sehr  sorgfältige  Milieu- 
schilderung und  bei  aller  Ausführhchkeit  doch  recht  fesselnde 
Entwicklung.  De  Regnier  zeichnet  mit  sicherem  Stift  eine  große 
Anzahl  Typen  aus  der  heutigen  französischen  Gesellschaft;  er 
karikiert  nicht,  obwohl  er  zuweilen  recht  kräftige  Striche  braucht; 
er  beschönigt  nicht  und  malt  nicht  schwarz;  er  urteilt  auch 
nicht,  obwohl  zum  Urteilen  sehr  wohl  Grund  wäre;  er  zeichnet 
nur  Menschen,  wie  er  eben  Menschen  sieht;  daß  er  sie  s  o  sieht, 
ist  uns  interessant.  Namentlich  gilt  das  von  der  Heldin  und 
dem  Helden,  in  deren  eigenen  Aufzeichnungen  oder  Briefen  die 
Erzählung  verläuft.  Uns  Deutschen  werden  auch  die  moralischen 
Anschauungen  der  beiden  beschäftigen;  die  junge  Geschiedene 
gibt  sich  nach  sehr  langer,  sehr  ernster  (dafür  eigentlich  fast 
zu  ernst  erscheinender)  Überlegung  dem  um  sie  Werbenden 
nicht  etwa  zur  Frau,  obwohl  er  sie  heiraten  will,  sondern  zur 
Maitresse.  In  einem  deutschen  Roman  könnte  uns  Ähnliches 
wohl  auch  begegnen,  aber  kaum  unter  den  gleichen  Voraus- 
setzungen, kaum  bei  einem  solchen  Charakter,  kaum  mit  solcher 
Selbstverständlichkeit.  Man  kann  also  Völkerpsychologie  treiben, 
wenn  man  das  liest.  Ähnhch  reizt  auch  sonst  mancher  Charakter 
zum  Nachdenken. 

Sehr  hübsch  ist  in  R  a  m  e  a  u  s  La  route  bleue  die 
Schilderung  des  politischen  Lebens  mit  einer  Handlung  ver- 
bunden, die  an  sich  ziemlich  einfach  ist,  ja  sogar  gewisse 
schematische  Züge  zeigt,  die  aber  doch  anmutig  erzählt  ist. 
Auf  die  Tendenz,  die  ziemlich  deutlich  betont  wird  (das  gut- 
herzige, selbstlose,  opferfreudige  Mädchen  triumphiert  endlich 
über  die  egoistische,  kalte,  berechnende  Frau),  möchte  ich 
nicht  viel  Gewicht  legen;  aber  die  Blicke  hinter  die  politischen 
und  gesellschaftlichen  Kulissen,  die  uns  der  Roman  tun  läßt, 
sind  mir  wertvoll  gewesen,  ebenso  wie  mir  die  warmherzige 
Art,  Charaktere  zu  zeichnen  und  Entwicklungen  zu  schildern, 
Freude  gemacht  hat. 

Einen  Grad  weniger  geschickt  in  der  Charaktersohil(i(M-uug 
und  in  der  Art,  die  Menschen  und  ihre  Geschicke  zu  verknüpfen, 
ist  H.  B  a  r  a  u  d  e.  Fast  scheint  es,  als  ob  (soll  das  aucli  der 
Titel  La  voie  maiwaise  andeuten  ?)  bei  ihm  sich  eine  gewisse 
moralische  und  religiöse  T(>ndenz  bemerkbar  machte;  nicht  gerade 
im  einzelnen  aufdringlich,  aber  doch  das  Ganze  stärker  und 
etwas  äußerlicher  leitend,  als  künstlerisch  richtig  ist.  Die  dem 
RomnTi    zu    ui'imiie    liegende    l'nhel    ist    eine    l)ur<'l'Sihiiiltsf;"ibel, 


228  Referate  und   Rezensionen.      M.   Sciüan. 

und  die  Charaktere  entbehren  der  feinen  individuellen  Besonder- 
heit. Dennoch  gibt  manches  in  dem  Buch  dem  deutschen  Leser 
zu  denken.  Dahin  rechne  ich  namentlich  die  mancherlei  Dis- 
kussionen, die  in  das  politische  und  religiöse  Gebiet  schlagen. 
Der  Freigeist,  der  sein  Leben  lang  gegen  die  Kirche  gekämpft, 
dann  aber,  plötzlich  von  tödlicher  Verwundung  ereilt,  nach  dem 
Priester  verlangt,  ist  wohl  auch  nicht    nur    Tendenzprodukt. 

Sous  la  Neige  ist  eine  schlichtere  Erzählung.  Der  Schau- 
platz ist  nicht  Frankreich,  sondern  ein  kleiner  Ort  in  Nordamerika. 
So  kommt  sie  denn  auch  für  die  Kenntnis  französischen  Lebens 
nicht  in  Betracht.  Auch  fehlt  iiir  der  Einschlag  modernen  Lebens, 
weiter  reichender  Gedanken«,  Die  Handlung  ist  ganz  auf  rein- 
und  allgemeinmenschlichen  Motiven  aufgebaut.  Aber  Edith 
W  h  a  r  t  0  n  hat  es  verstanden,  dem  von  eigentümlichem  Ge- 
schick getroffenen  Mann,  der  im  Mittelpunkt  steht,  die  volle 
Teilnahme  des  Lesers  zu  sichern.  Er  ist,  um  einen  Ausdruck 
von  Ernst  Zahn  zu  brauchen,  ein  ,,Held  des  Alltags",  Und 
die  Art,  wie  sie  das  Geschick  allmählich  vor  den  Augen  des  Lesers 
werden  läßt,  ist  sehr  geschickt.  Alle  Sensation  fehlt:  auch  das 
ist  ein  Vorzug.  Also  ein  zwar  nicht  instruktives,  aber  ein  mensch- 
lich tiefgreifendes  Buch,  das  uns  innerlich  beschäftigt. 

Dieser  Gruppe  gesellt  sich  die  Novellen-  und  Skizzensamm- 
lung zu,  die  L  a  f  a  g  e  nach  dem  ersten  und  längsten  Stück 
Le  bei  ecu  de  Jean  Clocliepin  genannt  hat.  Sie  umfaßt  im  ganzen 
21  Nummern;  die  meisten  sind  sehr  kurz  gehalten.  An  Wert 
sind  sie  einander  nicht  gleich ;  aber  sie  zeigen  eine  tüchtige  Gabe, 
irgend  eine  Kleinigkeit  aus  der  Fülle  des  Lebens  herauszugreifen 
und  gewandt  zu  pointieren.  Die  Titelnovelle  entbehrt  dabei 
freihch  der  rechten  Einheitlichkeit;  die  kleineren  Skizzen  sind 
geschlossener.  Die  Stimmung  in  ihnen  ist  verschieden;  nicht 
selten  zeigen  sich  Ironie  und  Satire,  aber  das  Gemüt  spricht 
auch  mit.     Im  ganzen  eine  Sammlung,  die  Beachtung  verdient. 

Merkwürdig  fast,  daß  man  eine  ganze  Reihe  Romane,  ja 
französischer  Romane  anzeigen  kann,  in  denen  nicht  die  Liebe 
das  beherrschende  Moment  bildet !  Von  den  bisher  besprochenen 
geht  nur  L'Amphisbene  in  den  Bahnen  der  Entwicklung  von 
Neigung  und  Liebe ;  in  den  anderen  spielen  diese  Fragen  höchstens 
eine  Nebenrolle,  mehrfach  gar  keine  Rolle.  Nun  aber  präsentiere 
ich  einen  echten  Liebes-,  besser  noch:  Verhältnisroman:   Mais 

i'Amour   passa von   L,    C  a  p  i  1 1  e  r  y.      Eine   verheiratete 

Frau  geht  zugrunde,  weil  die  Liebe  des  Geliebten  zu  Ende  geht. 
Das  Thema  ist  ohne  Szenen,  die  an  die  Sinnlichkeit  appellieren, 
dagegen  nicht  ohne  allerhand  gewandte  Landschafts-  und  Men- 
schenschilderung behandelt;  aber  man  kann  nicht  sagen,  daß 
der  Inhalt  irgend  Neues  brächte.  Die  Besonderheit  der  Thema- 
wendung vermag  keinen  ausreichenden  Ersatz  dafür  zu  bieten. 
Sieht  man  das  Buch  unter  dem  Gesichtspunkt  des  Worts  von 


Fort,   Paul.     UAventure   Eternelle.  22& 

Michon  an,  das  als  Motto  dient:  „La  femme  est  une  fleur  que 
Ton  fletrit  pour  en  avoir  les  parfums",  so  werden  freilich  aller- 
hand Betrachtungen  rege.  Aber  der  Roman  selber  bietet  nur 
die  Schilderung;  die  Gedanken  dazu  muß  man  sich  selber  machen. 

Endlich :  L'inceste  legitime  von  A.  S  e  g  r  e.  Ein  Roman, 
der  nichts  als  Handlung  hat.  Viel,  sehr  viel  Handlung,  Hand- 
lung mit  Sensation,  Schändung,  Duell,  Rache,  Mord  und  Tot- 
schlag. Alles  kräftig  gepfeffert.  Und  nichts  als  solche  Hand- 
lung. Besser:  nichts  als  Handlungen.  Also  nur  für  Menschen, 
die  von  einem  Buch  lediglich  Handlung  verlangen. 

Gießen.  M.  ScHlAN. 


Fort,  Paul.     L'Aventure  Eternelle.    Ballades  frangaises,  dou- 

zieme  serie  suivie  de:  EnGätinais,  Paris,  Figuiere,  1912. 

~    —    Montlhenj-la-Bataille.      Ballades    fran^aises,    treizieme 

Serie   suivi    de    VAventure    Eternelle   Livre    II,    Paris, 

Figuiere,  1912. 

La   Vision    d'un   poete,    chantee   en    Strophes   ailees   d'une 

harmonie  exquise  et  precieuse,  voilä  toute  la  substance  de  En 

Gätinais  et  de  Montlhery-la-Bataille:  vision  qu'on  dirait  picturale 

si  les  brumes  lumineuses  et  les  intangibles  nuances  ne  semblaient 

peintes  avec  de  la  musique  vivante. 

La  subtile  prose  r^^hmee,  degagee  des  experiences  fecondes, 
s'est  peu  ä  peu  depouillee  d'un  reste  d'etrangete  ou  d'excessive 
recherche,  et  revet  meme  parfois  une  perfection  classique,  une 
forme  sculpturale  qui  repose  du  reve: 

«Une  main  sur  son  arc  il  avait  haute  gräce.  L'autre  main  sur 
ses  yeux  leur  limitait  l'espace.  II  ^tait  grand  et  souple,  il  (^tait  ma 
foi  beau,  le  pied  hardi  pose  pres  d'un  nid  d'hirondeaux,  tout  au  bord 
du  creneau  vers  l'abJme.  Ce  n'etait  Apollo,  mais  un  archer  du  roi. 
II  se  penche  ä  präsent,  comme  pour  prier  Dieu,  mais  c'est  pour 
ecouter  des  charrois  au  lointain.  Son  cceur  hat  fort  sans  doute 
en  sa  poitrine  ^troite  qu'oppressee  il  console  en  y  posant  sa  droite 
comme  une  marguerite,  au  bas  du  gorgerin.» 

Dans  L'Ai'enture  Eternelle,  Paul  Fort  a  voulu  enclore  en 
leur  veh^mencc,  tous  ses  cris  d'enfant  douloureux.  Ici,  plus 
de  lumiere,  plus  d'horizons  illimites,  mais  une  ombre  inquiete, 
un  vent  glacial,  la  solituile  et  l'angoisse  de  la  Mort,  comme  dans 
les  vers  precurseurs  et  singulierement  emouvants  de  La  Tristesse 
de  l'Homme. 

G  i  e  s  s  e  n.  Lucien-Paul  Thomas. 


Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX'/".  16 


Miszellen. 


X^e  (?)  proniier  et  len  dernier«!»  ütonnets   iniprini^»  de 
Philippe»  Des  Portes. 

I. 
Quand  Des  Portes  fit  imprimer  ses  Premieres  (Eiwres  en  1573, 
ä  Tage  de  vingt  huit  ans,  deux  fois  auparavant  il  avait  cede  aux 
sollicitations  des  imprimeurs.  En  1572,  Lucas  Breyer,  marchant 
Libraire  ä  Paris  en  sa  maison  au  bout  du  pont  sainct  Michel  en  allant 
au  marche  neuf,  s'estoit  enhardy  de  demander  ä  Monsieur  Des-portes 
qu'il  souffrist  mettre  en  lumiere  les  Imitations  de  TArioste  qui  estoient 
de  sa  faQon,  et  le  jeune  poete  se  laissa  faire  une  douce  violence.  En 
1569,  Robert  Estienne  fit  appel  aux  poetes  grecs,  latins  et  frangais 
pour  elever  Le  Tumheau  du  seigneur  de  La  Chastre,  dict  de  Sillac.  Et 
Desportes  composa  pour  la  circonstance  un  Sonnet,  la  prämiere  ceuvre 
de  lui  qui,  semble-t-il,  ait  ete  imprimee:  il  se  trouve  au  v"  du  F.  B  ij. 

SONET. 
C'est  en  vain  desormais  que  la  mere  Nature 
Travaille  ä  faire  veoir  des  ouvrages  parfaicts, 
Puis  qu'ils  sont  par  la  mort  si  promptement  desfaicts, 
Et  que  le  plus  parfaict  est  celuy  qui  moins  dure. 
Peintres  mal-avisez,  qui  par  vostre  peinture 

Faites  la  mort  sans  yeux,  reformez  vos  port[r]aicts: 
Tousjours  au  plus  beau  but  eile  addresse  ses  traicts, 
Et  n'en  tire  Jamals  un  seul  ä  l'aventure. 
Ell'a  choisi  Sillac  entre  mille  soldars, 

Sillac  choisi  d'Amour,  d'ApoUon,  et  de  Mars, 
Et  d'un  coup,  de  trois  dieux  l'attente  ell'a  ravie. 
Mais  las!  ell'est  sans  yeux:  car  s'ell'  eust  veu  les  pleurs 
Qu'ont  respandu  sus  luy  les  beaux  yeux  de  ses  seurs, 
Ell'  eust  este  contrainte  ä  luy  rendre  sa  vie. 

DESPORTES. 
II. 
Lorsque  l'abbe  de  Bomport  mourut  en  1606,  il  paraissait  avoir 
abandonne  la  poesie  erotique  pour  la  muse  chrestienne  et  il  ne  semble 
pas  que  les  Premieres  ffiuvres  aient  ete  reimprimees  apres  les  editions 
de  1600,  ä  Paris  et  ä  Ronen.  II  est  vrai  qu'il  obtint  un  Privilege 
le  17  Fevrier  1603  «pour  faire  imprimer  .  .  .  toutes  les  oeuvres  qu'il 
a  composees,  tant  en  prose  qu'en  vers,  et  nommement  la  version  de 
tous  les  Pseaumes  de  David,  qu'il  a  nouvellement  mis  en  vers  Frangois: 
pour  le  temps  de  neuf  ans  . .  .>>  mais  ce  Privilege,  cede  ä  Raphael  du 
Petit  Val  le  12  Mars  1603  par  le  poete  lui-meme,  ne  servit,  de  son 
vivant,  que  pour  les  Pseaumes  et  les  (Euvres  et  Poesies  chrestiennes. 
Et  ce  ne  fut  qu'en  1607  que  parurent  les  Premieres  Oevvres  .  .  . 
Derniere  edition,  reveüe  et  augmentee  par  V Auteur  (A  Ronen,  De 
rimprimerie  de  Raphael  du  Petit  Val  Libraire  et  Imprimeur). 


Miszellen.  231- 

Cette  edition,  dans  laquelle  ne  figurent  pas  les  Poesies  chretiennes, 
ne  renferme  pas  moins  de  421  sonnets,  dont  six  ne  se  lisent  point  dans 
les  editions  precedentes,  notamment  dans  Celles  de  1600.  Ils  sont 
tous  places  dans  les  Diverses  Amours,  les  cinq  premiers  numerotes 
III,  XIV,  XV,  XLV  et  XLVI  et  le  sixieme  ecrit  sur  un  portrait.  A 
quelle  date  furent-ils  composes?  il  est  malaise  de  le  savoir  et  aussi 
d'affirmer  que  le  poete  les  a  lui-meme  disposes  ä  la  place  qu'ils  occupent, 
en  particulier  XLV  et  XLVI  qiii  suivent  les  25  «Stances  du  mariage>. 
La  typographie  du  volume  est  fort  mauvaise  et  il  semble  que  les 
caracteres  de  ponctuation  aient  fait  defaut  ä  I'atelier  rouennais. 

1  (III). 
Quand  vous  pensez  couvrir  vostre  amour  incensee, 
Et  faignez  dedaigner  ce  que  vous  estimez 
Vos  desirs  retenuz  s'en  fönt  plus  enflamez 
Et  d'un  coup  plus  profond  vostre  ame  est  enfoncee: 
Vostre  palle  couleur  vostre  grace  forcee, 

Vos  Soupirs  vos  langueurs  montrent  que  vous  aymez 
Vous  vous  trompez  donc  fort  lors  que  vous  presumez 
D'aveugler  un  amant  qui  list  dans  la  pensee. 
J'avois  nourry  mes  feux  secrettement  ardans 

Douze  ans,  brulant  tousjours  entre  mille  accidens, 
Et  j'en  sens  tout  ä  coup  la  chaleur  refroidie: 
Quand  j'y  pensois  le  moins  j'ay  mon  coeur  recouvre 
Car  en  vous  captivant  vous  m'avez  delivre, 
Et  dois  ma  guarison  ä  vostre  maladie. 
2  (XIV). 
Si  l'amour  des  l'enfance  entre  nous  commencee, 
Devoit  finir  par  eile  au  tans  moins  espere 
Sans  beaucoup  l'accuser  j'eusse  tout  endure 
Pourveu  que  d'un  beau  trait  eile  se  fust  blessee. 
Mais  ce  qui  jusqu'au  vif  poingt  mon  ame  offensee 
C'est  qu'un  clair  jugement  se  soit  tant  egare 
Quand  j'estimois  son  coeur  m'estre  un  roc  assure 
Et  qu'elle  me  faignoit  le  Dieu  de  sa  pensee. 
Ses  propos  m'ont  trahy  sa  douceur  m'a  pippe 
O  que  je  suis  heureux  de  m'en  voir  eschappe 
Et  que  sa  fiction  m'ait  este  decouverte 
N'y  pensons  plus  mon  coeur  quittons  la  pour  jamais 
Elle  y  aura  regret  esprouvant  desormais 
Que  le  gain  qu'elle  a  fait  n'est  pas  tel  que  sa  parte. 
3  (XV). 
Qui  l'eust  jamais  pense  qu'une  femme  de  ville 
Avec  sa  modestie  et  ses  douces  fa^ons 
M'eust  apris  d'un  regard  tant  de  doctes  le^ons, 
Et  randu  mon  esprit  de  sujets  si  fertile. 
Le  sou-ris  de  Venus  tant  d'Amours  ne  distilc, 
Sa  voix  et  ses  propos  tendent  des  hame(,"ons. 
Et  n'y  a  si  vieux  coeur  rempare  de  gla^ons 
Qui  ne  soit  penestie  de  flaine  si  subtile. 
Ses  attraits  nonchalans  pleuveiit   inille  Irespas, 
Et  croiriez,  vous  tuant,  qu'elle  n'y  pense  pas 
Bref,  tout  son  artifice  est  la  n\esme  nature. 
Le  doux  feu  de  ses  yeux  brule  saus  consumer, 
Mais  ö  mon  bon  Demon  garde  moy  de  l'aymor, 
Tous  ses  coups  vont  au  coeur,  mortelle  est  leur  pointure. 
4  (XLV). 
Ha  je  vous  entens  bien  ces  propos  gracieux, 
Ces  regars  derobez,  cet  aymable  sourire, 

16* 


282  Miszellen. 

Sans  me  les  dechiffrer  je  s^ay  qu'ils  veulent  flire, 
C'est  qu'ä  mes  ducalons  vous  faites  les  doux  yeux. 

Quand  je  conte  mes  ans  Tithon  n'est  pas  si  vieux, 
Je  ne  suis  desormais  qu'une  mort  qui  respire, 
Toules  fois  vostre  coeur  de  mon  amour  soupire, 
Vous  en  l'ailes  la  triste  et  vous  pleignez  des  r.ieux. 

Le  peintre  estoit  un  sot  dont  l'ignorant  caprice 
Nous  peignit  Cupidon  un  enfant  sans  malice, 
Garni  d'arc  et  de  traits,  mais  nu  d'acfoustrement: 

11  falloit  pour  carquois  une  bourse  luy  pendre, 
L'habiller  de  clinquant,  et  luy  faire  respandre 
Rubis  ä  pleines  mains,  perles,  et  diamans. 

5  (XLVI). 

Ciarice  aux  blonds  cheveux  qui  sembloit  estre  nee 
Pour  ravir  les  autels  et  la  gloire  ä  Cypris 
Chere  prison  des  coeurs,  doux  brasier  des  esprits 
Est  nouvelle  Angelique  ä  l'ourque  abandonn6e. 

Ce  sont  de  tes  beaux  jeux,  6  meschant  Hymenee 
Qui  remplis  les  amants  de  sanglots  et  de  cris, 
Le  merite  et  Tamour  par  luy  sont  ä  mespris, 
Et  la  volonte  libre,  en  triomphe  est  menee. 

Que  de  pleurs  sans  profit,  que  de  Dieux  invoquez, 
Que  de  desseins  rompus,  que  d'Amours  suffoquez, 
Elle  en  ce  desespoir  est  un  marbre  immobille: 

Reprochant  sans  parier  au  ciel  sa  cruaute, 

Et  dit  bas  en  son  coeur,  ha  maudite  beaute 
Tu  m'es  bien  de  nature  un  present  inutile. 

6. 
Du  Portrait  du  sieur  de  Vandes,  Medecin  du  Roy,  autheur  des  Flammes 

saintes. 
Amour  avisant  ce  portrait, 

Tout  soudain  le  perga  d'un  trait, 
Pour  se  vanger  des  flammes  saintes, 
Qui  les  siennes  avoj^ent  estaintes. 
Tu  as  mon  ouvrage  deffait, 

Dict  le  paintre,  Amour,  qu'as-tu  fait, 
Laissant  le  vif,  et  ta  sagette 
Perdant  sur  l'image  muette? 
Amour  respond:  Je  n'y  puis  rien, 
Rien  n'y  sert  mon  arc,  mon  lien, 
Si  je  l'approche,  il  faut  me  rendre. 
Pour  son  art,  ses  vers,  et  sa  voix. 
Au  lieu  d'un  que  je  pense  prendre, 
Je  deviens  esclave  de  trois. 
Le  dernier  sonnet  se  rapporte  au  recueil  de  Denis  Pouree,  sieur 
de  Vandes,  public  ä  Caen  en   1588  et  reimprime  ä  Rouen  en  1595. 
Veyrieres,  dans  sa  Monographie  du  Sonnet  (I,  202)  signale  le  sonnet 
de  Desportes,  mais  ne  dit  pas  si  le  medecin  poete  en  fut  satisfait  et 
l'insera  en  tete  de  ses  Flammes  saintes. 

Depuis  la  redaction  de  la  präsente  Note  et  pendant  son  impression 
a  paru  la  neuvieme  serie  de  l'inestimable  Bibliographie  Lyonnaise  de 
M.  Baudrier.  A  la  page  11,  l'infatigable  auteur  decrit  le  recueil 
d'Epitaphes  sur  le  tombeau  de  .  .  .  Anne  de  Montmorancy,  publie 
par  Ph.  G.  de  Roville  en  1567:  le  v"  du  F.  Fij  renferme  deux 
epitaphes  en  vers  [?  sonnets]  par  Ph.  Desportes  et  par  Loys  d'Orleans. 

H.  Vaganay. 


Miszellen.  233 

IVachtrag  zu  Zschr.  XXXLXi,  71  ff. 

(Z.  Veng.  Rag.)     S.  77,  V.  3838.    Schon  qui  sorvoit  mit  objekts- 
losem sorvoit,  „welcher  überschaut,  Überschau  hält",  wäre  angängig 

—  S.  89  zu  V'.  186.  soi  wird  sich  in  Ne  nonme  soi  ne  son  päis  wie  bei- 
spielsweise in  Ne  soi  ri'atrui  set  consoillier  Cuers  lenz  qui  bien  ne  sei 
voillier,  Ly.  Ys.  3165,  allerdings  auf  das  Subjekt  beziehen  müssen, 
wie  auch  Ebeling  meint;  die  scheinbar  vergleichbaren  Verse  838  und 
874  zeigen  soi  nach  einer  Präposition.  Subjekt  ist  dann  an  Stelle  des 
Briefes  der  Tote  selbst,  der  sich  und  seine  Heimat  vermittelst  des 
Briefes  nicht  nennt.  —  S.  89,  V.  386.  Zu  Gaufr.  83  läßt  sich  Et  pieres 
et  bastons  li  rüent,  Guill.  d'Angl.  802,  stellen.  —  S,  91  zu  700.  Nur  in 
verneinten  Sätzen  kann  por,  wie  Ebeling  mit  Recht  bemerkt,  kon- 
zessive Bedeutung  tragen  (in  dem  bejahenden  Satze  Ch.  S.  Gille  168 
sei  es  final).  Da  nun  por  atendre  anemi  mortel. .  weder  als  Bestimmung 
des  Zweckes  noch  als  Bestimmung  des  Grundes  zu  irai  prendre  Vostel 
paßt,  wird  man  die  Worte  Por  .  .  contredira  an  Dehet  ait  qui  retornera, 
698,  anlehnen  und  por  kausal,  ,, wegen  Erwartens..,  weil  ich  ...  zu 
erwarten  habe",  verstehen  müssen  (zu  kausalem  por  c.  Inf.  vgl.  Si 
vos  pruis  .  .  Qu'uns  cors  ne  puet  deus  cuers  avoir  Por  autrui  volonte 
savoir,  Clig.  2848;  Mult  fu  pur  li  ainer  destreiz,  MFce.  2  Am.  79,  aus 
Veng.  Rag.  selbst  V.  2649).  qui  retornera,  ,,wer  umkehren  wird", 
zielt  auf  die  Person  des  Sprechenden,  Gavains,  selbst;  der  Übergang 
vom  ,,er"  zum  ,,ich"  von  por  700  ab  wird  daher  begreiflich  und  ist 
auch  stützbar,  vgl.  Dehait  ait  qui  tant  Va  cacie,  Se  je  ne  le  vois  ja  re- 
querre,  Veng.  Rag.  5318;  Mal  dehait  qui  laira  por  pourete  Que  jou 
ne  voise  en  France  al  roi  parier  Aiol  157.  —  S.  98  zu  V.  1973.  Über 
par  mals.  A.  Tobler,  Prov.  Vil.  S.  135.  —  S.  99  zu  V.  2124.  come 
duldet  den  Obliquus  statt  des  Nominativs  nach  sich;  Ebeling  macht 
mich  aufjDiez  IIP,  51  und  Foerster  zu  Chev.  Ly.  1322  und  zu  Aiol 
6245  aufmerksam,  und  ich  füge  noch  hinzu  Ebeling,  Probl.  d.  rom. 
Synt.  S.  168.  come  un  loquet  ist  daher  einwandfrei  und  auch  in  V.  2742 
wäre  .i.  honme  bei  Einschaltung  von  come  an  und  für  sich  zulässig; 
dies  berührt  indessen  meinen  Besserungsvorschlag  zu  V.  2741,  s.  S.  103, 
nicht,  nebst  welchem  somit  auch  derjenige  zu  V.  2742  gültig  bleibt. 

—  S.   105,   zu  V.   3008.    qui  respont  und  so   zugleich  das  Reimwort 


Druckfehler  für  se.    haut  wird  hier  im  Reime  mit  vaut  überliefert,  ist 
genau  geschrieben  aber  haust,  so  daß  ein  verdachtiger  Heim  entsteht. 

G.  CoiiN. 


Äu  Kacincs  Britannicus  Vers  208  (I,  3,  SO). 

Die  Verse  207  und  208,  in  Racines  Britanniens: 
Thraspas  au  senal,  Corbulon  dans  l'armee, 
Sont  encore  innocents,  malgre  leur  renommee, 
haben   in    Mesnards  Ausgabe  die   Thrasea   und   Corbulo   betreffemitMi 
geschichtlichen  Mitteilungen  erhalten,  jedoch  keine  weitere  Erklärung 
des   Sinnes  gefunden.      Der   zweite   der   beiden   \'erse   fordert   jedoch 
gebieterisch  eine  Erläuterung,  weil  auf  den  ersten  Blick  ein  feindliches 
Verhältnis   zwischen   innocence    und    renommee    nicht   ersichtlich    ist. 
Das  hat  denn  auch  mit   Recht  bereits  Dr.   E.   Franke   1877  in  seiner 
Ausgabe  (Berlin,  VVeidmannsche   Buchhandlung)   Anlaß  zu  einer  Be- 
merkung gegeben,   die  er   in   die   Worte   hüli:^  'inmnrnt  (im   antiken 
Smne)  „unsträflich,  r  e  c  h  t  s  c  h  a  f  f  e  n"  bildet  einen  Gegensatz  zu 
r  e  n  o  m  m  e  e:  in  jenen  Zeiten  der  Corruption  pflegte  eben  eine  her- 
vorragende   Stellung    die    Rechlscliaffenheil    auszuschließen.'      Diese 


234  Miszellen. 

Anrnerkiiiii,'  lial  Williclin  Sc.fiofrior  1889  in  seiner  hfi  W'llKtgi'n  &.  Klasing 
erscliienenen  Ausgabe  dem  Sinne  nach  iibernfjmmen,  nur  hiilt  er  es 
für  nötig,  zu  innocent  (rechtsrhaffen)  hinzuzusetzen:  ^exempt  de  tout 
vice.  Sc  dit  dans  un  scns  analogue  dt  la  cnnduLle,  des  aclions,  etc.  fAcad.J.' 
Der  Zusatz  verrilt,  daf3  ihm  einige  Bedenken  darüljer  gekommen  sind, 
ob  innocent  auch  die  Bedeutung  ,, rechtschaffen"  haben  könne.  Icfi 
bestreite  es  geradezu,  denn  unschuldig,  schuldlos  einerseits  und  recht- 
schaffen anderseits  sind  offenbar  verschiedene  Begriffe,  die  sich  viel- 
leicht einmal  wie  integer  vi  ta?  und  sceleris  purus  mit  einander  vereinigen 
können,  aber  doch  immer  etwas  Verschiedenes  besagen,  exempt  de 
tout  vice  soll  nur  eine  Umschreibung  von  unschuldig  sein,  die  wegen 
des  Ausdruckes  vice  statt  etwa  crime  nicht  sehr  gelungen  ist.  Larousse 
erklärt  innocent  durch  qui  n'est  pas  coupable;  qui  ignore  le  mal;  simple, 
trcs  naif;  depourvu  de  malice;  benin,  inojjensif.  Darunter  findet  sich 
nichts,  was  gleicher  Bedeutung  mit  rechtschaffen  wäre.  Außerdem 
erscheint  der  Gedanke,  daß  der  scheinbare  Widerspruch  zwischen 
innocents  und  renommee  sich  daraus  erkläre,  ,,daß  in  dem  verderbten 
Rom  hohe  Stellung  und  Rechtschaffenheit  sich  auszuschließen  schienen 
(Scheffler)",  etwas  schwer  begreiflich.  Der  Haupteinwand  jedoch, 
den  ich  gegen  diese  Erklärung  der  Stelle  zu  machen  habe,  beruht 
darauf,  daß  sie  sich  mit  dem  Zusammenhange,  in  dem  die  beiden  Verse 
zum  Voraufgehenden  und  Folgenden  stehen,  nicht  verträgt.  Mit 
den  Worten  Borne  le  fustifie,  Vers  199,  beginnt  Burrhus  eine  Lob- 
preisung der  Regierung  des  Nero,  und  es  ist  daran  festzuhalten,  daß 
auch  die  Verse  207  und  208  auf  Neros  bisherige  (encore)  Regierungs- 
weise Bezug  nehmen.  Daraus  ergab  sich  für  mich  von  vornherein 
als  Sinn  der  Stelle:  Thrasea  im  Senate,  Corbulo  im  Heere  sind  noch 
schuldlos,  trotz  der  hohen  Stellung,  die  unter  einem  anderen  Kaiser 
als  Nero  hingereicht  haben  würde,  sie  mit  Schuld  zu  beladen,  und 
gewiß  ihren  Sturz  und  Untergang  herbeigeführt  hätte.  Es  hat  mich 
gefreut,  mit  dieser  Erklärung  der  Stelle  nicht  allein  zu  stehen:  in 
B.  Lengnicks  Ausgabe  (3.  Aufl.  1909,  Leipzig,  Rengersche  Buchh. 
Gebhardt  &  Wilisch)  findet  sich  S.  67  die  Anmerkung:  "208.  innocents., 
d.  h.  ihr  hohes  Ansehen  und  ihre  hervorragende  Stellung  wurden 
ihnen  nicht  zum  Verbrechen  angerechnet,  was  doch  sehr  häufig  unter 
den  Kaisern  der  Fall  war."  Das  encore  vor  innocents  bedeutet  natürlich 
im  Munde  des  Burrhus  weiter  nichts,  als  daß  Nero  auf  die  beiden 
Männer  bisher  keine  Schuld  gehäuft  hat;  der  Dichter  deutet  jedoch 
damit  an,  und  die  Hörer  der  Worte  entnehmen  daraus  (wie  auch  aus 
den  letzten  Worten  des  Burrhus  219.  220,  w'o  er  die  Römer  glücklich 
preist,  wenn  die  Tugenden  Neros  alljährlich  seine  ersten  Jahre  wieder- 
bringen), daß  später  darin  eine  Wandelung  eintreten  wird. 

Dortmund.  C.  Th.  Lion. 


„Koninientar  überflüssig**??  Nicht  ohne  Heiterkeit  wer- 
den die  deutschen  Kollegen  —  und  nicht  ohne  Bedenken  manche  der 
französischen,  wie  ich  zu  ihrer  Ehre  annehmen  möchte  —  von  der  neu- 
esten Art  der  Glorifikation  des  eigenen  Schulwesens  Kenntnis  ge- 
nommen haben,  wie  sie  uns  in  einer  Notiz  der  Langues  Modernes,  1912 
Heft  1/2  S.  53  in  Form  eines  Tableau  resumant  les  appreciations  de 
M.  Saineanu  (soll  wohl  heißen  &aineanu  —  der  bekannte  Romanist?) 
entgegentritt,  eines  rumänischen  Schulmannes,  der  im  Auftrage  des 
Unterrichtsministeriums  Deutschland,  Frankreich  und  Italien  zum 
Studium  des  Schulwesens,  insbesondere  des  fremdsprachlichen  Unter- 
richts in  diesen  Ländern,  bereist  hat.  Alles,  was  uns  Les  Langues 
Modernes  von  den  Ergebnissen  dieser  Studienreise  mitteilt,  beschränkt 
sich  auf  das  erwähnte  Tableau,  das  unter  Angabe  der  Gesamtzahl  der 


Miszelka.  235 

in  jedem  Lande  angehörten  Lektionen  folgende  Abschätzung  der  an- 
getroffenen unterrichtlichen   Leistungen   bringt: 

Berlin:  45  legons  ^14  antipedagogiques,  20  mediocres,  11  pedago- 
giques). 

Paris:  32  leQons  (p  a  s  u  n  e  antipedagogique,  13  mediocres,  19  peda- 
gogiques). 

Italic:  —  das  scheint  mir  übrigens  nicht  ganz  gerecht,  die  Billigkeit 
hätte  verlangt,  sich  auch  hier  lediglich  an  das  hauptstädtische 
LTnterrichtswesen  zu  halten  —  09  lenons  (31  antipedagogiques,  22  me- 
diocres, 10  pedagogiques).  Dazu  fügt  der  Herr  Berichterstatter  die 
Bemerkung :  C  e  s  chiffres  s  e  p  a  s  s  e  n  t  de  c  o  m  m  e  n  t  a  i  r  e  s. 
Und  gegen  diesen  Satz  erscheint  es  mir  im  Interesse  aller  etwaigen 
weiteren  statistischen  Veröffentlichungen  vorliegenden  Genres  denn 
doch  unerläßlich,  energisch  Einspruch  zu  erheben.  Ich  betone:  nur 
gegen  diesen.  Denn  wollte  ich  im  allgemeinen  die  Zweckmäßigkeit 
oder  überhaupt  nur  die  Berechtigung  einer  solchen  appreciation  durch 
einen  einzelnen  (mir  scheint,  daß  irgend  welchen  Wert  nur  das  Urteil 
einer  sorgfältig  zusammengesetzten  internationalen  Kommission  haben 
könnte)  hier  in  Zweifel  ziehen  oder  gar  die  Frage  aufwerfen,  ob  es- 
geschmackvoll  ist,  daß  die  Verkündung  des  Ergebnisses  derselben 
gerade  von  seiten  der  dabei  am  günstigsten  beurteilten  Lehrerschaft 
erfolgt  —  ich  gestehe,  daß  ich  in  dieser  Beziehung  dem  Verhalten  eines 
Berliner  Kollegen  den  Vorzug  gebe,  der  angesichts  eines  überschwäng- 
Hchen  Lobes  seitens  seines  (japanischen)  Gastes  über  eine  in  der  An- 
fängerklasse vorgenommene  englische  Besprechung  des  schon  memo- 
j'ierten  Lesestücks  nicht  eher  ruhte,  als  bis  er  das  allzugünstige  Urteil 
durch  den  detaillierten  Nachweis,  daß  die  Schüler  lediglich  mit  nahezu 
wörtlich  wiedergegebenen  Sätzen  der  Vorlage  geantwortet  hätten, 
auf  das  richtige,  d.  h.  also  auf  ein  sehr  bescheidenes  Maß  zurückgeführt 
hatte  — ,  wollte  ich  dieses  und  manches  andere  hier  anführen,  z.  B. 
auch,  daß  das  Verfahren  eines  bekannten  deutschen  Schulmannes, 
der  nach  Ausführung  einer  ähnlichen  Studienreise,  in  einem  umfang- 
reichen und  seinerzeit  vielgelesenen  Buche  eine  eingehende  Kritik 
der  angetroffenen  Leistungen  (sogar  mit  Nennung  der  betr.  Schulen!!) 
veröffentlicht  hatte,  von  der  Mehrzahl  der  hiesigen  Kollegen  als  schwerer 
Mißbrauch  der  ihm  erwiesenen  Gastfreundschaft  verurteilt  wurde  — 
so  würde  solche  Liebesmühe  in  dem  vorliegenden  Falle  sicher  vergeblich 
sein  und  mir  nur  ein  von  skeptischem  Lächeln  begleitetes  ,,ils  son 
trop  i-erts,  dil-iV^  eintragen.  Ich  will  mir  daher  solche  Erwägungen 
und  Bedenken  gegen  das  in  Rede  stehende  Appreziationsverfaliren 
für  den  Fall  aufsparen,  in  dem  die  Beurteilung  besonders  günstig  für 
deutsche  Schulen  ausfallen  wird. 

Hier  soll  es  sich  nur  um  das  ,,  Kommentar  überflüssig"  handeln, 
das  der  Herr  Berichterstatter  der  Longues  Modernes  seiner  Tabelle 
anzufügen  für  gut  befunden  hat,  und  das  niii'  nieht  nur  aus  allgemeinen 
Erwägungen,  sondern  im  voi'lii'genden  Falle  noch  aus  einem  ganz 
speziellen  Grunde  unbedacht  und  dcplaziert  erscheint. 

Was  ist  denn  im  fremdsprachlichen  Unterricht  ,, pädagogisch" 
und  ,, unpädagogisch"  —  um  das  ganz  vage  und  auf  subjektiver  Willküi- 
beruliende  mediocre  völlig  beiseite  zu  la.ssen  ?  Dem  Anhiuiger  der  giam- 
matistischen  Methode  würde  sicher  dasjenige  l'nterrichtsverfahren 
,, unpädagogisch"  erscheinen,  das  den  Schüler  ohne  weiteres  in  die  — 
womöglicli  nur  dem  Ohre  dargebotene  —  lebendige  Sprache,  d.  h.  in 
fertige  Sätze  oder  gar  Stücke  Iiineinführl.  Dem  Vertreter  der  direkten 
wiederum  gilt  es  als  ,,iuipädagogi.sch"  mit  Regeln  über  die  Aussprache, 
oder  mit  der  Besprechung  einzohuM'  \okabeln,  oder  grammatischer 
Punkte,  z.  B.  des  ,, bestimmten  Artikels"  usw.  zu  beginnen.  Im  letzten 
Grunde  ist  übrigens  für  den  llrteilsfiUiigen  nicht  die  einzelne  Stunde 
entswheidend,  siaulern   lediglich   das  sicli   über  eine  ganze  Reihe  von 


236  Miszellen. 

Unterrichtsstunden  erstreckende,  zu  einem  gewissen  Abschluß  der 
Belehrung  führende  Unterrichtsverfahren,  bei  dem  sich  erst  zeigen 
kann,  aus  welchen  Gründen,  in  welcher  Absicht  der  Unterrichtende 
gerade  den  von  ihm  gewählten  Lehrgang  eingeschlagen  hat,  wie  er 
das  in  den  vorhergehenden  Stunden  Vorgeführte  in  den  nacli folgenden 
verwertete.  Und  nach  den  gelegentlichen  Andeutungen  in  der  be- 
regten Notiz  der  Lan^ues  modernes  ist  es  in  keiner  Weise  wahrscheinlich, 
daß  der  Herr  Begutachter  seinen  Urteilen  immer  einen  abgerundete/i, 
mehr  oder  weniger  abgeschlossenen  Stundenzyklus  zugrunde  gelegt 
hat;  unter  den  der  Zahl  nach  angegebenen  Stunden  befinden  sich 
sogar  solche  anderer  Fächer  als  es  die  fremden  Sprachen  sind.  Schließ- 
lich ist  zu  erwägen,  daß  die  Ausdrücke  ,, pädagogisch"  und  , .unpäda- 
gogisch" eine  ganz  andere  Bedeutung  erhalten,  wenn  sie  (statt  hin- 
sichtlich der  Methode)  mit  Bezug  auf  das  allgemeine  Verfahren,  die 
ganze  Unterrichtsweise,  das  persönliche  Verhalten  und  Verhältnis 
des  Lehrers  zu  seinen  Schülern  gebraucht  werden.  Da  nennt  der  eine  es 
pädagogisch  — und  das  Gegenteil  unpädagogisch  — wenn  die  Jungen 
von  dem  Unterricht  so  gepackt  werden,  daß  sie  im  Eifer,  in  der  Begiei' 
die  Antworten  zu  geben,  von  ihren  Sitzen  aufspringen,  manchmal 
sogar  durcheinander  rufen  und  von  Zeit  zu  Zeit  durch  ein  mehr  oder 
weniger  energisches  ,, Ruhiger!  Alle  hinsetzen  usw."  zurechtgewiesen 
werden  müssen.  Andern  hingegen  erscheint  es  als  die  Blüte,  als  die 
Krone  der  Pädagogik,  wenn  die  Schüler  auch  bei  lebhafter  Anteil- 
nahme an  der  Darbietung  des  Lehrers,  in  musterhafter  Haltung  und 
Ordnung  dasitzen,  sich  nur  durch  Handaufheben  zur  Antwort  melden 
und  in  lautloser  Stille  abwarten,  bis  ein  Schüler  durch  Namensnennung 
dazu  aufgerufen  wird.  In  diesen  verschiedenen  Hinsichten  war  also 
der  Standpunkt  des  Herrn  Begutachters  kurz  zu  charakterisieren, 
oder  es  war  doch  genau  anzugeben,  worauf  sich  sein  ,, pädagogisch"  und 
,, unpädagogisch"  bezog  und  was  es  bedeutete  —  wenn  man  es  wirklicii 
für  angebracht  hielt,  seine  zahlenmäßige  Wertung  weiter  zu  verbreiten. 
Aber  zu  all  diesen  allgemeinen  Erwägungen  gesellt  sich  im  vor- 
liegenden Falle  noch  eine  ganz  spezielle,  die  jene  Mitteilung  der  Lan^uea 
Modernes  als  wenig  sachgemäß  und  wenig  zweckmäßig  erscheinen  läßt. 
Wollte  ich's  drastisch  ausdrücken,  so  würde  ich  sagen:  die  französischen 
Kollegen  haben  diesmal  mit  der  für  sie  so  günstig  ausgefallenen  Kritik 
—  ,,Pech"  gehabt.  Ohne  dem  Herrn  Begutachter  persönlich  irgendwie 
zu  nahe  treten  zu  wollen  —  daß  er  Rumäne  ist,  raubt  nach  allem,  was 
man  aus  zuverlässiger  Quelle  über  die  gegen  w  artige  Lage  der  Dinge 
im  fremdsprachlichen  Unterricht  der  rumänischen  Schulen  erfährt, 
seinem  Urteil  doch  ein  gut  Teil  des  ihm  unter  anderen  Umständen 
zuzuerkennenden  Gewichts,  lind  zwai'  beziehe  ich  mich  hierbei  auf 
einen  unter  der  Rubrik  Cronica  ^colarä  mit  dem  Sondertitel  ,,0  lipsä 
care  trehue  implinita"  (d.  li.  Ein  der  Abstellung  dringend  bedürftiger 
Übelstand)  veröffentlichten  Mahnruf  von  M.  Mihailianu  in  den  Con- 
vorhiri  Literare,  Nr.  1  des  laufenden  Jahrgangs.^)  Der  Verfasser 
desselben  spricht  —  übrigens  mit  einer  Offenheit,  die  in  Anbetracht 
der   weiten    Sichtbarkeit    der    Publikationsstelle    aller   Achtung    wert 


^)  Das  betreffende  Heft  dieser  lesenswerten  Zeitschrift  hat  für 
Romanisten  noch  ein  besonderes  Interesse  dadurch,  daß  es  unmittelbar 
hinter  zwei  gedankenreichen  Gedichten  der  Königin  von  Rumänien 
(SO  daß  also  hier  einmal,  abweichend  von  Schiller,  der  ,, Gelehrte" 
mit  dem  König,  oder  vielmehr  der  Königin  geht)  —  die  in  elegantem 
Rumänisch  abgefaßte  Eröffnungsrede  Meyer-Lübkes  [Cu  prilejul 
inaugurärii  institutului  rnman  al  Unu'ersitätii  din  Viena)  bringt,  an  der 
ich  nur  das  S.  5  über  die  anderen  deutschen  Universitäten  gefällte  Urteil, 
daß  an  ihnen  ,,franceza  formeaz^  aproape  ocupatiunea  exdusiv^  a  ro- 
mani'^iilor"  ein  wenig  hart  finde. 


M  LS  Zellen.  237 

ist  —  von  der  Notlage,  in  der  sich  zurzeit  das  rumänische  Gymnasium 
hinsichthch  des  fremdsprachhchen  Unterrichts  unter  den  Nachwir- 
kungen des  erbitterten  Kampfes  (cräncen  räzboi)  befindet,  der  in  nicht 
weit  zurückHegender  Vergangenheit  gegen  jeden  Grammatikunterricht 
in  Volksschulen  wie  Gymnasien  unter  der  Devise  ,,Afar<^  cu  gramatica!'^ 
geführt  worden  ist  und  mit  der  völligen  Diskreditierung  der  Gram- 
matik, ja  der  Erregung  eines  wahren  Hasses  gegen  sie  {prigonirea 
gramaticei),  einen  verhängnisvollen  Sieg  davongetragen  hat.  Hat 
man  sich  auch  endlich  von  der  Schädlichkeit,  ja  Unmöglichkeit  des 
Ausschlusses  der  Grammatik  aus  dem  Sprachunterricht,  wenigstens 
in  den  Gymnasien,  überzeugt,  so  daß  der  frühere  Kampfcoruf  „Weg 
mit  der  Grammatik!"  dort  selbst  aus  dem  Munde  der  halsstarrigsten 
Anhänger  der  direkten  Methode  (cei  mai  ind^r'^tnici  pedagogi  directisti) 
nicht  mehr  zu  hören  ist, 2)  so  wird  doch  die  grammatische  Unterweisung 
in  der  Muttersprache  sowohl  in  den  Volksschulen  wie  in  den  Gym- 
nasien noch  immer  so  sehr  vernachlässigt,  daß  selbst  tüchtige  Schüler 
der  ersteren,  die  auf  das  Gymnasium  übergehen,  dort  beim  fremd- 
sprachlichen Unterricht  oft  gänzlich  abfallen  und  daß,  was  dem  Verf. 
noch  ärger  (mai  ingrozitor)  erscheint,  ,,es  selbst  in  den  oberen  Klassen 
der  Gymnasien  nicht  selten  vorkommt,  daß  die  Unterscheidung  der 
Kasus  zu  einem  reinen  Raten  wird"  [nu  arare  ori  se  intämpl^  ca  deo- 
sebirea  cazurilor  sä  fie  o  curatä  ghicitoare  chiar  pentru  elevii  claselor 
superioare).  Er  sieht  aus  solcher  unerträglichen  Lage  keinen  anderen 
Ausweg  als  s^  se  redeä  studiului  gramaticei  tot  prestigiul  de  alt^dat^ 
{,,daß  dem  Studium  der  Grammatik  wieder  die  alte  Ehrenstellung 
wiedergegeben  werde"),  hält  es  aber  —  und  das  erscheint  mir  ganz 
besonders  bezeichnend  und  für  die  uns  hier  beschäftigende  Frage 
bedeutsam  —  für  nötig,  gleichsam  zur  Entschuldigung  der  in  seinem 
Vorschlage  liegenden  Kühnheit,  hinzuzufügen:  iStiu  hine  ce  furtunä 
ar  ji  in  stare  sä  stärneasc<^^  in  lagarul  pedagogilor  prea  umanitari  o  atare 
soluite.  Dareunu  väz  alta.  .  .  (,,leh  gebe  mich  keiner  Täuschung  hin 
hinsichtlich  des  Entrüstungssturms,  den  ein  solcher  Lösungsvorschlag 
im  Lager  der  Pädagogen  von  allzu  humaner  Denkweise  erregen  dürfte. 
Aber  ich  finde  keinen  anderen...") 

Und  nun  Herr  Saineanu?  Teilt  er  mit  Herrn  M.  Miliailianu  die 
Wertschätzung  der  Grammatik  oder  doch  die  Erkenntnis  ihrer  Un- 
entbehrlichkeit  ?  Oder  gehört  er  zum  lagarul  pedagogilor  prea  umanitari, 
die  dem  Schüler  das  trockene  und  mülisame  Studium  der  Grammatik 
gern  ersparen  möchten  ?  Oder  gar  zu  den  prigonitori  la  gramaticei, 
cei  mai  indaratnici  pedagogi  directisti?  Das  anzugeben,  hätte  unbe- 
dingt not  getan,  sollte  jene  Ap{)reziationstabelle  nicht  völlig  wertlos 
bleiben.  Und  darum  irrte  der  Herr  Berichterstatter,  wenn  er  mit 
den  Worten  schloß:  «Ces  chiffres  se  passent  de  commrrilaires." 

Schlachtensoe  hol  Berlin.  Theodor    Kalepky. 


2)  Verf.  beruft  sich  dabei  auch  auf  das  ausdrückliche  Zeugnis 
eines  Franzosen  M.  Leautey,  Professor  am  Lazarusgymnasiuiu,  der, 
bis  vor  kurzem  «»in  erbitterter  Gegner  der  Grammatik  {fosi  pan<i  astazi 
un  infocat  prigonilor  al  gramaticei),  im  Vorwort  /.u  seinem  l'nterrichts- 
buch  dei-  franz.  S|)raclie  jetzt  offen  eingesteht,  ca  clc^•ul  de  azi,  in 
ciuda  melodei  direcle,  nici  nu  vorheste  si  nici  nu  inhdege  frantjize  te 
mai  hine  ca  elci'ii  de  alta  data\  si  ueavänd  gramatica  drcpt  cnl'^uz'^,  el 
scrie  jranluzesic  incä  si  tnai  rau,  d.  h.,  daß  der  heutige  Sciuiler  trotz 
der  direkten  Methode  französisch  nicht  besser  spricht  uo(  h  versteht, 
als  die  früheren  Geiu^'ationen,  daß  er  es  aber  mangels  des  Anhalts, 
den  früher  die  Grammatik  bot,  erheblich  schlechter  schreibt.  Dann 
klagt  er  noch  über  die  jammervolle  Orthographie  und  schließt  mit 
dem  Satz:  ,,Kein  ordentliches  Französisch  ohne  Gramnuitik." 


Novitätenverzeichnis. 

(Abgeschlossen  am   10.  August   1912. 


1.  Bibliographie  nnd  Handschriftenknnde. 

Bibliographie  lOOS  von  Franz  Ritler  [Supplemonthell  XXXIII  der 
Zs.  f.  rom.  Philologie]. 

Bibliographie  lorraine  (1910 — 19111.  Revue  du  mouvement  intellectuel, 
artistique  et  eeononiique  de  la  region.  Nancy,  P.ergei'-I-evrault. 
Paris,  Uhr.  de  la  meme  maison.  1911.  In-8,  156  p.  [Annales  de 
l'Est  puhliees  par  la  Faculte  des  lettres  de  I'Universite  de  Nancy. 
25e  annee,  lascicule  3]. 

Calalogue  general  des  livres  imprimes  de  la  Bibliotheque  nationale. 
Auteurs.  T.  47:  Elcan-Eschinardi.  Paris,  Impr.  nationale.  1911. 
In-8,  col.  1  ä  1210  [Ministere  de  l'instruction  publique  et  des 
beaux-arts]. 

Colsoji,  O.  Bibliographie  de  la  litterature  wallonne  contemporaine. 
I  Annees  1905  et  1906.  Liege,  H.  Vaillant-Carmanne  1912. 
[Pvepertoires  bibliographiques  p.  p.  la  Soc.  de  litter.  wallonne]. 

Dauze,  P.  Manuel  de  i'amateur  d'editions  originales,  1800 — 1911. 
Paris,  Durel,   1911.     In-8,   169  p.  avec  grav. 

Kahle,  B.  Kritischer  Literaturbericht:  IV.  Englischer  und  französi- 
scher Sprachunterricht  [In:  Pädagogischer  Jahresbericht  von  1911. 
64.  Jahrg.,  hrsgb.  von  P.  Schlager.    Leipzig,  Fr.  Brandstetter,  1912]. 

Lasteyrie,  R.  de  et  A.  Vidier.  Bibliographie  generale  des  travaux 
historiques  et  archeologiques  publies  par  les  societes  savantes  de 
la  France,  dressee  sous  les  auspices  du  ministere  de  l'instruction 
publique.  T.  5.  4e  livraison  (nos  100818  ä  106781).  Paris,  Impr. 
nationale.    1911.    ln-4  ä  2  col.  p.  601  ä  835.     La  livraison,  4  fr. 

Maire,  A.  L'CEuvre  scientifique  de  Blaise  Pascal.  Bibliographie 
critique  et  Analyse  de  tous  les  travaux  qui  s'y  rapportent.  Preface 
par  Pierre  Duhem.  Paris,  A.  Hermann,  1912.  In-8,  XXVIII- 
192  p.  et  Portrait. 

Melusine  t.  Xle  et  dernier,  avec  Table  generale  de  la  coUection  (I  ä 
XI).     Prix  du  tome  Xle  20  fr. 

Sprachen,  Die  neueren.  Zeitschrift  f.  den  neusprachl.  L^nterricht.  In 
Verbindg.  m.  Frz.  Dörr  u.  Adf.  Rambeau  hr.sg.  v.  Wilh.  Vietor. 
Generalregister.  Bd.  13—18  u.  Ergänzungsbd.  1910,  Festschrift 
Wilhelm  Vietor.  Bearb.  v.  Wilh.  Kroitzsch.  99  S.  gr.  8".  Mar- 
burg, N.   G.  Elwerts  Verl.    1912. 


L'ingjor.^,  A.     Notice  du  manuscrit  fran(;ais  21436  de  la  Bibliotheque 

nationale  [In:  Romania  XLI,  206—247]. 
Omont,  H.    Bibliotheque  nationale.   Nouvelles  Acquisitions  du  departe- 

ment  des  manuscrits,  pendant  les  annees  1891 — 1910.    Repertoire 

alphabetique  des  manuscrits  iatins  et  francais.     Paris,  E.  Leroux, 

1912.     In-8  ä  2  col.,  CXXXIX-305  p. 


Novüälenverzeichnis.  239- 

Baudrier.  Bibliographie  lyonnaise.  Recherclies  sur  les  imprimeurs, 
libraires,  relieurs  et  fondeurs  de  lettres  de  Lyon  au  XVle  siecle. 
Publiees  et  continiiees  par  J.  Baudrier.  9e  serie,  ornee  de  160 
reproductions  en  fac-simile  et  accompagnee  d'une  table  generale 
des  imprimeurs,  libraires,  correcteurs  d'imprimerie,  relieurs,  fon- 
deurs de  lettres  de  Lyon,  contenus  dans  les  series  1  ä  9.  Lvon, 
L.  Brun.     Paris,  Picafd  et  fils,  1912.     Grand  in-8,  496  p. 

2.  Enzyklopädie,  Sammelwerke,  Gelehrtengeschichte. . 

Annuaire  de  la  Societe  de  Litterature  wallonne.  Liege  1912. 
Bulletin  de  la  Societe  Liegeoise  de  Litterature  Wallonne.  T.  XLVIIL 
Liege  1911  (Darin:  Fetes  du  Cinquantenaire  de  la  Societe  liegeoise 
de  Litterature  wallonne  (1856 — 1906).  N.  Lequarre  Historique  de 
la  Societe  liegeoise  de  Litterature  wallonne.  Ed.  Rernonchamps 
Tati  CPeriqui.  Airs  notes  p.  J.  Duyseux.  O.  Pccqueur  Edouard 
Rernonchamps,  sa  Vie  et  son  ffiuvre.  J.  Haust.  Pour  lire  Tati 
V Periqui.  Comm.entaire  et  Glossaire.  Oscar  Colson.  Bibliographie 
d'ßd.  Remonchamp.    Table  des  Matieres). 

Bulletin  du  Dictionnaire  general  de  la  Langue  wallonne  [Sommaire: 
La  geographie  linguistique,  par  Alphonse  Bayot.  Vocabulaire- 
Questionnairc  (9e  cahier):  Premiere  liste  AH-.  Notes  d'Etymologie 
et  de  Semantique:  40bis.  w.  distal' te,  41.  w.  fourehan,  42.  gaum. 
fousson,  43.  w.  gärmeter,  disguermete,  44.  w.  keüre  (all.  gönnen),, 
par  Jean  Haust;  45.  w.  saumerai,  46.  w.  cacalaids-oüys,  par  Jules 
Feller.  Livres  et  Revues,  par  Joseph  Bastin,  Jules  Feller,  Jean 
Haust.  Communications  rccues  (8e  liste).  —  Chronique.  Index 
lexicologique  et  Table  des  matieres  des  5e  et  6^  annees. 

Feller,  J.  Notes  de  Philologie  romane.  Paris.  H.  Champion,  1912. 
XXVIII,  420  S.  8».  (Der  stattliche  Band  vereinigt  die  wichtigsten 
Studien  des  um  die  wallonische  Philologie  hochverdienten  ForscTiers: 
I.  Articles  de  vulgarisation  et  d'organisation.  IL  Prefixes  et 
Suffixes.  III.  Articles  d'etymologie  et  de  semantique.  lY.  Le 
Chat  Volant  de  Verviers.) 

Festschrift  zum  15.  Neuphilologentage  in  Frankfurt  a.  Main  1912. 
Frankfurt  a.  Main,  Gebrüder  Knauer,  1912  [Inhalt:  J.  Caro.  G.  B. 
Shaw  und  Shakespeare.  —  O.  Cohn.  Zu  den  Quellen  von  Chap- 
man's  ,,The  Gentleman  Usher".  —  F.  J.  Curtis.  A  16th  Century 
Rnglish-French  Phrase-book  (Ilollyband's  French  Littelton).  — 
M.  Friednagner.  Mihail  Sadoveanu.  —  Th.  Gerold.  Das  Lieder- 
album einer  französischen  Provinzdame  um  1620.  —  U'.  Heraeus. 
Zu  den  lexikalischen  Quellen  der  Reichenauer  (^.lossen.  —  P.  de  la^ 
Jullierr.  Du  röle  de  quelques  animaux  dans  le  langage.  —  G.  Pfeffer. 
Gottlob  Regis.  —  M.  Walter.  Beobachtungen  über  Unterricht  und 
Erziehung  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika.  —  E. 
Wechssler.  Zum  Problem  des  Komischen  anläßlich  Molieres.  — 
P.  Wohlfeil.  Fiiodrich  Melchior  Grimms  Beziehungen  zu  Frank- 
furt a.  M.]. 

Prinzipienfragen  der  i'omanischen  Sprachwissenschaft  Willn^lm  Meyor- 
Lül)ke  zur  Feier  der  Vollendung  seines  50.  Lehi'.seniesters  und 
.seines  50.  Lebensjahres  gewidmet."  Teil  III  A.  Ilalh:'  1912  [l^eiheft 
28a  der  Zs.  f.  rom.  Phil.]  (Entiiält:  C.  Bai(i.<iti.  Le  dentali  esplosive 
intervocaliche  nei  dialetti  italiani). 

Societe  amicale  Gaston  Paris.     Bulletin  19IL     Paris,  avril   1912. 


UAcademie    Francoisc   en    l'an    VIll    [In:    La    Revolulinn    francaise. 
14  mai  1912,  S.  435—439]. 


240  Novitälenverzeichnis. 

Brünettere  et  Besan^ion.  Les  Etapes  de  son  evolutiori  religieuse;  par- 
le R.  P.  Pierre  Fortin.  Avec  nreface  de  Georges  Goyau,  pt  les  discoiirs 
prononcös  ä  Besangon  en  1911,  par  MM.  Denya  Cochin  et  Etienne 
Lamy.  Besanr.on,  xMarion.  1912.  Petit  in-8,  XXVII 1-230  p.  et 
Portrait. 

Delisle.  —  G.  Permi.  Notice  sur  la  vie  et  les  travaux  de  Leopold- 
Victor  Deiisle  [In:   ßibl.  de  l'Ecole  des  Charles  LXXIII,  5—72]. 

Gröber,  G.  von  W.  Meyer-Lübke  [In:  Germ.-rom.  Monatsschrilt  IV,  1]. 

Leguay,  P.  Universitaires  d'aujourd'hui.  Ernest  Lavisse  —  Gustave 
Lanson  —  Charles  Seignobos  —  Henri  Lichtenberger  —  Charles- 
Victor  Langlois  —  fimile  Durkheim.  Paris,  B.  Grasset,  1912. 
3  fr.  50. 

Ozanam,  Frederic.  D'apres  sa  correspondance;  par  Mgr  Baunard. 
Paris,  J.  de  Gigord,   1912.     Petit  in-8,  XX-510  p.  et  portrait. 

Begis,  Gottlob,  von  Georg  Pfeffer.  [In:  Festschr.  zum  15.  Neuphilologen- 
tage in  Frankfurt  am  Main  1912.] 

Boliand,  Eugene,  et  son  ceuvre  litteraire  p.  Henri  Gaidoz.  Paris  1912. 
46  S.     8»  [Extrait  du  tome  XI  de  Melusine]. 

3.  Sprachgeschichte,  Oraiuniatik,  liCxikographie. 

Bock,  Alfred.  Das  französische  Element  in  den  neuenglischen  Dialekten. 
Diss.  Münster.     Frankfurt  a.  M.  1911. 

May,  G.  La  lutte  pour  le  frangais  en  Lorraine  avant  1870.  Etüde 
sur  la  propagation  de  la  langue  fran^aise  dans  les  departements 
de  la  Meurthe  et  de  la  Moselle.  Nancy,  Berger-Levrault.  Paris, 
libr.  de  la  meme  maison.  1912.  In-8,  214  p.  avec  une  carte  hors 
texte,  4  fr.  50.  [Annales  de  l'Est  publikes  par  la  Faculte  des  lettres 
de  rUniversite  de  Nancy.     26e  annee  Fascicule  1.] 

Schäfer.  Die  deutsch-französische  Sprachgrenze  [In:  Sitzungsber. 
d'.  Kgl.  Preuß.  Ak.  d.  Wissenschaften  1912.  XXVIII.  S.  503]. 
(Kurze  Notiz.) 

Fuddegon,  B.     \]ne  theorie  psychologique  des  changements  consonan- 

tiques  et  son  application  ä  la  phonetique  des  dialectes  ba^sques. 

Paris,  H.  Champion  [Extrait  de  la  Revue  internationale  des  Etudes 

Basques  V  (1911)]. 
Schuchardt,  H.     Romano-baskische  Namen  des  Wiesels  (zu  Zeitschr. 

1910,  215  Anm.)  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXVI,  161—169]. 


Müller-Marquardt,    M.      Die    Sprache    der    alten    Vita    Wandregiseli. 

Halle,  M.  Niemeyer,  1912.     XVI,  254  S.     8^*.     8  Mk. 
Niedermann,  M.     Über  einige  Quellen  unserer  Kenntnis  des  späteren 

Vulgärlateinischen  [In:  Neue  Jahrbücher  1912.  I.]. 
Pf  ister.  Fr.     Vulgärlatein  und   Vulgärgriechisch  [In:   Rhein.   Mus.   f. 

Philologie  N.  F.  LXVII.     1912.     S.  195—208]. 


Braconnier,  P.  Causerie  grammatical.  L'evolution  du  langage  et 
la  genealogie  primitive  du  irancais  [In:  Bulletin  trimestriel  de  la 
Soc.  scient.  et  litteraire  des  Basses-Alpes.    32e  annee.    T.  XV(1)]. 

Curtis,  F.  J.  A  16tli  centurv  English-French  phrase-book  (HoUybands 
French  Littelton).  [In':  Festschrift  zum  15.  Neuphilologentage 
in  Frankfurt  a.  M.  1912.] 

Francois,  A.  Le  Dictionnaire  de  l'Academie  fran^aise  et  les  diverses 
foVmules  du  purisme,  du  XVI le  au  XI Xe  siecle  [In:  Arch.  f.  n.  Spr. 
128.     S.   143—160]. 


Novüätcnverzeichnis.  241 

Lhermite,  J.    Quelques  aper^us  grammalicaux  siir  les  langues  romanes: 

!e  provencal  et  le  frangais  [In:  Memoires  de  l'Academie  de  Vaucluse^ 

2e  Serie,  t.  XI  (19II),  S.  345—353]. 
Vossler,  K.     Charakterzüge  und  Wandlungen  des  Mittelfranzösischen 

[In:  Germ.-rom.  Monatsschrift  IV,  S.  29—55.     150—172]. 
Winkler,  £mile.     La  doctrine  grammaticale  fran^aise  d'apres  Maupas 

et  Oudin.     Halle,  M.  Niemeyer,  1912  [Beiheft  38  zur  Zs.  f.  roman. 

Phil.]. 

Porschke,  A.  Laut-  und  Formenlehre  des  Cartulaire  de  Limoges, 
verglichen  mit  der  Sprache  der  Übersetzung  des  Johannesevange- 
liums. (Ein  Beitrag  zum  Studium  des  limousinischen  Dialekts.) 
Breslauer  Dissert.  1912. 

Schneider,  H.  Die  Sprache  des  Nicolas  von  Verona.  Heidelberger 
Dissertation  1911. 


Alexander,  L.   H.     Participial  substantives  of  the   -ata  type  in   the 

Romance  Languages.    With  special  reference  to  French.    New- York. 

The  Columbia  University  Press  1912.     XII,  163  S.    8». 
Bruch,  J.    Über  die  Entstehung  von  i  aus  k^  nach  o,  au  im  Franzö- 
sischen [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXVI,  312—331]. 
F.ttmayer,  K.  v.     Zur  Charakteristik  des  Altfranzösischen  [In:  Zs.  f. 

rom.  Phil.   XXXVI,  332—343]. 
—  Ein  neuer  Gedanke  zur  Lehre  von  der  lateinischen  und  romanischen 

Synkope  [In:  Arch.  f.  n.  Spr.  128.     S.  127—142]. 
Haberl,  fi.    Neue  Beiträge  zur  romanischen  Linguistik  [In:  Zs.  f.  rom. 

Phil.   XXXVI,   303—311]   (1.   Die   Gemination  im   Romanischen. 

2.  Der  Nebenton  im  Romanischen). 
Högberg,  P.    Die  vorvokalischen  Formen  mon,  ton,  son  beim  Femininum 

[In:  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXVI,  481—496]. 
Schwarz,  J.     Übergang  von  germ.  «  zu  rom.  gu  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil. 

XXXVI,   S.  236—240]. 
Spitzer,  L.     Zur  Bildung  romanischer  Kindernamen  (Romanisch  pits- 

—  pipioP)  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXVI,  S.  233—236]. 


Baisi,  G.     Befje.    [In:  Roman.  Forsch.  XXXII,  2.    S.  623  f.]. 
Barbier  fils,   P.     Chronique  etymologique  des  langues  romanes  [In: 

Rev.  de  dialectol.  romane  IV,  1]. 
Bloch,   O.     Etymologies   franc-comtoises   et   loiTnines   [In:    Romania 

XLI,  S.  171—184]. 
Blondheim,  D.  S.     Maimon  [In:  Romania  XLI,  260 — 265]. 
Bfihcic,  Ant.     Studien  zum  romanischen  Wörterbuch  [In:  casopis  pro 

Modern!   Filologii  vydävä  Klub  Modernich  Filologu.  II,  4]. 
Bruch,  J.    Frz.  guisner  und  seine  Sippe  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXVI, 

490]. 
Cottc,  Ch.    Les  Boris  de  Provence  [In:  Annales  de  Provence.    Mai-.Tuiii 

1912.     S.  215—217]. 
Coite,  J.  et  Ch.    Etüde  sur  les  blös  de  l'antiquite  classique  (suite  et  fin) 

[In:.A«nales  de  Provence.     Mai-.Tuin  1912.     S.  167 — 192]. 
Gebhardt,    Christooh.      Das    arabische    Etvmon    einiger    romanischer 

Wörter,   untersucht.      Progr.      24    S.     's".      Greiz    1912.      Leipzig, 

Buchh.  G.  Fock.     SO  Pfg. 
Göhri,  K.     Die  Ausdrücke  für  Blitz  und  Donner  im  Galloromanischen 

(ä  suivre)  [In:  Rev.  de  dialectol.  romane  IV,  1]. 
Jud,  J.    Les  iionis  des  Poissons  du  Lac  Leman.    Lausanne  1912  [Aus: 

Bulletin  du  Glossaire  des  patois  de  la  Suisse  romande  XI^  Annoe 

(1912)]. 


242  i\o  vitalen  ^Verzeichnis. 

Mcycr-Lübke,  W.  Frz.  ivre  und  cuii>re  [In:  Zs.  f.  roin.  l'liil.  XXXVI, 
S.  230—233]. 

Phitipot,  E.     Happelourde  [In:  Romania  XLI,  119 — 123]. 

Schmitz,  M.  Herkunft  des  altfranzösischen  Wortes  tafar  [In:  Rom. 
Forsch.  XXXII,  2]. 

Spitzer,  L.  Die  Namengebung  bei  neuen  Kulturpflanzen  im  Fran- 
zösischen. —  Dialektfranzösisch  echaler  ,, Nüsse  abschlagen"  [In: 
Sonderabdruck  aus  ,, Wörter  und  Sachen".  Heidelberg,  C.  Winter, 
1912]. 

—  Zu  carnaval  im  Französischen  [Sonderabdruck  aus:  ,, Wörter  und 
Sachen"  III,  2.     1912]. 

Thomas,  A.  Etimolojies  provan^ales  et  frangaises  [In:  Romania  XLI, 
58—89]. 

—  Frang.  ameq.on  [In:  Romania  XLI,  281 — 283]. 

Wartburg,  W.  v.  Die  Ausdrücke  für  die  Fehler  des  Gesichtsorgans  in 
den  romanischen  Sprachen  und  Dialekten.  Fortsetzung  [In: 
Rev.  de  dialectol.  romane  IV,  1].  (Auch  Züriclier  Dissertation  1912. 
132  S.     8».) 

Wiener,  L.  Byzantinisches.  III.  Ital.  andare  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil. 
XXXVI,  385—401]. 

Änderten,  Fr.     Der  verkürzte  Hauptsatz  im  Französischen.     Göttinger 

Dissert.  1912.     XVIII,  123  S.    8». 
Bohäc,  Ant.     Studie  k  romänskemu  slovniku  (Studie  zum  romanischen 

Wörterbuch)    [In:    Casopis    pro    Moderni    Filologii    vydäva    Klub 

Modernich  Filologu]  (Vulg.  lat.    *comminicare,   vulg.  lat.   *jovenis, 

span.  jabon,  vulg.  lat.  timo). 
Büchtemann,  A.    Neutrales  il  im  Alti'ranzösischen.    Dissert.  Halle  1912. 
Day,   Th.     Beiträge  zur  Geschichte  der  Anrede  im  Französischen  zu 

Beginn    der    Neuzeit    (16.    und    17.    Jahrhundert).      Heidelberger 

Dissert.     S.  d. 
Hachtmann,  Otto.     Die  Vorherrschaft  substantivischer  Konstruktionen 

im  modernen  französischen  Prosastil.     Eine  stillst.  Studie.     144  S. 

1912.    4  Mk.     [In:  Rom.  Studien.     Hrsg.  v.  E.  Ehering.    Heft  12]. 
Kalepky,  Th.     Zur  französischen  Syntax.     XVIII:  Besonderheiten  der 

Verwendung  von  depuis  in  Verbindung  mit  einer  durch  einen  que- 

Satz    näher   bestimmten    Zeitraumangabe    [In:    Zs.    f.    rom.    Phil. 

XXXVI,  468—476]. 
Menshausen,    W.      Die    Verwendung    der    betonten    und    unbetonten 

Formen  des  Personal-  und  Possestivpronomens  bei  Wace,  Beneeit 

und  Crestien  v.  Troyes.     Hallenser  Dissert.  1912. 
Ohlhoff,    K.      Die    Syntax   der   unbestimmten   Fürwörter   rien,   neant, 

quelque,  chose  und  quelque  chose.     Göttinger  Dissert.  1912. 
Schad,  G.     Die  Wortstellung  in  der  Chanson  de  Guillaume  und  ihrer 

Fortsetzung  der  Chanson  de  Rainoart.    Dissert.  Halle  1911. 
Schock,  J.     Perfectum  historicum  und  Perfectum  praesens  im  Fran- 
zösischen  von   seinen   Anfängen   bis   1700.      Halle,    M.   Niemeyer, 

1912  [Beiträge  zur  Gesch.  d.  rom.  Spr.  u.  Lit.  IV].    (Auch  Tübinger 

Dissertation   1912.) 
Tobler,    A.      Vermischte    Beiträge.      Der    vermischten    Beiträge    zur 

französischen  Grammatik  fünfte  Reihe.     Leipzig,  S.  Hirzel,  1912. 

8  Mk. 

Delboy,  P.-A.     Burdigala,  nom  celtique  devenu  Bordeaux  [In:  Revue 

philomathique  de  Bordeaux  et  du  Sud-Ouest  XIII  (1910),  S.  18— 28]. 

-  Duranti  la  Calade,  J.  de,  Notes  sur  les  rues  d'Aix  au  XlVe  et  au  XV« 

siecle  (suite)  [In:  Annales  de  Provence.    Mai-Juin  1912.     S.  201  bis 

214]. 


Novitätenverzeiehnis.  243 

Huet,  G.     Dureste,  Durester,  Durestant  [In:  Rornania  XLI,  S.  102  ff.]. 

Longnon,  A.  Le  nom  de  Heu  Montmirail  et  son  etvmologie  [In:  Ro- 
rnania XLI,  115—119]. 

Vachal,  J.  Observations  etymologiques  sur  des  noms  de  lieux  [In: 
Bulletin  de  la  Soc.  des  Lettres,  Sciences  et  Arts  de  Tülle  1910. 
S.  321—324], 

Poirot,  J.  Phonetik.  Leipzig,  Hirzel,  1911.  276  S.  8  [Handbuch 
der  physiologischen  Methodik  von   K.  Tigerstedt  III,  6]. 

Richter,  E.  Wie  wir  sprechen.  Sechs  volkstümliche  Vorträge.  Mit 
20  Figuren  im  Text.  Leipzig,  B.  G.  Teubner,  1912  [Aus  Natur- 
und  Geisteswelt.  Sammlung  wissenschaftlich-gemeinverständUcher 
Darstellungen.     354.   Bändchen]. 

Schinz,  A.  Les  accents  dans  l'ecriture  franeaise  ffin)  [In:  Rev.  de 
phil.  fr.  et.  de  litter.  XXVI,  1], 


Fuchs,  M.  Lexique  du  «Journal  des  Goncourt».  Contribution  ä 
rhistoire  de  la  langue  franeaise  pendant  la  seconde  nioitie  du 
XIXe  siecle.  Paris,  E.  Cornely  et  Cie.,  1912.  In-8,  XXXII- 
153  p.    5  fr. 

Sanneg,  J.  Dictionnaire  etymol.  de  la  langue  frang.  5.  u.  (>.  Heft. 
Hannover,  C.  Meyer.     Je  1.25  Mk. 

4.  Metrik,  Jiitilistlk,  Poetik«  Ulietorik. 

Hill,  R.  Th.    The  Enueg  [In :  Publ.  of  the  Mod.  Lang.  Assoc.  of  America 

XXVII,  2]. 
Verrier,   P.     L'isochronisme  dans  le  vers  frangais.     Paris,   F.  Alcan. 

2  fr.    [Bibl.  de  la  Faculte  des  lettres  de  l'Universite  de  Paris]. 


Bally,  Ch.  Stylistique  et  linguistique  generale  [In:  Aich.  f.  n.  Spi'. 
128,  S.  87—126]. 

Koehler,  E.  Studien  zum  Impressionismus  der  Brüder  Goncouil 
(Teildruck).  Marburger  Dissert.  1911  [Die  vollständige  Abhand- 
lung ist  im  Xenien- Verlag  zu  Leipzig  erschienen  unter" dem  Titel: 
Edmund  und  Jules  de  Goncourt,  die  Begründer  dos  Impressionis- 
mus. Eine  stilgeschichtliche  Studie  zur  Literatur  und  Malerei  des 
19.   Jahrhunderts]. 

Lehmann,  R.  Die  Formelemente  des  Stils  von  Flaubert  in  eleu  Ro- 
manen und  Novellen.     Marburger  Dissertation  1911. 


Juilliere,  P.  de  la.  Du  röle  de  quelques  animaux  dans  le  langage  [In: 
Festschrift  zum   15.  Neuphilologentage  in   Frankfurt   a.   M.    1912]. 

Schultz-Gora,  O.  Zur  französischen  Metapher  und  iiirei'  Erforschung 
[In:   Germanisch-roman.   Monatssihr.   IV,  4]. 

Stollen,  O.  Die  Enlwickelung  des  bildliclion  Ausdrucks  in  der  Sprache 
Victor  Hugos  nach  den  pot^fisciieu  Werken  aus  den  verscliiodeneii 
Schaffens!)erioden  des   Dichters.     Jenaer   Dissertatioi»   19n. 

5.  Moderne  Dialekte  und  Volkskunde. 

Barbier  fils,   1*.      Quelques  inots  francais   avec   hr-  «tu  /'(/-  initial  [In: 

Rev.  de  dialectol.   romane   IV,    1]. 
Beaucoudrey,  R.-G.     Le   langage   normand   au   dehnt   du  XXe  siede. 

Note  sur  place  dans  le  canton  de  Percy  (Manche).     Avec  preface 


244  Novitätenverzeichnis. 

de  M.  Charles  Joret.     XI,   477  |».  in  8".     Paris,    A.  Picard  ot  fils. 

7  fr.  50. 
Brod,  R.    Die  Mundart  der  Kantone  Chäleau-Salins  und  Vir  in  Loth- 
ringen  (Fortsetzung)    [In:   Zs.   f.   rem.   Phil.    XXXVI,  257—291]. 
Gillieron,  J.    L'aire  de  clavellus  d'apres  l'Atlas  linguistique  de  la  France. 

27  pages,  6  cartes  et  1  tableau  synoptique.     R^sumö  de  Conferences 

faites  ä  l'EcoIe  des  Hautes  Etudes  en  1912.     Librairie  Beerslecher, 

Neuveville  (Canton  de  Berne)  Suisse.     10  frcs. 
Krüger,  F.     Sprachgeographische  Untersuchungen  in  Languedoc  und 

Roussillon.     Fortsetzung    [In:  Rev.  de  dialectol.  romane   IV,   1]. 
Marechal,   P.  et  L.,   La   meunerie  au   pays  de  Namur.     Vocabulaire 

technique.     Liege   1912  [Extrait  du  Bulletin  de  la  Soc.  de  Litt. 

Wallonne,  t.  54]. 
Meunier,  J.-M.     Etüde   Morphologique  sur   les  Prenoms   personnels 

dans  les  parlers  actuels  du  Nivernais.    In-8,  avec  une  carte.   Paris, 

H.  Champion.     15  fr. 

—  Atlas  Linguistique  et  Tableaux  des  Prenoms  personnels  du  Niver- 
nais. Supplement  de  l'etude  morphologique  sur  les  prenoms  per- 
sonnels dans  les  parlers  actuels  du  Nivernais.  In-fol.  de  15  cartes 
et  15  tableaux.     Paris,  H.  Champion.     25  fr. 

—  Monographie  Phon6tique  du  Parier  de  Chaulgnes.  Canton  de  la 
Charite-sur-Loire  (Nievre).  Avec  1  carte  et  21  planches  hors  texte 
(Figures  reduites  de  1/8).     In-8.     Paris,  H.  Champion.     15  fr. 

—  Index  Lexicographique  de  tous  les  mots  celtiques,  grecs,  latins, 
franciens,  bourguignons,  chaulgnards,  etc.  Contenus  dans  la  mono- 
graphie  du  parier  de  Chaulgnes.    In-8.    Paris,  H.  Champion.    10  fr. 

Michalias,  R.  Mots  particuliers  du  dialecte  d'oc  de  la  commune 
d'Ambert,  Puv-de-D6me  (ä  suivre)  [In:  Rev.  de  Phil,  franf.  et  de 
litter.  XXVI,*  1]. 

Sansot,  A.  Un  article  perdu  [In:  Revue  des  Hautes-Pyrenees.  t.  V, 
1910.    S.  117  f.]  (Handelt  von  sa  in  gascognischen  Eigennamen). 


Nicejero,  A.  Le  Genie  de  l'argot.  Essai  sur  les  langages  speciaux, 
les  argots  et  les  parlers  magiques.  Paris,  «Mercure  de  France», 
26,  rue  de  Conde.    1912.    In-18  Jesus,  280  p.    3  fr.  50. 

Villatte,  Cesaire.  Parisismen.  Alphabetisch  geordnete  Sammlung  der 
eigenartigen  Ausdrücke  des  Pariser  Argot.  Neubearb.  v.  Rud. 
Meyer- Riefsthal  u.  Marcel  Flandin.  8.,  verb.  u.  verm.  Aufl.  XVI, 
404  S.    8''.    Berlin-Schöneberg,  Langenscheidts  Verlag,  1912.    5  Mk. 


Feiihrige.  Recoustitucioun  di  Mantenenco.  Tiero  di  Manteneire  iscri 
au  coumengamen  de  mars.  (Decis,  döu  Bureu  Counsistouriau 
presso  lou  18  d'outobre  1911).  Tira  dou  Cartabeu  n"  9  (1911.  1912). 
Avignon,  F.  Seguin,  1912.     Petit  in-8,  34  p. 

Gelis,  F.  de.  Histoire  critique  des  jeux  floraux,  depuis  leur  origine 
jusqu'ä  leur  transformation  en  academie  (1323 — 1694).  Toulouse, 
E.  Privat,  1912.  In-8,  436  p.  [Bibliotheque  meridionale  publice 
sous  les  auspices  de  la  Faculte  des  lettres  de  Toulouse.    2^  serie,  1. 15]. 


Auhanel,  T.  La  Miougrano  entre-duberto  (avec  traduction  litterale 
en  regard).  La  Grenade  entr'ouverte.  Nouvelle  edition.  Avignon, 
Aubanel  freies.     Petit  in-8,  XXXI 11-320  p.    3  fr.  50. 

Duo  de  la  Solle  de  Rochetnaure.  Jean  de  Roquetaillade-  Yolet.  Causerie 
ä  la  Soiree  regionaliste,  donnee  ä  Paris,  ä  l'Athenee  Saint-Germain 
le  16  mars  1912  par  la  Revue  «La  Veillee  d'Auvergne».  Aurillac. 
Imprimerie  Moderne  1912. 


Novitätenverzeichnis.  245 

Enjernal  (1').  Lou  Diaboulique,  almanach  per  1912.  Lou  soul  qu6 
dounara  ouro  per  ouro  lou  tems  que  fara  dins  lou  cantou  de  Cabe- 
stang.  Oubserbatouero  dal  Pech  d'AItou.  Narbonne,  impr.  Ve 
L.  Fenateu.     Cabestang,  Camille  Audier.    1912.    In-8,  12  p. 

Fevelat,  E.  Conferences  sur  le  Grenoble  Malherou,  la  Coupi  de  la 
lettra,  le  Jacquety  de  le  Quatro  Comare  de  Blanc-la-goutte.  Dessins 
et  gravures  de  Diodore.  Rahoult  et  Eugene  Dardelet.  Lille,  impr. 
Lefebvre-Ducrocq.  1912.  Grand  in-8,  15  p.  [Societe  archeologique 
et  artistique  «Le  Vieux  Papier»  82e  reunion.     Mardi  26  mars  1912]. 

Jean  d'Douai.  Chansons  et  Poesies  frangaises  et  patoises.  Douai, 
impr.  Goulois.    1912.     In-8,  357  p.  avec  musique. 

Lambert,  L.  Chansons  pastorales  [In:  Rev.  des  1.  rom.  LV.  Janv.- 
Mars  1912]. 

Zeliqzon,  L.  et  G.  Thiriot.  Textes  patois  recueillis  en  Lorraine.  Metz, 
Verlag  der  Gesellschaft  für  lothringische  Geschichte  und  Altertums- 
kunde 1912.  XII,  477  S.  8«  [Ergänzungsheft  IV  zum  Jahrbuch 
der  Gesellschaft  für  lothringische  Geschichte  und  Altertumskunde]. 

FaLgairolle,   P.     Une  ancienne  locution  proverbiale:  «Aller  au  diable 

de  Vauvert;  faire  le  diable  de  Vauvert,  c'est  le  diable  de  Vauvert» 

[In:  Revue  du  Midi  1911  Nr.  3]. 
Morin,  L.     Proverbes  et  Dictons  recueillis  dans  le  departement  de 

l'Aube.     Nouvelle  serie.     Troves,   Grande  imprimerie  de  Troyes. 

1912.     In-8  ä  2  coL,  28  p.  [Essais  de  folk-lore  local]. 
Trebucq,  S.     La  chanson  populaire  et  la  vie  rurale  des  Pyrenees  ä 

la  Vendee.    Preface  de  P.  Sebillot.     Paris,  Feret  et  Fils.     20  fr. 

6.  liiteratnrgescliichte. 

a)  Gesamtdarstellungen. 

Ähry,  F.,  Andic,  C,  Crouzet,  P.  Histoire  illustree  de  la  littörature 
fran§aise.     Precis  methodique.     5  fr. 

Claretie,  L.  Histoire  de  la  litt^rature  frangaise  (900—1910).  T.  5: 
Les  Contemporains  (1900—1910).  Paris,  P.  Ollendorff,  1912. 
In-8,  638  p. 

Engel,  Eduard.  Geschichte  der  französischen  Literatur  von  den  An- 
fängen bis  in  die  Gegenwart.  8.  Aufl.  In  neuer  Bearbeitung.  VIII, 
557  S.  m.  31  Bildnissen,  gr.  8°.  Leipzig,  F.  Brandstetter,  1912. 
6  Mk. 

Finsler,  G.  Homer  in  der  Neuzeit  von  Dante  bis  Goethe.  Italien. 
Frankreich.  England.  Deutschland.  B.  G.  Teubner,  Leipzig  und 
Berlin  1912.     XIV,  530  S.    8». 

Hennig,  R.  Die  Entwicklung  des  Naturgefühls.  Das  Wesen  der 
Inspiration.  Leipzig,  A.  Barth,  1912.  160  S.  8«.  5  Mk.  [Schriften 
der  Gesellschaft  für  psychologische  Forschung,  Heft  17  (IV.  Samm- 
lung)]. 

Hirzel,  R.  Plutarch  [In:  Das  Erbe  der  Alten.  Schriften  über  Wesen 
und  Wirkung  der  Antike.  Gesammelt  und  herausgegeben  von 
O.  Crusius,  O.  Immisch,  Th.  Zielinski  IV].  Theodor  Weicher, 
Leipzig  1912. 

Tyroller,  Frz.  Die  Fabel  von  dem  Mann  und  dem  Vogel  in  ihrer  Ver- 
breitung in  der  Weltliteratur.  XII,  328  8.  m.  1  Stammtafel. 
10  Mk.  [In:  Literarhistorische  Forschungen.  Hr.sg.  v.  .1.  Schick 
und  M.  Frh.  von  Waldberg.     Berlin,  E.  Felber.     Heft  51]. 

Wright,  C.  H.  Conrad.  A  History  of  French  Literature.  Oxford 
University  Press.  New  York:"  35  West  Thirty-Second  Street. 
London:  Henry  Frowdo   1912.     XIV,  964  S.     8<>. 


Ztschr.  r.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XXXIX'/'.  17 


246  No  vitalen  verze  i  chn  is . 

Bedier,  J.    De  la  formation  des  chansons  de  geste  [In:  Romania  XLI, 

4—31]. 
Benary,  W.     Die  germanische  Ermanarichsage  und  die  franz.  Helden- 
dichtung.    Halle,  Niemeyer,  1912.     IV,  78  S.  [Beiheft  40  zur  Zs. 

f.  rom.  Phil.]. 
Bernard,  C.     Notice  historique  et  litt^raire  sur  les  quatre  filles  de 

Raymond-B^renger    IV,    comte   de    Provence   et   de    Forcalquier. 

Hers  concours  au  Concours  litt(*raire  de  Forcalquier,  19  septembre 

1910.      Ligne,    impr.    Chaspoul.     1912.     In-8,    22   p.    [Extrait   du 

«Bulletin  de  la  Sociötö  scientifique  et  litteraire  des  Basses-Alpes>. 
Bertoni,  G.     II  ,,fableau"  detto  do  pre  tondu  [In:  Zs.   f.  rom.   Phil. 

XXXVI,  488  f.]. 
—  Un   frammento  di  una  raccolta  di  miracoli  e  Odilionc  di  Cluny 

[In:  Romania  XLI,  S.   161—171]. 
Castedello,  W.    Die  Prosafassung  der  Bataille  Loquifer  und  des  Moniage 

Renouard.  Diss.  Halle  1912. 
Chaytor,  H.  J.    The  troubadours.    Cambridge,  Universitv  Press,  1912. 

151   S.     8». 
Chichmaref,    V.     Lirika  i  liriki  pozdniago  sredneviekovia.     Otcherki 

po  istorii  poezii  Frantsii  i  Provansa.     La  Lyrique  et  les  lyriques 

du  bas  moyen  äge.     Etudes  sur  l'histoire  de  la  po^sie  frangaise 

et  provengale.     Paris,  imprimerie  Danzig,  1911;  VIII.  565  S.  8" 

(Vgl.  Romania  XLI,  S.  127  ff.). 
Counson,    A.      Introduction    ä    l'histoire    poetique    de    Godefroid    de 

Bouillon   (Essai  sur  l'Epopee  moderne).    Editions    de    Durendal. 

Revue  d'Art  et  de  Litterature.     Bruxelles  1912.     24  S.     Gr.  8». 
Fahre,  C.     Guida  de  Rodez,  inspiratrice  de  la  poesie  provengale  (1212 

ä  1266)  [In:  Annales  du  Midi.    Avril  1912]. 
Faral,  E.     Le  recit  du  jugement  de  Paris  dans  V Eneas  et  ses  sources 

[In:  Romania  XLI,  100  f.]. 
Haiwette,  H.    La  39^  nouvelle  du  Decameron  et  la  legende  du  ., Coeur 

mange"  [In:  Romania  XLI,  184—206]. 
Huet,  G.     Dureste,  Durester,  Durestant  [In:  Romania  XLI,  S.  102  ff.] 

(Vgl.  P.   Körner,  diese  Zeitschr.  XXXIIP,  S.  205). 
Jeanroy,  A.    «Letre»  dans  une  chanson  frangaise  [In:  Romania  XLI, 

S.  113  ff.]. 
Küchler,   W.     Die   Liebe  in  den    antikisierenden   französischen    Ro- 
manen des    Mittelalters    [In:    Germ.-roman.    Monatsschrift    1912. 

S.   355—366]. 
La  Lande  de  Calan  (vicomte  C.  de).     Les  Bretons  dans  les  chansons 

de   geste.      Saint-Brieuc.      R.    Prud'homme,    1912.      In-8,    60   p. 

[Extrait  des  «Memoires  de  l'Association  bretonne».     Congres  tenu 

ä  Saint-Pol-de-Leon,  en  1911]. 
Oulmont,  Ch.    Le  verger,  le  temple,  la  cellule.    Essai  sur  la  sensualite 

dans  les  (Euvres  de  Mystique  Religieuse.     Pr^face  de  M.  E.  Bou- 

troux.     Paris,  Hachette  et  Cie.     3  fr.  50. 
Scherping,  W.     Die  Prosafassung  des  ,,Aymeri  de  Narbonne"  und  der 

,,Narbonnais".     Diss.  Halle  1911. 
Sondheimer,    /.      Die    Herodes-Partien    im    lateinischen    liturgischen 

Drama   und   in   den   französischen   Mysterien.      Halle,   Niemeyer, 

1912.    6  Mk.   [Beiträge  zur  Gesch.  d.  rom.  Spr.  u.  Literaturen  III]. 
Suchier,   W.     Zu  den  altfranzösischen  Minnefragen  [In:  Zs.   f.  rom. 

Phil.  XXXVI,  S.  221—228]. 
Warren,  F.  M.     The  Troubadour  Canso  and  Latin  Lvric  Poetry  [In: 

Mod.  Philology,  April,  1912.     S.  469—488]. 
—  Eneas  and  Thomas'    Tristan  [In:   Mod.   Lang.  Notes  XXVII,  4]. 
Zenker,  R.     Zur  Mabinogionfrage.     Eine  Antikritik.     Halle,  M.  Nie- 

mever,  1912.     118  S.     8». 


Novitätenverzeichnis.  247 

Andre,   P.     Le  modernisme  dans  la  poesie  lyrique  [In:  La  Belgique 

artistique  et  litteraire.     Juillet  1912]. 
Bastide,  C.    Anglais  et  Francais  du  XVIJe  siecle.    Paris,  Felix  Alcan, 

1912.     In-16,  XII-398  p.,^  4  fr.  [Ouvrages  sur  l'Angleterre]. 
Benoist,  A.     Le  theätre  d'aujourd'huy.     Deuxieme  serie.     Paris,  Soc. 

frang.   d'imprimerie  et  de  librairie   1912.     3  fr.   50   (Enthält:   Le 

theätre  de  Capus,  le  theätre  de  Maeterlinck,  le  theätre  de  Rostand, 

coup  d'oeil  d'ensemble). 
Berger,  A.  E.    Die  Entwickelung  der  Aufklärungsideen  in  Westeuropa 

von   der   Reformation   bis   zur   franz.   Revolution   [In:    Jahrbuch 

des  Freien  Deutschen  Hochstiftes  1911]. 
Bertaut,  Jules.    Les  Romanciers  du  Nouveau  Siecle.    Henri  de  Regnier 

—  Rene  Boylesve  —  Henri  Bordeaux  —  F.  Vanderem  —  Louis 

Bertrand    —  Charles-Henri   Hirsch    —  Romain   Rolland    —   Leon 

Frapie  —  Claude  Farrere  —  Andre  Gide,  etc.     Paris,  E.  Sansot. 
Brünettere,    F.      Histoire   de   la   litterature    francaise   classique    (1515 

bis   1830).     T.   2.   Le  dix-septieme  siecle.     Paris,  Ch.   Delagrave. 

7  fr.  50. 
Champion,  Edme.     La  Renaissance  [In:  Revue  bleue  20  avril  1912]. 
Clouard,   H.   et    Jean-Marc   Bernard.      L'Equivoque   du   «Barr^sisme» 

[In:  Mercure  de  France,    l^r  moi  1912]. 
Dejob,  Ch.    La  defense  de  Mazagran  dans  la  litterature  et  les  arts  du 

dessin  [In:  Rev.  d'Hist.  litt,  de  la  France  XIX,  2]. 
Dornis,  J.     La  sensibilite  dans  la  poesie  francaise  1885 — 1912.     Paris, 

A.  Fayard.     3  fr.  50. 
Esteve,  Edmond.    Dix-huitieme  siecle  et  Roman tisme  [In:  Rev.  d'Hist. 

litter.  de  la  Fr.  XIX,  1]. 
Cazier,  A.    Les  moralistes  frangais  du  XVle  au  XVIIie  siecle.    Carac- 

teres  generaux  de  la  Renaissance;  Montaigne  avant  les  ,, Essais". 

[In:  Rev.  des  cours  et  Conferences  XX,  13]. 

—  Les  moralistes  francais  du  XVII^  siecle  [In:  Rev.  des  cours  et 
Conferences  XX,  21]. 

—  Nicolas  Coeffeteau;  Guez  de  Balzac  [In:  Revue  des  cours  et  Con- 
ferences XX,  23]. 

—  La  Mothe  de  Vayer;  Pierre  Fortin;  La  Chambre;  Senant  [In:  Rev. 
des  cours  et  Conferences  XX,  25]. 

Glaser,  K.  Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  Frank- 
reichs in  der  zweiten  Hälfte  des  10.  Jahrhunderts.  III.  Die  politi- 
sclien  Theorien  (Kapitel  I — H':  L'IIospital  —  Pasquier  —  Coni- 
mvnes  —  Hotman).  Marburgor  Habilitationsschrift  (Sonderabdruck 
aiis  Zs.  f.  frz.  Spr.  u.   Lit.  X.XXIX,  2/4). 

Gerold,  Th.  Das  Liederalbum  einer  französischen  Provinzdame  um 
1620  [In:  Festschi',  zum  15.  Neuphilologentage  in  Frankfurt  a.  M. 
1912]. 

Cerothwohl,  M.  English  and  Fi'ench  attitudes  towards  poetrv  [In: 
The  Fortnightly  F.eview.    May  1912]. 

llettner,  Herrn.  Litoraturgcschichle  des  18.  Jahrli.  In  3  Tln.  6.  veib. 
Aul'l.  gr.  8".  Braunschweig,  F.  Vieweg  &  Sohn.  2.  Tl.  Geschichte 
der  französischen  Literatur  im  18.  .lahrh.  XII,  601  S.  1912. 
10.50  Mk. 

Iluszar,  G.  L'influence  de  l'Espagne  sur  le  theätre  fran(:ais  dos  XNIIl«' 
et  XIXesiecles.  Paris,  H.  Champion,  1912.  In-l(l,  191  j..  [Etudos 
critiques  de  littt^rature  comj)ai'ee,  III]. 

Ihwelin  (ahhc).  Bossuet,  Fenelon,  le  Quictisine.  T.  1  et  2.  Paris. 
J.  Gahalda  et  Cie.,  1912.  2  vol.  in-lS  jestis.  T.  ler,  VllI-203  p.; 
t.  2,  207  p.  [Aux  amis  de  ral>lic  Ilnxclin.  Souvenirs  de  la  crypte 
de  Saint-Augustin]. 

Joussain,  A.  La  Mentalilc  nuiiawlujuc  [In:  Le  Spoctateur. 
Mars  1912]. 

17* 


248  Novitälenverzeichnis. 

Lachevre,  F.  La  Querelle  des  ariciens  et  des  modernes.  Une  premi^re 
attaque  inconnue  de  Claude  Garnier,  le  dernier  lenant  de  Ronsard, 
contre  Theophile  de  Viau.  Chartres,  impr.  Durand.  Paris,  H. 
Ledere,  1912.  In-8,  31  p.  [Extrait  du  ^-Bulletin  du  bibliophile* 
tire  ä  50  exemplaires]. 

Lanson,  G.  Questions  diverses  sur  l'histoire  de  l'esprit  philosophique 
en  France  avant  1750  (fin)  [In:  Rev.  d'Hist.  litt^r.  de  la  France 
XIX,  2]. 

—  Questions  diverses  sur  l'histoire  de  l'esprit  philosophique  en  France 
avant  1750  [In:  Rev.  d'Hist.  litter.  XIX,  1]. 

La  Ville  de  Mirmont,  H.  de.  Jean  Dorat  et  Elie  Vinet  [In:  Rev.  bist, 
de  Bordeaux  et  du  departement  de  la  Gironde  III  (1910),  S.  373 
bis  386]. 

Lecomte  (L.  Henry).  Napoleon  et  le  Monde  dramatique.  Etüde 
nouvelle  d'apres  des  documents  inedits.  (Avant  le  pouvoir,  Pen- 
dant le  Consulat,  Pendant  l'Empire,  les  Cent  jours,  Jugements 
et  Aneedotes,  Conclusion.)  Ouvrage  orne  d'un  frontispice  grave 
et  de  planches  hors  texte.  Paris,  H.  Daragon,  1912.  In-8, 
IV-503  p.   15  fr. 

Lefranc,  A.  La  civilisation  intellectuelle  en  France  ä  l'epoque  de  la 
Renaissance  [In:  Rev.  des  cours  et  Conferences  XX,  28]. 

Lehnartz,  O.  Edouard  Rod,  Paul  Bourget  und  ihre  literarische  Rich- 
tung.    Greifswalder  Dissert.  1912. 

Maigron,  L.  Le  Roman  historique  ä  l'epoque  romantique.  Essai  sur 
l'influence  de  Walter  Scott.  Nouvelle  edition.  Paris,  H.  Champion, 
1912.     In-8,  VII-248  p. 

Marsan,  J.    La  bataille  romantique.    Paris,  Hachette  et  Cie.    3  fr.  50. 

Maury,  L.  Vie  et  oeuvres  d'autrefois.  Classiques  et  romantiqu^s. 
Paris,  Perrin  et  Cie.     3  fr.  50. 

Menschel,  Walter.  Der  literarische  Bauerntypus  in  französischen 
Dichtungen  des  sechzehnten  und  siebzehnten  Jahrhunderts.  Greifs- 
walder Dissertation   1912. 

Mornet,  D.  Le  romantisme  en  France  au  XVI Ile  siecle.  Ouvrage 
illustre.     Paris,  Hachette  et  Cie.     3  fr.  50. 

Palante,  G.  La  philosophie  du  bovarysme.  Jules  de  Gaultier.  Avec 
1  Portrait  et  1  autographe.  Paris,  Mercure  de  France,  1912.  92  S. 
16**.    75  Cent  [Les  hommes  et  les  idöes]. 

Riviere,  J.  Etudes.  Baudelaire,  Paul  Claudel,  Andre  Gide,  Rameau, 
Bach,  Franck,  Wagner,  Maussorgsky,  Debussy,  Ingres,  Cezanne, 
Gauguin.  Bruges,  «The  Sainte  Catherine  press  litd»,  quai  Saint- 
Pierre.    Paris,  libr.  M.  Riviere  et  Cie.,  1911.    In-16,  272  p.   3  fr.  50. 

Saillard,  G.^  Essai  sur  la  Fable  en  France  au  dix-huitieme  siecle.  Tou- 
louse, E.  Privat.     Paris,  A.  Picard  et  Fils.  5  fr. 

Saisset,  L.  et  F.  Un  type  de  l'ancienne  comedie:  Le  Capitan  Matamore 
[In:  Mercure  de  France  16  avril  et  l^r  mai  1912]. 

Seche,  L.  Le  Cenacle  de  Joseph  Delorme  (1827—1830).  I,  Victor 
Hugo  et  les  Poetes,  de  Cromvell  ä  Hernani  (documents  inedits). 
Portraits  et  planches  diverses.  —  II,  Victor  Hugo  et  les  Artistes: 
David  d' Angers,  les  Deveria,  Louis  Boulanger,  Charles  Robelin, 
Paul  Huet,  Eugene  Delacroix,  les  Johannot,  Celestin  Nanteuil, 
Charlet  (documents  inedits).  Portraits  et  planches  diverses.  Paris, 
«Mercure  de  France,  26,  rue  de  Conde.  1912.  2  vol.  in-8,  I.  402  p. ; 
II,  303  p.    Les  deux  vol.,  15  fr. 

—  Les  accents  de  la  Satire  dans  la  poesie  contemporaine.  Paris, 
Sansot.     3  fr.  50. 

—  David  d'Angers  au  Cenacle  de  Joseph  Delorme  [In:  Mercure  de 
France.    16  avril  1912]. 

Smets,  Aug.  Les  ecrivains  beiges  de  langue  frangaise.  Paris,  Librairie 
generale  des  sciences,  arts  et  lettres.     3  fr.  50. 


Novitätenverzeichnis.  249 

Speth,   W.     L'Impressionnisme  litteraire   [In:  La  Belgique  artist.  et 

litter.     Avril  1912]. 
Van   Tieghem,  P.     Le  Mouvement  romantique.     Ouvrage  illustre  de 

4  gravures.    Paris,  Hachette  et  Cie.    1912.    Petit  in-8,  VII 1-119  p. 

2  fr.  [L'Histoire  par  les  contemporains]. 
Viele-Griffin,  Fr.     La  delimitation  du  «Barresisme»  [In:   Mercure  de 

France.    Mars  1912]. 
Weck,  R.  de.    La  vie  litteraire  dans  la  Suisse  frangaise.    Paris,  Fonte- 

moing  &  Cie.     1  fr.  öO. 
Wedderkop,  M.  v.     Neue  Wege  zur  französischen  Literatur,  XVII  und 

XVIII.   Jahrh.     Ein   Führer  f.   moderne  Leser.     IV,   339  S.     8*^. 

Berhn,  K.  Curtius,  1912.     3.50  Mk. 
Wilmotte,   M.     Le   passe,   le   present  et  l'avenir  du   theätre  national 

de  langue  frangaise  en  Belgique  [In:  Ac.  Royale  de  Belgique.    Bull. 

de  la  Classe  des  Lettres  . . .  1912  Nr.  5]. 

b)  Einzelne  Autoren. 

Balzac  et  Moleri,  ou  le  Curieux  dilemme  [In:   Mercure  de  France. 

16  Mars  1912]. 
Banville,  Theodore  de,  1823—1891;  par  Max  Fuchs.     Paris,  E.  Cornely 

et  Cie.     1912.      In-8,  XI-528  p.  10  fr. 
Sur  Barbey  d' Aurevilly.  Etudes  et  Fragments;  par  Frangois  Laurentie. 

Paris,  Emile-Paul.     1912.     Petit  in-8,  11-350  p. 
Bertaut.  —  Vaganay,  H.  et  J.  Vianey.     Bertaut  et  la  reforme  de  Mal- 
herbe [In:  Rev.  d'Hist.  litter.  de  la  France  XIX,  1]. 
Boileau.   —  M.   Chiarini.     Un  adversaire  de  l'influence  italienne  en 

France:  Nicolas  Boileau-Despreaux.     Imola,  Coop.  tip.     Galeati, 

1911.     92  S.     W. 
Bordeaux,  H.  —  Fcrchat,  ./.     Le  Roman  de  la  famille  fran^aise.     Essai 

sur  r  Oeuvre  de  M.  Henry  Bordeaux.    Preface  de  M.  Paul  Bourget. 

Paris,   Plon-Nourrit  et  Cie.     1912.     In-16,  XXIV-459  p.  avec  un 

Portrait.     3  fr.  50. 
Bourget,  P.     s.  oben  p.  248  Lehnertz. 
Charles  d'Orleans.    —   Champion,    P.     Un   inventaire   des   papiers  de 

Charles  d'Orleans  (1444).     Paris,  H.  Champion.     1912.     In-8,  55  p. 

[Extrait  de  la  «Correspondance  historique  et  archeologique'>,  ann^es 

1911—1912.] 

—  H.  N.  MacCracken.  A  note  on  «An  English  friend  of  Charles  of 
Orleans»  [In:  Mod.  Lang.  Notes  XXVII,  4]. 

Charriere,  Madame  de.  L.  Morel.  L'influence  germanique  chez  Madame 
de  Charriere  et  chez  Benjamin  Constant  (fin)  [In:  Rev.  d'Hist. 
littör.  de  la  France  XIX,  1]. 

Chateaubriand,  par  Jules  Lemaitre.  Paris,  Calmann-Levv.  1912.  In-lS, 
350  p.  3  fr.  50. 

—  Chateaubriand  ambassadeur  ä  Londres  1822  d'apres  ses  depeches 
in^ditos  par  Comte  d'Antioche.     Paris,  Perrin  et  Cie.     7  fr.  50. 

—  Chateaubriand  et  sa  cousine  Mcre  des  Seraphins  [In:  Mercure  de 
France.     ler  avril   1912]. 

—  Un  observateur  secret  de  Ch.  par  F.  Rousseau,  d'apres  des  documents 
inMits  relalifs  aux  ann(§es  1820 — 1821  [In:  l.e  Correspondant. 
25  mars  1912]. 

Constant,  B.  s.  Charriere. 

Coppce.   —  Conference   sur    Franc^-ois  Coppec;    |)ar   Albert   de    Brrsau- 

court.     Ligug^  (Vienne),  iinpr.   E.   Aubin.      1911.     ln-ll>,   78  p.  et 

Portrait. 
Fenelon.     L'Aristocratisme  de   Ft^nelun.     Conlt'renie   prononceo  dans 

la  grande  salle  de  la  Societe  de  göt>gr;»phie  le  12  mars  1912;  par 

Mgr  Tauchet.     Paris,  Lelhielleux.^    1912.     In-S.  -'4  p. 


250  Noviiälenverzeichnis. 

Feuillet,  O.  —  ./.  Evenius.  Octave  Feuiliol  und  seine  Stellung  zu  den 
Lebensproblemen  seiner  Zeit.  Eine  Weltanschauungssludie.  Mar- 
burger Dissertation  1912. 

—  Feuülel,  Madame  Octave  par  M.  de  Vareilles-iSommieres.  Paris, 
P.  Lethielleux.     1911.     In-12,  128  p.     [Femmes  de  France  7.] 

Flauherl,  G.  ä  Bordeaux  p.  P.  Courteaull  [In:  Rev.  bist,  de  Bordeaux 
et  du  departement  de  la  Gironde  III  (1910),  S.  357—361]. 

—  Les  dernieres  ann^es  de  Gustave  Flaubert,  doruments  iiiedits 
[In:  La  Revue,     ler  mai  1912]. 

—  L.  Bertrand.  Le  cinquantenaire  de  Salaminbo  [In:  Rev.  d.  deux 
mondes  ler  juin  1912]. 

—  CUrembray,  F.  Flaubertisme  et  Bovarysme.  I,  Madame  Bovary 
et  In  critique.  II,  Le  Champenois  Nicolas  Flaubert.  III.  Les  Fleu- 
riot,  d'Argences.  IV.  Cambremer,  Haveron  et  Boveri.  V.  Bovary, 
de  Saint-Maclou  de  Ronen.  VI.  M.  et  Mme  Canivet,  de  Neufchätel. 
VII.  M.  Homais,  de  Forges.  Causeries  document(''es,  lues  en  des 
i'eunions  privees  ä  X...  en-Bray  (Haute-Normandie),  en  janvier 
1912.     Rouen,  A.  Lestringant.     1912.     In-8,  77  p. 

Florian,  sa  vie,  son  ceuvre  p.  G.  Saillard.    Toulouse  E.  Privat.     Paris, 

A.  Picard  et  Fils.    325  S.    8".     7  fr.  50. 
Gautier,    Theophile.  —  H.    Boucher.      Iconographie  generale   de  Theo- 
phile Gautier  [In:  Bulletin  du  Bibliophile  15  janv.   1912]. 
Geniis,  Madame  de,  sa  vie  intime  et  politique,  1746 — 1830,  d'apres  des 

documents  inedits;  par  Jean  Harmand.     Preface  d'Emile  Faguet. 

Ouvrage  orne  de  8  planches  hors  texte.    Paris,  Perrin  et  Cie.    1912. 

Petit  in-8,  XII-558  p. 
Grimm,  F.  M.  —  P.  Wohlfeil.    Friedrich  Melchior  Grimms  Beziehungen 

zu  Frankfurt  a.  M.  [In:  Festschr.  zum   15.  Neuphilologentage  in 

Frankfurt  am  Main  1912]. 
Guerin,  Charles  par  Albert  de  Bersaucourt.    Preface  de  Francis  Jammes. 

Paris,  Bibliotheque  du  temps  present,  Ch.  F.  Caiilard,  edit.,   76, 

rue  de  Rennes.     1912.     In-16,  VIII-168  p.   avec  portrait  et  fac- 

simile.     3  fr.  50. 
Hugo,  V.  —  S.  oben  p.  248  Seche. 

—  Stauf  V.  der  March,  Ottok.  Victor  Hugo.  Eine  Würdigg.  100  S. 
mit  1   Bildnis.     8».     Pankow-Berlin,  E.  Eisner,   1912.     2.—  Mk. 

—  Eugene  Rigal.  La  signification  du  «Satyre»  et  la  philosophie  de 
Victor  Hugo  de  1854  ä  1859  [In:  Rev.  d'Hist.  litter.  de  la  France 
XIX,  1]. 

—  L.  Seche.  Le  «Ronsard  de  Victor  Hugo»  [In :  Revue  de  la  Renaissance. 
Janvier-mars  1912.]. 

—  Seche,  L.  d'Amy  Robsart  ä  Hernani  [In:  Revue  de  Paris.  15  mai 
1912]. 

—  Ä.  de  Bersaucourt.  Les  pamphlets  contre  Victor  Hugo.  Paris, 
Mercure  de  France  1912.     3  fr.  50. 

—  P.  Berret.  Le  «Satyre>:>  et  le  pantheisme  de  Victor  Hugo  [In:  Rev. 
d'Hist.  Utter.  de  la'France  XIX,  2]. 

—  M.  Strowski.  Victor  Hugo  [In:  Rev.  des  cours  et  Conferences  XX, 
16.  18.  20.]. 

—  Hugo,  Victor.  Waterloo,  Napoleon.  Documents  recueillis,  publies 
et  annotes;  par  Hector  Fleischmann.  Paris,  A.  Mericant.  In-18, 
Jesus,  XVI-272  p.  3  fr.  50. 

Jean  d'Outremeuse.  —  G.  Kurth.     Etüde  critique  sur  .1.  d'Outremeuse 

[In:  Ac.  royale  de  Belgique.     Memoires.     Deuxieme  serie.     T.  VII. 

Bruxelles  1910]. 
La  Bruyere.  —  G.  Servois.   Un  document  relatif  ä  la  confiscation  de  la 

fortune  des  ancetres  de  Jean  de  la  Bruyere  [In:  Rev.  d'Hist.  litter. 

de  la  France  XIX,  1]. 


Novitätenverzeichnis.  251 

Lamartine  p.  R.  Doumic.  Paris,  Hachette  et  Cie.  2  fr.  [Les  grands 
ecrivains  fran^ais]. 

—  Lamartine  p.  G.  Clouzot  et  Ch.  Fegdal.  Paris,  Louis  Michaud. 
2  fr.  25  [La  vie  anecdotique  et  pittoresque  des  grands  ecrivains]. 

—  M.  Ortensi.  Lamartine  dans  la  legende  et  dans  l'histoire,  ä  propos 
d'une  nouvelle  etude  sur  la  jeunesse  du  poete.  Udine,  Tosolini 
freres.     1912.     31  S.     8».     L.  1. 

—  Lamartine  et  la  Flandre;  par  Henry  Cochin.  Paris,  Plon-Nourrit 
et  Cie.     1912.     In-8,  XXVIII-444  p.  avec  8  grav.  hors  texte.     5  fr. 

—  Zu  Lamartin.  Von  Fritz  Lubinsky  [In:  Arch.  f.  n.  Spr.  CXXVIII 
3/4.     S.  375—378]. 

—  Charbonnel,  J.  R.  La  Philosophie  de  Lamartine.  Les  Sourccs 
neo-platoniciennes  du  romantisme.  Poitiers,  impr.  G.  Roy.  Paris, 
«Mercure  de  France».  1912.  In-8,  35  p.  [Extrait  du  «Mercure 
de  France».] 

—  Lamartine  et  les  Harmonies  p.  G.  Allais  [In :  Rev.  des  cours  et 
Conferences  XX,  18.  23]. 

—  Madame  de  Lamartine,  par  C.  Lecigne.  Paris,  P.  Lethielleux.  1911. 
In-12  oblong,  117  p.  60  cent.  [Femmes  de  France.  10.] 

La  Rochefoucauld,  sa  vie,  ses  Maximes  p.  A.  Gazier  [Revue  des  cours 

et  Conferences  XX,  27]. 
Maeterlinck   ä  Bruxelles  par   Raymond  De  Ridder  [In:   La  Belgique 

artistique  &  litter.  Avril  1912]. 
Marivaux"  Place  in  the  development  of  Character  Portrayal  by  Edw. 

Chauncey  Baldwin  [In:  Publ.  of  the  Mod.  Lang.  Assoc.  of  America 

XXVII,  2]. 
Marot.  —  E.   Philipot.     Sur  un  amour  de  Clement  Marot  [In:  Rev. 

d'Hist.  litter.  de  la  France  XIX,  1]. 
Merimee,    P.    —    Voyslav   M.     Yovanovitch.      ,,La   Guzla"  de   Prosper 

Merimee;   etude  d'histoire  romantique.     Preface  de   M.   Augustin 

Filon.    Paris,  Hachette  1911.     XVI,  566  S.     8». 
Michelet,  La  jeunesse  de,  p.   P.   Bourget  [In:  La  Revue  critique  des 

Idöes  et  des  Livres.     10  avril  1912]. 
Moliere  feministe  p.  Faguet  [In:  Rev.  bleue  13  avril  1912]. 

—  E.  Wechssler.  Zum  Problem  des  Komischen  anläßlich  Molieres 
[In:  Festschrift  zum  15.  Neuphilologentage  in  Frankfurt  a.  M. 
1912]. 

—  Moliere  et  Madame  de  Sövigne  p.  A.  Martin  [In:  Rev.  d'Hist. 
litter.  de  la  France  XIX,  1]. 

—  L.  Lacour.  La  vie  passionnelle  de  Moliere  [In:  Revue  de  Paris. 
XIX,  7]. 

Montaigne  a-t-il  eu  quelque  influence  sur  Frangois  Bacon  (suite)  [In: 
Rev.  de  la  Renaissance.     Janvier-mars  1912  (ä  suivre)]. 

—  A.  Gazier.  L'influence  de  Mont^iigne  [In:  Rev.  des  cours  et  con- 
ft^rences  XX,  17]. 

Montalemhcrt  par  Victor  Bucaille.  Paris,  J.  Gabalda  et  Cie.  Limoges, 
editions  du  «Petit  D^mocrate»,  16,  boulevard  Gambetta.  1912. 
In-8,  46  p.  30  cent. 

Montesquieu  als  Vorläufer  von  Aktion  und  Reaktion.  Von  Adalberf 
Wahl  [In:  Ilist.  Zeitschr.  3.  Folge.  13.  Bd.  1.  Heft]. 

—  Montesquieu  e  Machiavelli  par  E.  Levi-Mah>ano.  Paris,  H.  Cham- 
pion. 1912.  In-8,  152  p.  [Bibliotheque  de  Flnstitut  fran^ais  de 
Florence.     Universit^  de  Grenoble.     (K^  sth'ie,  T.  2.)]. 

Musset,  A  Note  on,  by  G.  N.  Ucnnitig  [In:  Mdd.  Lang.  Notes 
XXVII,  4]. 

—  ./.  Giraud.  Alfred  de  Musset  et  trois  ronuuiUquos  alleniands  (suite 
ot  fin)  [In:  Rev.  d'Hist.  littih-.  de  la  France  XIX,  2]. 

Musset.  —  F.  Strowsky.  La  jeunesse  d'Alfred  de  Mussei  [In:  Rev. 
des  cours  et  conf(?rences  XX,  22]. 


252  Novitäienverzeichnis. 

Palissot.  —  D.  Delafarge.    La  vie  et  l'ceuvre  de  F^alissot  (1730  —  1814). 

Paris,  Hachette  et  ("<ie.     10  fr. 
Pascal.     S.  oben  p.  238  Maire. 

—  Pascal;  par  Emile  Boutroux,  membre  de  l'Institut,  5^  edition, 
revue.  Paris,  Hachette  et  Cie.  1912.  In-16,  207  p.  et  portrait. 
2  fr.  [Les  grands  öcrivains  frangeis.] 

—  F.  Masci.  La  religione  di  Pascal.  [In:  .Sumbolae  litterariae  in 
honorem  Julii  de  Petra.     Neapel  1911.] 

Pompadour,  Madame  de.  —  O.  Uzanne.  Madame  de  Pompadour 
intellectuelle,  com(^dienne  et  organisatrice  de  theätre  intime.  Son 
influence  sur  les  lettres.  Ses  relations  avec  les  litt^rateurs  de  son 
temps  [In:  Mercure  de  France,    ler  mars  1912]. 

Prevost,  Abbe.  —  Franz  Pauli.  Die  philosophischen  GrundansÄiau- 
ungen  in  den  Romanen  des  Abb6  Prövost,  im  besonderen  in  der 
Manon  Lescaut.  Marburger  Dissertation  1911  [Auch:  Marbürger 
Beiträge  zur  roman.  Philol.  VII]. 

Prudkomme,  Sully.  —  Samuel  Billigheimer.  Das  religiöse  Leben 
Sully  Prudhommes  genetisch  dargestellt.  Heidelberger  Dissertation 
1911.     VIII,  319  S.     80. 

Rabelaisiana  von  St.  Hofer  [In:  Germ.-rom.  Monatsschr.  IV,  2]. 

—  Un  lendit  universitaire  ä  Montpellier  (XVle  siecle).  L'Acte  de 
triomphe  du  docte  et  gentil  Rabelais;  par  le  docteur  /.  Chabanon. 
Illustrations  avec  portrait  authentique  et  autographe  de  Rabelais. 
Paris,  L.  Buisson,  1912.     In-8,  52  p.    2  fr.  50. 

—  iL?.  M.  Waxman.  The  Religion  of  Rabelais  [In:  The  Romanic 
Review  III,  1]. 

Racine.  —  Les  Ennemis  de  Racine  au  XVIle  siecle;  par  F.  Deltour. 

7^  edition,  revue  et  corrigee.     Paris,  Hachette  et  Cie.,  1912.    In-16, 

XIX-394  p.    3  fr.  50    [Bibliotheque  variee]. 
Rimbaud,  Jean  Arthur,  le  Poete  (1854 — 1873);  par  Paterne  Berrichon. 

Poemes,  lettres  et  documents  inedits,  portrait  en  heliogravure  et 

autographe.     Paris,  «Mercure  de  France->,  26,  rue  de  Conde,  1912. 

In-18  Jesus,  311  p. 
Rousseau.  —  E.  Faguei.     Les  Amies  de  Rousseau.     Poitiers,  Societe 

frangaise  d'impr.  et  de  libr.   Paris,  libr.  de  la  meme  societe.    In-16, 

433  p.    3  fr.  50  [Le  Bi-centenaire]. 

—  Rousseau,  J.-J.  et  le  latin  p.  A.  Bioves  [In:  Feuilles  d'histoire  n"  5]. 

—  Le  dernier  ami  de  J.-J.  Rousseau.  Girardin,  le  marquis  de,  1735 
ä  1808,  d'apres  des  documents  inedits  p.  A.  Martin- Decaen. 
Preface  d'Andre  Hallays.     Paris,  Perrin  et  Cie.     3  fr.  50. 

—  A.  Meynier.  Jean- Jacques  Rousseau  revolutionnaire.  Paris, 
Schleicher.     256  S.     12°.     3  fr.  50. 

—  L.  Cahen.  Rousseau  et  la  revolution  frangaise  [In:  Revue  de  Paris 
XIX,  12]. 

—  J.  Grand-Carteret.  J.-J.  Rousseau  juge  par  les  fran^ais  d'aujourd'hui. 
Paris,  Perrin  et  Cie.     6  fr. 

—  Rousseau  raconte  par  des  gazettes  de  son  temps,  d'un  decret  ä 
l'autre  (9  juin  1762  —  21  decembre  1790).  Articles  recueillis  et 
annotes  par  P.P.  Plan.  Avec  un  portrait.  Paris,  Mercure  de 
France.     3  fr.  50. 

—  Jean-Jacques  Rousseau.  Conferences  faites  ä  l'Ecole  des  Hautes 
Etudes  sociales  en  1912  p.  MM.  F.  Baldensperger,  G.  Beaulavon, 
J.  Benrubi,  C.  Bougle,  A.  Cahen,  V.  Dclbos,  G.  Dwelschauvers, 
G.  Gastinel,  D.  Mornet,  D.  Parodi,  F.  Vial.  Preface  de  G.  Lanson. 
Paris,  F.  Alcan.     6  fr. 

—  J.- J.Rousseau  et  sa  philosophie  p.  H.  Höffding.  Paris,  F.  Alcan.  2fr. 50. 

—  J.-J.  Rousseau  p.  J.  Fabre.     Paris,  F.  Alcan.     252  S.     16».     2  fr. 

—  J.-J.  Rousseau  p.  /.  Tiersot.  Paris,  F.  Alcan.  3  fr.  50  [Les  Maitres 
de  la  musique]. 


Novitätenverzeichnis.  253 

Rousseau.  —  Maurice  Barres.  Considerations  sur  le  bi-centenaire  de 
Rousseau.     Paris.    Editions  de  l'Independance.    1  fr. 

—  Jean-Jacques  Rousseau  et  Malesherbes.  Un  dossier  de  la  Direction 
de  la  L.ibrairie  sous  Louis  XV.  Public  sur  les  documents  originaux 
p.  P.-P.  Plan.     Paris,  Fischbacher.     3  fr. 

—  Rousseau  in  England  in  the  Nineteenth  Century  by  E.  Gosse  [In: 
The  Fortnightly,  Review.    July  1912]. 

—  Rousseau  als  Erzieher.  Von  Fr.  Fürle  [In:  Grenzboten  26.  Juni 
1912,   S.  603—612]. 

—  Jean- Jacques  Rousseau  et  Malesherbes.  Un  dossier  de  la  direction 
de  la  librairie  sous  Louis  XV,  publie  sur  les  documents  originaux, 
par  Pierre  Paul  Plan.  Poitiers,  impr.  G.  Roy.  Paris,  libr.  Fisch- 
bacher. 1912.  In-8,  64  p.  [Extrait  du  «Mercure  de  France»,  t.  97, 
ler  mai  1912]. 

Sainte-Beuve   et   le    Journal   des    Savans   [In:    Journal    des   Savans. 

Avril  1912]. 
Sevigne,  Madame  de.     S.  oben  p.  251  Moliere. 

—  W.  Löffler.  Die  literarischen  Urteile  der  Frau  von  Sevigne  nach 
ihren  Briefen.     Heidelberger  Dissertation  1912. 

Stael,  Mme  de.  —  J.  Wickman.  Mme  de  Stael  och  Sverige.  Lund, 
Gleerup  1911.    In-S*.     These. 

Stendhal  et  ses  commentateurs;  par  Jean  Melia.  Paris,  «Mercure  de 
France»,  26,  rue  de  Conde.     1911.    In-18  Jesus,   417  p.    3  fr.   50. 

Vade,  Jean- Joseph  (1719 — 1757)  und  das  Vaudeville  von  Max  Müller. 
Greifswalder  Dissertation  1911. 

Verlaine.  —  Les  Derniers  Jours  de  Paul  Verlaine;  par  P.  A.  Cazals 
et  Gustave  Le  Rouge.  Nombreux  documents  et  dessins,  avec  une 
preface  de  Maurice  Barres  de  l'Academie  frangaise.  Paris,  libr.  du 
«Mercure  de  France».    1911.    In-18  Jesus,  X-273  p. 

—  L'Assomption  de  Paul  Verlaine;  par  Ernest  Raynaud.  Scene 
pastorale  precedee  de  considerations  sur  Paul  Verlaine.  Paris, 
('Mercure  de  France»,  26,  rue  de  Conde.  1912.  In-18  Jesus,  84  p. 
1  fr.  [Representee  pour  la  premiere  fois  sur  la  scene  de  l'Odeon, 
le  28  mai  1911]. 

Vigny,  Aljr.  de  —  F.  Strowski.    Alfred  de  Vigny  [In:  Rev.  des  cours 

et  Conferences  XX,  26,  28]. 
Voiture  et  les  Annees  de  gloire  de  l'hötel  de  Rambouillet,  1635 — 1648; 

par  Emile  Magne.    Portraits  e!  documents  inedits.    Paris,  «Mercure 

de  France^  26,  rue  de  Condi^.    1912.    In-18  Jesus,  444  p.    3  fr.  50, 
Voltaire,  seigneur  de  village;  par  Fernand  Causst/.     Ouvrage  illustre 

de  3  portraits  do  Voltaire  et  de  4  cartes.     Paris,  Hachette  et  Cie.. 

1912.     In-16,   XI-356  p.    3  fr.  50. 

—  Voltaire  und  Karl  Theodor  von  Pfalz-Bayern  von  /..  Jordan  [In: 
Arch.  f.  n.  Spr.  CXXVIII  3/4.    S.  371—375]. 

7.  Aasgaben,    Krhliitoriing^sschriften,    l'bor9etznn8:en. 

Bertoni,  G.  II  Cau/.iouici'c  Proveiizalo  doUa  Bibliutoca  Ambrosiana 
R.  71.  Sup.  Edizione  diplumatica  preceduta  da  un'  introduzione. 
Dresden   1912  [Gesellschaft  für  rom.   Literatur.    Band  28]. 

—  Noterelle  Provenzali  [In:  Rov.  d.  1.  rom.  LV.  Janv.-Mars  1912 
(I.  Nuovi  versi  di  Bertran  de  Born.  II.  Sopra  un  passo  di  Gormonda. 
III.  Per  un  discordo  di  Pons  de  Copiluoill.  IV.  Nota  sopra  uiia 
tenzono  di  Sordollo.  V.  Sopi'a  un  passo  del  «Doounienlum  Honoris-^ 
di  Sordello.     VI.   Dotti  di  Filosofi  e  Savi). 

—  Due  iiote  sul  ms.  provenzalo  D  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.  -\XXVI, 
344  f.]. 

Calmeiie,  J.  et  G.  Ilurtehise.  Correspondanoe  de  la  ville  de  Perpignan 
(Suite)  [In:  Rev.  d.  1.  rom.  LV.  Jan\.-Mars  1912. 


254  Novilülenverzeichnis. 

Cartutnire  de  Ijimoges.     S.  oben  p.  241   Purschke. 

Chrestomathie  au  moyen  äge.     Extraits  i>ut)lies  avec  des  traduclions, 

des  notes,  une  introduclion  grammaticale  et  des  notices  litt4raires; 

par  G.  Paris,  E.  Langlois.    8e  Edition  revue.    Paris,  Hachette  et  Cio. 

1912.    Petit  in-16,  XCIIl-368  p.  cartonne,  3  ir.  [Classiques  franoais]. 
Faral,  E.     Une  chanson  inedite  [In:  Romania   XLI,  265 — 209]. 
Jeanroy,  A.     Sur  quelques  textes  provenc^aux  reconunent  puhlies  [In: 

Romania   XLI,    105  IT.]   (Es   handelt   sicli    um   einige   von    Berlorn 

Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXV  und  Studi  letterari  e  linguistici  dedicati 

a  P.  Rajna  veröffentlichte  Texte). 
liecueil  des  chartes  de  l'abbaye  de   Saint-Benoit-sur-Loire,  reunies  et 

publiees  par   Maurice   Prou;    Alexandre   Vidier.     T.   2.      ler   las«-. 

Fontainebleau,    impr.    Bourges.      Paris,    A.    Picard    et   fils.     1912. 

!n-8,  p.   1  ä  128  [Documents  publies  par  la  Societe  historique  et 

archöologiquc  du  Gatinais.  VI]. 
Sammlung  mittellateinischer  Texte,  hrsg.  v.  Aljons  Hilka.     8^.     Heidel- 
berg, Carl  Winter.     3.  Werner,  Jak.    Lateinische  Sprichwörter  und 

Sinnsprüche  des  Mittelalters,  aus  Handschriften  gesammelt.    VIII. 

112  S.     1912.    2.20  Mk. 


Albertus  Magnus.  —  H.  Stadler.  Vorbemerkungen  zur  neuen  Ausgabe- 
der  Tiergeschichte  des  Albertus  Magnus.  Mit  3  Tafeln  [In :  Sitzungs- 
berichte der  Kgl.  Bayerischen  Ak.  d.  Wissenschaften.  Philos.- 
phil.  und  histor.  Klasse  1912.     1.  Abhandlung]. 

Athis  et  Prophilias,  Li  Romanz  d'  (L'estoire  d'Athenes).  Nach  allen 
bekannten  Handschriften  zum  ersten  Male  vollständig  heraus- 
gegeben von  Aljons  Hilka.  Dresden  1912  [Gesellschaft  für  rom. 
Literatur.     Band  29]. 

Aymeri  de  Narbonne.     S.  oben  p.  246  Scherping. 

Bataille  Loquifer.     S.  oben  p.  246  Castedello. 

Bataille  de  Trente.  —  H.  R.  Brush.  La  Bataille  de  Trente  Anglois  et 
de  Trente  Bretons  [In:  Mod.  Philol.,  April  1912.  S.  511—544, 
Juli  1912.     S.  82—136]. 

Baudouin  de  Sebourc.  —  G.  L.  Hamilton.  La  source  d'un  episode  de 
Baudouin  de  Sebourc  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.   XXXVI,   129—159]. 

Zu  Bertolome  Zorzi  von  Hugo  Andresen  [In:  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXVI 
489]. 

Bertran  de  Born.     S.  oben  p.  253  Bertoni. 

Bueve  de  Hanstone,  Der  festländische.  Fassung  II,  nach  allen  Hand- 
schriften mit  Einleitung,  Anmerkungen  und  Glossar  zum  erstenmal 
herausgegeben  von  A.  Stimming.  Band  I:  Text.  Dresden  1912 
[Gesellschaft  für  romanische  Literatur.     Bd.  30]. 

—  G.  Sander.  Die  Fassung  T  des  festländischen  Bueve  de  Hantone. 
Göttinger  Dissertation  1912. 

—  J.  E.  Matzke.  The  Oldest  Form  of  the  Beves  Legend  [In: 
Modern  Philology  X,  1]. 

Chancun  de  Willame.  —  J.  Acher.     A  propos  d'un  doute  sur  le  livre 

de  Chiswick  [In:  Rev.  d.  1.  rom.  LV.    Janv.-Mars  1912]. 
Chretien.  —  S.  oben  p.  246  Zenker. 

—  Chretien  de  Troyes  auteur  de  Philomena  [In:  Romania  XLI, 
94—101]. 

Christine  de  Pisan.  —  Le  livre  des  trois  vertus  de  Christine  de  Pisan, 
et  son  milieu  historique  et  litteraire  p.  Mathilde  Laigle.  Avec 
deux  planches  hors  texte.  Paris.  H.  Champion  1912.  XII,  375  S. 
8».     [Bibliotheque  du  XVe  siecle.     T.  XVI]. 

Colin  Muset.  —  Les  chansons  de  Colin  Muset  editees  p.  J.  Bedier. 
Avec  la  transcriptions  des  mt^lodies  par  Jean  Beck.  Paris,  H. 
Champion,  1912.     XIII,  44  S.    8».     Pr.  1  frc.  50. 


Novitätenverzeichnis.  255' 

Conti  di  antichi  cavalieri.  —  G.  Bertoni.  II  testo  francese  di  <^(Conti 
di  antichi  cavalieri>>  [In:  Giornale  storico  della  letterat.  ital.  LIX,  1]. 

Debat  du  corps  et  de  l'äme.  —  G.  Bertoni.  Corrections  au  texte  du 
Debat  du  corps  et  de  l'äme  [In:  Annales  du  Midi.    Avril  1912]. 

Detti  di  Filosofi  e  Savi.     S.  oben  p.  253  Bertoni. 

Le  Dil  du  hardi  Cheval  p.  p.  P.  Meyer  [In:  Romania  XLI,  90 — 93]. 

Eneas  s.  oben  p.  246  Warren  und  p.  246  Faral. 

Enseignements  de  saint  Louis  ä  son  fils,  Le  texte  primitif  des,  par 
H.-Frangois  Delaborde  [In:  Bibl.  de  l'Ecole  des  Chartes  LXXIII, 
73—100  (ä  suivre)]. 

Eustachiusleben.  —  Ott,  Andreas  C.  Das  altfranzösische  Eustachius- 
leben  (histoire  d'Eustachius)  der  Pariser  Handschrift  Nat.-Bibl. 
fr.  1374  zum  ersten  Male  m.  Einleitung,  den  lateinischen  Texten, 
der  ,,Acta  sanctorum"  u.  der  ,,Bibliotheca  Casinensis",  Anmerkungen 
u.  Glossar  hrsg.  [Aus: ,, Roman.  Forschgn".].  XXXIX,  97  S.  Lex.  H^. 
Erlangen,  F.   Junge,  1912.     4  Mk. 

La  Farce  du  cuvier.  Deux  actes;  par  Maurice  Lena.  (Musique  de 
Gabriel  Dupont.)  Livret  seul.  Paris,  Heugel  et  Cie.,  editeur.  1912. 
In-16,  64  p.  1  fr.  [Representee  pour  la  premiere  fois  au  theätre 
royal  de  la  Monnaie,  ä  Bruxelles,  en  mars  1912]. 

Gesta  romanorum.  —  Quelques  remarques  relatives  ä  l'histoire  des 
Gesta  romanorum;  par  M.  Krepinsky.  Paris,  H.  Champion,  1911. 
In-8,  35  p.  [Extrait  du  «Moyen  AgC),  2e  serie,  t.  15.  (Septembre- 
octobre,  novembre-decembre  1911)]. 

Godejroi  de  Bouillon.  —  H.A.  Smith.  Studies  in  the  Epic  Poem  Godefroi 
de  Bouillon  [In:  Publ.  of  the  Mod.  Lang.  Assoc.  of  America  XXVI  1,2]. 

Gormonda.     S.  oben  p.  253  Bertoni. 

Guillaume,  Chanson  de.     S.  oben  p.   242  Schad. 

Historia  Apollonii  regis  Tyri.  —  Charles  B.  Lewis.  Die  altfranzösischen 
Versionen  der  lat.  'Historia  Apollonii  regis  Tyri'  nach  allen  be- 
kannten Handschriften  zum  erstenmal  herausgegeben.  Breslauer 
Diss.  1912  (Die  ganze  Arbeit  erscheint  in  Bd.  XXXIV,  Heft  1  der 
Romanischen  Forschungen). 

Historia  septem  sapientium.  I.  Eine  bisher  unbekannte  lateinische 
Übersetzung  einer  orientalischen  Fassung  der  Sieben  weisen  Meister. 
(Mischle  Sendabar)  hrsgb.  und  erklärt  von  Alf.  Hilka,  Heidelberg, 
C.  Winter,  1912.  [Sammlung  mittellat.  Texte  hrsgb.  von  Alf.  Hilka.  4]. 

Huons  aus  Auvergne  Suche  nach  dem  Hölleneingang.  Nach  der 
Berliner  Hs.  hrsgb.  von  Edmund  Stengel.  Festschrift  der  Universität 
Greifswald.  Ausgegeben  zum  Rektoratswechsel  am  15.  Mai  1912. 
Greifswald,  Emil  Hartmann,  1912. 

—  E.  Stengel.  Roms  Befreiung  durch  Huon  d'Auvergne  und  dessen 
Tod.  Schlußepisode  der  franco-venezianischen  ,, Chanson"  von 
Huon  d'Auvergne.  Text  der  Berliner  Handschrift,  zum  erstenmal 
veröffentlicht.  Cividale  del  Friuli.  Officina  Grafica  dei  Fratelli 
Stagni  1911  [Aus:  Miscellanea  di  studi  critici  e  ricerche  eruditi  in 
onore  di  V.  Crescini,  p.  267  sgg]. 

.Johannesevangelium.     S.  oben  p.  241    Porschke. 

Zur    Karlsreise    von    //.    Andresen    [In:    Zs.    f.    rom.    Phil.    XXXVI, 

229  f.]. 
J.ancelot.  —  H.  Oskar  Sommer.    The  vulgate  Version  of  the  Arthurian 

Romances  edited  from  manuscripti  in  the  British  Museum.    Vol.  V. 

Le  Livre  de  Lancelot  del  Lac,  Part.  III.    Washington,  The  Carnegie 

Institution  1912. 

—  H.  Becker.  Der  altfranzösische  Prosaroman  von  Lancolot  del  Lac. 
II.  Branche,  1.  Teil:  Les  Enfances  Lancelof.  Versuch  einer  kriti- 
schen Ausgabe  nach  aUcn  hckannlon  Handschriften  (Toildruck). 
Marburger  Dissertation  1911  [Die  vollständige  Arbeit  bildet  Heft  \'I 
der  Marburger  Beiträge  zur  romanischen  Philologie]. 


256  Novitälenverzeichnis. 

Ein  Maricnlied  aus  dem  15.  Jahrh.  Mit  einem  Faksimile.  Von  L'. 
Winkler  [In:  Arch.  f.  n.  Spr.  CXXVIII  3/4]. 

Moniaf^e  Renouart.     S.  oben  p.  246  Castedellu. 

Narbonnais.     S.  oben  p.   246  Scherping. 

Nicolas  von   Verona.     S.  oben  p.  241  Schneider. 

Pdien  de  Maisieres.  La  Damoiselle  ä  la  mule.  (La  male  sanz  frain.) 
Conte  en  vers  du  cycle  arthurien.  Nouvelle  Edition  critique  accom- 
pagnee  d'une  6tude  philologique,  de  recherches  sur  les  themes 
(^ompris  dans  le  conte  et  d'un  index  complet  des  formes,  par  Boleslas 
Orlowski.  Avec  1  planche  hors  texte.  Paris,  H.  Champion,  1911. 
In-8,  XL225  p. 

Pelri  Alfonsi  Disciplina  Clericalis  von  Alfons  Hilka  und  Werner 
Söderhjelm.  IL  Französischer  Prosatext.  Helsingfors  1912  [Acta 
Soc.  Scientiarum  Fennicai  XXXVIII.  Nr.  5]. 

Peire  de  Corbian.  —  H.  L.  Hamilton.  Sur  la  date  et  quelques  sources 
du  Thezaur  de  Peire  de  Corbian  [In:  Romania  XLI,  269—281]. 

Philomena.     S.  oben  p.  254  Chretien. 

Pens  de  Capduoill.     S.  oben  p.  253   Bertoni. 

Pyrame  et  Thisbe,  texte  normand  du  XI le  siecle.  Edition  critique 
avec  Introduction,  Notes  et  Index  de  toutes  les  formes,  par  C.  De 
Boer .  .  .  (Verhandelingen  der  Koninklijke  Akademie  van  Weten- 
schappen  te  Amsterdam.  Afdeeling  Letterkunde.  Nieuve  Reeks. 
Deel  XII,  n»  3),  in-4,   104  p. 

—  Ed.  Faral.  Le  poeme  de  Piramus  et  Tisbe  et  quelques  contes  ou 
romans  fran^ais  du  Xlie  siecle  [In:  Romania  XLI,  32 — 57]. 

Rainoart.     S.  oben  p.  242  Schad. 

Reichenauer  Glossen.  —  /.  Stolzer.  Die  den  Reichenauer  Glossen 
zugrunde  liegende  Bibelversion  [In:  Zs.  f.  d.  österr.  Gymn.  1912. 
6.   Heft.  S.  481—492]. 

Reichenauer  Glossen.  —  W.  Heraeus.  Zu  den  lexikalischen  Quellen 
der  Reichenauer  Glossen  [In:  Festschr.  zum  15.  Neuphilologentage 
in  Frankfurt  a.  M.  1912]. 

Rolandslied.  —  P.  Herthum.  Die  germanischen  Elemente  im  alt- 
französischen Rolandsliede.  77  S.  8".  S.  d.  [Sonderabdruck  aus 
der  Wissenschaftlichen  Festschrift  des  Kgl.  Realgymnasiums  und 
Gymnasiums  zu  Leer  anläßlich  der  Einweihung  des  neuen  Schul- 
gebäudes]. 

—  F.  E.  Mann.  Das  Rolandslied  als  Geschichtsquelle  und  die  Ent- 
stehung der  Rolandsäulen.  Karls  des  Gr.  Feldzug  gegen  Retra 
und  Stettin  778,  Rolands  Tod  bei  Prenzlau,  sein  Heldengedicht, 
seine  askanischen  Nachfolger,  seine  Denkmäler.  Dieterichsche 
Verlagsbuchhandlung.    Th.  Weicher,  Leipzig  1912,   VIII,  174  S.   8". 

—  Chanson  (la)  de  Roland.  Traduction  nouvelle  d'apres  les  textes 
originaux.'  Paris,  E.  Mignot.  In-16,  149  p.  [Tous  les  chefs-d'ceuvre 
de  la  litterature  frangaise]. 

Roman  de  la  rose  ou  de  Guillaume  de  Dole:  sunto  e  brani  scelti  per 
Vincenzo  De  Anglis  Roma,  E.  Loescher  e  C.  1912.  28  S.  8»  [Testi 
romanzi  per  uso  delle  scuole,  a  cura  di  E.  Monaci]. 

Saint  Osith.  —  A.  T.  Baker.  An  Anglo-French  life  of  Saint  Osith  III 
[In:  Mod.  Lang.  Rew.  VII.  April  1912]. 

Das  Seerecht  von  Oleron  nach  der  Handschrift  Paris,  Bibliotheque 
nationale,  nouvelles  acquisitions  frangaises  n**  10  251.  Diplomati- 
scher Abdruck  mit  Einleitung,  ergänzendem  Glossar  und  einer 
Handschriftprobe  von  Dr.  jur.  H.  L.  Zeller.  Berlin,  Commission 
bei  R.  L.  Prager,   1912. 

Sept  Sages.  —  A  vers  version  of  the  Sept  Sages  de  Rome  p.  H.  Allison 
Smith  [In:  The  Romanic  Review  III,  1]. 

Sordello.  —  S.  oben  p.  253  Bertoni. 

Tristan  s.  oben  p.  246  Warren. 


Novitätenverzeichnis.  257 

Vilain  Mire  —  Das  altfranzösische  Fablei  du  Vilain  Mire.  Kritischer 
Text  mit  Einleitung,  Anmerkungen  und  Glossar.  Dazu  Anhang 
mit  photographischer  Reproduktion  eines  Teiles  der  zugrunde 
gelegten  Handschrift.  Hrsgb.  von  Dr.  Karl  Zipperling.  Halle, 
Niemeyer,  1912.    7  Mk. 

Klincksieck,  Fr.  Der  B  r  i  e  f  in  der  französischen  Literatur  desl9  Jahr- 
hunderts. Eine  Auswahl.  Halle,  M.  Niemeyer,  1912.  X,  278  fe. 
8».     Mk.  4,50. 

Banviüe  T.  de.  Choix  de  poesies.  Avec  3  portraits,  d'apres  Auguste 
Priaült,  A.  Dehodencq  et  Georges  Rochegrosse.  Prefacepar  Charles 
Morice    Paris,  E.  Fasquelle.  1912.  In-18jesus,  XXVII-325p.  3fr.  50. 

Bayle  P  Pensees  diverses  sur  la  comete.  Edition  critique  avec  une 
introduction  et  des  notes  publiee  par  A.  Prat.  T.  1-  Pfi"!«;  'ifj- 
E.  Cornely  et  Cie.    1911.    In-16,  XXXII-371  p.    [Soci^te  des  textes 

fran§ais  modernes.]  .      ^       -j-     i  ThöätPP 

Balzac  H.  de.  (Euvres  completes.  La  Comedie  liumaine.  Theat  e. 
Les  Contes  drolatiques.  T.  1,  2  et  3  Paris,  E.  M.gnot  1911. 
3  vol  in-4  oblong  ä  2  col.  et  portrait  de  l'auteur.  T.  1,  p.  1  a  1^44, 
t.  2,  p.  1245  ä  2432;  t.  3,  p.  2  433  a  3  692.  ^    .,.  S     kl    8» 

—  Ursula  Mirouet.  Uebertr.  von  Adelh.  v.  Sybel.  V,  340  b.  kl.  8  . 
Karlsruhe,  Dreililien-Verlag,   1911.     5  Mk. 

—  Balzac' s,  Honore  de,  Roman  La  Peau  de  Chagrin  von  /fmnonn 
Sattler.  Halle,  Max  Niemeyer,  1912  [Beiträge  zur  Geschichte  dei 
roman.  Spr.  und  Literaturen  V]. 

—  Balzac's,  H.  Scenes  de  la  vie  privee  von  1830  von  J.  Haas.  Halle 
a  S  Max  Niemeyer  [Beiträge  zur  Geschichte  der  roman.  Sprachen 
und  Literaturen,  hrsg.  von  M.  Fr.  Mann  II]. 

Beaumarchais.  -  A.  de  Bersaucourt.  Le  Manage  de  Figaro  et  les 
Contemporains  de  Beaumarchais  [In:  Revue  du  temps  present. 
o  avril  1912] 

Bos'^suet.  Discours  sur  l'histoire  universelle.  T  2.  Paris,  L.  PHuger- 
1911  Petit  in-16,  160  p.  25  Cent.  [Bibliotheque  nationale.  Loilec- 
tion  des  meilleurs  auteurs  anciens  et  modernes,  n°  302  ] 

Bourget,  P.  Pages  de  critique  et  de  doctrine.  T.  ler:  I:  Notes  de 
i-hötorique  contemporaine;  II:  Notes  de  critique  psych ologique. 
T  2-  III-  Theses  traditionalistos;  IV:  Quelques  exemples.  Paris, 
Pion-Nourrit  et  Cie.  1912.  2  vol.  in-16,  t.  1,  VIII-338  p.,  t.  2, 
332  p.  3  fr.  50  chaque. 

-  ./  B  Lardeur.  La  verite  psychologique  et  morale  dans  les  romans 
de  M.  Paul  Bourget.     Paris,  Fontemoing   &  Cie.    2  fr. 

Brossette.     S.  unten  ]).  2G0  f. -B..  Bousseau.  » ,   ■     ,.,      .„c 

Chartier,  Alain.  -  G.  Ro.senthal.    Die  franz.  Version  von  Alain  Chartieis 

IDialogus  familiaris  mit  Einleitung  und  Glossar.    Pi'ogr.  Rossleben, 

1912      30  S      4" 
Chateaubriant.  -  F.  Gohin.     Le  fragment  autographe  des  ••Memo.ros 

d'Outre-Tombe»  de  la  bibliotheque  de  Fougeres  [In:  Re\ .  d  Hist. 

litt^raire  de  la  France  XIX,  1].  „       ^^  i>     ;^ 

-  Chateaubriaml  mM\[:  Cinq  lottres  de  1820;  pnv  Max  Egger.  1  a  is, 
H.  Ledere.  19n.  In-8,  19  p.  [Extrail  du  Bulletin  du  Bibho- 
phile  tir6  i\  50  exemplaires.]  , 

-  Atala.    Ren^.    Les  Natchez.    Paris,  Hachette  et  (.le.     1912.     In-lb, 

543  p.    3  fr.  50.  ,        ..  l^  .  .c 

-  Pages  choisies.      La   Correspondance.      Les   Premiers   Essais.      Les 
Chefs-d'oeuvre.      Les    Ecrits   de   la    Restauration.      Les    Dernieros 
(Euvres      Les  «Memoires  d'outretombe.»     Avec  une  introduction 
des  notices  et  des  notes;  par   Victor  Giraud      ^e  edit.ou.  ••evuo  et 
corrig6e.  Paris,  Hachofte  et  Cie.   1912.   In-16.  \\!I-.V2H  p.  3  tr.  .>0 


258  Noviiälenverzeichnis. 

Chi-nicr,  A.  Poesies.  Corbeil,  de  la  Renaissance  du  Livre,  Ed.  Mmol. 
In-16,  235  p.  1  fr.  25.  [Tous  les  chefs-d'ceuvre  de  la  litt^rature 
Irangaise.] 

Courier,  P.-L.  —  R.  Gaschet.  Le  l'aulhenlicit^  des  letlres  de  Paul- 
Louis  Courier  [In:  Rev.  d'Hist.  litt,  de  la  France  XIX,  2]. 

Crcbülon,  der  j.  Der  Sopha.  Moralisclie  Erzälilgn.  Aus  dem  Franz. 
nach  der  deutschen  tlbersetzg.  von  1765,  hrsg.  und  eingeleitet  von 
Frdr.  Hirth.  LIV,  300  S.  kl.  S».  Wien,  Brüder  Rosenbaum, 
1912.     3  Mk. 

Destival.  Le  voyage  de  Figaro.  Une  comedie  inedite  de  la  Foire  en 
1784.  Hrsgb.  von  Angelo  Seligmann  [In:  Bulletin  de  la  societe  de 
l'histoire  du  theätre  X,  3/4.     Mai-Aout  1911]. 

Diderot.     Jacques  le  Fataliste  et  son  maitre.     T.  2.     Paris,  N.  Camus. 

1911.  Petit  in-16,  190  p.  25  cent.     [Bibliotheque  nationale.    Col- 
lection  des  meilleurs  auteurs  anciens  et  modernes,  n"  313.] 

Dumas  fils.  —  Carlos  M.  Noel.  Les  idees  sociales  dans  le  tiieätre  de 
A.  Dumas  fils.     Paris,  A.  Messein.     5  fr. 

Dumas,  Alex.  Lady  Hamilton.  Die  Memoiren  e.  Favoritin.  \'oll- 
ständige  deutsche  Ausg.  Übers,  u.  m.  einleit.  Worten  versehen  von 
Dr.  Herm.  Eiler.     734  S.  m.  Bildnissen.    8".  '  Berlin,  A.  Weichert, 

1912.  2  Mk. 

Du  Vair,  G.  Actions  et  traictez  oratoires.  Ed.  critique  p.  avec  une 
introduction,  des  notes  et  un  lexique  p.  R.  Radouant.  Paris,  E.  Cor- 
nely  et  Cie.  [Soc.  des  textes  frang.  mod.]. 

Fenelon.  —  Eugene  Ritter.  Sur  la  date  d'une  lettre  de  Fenelon  [In: 
Rev.  d'Hist.  litter.  de  la  France  XIX,  1]. 

Flaubert.  s.  oben  p.  243  Lehmann. 

—  Notes  inedites  de  Flaubert.  Tours,  impr.  J.  Allard.  Petit  in-8, 
XVI  p.  avec  plan. 

—  A.  Coleman.  Some  inconsistencies  in  Salammbo  [Mod.  Lang. 
Notes  XXVII,  4]. 

Fromentin,    E.     Correspondance   et   Fragments    inedits.      Biographie 

et  notes;  par  Pierre  Rlanchon  (Jacques- Andre  Mervs).     2e  Edition. 

Paris,  Plon-Nourrit  et  Cie.    1912.    In-16,  IV-455  p.  et  portrait,  4  fr. 
Gassier,  A.     Theätre  romantique  d' Alf  red  Gassier.    Artevelde,  Nicolas 

Flamel.    CEuvres  posthumes,  avec  une  preface  de  M.  Paul  Ginisty, 

une  notice  biographique  et  le  portrait  de  l'auteur.    Paris,  B.  Grasset. 

1912.     In-16,  XXVI-307  p.  3  fr.  50. 
Goncourt.     S.  oben  p.  243  Fuchs  und  p.  243  Koehler. 
Grimm.     Fünf  bisher  unveröffentlichte  Briefe   Grimms  an   Friedrich 

den  Großen  von  Paul  Wohlfeil  [In:  Archiv  f.  n.  Spr.  CXXVIII  3/4. 

S.  329  ff.]. 
Hardy,  A.  —  H.  C.  Langeaster.     Tvvo  lost  plays  bv  Alexandre  Hardv 

[In:  Mod.  Lang.  Notes  XXVII,  5]. 
Heredia.  —  E.  Bouvier.    La  date  de  composition  des  sonnets  de  Heredia 

[In:  Rev.  d'Hist.  litter.  de  la  France  XIX,  1]. 
Hugo,  V.  s.  oben  p.  243  Stölten. 

—  QEuvres  choisies  illustrees  de  Victor  Hugo;  par  Leopold-Lacour. 
Preface  de  Gustave  Simon.  Poesies  et  drames  en  vers.  (2e  mille.) 
Paris,  Larousse.  Petit  in-8,  560  p.  avec  36  gravures  dont  24  hors 
texte.     5  fr.  [Bibliotheque  Larousse.] 

—  P.  Berret.  Corrections  typographiques:  Victor  Hugo,  Monselel 
et  Chiclard,  L'inconnu  Montenabri  [In:  Rev.  d'Hist.  litter.  de  la 
France  XIX,  1]. 

—  Les  Travailleurs  de  la  mer.  Paris,  Ollendorff.  1911.  Grand  in-8, 
603  p.  avec  grav.  et  fac-similes  d'autographes.  [OEuvres  completes 
de  Victor  Hugo.    Roman.  VII.] 

—  B.  Bouvier.  L'cevre  poetique  de  Victor  Hugo  [In:  Jahrbuch  des 
Freien  Deutschen  Hochstifts,  1911]. 


Novitätenverzeichnis.  259 

Jodelle.  —  La  Cleopätre  captive  de  Jodelle,  reprise  le  11  novembre  1911, 

par  le  theätre  des  Chefs-d'CEuvre ;  par  Gustave  Cohen.     Paris,   H. 

Champion.    1911.    In-8,  4  p.  (non  mis  dans  le  commerce).   [Extrait 

de  «la  Revue  des  etudes  rabelaisiennes>,    9^  annee,  4e  fascicule.] 
La  Bruyere.    Les  Caracteres.    Notices  et  annotations,  par  Rene  Pichon. 

T.  1  et  2.    Paris,  Larousse.    2  volumes  petit  in-8,  de  192  p.  chaque, 

4  gravures  hors  texte.     1  fr.  le  volume. 
La  Fontaine.    CEuvres  choisies,  avec  introduction,  bibliographie,  notes. 

grammaire,  lexique  et  illustrations  documentaires;  par  G.Le  Bidois. 

Paris,  Hatier.     In-18  Jesus,  X-o49  p.  avec  grav.  et  portraits.     [Col- 

lection  d'auteurs  frang-ais.] 

—  Pietro  Toldo.  Fonti  e  propaggini  italiane  delle  favole  del  La  Fon- 
taine. Parte  I :  Fonti  [In :  Giornale  storico  della  letterat.  ital.  LIX,  1]. 

Lamartine.  —  M.  Strowski.     Le  mouvement  poetique  en  France  dans 

la  premiere  moitie  du  XI Xe  siecle.     Les  Meditations  poetiques  de 

Lamartine  [In:  Rev.  des  cours  et  Conferences  XX,  14]. 
Lamennais.    Du   passe  et  de  l'avenir  du  peuple.     Paris,   N.   Camus, 

1911.  Petit  in-16,  192  p.  25  cent  [Bibliotheque  nationale.  Collection 

des  meilleurs  auteurs  anciens  et  modernes,  n"  126]. 
Marot,   Cl.    —   Plattard,   J.     De   l'authenticite   de   quelques   ,,poesie.s 

intklites  de  Clement  Marot"  [In:  Sog.  de  l'Hist.  du  Protestantisme 

Prang.    Bulletin.    Mai-juin   1912.     S.  278—280]. 
Mathieu  (cardinal).     CEuvres  diverses.     Melanges  historiques  et  litte- 

raires.     Sermons,  discours  de  circonstances  de  S.  E.  le  cardinal 

Mathieu,  de  I'Academie  frangaise.    II.    Paris,  H.  Champion,  1912. 

In-8,  XX-504  p. 
Mirabeau.    Oeuvres.    Les  Ecrits.    Avec  une  introduction  et  des  notes; 

par  Louis  Lumet.     Paris,   E.   Fasquelle,    1911.     In-18  Jesus,    XV- 

557  p.    3  fr.  50  [L'Elite  de  la  Revolution]. 
Moliere.    Don  Juan.     Ein  trag.  Lustspiel.     Übers,  u.  f.  die  deutsche 

Bühne  eingerichtet  v.  Max  Grube.    Mit  e.  Einleitg.  v.  Pordes-Milo. 

Soufflierbuch  nach  der  Aufführg.  am  Meininger  Hoftheater.    64  S. 

[In:   Universal-Bibliothek.     16".     Leipzig,   Ph.   Reclam  jun.     1912. 

Nr.  5402]. 

—  George  Dandin  oder  der  beschämte  Ehemann.  Drama.  Hrsg.  v. 
K.  Vollmöller.     Leipzig,  Insel-Verlag. 

—  ffiuvres.  T.  3:  Relation  de  la  feto  de  Versailles.  M.  de  Pourceau- 
gnac.  Les  Amants  magnifiques.  Psyche.  Les  Fourberies  de 
Scapin.  La  Comtesse  d'Escarbagnas.  Les  Femmes  savantes.  Le 
Malade  imaginaire.  Poesies  diverses.  Paris,  Hachette  et  Cie.,  1912. 
In-16,  472  p.    1  fr.  25  [Les  Principaux  Ecrivains  francais]. 

Montaigne.  —  R.  Dezeimeris.  Annotations  inedites  de  Michel  de 
Montaigne  sur  les  «Annales  et  Chroniques  de  France-^  de  Nicole 
Gilles  (suite)  [In:  Rev.  d'Hisl.  iittör.  de  la  France  XIX,   1]. 

—  P.  C[ourieault].  Un  texte  inedit  relatif  ä  Montaigne  [In:  Rev, 
bist,  de  Bordeaux  et  du  departement  de  la  Gironde  III  (1910), 
S.  430]. 

—  Les  Essais.  T.  3,  4,  5,  6  et  dernier.  Paris,  J.  Gillequin  et  Cie.  4  vol. 
in-16,  t.  3,  205  p. ;  t.  4,  209  p.;  t.  5,  205  p.;  t.  6,  195  p.  [Tous  les 
chefs-d' Oeuvre  de  la  litterature  frangaise]. 

—  A.  Gazier.  Les  Essais  de  Montaigne  [In:  Revue  des  cour.s  et  Con- 
ferences XX,  15]. 

Musset.  —  F.  Strowski.  Le  theätre  dWlfred  de  Musset  [In:  Rev.  des 
cours  et  conförences  XX,  24]. 

Napoleon  /er.  Correspondance  inedite  conservee  aux  archives  de  la 
guerre.  Publice  par  Erneut  Picard  et  Louis  Tuctcii.  T.  l^r;  1804 
Itis  1807.  Limoges,  impr.  et  libr.  Charles-Lavau/.elle.  Paris,  libr. 
de  la  meme  maison.  1912.  ln-8,  XXII-7'24  p.  [Public  sous  la 
tlirection  de  la  sectioii  liistoricpie  de  l'tHat-major  de  l'arinee]. 


260  Novitätenverzeichnis. 

Nerval.  —  E.  Bergerat.  Supplement  ä  la  Correspondance  de  G^rard 
de  Nei'val  [In:  La  Döpeche.    4  mai  1912]. 

Quillard,   Pierre  p.   Stuart  Merrill  [In:    La   Phalange   20  fevr.    1912]. 

Babelais,  F.  CEuvres.  Edition  critique  publice  par  Abel  Lefranc, 
professeur  au  College  de  France;  Jacques  Boulenger,  Henri 
Clouzot,  Paul  Dorveaux,  Jean  Plattard  et  Lazare  Sainöan.  T.  1: 
Gargantua.  Prologue,  Chapitres  I-XXII.  Avec  une  introduction, 
1  carte  et  1  portrait.  Paris,  H.  et  E.  Champion,  1912.  In-4, 
VIII-CLVI-214p. 

—  Gargantua,  dessin6  et  racontö  par  Joseph  Girard,  d'apres  l'auteur. 
Limoges,  Librairie  nationale  d'^ducation  et  de  r6cr6ation.  Grand- 
in-8,  16  p. 

—  Tout  Rabelais  en  frangais  moderne.  Traduction  de  J.  Garros. 
Paris,  Librairie  Nilsson,  Per  Lamm  et  Cie.    Succ.    3  fr.  50. 

Bonsard.  —  Vaganay,  H.   Pour  l'edition  critique  des  Ödes  de  Ronsard. 

61  S.   8^»  [Extrait  de  la  Revue  des  Bibliotheques,  nos  i_3.    Janv.- 

Mars  1912]. 
Bostand,  Edm.,  als  BrAmaiüker.    II.  Yon  O.  Mügge.    Progr.  Friedeberg 

1912.     31   S.     8». 
Bouger.  —  D.  du  Dezert.   L'oeuvre  poetique  de  Henri  Rouger  [In:  Rev. 

des  cours  et  Conferences  XX,  20]. 
Bousseau,  J.-B.  —  Correspondance  de  J.-B.  Rousseau  et  de  Brossette 

p.  d'apres  les  originaux  avec  des  notes  et  un  index  p.  P.  Bonnejon. 

T.   II.   1729—1741.     Paris,  E.  Cornely  et  Cie.    312  S.     16.    6  fr. 

[Soc.  des  textes  frang.  mod.]. 
Bousseau,  J.  J.     Lettres  ecrites  de  la  montagne.     Corbeil,  libr.  de  la 

Renaissance  du  livre,  Ed.  Mignot.     In-16,  218  p.    1  fr.  25  [Tous 

les  chefs-d'oeuvre  de  la  litt^rature  frangaise]. 
Bousseau,   J.-J.     Du   contrat  social.     Les    Reveries    d'un  promeneur 

solitaire.    Paris,  E.  Mignot.    In-16,  232  p.  [Tous  les  chefs-d'ceuvre 

de  la  litterature  frangaise]. 

—  Les  Confessions.  T.  3  et  dernier.  Paris,  J.  Gillequin  et  Cie.  In-16, 
217  p.  [Tous  les  chefs-d'oeuvre  de  la  litterature  fran^aise]. 

—  Emile.  T.  1,  2,  3  et  dernier.  Paris,  J.  Gillequin  et  Cie.  3  vol. 
in-16,  t.  1,  213  p.;  t.  2,  215  p.;  t.  3,  211  p.  [Tous  les  chefs-d'oeuvre 
de  la  litterature  fran§aise]. 

—  Pierre-Paul  Plan.  Vers  inedits  de  Jean- Jacques  Rousseau  [In: 
Mercure  de  France,  16  avril  1912.    S.  892—894]. 

—  Les  reveries  du  promeneur  solitaire.  Text  der  Orig.-Ausg.  mit 
Varianten  der  letzten  Ausg.  Hrsg.  m.  Einleitg.  v.  E.  Schnee- 
gans. Straßburg,  J.  H.  E.  Heitz  [Bibliotheca  romanica  Nr.|159 
u.  160]. 

—  A.  Schinz.  La  notion  de  la  vertu  dans  le  Premier  Discours  de 
J.-J.  Rousseau  [In:  Mercure  de  France  l^r  juin  1912]. 

—  L.  Delaruelle.  Les  sources  principales  de  J.  J.  Rousseau  dans  le 
Premier  discours  ä  l'Academie  de  Dijon  [In:  Rev.  d'Hist.  litter. 
de  la  France  XIX,  2]. 

Sainte-Beuve.  —  Inedits  de  Sainte-Beuve  et  de  Mgr.  Duchesne  [In: 
La  Revue   ler  mars  1912]. 

Saint- Pierre  (abbe  de).  —  Annales  politiques  (1658—1740).  Nouvelle 
edition,  collationnee  sur  les  exemplaires  manuscrits  et  imprimes, 
avec  une  introduction  et  des  notes,  par  Joseph  Drouet.  Paris, 
H.  Champion,  1912.     In-8,  XXXVI-405  pages  et  portrait. 

Scarron.  Le  Virgile  travesti.  T.  1.  Paris,  N.  Camus,  1911.  Petit 
in-16,  192  p.  25  cent.  [Bibliotheque  nationale.  Collection  des 
meilleurs  auteurs  anciens  et  modernes]. 

—  Le  Roman  comique.  T.  2.  Paris,  N.  Camus,  1911.  Petit  in-16, 
191  p.  25  cent  [Bibliotheque  nationale.  Collection  des  meilleurs 
auteurs  anciens  et  modernes.    N^  25]. 


Novitätenverzeichnis.  261 

Sevigne,  Mme  de.  Lettres  choisies.  Paris,  N.  Camus,  1911.  2  vol. 
petit  in-16,  t.  1,  192  p.;  l.  2,  191  p.  Chaque,  25  cent.  [Bibliotheque 
nationale.  Collection  des  meilleurs  auteurs  anciens  et  modernes, 
nos  174—175]. 

Viau,  Theophile  de.  —  Edmond  Maignen.  Notes  bibliographiques  sur 
quelques  editions  des  ffiuvres  de  Th.  de  Viau  [Aus:  Petite  Revue 
des  Bibliophiles  Dauphinois,  n*^  13,  juillet  1911]. 

—  Une  seconde  revision  des  oeuvres  du  poete  Theophile  de  Viau 
(corrigees,  diminuees  et  augmentees)  publiee  en  1663  p.  Esprit 
Aubert,  Chanoine  d'Avignon.  Expose  p.  Fr.  Lachevre.  Paris, 
H.  Champion.     2  fr.  50    [Le  libertinage  au  XVII«  siecle]. 

Vigny,  Alfr.  de.  —  M.  Lange.  Encore  les  sources  d'Alfred  de  Vigny 
[In:  Rev.  d'Hist.  litter.  de  la  France  XIX,  2]. 

—  Fernand  Gregh.  Un  roman  inedit  d'Alfred  de  Vigny  [In:  Rev.  de 
Paris  XIX,   12]. 

—  Daphne  [In:  Rev.  de  Paris  XIX,   12.   13]. 

Voltaire.  (Euvres  completes.  T.  25  et  36.  Paris,  Hachette  et  Cie., 
1912.     2  vol.  in-16,  t.  25,  499  p.;  t.  36,  443  p.    1  fr.  25  le  vol. 

—  Une  lettre  inconnue  de  Voltaire  p.  p.  L.  Leger  [In:  Journal  des 
Savants.    Mars  1912]. 

—  Voltaire,  Lettre  of,  p.  Sh.  G.  Patterson  [In:  Mod.  Lang.  Notes 
XXVII,  4]. 

—  Ch.  Charrot.  Quelques  notes  sur  la  Correspondance  de  Voltaire 
[In:  Rev.  d'Histoire  litter.  de  la  France  XIX,   1]. 

8.  Geschichte  nnd  Theorie  des  Unterrichts. 

Bürger,  Die  Wissenschaftlichkeit  des  neusprachlichen  Unterrichts  [In: 
Zs.  f.  frz.  u.  engl.  Unterricht  XI,  2]. 

Busse,  Bruno.  Wie  studiert  man  neuere  Sprachen  ?  Ein  Ratgeber  für 
alle,  die  sich  dem  Studium  des  Deutschen,  Englischen  und  Fran- 
zösischen widmen.  2.  verm.  u.  verb.  Aufl.  (Violets  Studienführer.) 
186  S.    gr.  8«.     Stuttgart,  W.  Violet,  1912.     2.50  Mk. 

Reko,  Viktor  A.  Die  Sprechmaschine  im  Dienst  des  Unterrichts  [In: 
Zs.  f.  d.  Realschulw.  XXXVII,  5]. 

—  Die  Sprechmaschine  im  Dienst  des  Unterrichts  [In:  Zs.  f.  frz.  u. 
engl.  Unterricht  XI,  2]. 

Tappert,  W.  Französischer  Lektüre- Kanon.  Verzeichnis  aller  bis  zum 
10.  4.  1912  vom  Kanon- Ausschuß  des  allgemeinen  deutschen  Neu- 
philologen-Verbandes für  brauchbar  erklärten  Schulausgaben  franz. 
Schriftsteller.  4.  Aufl.  [Aus:  ,,Die  neueren  Sprachen"].  42  S.  8". 
Marburg,  N.  G.  Elwerts  Verl.,   1912.     60  Pfg. 

Vorschläge  des  Wiener  Ausschusses  für  einfache  und  einheitliche  Fach- 
ausdrücke im  Sprachunterricht  (gebilligt  vom  ,, Wiener  Neu- 
philologischen  Verein")   [In:   Zs.   f.   d.   Realschulw.    XXXVII,   6]. 

Walter,  M.  Beobachtungen  über  linterricht  und  Erziehung  in  den 
Vereinigten  Staaten  von  Nortiamerika  [In:  Festschr.  zum  15.  Neu- 
philologentage in  Frankfurt  a.   M.   1912]. 

Wilmsen.  Die  französischen  unregelmäßigen  Verben  im  Unterricht 
[In:  Zs.  f.  frz.  u.  engl.   Unterriclit  XI,^  2]. 

Zeisel,  E.  Zur  neuen  Terminologie  in  der  Grammatik  des  Neufran- 
zösischen: Die  Klas.sentheorie  der  Verba  [In:  Zs.  f.  d.  Realschulw. 
XXXVII,  7.    S.  391—394]. 

O.  liehrmlttel  fiir  «Ion  franzöi^tHohon  ITnlorricht. 

a)  Gramniutikcn,  Übungsbücher  etc. 

Banderet,  P.  Recueil  de  themes.  III.  partio.  Pour  servir  d'applications 
ä  la  ,,Grammaire  fran(,\aise"  du  meme  auteur  et  ä  lout  ouvrage 
analogue.  VI,  HO  S.  8».  Berno  1912.  Hörn,  A.  Francke.  1.20  Mk. 
/-tschr.  f.  frz.  Spr.  ii.  Litt.   XXXIX"/'.  18 


262  Novitälenverzeichnis. 

Bielefeldt,  Geo.    Methodische  Wortkundo  der  französischen  Sprache  mit 
besond.  Berüoksicht.  der  Grammatik,  Phraseologie,  Synonymik  und 
Etymologie.    Eine  Grundlage  für  das  Studium  der  iranzös.  Sprache. 
Ein    Korrektiv   für  den   französ.    Hilfsunterricht.     304   S.    gr.   %^. 
Berlin,  Friedberg  &  Mode,  1912.     6  Mk. 
Bierbaum,  ./.    Lehrbuch  der  französischen  Sprache.    (Neue  Bearbeitg.) 
Tl.  I,  II  u.  III.  Schlüssel  zu  den  deutschen  Übersetzungsstücken. 
47   S.    8".    Leipzig,   Roßbergsche  Verlagsbuch h.,   1912.      1.75  Mk. 
Bize,  Louis,  u.   Wem.  Flury.    Gours  elömentaire  de  langue  frauQaise 
ä  l'usage  des  öcoles  .secondaires  de  langue  allemandc.     Exemples, 
exercices,   lecture.     VIII,   204   S.     8°.     Zürich,    Schultheß  &   Co.. 
1912.     Geb.  1.80  Mk. 
Boerner,  Otto.    Lehrbuch  der  französischen  Sprache  f.  Lyzeen  u.  höhere 
Mädchenschulen.      Nach   den    preuß.    Bestimmgn.    f.    das   höhere 
Mädchenschulwesen  vom  18.  8.   1908  völlig  neu  bearb.  v.   Schul- 
vorsteherin   Margar.    Mittell.      (Boerners   franz.    Unterrichtswerk. 
Börner-Mittell  5.)     V.  Tl.  Lese-  u.  Übungsbuch  f.  die  Oberstufe. 
Mit  18  Abbildgn.  im  Text,  7  färb.  Taf.,  1  (färb.)  Karte  v.  Frankreich 
u.  dem  (färb.)  Pharusplan  v.  Paris.    VII,  236  S.   8».    Leipzig,  B.  G. 
Teubner,   1912.     Geb.  2.60  Mk. 
—  M.  Mitteil.   Lehrbuch  der  französischen  Sprache  f.  höhere  Mädchen- 
schulen.   Livre  du  maltre.    kl.  8*'.     Leipzig,  B.  G.  Teubner.     2.  Tl. 
Klasse  VI.  Hrsg.  v.  M.    17  S.    1912.   80  Pfg.    Nur  direkt  an  Lehrer. 
Carion,  Octave.     Methode  nouvelle  pour  l'^tude  des  homonymes  de  la 
langue    frangaise.     IV,  84    S.     gr.    8°.     Halle,  H.  Gesenius.    1912. 
1.20  Mk. 
Chalamet.  A  travers  la  France.  Systematisches  Wörterbuch.  Zusammen- 
stellung des  Vokabelschatzes  und  der  Grammatik  in  Beispielen  von 
E.  Otto.     61  S.     8».     Berlin,  Weidmann,  1912.     60  Pfg. 
Cosseret,  P.     l^a  Diction  expliquee  en  quinze  legons.     Paris,  P.  Paclot. 

In-16,  127  p.    1  fr. 
Ducotterd,  X.,  u.  W.  Mardner.    Lehrgang  der  französischen  Sprache, 
auf  Grund  der  Anschauung  u.  m.  besond.  Berücksicht.  des  münd- 
lichen u.  schriftlichen  freien  Gedankenausdruckes  bearb.   8°.   Frank- 
furt a.  M.,  C.  Jügel.    1.  Tl.  1.  Abtlg.  21.  Aufl.    XVI,  90  S.  m.  3  Taf. 
1912.    Geb.   1.50  Mk. 
Duval,  P.,  E.  Bremond  et  D.  Moustier.     Grammaire  et  Composition 
frangaise.     Cours  elementaire  et  cours  moyen.     fe  annee.     Livre 
du  maitre.     Paris,  E.  Andre  fils.  1912.    Petit  in-8,  119  p.    1  fr.  20 
[Le  Frangais  ä  l'ecole  primaire]. 
Emmrich,   P.,  u.   A.   Wolf.    Lehrbuch   der  französischen   Sprache  für 
Volksschulen.     1.  Tl.    III,  144  S.  m.  19  Abbildgn.    gr.  8».    Leipzig, 
Dürrsche  Buchhandlung,   1912.     1.60  Mk. 
Fetter  und   Ullrich.     La  France  et  les  Frangais.     Lehrgang  der  fran- 
zösischen Sprache  für  Mädchenlyzeen  und  verwandte  Lehranstalten. 
3.  A.    Pichlers  Witwe  &  Sohn.    Wien  1912.     2  K.  40  h. 
Fetter,   J.   und    K.    Ullrich.     Französisches   Lesebuch   für   die   oberen 
Klassen  der   Mittelschulen.      Mit  46  Abbildungen,   2   Plänen   von 
Paris  und  einer  farbigen  Karte  von  Frankreich.     Preis:  geb.  samt 
Kommentarheft  4.  K.     2.  Aufl.     Wien  1912.     A.  Pichlers  Witwe 
&  Sohn. 
Gade,  Heinr.     Hilfsbüchlein  für  die  Einprägung  der  französischen  un- 
regelmäßigen   Verben    in    Verbindung    mit    den    gebräuchlicheren 
Fürwörtern.    (Neben  jedem  französ.  Lehrbuch  zu  verwenden.)   32  S. 
8».    Berlin,  Weidmann,   1912.     50  Pfg. 
Gillot,    Hub.,    u.    Gust.    Krüger.     Dictionnaire    systematique    frangais- 
allemand.       Französisch-deutsches   Wörterbuch    nach    Stoffen   ge- 
ordnet.    Ausg.  f.  Deutsche.     I.  Bd.,  1.  Abtlg.    IV,  638  S.    gr.  8«. 
Dresden,  C.  A.   Koch  1912.     8  Mk. 


Novitätenverzeichnis.  263 

Grundscheid,  C,  u.  O.  Schumacher.  Lehrbuch  der  französischen  Sprache 
für  kaufmännische  und  gewerbhche  Fortbildungsschulen.  1.  Tl. 
Mit  3  Vollbildern  im  Text,  1  (färb.)  Plan  v.  Paris,  1  (färb.)  Karte 
V.  Frankreich  u.  1  (färb.)  Münztaf.  VI,  112  S.  8".  Leipzig,  B.  G. 
Teubner,  1912.     Geb.   1.60  Mk. 

Hillmer,  Wilh.  Beispielsammlung  zur  französischen  Grammatik.  Um- 
formungen u.  Ergänzungen  f.  den  Klassen-  u.  Nachhilfeunterricht. 
76  S.     8".     Halle,  Buchh.  des  Waisenhauses,  1912.     80  Pfg. 

Hocquart.  Petit  Dictionnaire  de  la  langue  frangaise  suivant  Tortho- 
graphe  de  l'Academie,  contenant  tous  les  mots  qui  se  trouvent 
dans  son  dictionnaire,  avec  la  prononciation  lorsqu'elle  est  irregu- 
liere.  Nouvelle  edition,  revue  et  augmentee  d'un  grand  nombre 
de  mots,  par  A.  Rene.  Paris,  E.  Guerin.  In-32  ä  2  col., 
XII-500  p. 

Juranville,  Mlle  C.  Manuel  de  style  et  de  composition  inaugurant 
une  methode  nouvelle  raisonnee  et  pratique.  Cours  moyen.  Livre 
du  maitre.     Paris,  Larousse.     In-12,  272  p.    1  fr.  50. 

—  Le  Style  enseigne  par  la  pratique;  methode  nouvelle.  Cours  supe- 
rieur.     Livre  du  maitre.     Paris,   Larousse.     In-12,   312  p.    2  fr. 

—  Les  Participes  en  histoires.  Methode  nouvelle,  theorique  et  pratique, 
comprenant  les  regles  emises  par  nos  principaux  grammairiens,  des 
devoirs  d'invention  et  d'imitation,  des  exercices  analogiques  et 
monographiques,  et  de  nombreuses  histoires  servant  d'application 
aux  regles.  Livre  du  maitre.  Paris,  Larousse.  In-12,  171  p. 
1  fr.  50. 

Konjugationsheft,  Französisches,  I.  40  S.  16,5  x  21,5  cm.  Leipzig, 
Dr.  Seele  &  Co.,   1912.     20  Pfg. 

Le  Roy,  de  la  Comedie-Frangaise.  Grammaire  de'  la'  diction  fran^aise. 
Paris,  Paul  Delaplane,  1912. 

Maquet,  C.  et  L.  Flot.  Cours  de  langue  frangaise.  Redige  conforme- 
ment  aux  programmes  du  31  mai  1902  et  ä  l'arrßte  ministeriel  du 
25  juillet  1910  relatif  ä  la  nouvelle  nomenclature  grammaticale. 
Exercices  sur  le  troisieme  degre.  (2e  partie.)  Gargons:  classes  de 
56  et  4e.  Jeunes  filles:  4^  annee  secondaire.  Paris.  Hachette 
et  Cie.,  1912.     In-16,  168  p.    cartonne  1  fr.  50. 

Metoula- Sprachführer.  Eine  verkürzte  Methode  Toussaint-I-angen- 
scheidt.  16".  Berlin-Schöneberg,  Langenscheidts  Verl.  Desbons, 
Jean.  Französisch,  unter  Mitwirkung  v.  A.  Gornay.  156  S.  mit 
Abbildgn.,  1  färb.   Karte  u.  2  färb.  Plänen.     1912.'    Geb.  80  Pfg. 

Mitteil,  Margar.  Französische  Grammatik  für  die  Oberstufe  dor  Lyzeen 
u.  höheren  Mädchensc-iiulen,  sowie  f.  Oberlyzeen  u.  Studienanstalten. 
Nach  den  preuß.  Bostimmgn.  f.  das  höhere  Mädclienschulwesen 
vom  18.  8.  1908.  (Boerners  französ.  Unterrichtswerk.  Boerner- 
Mittell:  Grammatik.)  IV,  142  S.  8«.  Leipzig,  B.  G.  Toubner, 
1912.     1.60  Mk. 

Oberländer,  Sicgni.,  u.  Alex.  Werner.  Lehrbiich  der  französ.  Sprache 
für  Realschulen  und  Realgymnasien.  8**.  Wien,  F.  Toinpsky. 
4.  Tl.  (Oberstufe).  Übungsbuch  u.  kurzgefaßte  französische  Schul- 
grammatik. Mit  18  Abbildgn.,  1  Karte  v.  Frankreich  u.  1  Plane 
V.  Paris.  237  S.  1912.  Geb.  3.70  Mk.  5.  Tl.  (Obt>rstufe).  Mor- 
ceaux  chüisis  de  lecture.  Mit  34  Abbildgn.,  1  Karte  v.  Frankreich 
u.   1   Plane  v.  Paris.     207  S.     1912.     Geb.  3  Mk. 

Plattner,  Ph.  Lehrbuch  der  französischen  Sprache.  3  Tle.  8".  Frei- 
burg i.  B.,  J.  Bielefeld.  Geb.  6.50  Mk.  1.  Tl.  Grammatik,  bearb. 
v.  Dir.  Jos.  Metzger,  Dr.  Karl  Ott  u.  Mädchensch.-Prof.  Jos.  Weber. 
125  S.  1912.  Geb.  2  Mk.  —  2.  Tl.  158  S.  1912.  Geb.  2  Mk.  — 
3.  Tl.    238  S.     1911.    Geb.  2.50  Mk. 

18* 


264  Novitätenverzeichnis. 

Ploetz,  Gast.,  u.  Otto  Kares.  Kui/.oi-  Lehrganf,'  der  l'ranzösisclien  Sprache. 
Ül)iingsbuch.  Ausg.  G.  Für  Mittelschulen.  Bearb.  nach  den  Be- 
stimmgn.  üb.  die  Neuordng.  des  Mittelschuhvesens  vom  3.  2.  1910 
V  Gusl.  Ploetzn.  Paul  Voos.  (XII,  312  S.  u.  4  S.  Abbildgn.  m.  1  färb. 
Karte  u.  1  färb.  Plan.)    8".     Berlin,  F.  A.  Herbig,   1912.  2.00  Mk. 

—  Kurzer  Lehrgang  der  französischen  .Sprache.  Elementarbuch. 
Ausg.  J.  Neue  Ausg.  f.  höhere  Mädchenschulen.  Nach  den  Be- 
stimmgn.  vom  12.  12.  1908  bearb.  v.  Max  Schröer.  II.  Tl.:  6.  u. 
5.  Klasse.  (2.  u.  3.  Schulj.)  VIII,  206  S.  m.  3  [1  färb.]  Taf.  8». 
Berlin,  F.  A.  Herbig    1912.     Geb.  2.10  Mk. 

Rognon  Louis.  Grammaire  frangaise  ä  l'usage  des  etrangers  r6dig6e 
sur  un  plan  entierement  neuf.  Expos^  clair,  simple  et  pratique  des 
parties  du  discours  permettant  aux  etrangers  de  s'assimiler  rapide- 
ment  les  difficult^s  grammaticales  de  la  langue  fran^aise.  156  S. 
8".     Zürich,  Volksbuchh.,   1912.     2.40  Mk. 

Rouaix,  P.  Grammaire  elementaire,  thöorie  et  exercices,  conforme  ä 
la  nomenclature  grammaticale  officielle.  Huitieme  et  septieme 
(gargons),  dernieres  ann^es  primaires  (filles).  Paris,  H.  Didier. 
Toulouse,  E.  Privat,  1911.  In-16,  260  p.  [Cours  de  grammaire 
frangaise]. 

Schiedermair,  Rieh.,  u.  Hans  Zettner.  Lehrgang  der  französ.  Sprache 
f.  Realschulen,  Oberrealschulen  u.  Reformschulen.  (2.  u.  3.  Schulj.) 
Mit  1  (färb.)  Karte  v.  Frankreich.  VII,  157  S.  gr.  8^.  München, 
J.  Lindauer,   1912.     2.80  Mk. 

Toutey,  E.  Cours  pratique  de  langue  frangaise.  Vocabulaire.  Gram- 
maire. Analyse.  Orthographe.  Redaction.  Recitation.  (3«  annee.) 
Certificat  d'^tudes,  bourses  de  l'enseignement  primaire  superieur. 
Paris,  E.  Andre  fils.  1912.     In-8,  256  p.    1  fr.  50. 

Wilm,  Elise.  Sprachvergleiche  und  Sprachgeschichte  in  Schule  und 
Seminar.      Ein    Hilfsbuch    für   den   fremdsprachlichen   Unterricht. 

2.  Aufl.     Im  Selbstverlag  Crossen  a.  O. 

Wolter,  Eug.  Französisch  in  Laut  und  Schrift.  Ein  Lehrbuch  für 
höhere  Schulen.  2.  Tl.  Wörterverzeichnis.  III,  126  S.  8».  Berlin, 
Weidmann,  1912.     1.40  Mk. 

Wolter,  Konr.  Livret  explicatif  des  tableaux  auxiliaires  Hirt.  Sechs 
französ.  Texte  zu  Hirts  Anschauungsbildern.  Farbige  Künstler- 
steinzeichnungen V.  Walth.  Georgi.  Mit  6  färb.  Taf.  u.  1  Abbildg. 
des  Pathegraphen.     32  S.     8«.     Breslau,  F.   Hirt,   1912.     60  Pfg. 

b)  Literaturgeschichte,  Schulausgaben,  Lesebücher. 

Cury,  Camille,  et  Otto  Boerner.  Histoire  de  la  litterature  frangaise  ä 
l'usage  des  etudiants  hors  de  France.  2.  ed.,  revue,  corrigee  et 
considerablement  augmentee.  XII,  400  S.  8".  Leipzig,  B.  G. 
Teubner,  1912.     5  Mk. 

Le  Tournau,  Marcel,  et  Louis  Lagarde.  Abrege  d'histoire  de  la  litte- 
rature frangaise  ä  l'usage  des  ecoles  et  de  l'enseignement  prive. 

3.  ed.  revue  et  corrigee.     VIII,   187  S.     8».     Berhn,  Weidmaan, 
1912.     2  Mk. 


Auteurs  frangais.   Hrsg.  v.  F.  J.  Wershoven.  8^.  Trier,  J.  Lintz.  XXII. 

Balzac  et  Merimee.   Nouvelles.    Hrsg.  u.  erklärt  v.  Prof.  Dr.  F.  J. 

Wershoven.     104  S.     1912.    90  Pfg. 
Beck,  Christoph.     Französische  Gedichte  von  den  ältesten  Zeiten  bis 

zur  Gegenwart,  nebst  3  Kapiteln  üb.  Verslehre,  Poesie,  Figuren  u. 

Tropen  (in  französ.  Sprache),  sowie  e.  Stoffverteilg.  auf  9  Klassen 

u.  4  Gedichtekanons,  f.  alle  höheren  Knaben-  u.  Mädchenschulen 

hrsg.     XXVIII,    213    S.     8«.     Nürnberg,    F.    Korn,    1912.     Geb. 

2.20  Mk. 


Noviläienverzeichnis.  265 

Boissier,  Gasion.  Ciceron  et  ses  amis.  Etüde  sur  la  societe  romaine 
du  temps  de  Cesar.  Edition  abregee  ä  l'usage  des  ecoles  et  annotee 
par  Rieh.  Ackermann.  118  S.  m.  7  Abbildgn.  u.  3  Karten.  S^. 
Wien,  F.  Tempsky.  —  Leipzig,  G.  Freytag,  1912.     1.20  Mk. 

Corneille;  par  Fernand  Cauet.  Paris,  G.  Vitry,  edit.  1912.  Petit  in-8, 
27  p.  [Enseignement  par  les  projections  lumineuses.  Notices  redigöes 
sous  le  patronage  de  la  commission  des  vues  instituee  pres  du  Musee 
de  l'enseignement  public]. 

Faguet,  E.  Ce  que  disent  les  livres.  Paris,  Hachette  et  Cie.  Grand  in-8, 
ä  2  col.,  116  p.  avec  grav.  1  fr.  [CoUection  pour  la  jeunesse]. 

Gaßner,  H.,  et  G.  Werr.  La  France.  Lectures  publiees  et  annotees. 
Histoire,  geographie,  poesie.  2.  ed.  (avec  1  carte  de  la  France  et 
1  plan  de  Paris).  VIII,  164  S.  gr.  8".  München,  J.  Lindauer, 
1912.     2.80  Mk. 

Gratacap,  M.,  et  A.  Mager.  Les  grands  ecrivains  de  la  France.  Mor- 
ceaux  choisis  recueillis  et  annotes  ä  l'usage  des  etablissements 
d'instruction  de  l'enseignement  secondaire  (32  portraits,  2  gravures, 
3  cartes).  Prix:  6  K.  =  5  M.  Leipzig,  G.  Freytag,  Vienne,  F. 
Tempsky. 

Jugendlesebücher,  Fremdsprachliche  illustrierte.  Hrsg.  v.  Fr.  Witt- 
mann u.  G.  Schmidt,  kl.  8**.  Heidelberg,  Carl  Winter.  Geb.  1  Mk. 
7.  Bd.  Lavisse,  Ernest:  Histoire  de  France.  (Hrsg.  v.  G.  Schmidt, 
illustriert  v.  Fr.  Hein.)     IV,  80  S.     1912. 

Le  Bourgeois,  F.  Au  fil  du  Rhin.  182  S.  m.  9  Taf.  kl.  8".  Freiburtr 
i.  B.,  J.  Bielefeld,  1912.     Geb.  3  Mk. 

Löwe,  Heinr.  Gut  Französisch.  Redewendungen  u.  Gesprächsstoffe. 
Ein  unentbehrl.  Hilfsbuch  zur  Ergänzg.  der  grammatikal.  Kennt- 
nisse, f.  prakt.  Zwecke  hrsg.  unter  Mitwirkg.  v.  G.  Becce  u.  R. 
Meienreis.  VII,  136  S.  8".  Berlin-Schöneberg,  R.  Jacobsthal  &  Co., 
1912.     Geb.  2.50  Mk. 

Melanges  de  prose  moderne.  (Histoire  —  philosophie  —  economie 
politique  —  voyages.)  Publies  et  annotes  par  H.  Gaßner.  117  S. 
8*.  Vienne-Leipsic  1912.  Wien,  F.  Tempskv.  —  Leipzig,  G.  Frevtag. 
1.20  Mk. 

Rejormbibliothek,  Neusprachliche.  Hrsg.:  B.  Hubert  u.  R.  Korn.  8". 
Leipzig,  Roßbergsche  Verlagsbuchh.  34.  Bd.  Moliere:  Les  pr^- 
cieuses  ridicules.  Comedie.  Annotee  par  Dr.  Imman.  Hoffmann. 
XIV,  44  u.  36  S.  1912.,  geb.,  annotations  geh.  1.50  Mk.  36.  Bd. 
Mörimöe,  Prosper:  Colomba.  Annotee  par  Dr.  H.  Müller.  VII, 
79  u.  27  S.    1912,  geb.,  annotations  geh.  1.50  Mk. 

Schmidt,  R.  \Promenade  ä  travers  Paris  et  ses  environs  ä  l'usage  des 
ecoles  et  ä  l'usage  prive.  63  S.  m.  1  Plan.  8".  Berlin,  E.  Ehering. 
1912.     1.20  Mk. 

Schülerbibliothek,  Französische.  I.  Serie,  kl.  8".  Padorboi'n,  F.  Schö- 
ningh.  13.  Bdchn.  Contes  du  siecle.  Ausgewählt  u.  m.  Anmerkgn. 
zum  Schulgebrauch  u.  o.  Wörterbuch  versehen  v.  F.  .1.  Wershoven. 
107,  17  u.  58  S.  1912.  Wörterbucli  geh.  1.30  Mk.  14.  Bdchn. 
Mairet,  Jeanne:  L'enfant  de  la  lune.  Alit  Anmerkgn.  zum  Schul- 
gebrauch u.  e.  Wörterbuch  versehen  v.  F.  Meisinaiin.  III.  85, 
14  u.  41  S.  1912.  Wörterbuch  geh.  1.20  Mk.  15.  Bdciin.  Mau-et, 
Jeanne:  La  clef  d'oi'.  Mit  Anmerkgn.  /.um  Scinilgehrauch  u.  e. 
Wörterbucii  versehen  v.  1'.  Mersmanu.  69,  13  u.  47  S.  1912.  geb. 
Wörterbuch  geh.   1.20  Mk. 

Schulbibliothek  französischer  u.  englischer  Prosascluillen  aus  der 
neueren  Zeit.  Mit  besoiid.  Berücksichl.  tler  Fordergn,  der  neuen 
Lehrpläne  hrsg.  v.  L.  Bahlsen  u.  J.  Ilengesbarh.  1.  AbtIg.:  Fran- 
zösische Schriften.  Wörterbuch.  8".  Berlin,  Weidmann.  62.  Bänd- 
chen. Sandeau,  J.:  La  röche  aux  mouettes.  Zusammengestelll 
v.  Prof.  H.   Bretschneider.     61   S.     1912.     —.60  Mk.     63.  Bdchn. 


266  I^ovitätenverzeichnis. 

Bazin,  Ren6:  La  douce  France.     Extraits  choisis  et  annot^s  par 

lecteur  ex-prof.  Ren6  Plessis.     VIII,  150  S.     1912.     1.40  Mk. 
Sprachenpflege,  System  August  Scherl.     Französisch     (F'ranzösisch  u. 

deutsch.)   kl.    8».      Ebd.      8.    Bd.    Musset,   Alfr.    de:    Erzählungen. 

(Contes.)  Auswahl.     2.   Bd.   S.   113—219.     1912.     geb.   —.50  Mk. 

9.  Bd.  Balzac,  Honorö  de:  Frau  Firmiani  und  andere  Erzählungen. 

Auswahl.     Französische  Bearbeitg.  u.  Übertragg.  ins  Deutsche  von 

W.  Violet.     1.  Bd.     101  S.     1912.   geb.  —.50  Mk.     10.  Bd.  Balza«;, 

Honorö  de:  Der  Friede  des  Hauses  (La  paix  du  menage).    Auswahl. 

Französische  Bearbeitg.  u.  Übertragg.  ins  Deutsche  v.  W.  Violet. 

2.  Bd.     95  S.     1912.     —.50  Mk.     11.  Bd.  Balzac,  Honorö  de:  Der 

Friede  des  Hauses  u.  anderes.    Auswahl.     Französische  Bearbeitg. 

u.  Übertragg.  ins  Deutsche  v.  W.  Violet.    2.  Bd.  S.  96—183.     1912. 

— .50  Mk.     12.   Bd.  Flaubert,   Gustave:  Ein  einfaches  Herz.   (Un 

cceur  simple.)    Französische  Bearbeitg.  u.  Übertragg.  ins  Deutsche 

V.  E.  Springer.     121  S.     1912.    geb.  —.50  Mk. 
Viollet-le-Duc:  Histoire  d'une  maison.     Baugeschichte  e.  Hauses  mit 

Illustr.    Mit  biograph.  Notizen  u.  Anmerkgn.  f.  deutsche  Leser  und 

den   Schulgebrauch  versehen  v.  Jul.   Pfenninger.     I.     III,   109  S. 

8".    Zürich,  Schulthess  &  Co.     1912.    geb.  2  Mk. 
Werneke,  H.     Französisches  Lesebuch  für  die  untere  Stufe.     50  S.    8". 

Düsseldorf,  L.  Kinet,  1912.    —.80  Mk. 
—  Französisches  Lesebuch  f.  d.  mittlere  Stufe.    96  S.    8^.    Düsseldorf, 

L.  Kinet,  1912.     1.20  Mk. 


Drnckfehlerberichtignns:. 

Heft  2/4   S.  81  Z.  1    und    8   von   oben  1.  generale;   ib.    Z.    7    der, 
ib.  Z.  14  connaitra. 


PC  Zeitschrift  für  fi^anzbsische 

„:^  Sprache  und  Literatur 

Z5 

Bd,  39 


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